Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Während sich Kommissar Wim Schneider im Harz auf Kur erholt, untersucht Kommissarin Rosalie Helmer einen zweifelhaften Selbstmord in Braunschweig. Vor allem die frischen Bisswunden an der Leiche geben Rätsel auf. Als sich im Umfeld der Kurklinik ein mysteriöser Unfall ereignet, forscht Wim heimlich nach. Obwohl beide Fälle unterschiedlicher nicht sein könnten, überschneiden sich plötzlich die Spuren, und die Ermittler stoßen bei ihrer Suche nach den Hintergründen auf tragische Frauenschicksale.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 421
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Mario Bekeschus
Hinter Liebfrauen
Niedersachsen-Krimi
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Dieses Buch enthält Darstellungen sexualisierter Gewalt.
Immer informiert
Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie
regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.
Gefällt mir!
Facebook: @Gmeiner.Verlag
Instagram: @gmeinerverlag
Besuchen Sie uns im Internet:
www.gmeiner-verlag.de
© 2023 – Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
Alle Rechte vorbehalten
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Friederike Fuchs
ISBN 978-3-8392-7576-4
Für all jene Frauen, die ein Leben führen, das sie sich nicht ausgesucht haben. Seid stark, steht auf und wagt einen Blick hinter eure Schutzmauern. Das Leben bietet so viel mehr.
Es war so dunkel, dass sie die eigene Hand vor Augen kaum erkennen konnte. Aber das war gut so, denn sie wollte nicht gesehen werden. Die Nacht sollte sie verschlucken, sie wollte verschwinden und unsichtbar sein. Niemand sollte mitbekommen, wie sie Abschied nahm. Endgültig. Abschied vom Leben.
Als sie auf ihrem Weg mit dem Oberteil an einem dornigen Gebüsch hängen blieb, kam sie ins Stolpern, strauchelte und stürzte fast zu Boden. Mit einer Hand stützte sie sich ab und stöhnte leise, kaum hörbar, auf, als sich der Schotter in ihren Handballen bohrte. Weiter, immer weiter. Sie folgte den Bahnschienen, die eine Schneise in das dichte Waldgebiet geschlagen hatten. Der Ruf eines Uhus durchdrang die Stille und ließ sie kurz zusammenzucken. Ihre Hand brannte wie Feuer, aber der Schmerz kümmerte sie nicht mehr. Kurz vor der Kurve hielt sie an und ließ sich erschöpft auf die Knie sinken. Noch einmal alle Kräfte sammeln, sich noch ein letztes Mal konzentrieren. Langsam beugte sie sich nach vorne, drückte das linke Ohr behutsam auf die Schienen und versuchte angestrengt, die Vibrationen wahrzunehmen. Nichts. Noch nichts. Nur die Rufe des Uhus und ihr eigener Atem drangen zu ihr durch. Ihr Atem, den sie noch einmal ganz bewusst spürte, bevor ihr Kontakt zur Welt da draußen endgültig abreißen sollte. Hier, genau an diesem Ort, dem perfekten Ort für Lethargie und Hoffnungslosigkeit.
Erschöpft ließ sie sich auf die Seite fallen und legte sich auf den Rücken. Über ihr die Sterne und ein abnehmender Mond. Dann schloss sie die Augen und zog den Stecker. Kapitulation.
Skeptisch schaute Alena Bukowski in den ovalen Schminkspiegel, den sie auf der Mitte ihres weißen Schreibtisches platziert hatte. Die linke Augenbraue sah beim besten Willen nicht so aus wie die rechte. Vielleicht sollte sie doch auf Kimmy hören und sich in der Drogerie eine Augenbrauenschablone kaufen. Aber wie uncool wäre das denn bitte? Es musste doch möglich sein, freihändig zwei identische Halbbögen zu ziehen. Genervt legte sie den neuen Augenbrauenstift beiseite, stand von ihrem Drehstuhl auf und griff zu ihrem Smartphone, das sie nach der Schule zum Aufladen an die Steckdose angeschlossen hatte. Ob Kimmy gerade online war? Alena stand jetzt der Sinn nach einem Chat mit ihrer besten Freundin. Gespannt öffnete sie die App und griff nebenbei in die Glasschale mit frischem Popcorn, die ihre Mutter ihr vorhin auf die Fensterbank gestellt hatte. Ob ein »Bitte nicht stören«-Schild an der Zimmertür hing oder in China ein Sack Reis umfiel, ihre Mutter interessierte das reichlich wenig. Kurz anklopfen, gleich die Tür aufreißen und vorbei war es dann mit Alenas Privatsphäre. Immerhin schmeckte das Popcorn, Kimmy allerdings war offline. Enttäuscht wechselte Alena die App und schnappte sich ihre neuen Bluetooth-Headphones. Dann halt Musik. Ihre aktuelle Playlist war der Hammer, so viel stand fest. Vorsichtig setzte sie die Kopfhörer auf, schaltete ihren Sternenhimmel-Projektor ein und verlieh ihrem Zimmer eine stylische Atmosphäre. Zufrieden schloss sie die Augen und begann, sich zur Musik zu bewegen. Erst langsam und dann immer schneller und rhythmischer, um schließlich mit dem Sound zu verschmelzen. Alena sang laut mit und hüpfte durch den Raum. So musste sich Ekstase anfühlen, ganz eindeutig! Sie drehte sich im Kreis und ihre langen blonden Haare flogen ihr um den Kopf. Dann ein Scheppern. Vor lauter Übermut hatte Alena beim Tanzen die Schüssel von der Fensterbank gefegt. Das Popcorn lag verteilt vor dem Fenster und auf dem Schreibtisch, aber wenigstens war die Schüssel heil geblieben.
