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Ein Dorf hat Angst vor dem Verschwinden. Deshalb trifft es Maßnahmen: Die bei den Touristinnen und Touristen beliebte Hecke wird gehegt und gepflegt, der Stand der Dorfkasse wird regelmäßig überprüft. Vor allem aber kümmert man sich um Pina und Lobo, denn die Kinder sind die Zukunft des Dorfes. Doch Pina und Lobo wachsen schon lange nicht mehr. Während das Dorf auf die Wachstumsschübe der Kinder wartet, beobachtet Pinas Mutter in der Arktis, wie das Eis schmilzt und Grenzen sich verschieben.
Nach ihrem gefeierten Debüt legt Gianna Molinari erneut ein eindrucksvolles Porträt über die wechselseitige Durchdringung von Natur und Kultur vor, einen Roman, der unsere Vorstellungen von Wachstum und Stillstand hinterfragt und dabei ebenso viel poetische wie politische Kraft entfaltet.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2023
Ein Dorf hat Angst vor dem Verschwinden. Darum kümmert man sich um die einzigen beiden Kinder, denn sie sind die Zukunft. Doch Pina und Lobo wachsen schon lange nicht mehr. Was hingegen beständig wächst, ist die mysteriöse Hecke am Westrand des Dorfes, die Touristinnen und Touristen von weit her anlockt. Während das Dorf seine Hecke hegt und pflegt und auf die Wachstumsschübe der Kinder hofft, befindet sich Pinas Mutter auf einem Forschungsschiff in der Arktis, und beobachtet dort, wie das Eis schmilzt und Grenzen sich verschieben.
Über Gianna Molinaris Debütroman »Hier ist noch alles möglich«:
»Ein so einzigartiger Sound, dass man weiterlesen muss.« Spiegel online
»Eine so feinfühlige wie elaborierte Parabel über Innen und Außen, Grenzziehung und Grenzüberschreitung.« NZZ
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Gianna Molinari
Hinter der Hecke die Welt
Roman
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Titel
Inhaltsverzeichnis
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Dora
Kapitel 1
Kapitel 2
Von dir als kleines Kind
Dora
Kapitel 3
Dora
Kapitel 4
Dora
Von einem Tauchgang
Kapitel 5
Kapitel 6
Dora
Von einer Expedition
Kapitel 7
Kapitel 8
Dora
Kapitel 9
Berichte aus dem Umland
Dora
Kapitel 10
Von einem Walross
Kapitel 11
Kapitel 12
Dora
Von einer Insel
Kapitel 13
Dora
Kapitel 14
Berichte aus dem Umland
Kapitel 15
Dora
Von einer anderen Insel
Kapitel 16
Kapitel 17
Berichte aus dem Umland
Dora
Kapitel 18
Dora
Kapitel 19
Dora
Von Lücken
Kapitel 20
Berichte aus dem Umland
Kapitel 21
Dora
Berichte aus dem Umland
Kapitel 22
Kapitel 23
Von einem, der auszog, einen Felsen zu bewohnen
Dora
Kapitel 24
Dora
Kapitel 25
Dank
Impressum
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Sich die Arktis vorgestellt hat sie schon oft. Dora war schon viele Male in Gedanken dort. Hat auf Eis geschaut und auf eiskaltes Wasser. Ist durch eine Landschaft gekommen, weder zu Fuß noch auf einem Schiff, sondern stets aus einer Vogelperspektive, dicht an der Land- und Meeresoberfläche. Sie war in ihrer Vorstellung eine Polarmöwe oder ein Kolkrabe, ist also als Vogel über diese Landschaft gekommen.
Sie hat von oben auch auf die gut eingepackten Ornithologinnen und Ornithologen geschaut, die sie durch extra kälteresistente Ferngläser beobachteten. Deren Interesse durch ihre Flugspanne geweckt wurde, die auf sie zeigten, mit ihren eingepackten Fingern, und sagten: Schaut euch diesen Kolkraben an. Schaut, was für ein gigantisches Exemplar seiner Gattung.
