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Es ist die Zeit der großen Dirigenten und Solisten in Musikverein und Konzerthaus. Aber auch bedeutende Politiker und Kulturmanager haben ihre Rolle. Subjektiv, stets unverschleiert, aber nie ohne Augenzwinkern nimmt der Autor den Leser mit zu den großen Dirigenten und Solisten – auch mal ganz privat. Carlo Maria Giulini, Georges Prêtres, Erich Leinsdorf, Gottfried von Einem, Gennadi Roshdestwenskij, Giuseppe Sinopoli, Günter Wand, Yuri Ahronovitsch, Lucia Popp, Wolfgang Sawallisch, Eugen Jochum Das sind einige der Namen, die in dieser Zeit mit den Wiener Symphonikern arbeiten. Es geht natürlich auch um das Orchester, seine Protagonisten, die Ereignisse hinter den Kulissen in dieser Zeit und um Wien, das sich nicht immer schmeichelhaft darstellt. Der Autor, Dr. Lutz Lüdemann, Generalsekretär der Wiener Symphoniker in den Jahren 1977 bis 1988, widmet sich den Erlebnissen “hinter dem Podium”. Es geht um Geschichte als subjektives Erlebnis, leicht und locker geschrieben.
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Vorwort zur zweiten Auflage
Vorwort „Von Abbado bis Zilk“
Die Berufung
Die Wiener Symphoniker im Jahre 1977
Orchester, Dirigent und Manager Dirigent, Orchester und Manager
Manager, Orchester und Dirigent
Yuri Ahronovitsch
Thema Solisten: (Prof.) Henryk Szeryng
Wolfgang Sawallisch
Thema Solisten: Lucia Popp
Carlo Maria Giulini
Thema Solisten: Arturo Benedetti-Michelangeli
Karl Böhm
Erich Leinsdorf
Lovro von Matacic
Reisen durch Österreich
Gary Bertini
Horst Stein
Die Wiener Symphoniker in Auflösung
Sergiu Celibidache
Carlos Kleiber
Gerd Albrecht
Eugen Jochum
Christoph Eschenbach
Christoph von Dohnanyi
Thema Solisten: Friedrich Gulda
Gennadi Roshdestwenski (mit Akzent auf dem djé
)
Thema Solisten: Die Gattin des Dirigenten
Nicolaus Harnoncourt
Rindfleisch gegen Musik
Georges Prêtre
Günter Wand
„Frühling in Wien“
Heinz Wallberg
Thema Solisten: Elisabeth Leonskaja
Giuseppe Sinopoli
Thema Solisten: ... als Dirigenten
Die Bregenzer Festspiele
Das Kontrafagott – ein Minenwerfer?
Gottfried von Einem
Dokumentation: Die Dirigenten der Wiener Symphoniker
Dokumentation: Chronologie der Reisen
Es ist nun mehr als ein viertel Jahrhundert her, dass ich Wien nach elfjähriger Tätigkeit verließ. Die Rechenschaft für die Wiener Zeit erschien als Buch „Hinter Frack und Fliege“ im Jahr 2004.
Einiges in der Welt, vor allem der musikalischen, hat sich verändert. Die öffentliche Meinung hat sich vom kulturellen Ideal der bürgerlichen Gesellschaft entfernt, um so mehr gilt, diese Vergangenheit in Erinnerung zu behalten, für den Erhalt einiger, heute meist als überholt betrachteter, Werte zu kämpfen.
Die zweite Auflage des Buches über einen glänzenden Abschnitt des Wiener Musiklebens nach mehr als zehn Jahren erklärt sich außerdem in erster Linie aus der technischen Entwicklung. In dieser Form nutzen wir die Möglichkeit des eBooks mit dem Vorteil des „print on demand“ wie auch die Einrichtung des Blogs unter www.lutzluedemann.de. Hier wird das Thema als Blog im Internet zu einem Vergnügen mit dem Spiel aller Möglichkeiten des Internets. In Bild und Ton ergänzen und vertiefen damalige Dokumente den Text, so z.B. bezaubert die all zu früh verstorbene Sängerin Lucia Popp durch das Video mit der Arie der Königin der Nacht viel mehr als ein geschriebenes Wort sagen kann oder wir lernen durch die Aufnahme einer Probe die dirigentischen Geheimnisse von Eugen Jochum.