»So eine Scheiße!«, fluchte Alena und bückte sich, um das Popcornchaos aufzusammeln. Aber warum darüber ärgern? Wenn das Popcorn eh schon überall rumlag … oder wie Oma Renate jetzt sagen würde: »Wenn das Leben dir Zitronen schenkt, mach Limonade draus!« Eigentlich war das doch hier die perfekte neue Story für ihren Instagram-Account. Diesen hatte sie sich heimlich angelegt, Papa war absolut dagegen gewesen. Mittlerweile hatte »AlenasWorld_BS« schon 243 Follower und fast täglich wurden es mehr. Selfie-Time! Kimmy würde Augen machen. Alena baute das Smartphone auf ihrem Handyständer auf, nahm alle erforderlichen Einstellungen beim Selbstauslöser vor und hatte für ihr gestelltes Foto ab jetzt exakt 15 Sekunden Zeit. Schnell kniete sie sich vor ihr Fenster auf den flauschigen Lammfellteppich, nahm eine Handvoll Popcorn vom Boden auf, schmiss es in die Luft, schaute zur Zimmerdecke und ließ das Popcorn auf sich hinabregnen. Es verfing sich jedoch größtenteils in ihrem Haar, ein Krümel blieb auf ihrer rechten Wange und einer am Kopfhörer kleben. Alenas Selfie-Aktion endete in einem Lachanfall. Hey, aber egal! Hauptsache, das Foto war gut. Neugierig schnappte sie sich ihr Smartphone und überprüfte das Bild. Wow! Das war sofort was geworden, und dann noch der bunte Sternenhimmeleffekt. Wahnsinn! Glücklich griff Alena zu der Haarbürste, die neben ihrem Schminkspiegel auf dem Schreibtisch lag, um sich vorsichtig die klebrigen Krümel aus dem Haar zu bürsten. Sie stellte sich an ihr Zimmerfenster und schaute in die Richtung des Braunschweiger Hauptbahnhofs. Von hier oben hatte sie einen perfekten Ausblick. Wenn das Wetter schön war, nicht so verregnet und grau wie heute, dann konnte sie bis in den Harz zum Brocken sehen. Eigentlich mochte Alena den Sommer gerne, aber nicht, wenn es ständig regnete. Seit Tagen ging das so, und sie hoffte inständig, dass sich die Sonne mit Beginn der Sommerferien in drei Wochen endlich durchsetzen würde. Gedankenversunken beobachtete sie die Busse und Trambahnen, die in regelmäßigen Abständen unter dem großen gläsernen Vordach auf dem Bahnhofsvorplatz ankamen und weiterfuhren. Passanten, die die große Kreuzung am Berliner Platz überquerten, sahen von hier oben wie kleine Spielzeugfiguren aus. Die vielen bunten Regenschirme erinnerten Alena an Stecknadelköpfe, wie sie sie aus Omas Nähkorb kannte. Morgen früh würde sie auch wieder durch das Atrium-Bummel-Center gehen, Kimmy vor dem Eingang des Hotels einsammeln und in die Tram steigen, um zur Schule zu fahren. Hoffentlich dann ohne Regen, denn das konnte sie sich mit ihren Haaren nicht leisten. Wenn da auch nur ein Hauch Feuchtigkeit dran kam, bekam sie sofort eine Krause und sah mindestens so gruselig aus wie ihre eine Nachbarin, Frau … Wie hieß die doch gleich? Alena konnte sich den Namen einfach nicht merken und eigentlich war er ihr auch vollkommen Latte. Sie sah dann jedenfalls voll peinlich aus und das ging echt gar nicht. Noch zwei, drei Popcornkrümel und dieser eine widerspenstige Haarknoten und Alena hätte es endlich geschafft. Vorsichtig nahm sie eine verklebte Haarsträhne in die Hand und widmete sich der letzten Bürstenherausforderung für heute. Mit gekräuseltem Mund und zu den Klängen der Musik bewegte sie sich vor dem Fenster und schaute zu den Türmen des Einkaufszentrums BraWoPark auf der linken Seite des Bahnhofs. Alena mochte die neuen futuristischen Hochhäuser und träumte davon, ganz bald auch einmal in der angesagten Rooftop Bar ihren ersten Cocktail trinken zu dürfen. Irgendwas mit ganz viel Deko und mindestens zweifarbig sollte er sein.
Plötzlich durchkreuzte jedoch ein Schatten Alenas Ausblick und ihre Tagträumereien. Etwas war mit einer unbeschreiblichen Wucht an ihrer Fensterscheibe vorbeigeflogen. Was war das? Was hatte für den Hauch einer Sekunde gerade ihr Zimmer verdunkelt? Dann hörte sie einen dumpfen Knall. Oh mein Gott, was war da passiert? Neugierig und mit klopfendem Herzen legte Alena ihre Haarbürste beiseite, nahm sich einen kleinen Hocker und öffnete ihr Fenster. Seit sie ein kleines Kind war, hatten ihre Eltern ihr eingetrichtert, niemals allein das Fenster zu öffnen und sich schon gar nicht hinauszulehnen. Das war hier oben im neunten Stock einfach zu gefährlich. Aber natürlich war Alena jetzt nicht mehr klein und natürlich musste sie herausfinden, was da gerade an ihrem Fenster vorbeigeflogen war. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihr breit. Zitternd beugte sie sich vornüber und schaute hinaus. Als sie auf dem Vorplatz bei den Mülltonnen einen völlig verdrehten Körper erblickte, schnellte sie sofort wieder zurück und begann, wie am Spieß zu schreien. Der Schädel war aufgeplatzt und selbst aus dieser Höhe war zu erkennen, dass eine blutige Masse gegen den blauen Altpapiercontainer gespritzt war.
Wie ein dicker Marienkäfer nach einer Bruchlandung, so fühlte Wim Schneider sich, und er war überzeugt, dass er auch genauso aussah. Rücklings lag er auf einer hellblauen Yogamatte und starrte an die Decke, an der ein paar LED-Spots angeblich warmes Licht im Raum verteilen sollten. Wim runzelte die Stirn: LED und warmes Licht, das schloss sich eigentlich gegenseitig aus.
»Stelle die Füße nun mattenbreit vor dir auf und ziehe sie in Richtung deiner Sitzbeinhöcker. Ungefähr so weit, dass du mit den Fingerspitzen deine Fersen berühren kannst. Spann deinen Bauch fest an und hebe dein Becken langsam. So aktivierst du dein Wurzelchakra und findest deine innere Mitte. Deine Hände und Unterarme liegen neben dir, sind angespannt und geben dir Halt. Wenn du magst, schließe deine Augen, um eins zu werden mit deinem Atem und mit deinem Körper. Horche in dich hinein. Welche Geschichte erzählt dir dein Körper gerade?«
Wim verdrehte die Augen und schielte zu der Uhr, die über der Tür hing. Er wollte seine innere Mitte nicht finden und bei Sitzbeinhöckern dachte er unweigerlich an Kamele. Nur noch eine Viertelstunde musste er diesen esoterischen Quatsch über sich ergehen lassen. Länger hielt er es hier auch nicht mehr aus, denn seine Unterhose kniff nicht nur im Schritt, sondern hatte sich nun auch noch in seiner Poritze verfangen. Morgen würde er diesen Yogakurs ausfallen lassen oder wenigstens auf die Unterhose verzichten. Aber ging das überhaupt? Yoga nur in Jogginghose? Dann baumelte ja alles durch die Weltgeschichte. Nein, das ging definitiv nicht. Er brauchte einen gewissen Halt da unten und außerdem tröpfelte es manchmal immer noch nach.
Der unerträgliche Geruch eines penetranten Duftöls hatte sich dank eines Aroma-Diffusers mittlerweile so im Raum verteilt, dass Wim selbst in Rückenlage schon ganz kodderig war. Wie sollte man sich da entspannen? Draußen prasselte der Sommerregen gegen die große bodentiefe Fensterfront und trennte ihn und seine Leidensgenossen von der erlösenden frischen Harzer Höhenluft. Zwei warme Hände, die sich von hinten auf seine Schulter legten, rissen ihn aus seinen Gedanken. »Magst du versuchen, dein Becken noch ein bisschen mehr anzuheben? Nur noch ein Stück, das schaffst du sicher und dein Wurzelchakra wird es dir danken.«
Wim hasste es, von fremden Personen einfach so geduzt zu werden, aber das gehörte bei dieser Yogatante wie selbstverständlich zum Programm. Er deutete ein Lächeln an und versuchte, sein Gesäß wenigstens noch ein, zwei Zentimeter nach oben zu wuchten. Widerstand war zwecklos, auch das hatte er hier bereits gelernt.
Als es zur Musik von MC Yogi endlich in die Schlussentspannung überging, seufzte Wim erleichtert. Mit einem unüberhörbaren Rumms ließ er seinen Hintern wie einen nassen Sack auf die Matte plumpsen, streckte seine Beine aus und schloss erschöpft die Augen. Shavasana!
Biggi Höfgens stand auf dem überdachten Balkon ihrer Wohnung in der Hannoverschen List und gönnte sich einen tiefen Zug Nikotin. Die Zigarette glomm vor sich hin und der Regen hörte einfach nicht auf. Für Ende Juni war es viel zu kalt. Typisch Hannover. Biggi wohnte in der falschen Stadt, ach was, sie lebte im falschen Land! Was würde sie dafür geben, jetzt am Lago di Garda an der Hafenpromenade von Limone zu sitzen und sich die warme italienische Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen. Dazu an einem Aperol Spritz schlürfen – perfetto! Stattdessen das hier. Aber ihr Rotwein aus dem Supermarkt auf der Lister Meile kam wenigstens aus Bardolino und war ein kleiner Trost. Genauso wie die italienische Sprache, die sie so sehr liebte und gerade mit Hilfe einer Handy-App zu lernen begonnen hatte. Parli italiano?
Seufzend lehnte sie sich an der rauverputzten Hauswand an, sah ihr Spiegelbild in der angelehnten Balkontür und fühlte sich zwangsläufig an einen Pandabären erinnert. Hatte sie wirklich so sehr geweint, dass ihre Wimperntusche vollständig den Geist aufgegeben hatte? Die verwischten Farbringe unter ihren geschminkten Augen ließen keinen anderen Schluss zu. Was war nur mit ihr los? Vielleicht waren es doch die Hormone? Mit Anfang 50 steckte sie mitten im Klimakterium und hatte seit Neuestem vor allem mit Hitzewallungen und Stimmungsschwankungen zu kämpfen. Und jetzt zur Krönung diese Heulattacke. Es hatte sie einfach übermannt, sie war chancenlos gewesen. Wie ein Kloß, der sich aus ihrem Herzen seinen Weg über die Luftröhre bis in ihre Kehle gesucht und ihr die Luft abgeschnürt hatte, um sich dann in einer Flut von Tränen aufzulösen. Das Weinen hatte aber auch etwas Befreiendes gehabt, ein geöffnetes Ventil für ihre angestauten Emotionen. Die letzten drei Monate waren heftig gewesen und vielleicht zeigte ihre kleine Seele ihr nun auch deshalb die Rote Karte. Erst der mehr als außergewöhnliche Fall am Braunschweiger Gaußberg und dann natürlich Wim. »Routineeingriff«, hatten die Ärzte im Vorfeld seiner Blasenoperation gesagt, und schließlich hatte es doch Komplikationen gegeben. Eine innere Blutung und entzündetes Narbengewebe. Wim hatte nichts ausgelassen, um seine Schwester Sigrid und Biggi in Aufruhr zu versetzen. Da war seine anfängliche Inkontinenz nur eine Begleiterscheinung, mit der man umgehen konnte, auch wenn diese Wim sein letztes Stückchen Ehre genommen hatte, wie er immer zu betonen pflegte. Immerhin hatte es nun doch schneller als gedacht mit der Reha geklappt und der Harz war nicht zu weit weg. Da konnten sie ihn wenigstens besuchen, und genau das hatten Sigrid und Biggi für das kommende Wochenende geplant. Nach vorne schauen, nicht zurückblicken, das sagte Biggi sich seit Tagen immer wieder, aber es beschlich sie das ungute Gefühl, dass die Zukunft noch die eine oder andere böse Überraschung für sie parat halten würde.
»Sigrid, du kannst dir dieses Affentheater hier nicht vorstellen!«
»Meine Güte, Wim, jetzt beruhige dich mal! So schlimm kann es doch nun wirklich nicht sein.« Sigrid saß auf ihrer grünen Couch im Wohnzimmer und blätterte durch einen Harz-Reiseführer, während sie Wims Wuttirade am Telefon aushalten musste. Obwohl ihr mit Blick auf die Jahreszeit eigentlich der Sinn nach einem gekühlten Getränk stand, war es nun ein Pott heißer Ostfriesentee, der neben ihr auf dem kleinen Beistelltisch dampfte und die Kluntjes zum Knistern brachte. Das, was sich da draußen Sommer nannte, ließ ihr beim besten Willen keine andere Wahl.
»Nicht schlimm? Hast du schon mal Yoga gemacht? Ich bin weder eine Katze noch ein Baum und schon gar kein herabschauender Hund!«
»So heißen die Übungsabfolgen nun mal, Wim. Und Yoga ist hervorragend für dich. Du musst deinen Beckenboden trainieren, das weißt du ganz genau. Mal ganz davon abgesehen, dass dir ein bisschen mehr Bewegung und vor allem Entspannung auch nicht schaden würden. Ist doch eine ideale Kombination.«
»Aber muss ich mich dafür von irgend so einer dahergelaufenen Shakuntala vollsäuseln lassen? Und dann diese Duzerei. Es sagt sich immer leichter ›du Arschloch‹ als ›Sie Arschloch‹! Ich mag das nicht.«
»Shakuntala?« Sigrid stutzte. Das Wort hatte sie irgendwo schon mal gehört. Oder gelesen? Eventuell in einer Fernsehzeitung?
»Ja, du hast mich ganz richtig verstanden. S-h-a-k-u-n-t-a-l-a«, buchstabierte Wim mit aufgeregter Stimme. »So nennt sich die Yogalehrerin. Und soll ich dir mal den größten Witz erzählen? Ich habe mich beim Abendessen mit Ludger schon darüber unterhalten. Shakuntala heißt übersetzt so etwas wie ›von einem Vogelpaar gehütet‹!«
»Ja, und wo ist da jetzt der Witz? Lass die Frau sich doch nennen, wie sie will. Das gehört vielleicht bei den Yogaleuten dazu.«
»Die Frau heißt Vogel mit Nachnamen, Sigrid! Vogel! Verstehst du das? Das ist doch lächerlich!«, regte sich Wim weiter auf.