Und alle, ausnahmslos alle schauten. Es gab sonst nicht viel zu sehen. Nicht viel, das sich bewegte.
Die Eisschollen bewegen sich.
Das Land bewegt sich.
Auch das Blut, die Lunge, das Herz.
Es wurden Spuren gefunden, tiefe Furchen, die Eisberge in den Meeresboden rammten, weil sie auf Grund liefen. Meeresforschende datieren diese Spuren in die Eiszeit. Die Eisberge von damals waren Giganten. Sie hatten eine Höhe von bis zu 1200 Metern. Die Furchen, die sie zogen, sind fünfzehn Meter tief und bis zu vier Kilometer lang.
Was dort für ein Lärm geherrscht haben muss, als das Eis den Meeresboden aufriss. Was waren das für Geräusche, welche Tiere waren Zeugen?
Ein berühmter Eisberg war beispielsweise derjenige, der in den Untergang der Titanic involviert war, namenlos, vermutlich im Spätsommer oder Frühherbst 1911 in Südwestgrönland von einem Gletscher abgebrochen und nicht nach Norden in die Baffin Bay, sondern nach Südwesten gedriftet, in Richtung Südlabrador und Neufundland.
Oder der Eisberg B-15, der entstand, als er im Jahr 2000 vom antarktischen Ross-Schelfeis abbrach. Auf seiner Reise zerbrach er in mehrere Teile. Das größte dieser Teile, B‑15 A, war circa 3000 Quadratkilometer groß und circa 140 Kilometer lang und war das größte frei schwimmende Objekt, das je auf den Weltmeeren gesichtet wurde. Auf seiner Weiterreise verlor es nach und nach an Größe, es schmolz und weitere Teile brachen ab. So kollidierte es 2005 mit der Drygalski-Eiszunge und verlor beim Aufprall fünf Kilometer an Länge. Noch im selben Jahr lief B‑15 A am Kap Adare bei Viktorialand auf Grund und zerbrach Ende Oktober desselben Jahres in mehrere kleine Teile, die unter anderem als B‑15 M, B‑15 N und B‑15 P ihre Reise fortsetzten. 2018 wurde das Bruchstück B‑15 Z des Eisberges mit einem großen Riss gesichtet, und ein Astronaut schoss ein letztes Foto.
Die Nadel dreht sich orientierungslos. Je näher am Nordpol, desto unzuverlässiger zeigt der Kompass die Richtung an. Dora hat gelernt, anhand des Großen Wagens den Polarstern zu finden.
Sie wünscht sich, ein bisschen mehr Tier und ein bisschen weniger Mensch zu sein. Das Kälteempfinden eines Elches wäre nützlich. Ein Elch friert erst bei minus 40° Celsius.
Ihr scheint das Wort zu klein für dieses Tier.
E‑l-c‑h, als ob zwischen E und l oder l und c ein Buchstabe fehlte, oder viele Buchstaben.
Sie wünscht sich aus der Haut wachsende Daunenfedern und die Fähigkeit, gewisse Körperteile für gewisse Zeiten einzufrieren und wieder aufzutauen, ohne dass sie Schaden nehmen würden.
Mit Schäden an ihren Körperteilen würde Dora hier nicht weit kommen.
Manchmal schaut sie in das Eismeer vor sich und möchte, dass ein Ungeheuer durch die Oberfläche bricht, eines aus irgendeiner Sage oder Legende. Vielleicht ein Riesenkalmar.
Besser ein Ungeheuer als diese Glattheit, besser Bewegung als Stillstand. Die schnellsten Bewegungen machen Möwen und Wolken, gefolgt vom kaum sichtbaren Driften der Eisberge.
Und wenn es zu kalt ist oder zu weiß oder weit, denkt Dora an Pina.