Darüber hinaus bot die neue Auflage neben der Korrektur und Abklärung einiger Fehler in Druck und Interpretation, begünstigt durch die längere Zeitspanne, die Möglichkeit zur Versachlichung und Aktualisierung.
Die damals diensthabenden Wiener Symphoniker, von denen im Zeitraum des Berichtes viel emotionale Identifizierung und Selbstvertrauen gefordert wurde, sind inzwischen in der Pension und schauen mit Recht voller Genugtuung auf ihre Leistung und mit Verwunderung auf die Nüchternheit heutiger Zeit. Warum sollte es dem Autor anders gehen?
Es bleibt die Erkenntnis einer bedeutenden Zeit mit Dirigenten, die es heute in der Vielfalt und Bedeutung nicht mehr gibt und die Einsicht, dass die Orchester noch mehr an Reife und Verantwortung gewonnen haben.
Wien liegt nicht an der Donau und die Donau ist auch nicht blau! Der berühmte Donauwalzer verdankt seine Entstehung einem lapidaren Männerchor, geschrieben zur Eröffnung des Dianabades: „Wiener seid froh, oho, wieso?“ Die Stadt selbst gleicht diese doppelte Enttäuschung wieder aus: Wien ist und bleibt die Hauptstadt der Musik.
Hier versammelt(e) sich alles, um diese Welt voller Geigen, die freundlichen Menschen, das musikverständige Publikum, die bedeutende Geschichte aktiv oder passiv – als Schöpfer, Nachschöpfer oder eben nur als Betrachter – in den schönen Mauern der hundert Jahre zurück lebenden Habsburger Hauptstadt zu erfahren.
Doch die süßen Versprechungen, die vielen Hoffnungen, vor allem der Komponisten – von Haydn bis Cerha über Mozart, Beethoven, Brahms und Bruckner bis Mahler –, erfüllten sich nicht immer. Denn Wien hüllt sich – vielleicht zu seinem Schutz – in eine gleichgültige Arroganz.
Und dennoch, die ermutigenden Worte des Grafen Waldstein von den Spuren Haydns und Mozarts, auf denen Beethoven im Südosten des Reiches zu wandeln gedachte, sind nicht umsonst gesprochen. Auch für Helfer im Hintergrund, zu denen der Autor sich zählt, ist der Anspruch der Wienerstadt eine besondere Herausforderung.
Carlo Maria Giulini, Chefdirigent der Wiener Symphoniker bis 1976, ermahnte mich beim ersten Kennenlernen, immer ein Flugticket in der Tasche zu haben. Dieses Ticket habe ich zwar nie gebraucht, die Freuden und Leiden eines Westfalen in Wien schimmern vielleicht dennoch in manchem Kapitel durch.
Keinesfalls von „A bis Z“, keinesfalls vollständig und objektiv, kann und soll die Sicht desjenigen sein, der die Wiener Symphoniker elf Jahre organisatorisch betreute.
Die beiden Namen Abbado und Zilk im Untertitel des Vorwortes stehen nicht wertend, sondern - ihren Familiennamen nutzend - als Wortspiel und Programm. Der eine, Claudio Abbado, war der Künstler, der aus der Sicht der Wiener damals wohl bekannteste Dirigent der Nachgeneration Karajans, eine zeitlang also das höchste Maß dirigentischer Qualität in der Wienerstadt. Der andere, Dr. Helmut Zilk, war der politische Mensch, zunächst als Fernsehdirektor und Ombudsmann, dann als Kulturstadtrat und Präsident des Vereines Wiener Symphoniker, Kultusminister und schließlich Bürgermeister der Stadt Wien.
Verbunden sind beide, denn Abbado verdankt seine Verpflichtung nach Wien (wie viele weitere Dirigenten) dem unermüdlichen und stets überaktiven Zilk.