»Shakuntala Vogel?«, Sigrid musste lachen. »Von einem Vogelpaar gehüteter Vogel also?«
»Nein, sie heißt eigentlich Veronika Vogel-Kumar, nennt sich aber Shakuntala, ohne Vogel und ohne Kumar.«
Sigrid hielt sich den Bauch vor Lachen. »Also ›Veronika Vogel‹ finde ich auch aus der Yogaperspektive betrachtet nicht so überzeugend wie ›Shakuntala‹. Egal ob sie noch Kumar hinten drangehängt hat oder nicht. Was ist denn das überhaupt für ein Name? Kumar?«
»Ludger meinte, dass sie – welche Überraschung – mit einem Inder verheiratet sein soll.«
»Na, das passt ja wirklich. Alle Klischees erfüllt. Und jenseits deiner Yogastunden? Was veranstalten sie denn sonst noch mit dir?«, erkundigte sich Sigrid neugierig.
»Ach, hör bloß auf! Gestern musste ich meine Hände in ein Sandbad tauchen. Hast du sonst noch irgendwelche Fragen?«, grummelte Wim.
Sigrid lachte erneut. »Ich habe Bilder im Kopf. Warum denn ein Sandbad?«
»Wegen meiner Arthrose im Daumensattelgelenk. Der Lack ist ab, Sigrid. Ich fühle mich hier wie eine Ganzkörperbaustelle.«
»Bedenke dein Alter, kleiner Bruder. Du wirst nicht jünger.«
»Nein, nur schöner! Haha! Aber mal im Ernst. So ganzheitlich hatte ich mir das hier in der Klinik nicht vorgestellt. Vormittags mache ich beim Nordic Walking mit, das ist eigentlich ganz schön, weil man hier rund um die Oberharzer Seen wunderbar spazieren gehen kann. Wenn es mal aufhören würde zu regnen, wäre es natürlich noch schöner, aber die jagen einen hier ja bei Wind und Wetter vor die Tür. Und nachmittags kann ich mich mit einem Seelenklempner unterhalten, wenn ich das möchte.«
»Ach, das mit den Seen klingt ja wirklich toll! Dann können wir am Wochenende auch spazieren gehen.«
»Wenn das Wetter denn mitspielt. Wie ist es bei dir in Helmstedt?«
Sigrid seufzte. »Hier ist es ähnlich. Regen, Regen und nochmals Regen. Aber die Wettervorhersage lässt ja hoffen. Es soll ein wenig besser werden.«
»Na ja, wenn du das sagst. Ist alles klar mit dem Hotel?«
»Ja, ist es. Biggi und ich treffen uns am Bahnhof in Goslar. Da hole ich sie mit dem Auto ab und dann fahren wir nach Clausthal-Zellerfeld ins Hotel. Von dort gibt es einen Bus, der bis zu deiner Klinik fährt.«
»Das klingt doch gut. Ich habe auch schon einen Restauranttipp von Ludger erhalten. Da war er mit seiner Frau zweimal essen, als sie ihn besucht hat.«
»Musst du nicht auch auf deine Linie achten? Du hast doch einen Ernährungsplan, oder?«, erkundigte sich Sigrid.
»Auch den habe ich, ja, verdammt!«, antwortete Wim genervt und Sigrid bereute es in der gleichen Sekunde, die Frage überhaupt gestellt zu haben. »Ich habe sogar eine persönliche Ernährungsberaterin und muss hier mein Essen in Punkte einteilen und die dann zählen. Und die Ernährungstante ist streng. Ich sage dir, die steckt mit der Yogatante unter einer Decke!«
»Vielleicht solltest du dein Tantenproblem mal mit dem Seelenklempner diskutieren, bei dem du aber garantiert noch nicht warst, oder?«, erwiderte Sigrid und grinste von einem Ohr zum anderen.
Wim lachte auf. »Bin ich irre?«
Rosalie Helmer hatte das blaue Carsharing-Auto in einer Parkbucht vor dem Nebeneingang des Braunschweiger Hauptfriedhofs abgestellt. Hier, am hinteren Teil der riesigen Friedhofsanlage, fand man in Richtung Brodweg leichter einen Parkplatz als weiter oben vor dem Hauptportal an der Helmstedter Straße. Außerdem war der Weg zum Grab von hier aus kürzer. Eigentlich war sie eine passionierte Fahrradfahrerin, aber bei so einem Sauwetter stieg auch sie mal auf ein Auto um und hatte sich kurzerhand einen Opel Adam geliehen. So konnte sie im Anschluss ein paar Einkäufe erledigen, bevor es zurück ins Büro ging. Glücklicherweise saßen sie immer noch in der Münzstraße. Rosalie mochte das alte Kommissariat in der City und vor allem die kurzen Wege. Und weil sie gerüchteweise etwas von Schimmelbildung gehört hatte, standen die Chancen gut, dass es bis zur Rückkehr in die Friedrich-Voigtländer-Straße noch eine Weile dauern würde. In der Friedhofsgärtnerei neben der Wendeschleife der Tram erwischte sie gerade noch rechtzeitig vor Ladenschluss eine Mitarbeiterin und kaufte ein kleines Gesteck. Nach der Beerdigung war dies heute Rosalies erster Gang zum Grab ihres Kollegen. Zuerst musste sie an einer Fläche mit Kriegsgräbern vorbei, das hatte sie sich damals eingeprägt, und dann rechts einen langen Weg nehmen, der fast bis zum Ende des Geländes führte. Irgendwann kam dann eine große Kastanie und gleich dahinter lag Manfred Wiegand in einem Familiengrab und hatte hoffentlich seinen Frieden gefunden. Rosalie mochte Friedhöfe und die besondere Atmosphäre, die von ihnen ausging, und so genoss sie trotz der gemischten Gefühle, die sie begleiteten, den kleinen Spaziergang. Nach ein paar Metern erkannte sie in der Ferne nicht nur die Kastanie wieder, sondern registrierte auch eine Frau, die hinter einem großen Regenschirm versteckt auf sie zuging und ihr sehr bekannt vorkam. Rosalie zog sich ihre Kapuze zunächst tiefer in das Gesicht und ein Schwall Regenwasser lief ihr am Handrücken entlang, um vom Bündchen ihrer Regenjacke gerade noch rechtzeitig aufgehalten zu werden. Ausweichen war auf diesem Teil des Weges allerdings unmöglich, das hatte Rosalie blitzschnell erfasst. Also musste sie es wohl oder übel auf eine Konfrontation ankommen lassen und schob ihre Kapuze wieder aus dem Gesicht.
Polizeikommissaranwärter Mads Johannsen hatte es sich an seinem Schreibtisch gemütlich gemacht und war stolz, ganz allein im Büro die Stellung halten zu dürfen. Seit Kurzem absolvierte er seine erste studienpraktische Zeit bei der Polizeidirektion Braunschweig und eines stand fest: Braunschweig war im Vergleich zu Nienburg, wo er an der Polizeiakademie studierte, eine Weltstadt. Drei Monate hatte er nun die Gelegenheit, endlich in der Praxis umzusetzen, was er theoretisch gelernt hatte. Das bedeutete echte Einsätze mit erfahrenen Polizisten und Action auch mal nachts und am Wochenende. Heute Nachmittag hatte es einen vermeintlichen Selbstmord bei einem Hochhaus am Hauptbahnhof gegeben und seine Ausbilderin Rosalie hatte ihn mit zur Einsatzstelle genommen. Das Bild, das sich ihnen geboten hatte, war alles andere als ansehnlich gewesen, aber Mads war darauf vorbereitet, dass echte Leichen selten so perfekt hergerichtet aussahen, wie man es aus dem Fernsehen kannte. Dennoch hatte es ihm ganz schön zugesetzt, den zertrümmerten Körper auf dem Asphalt und vor allem den aufgeplatzten Schädel live und in Farbe in Augenschein nehmen zu müssen. Fetzen von Hirnmasse klebten noch immer an einem Müllcontainer und hatten dem Regen getrotzt. Trotz des völlig deformierten Schädels hatte man anhand eines Vollbartes eindeutig erkennen können, dass es sich bei dem Selbstmörder um einen Mann handelte. Da dieser Ausweispapiere bei sich getragen hatte, war die Identität bereits geklärt und es galt nun, sich auf die Ermittlung der genauen Todesumstände zu konzentrieren. Berthold Maschke war 47 Jahre alt und in der Mauernstraße gemeldet.
Mads hatte von Rosalie den Auftrag erhalten, die familiäre Situation zu recherchieren, um etwaige Angehörige möglichst schnell informieren zu können. Außerdem sollte er die ersten Zeugenaussagen protokollieren, die sie vor Ort bereits aufgenommen hatten. Alena Bukowski hatte ihm besonders leidgetan, denn an ihrem Zimmerfenster war der Mann im freien Fall vorbeigerauscht. Zumindest hatte die 13-Jährige dies unter Tränen berichtet und war auch diejenige gewesen, die den Toten zuerst entdeckt hatte. Alenas Mutter hatte sofort die Polizei verständigt. Der Schock saß tief bei dem Teenager und Mads mochte sich gar nicht ausmalen, wie lange Alena wohl brauchen würde, um das Erlebte zu verarbeiten. Ein Hochhaus war bei Ermittlungen immer eine große Herausforderung, im wahrsten Sinne des Wortes. Mehrere Hochhäuser nebeneinander erst recht. Unzählige Menschen konnten hier aus der Anonymität ihrer Wohnungen heraus etwas beobachtet haben und Mads ahnte, dass einiges an Arbeit auf sie zukommen würde. Nach dem Einsatz hatte Rosalie ihn allein mit dem Dienstwagen ins Büro zurückfahren lassen, um nach einem kleinen Umweg über den Hauptfriedhof und einen Supermarkt später nachzukommen. Mads fand dieses Verhalten ungewöhnlich, hatte sich aber nicht getraut nachzufragen, was dahintersteckte. Rosalie würde ihre Gründe haben, da war er sicher. Sie hatte den ganzen Tag über schon nachdenklich gewirkt und irgendetwas schien sie zu belasten.
Die beiden Frauen steuerten geradewegs aufeinander zu und Rosalie hob vorsichtig den Blick, um einen Zusammenprall rechtzeitig zu verhindern. Jetzt, wo sie nur noch wenige Meter voneinander trennten, war sie sicher, dass es Manfreds Witwe war. Sie fasste sich ein Herz und machte den ersten Schritt. »Hallo, Frau Wiegand!«
Roswitha Wiegand schien erleichtert, als Rosalie sie grüßte. Vermutlich hatte sie gehofft, dass Rosalie sie zuerst ansprechen würde. »Frau Helmer, ach, das ist ja eine Überraschung!«
»Finden Sie?«, erwiderte Rosalie. »Heute ist doch Manfreds Geburtstag.«
Roswitha kämpfte mit den Tränen und zog den Schirm wieder ein bisschen tiefer, um sich nichts anmerken zu lassen. »Ja, das ist es. Wie schön, dass Sie an ihn denken.«
»Das ist doch selbstverständlich! Ich denke oft an Manfred, das können Sie mir glauben. Er fehlt mir als Kollege.« Rosalie war über ihre eigene Offenheit überrascht, behielt sie ihre wahren Empfindungen ansonsten eher für sich. Aber hier stand nicht irgendjemand vor ihr, sondern eine Frau, die ihren Ehemann verloren hatte, und das berührte Rosalie sehr.
»Dass Sie das sagen, Frau Helmer, das bedeutet mir eine Menge. Ich vermisse Manfred sehr, trotz allem, was zwischen uns war, und trotz …«, begann Roswitha Wiegand zu erwidern, bevor ihr die Stimme wegbrach und sie sich mehrfach räuspern musste.
Rosalie legte eine Hand auf Roswithas zitternde Schulter und lächelte sie sanftmütig an. »Das glaube ich Ihnen. Das glaube ich Ihnen wirklich. Ich kann nur erahnen, wie es wirklich hinter Ihrer tapferen Fassade ausschaut. Und wenn Ihnen das hilft, dann kann ich Ihnen versichern, dass Wim Schneider und Birgit Höfgens bestimmt meiner Meinung sind und mit Ihnen fühlen.«
»Das ist schön zu hören. Ach, wissen Sie, ich wollte mich die ganze Zeit mal bei Wim melden und ihm gute Besserung wünschen, aber selbst zum Schreiben einer lapidaren Genesungskarte fehlen mir Mut und Kraft. Wie geht es ihm denn? Hat er seine Operation gut überstanden?«
Rosalie dachte kurz nach. Würden Birgit Höfgens und sie den Kontakt nicht aufrechterhalten, dann hätte sie ein Vierteljahr nach dem gemeinsamen Fall am Gaußberg wohl keinen blassen Schimmer, wie es Wim Schneider heute ging. Sie hatte ihm über Biggi regelmäßig Genesungswünsche ausrichten lassen, aber er hatte sich nie bei ihr bedankt, geschweige denn sich gemeldet. Wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst war, hatte Rosalie auch Angst vor einer Begegnung mit ihm. Bis heute machte sie sich Vorwürfe, bei den Ermittlungen unprofessionell agiert zu haben. Leichtsinnig hatte sie sich selbst in Gefahr gebracht. Sie haderte mit sich und ihrem fatalen Alleingang und kam darüber immer wieder ins Grübeln.
»Frau Helmer?« Roswitha Wiegand riss Rosalie aus ihren Gedanken.
»Entschuldigung, ich war kurz abwesend. Wo waren wir? Ach so, Wim Schneider befindet sich gerade zur Kur im Harz. Er ist noch nicht dienstfähig. Aber ich habe gehört, dass es bald wieder losgehen soll mit dem Dream-Team Schneider und Höfgens. Ein kleiner Neustart sozusagen.«
»Das klingt doch gut. Grüßen Sie ihn bitte von mir und richten Sie ihm weiterhin gute Besserung aus, ja?!«, erwiderte Roswitha Wiegand fast flehend.
»Das mache ich gerne.«
Neu anzufangen war auch Rosalie nicht fremd, denn ihr Umzug von Düsseldorf nach Braunschweig war noch kein Jahr her.
»Ich muss nun leider weiter, Frau Wiegand. Es hat mich sehr gefreut. Passen Sie auf sich auf.« Rosalie hatte ihre Pflicht und Schuldigkeit getan und wollte die unangenehme Gesprächssituation nun schnellstmöglich auflösen. Sie spürte, dass ihr die Konfrontation mit der Vergangenheit nicht guttat.
»Danke, Frau Helmer, das werde ich. Ach, aber was ich Ihnen noch berichten kann. Ganz exklusiv sozusagen: Es gibt Neuigkeiten von der Villa am Gaußberg!«, sagte Roswitha Wiegand und hinderte Rosalie am Weitergehen.
Rosalie lächelte gequält. Ihr wurde gerade alles zu viel. »Ach was? Das müssen Sie mir bei Gelegenheit mal berichten, aber bitte seien Sie mir nicht böse, ich habe es eilig.«
Roswitha Wiegand nickte. »Ich halte mich auch kurz: Ein Ärztepaar aus Vechelde hat den Kasten gekauft.«
Rosalie überkam ein kalter Schauer, als erneut die Szenen auf dem Villengrundstück vor ihrem inneren Auge aufblitzten. Sie konnte die Erinnerungen nur schwer abschütteln. Für wenige Sekunden hielt sie den Atem an und es gelang ihr dieses Mal, den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen. »Noch ein Neuanfang, Frau Wiegand, das ist doch eigentlich etwas Schönes an diesem traurigen Tag, oder?«
Lali wischte sich ihre Hände sorgfältig an der rot karierten Schürze ab und griff zum Messer. Karotten, Blumenkohl, Paprika und Kartoffeln – Gemüseschnippeln beherrschte sie im Schlaf. Sehnsüchtig schaute sie zu Jadoo, dem Küchenchef, der mit einem Stift im Mund und über ein paar Zettel gebeugt an der gegenüberliegenden Arbeitsfläche stand.
»Jadoo! Was macht die Karte mit den Tagesempfehlungen?«, hallte es aus dem Gastraum durch die nur angelehnte Küchentür zu ihnen herüber. »Wir öffnen in einer halben Stunde und ich muss dein Geschreibsel noch abtippen und ausdrucken!«
»Ja doch, ich bin gleich so weit!« Jadoo strich wie wild zwei Zeilen auf einem der Zettel durch und kritzelte etwas Neues darunter.
»Jetzt wird Amal bestimmt sauer«, murmelte Lali leise vor sich hin und warf eine Handvoll Karottenwürfel in eine silberne Metallschüssel. Wenn sie doch auch nur endlich einmal an die Töpfe dürfte. Sie konnte kochen, sehr gut sogar. Das hatte sie damals in Delhi als kleines Mädchen schon gelernt, aber hier durfte sie nichts. Sie war eine simple Aushilfe und wurde als solche behandelt.
»Du brauchst nicht zu flüstern, Lali, ich höre dich! Sei still und kümmere dich um das, was man dir aufgetragen hat. Ich weiß, was ich tue, und Amal weiß, dass er den Laden ohne mich dichtmachen kann!«, zischte Jadoo überheblich und warf Lali einen strengen Blick zu. Lali drehte sich weg und widmete sich einem großen Kohlkopf. Sie fühlte sich regelmäßig ausgenutzt, vor allem von Jadoo, trotzdem war sie dankbar für diesen Job. Von ihrem mickrigen Gehalt blieb nur wenig übrig, aber es war zumindest ein regelmäßiges Einkommen. »Niemand zweifelt an deiner Kompetenz, Jadoo, ich meine ja nur, dass …«
»Lali, lass gut sein, du kennst doch unseren Star aus der Küche«, sagte Amal, der Restaurantbesitzer, und betrat die Küche. »So, Maestro, es reicht mir jetzt. Ich nehme das, was da auf dem Zettel steht, und das ist es dann, verstanden?«
Jadoo lächelte süffisant und warf sich ein Küchenhandtuch über die linke Schulter. »Von mir aus. Aber wundere dich nicht, wenn der Laden hier den Berg runtergeht. Du bremst mich in meiner Kreativität aus.«
»Hier geht nichts den Berg runter, höchstens den Bach, und ich bin mir sicher, die Leute werden dein Essen wie immer lieben. Das Mumbai Palace hat heute Abend kaum noch freie Tische«, erwiderte Amal und klopfte seinem Koch auf den Rücken. »Also, ich gehe dann mal ins Büro. Bis gleich.«
»Was glotzt du so blöd?«, ranzte Jadoo in Richtung Lali, als die beiden wieder allein waren.
Lali biss sich auf die Lippen und schaute betreten auf ihr Schneidebrett. Sie hatte gelernt, dass es jetzt besser war, einfach den Mund zu halten und sich in Demut zu üben, doch ehe sie es sich versah, stand Jadoo plötzlich hinter ihr und hatte sie im Nacken gepackt. Reflexartig zog Lali die Schultern hoch, um dem schmerzhaften Griff etwas entgegenzusetzen. Sie spürte, wie Jadoo sich von hinten ihrem Ohr näherte, und Ekel überkam sie, als er mit seiner feuchten Zungenspitze in ihre linke Ohrmuschel eindrang. Jetzt bloß nicht bewegen.
»Wenn du mir noch ein einziges Mal kluge Ratschläge gibst, dann bringe ich dich um. Hast du mich verstanden?«, wisperte Jadoo, packte Lali und streifte deren rechte Brust, als er ihr die Spitze seines Zeigefingers zwischen die Rippen bohrte. Lali erstarrte für einen Moment, bevor sie zu zittern begann. Nur zu einem kurzen Nicken ließ sie sich hinreißen.
»Gut, geht doch, kleine Lali, mach jetzt weiter, sonst schneide ich dir mit deinem Messer die Nippel ab und verarbeite sie zu Curry, verstanden?« Jadoo gab Lali einen heftigen Stoß, sodass sie mit ihren Beckenknochen gegen die Arbeitsplatte knallte. Nur mit Mühe konnte sie sich rechtzeitig abstützen und verhinderte so, mit dem Oberkörper im angeschnittenen Kohl zu landen. Einige Kohlblätter fielen dennoch zu Boden und Lali schlug die Hand vor den Mund, um nicht laut aufzuschreien.
»Jetzt sieh, was du angerichtet hast, du Schlampe!« