Hinter dem Rücken - Haska Shyyan - E-Book

Hinter dem Rücken E-Book

Haska Shyyan

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Beschreibung

Die Ukraine in den Zeiten des Krieges: (vielleicht) eine Liebesgeschichte. Er meldet sich an die Front, sie geht nach Paris. Hält eine Liebe so etwas aus? Der Krieg in der Ukraine begann nicht erst mit dem 24. Februar 2022; schon seit 2014 hat der Kreml dafür gesorgt, dass russische Kräfte den Osten des Landes im Kriegszustand hielten. Haska Shyyan erzählt aus jener Zeit vom Leben einer jungen Frau, die etwas will, die sich von den Umständen nicht unterkriegen lässt. Eine Geschichte von einem Alltag in den Städten, den es so schon gar nicht mehr gibt. Eine Geschichte von einer Europäerin und ihrem Land.

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Seitenzahl: 523

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Haska Shyyan

HINTER DEM RÜCKEN

Roman

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe

edition.fotoTAPETA

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

1

Im alles auflösenden Sprühregen verschwimmt der Bogen des weißen Kinderherzes – gezeichnet wie im Freundebuch – und eine Hälfte verschwindet. Vor meinen Augen flimmert es. Ich liebe Tado steht auf dem Asphalt – ich lese TOD. Schnee legt sich auf den alten Gemüsehobel aus Holz, mit dem gestern riesige Mengen Kraut geraspelt wurden, und es ist, als würde ich ein flohwundes Herz aus der Brust nehmen, das beim Schneiden in Scheiben kalt und taub wird. Eine Scheibe für dich, eine für mich, eine getrocknete für unterwegs. Eine für den Sattel zum Drunterlegen, eine für die Briefe zum Dazwischenlegen. Wieso eigentlich Briefe? Heute schreibt ja keiner mehr Briefe. Nur noch knappe SMS, drei Teile höchstens, mehr erlaubt der Provider nicht. Meist mit lateinischen Buchstaben, damit es nicht so teuer wird, obwohl es eigentlich gar nicht ums Geld geht. Die Flöhe unserer Gewissensbisse müssen hungern und frieren, sie sind klein und flink. Wie Kühe zur Tränke springen sie zu den Lachen aus frischem Blut, schwellen zu flammroten Gummitröpfchen an und erstarren in wundersamen Gebilden auf den angerichteten Scheiben meines straffen Herzmuskels. Fleisch wie dieses lässt sich schwer kauen, ohne die Beigabe von Pastirma-Gewürz schmeckt es nicht.

Ich zerteile den Regenschleier. Atme wie ein Fisch. Schleppe eine schwere Tasche. Stapfe durch den matschigen Schnee. Schnappe nach Luft. Und trete wie ein Kind in kurzen winzigen Trippelschritten die zweite Herzhälfte in den angetauten Schlamm.

Die allgemeine Lage nervt wie ein dämlicher Typ, der im Winter mit Sommerreifen betrunken und ohne Führerschein durch die Gegend rast. Du kannst ihm mit der Faust drohen und hupen. Kannst ein Video aufnehmen, wie er bei Rot über die Ampel brettert, und ins Netz stellen. Das ändert nichts an deiner Ohnmacht, denn weder der x-mal geteilte Post noch die zeternden Kommentare in der Facebook-Gruppe Varta 1 noch das Taggen der neuen Polizeibeamten haben irgendwelche Folgen.

Ich schleppe Gläser mit Sauerkraut und gefrorene Warenyky. Trockenfrüchte und Gemüse. Socken und Unterwäsche. Ich habe einen Master in der Tasche und einen guten Job. Ich könnte das Auto nehmen und viel größere Mengen transportieren. Schnell und effizient. Könnte außerdem unterwegs bei den Müttern mit kleinen Kindern noch was einsammeln. Sie machen ja den lieben langen Tag nichts weiter als ehrenamtlich kneten, trocknen, kochen und spenden. Das macht ihnen Spaß. Sie sitzen in ihrer zweiten Elternzeit, die sich nahtlos an die erste angeschlossen hat, und brauchen Beschäftigung, als säßen sie im Gefängnis.

Stattdessen schleppe ich diese Tasche zu Fuß durch die Gegend – als Buße und Strafe. Gestern bist du gefahren. Vorher wollten wir es uns noch mal schön machen. Wir haben was getrunken und hatten Sex. Eigentlich sollte es leidenschaftlich sein. Denn du gehst für lange weg, und wer weiß, ob du überhaupt wiederkommst. Aber irgendwie konnten wir uns kaum aufraffen, als ob es eine Pflicht wäre, mit der Homewear hatten wir unsere liebe Mühe, und ich wollte einfach nur, dass du endlich aufhörst, in altbewährter Manier meine Brustwarzen zu bearbeiten. Ich musste weinen. Du hast dich rhythmisch bewegt und schwer geatmet. Es sah so aus, als müsstest du dich zusammenreißen und an etwas anderes denken, um zu kommen. Du hast die Stirn gerunzelt, dich an meine Schläfe geschmiegt, den Mund geöffnet und kehlig gegrunzt. Ich mache das auch so, wenn ich nicht so richtig erregt bin. Aber diesmal war ich sogar dazu zu faul. Ich hing in einer Leere fest und habe sie ausgefüllt, dumpf, zäh und trostlos. Ich bin gefallen und habe mich selbst aufgefangen. Habe nichts gefühlt. Deine Stimme schien weit weg, als wäre mein Ohr verstopft. Mit meinen verheulten Augen habe ich auf deinen gepackten Rucksack gestarrt. Dich hysterisch umarmt. Dir in die Schulter gebissen, als wollte ich dich mit meinen Zähnen fragen, ob du mich attraktiv findest, ob es dich reizt, mir über den Hintern zu streichen, ob meine Schlüsselbeine auch nicht zu sehr hervorstehen, meine Knie auch nicht zu spitz sind. Vielleicht sollte ich mir auch im Winter die Fußnägel lackieren? Findest du es schöner, wenn ich meine Beine breit mache oder wenn ich sie anhebe und kreuze? Reicht meine Krümmung im Rücken, wenn du hinter mir bist, oder sehe ich aus wie ein quadratischer Klotz? Aber du hast diese Fragen gar nicht gehört, du hast nur an die Decke gestarrt und mir mit der rechten Hand über den Kopf gestrichen, die linke hast du dir auf die Brust gelegt, als wolltest du deinen Herzschlag fühlen. Wie ein Arzt. Als wolltest du prüfen, ob da in deiner Brust alles an Ort und Stelle ist, ob alles passt – die Entscheidung zu den Gefühlen, die Wahl zu den Wünschen. Meine Tränen hast du nicht bemerkt. Also bin ich aufgesprungen und duschen gegangen. Erst unter dem prickelnden heißen Wasser habe ich meinen Körper wieder gespürt. Damals. Also gestern.

Um fünf Uhr in der Früh habe ich dich zum Bahnhof gebracht. Vorbei an den Hügeln aus Sand und Pflastersteinen, die während der Gleisreparatur aufgehäuft worden waren. „Zugang zur Kirche. Kein Zugang zur Kreativwerkstatt“. Das Schild verwies auf das vorübergehende Fehlen einer Alternative, die Reparaturarbeiten konnten sich aufgrund der Witterungsbedingungen endlos in die Länge ziehen. Im Gegensatz zur leeren Stadt war der Bahnhofsvorplatz außerordentlich belebt. In der Erwartung, gleich antreten zu müssen, drängten sich die Rekruten aneinander wie Vogeljunge im eisigen Regen. Du hieltest dich abseits der chaotischen, angedeuteten Linie, und kaum war ich weg, stöpseltest du deine weißen drahtlosen Kopfhörer ein. Die werden dir die robusten Jungs vom Dorf gleich abnehmen, dachte ich mir, um diese Stunde versorgen sie normalerweise das Vieh, sie sind also ganz und gar nicht blass und verschüchtert. Sie rauchen und spucken. Ihre roten Münder blasen in die kalten Hände. Als sie deine helle Jacke, die Columbia-Stiefel und den nagelneuen Rucksack gesehen haben, dachten sie wahrscheinlich, du wärst einer, den Mama und Papa nicht hatten freikaufen können, vielleicht weil du dich mit ihnen verzankt hattest oder man im Wehrkreiskommando eine unerschwingliche Summe verlangt hatte. In diesen frühen Morgenstunden ging ich fort von dir, jedes Fenster barg ein eigenes schwarzes Loch, sammelte Extrakte aus der Tiefe der menschlichen Seele. Es schien mir, als hätte ich am Hinterkopf ein zweites Paar Augen, die in einen hallenden Straßentunnel schauen wie über den Rückspiegel in ein Fernglas. In dieser spiegelverkehrten, perspektivlosen Perspektive entfernt sich deine Silhouette, aber ein megastarkes Glas in meinem Kopf stellt sich scharf auf deine glänzenden, fast polierten Nägel ohne das kleinste Häutchen, auf das gestutzte Schläfenhaar unter den längeren Strähnen, auf vom Rasierer gereizte Stellen am Kinn, auf die Bartstoppeln, die scheinbar mobil werden und sich unter der Haut bewegen, kaum dass du dich rasiert hast. Wie in einem Computerspiel durchleuchte ich dich, du drehst dich in meinem Kopf wie ein 3D-Modell, ich knete deine dezent gepolsterten Seiten und streiche über deinen Bauchnabel – diese Stellen sind zart, weich und mir besonders vertraut, ich möchte meine Wange daran lehnen und mit den Fingern über die Nervenenden zwischen dem Ohr und der Mulde am Hinterkopf fahren. Aber ich mache einen Fehler, die App verlangt ein Upgrade, das mein Betriebssystem nicht zulässt. An der nächsten Ampel ist der Arbeitsspeicher überlastet und hängt sich auf, der Akku stürzt ab und geht aus.

31. Oktober. Der erste Schnee ist zeitig und heftig. Das gibt es manchmal. Durchmischt mit Regen, peitscht er gegen die Wangen, die Kälte ist so durchdringend, dass nichts mich erwärmen kann. Meine Kleidung ist plump, eng und sackförmig zugleich. Ich fühle mich nicht nur ganz und gar unattraktiv, sondern hoffnungslos grau, alt und schwer. Als wäre ich binnen eines Tages um Jahre gealtert und hätte mehrere Kilos zugelegt. Die Augen sind tief in die Höhlen gesunken. Die Brüste hängen schlaff herunter. Bauch und Hintern wabbeln. Die Haut ist bläulich und von kleinen Äderchen durchzogen. Als hätte ich seit gestern mindestens drei Kinder ausgetragen, zur Welt gebracht und gestillt.

Ich öffne den Mund, will schreien, doch nichts als ein Wattebausch stummer Leere quillt hervor. Der löst sich inmitten der Schneeflocken dampfend auf und fällt als zersprungene Christbaumkugel zu Boden. Ich will nur noch nach Hause und unter meine Bettdecke kriechen. Sie über den Kopf ziehen und bis zum Frühling nicht wieder hervorkommen. Eigentlich spricht auch nichts dagegen, aber zuerst muss ich diese Tasche loswerden. Meine Finger laufen blau an. Mir ist schwindlig. Ich merke, dass ich seit unserem Abendessen gestern nichts mehr zu mir genommen habe. Ich hole eine Tüte mit selbstgebackenen, unförmigen Plätzchen und einer Postkarte in Kinderschrift heraus. Marusja – vielleicht war sie eines von den Kindern, die mich in der Pause im Flur der alten Schule umgerannt haben – dankt den Soldaten für ihre Tapferkeit und befiehlt sie Gottes Schutz an. Ich hatte noch darauf geachtet, dass die Kleidung vollständig mit einem Tarnnetz überzogen war, dunkel wie die Flügel eines schwächlichen Engels, der keine Lust mehr hat, sich in den Himmel zu erheben. Und eine ältere Schülerin bekam Ammoniumchlorid, weil sie eine SMS erhalten hatte, dass ihr Vater auf den Schießplatz müsse. Ich löse die gelb-blaue Schleife und stecke mir ein Plätzchen in den Mund. Um es wirklich zu zerkauen, brauche ich Kraft. Ich habe einen Kloß im Hals. Schlucke krampfhaft, und die Krümel kratzen in der Speiseröhre. Ich habe kein Hungergefühl, also gibt es auch nichts zu bezwingen. Es gibt überhaupt nichts zu bezwingen. Außer den endlosen Tagen, die ich irgendwie allein rumbringen muss. Als die Tüte leer ist, legt sich auch der Schwindel. Jetzt fühlt es sich so an wie nach einem dumpfen Schlag auf den Hinterkopf. Hinter mir geht die Tür auf, die Verkäuferin will einen Eimer Wischwasser auskippen. Bei diesem Wetter ist der Boden ständig schmutzig. Sie sieht mich im letzten Moment, kann aber den Eimer nicht mehr zurückhalten. Ich rette mich knapp, die Brühe schwappt in die gepackte Tasche. Schlammbröckchen, Sand, feuchte Pappfetzen, braunes Wasser – alles ergießt sich über die Gläser mit dem Kraut, läuft in die Tüten mit den selbstgebackenen Plätzchen und gefrorenen Warenyky, verwischt den Filzstift und die Glitzerschrift auf den Grußkarten. Die Verkäuferin seufzt, greift sich ans Herz, entschuldigt sich hastig, reißt mir die Tasche aus der Hand und macht sich daran, zu retten, was zu retten ist. Sie tupft die Postkarten der Kinder trocken, ihre Finger sind rau und wulstig, in den Rissen ist die Haut dunkler, aber die Nägel sind dunkelrot lackiert und bemalt, das Design ist in anderthalb Wochen zwar schon etwas herausgewachsen, sieht aber noch ganz passabel aus. Ich hebe die Augen und sehe, dass sie weint. Ihr Weinen ist ansteckend, ich schluchze mit und verschlucke mich so schlimm, dass ich kaum noch atmen kann, falle an ihre weiche, warme Brust. Sie gehört zu den Frauen, die nie frieren, die welke Haut ihres Dekolletés riecht nach frischem Schweiß und billigem Parfüm, ihre Hände nach Wurst und Chlor. Sie nimmt mich in den Arm wie ein Kind, ich heule und kann gar nicht mehr aufhören. Die Tränen wollen nicht versiegen. Irgendwann weicht die Spannung aus der Feder und ist gelöst. Der Hahn geht zu. Ich seufze. Sie streicht mir über den Kopf und entspannt sich auch, die Umarmung lässt nach. Ihre dick aufgetragene Schminke ist verlaufen und verschmiert – der goldschimmernde Lidschatten und der dicke schwarze Eyeliner, die Mascara, die die künstlich verlängerten Wimpern streckt und verstärkt, und der dunkle Perlmutt-Lippenstift passen perfekt zu dem Goldzahn neben dem rechten oberen Eckzahn. Ich glaube, ich habe noch nie so braune Wangenknochen gesehen, als ob sie auf Bali gewesen ist. Sie gehört zu dem Typ Frauen, die einem Angst einflößen und mit denen man sich nicht freiwillig einlässt. Sie knallen einem die verlangte Ware wortlos und lässig auf den Ladentisch, als schmissen sie einem Hund einen Knochen hin, und mit dem Restgeld nehmen sie es nicht so genau. Aber sie wischt sich das Gesicht ab wie ein kleines Mädchen, bittet mich zu warten, springt auf, rennt schlurfend los mit ihren Plastiklatschen, die sie über Strumpfhosen und Socken gezogen hat, und ist eine Minute später wieder da mit einer Hugo-Boss-Tüte, die sie bis oben hin mit Schmalzfleisch, Kondensmilch, Pralinen, Tee, Kaffee und Zigaretten vollgepackt hat.

„Nimmst du das mit?“, fragt sie knapp und dreht sich weg, sie sieht nicht mal mehr, wie ich nicke.

Sie geht zurück in den Laden und blafft eine alte Frau an, die in der Feinkostabteilung eifrig ihren Fingernagel in die Warenyky bohrt, um zu prüfen, ob der Teig für ihre Zähne weich genug ist. Sie keifen sich an, und am Ende nimmt die Alte einen Krautwickel, drei Warenyky und zwei saure Gurken. Sie ist anstrengend und kapriziös, hasst kochen, denn für sie allein lohnt es sich nicht, und weiter hat sie niemanden. Die Verkäuferin ist bissig und genervt, auch sie hasst kochen, trotzdem formt und rollt sie in ihrer Freizeit für ihren Mann und ihre zwei erwachsenen Söhne hunderte Warenyky und Krautwickel. Von ihrem plötzlichen Anfall von Menschlichkeit ist nichts mehr geblieben. Die Frauen überbieten sich gegenseitig im alltäglichen Hass und gehen – gestärkt vom Gift der anderen – mit einem Gefühl der Erleichterung auseinander.

Jetzt habe ich noch mehr zu schleppen. Und bin irgendwie besänftigt-gleichgültig-kraftlos. Ich stelle die Taschen am nächsten Müllplatz ab und gehe weiter, im Weggehen höre ich, wie sie von jenen geplündert werden, die eben noch in den Tonnen gewühlt haben.

Am Müllcontainer sitzt ein Obdachloser in einem schwarzen Kunstpelz, so eine Art Hausmantel. Vor ihm steht zwar ein Becher zum Betteln, aber das ist wohl nur zum Schein. Er hält eine kleine Kupfervase in der Hand. Mit seinen langen schmutzigen Nägeln kratzt er die Vertiefungen des Reliefs frei. Flüstert Flüche in seinen tabakgelben Schnurrbart: gegen den Schnee, gegen die Glätte, gegen die Depression. Die Flüche steigen in die Luft, der beißende Geist der Schmutzstarre gibt ihnen Auftrieb. Mit seiner Wunderlampe oder Büchse der Pandora geht alles umgehend in Erfüllung. Ein alter schwarzer Lada mit einer Jaguar-Figur auf der Kühlerhaube kommt um die Ecke geschossen, und das Wasser aus der Pfütze bespritzt den Penner, als wäre das die einzige Dusche, auf die er in seinem erbärmlichen Leben noch hoffen kann.

Scharen von Zombies, Hexen und Leichen kommen mir entgegen. Einem steckt eine Axt im Kopf. Die Partygänger lachen ausgelassen und stoßen sich an. Einer springt auf mich zu und will mich erschrecken. Das reißt mich aus meinen Gedanken, und ich schaue mich um. Die Kneipe gegenüber ist mit Spinnennetzen behängt, die Kellnerinnen sind als erotische Skelette geschminkt. Vor dem Eingang hat sich eine Truppe in Ku-Klux-Klan-Kostümen zum Foto aufgestellt, sie bitten mich, eine Aufnahme von ihnen zu machen, strecken den rechten Arm vor und rufen „Ehre der Nation!“. „Tod den Feinden“, flüstere ich gepresst zurück. Soll noch einer sagen, Halloween hätte bei uns keine Tradition.

Drinnen ist es stickig und laut, ich bin die einzige, die nicht geschminkt ist, aber mein blasses Gesicht, die Schatten unter den Augen und das wirre Haar passen ziemlich gut ins Konzept, es fehlt eigentlich höchstens ein dünnes Rinnsal Blut aus der Nase. Ich trinke einen doppelten Whisky auf ex und bestelle den nächsten. Neben mir diskutieren zwei der Ku-Kux-Klan-Leute den Preis für ein Attest, damit man nicht an die Front muss. Verdammt! Das ist ja machbar! Das ist voll einfach! Das ist doch nur die Hälfte von meinem Monatsgehalt!‘, denke ich und merke, wie mir übel wird. Halb abwesend taumle ich einen langen Korridor mit einem Ölsockel entlang. Vor dem Büro, in das ich muss, steht eine Schlange, dann geht die Tür auf, und eine dicke Männerhand winkt mich herein. Sie schwebt elegant in der Luft, weist mir generös einen Stuhl zu, legt sich auf mein Knie und kriecht wie eine Tarantel aufwärts. Ich habe Angst, mich zu rühren wie bei einem giftigen Rieseninsekt. Als die Finger den Slip erreichen und die Mulde zwischen den Schamlippen reiben, schreie ich und trete um mich. Die Hand kommt unter meinem Rock hervor, hebt den Zeigefinger und legt ihn mir auf die Lippen, ich erkenne meinen Geruch, dann öffnet sich die Hand und tanzt erwartungsvoll vor meinen Augen. Panisch versuche ich, meine Handtasche zu öffnen, das Schloss klemmt, ich suche den Umschlag, den ich vorausschauend vorbereitet habe. Ich hatte ihn doch. Er muss da sein. Ist er aber nicht. Die Hand wird unruhig und zeigt zuerst auf die Uhr und dann auf die Tür.

„Alles in Ordnung?“, fragt mich der uniformierte junge Mann in einem Winkel des Korridors. Langsam sehe ich wieder klarer. Im Hintergrund spielt Joe Dassin. Wieso denn verdammt noch mal Joe Dassin, von seinem süßlichen „Le jardin du Luxembourg“ wird mir immer schlecht, ziemlich unpassender Song fürs Wehrkreiskommando.

Eine Kellnerin im Gespensterkostüm reicht mir ein Glas Wasser. Den jungen Typen, der mir mit beiden Händen die Wangen reibt, bitte ich um eine Zigarette. Ich zünde sie an, muss husten, fröstle. Beiße mir auf die rissigen Lippen, nage die Haut ab, bis ich das süßliche Blut schmecke. Damit komplettiere ich mein Outfit für die Party, ein Tag, der nie vergeht, Party nonstop, heute mit glotzenden Kürbissen und morgen mit anderen Requisiten, je nachdem, was das Marketingkonzept vorsieht. Ich schluchze zweimal auf und drücke auf den Nasenrücken, um die Tränen aufzuhalten. Ich bestelle noch einen doppelten Whisky, halte mir die Handknöchel an die Nase und spüle mit kalter feuchter Luft nach. Ich stehe auf, klopfe das feuchte Hinterteil meiner Jacke ab und mache mich langsam auf den Heimweg. In einer Kirche wird Abendmahl gefeiert. Allerlei Geister ziehen unbekümmert vorbei. Eine Frau schleppt eine karierte Tasche, so eine, wie ich sie am Müllcontainer abgestellt habe, tritt ans Kreuz, lehnt ihre Stirn dagegen, bekreuzigt sich, küsst das Kreuz, flüstert etwas. Als sei das Kreuz ihr Geliebter. Nur dass er keine Anstalten macht, ihr mit der Tasche zu helfen. Würde ich mich doch nur nach einem Kirchgang ebenso erleichtert fühlen wie sie, ihre Tasche scheint ja federleicht geworden zu sein. Sie trägt sie jetzt so unbeschwert, als würde eine Schar Engel – begleitet von himmlischem Gesang – ihr von beiden Seiten unter die Arme greifen. Ich fühle mich in sakralen Gebäuden immer unbehaglich, genauer gesagt befallen mich da immer schmutzige Gedanken, ich sehe mich in einem Porno, in dem Mädchen vor den Altären Kussmund-Selfies machen. Womöglich sind das die Folgen meines traumatisierenden Besuchs im Potschajiw-Kloster, keine Ahnung, vielleicht. Ich erinnere mich vage an einen dämmrigen, düsteren Raum mit einem schweren Duft und manischen Frauen, die ungeachtet ihres biologischen Alters nicht einfach alt, sondern aus der Zeit gefallen wirkten. Seitdem fühle ich mich in allen Kirchen, besonders während des Gottesdiensts, irgendwie unwohl. Als wäre ich in einer Disko mit Musik, die mich nicht anmacht. Wenn ich dann nicht einfach aufstehen und rausgehen kann, warte ich nur darauf, dass diese Mischung aus Unwohlsein und Langeweile, das Gefühl, völlig fehl am Platze zu sein, endlich aufhört. Als würden die Besucher öffentlich auf die Knie fallen, um die anderen an ihr sündiges Wesen zu erinnern und einen Wettbewerb um die tiefste Buße abzuhalten. Denn wer von ihnen kennt nicht dieses eigenartige, krankhafte Zittern, das einen dazu treibt, ständig auf die Ergebnisse des eigenen Seufzens und Bekennens zu schauen, von den täglichen Fehltritten ganz zu schweigen. Nach dem einzigen Mal, wo du mich sozusagen als Begleitung zum Abendmahl mitgeschleppt hast, ging’s mir eine ganze Woche lang beschissen. Die Gläubigen würden vielleicht sagen, die Dämonen seien aus mir ausgefahren.

Ich blicke auf das kleine Flugzeug oben, rechts vom Kreuz. Vielleicht ist das ein Blitzableiter. Sieht aber sehr nach einem Flugzeug aus. „Nimm mich mit auf die Reise, kleines Flugzeug!“, rufe ich ihm ein improvisiertes Gebet zu, es ist mein allzu menschlicher Wunsch, den Stein von meinem Herzen auf die Flügel der höheren Mächte abzuwälzen. Wie ich in diese Ecke des Kirchhofs gekommen bin, kann ich nicht mehr sagen.

2

Wie spät ist es eigentlich? Shit! Wo bin ich überhaupt? Mein Versuch, die Augen zu öffnen, kommt einer atomaren Explosion zwischen Netzhaut und Gehirn gleich. Was klingelt denn da, verdammt noch mal? Wo muss ich hin? Der Wecker sprengt den Raum und bohrt sich in meinen Kopf. Ich liege weiter auf der Seite und öffne wie ein Huhn erst mal ein Auge, dabei stelle ich fest, dass ich zu Hause bin, obwohl ich das schon beim Tasten nach meiner Decke gemerkt habe. Ich liege quer im Bett. Und habe ein pelziges Gefühl im Mund. Das Display von meinem Handy verschwimmt und dreht sich. Das widerliche Ding dudelt immer weiter und hört nicht auf. Endlich gelingt mir ein fokussierter Blick: 7:30 Uhr. Als ich den Kopf heben will, kommt es mir hoch. Meine Haare stinken verdächtig. Weil sie gestern keiner gehalten hat – denn du, mein geübter Gehilfe aus Studententagen, wenn der billige Imbiss zum Batikmuster im Schnee wurde, warst ja nicht da. Irgendwann quäle ich mich hoch und gehe zur Toilette, wobei ich über die Kleidungsstücke steige, die den Weg zur Tür markieren. Es fühlt sich so an, als würden mit dem Toilettengang auch der ganze nicht abgebaute Alkohol und meine seelischen Qualen aus dem Körper gespült. Mir ist so übel, dass mir alles egal ist. Ich schlurfe in die Küche, schiebe mir zwei Esslöffel Enterosgel in den Mund und spüle das klebrige Zeug mit Wasser in die Speiseröhre. Mache mir einen Tee. Die Übelkeit lässt nach. Ich gehe in den Dienstchat und schreibe, dass ich mir einen Krankenschein hole. Ich krieche zurück ins Bett, aber schlafen kann ich nicht mehr, mein Herz hämmert und trommelt, abwechselnd rast und stockt es. Ich schließe die Augen und sehe bunte psychedelische Kreise. Heute gehe ich nicht zur Arbeit. Und morgen auch nicht. Vielleicht überhaupt nie mehr. Ich habe genug gespart, ich könnte den Winter in Asien verbringen. Ich bin noch nie im Ausland gewesen, weil dir das zu teuer war und du dich nicht von mir aushalten lassen wolltest. Die nächsten paar Jahre verbringe ich im Bett, also brauche ich eigentlich gar kein Geld. Die Schläfen pochen, es fühlt sich an, als würden dünne Rinnsale von Blut aus Wundmalen im Gesicht laufen und sich als Geäst auf meine Wangen legen. Ich sehe endlose Strände, Sand und das glatte türkisblaue Meer. Schöne Menschen, perfekt gebräunt. Sie lächeln nicht einmal, so erfüllt sind sie von Freude. Sie müssen das Glück, das ihre Brust schwellen lässt, nicht laut herausposaunen. Singles und Familien, Ältere und frisch Verliebte, Kinder und Vierbeiner. Alle planschen im Wasser und liegen in der Sonne, essen Eis und trinken Fanta. Ich gehe auf in der salzigen Luft, die in den Augen beißt, tauche ab in einen flachen neurotischen Schlummer. Ein Anruf reißt mich raus:

„Wie geht’s dir denn?“ Die sirrende Stimme am anderen Ende strotzt vor Energie.

„Geht so“, entgegnet meine Stimme heiser flüsternd.

„Also jetzt mach dich mal locker, der kommt doch bald wieder, die kriegen ja auch Urlaub.“

„Sie kommen eben nicht wieder.“

„Also, jetzt mach mal ´n Punkt.“

„Wenn sie wiederkommen, sind sie nicht mehr wie früher. Also, Sofka, ich habe einen krassen Kater …“

„Also gut, dann ruhst du dich heute bisschen aus, und morgen bist du wieder hier auf der Arbeit.“

„Okay. Bleib sauber, tschüss.“

Ich lege auf und gehe auf Facebook. Klicke mich durch die Seiten und setze Likes. Als ob bei den anderen alles beim Alten wäre. Eigentlich hab ich’s hier ja auch ganz gut, ich kann mich auf dem ganzen Bett breitmachen und so lange schlafen, wie ich will. Ich habe die Decke ganz für mich allein. Wo du dir ja nun ein Metallbett in der Rekrutenschule oder – schlimmer noch – eine Pritsche im Bunker gesucht hast. Wenn dir das wichtiger ist. Ich strecke mich sternförmig auf dem Bett aus und bin froh, dass kein anderer da ist. Meine Achseln verströmen diesen scharfen Schweißgeruch. Der kommt vom Kater. Wie auch der gelassene Geist und die körperliche Erregung. Denken ist viel zu schmerzhaft, also halten wir uns an das Animalische, Primitive, Kreatürliche. Wir gehen auf den Tod zu, deswegen wollen wir als Nachspeise einen Leckerbissen. Ich google eine Pornoseite. Female choice. Zwei junge Frauen lecken sich, ein Mann gesellt sich dazu. Ich massiere meine Brustwarzen, fahre mit der Hand unter die Decke und schiebe die Finger zwischen die Schamlippen. Ich verfolge die Zuckungen des Männchens auf dem Bildschirm, und meine Bewegungen werden rhythmisch, ich sehe, wie die Frauenzunge das weiche rosa Fleisch berührt. Ihrem Mund entfährt ein Stöhnen. Meinem Mund entfährt ein Stöhnen. Mit dem rhythmischen Stoßen zwischen den Beinen wird meine Hand eingesaugt, endlich verspüre ich Erleichterung, endlich hat sich der Druck des gescheiterten Orgasmus, der seit vorgestern Abend irgendwo da im Hinterkopf hing, entladen und in Luft aufgelöst. Er legt sich von außen über mich und ergießt sich aus meinem Inneren. Leicht und ungezwungen, schnell und unbändig wie damals in der Schule. Das Blut pulsiert in den feinsten Kapillaren und scheidet durch die Poren die giftigen Stoffe aus. Die primitive körperliche Freude steigt in die Gehirnwindungen wie Quecksilber.

Auf einmal kriege ich sogar Hunger. Ich öffne den Kühlschrank und lasse meinen Blick schweifen, sehe, dass von den kulinarischen Köstlichkeiten, die ich für den Abschiedsabend zubereitet hatte, noch einiges übrig ist. Aber ich nehme das Glas mit dem eingelegten Ingwer und mache mich mit den bloßen Fingern darüber her.

Das Telefon klingelt. Zum Glück jetzt und nicht vor sieben Minuten. Deine Mutter. Die Frau, für die ich immer so ein Gemisch aus Angst und Ablehnung empfunden und sie deswegen immer auf Abstand gehalten habe, kommt mir jetzt irgendwie vertraut vor, als würde sie mir fürsorglich eine Bouillon gegen den Kater verabreichen. Ihre Stimme ist aufgebracht und energisch zugleich, als hätte ihr Leben einen neuen Sinn bekommen, der von den schwierigen Umständen vertieft wird.

„Also hör mal zu. Ich hab’s rausgefunden. Sie sind in einer Rekrutenschule bei Kiew einquartiert worden. Die Bedingungen sind in Ordnung. Wie geht’s dir?“

„Ganz gut. Hat er dich angerufen?“

„Ich hab’s nicht ausgehalten. Eijeijei. Aber er hatte nur ganz wenig Zeit. Wir konnten gar nicht richtig sprechen. Nur so: ‚Das wär’s dann, Mama, tschüss.‘ Hör auf zu grübeln, mein Mäuschen. Unsere Gebete bringen ihn mit Sicherheit zurück. Wenn wir fest dran glauben …“

„Mhm.“

„Eijejei, Kinder, Kinder, warum mutet Gott euch das zu? Dann muss es wohl so sein!“

Ich heule gleich los, also lege ich lieber auf. Immerhin ist sie deine Mutter, also hat sie das unwidersprochene Recht, dich mit einem Anruf zu behelligen, selbst wenn dir die Kugeln um die Ohren pfeifen. Damit du sie beruhigen, dich für die Mühe, die sie mit dir als Kind hatte, erkenntlich zeigen kannst. Ich habe dir ja nichts gegeben, nichts für dich geopfert. Was bist du mir denn schuldig? Das Fondue-Set, das ich für die gemütlichen Abende mit Freunden gekauft habe? Oder den Joystick für deine Lieblingsspiele, den ich dir von meinem ersten richtigen Gehalt zum Nikolaus geschenkt habe? Um nicht ganz zu versumpfen und auf andere Gedanken zu kommen, gehe ich auf den Balkon. Splitternackt, nur eine Jacke habe ich mir übergeworfen. Ich stecke mir eine Zigarette an und winke dem Nachbarn von gegenüber. Die Kälte wippt und sitzt in den Stümpfen der abgeknickten Zweige. Ein junger Mann mit Kopfhörern fährt im Rollstuhl über den Fußweg. Er ist oft im Viertel unterwegs, vielleicht wohnt er hier irgendwo. Sein amputiertes Bein passt zu den gestutzten Bäumen. Er hält oft an, stützt sich auf das unversehrte Knie und dreht seinen Kopf mit der Musik im Ohr nach den Baumkronen – als hüteten sie ein Geheimnis. Ich gehe rein und google die Rekrutenschulen im Gebiet Kiew. Ich werde auf die Seite der Militäreinheit A 0704 Wassilkow (Rekrutenausbildungsstätte) auf VKontakte geleitet. Das Profilbild zeigt fidele Rambos in Uniform in der Kaserne, der erste Post ist von einem Girlie, auf dem Bild sieht sie aus wie höchstens fünfzehn, so ein minderjähriges Provinzgör, das den Kopf neigt und ein handgemaltes, mit Blumen und Herzchen verziertes Plakat in Heftgröße in die Kamera hält, auf dem steht: Wadim, Polina liebt dich und wartet auf dich. Es folgen Posts in grottenschlechtem Russisch: Mädchen suchen ihren Boyfriend, Soldaten schreiben über die Bedingungen vor Ort und tun kund, dass sie die Zeit in der Gemeinschaft genießen, wenn auch der Komfort zu wünschen übrig lässt. Als ich die Frage: „Wer weis, ob T, Katja noch in der Kantiene arbeitet?“ lese, muss ich lachen. Das geschieht dir recht, dass du dein Essen jetzt von T – Komma – Katja kriegst. Doch bei dem Post: „Beste Grüße aus der Rekrutenschule an meine ATO!“, in dem ein User namens Chochlow neben seinem Gewehr mit einem blau-gelbem Aufkleber aus Patronenhülsen die Nummer 0704 gelegt hat, wird mir wieder schlecht. Der Porno über den Browser war bedeutend besser.

Ich klicke auf deinen Newsfeed. Der Eintrag zum Ort hat schon 438 Likes und 142 Kommentare, die Leute wünschen dir, dass du von Engeln behütet wirst, und fragen, ob ihr etwas braucht. Ob ihr auch nicht friert. Ob ihr genügend Zigaretten habt. Genervt klappe ich den Laptop zu. Die Engel haben zu tun – sie müssen den abgearbeiteten Frauen die schweren Taschen schleppen! Ich komme auf deiner Seite gar nicht vor. Auf dem letzten Foto allerdings drückst du mich fest an dich, als wir uns auf dem Bahnhof verabschieden. Das hast du jetzt sogar als Profilbild. Es hat rekordverdächtige 694 Reaktionen (Likes, weinende Smileys und Herzen). Was wisst ihr denn schon, ihr 694 Nutzer? Ein Drittel gehört nicht zu meinen Freunden, und 79 Prozent von euch haben das Bild nur gesehen, weil es so oft gelikt und deswegen von den Facebook-Algorithmen auf die Startseite katapultiert wurde. Wenn mich dieser Typ auf dem Bild wirklich lieben würde, wäre er bei mir geblieben und hätte mit mir zusammen die Welt unsicher gemacht. Unsere Winterfotos aus Thailand hätten bestimmt genauso viele Likes gekriegt. Wenn doch wenigstens jemand ein wütendes oder laut lachendes Gesicht gepostet hätte. Aber nein, ihr schreibt alle nur über die Liebe und wie stark und toll wir sind. Liebe, na, toll … zufälliges Zusammentreffen. Du verliebst dich in den, der dir zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort über den Weg läuft. Und dann kommt da so ein junges patriotisches Ding, eine zivilgesellschaftliche Aktivistin, die alles ehrenamtlich macht, bringt Zigaretten vorbei und wickelt dich mit ihrem ganzen Engagement um den Finger, weil sie all das hat, was mir fehlt. Und dann schreiben die Lokalzeitungen zum Valentinstag lauter langweilige romantische Artikel über euch beide. An wem hat’s denn gelegen, wirst du dann sagen, du hast dich nie so engagiert, du hast noch nicht mal eine Sammelaktion für uns organisiert, damit wir mit dem Allernötigsten versorgt sind.

Ich esse noch ein bisschen Ingwer und knabbere Schokolade.

Du hast deinen Spaß da in der Kaserne, fuck. Echte Kerle. Testosteron. Kick. Junge Frauen und Kinder schreiben euch, wie wichtig ihr seid.

Ich steigere mich immer weiter rein in Wut und Selbstmitleid, und obwohl ich das merke, kriege ich mich nicht ein. Schuld sind der Kater und der Hunger, ich weiß schon, aber was Richtiges zu essen, kann ich mich auch nicht aufraffen. Gedankenlos scrolle ich durch die Posts. Die netten, positiven Beiträge mit dem Hashtag #Verrat finde ich ätzend, aber die glühend patriotischen finde ich noch ätzender. Am liebsten würde ich ein paar gehässige Kommentare ablassen, aber selbst dazu fehlt mir die Kraft, und ich spare mir das ermüdende Gelaber. Ich unterdrücke den Wunsch, etwas kaputt zu machen, zu zerstören, zu verwüsten. Aber eigentlich bin ich ganz ungefährlich. Ich kann höchstens die Fäuste ballen. Zu mehr bin ich in diesem Zustand nicht fähig. Die Abende werden jetzt lang und schwarz wie ein Loch. Kaum wird es dunkel – obwohl es ja eigentlich den ganzen Tag gar nicht richtig hell war –, also irgendwann nach vier, ergießt sich Schmutzwasser in meinen Brustkorb. Es fühlt sich so an, als sei eine Herzklappe gerissen, hinter der der Abwasserkanal liegt. Die Gülle unserer Gefühle. Ich schalte eine Serie ein, aber die schnellen Bilder und der hypnotisierende Ton sind total einschläfernd, gegen sechs rapple ich mich auf und nehme mir vor, was zu essen, aber dann verschiebe ich es doch auf morgen.

Gegen eins wache ich auf, weil ich Durst habe und pinkeln muss. Im Kühlschrank steht noch ein Glas mit eingelegten Tomaten von deiner Oma, ich schlürfe die Brühe. Dann gehe ich aufs Klo. Zurück in der Küche, trinke zwei Glas Wasser und nehme zwei Aspirin und sechs Kieselsäuretabletten. Vielleicht hebt sich die Wirkung der Medikamente ja auch auf, wenn ich sie gleichzeitig einnehme. Ich schaue noch einmal nach der Uhrzeit und sehe, dass ich drei verpasste Anrufe und eine lange SMS von dir habe, die sich mit „bin angekommen, habe mich eingerichtet, liebe dich, vermisse dich“ zusammenfassen lässt. Ich freue mich plötzlich, drücke auf reply, der Cursor blinkt in der leeren Zeile, und ich weiß nicht, womit ich beginnen soll. Und was ich dann weiter schreiben soll. Und was zum Schluss. Wenigstens kurz. Ganz kurz. Wenigstens drei Wörter. Aber mir fällt nichts ein. Ich krieg nichts zusammen. Vielleicht: „Warum, verdammte Scheiße?“ Freude und Wut mischen sich in meinem Körper wie zwei explosive Stoffe. Es fühlt sich so an, als ob mir blutiger Schaum in den Mund steigt, ein Gemisch aus Verzweiflung, Zärtlichkeit und Einsamkeit – ohne dich habe ich nicht mal Bock, raus an die frische Luft zu gehen. Hat denn das, was weit entfernt ist, überhaupt eine Existenzberechtigung? Und ist es für den Empfänger und den Absender das gleiche? Ist der Moment, wenn der eine plötzlich ergriffen ist, immer noch aktuell, wenn sein Echo die andere Seite erreicht? Jetzt, in diesem Moment, empfinde ich so, und in einer Minute, wenn ich mir die Jacke über den nackten Körper gezogen habe und vom Balkon aus die Sterne betrachte, ist es schon wieder anders. Von dort und später ganz zu schweigen. Und wenn ich auf senden gedrückt habe, kommt das Schlimmste, das Warten auf Antwort. Wie haben sie das eigentlich früher mit Brieftauben hingekriegt mit den Zustellterminen und -orten? Hören wir denn etwa heute mit diesen ganzen modernen Kommunikationstechnologien, in den Telefongesprächen und Videochats voller Verzerrung, Fehlleitung und Unzeitigkeit die Stimme des anderen so, wie sie ist? Schreibst du die Nachrichten, weil du es willst, oder gibt es einen äußeren Zwang? Weil es alle machen. Weil es sich so gehört. Penelope. Das ewige Sinnbild. Die Ehefrau, die sich jahrein, jahraus nicht vom Fleck rührt. Die webt und wieder auftrennt. Webt und wieder auftrennt. Vielleicht sollte ich mir auch irgendwas Handwerkliches suchen. Filzen, Seife kochen. Oder Netze knüpfen.

3

Dieser schreckliche Hunger hat den Schlaf für meine Verhältnisse unglaublich früh bezwungen, irgendwann vor neun. Weil ich mich viel munterer und frischer fühlte als gestern, dachte ich mir, ich sollte mir noch einen weiteren freien Tag gönnen. Peinlicherweise musste ich an die freien Tage denken, die einem zustehen, wenn jemand gestorben ist. In der aktuellen Situation sollte ich vielleicht lieber abergläubisch sein als zynisch. Oder doch besser zynisch? In den schrecklichsten Momenten war schwarzer Humor doch immer das Mittel der Wahl. Obwohl es so schrecklich nun eigentlich auch wieder nicht war. So ist die menschliche Psyche nun mal: Wenn du in einem teuren Hauptstadtrestaurant sitzt und Bouletten isst und plötzlich fahren draußen Panzer vor, dann isst du eben doch erst mal zu Ende und ergreifst dann erst die Flucht. Weil es eben ein angesagter Schuppen ist, die Gläser sind sauber und das Geschirr teuer, die Kellner tragen trendige Outfits, und du hast dir zum Essen noch einen Wein bestellt oder eine Bloody Mary. Du schiebst dir ein Stück blutiges Kalbfleisch in den Mund, es duftet und zergeht auf der Zunge und hat eine tolle Soße. Es ist real. Und die Panzer, die da draußen eine Armlänge entfernt stehen, sind eine Fata Morgana.

Von diesen Gedanken bekomme ich ein Pfützchen auf der Zunge. Ich hole die Lachs-Pasta von vorgestern nach dem Rezept von Jamie Oliver aus dem Kühlschrank. Es ist gar nicht so einfach, bei uns hier alle Zutaten zu bekommen, aber ich kenne die entsprechenden Geschäfte und Internetseiten. Ich weiß sogar, wo man im Dezember frische Rucola bekommt. Das hier ist natürlich kein Borschtsch und auch keine Kohlroulade, die mit jedem Tag besser werden, die Pasta ist zwar nicht mehr ganz al dente, schmeckt aber trotzdem. Dass du jetzt diesen Babberschmatz von zweifelhaftem Nährwert aus den Händen von T,Katja essen musst, macht mich ein bisschen gehässig. Nachdem du weg warst, war mein erster Impuls, Jamies App von meinem Handy zu löschen, denn Fun und Delikatessen sind jetzt nicht mehr angesagt, aber ich habe es gelassen. Je unsicherer die Zeiten sind, umso mehr Lust haben die Leute auf Gourmet- und Körperfreuden, also muss ich auf die verlässlichen Stimmungsaufheller nicht verzichten, wenn ich sie mir leisten kann. Wenn ich mir im Supermarkt mal ein kleines Extra gönnen will, muss ich nun kein schlechtes Gewissen mehr haben, weil du weniger verdienst, und ich muss dich auch nicht länger im Restaurant aushalten und geduldig darauf warten, dass sich die Dividenden der Investitionen einstellen, die deine Eltern in Form deines Jura-Studiums und der Einstellung am örtlichen Gericht getätigt haben, wo du im Prinzip als Kurier für ominöse dicke Umschläge fungierst. Das Essen hat eine magische Wirkung. Ich bin nicht mehr wütend. Nicht mal als ich im Spiegel diese abgewrackte Fratze sehe. Ich gebe mir einen Klaps auf den Po und auf den Hinterkopf und denke, dass es höchste Zeit ist, mal wieder im Fitnessstudio vorbeizuschauen. Wie läuft es denn normalerweise? Du holst dir ein Abo, und dann kommt abends ständig was dazwischen: ein Drink, ein Film, oder man will einfach ein bisschen mehr Zeit zusammen haben (mal bist du zu faul, mal findest du es zu teuer), und wenn am frühen Morgen neben dir einer liegt und tief und fest schläft, machst du nicht mobil und schwelgst in Selbstmitleid. Aber jetzt ist der, der neben dir geschlafen hat, mobil gemacht worden, sein Sport ist obligatorisch und kostenlos, wie man ihn auf Kosten der Steuerzahler eben so kriegt. Also muss ich mir jetzt auch einen Plan machen, nur dass ich bessere Bedingungen habe als ihr da mit euren alten Geräte Marke Eigenbau, die ich auf den Fotos von eurer Kaserne gesehen habe. Ich muss mich eigentlich nur entscheiden, ob ich mir die Haare vor oder nach dem Schwimmen waschen will. Ich stecke die fettigen Strähnen einfach zu einem Dutt hoch und stelle fest, dass es höchste Zeit ist, mir die Haare zu färben, ich habe gar nicht gemerkt, dass meine geometrische Frisur mit der kecken Kombination von aschgrau, tintenblau und türkis sich schon längst in einen grau-braun-himbeerroten Rotz verwandelt hat. Ich stülpe eine dämliche Mütze über diese Zumutung und nehme meine Tasche mit den Sportsachen vom Haken, die da schon seit drei Wochen unausgepackt hängt. Hoffentlich habe ich wenigstens den Badeanzug zum Trocknen aufgehängt, das werde ich dann sehen, wenn ich da bin. Scheu krieche ich nach draußen wie ein Maulwurf aus dem Gang und wundere mich, dass heute sogar die Sonne ein bisschen scheint. Dann fällt mir ein, dass das ganze Land oder doch zumindest der westliche Teil davon in einem Monat in eine Zeit abtaucht, wo vielleicht nicht jeder zweite Tag ein offizieller Feiertag ist, aber doch immerhin Anlass zum Feiern bietet. Diese Volkstraditionen sind ja durchaus nachvollziehbar: Damit man sich wegen der Kälte und der Dunkelheit in dieser Zeit nicht gleich den Strick nimmt, haben die Menschen Anlässe geschaffen, sich gegenseitig zu besuchen, sich zu amüsieren, zu trinken, heidnische Rituale zu vollführen und den Kindern Geschenke zu machen. Erst mal bis zum Nikolaustag, hierzulande am 19. Dezember, kommen, die kürzesten Tage rumbringen, und dann werden die Tage immer um einen Hahnenschrei länger.

Dass sich unser Land eben doch auf dem Weg der positiven Veränderungen, der Demokratisierung, Europäisierung und Toleranz gegenüber anderen befindet, merkst du in den Etablissements, wenn dich am Empfang jemand mit den angeklebten Wimpern einer Jungfrau besonderer Gattung anplinkert. Noch vor ein paar Jahren wärst du mit dieser dämlichen Mütze für sie Luft gewesen, weil sie sich gefragt hätte, wer dir Jammergestalt überhaupt ein Abo zahlt. Andere Fitnessstudio-Kundinnen mit fetter Schminke und in knappen Höschen und Tops schwitzen richtig, das heißt, sie sitzen unbeweglich auf einem Trainingsgerät, ohne auch nur ein einziges Schweißtröpfchen zu vergießen, damit die Typen mit den Goldkettchen auf sie aufmerksam werden. Das ist ein nachvollziehbares und klares Business-Modell: Was investiert wird, muss sich rentieren. Aber allmählich kommt Bewegung in dieses geschlossene Ökosystem. Inzwischen kommen ausländische Studierende und ITler, die aus ganz anderen Gründen auf ihr Äußeres achten und Werte haben, die den Mädchen in den knappen Höschen völlig fremd sind. Der Einlass nimmt schweigend meine Abokarte, grinst breit und fragt, ob ich auch ins Spa will. Ich erwidere, der Tag sei ja fürs Spa wie geschaffen, obwohl ich das bislang noch gar nicht in Erwägung gezogen habe.

Auf meinem Weg zum Schrank in der Umkleide muss ich an zwei Frauen um die sechzig vorbei. Sie stehen nackt da, trocknen sich ab und lassen sich über Alltagsprobleme aus. Eine ist fett und rund und hat üppige Schwimmringe. Deshalb sehen ihre Pobacken aus wie zwei Bohnen, jede einzelne ist dreimal so breit ist wie mein ganzer Hintern. Der im Übrigen ganz passabel ist, das möchte ich mal betonen. Ihre Brüste sind massig und schwer, die rechte hängt etwas mehr als die linke, die Aureolen um die Warzen sind riesig und verschwommen, die Haut ist narbig, aber von der Anspannung ziemlich straff. Ihre Freundin ist das genaue Gegenteil, ein trockener Streifen Haut mit zig kleinen Falten wie bei einem Elefanten. Kurzhaarschnitt, jungenhafte Figur, die hatte sicher Top-Ergebnisse beim Ablegen des WSZ, das sehe ich sofort. Was früher das Wehrsportabzeichen war, sind jetzt für sie der ESB und die NWT, der Ausgleich der Mwst. und andere Abkürzungen, mit denen die beiden großzügig ihre Ausführungen darüber garnieren, was sie ihren Lieben heute früh um sechs zum Frühstück kredenzt haben. Vielleicht hat man in diesem Alter tatsächlich ein geringeres Schlafbedürfnis. Sie sind so verschieden und doch so ähnlich, mit ihren unrasierten Waden und dem erloschenen Blick. Eine junge Gazelle springt an ihnen vorbei. So eine, die du am liebsten kneifen würdest, und zwar nicht – oder zumindest nicht vorrangig – aus erotischen Gründen, sondern weil du einfach wissen willst, ob das keine Fata Morgana ist und auch kein Foto aus einer Modezeitschrift, die das clevere Studio-Management in 3D umgewandelt und mit dem Funksignal „Kommt zu uns, dann seht ihr auch bald so aus!“ ausgestattet hat. Ihr Körper hat eine gleichmäßige olivfarbene Bräune, Solarium natürlich, aber nicht widerlich; perfekt epiliert, auch an den Armen übrigens. Sich die Arme zu rasieren, finde ich so perfektionistisch, dass ich gar nicht weiß, was ich dazu sagen soll. Ein schmaler, akkurater Streifen Haar im Intimbereich – ich würde mich nicht wundern, wenn er angeklebt oder zumindest gefärbt wäre – rundet ihr Aussehen ab. Schnell wickelt sie sich in ihr Handtuch und geht die Haare föhnen, ein Blick auf ihre Brüste ist mir nicht vergönnt. Ich ertappe mich dabei, dass ich das bedauere. Doch sie ist bald zurück und rubbelt so sehr mit dem Handtuch an ihren properen Brüsten herum, dass sie noch eine Weile hüpfen wie zwei Bälle, die mit etwas Geschmeidigem und Warmen gefüllt sind. Selbst wenn es nur Silikon sein sollte, mir ist das scheißegal, es sieht natürlich und geil aus. Die Nippel stehen vor wie ein alter Klingelknopf. Sie trägt überall Cremes auf, für jedes Körperteil eine andere, schminkt sich sorgfältig, nimmt Rock und Hose vom Bügel und zieht sie an – offenbar bügelt sie ihre Sachen jeden Tag. Dass an den mittelhohen Absätzen ihrer Samtstiefel kein Schlamm klebt, unterstreicht nur meine Theorie von der Virtuosität dieses Wesens, wenn es denn echt sein sollte, der dezente Nerzmantel hüllt sie in Wärme und gibt ihr Kraft, bis zum Frühling durchzuhalten. Ich verliere mich in meinen Beobachtungen und habe noch nicht einmal angefangen, mich umzuziehen. Ich sitze da, starre vor mich hin und bedauere zwei Dinge: dass ich keine Skizzen zeichnen kann und auch nicht weiß, wie Sex im Trainingsanzug ist. Aber ich lasse meine Verzagtheit nicht über den Enthusiasmus siegen, schlüpfe in die alten Leggins und ein ausgeleiertes T-Shirt von dir – es heißt ja, wenn einem jemand fehlt, dann trägt man seine Sachen –, binde mir die Schnürsenkel zu und tipple in die Turnhalle. Mein Trainer freut sich, mich zu sehen. Ich freue mich auch, ihn zu sehen. Hin oder her, die Gesellschaft eines witzigen Mannes mit einem schönen Körper ist immer erfreulich. Ich beginne verbissen, Eisen zu stemmen. Mache Kniebeugen. Mit jedem Stoß sage ich mir die in das Metall der Hantel geprägte Zahl vor, spreche sie laut aus wie ein Kind, das zählen lernt. Und zwar auf Russisch, warum auch immer. Ich spüre, wie sich der Rest des gestrigen Alkohols verflüchtigt, irgendwann klappe ich zusammen. Mein Trainer schiebt mir Zucker in den Mund. Ich schaue mich um und stelle fest, dass diese Location während der normalen Arbeitszeit erstaunlich stark frequentiert ist. Sieht so aus, als würde in dieser Stadt kaum jemand arbeiten, und trotzdem haben alle genug Kohle, um sich ein komfortables Leben mit einem gewissen, behaglichen Luxus zu leisten.

Beim Verlassen der Umkleide haben viele rote Lippen. Sie machen ein Selfie und färben sich die Wimpern. Legen Handtücher als Teppiche aus, als würden sie festtägliche Tische mit Läufern bestücken. Ehe sie Rumba, Salsa oder sonst was tanzen, halten sie inne und schauen in den Spiegel. Zwischen all den Leuten mit speziellen Lendentüchern, verspielten Halsketten und Ohrringen ist eine Schwangere mit einem Mehr-Monats-Bauch, der sie komischerweise nicht daran hindert, in Schuhen mit Flaschenabsätzen weite Bögen zu beschreiben. Sie hat keine Angst zu fallen. Aber ich. Die Tänzerinnen schauen sich nach den Männern im Saal um, die mit ihren männlichen Spielchen beschäftigt sind: Einer bearbeitet zwei Schlagseile, dass sie sich biegen wie eine Schlange, ein anderer springt mit seinen ganzen hundertzwanzig Kilo überwiegend Muskelmasse auf einen Kasten, ein dritter hüpft um einen Tennisball herum, als hätte er einen Foxterrier-Welpen verschluckt, drei andere dreschen auf Boxbirnen ein, zwei springen Seil. Wem die Geräte nicht gefallen, der rennt einfach Runden: Hopserlauf, Trippellauf, Drehen um die eigene Achse. Sie feuern sich gegenseitig an: „Los, Jungs, hopp-hopp!“ – dann machen sie andere Spezialübungen, die so wichtig sind, als würde von ihrer Ausführung mindestens das Ende der Welt abhängen. Oder der Sieg in einem Befreiungskampf.

Ich lege mich auf eine Bank und schiebe die Hanteln zur Seite. Ich lausche auf das Knacken meiner Gelenke. Das gehört sich nicht. In dieser Location lässt man sich nicht gehen, aber ich liege einfach da und wickle meine fettigen Haare um den Finger, massiere die Stirn, kratze Schorf ab, pule den Inhalt von Poren und Drüsen unter den Nägeln hervor, die Haut brennt, und es kommt mir so vor, als würde ich mit jedem Haar, das an meinen Händen kleben bleibt, kahler und kahler werden. Ich betrachte die nicht retuschierte Blinddarmnarbe auf der Plakatwand mit dem idealen Körper, die schief geschnittenen Nägel in Großaufnahme, fast eine Makroaufnahme von Schweiß, Pickeln und Härchen, dann fixiere ich abwechselnd die Shorts einer Lolita beim CrossFit und eine behaarte Hand, die ein großes Gewicht rhythmisch bis zur schweißbedeckten Stirn stemmt. Beinahe wäre ich in Trance gefallen, aber als eine junge Frau in kanariengelben Sporthosen und eng anliegendem Top kommt, fahre ich hoch, als hätte mich die stellvertretende Schulleiterin auf der Toilette beim Rauchen erwischt. Die Kanarienvogelfrau, die mich nicht mal eines verächtlichen Blickes würdigt, dehnt sich vor der Sprossenwand, zupft ihre zweite Haut zurecht und posiert für eine Freundin, die gleich ein Foto schießt und auf Instagram stellt. Sie legt sich auch auf die Bank, stemmt allerdings sechzehn Mal die Hantel, direkt über den Brüsten, die trügerisch ihre feste und runde Form beibehalten. Über ihrem Kopf prangt ein Banner: „Programmierer – dein Traumberuf?“ Eine komische Frage, wo sie doch die blassen bebrillten Nerds keines Blickes würdigt, die in Begleitung ihrer Trainer mal zu diesem, mal zu jenem Gerät schlurfen wie Strafgefangene mit ihren Wärtern. Nirgends ist die Zeit so betörend wie hier. Wenn du auf dem Laufband von Gehen zu Laufen wechselst, hast du die Illusion, dass der Sekundenzähler die Geschwindigkeit verdoppeln müsste, aber die Minuten vergehen quälend langsam. Ich beschleunige auf 9 km/h. 179 Puls. 220 minus Alter ist erlaubt. Ich müsste noch weiter beschleunigen, aber ich steige ab, stütze schwer atmend die Hände auf die Knie – mir ist schwindelig. Ich schaue auf meine Beine, obwohl da nichts Erfreuliches zu erwarten ist, und merke erst jetzt, dass ich die Leggins verkehrt herum angezogen habe. Obwohl das bei diesen Hosen eigentlich völlig egal ist. Selbst wenn ich sie richtig herum angezogen hätte, mit den Beulen an den Knien, hätten sie die Ganzkörperanzüge mit den Comicfiguren nicht getoppt. Was soll ich denn mit diesen Hosen und dem quietschgrellen BOOM quer über dem von Natur aus üppigen Hintern? Damit aber nicht genug: Damit der Hintern noch runder wirkt, verläuft die Naht genau in der Mitte. Meine schrecklichen, ausgeleierten Trainingshosen sind nicht die geringste Konkurrenz für die Tarnfarben, Blümchen und Hanfblätter, die auf magische Weise, wahrscheinlich dank irgendwelcher kosmischer Nanofasern, die Cameltoes zwischen den Beinen ihrer Besitzerinnen verhindern. Ist das nun das Verdienst der Schamlippenkorrektur, die sie hier gleich nach den Kursen für Softwaretester und noch vor der Behandlung der übermäßigen Schweißproduktion anpreisen? Danach wird übrigens Englisch angeboten und dann weiter im Takt: Unterwäsche, Restaurant mit orientalischem Grill, Massage, vorbereitete gesunde Mahlzeiten in hippen Lunchboxen, Landhäuser der Marke DUPLEX-KHOLODNOVIDKA, in denen man nicht sterben und erst recht nicht leben möchte. Nach einer Schönheitsoperation an den Schamlippen sieht man die Welt vielleicht mit anderen Augen. Optimistischer oder so.

Die Wandspiegel befriedigen jeden Geschmack und jedes Bedürfnis: Einer macht länger, einer breiter. Eine junge Frau macht Kniebeuge mit einer Hantel, und ein junger Mann hält sie bei der Taille und bringt sie dazu, den Hintern mehr anzuspannen. Mit jedem Mal muss sie mehr Kraft einsetzen, um die Gewichte auf Schulterhöhe zu stemmen, sie schließt die Augen, verzieht den Mund und beißt sich auf die Lippen, ihren Körper bedeckt ein Glänzen von frischem Schweiß. Eine abnehmversessene, fette Marktfrau stößt mit jedem Zug tiefere Seufzer aus, die vor meinen Augen ein flimmerndes Kaleidoskop brutaler Friktionen in Gang setzen. Zwischen den Übungen führt sie Gespräche über Tampons und Proteine. Sie ist eine von den Frauen, die sich um nichts scheren, nicht mal, dass sie gleich furzt, wenn sie mit der Hantel in die Knie geht. Das Geräusch kann man immer mit einem Ausruf dämpfen, und die Gerüche vermischen sich hier so, dass man das locker auf einen anderen schieben kann wie auf den Lieblingshund, der in solchen Situationen bei Omas und Kindern herhalten muss.

Ein auf dem Fußboden abgelegtes Telefon klingelt, sein Besitzer spricht mit einer Tetjana Iwaniwna über 30 Dollar, die bar zu entrichten sind, der Typ hat ein T-Shirt an, das er in Zeiten des Eisernen Vorhangs aus dem Ausland mitgebracht hat. Die früheren Schwarzhändler und Apparatschiki sind hier als Unternehmer und pensionierte Schmiergeldvermittler wieder auferstanden.

Ich gehe zurück in die Umkleide und merke, dass mein Badeanzug muffig und feucht ist, trotzdem streife ich mir den feuchten Stoff über, stopfe die Haare unter die enge Badekappe, die mich augenblicklich zu einem Menschenfresser macht, und schiebe die Brille über die Augen. Letztes Mal hatte ich sie aufgesetzt, als du und ich zusammen schwimmen gehen wollten, es uns dann aber auf dem Weg anders überlegt und mit Freunden Party gemacht haben. Ich war so ausgelassen ob unserer Lässigkeit, dass ich die Brille aufsetzte und amüsiert die Reaktion der Passanten verfolgte. Lachen ist etwas Merkwürdiges, ich weiß gar nicht mehr, wie es meine apathischen Eingeweide früher geschafft haben, eine derartige Reaktion zu erzeugen. Von der Toilettentür dringt Seufzen und Wimmern herüber. Die Frau-die-sich-um-nichts-schert flennt an der Schulter einer schlanken Athletin, die in der unübersichtlichen Welt von Kraft und Kardio ihre Mentorin und damit auch für alle psychischen Unwägbarkeiten zuständig ist. „Ich weiß schon, das ist so ein junges Ding, die will nur ficken …“ Die gebräunte Statue mit idealen antiken Formen reicht ihr ein Tempo und streicht ihr über den Kopf – für eine Statue ist das schon ziemlich viel. Gerade hat sie erzählt, dass sie keine Pasta essen wird, wenn sie mit ihrem Liebhaber nach Italien in den Urlaub fährt. Solche Kolibris wie sie ernähren sich offenbar nur von Nektar. Jetzt zieht sie den Pelz der Auto-Lady über. Und vielleicht denkt sie zum ersten Mal darüber nach, dass er eine Familie hat und ob es stimmt, dass sie sich schon lange auseinandergelebt haben.

Die Teenager-Mädels mit den neuesten I-Phones und auffälligen Augenbrauen – meine Güte, alle haben hier Brauen, und ich habe schon von Natur aus keine – reden über ihren Knatsch mit den Eltern, die nur dann Kohle rüberschieben, wenn sie regelmäßig zu Hause sind. Davon konnten wir als Generation der Strohwaisen nur träumen. Als wir so alt waren, gab’s weder Heizung noch Strom, überall war es hundekalt, ich würde das Gefühl des Tragischen und Überfordernden von damals gern mit etwas Soldatischem, aus den Schützengräben, vergleichen. Aber das geht jetzt nicht.

Die Schwimmtrainerin liest am Tisch ein Gebetbuch. Sie kümmert sich nicht weiter um die Leute im blauen, angenehm gechlorten klaren Wasser, das in der kalten Sonne glitzert. Auf der gegenüberliegenden Seite des Gangs glänzen der Dreitagebart und die Muskeln eines Mannes, der wie ein großer Fisch nach Luft schnappt. Er berührt mich unter Wasser mit seiner Delphinhaut, und ich spüre, wie irgendwo da tief in den Hüftgelenken der Wunsch surrt, die Beine breit zu machen.

Ich gehe mit dem Kopf unter Wasser, und mich überkommt die dramatische Vision, dass in diese elitäre Location eine Bombe einschlägt. Eine einzige Wassersäule, und dann sieht man zwischen den Spritzern als Snapshot die Badehosen von Waterpolo Galicia vorbeifliegen. Ihr Besitzer ist der einzige, der versucht, das Echo zu übertönen, das vom Plätschern und Brummen der Pumpen gedämpft wird. Von seinem ganzen Wortschwall dringen nur einzelne Sätze bis in meine mit Wasser gefüllten und von der Badekappe abgeschirmten Ohren: „Ist doch traurig, dass sie das Land einundneunzig ruiniert haben! Das System war mies, aber das Land war gut!“ An die wie Rosinen im Wasser aufgequollenen galizischen Weiber zu appellieren, ist schwer. Sie versuchen es mit ein paar kümmerlichen Argumenten: „Wir wollen, dass es unsere Kinder einmal besser haben, für uns ist es schon zu spät“, fragen dann: „Was sollen wir denn machen?“ und tauchen bis zur Schulter ab, als wollten sie sich im Sand eingraben, sie reden leise, unsicher und mit einem baltischen Akzent. Eine Minute zuvor hat er ihnen noch lauthals widersprochen: „Ich finde es nicht zu spät, ich will noch ein paar Jahre mitmachen!“, springt mit seinem sehnigen Körper auf den Beckenrand wie auf eine Tribüne und zupft seine blau-gelbe Badehose zurecht – mit dem Aufdruck Waterpolo Galicia auf der rechten, bohnenförmigen Backe und einem Löwen auf der linken. Der goldene Turner an der dicken Kette baumelt auf seiner schlaffen Brust mit den silbrigen Härchen. Noch eine Minute zuvor haben die Mädels fragend mit ihren ewigen Ohrringen in den langgezogenen Ohrläppchen gewackelt und sich verbissen, als erhofften sie Rettung, an ihre Schwimmnudeln geklammert. Und plötzlich – bums – werden sie von einer kapitalen Wassersäule in die Winterluft katapultiert. Bis hinauf in den Himmel. Und da hilft auch keine Schwimmnudel.

Ich tauche auf und schnappe nach Luft, schüttele den Anblick zusammen mit dem Wasser aus meiner Schwimmbrille. Das Banner „Ruhm der Ukraine!“ – Dreizack – „Ruhm den Helden!“ nimmt die ganze Wand ein. Alles hat seinen Platz. Genauso wie die Angst in meinem Inneren, dass irgendwann wirklich etwas passieren könnte. Denn ich habe den Eindruck, dass in jedem ein kleiner Soldat sitzt, der ständig hin und her wetzt, aufspringt, jemanden auf dem Kieker hat, den Abzug spannt. Er wird zerrissen von dem Wunsch zu vernichten, und zwar nicht den Tau in der Sonne wie in der Hymne – er will aus Menschen Hackfleisch mit Augen machen.

Aber weißt du was? Ich lass mich davon nicht beeindrucken.

Für mich bist du einfach zum Surfen auf Bali – machst einen Boys Trip dahin, wo die ergriffene goldzähnige Verkäuferin von vorgestern ihre Wangen in die Sonne gehalten hat. Sollen euch doch die Ehrenamtlerinnen Orangen in Plastiktüten pressen und Ananas mit einer Machete zerteilen, ich will das gar nicht sehen. Hauptsache, es geht alles glatt. Nicht so wie bei diesem jungen Mann in unserer Nachbarschaft, der da mit seinen kaputten Beinen im Rollstuhl sitzt. Da ist vielleicht einfach die Machete bei einer harten Frucht abgerutscht oder ein Hai vom Weg abgekommen? Und die ganzen Radiosendungen, Zeitungen und Gespräche auf der Straße, die wütenden Fahrer und die Soldaten, die ihre Uniform im Urlaub nicht ausziehen, gibt es einfach nicht. Military Look ist eben in Mode. Genauso wie die Damenportepees und die Handtaschen in Pistolenform.

Das ist meine Version. Alles klar?

Ich habe mich in meinen Bademantel gewickelt und komme kaum die Treppen hoch, ständig rede ich mit dir, was du natürlich nicht hören kannst, während ich nervös an in einer Reihe rennenden Leuten vorbei schlurfe, die keinen festen Boden unter den Füßen haben. Doch sie sehen nicht konfus aus, sondern einfach konzentriert, selbstvergessen und irgendwie sogar glücklich errötet. Vielleicht weil sie die Geschwindigkeit und die Neigung des Laufbandes selbst bestimmen können und so die Illusion haben, die Exekution selbst steuern zu können, während der sich die aus dem Schweiß gewachsenen Salzkristalle zu Wülsten formen und unter dem T-Shirt Flügel wachsen wie bei einem Schmetterling.

So geht meine Geschichte. Habt ihr das alle begriffen?

Niemand beachtet mich. Und ich weiß nicht, ob sich das ändern würde, wenn ich meine Frage laut stellen würde.

„Ich werde-werde-werde-werde der allergrößte Star“, singt eine Frau mit dem Gesicht eines megalüsternen Promis aus einem alten Porno und einem nackten Oberkörper mit baumelnden Brüsten in Umkleidelautstärke. Sie winkelt die Arme an wie ein Bodybuilder während eines Wettkampfs, aber in ihrer Ausführung wirkt das bedrohlich und albern. Die Bikinihose zeichnet sich als helles Dreieck auf ihrem Hintern ab. Dauernd piept ihr Handy – Viber und Messenger überbieten sich gegenseitig. „Mein Gott, wie du dich liebst!“, ruft sie durch die ganze Umkleide ihrer Freundin in Spitzenunterwäsche zu, die wie die Anhängerin einer Sekte für die 3-D-Simulation des idealen Menschen in jedes Körperteil eine andere Creme einmassiert. Aber von dem Mustermodel am Morgen ist sie trotzdem noch himmelweit entfernt. Beim nächsten Handypiepen wird die Promifrau fuchtig: „12:08 Uhr! Um zwölf sollte ich schon geduscht haben!“

„Du wirst noch bis zum letzten Blutstropfen fighten!“, antwortet ihr das Spitzenhöschen.

„230 habe ich für den Strom bezahlt“, ruft die Bodybuilderin. Und zum Abschluss dieses nicht besonders geistreichen Dialogs zieht sie ihren Hunde-Sprenkel-Vliesanzug mit Kuschelkapuze an, schlüpft in ihre Uggs und trollt sich wirklich wie ein Hund, der sich aufs Gassi-Gehen freut.

Ich spanne meinen Hintern vor dem Spiegel an und werfe einen besorgten Blick auf den unbestellten Cellulitis-Acker.

Die Kanarienvogelfrau bekakelt mit der Fotoreporterin einen Urlaub in den Alpen. „Manchen Männern scheint der Krieg gerade recht zu kommen, dann brauchen sie keinen Brillanten zu verschenken“, schnappe ich ihre lebenspralle These auf.

„Blut? Ein Tropfen? Der letzte? Mein Güte, wo soll ich denn hier noch die Muße hernehmen, um mir die Haare zu waschen?“, frage ich mich, stülpe mir meine Mütze drüber, laufe durch die Hitze der Trockenhauben zum Ausgang und merke erst da, dass ich den Schrankschlüssel stecken lassen habe. Ich drehe mich um und gehe noch einmal zurück. Ich fühle mich wie im Vorkreis der Hölle, dem ich beim dritten Versuch endlich entkomme.

Im Vorraum isst ein glatzköpfiger junger Bulle mit der Gewissenhaftigkeit eines Schülers Reis mit Rosinen aus einer Lunchbox und spült mit einem Eiweißcocktail nach. Die Tür öffnet sich automatisch. Ein Priester und ein Messdiener treten ein und besprengen alle mit Weihwasser. Manche bekreuzigen sich, andere schrecken zurück, irgendwann gibt die junge Frau am Empfang ihnen eine Spende und klimpert mit ihren angeklebten Wimpern– unklar, ob vor Schreck oder vor Reue.