Helmut Zilk repräsentiert den Bereich des kulturellen Managements und den politischen Hintergrund, den jedes Orchester haben muss. Er hat viel getan für die Symphoniker, oft auch mit gerechtem Wüten gegen falsche Emotionen, Vorurteile und Vergangenheitsverherrlichung, um das Orchester auf die neuen Zeiten, die jetzt offensichtlich angebrochen sind, vorzubereiten. In der Zeit unserer direkten (Zilk als Kulturstadtrat und Präsident des Vereines Wiener Symphoniker) und entfernteren (Zilk als Minister und Bürgermeister) Zusammenarbeit waren stets sein Tatendrang und seine Entscheidungsfreude besonders zu bewundern.
Und ein Letztes. Die Froschperspektive aus der Sicht der Lehargasse sei dem Leser nicht verborgen. Vieles sieht vom Musikverein oder Konzerthaus, von der Argentinierstraße oder vom Bodensee, den Spielstätten des Orchesters, anders aus: schlechter oder besser, bedeutender oder unwichtiger, verzerrt oder schlicht, unglaubwürdig oder wahr.
Sei’s drum, Geschichte war immer subjektiv – und unterhaltsam! Die Schlussfuge in Verdis Falstaff bedarf harter und präziser Einstudierung:
„Tutto nel mondo è burla!“ – „Alles ist Spaß auf Erden!“
Am ersten Oktober 1977 trat ich das Amt des Generalsekretärs bei den Wiener Symphonikern an. Der Amtstitel sollte Sachlichkeit, Moderne und Jugendlichkeit bei einem Orchester betonen, das sich immer noch mit „y“ und „ph“ schrieb und einen Altersdurchschnitt von 53,3 Jahren hatte. Tradition und Fortschrittsglaube in einem – der Titel eines Orchesterdirektors (wie die Vorgänger von Prof. Bartholomey bis zu Prof. Pietsch genannt wurden) galt als überholt.
Wien war nichts Neues für mich, ich studierte hier von 1961 bis 1964, schloss mit der Dissertation in Theaterwissenschaft ab und begann meinen Berufsweg 1965 beim Musikverlag Doblinger in der Dorotheergasse.
Schon das Auswahlverfahren bei den Symphonikern war ein Vorgang für sich, der das Kräftefeld der Abhängigkeiten auf das Schönste schildert. Die Symphoniker befanden sich in einem Reformrausch. Die sie nutzenden Wiener Institutionen wollten dagegen am alten Zustand so wenig wie möglich ändern, konnten sich aber dem Drängen auf Reform aus dem Rathaus und des äußerst geschickt agierenden Orchestervorstandes nach bisher mäßigen und teils rufmörderischen Erfahrungen nicht verschließen. Gemeinsam mit den Vertretern des Orchesters, die sich gern im Sinne deutscher Gewerkschaftstradition als Vorstände sahen, hatte die Stadt Wien, und besonders die Kulturstadträtin mit dem Senatsrat aus dem Magistrat der Stadt Wien als juristischem Beistand, alle an der „Sache Symphoniker“ Interessierten in ein Kuratorium berufen. Diese Ämter im Kuratorium der Symphoniker, die allzu forsche neue Wege und überhöhte Honorarvereinbarungen gegenüber der eigenen Institution zu verhindern in der Lage waren (das Kuratorium hatte u. a. den Jahresetat mit Aufwands- und Ertragsrechnung zu bewilligen), versöhnten die Konzertunternehmer am Tisch des Bärenfells.
Es saßen also folgende Wiener und österreichische Musikgrößen zusammen:
die Generalsekretäre der beiden Musikhäuser Musikverein und Konzerthaus (Prof. Moser und Prof. Weiser),
der Österreichische Rundfunk mit dem Direktor von Radio Wien (Dr. Eibegger),
die Bregenzer Festspiele mit dem Direktor (Prof. Ernst Bär),
die Wiener Festwochen mit dem Generalsekretär (Gerhard Freund),
das Kulturamt der Stadt Wien mit seinem Leiter (Hofrat Foltinek),
das Ministerium für Kultur mit dem Sektionsleiter (Dr. Temnitschka)
sowie die fünf Vertreter des Orchesters und der Syndikus (Senatsrat Dr. Schubert)
Die Leitung hatte die Stadträtin für Kultur und Vizebürgermeisterin sowie Präsidentin des Vereines Wiener Symphoniker (Fröhlich-Sandner).
Hier im Kuratorium lag der zentrale Nervenpunkt durch den das Orchester der Stadt, das Konzertorchester Wiens, gefügig und zweckgemäß gehalten (und finanziert) werden sollte: das typische starke Spiel mit der Schwäche anderer.
Die Betreiber des Wiener Musiklebens sprachen vom Orchester als Sachsubvention, als Mitglieder des Kuratoriums wiederum mussten sie höchste Erträge vorgeben. Hier also lächerlich niedrige Honorare für das Orchester, dort geschärfte Bilanzen mit möglichst hohen Eigenerträgen. Die Behörden (vor allem die Bundesregierung) konnten sich im Streit um die nötigen Förderungen bedeckt halten, hatten doch die Wiener Symphoniker allein um das Geld zu kämpfen.
Damit wäre die erste unglaubliche Geschichte fällig, die wie eine Legende in Symphonikerkreisen gepflegt wurde. Sie handelt von einer vor vielen, vielen Jahren eingestürzten Mauer im Kultusministerium (standesgemäß in einem wunderschönen, aber eben alten Palais untergebracht), die viele Akten – und besonders die ungeliebten – unter sich begrub.
Ungeliebt war vor allem ein Aktenvermerk über ein Gespräch eines damaligen Kultusministers mit einem damaligen Bürgermeister über eine Ein-Drittel-/Zwei-Drittel-Aufteilung der Subventionen für das Orchester. Ab dem Mauersturz dunkler Vorzeiten begann der Kampf der Symphoniker um die 30%ige Beteiligung des Bundes an den Kosten, und ich nehme an, er besteht heute noch, da nicht einmal der spätere Bürgermeister der Stadt Wien als Kultusminister an den eingefrorenen Beträgen etwas ändern konnte/wollte.
(Jetzt nach so vielen Jahren kommt mir die Frage auf: Hat eigentlich je einer versucht, die Akten unter dem Schutt wieder auszugraben?)
Dies alles aber war mir zu Beginn der Berufung nicht bekannt und das war gut so.
Meine Bewerbung im Januar 1977 von Köln aus – wo ich nach dem Abschluss in Wien und einer einjährigen Tätigkeit in der Chorabteilung des Hauses Doblinger in der Dorotheergasse beim WDR in der Musikabteilung seit 1966 eine interessante und alle Kräfte mobilisierende Tätigkeit gefunden hatte – stieß offenbar auf Gefallen: Man nominierte mich zunächst aus einem Kreis von dreiundfünfzig, dann aus der engen Wahl der letzten drei Kandidaten. Peter Weiser, damals Generalsekretär des Konzerthauses, kam mich zu begutachten nach Köln.
Vorher jedoch musste gemäß demokratischer Spielregeln der Vorstand des Orchesters um seine Meinung gefragt werden. Da war es ein glücklicher Zufall, dass das Orchester unter der Leitung von Carlo Maria Giulini eine Deutschland-Tournee unternahm (mit einem denkwürdigen und bejubelten Programm, das mit Schuberts Neunter Sinfonie und als Zugabe Webers „Freischütz“-Ouvertüre endete). Unser Treffpunkt war Duisburg. Dort kam ich auch mit dem Maestro und seiner Signora zusammen (s. Vorwort und Kapitel Giulini), anschließend lernte ich die gewählten Vertreter des Orchesters, Prof. Wegricht, seinen Stellvertreter und Soloflötisten Prof. Weissberg, die Herren Prof. Cermak, Weidenholzer und Roczek kennen.
Ob ich die Lektion verstand? – Spätere Ereignisse trübten sehr bald das anfangs gute Einvernehmen. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass die Vertreter der Orchester allgemein (und die der Wiener besonders, da mir ein gewählter Vertreter einmal eingestand, die Hauptaufgabe der Orchestervertreter bestehe darin, die Mitglieder des Orchesters vor Übergriffen der Direktion zu schützen!) mehr auf die Einhaltung ihrer Rechte als (wie heute üblich) auf die eigene Leistung konzentriert waren.
Meine Vorstellung danach vor einem Gremium in Wien, das in etwa dem neuen Kuratorium glich, muss ebenfalls günstig ausgefallen sein. Mit dem Justitiar des Vereines Wiener Symphoniker, Obersenatsrat Dr. Schubert (er wurde später Hofrat), wurde ein Fünfjahresvertrag ausgehandelt, später für weitere Jahre verlängert, ich war mit 39 Jahren Generalsekretär.
In dieser Beglückung, nach Wien zurückkehren zu können, mit einem der größten Dirigenten und vielen weiteren bedeutenden gemeinsam die Musik in Wien gestalten zu dürfen, machte ich meine Antrittsbesuche.
Im geheiligten Zimmer des Generalsekretärs des „K.u.k. Musikvereins“, Prof. Albert Moser (die Aura des in der Oper glücklosen Vorgängers Prof. Gamsjäger war noch spürbar), erfuhr ich dann, dass man sich zwar sehr freue, einen Deutschen für die Symphoniker gewonnen zu haben, dennoch müsse ich wissen, dass er, Prof. Albert Moser, mich nicht gewählt habe.
Nun, der zweite Besuch bei Prof. Peter Weiser in dem Konzerthaus, das aus gleichem Bürgergeist wie die Symphoniker zu Beginn unseres Jahrhunderts entstand, sollte den Gleichklang der vor uns liegenden Arbeit beschwören. Prof. Weiser meinte, ich müsse wissen, dass er mich nicht gewählt habe.
Damit war alles klar.
Gegründet just im neuen Jahrhundert und in der bürgerlichen Aufbruchsstimmung, über die Räumlichkeiten des Goldenen Saales im Musikverein und die geringen Kapazitäten der Philharmoniker hinaus mehr als nur die zehn möglichen Konzerte der Philharmoniker für Wien zu schaffen, ist und war das eigentliche Heim der Wiener Symphoniker das Konzerthaus, obwohl noch heute die Zahl der Konzerte für den Musikverein bei weitem die des Konzerthauses übertrifft. Dazu kamen die sechs Konzerte für den Österreichischen Rundfunk Studio Wien, die sommerlichen Konzerte im Arkadenhof des Rathauses, die sechs Wochen für die Bregenzer Festspiele, die traditionelle Österreichreise im Januar jeden Jahres, das Konzert „Frühling in Wien“ zu Ostern, das für den Nationalfeiertag am 26. Oktober, ein Konzert für die Kriegsblinden sowie verschiedene Tourneen, deren „Botschafter-Absicht“ es war, eine Übersee-Aktivität mit einer Tour im europäischen Ausland abzuwechseln und im Herbst immer einen bestimmten Dirigenten für eine Folge von Konzerten im Ausland zu gewinnen. Mit Recht bezeichnete der spätere Bürgermeister Dr. Zilk die Symphoniker als eines der fleißigsten Orchester, da die Zahl der Konzerte über hundert im Jahr auswies.
Die vier, manchmal auch fünf Programme en suite für den Musikverein (zwei Abonnements für die Mitglieder des Musikvereins, eines für das Publikum der Gewerkschaft, eines für die Jeunesses Musicales als sogenannte Generalprobe ohne Honorar von den Dirigenten erwartet) machten die Mühe der Einstudierung wert und erhöhten die Qualität durch die Wiederholung.
Im Konzerthaus hielt man die Abonnenten mit Doppelkonzerten und meist interessanteren Programmzusammenstellungen.
Absolut ungeliebt waren die Konzerte im ORF-Studio in der Argentinierstraße. Dies lag zum Teil am Programm und an der Aufgabe des ORF, im unbekannten und zeitgenössischen Repertoire zu arbeiten. Für die Symphoniker wiederum ein wohl abgewogenes „Stück Musik“ gegen das eigene ORF-Orchester zu erkämpfen, war Aufgabe des Musikchefs im Studio Wien. Hier ergab sich sehr bald auf Grund meiner eigenen Rundfunk-Vorgeschichte eine Gemeinsamkeit der Kreativität. Dem Musikchef des Studio Wien (Dr. Kleinlercher) und dem Generalsekretär der Symphoniker gelang trotz der geschilderten Nöte der Auflagen oft eine überzeugende Programmlinie, die sich schließlich nach längerem Lernprozess als Symphoniker-Matinee im Konzerthaus wiederfand und damit programmliche und finanzielle Vorbehalte glücklich überwand, zu einem eigenen Abonnement-System führte und für das Orchester ein Stück Eigenleben mehr eröffnete.
Dennoch, die Menge der Konzerte, deren Programme und Dirigenten eifersüchtig von den veranstaltenden Häusern gehütet wurden, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass man den Symphonikern möglichst wenig Eigenbestimmung einräumte und (vielleicht bis auf den „Frühling in Wien“) nur die „Ladenhüter“, die sonst nicht zu verkaufenden Programme, in Eigenregie überlassen hatte.
Die Kontingente der Orchesterdienste verteilten sich wie folgt:
Soweit die Fakten im Außengeschehen. Gesetzliche Grundlage des „inneren Betriebes“ für jeden angestellten Musiker waren Formulierungen in einem kleinen DIN-A6-Heftchen, „Anstellungsbestimmungen“ genannt, das jeder neu eingestellte Musiker in die Hand bekam. Dieses war nun eine wahre Fundgrube. In ständig reformerischem Geist hatte man auf der Basis der wirklich schwierigen Anfänge nach dem Krieg immer wieder Ergänzungen, Verbesserungen, eingebaut, die zum Teil vorheriger Praxis widersprachen und zum Teil unbeabsichtigte und überraschende Vorteile für die Musiker brachten. So waren z. B. die Reisezeiten notwendigerweise nach sechswöchigen Strapaz-Tourneen u.a. durch die Vereinigten Staaten neu formuliert worden. Kein Mensch wollte allerdings solche Vorteile daraus holen, dass die Bemessung eines Reisedienstes einem Konzertdienst entsprach, also auch jede neu angefangene Reisestunde über dem Zeitrahmen als Überdienst zählte. Aus Versehen offensichtlich war die erste Dienstzählung nach einer absolvierten Reise so geschehen: Man freute sich still auf der einen Seite und plagte sich seither auf der anderen Seite mit Kosten, die in die Millionen (Schilling!) gingen und den Angestellten in der Jahressumme Gehälter brachten, die denen eines deutschen Rundfunkorchesters – wie ich später feststellen konnte – entsprachen.
Auf der einen Seite war das Orchester verwöhnt: Durch die gesellschaftliche Stellung ihrer Vertreter, die Mitbestimmung im Kuratorium, den größten Anteil der Wiener Konzerte in Musikverein und Konzerthaus, die ehrenvolle Behandlung bei den Bregenzer Festspielen (obwohl das Spielen im Orchestergraben der Seebühne oft vom Repertoire, den Umständen der Kälte auf dem See und der Länge des Dienstes bei vierzehn oder mehr Vorstellungen in Grenzbereiche der Zumutbarkeit geriet), durch die Abwicklung perfekter Reisen durch Österreich, West- und Ost-Europa, USA oder Fernost.
Bei Reisen durch Österreich gefielen sich die ÖBB (Österreichischen Bundesbahnen) in Luxusreisewagen, in besonderem Service, Ankündigungen und Absagen auf dem Bahnsteig, damit jeder Österreicher wusste, hier kommen die Symphoniker im Kulturauftrag der Hauptstadt. Wenn in der Bahn einmal etwas nicht klappte, gab es einen Geiger-Kollegen und Eisenbahn-Fanatiker, der Schlüssel für alles hatte. Damit – so unterstellte man ihm – könne er die Zuggeschwindigkeit, wenn er im Cockpit neben dem Zugführer saß, ebenso beeinflussen wie die Heizkraft, Licht oder Klima einzelner Wagen. (Nur einmal „versagte“ Kollege Höffinger, siehe Kapitel Sawallisch).
In Bregenz gab es in jedem Sommer ein prächtiges Fest in der privaten Villa des Alt-Präsidenten und Symphonikerfreundes Rhomberg, im Januar bei der Österreich-Tournee wurden die Musiker in Linz, Graz, Klagenfurt und Salzburg gefeiert als „unsre Symphoniker“, nach Fertigstellung des neuen Festspielhauses in Bregenz wurde der Vorplatz als „Platz der Wiener Symphoniker“ eingeweiht. Ein Tag der „Wiener Symphoniker“ als open-house-Veranstaltungsform erstmals in Österreich durchorganisiert (im Musikverein folgte ein solcher Tag zum 80-jährigen Bestehen im Herbst des Jubiläumsjahres, im Konzerthaus dann ein Jahr später, s. auch S. 95) stellte alle Ensembles des Orchesters in Simultankonzerten vor, schuf neue Musiker-Formationen, brachte ungeahnte Talente – so z. B. den stellvertretenden Solocellisten und späteren Chef der Linzer Oper, Martin Sieghart, als Dirigenten – ans Licht und rief die ganze Bevölkerung ins Haus, das aus den Nähten zu platzen schien. Der Mut des damaligen Bürgermeisters Mayer und des Bregenzer Kulturamtsleiters Dr. Sandner zu dieser neuartigen Veranstaltung, die dann Schule machte und auch heute noch durchgeführt wird, muss gerühmt werden und verdient ein gesondertes Kapitel in dieser Chronologie.
Auf der Kehrseite der polierten Medaille jedoch – dem äußeren Glanz entsprachen zur „Freudschen Freude“ Spannungen, Komplexe und Erniedrigungen – galten die Symphoniker als das Mietorchester, mancher Magistratsbeamte meinte, seine Symphoniker beraten zu müssen (Abkanzelung des Chefdirigenten Sawallisch, den man im Rathaus respektlos Sáwallitsch aussprach, nach einer erfolgreichen USA-Tournee und nach einem Interview voller Beglückung im Rundfunk: „Das sind net ihre Semphoniker, das sind die Symphoniker der Stadt Wien!“). Die Philharmoniker taten stets das Ihre dazu, das andere Orchester klein zu halten, den Klassen- und Traditionsunterschied zu betonen, die Musiker, die sich auszeichneten, sehr bald zu übernehmen, die Dirigenten, die die Symphoniker zu Leistungen brachten, sehr bald zu ihren (wenigen) eigenen Konzerten einzuladen. Damit waren diese dann für Wien verloren. Sie hatten zwar alle zwei Jahre etwa ein „Philharmonisches“, dies war jedoch Anlass, ihnen von einem Auftritt mit den Symphonikern abzuraten. So ging es mit Karajan, Maazel, Abbado, Mehta, Giulini, Dohnanyi... Bei einigen klappte es nicht: Sawallisch, der Chef von 1960 bis 1970, dirigierte beide Orchester in Wien und strafte damit die bewusst gepflegte Wiener Orchester-Hierarchie Lügen.
An der – für die Symphoniker vermeintlich vorbildhaften – „Institution Philharmoniker“ wurden viele Grundsätzlichkeiten ausgerichtet, die vielleicht für den privaten Verein der Könige der Orchesterdemokratie möglich und richtig waren, für den öffentlich-rechtlichen Charakter eines hochsubventionierten Orchesters jedoch oft leere Prestige-Argumente waren. Dazu zählen natürlich nicht der hohe Maßstab der Qualität und des Orchesterklanges, die Arbeitsauffassung, die Probendisziplin, die Musiker-Persönlichkeiten, sondern neben Arroganz manchem Dirigenten und Komponisten gegenüber, das Honorar- und Dienstgebaren (immer wieder gern von den Vorständen der Symphoniker zitiert), die heikle Frauenfrage, die des Wiener Horns, die der Wiener Oboe, verkrustete Traditionen, die sich ein Elite-Orchester und Privatverein wie die Philharmoniker gerade noch leisten konnte, später jedoch selbst korrigieren musste.
Spannungen der Symphoniker-Kollegen untereinander, ein schwankendes Selbstbewusstsein, Neid und Fehden zwischen verschiedenen Gruppen brachten häufiger Unruhe. So auch im Fall der Nationalhymne, die wie jedes Jahr zur Eröffnung der Bregenzer Festspiele vom Dirigenten der Hausoper geleitet wurde. Diesmal brachte der Maestro eine eigene Fassung der Mozart’schen Version „Brüder reicht die Hand zum Bunde“ mit, die ja selbst schon von Schönherr für großes Orchester festlich gesetzt wurde. Die neue Fassung des Dirigenten entzündete beim ersten Durchspiel große Diskussionen, da sie „unwürdig“ erschien. Die Festspielleitung schlug sich auf die Seite des Dirigenten, das Orchester musste „fressen“, was vorgelegt war. Der Protest geschah nicht in einer klaren, die Meinung aller Mitglieder umfassenden Weigerung, nein, man handelte anonym, da man offiziell nicht wahrgenommen wurde:
Während des Festaktes, im Beisein der ganzen Bregenzer Festspielwelt, mit dem Präsidenten der Republik, Politikern aller Parteien, Regierungsvertretern aus Wien und den anderen Landeshauptstädten, geschah das Unfassliche: Zwei Geiger spielten zwei grässliche „Querstrich-Akkorde“ in die milde Bundesmusik, um so ihre Meinung über diese Hymnenversion zum Ausdruck zu bringen. Empörtes Gemurmel im Publikum vermerkte diesen Frevel. Am Schluss des Festaktes konnten die wütenden Fragen und verständlichen Drohungen höchster Politiker nur durch Versprechungen und der Versicherung seitens der Funktionäre, dass dieser Anschlag auf das Härteste zu bestrafen sei, einstweilen beruhigt werden.
Ein großer Gerichtstag wurde mit und ohne gespielten Eifer vorbereitet. Den beiden Verdächtigten jedoch konnte nichts nachgewiesen werden, Zeugen wollten nicht aussagen, obwohl (oder gerade weil?) der Vorstand in der Monate später folgenden Disziplinarverhandlung unter Leitung des Hofrates strengste Bestrafung forderte. Allerdings muss den Musikern klar geworden sein, dass dies der Anfang vom Ende hätte sein können. In den nächsten zehn Jahren meiner Beobachtung gab es keine Wiederholung einer solchen Subventionsgefährdung und Nestbeschmutzung.
Die Schlagzeile „Der neue Generalsekretär, Frauen ins Orchester“ in der Wiener Presse schuf die erste Unruhe im internen Klima. Dazu kam die ständige Belastung der Spielfähigkeit des Orchesters, da fast jeder festangestellte Symphoniker einem der vielen Ensembles verpflichtet war. Solistische Aufgaben außerhalb des Orchesters waren bei den herausgehobenen Positionen besonders zu fördern.
Der Wunsch, die Musiker, ihre Sorgen und Nöte näher kennen zu lernen, ihnen ein Aussprache-Forum zu gewähren, mit ihnen gemeinsame Lösungen zu diskutieren und zu finden, kurz, Vertrauen zu schaffen, drängte zu einer Klausurtagung des gesamten Orchesters. Es wurde im Anschluss an eine Österreich-Tournee in Stubensee bei Graz ein stiller Ort mit einem großen Hotel gefunden, eine Firma mit der Durchführung und Anleitung zu dieser Klausur beauftragt, mit dem Vorstand eine Dienstvereinbarung aufgestellt, in der „das Reden zum musikalischen Dienst“ umfunktioniert wurde, alles kalkuliert und der Präsidentin des Vereines, der damaligen Vizebürgermeisterin und Stadträtin für Kultur (Fröhlich-Sandner), vorgelegt. Eine Woche vor der Abfahrt jedoch wurden die Orchestervertreter und der Generalsekretär zum Direktor des Kontrollamtes der Stadt vorgeladen. Im Beisein der Präsidentin sollte das Unternehmen „auf dem kalten Wege“ annulliert werden, obwohl bereits alles abgesprochen und festgelegt war. „Klausur“, das klinge so modern nach Psychiater, und was das ganze Unternehmen solle! – Diese erste Prüfung bestanden Orchestermanagement und Orchestervertretung jedoch in Einmütigkeit, so dass schließlich eine Duldung zustande kam.