Sie liegen tief, bedeckt von den Weltmeeren, verbinden sie die USA mit Fidschi mit Neuseeland oder Portugal mit Senegal mit Ghana mit Nigeria, Israel mit Italien, Singapur mit Indonesien mit Australien. Durch sie hindurch fließen digitale Signale, Impulse, es fließen Suchanfragen, Börsendaten, Tagesnews, Mailtexte, Stimmen, Bilder, Buchstaben, Zahlen. Die Tiefseekabel verlaufen am Grund, teilweise von Sedimenten überdeckt, teilweise gut sichtbar. Auch für Haie, die in die Kabel beißen. Und zwischen ihren Zähnen, in einer Ummantelung aus Kunststoff, mehreren Schichten von Stahlseilarmierungen, inmitten einer Wasserbarriere und eines Kupferrohrs bewegen sich in Höchstgeschwindigkeit Informationen aller Art, Nachrichten von Langeweile bis Empörung, voller Liebe und Wagemut, voller Sagbarem und Geheimnissen, voller Horror und Leid und Freuden und Glück.
Sie gleiten durch ihre angelegten Gänge, gehen ihre Wege, lassen sich nicht aufhalten, nicht von Haien oder Wellen, nicht durch Schleppnetze, Schiffsanker, Seebeben oder Kabeldiebe. Vorläufig verläuft alles ruhig.
Würden sie vertont werden, die Nachrichten, die die Tiefsee durchqueren, es würde laut sein. So laut, dass sich Wale und Kraken, Korallen und Plankton vielleicht wünschten, an Land zu sein.
Während Dora erzählt und ihre eigene Stimme aufnimmt, denkt sie an Pina, die wenig später ihre Stimme hören wird. Dora drückt auf Senden, und ihre Stimme taucht ab, schnellt am Meeresgrund durch das Tiefseekabel, trifft an Land, rast weiter, mitten in ein Dorf hinein, mit nur einer Straße, ein paar Häusern, einem Teich, einem Steg, einer Hecke, mit einer Pension, deren kaputter Schriftzug über dem Eingang verlässlich unregelmäßig blinkt. Und landet in dieser Pension, wartet auf Pina.
Wie die Hecke ins Dorf gekommen war, wusste niemand. Vielleicht war zuerst die Hecke da gewesen und erst dann das Dorf. Vielleicht wurde die Hecke zur Abwehr des Windes gepflanzt, der hier fast immer über die Dächer der wenigen Häuser zog und ohne Hecke noch wildere Wege ginge. Vielleicht wurde sie aus ästhetischen Gründen gepflanzt oder als Sichtschutz, wobei unklar blieb, welchen Blick sie hätte verbergen sollen, den Blick nach draußen ins Umland oder den Blick von dort ins Dorf.
Alle, die nicht größer waren als ein Meter fünfzig, gehörten zu den Hoffnungsträgern des Dorfes. Dazu zählten Lobo, Pina und Pilaster, der Hund des Architekten Emmerich. Wobei Pilaster nicht wirklich mitgezählt wurde, da im Dorf die Meinung vorherrschte, dass ein Hund nicht für die Zukunft des Dorfes in Anspruch genommen werden könne.
Das Dorf war sehr darauf bedacht, Pina und Lobo die Zukunft schönzureden.
Wenn der Stand der Dorfkasse es zulässt, sagten sie, dann kommt die Schule wieder ins Dorf und damit Familien, andere Kinder. Oder: Wenn der Stand der Dorfkasse es zulässt, dann bauen wir einen neuen Bahnhof, und dann reisen mehr Touristinnen und Touristen an, und du wirst die Bahnhofsvorsteherin, Pina. Esst Nüsse, Kinder, schlaft viel, euer Wachstum ist unser Wachstum.
Pina und Lobo fragten sich, ab wann ein Dorf als Dorf bezeichnet werden kann. Ein Bahnhof macht ein Dorf nicht zu einem Dorf, auch nicht ein Dorfladen oder eine Schule. Es gibt Dörfer ohne Bahnhof, ohne Dorfladen, ohne Schule.
Sie standen auf dem Hügel und hielten sich die Hände so vor das Gesicht, dass sie Teile des Dorfes verdeckten, und überlegten sich, ob das Dorf auch dann noch ein Dorf war, wenn Lobos Haus wegfiel, der Schuppen daneben oder der Steg am Teich.
Das Schrumpfen beschäftigte die Leute im Dorf im Allgemeinen. Im Allgemeinen hatten sie Angst vor dem Verschwinden. Der befahrbare Teil der Dorfstraße schrumpfte, weil das Unkraut rechts und links der Straße wucherte und sie langsam unter sich verbarg. Die Schule schrumpfte, bis sie ganz verschwunden war. Das Dorf schrumpfte. Und auch sie schrumpften. Zumindest wuchsen Pina und Lobo nicht mehr. Seit zwei Jahren nicht. Lobo war ein Meter fünfunddreißig und Pina ein Meter achtunddreißig Komma sieben groß und sie wuchsen keinen Millimeter weiter.
Was hingegen beständig wuchs, war die riesengroße Hecke am Westrand des Dorfes. Sie hielt den Wind davon ab, ungehindert ins Dorf zu kommen, und brachte stattdessen Touristinnen und Touristen herein, die die Riesenhecke bestaunten und fotografierten. Und so sehr Frau Werk von der Dorfgärtnerei Werk sich über den Müll ärgerte, den die Touristinnen und Touristen rund um die Hecke zurückließen und den sie wegräumte, so sehr war die Hecke für das Dorf die einzige wirkliche Daseinsberechtigung, ein Sichtbarsein in der Welt. In dieser Welt, die für das Dorf zumindest endlos groß und sehr weit weg war.
Die Hecke wuchs langsam, aber sie wuchs. Auf jeden Fall schrumpfte sie nicht, darüber waren sich alle im Dorf einig.
Sollte das Schrumpfen auf die Hecke übergreifen, sagte Frau Werk, dann ist endgültig Schluss. Und auch Pinas Vater Karsten war dieser Meinung. Die Hecke sei der sichere Wert des Dorfes, sagten sie. Wenn die Hecke nicht wäre, dann würden wir von der Landkarte verschwinden.
Frau Werk kannte sich am besten aus mit Hecken. Sie wusste, dass das Gehölz der Hecke sowohl Vogelnistgehölz, als auch Vogelnährgehölz war. Sie wusste, dass Hecken für die Umwelt wichtig waren. Sie bezeichnete die Hecke gerne als Wunderwerk, und wenn Touristinnen und Touristen die Hecke bestaunten und fotografierten, dann war Frau Werk stolz.
Pina stand bei der Hecke und schaute in die Nacht. Sie stand so dicht bei der Hecke, dass sie die Blätter im Nacken spürte. Vielleicht könnte das Wachsen der Hecke so auf Pina übergreifen, vielleicht müsste sie nur lange genug so stehen, lange genug warten. Hinter Pinas Rücken wurde es laut. Die Hecke raschelte, knarrte, ächzte. Ein Rauschen drang aus ihr. Wie ein Tier, dachte Pina, drehte sich um und erschrak. Dort blitzte ein Auge auf, und dort löste sich ein Teil des Tiers, flatterte in die Nacht.
Im Museum waren Seltenheiten ausgestellt. Zwar stand auf einem Schild vor dem Museum in großen Lettern DORFMUSEUM. Aber im Innern hatten die Gegenstände weit mehr mit allem rund um das Dorf als mit dem Dorf selber zu tun. Das Dorf selber trat kaum in Erscheinung. Außer im Heckenraum. In diesem Raum wurde die Hecke dokumentiert, ihr Wachstum, ihre Jahresringe, die Geschichten, die sich um sie rankten. Beispielsweise war dort auf einer ausgeleuchteten Texttafel zu lesen, dass sie als eine Art Leuchtturm gepflanzt worden sei, als Leuchtturm ohne Licht, als Orientierungspunkt in der Landschaft, damit die Menschen ins Dorf zurückfinden würden.
Es war zu lesen, dass die Hecke ein Überbleibsel eines großen Heckenlabyrinths sei oder dass die Hecke eines Morgens plötzlich dagestanden habe, wie aus dem Nichts aufgetaucht, und ihren Schatten warf.
Im Dorfmuseum befand sich eine ausgestopfte Spitzmaus.
Die Spitzmaus zählt nicht zu den Nagetieren, sagte Lobos Oma, die alle Loma nannten, sondern zu den Insektenfressern. Sie ist mehr mit einem Maulwurf verwandt als mit einer gewöhnlichen Maus, und das wirklich Interessante an diesem Tier ist, dass es im Winter schrumpft.
Mit einem Pinsel wischte sie Staub vom graubraunen Rückenfell der Spitzmaus.
Im Winter wird das Gehirn der Spitzmaus kleiner und kleiner, auch ihre Organe und Knochen, sagte Loma weiter. Und erst im Frühjahr wächst sie wieder. Sie reduziert sich selbst, um zu überleben. Stellt euch das einmal vor, Kinder. Und obwohl Pina und Lobo es nicht mochten, wenn Loma, die Leute im Dorf oder die Touristinnen und Touristen sie Kinder nannten, stellten sie sich eine ohnehin schon sehr kleine Spitzmaus vor, die kleiner und kleiner wurde.
Die Wetterlage machte den Menschen aus dem Dorf zu schaffen. Es windete praktisch ununterbrochen.
Im Dorf sei vor allem der Wind los, hatte Pinas Mutter Dora gesagt. Und dass sie das schon immer gestört habe, dass nur die Dorfstraße aus dem Dorf führe und kein anderer Weg.
An Tagen mit starkem Wind saßen Pina und Lobo bei Loma im Wohnzimmer und spielten ein Kartenspiel, das Lobo erfunden hatte und das nie ganz aufging.
Sie tranken aus kleinen Tassen Tee, wie alte Menschen, obwohl nur Loma alt war.
Ob Lobo sich vorstellen könne, so alt wie Loma zu sein, fragte Pina.
Ganz und gar nicht, sagte er, und das ging Pina genauso. Er könne sich nicht vorstellen, wie sich Falten anfühlten. Und auch das ging ihr genauso.
Obwohl Lobos Spiel nie so richtig aufging, nahm es ein wenig die Langeweile aus den windigen Tagen. Aber meistens wurde Pina auch das Spiel irgendwann zu langweilig, und sie ging durch den Wind nach Hause.
An Tagen mit starkem Wind sah die Situation bei Pina Zuhause nicht besser aus, außer dass ihr Vater keine Karten spielte, sondern ganz ausschließlich hinter der Rezeption saß und Tee trank.
An Tagen mit nur wenig Wind trugen Lobo, Pina und ihr Vater manchmal drei Sessel in den Garten hinaus mit Blick auf den Teich, saßen nebeneinander und schauten dem Schilf zu, das sich kaum bewegte, oder dem Flug einer Möwe, sahen auf die Oberfläche des Teiches, beobachteten einen Fisch, der sprang und Kreiswellen zurückließ, oder schauten einer Ente zu, die abtauchte und lange nicht mehr auftauchte, manchmal so lange nicht, dass Pina sich überlegte, ob die Ente möglicherweise durch einen unterirdischen Gang aus dem Teich bis hinter die Hecke gelangt sein könnte.
Pinas Mutter Dora lebte auf einem Forschungsboot in der Arktis. Sie sammelte dort zusammen mit einer Meeresforscherin Sedimentproben vom Meeresgrund, um daraus Informationen herauszulesen, über das Schmelzen der Gletscher, über die Veränderung des Klimas, über das Verhalten der Gletscher im veränderten Klima.
In unregelmäßigen Abständen telefonierten sie, aber oft war die Verbindung so schlecht, dass sie einander nicht hörten, und dann hielten sie die Verbindung lange aufrecht, so lange, bis meistens Dora auflegte. Vielleicht weil ein Eisbär auftauchte oder weil sie irgendwann keinen Sinn mehr darin sah, einen Lautsprecher vor sich zu haben, aus dem nur ein Rauschen drang.
In diesen Momenten wünschte Pina sich Lobos gutes Gehör. Lobo hörte Mäuse im Innern der Erde wühlen. Er hörte den Motorenlärm der Touristenbusse schon dann, wenn auf der Dorfstraße noch bei Weitem kein Bus zu sehen war. Er hörte das Flügelschlagen von Fruchtfliegen, das Klopfen von Herzen.
Er behauptete zwar, dass er nur in die Erde hinein und nicht durch die Erde hindurch hören könne. Aber immerhin hätte Pina es versuchen können, und wenn per Zufall das Magma im Erdinnern gerade stillgestanden hätte und wenn die Würmer, Schnecken, Maulwürfe, Mäuse, all die Erdtiere für einen Moment zumindest aufgehört hätten mit Buddeln und Graben und Kratzen und Schaben, dann hätte Pina Dora vielleicht hören können.
Weil sie mittlerweile wussten, dass die Verbindung ins Dorf eine unzuverlässige war, hatte Dora begonnen, Aufnahmen von sich zu machen, die Pina hören konnte, wann immer sie wollte. Und dann lauschte Pina beim Einschlafen oder an Tagen mit starkem Wind auf dem Sofa sitzend der Stimme von Dora, die von der Arktis erzählte, von der Kälte, von Eis und Eisbären oder von Pina als kleinem Kind.
Lobos Augen waren durch seine Brille hindurch sehr groß. Man hätte meinen können, dass er mit diesen großen Augen sehr gut sehen müsste, aber das Gegenteil war der Fall.
Loma sagte, dass Menschen, die gut hörten, nicht unbedingt so sehr gut sehen müssten. Wer gut hört, kommt weit im Leben.
Pina wollte im Leben auch weit kommen. Bis zur Arktis oder noch weiter.
Du warst noch keine zwei Jahre alt, als du schon ohne Hilfe die Straßenlaternen hochklettern konntest. Mit drei Jahren fingst du den größten Fisch, der je aus dem Dorfteich gezogen wurde. Du warst ein sehr außergewöhnliches Kind. Mit sechs Jahren konntest du einen Meter hoch springen, und mit sieben Jahren warst du so stark, dass Bäume in Schieflage gerieten, wenn du dich an die Stämme lehntest. Mit acht –
Manchmal träumt sich Dora ins Dorf und hinter die Hecke. Dorthin, wo die Arktis unerreichbar scheint. Dorthin, wo kaum etwas erreichbar scheint. Sie träumt sich an das Ufer des Teichs oder in den Schatten der Hecke. Sie träumt sich neben Karsten, ihre Hand in seinem Nacken, neben Loma, die eine Vitrine putzt, oder neben Pina, die in der Werkstatt sitzt und an einer Wetterfahne bastelt, die sie zuerst nicht bemerkt und dann doch und kurz erschrickt, bevor sie lächelt.
Sie kommt aus einem Dorf, das ganz und gar dem Stillstand unterliegt. In dem sich nichts bewegt, oder fast nichts. In dem das Aufregendste, was geschieht, das Wachsen der Pflanzen ist.
Im Dorf hören sie die Hecke wachsen.
Wo sie ist, gibt es kaum Pflanzen. Und auch hier bewegt sich kaum etwas.
Sie hört das knirschende Schaben des Schiffes an Eis und das klirrende Gurgeln des Wassers zwischen Schiff und Eis.
Manchmal sucht sie Bewegung in den Ecken, von denen sie weiß, dass sie bewegungslos bleiben.
Auch wenn die Temperatur auf minus vierzig Grad Celsius sinkt und selbst Elche zittern, wäre es besser für Dora, ein Elch zu sein.
Als für Dora feststand, dass auch die Dorfstraße mehr und mehr verschwand, gab sie ihre Teilnahme an der Expedition bekannt. Das Dorf war stolz. Ausschließlich alle.
Nur für ein paar Monate, sagte Dora. Sie packte Pinas Wetterfahne in Form des Teichs ein.
Dann denkst du an mich, wenn sich die Fahne dreht.
Ich denke auch sonst an dich.
Dann mit Sicherheit.
Dora hielt Pina so lange, bis die Busfahrerin hupte.
Dann rannte sie zum Bus, stieg ein, fuhr los.
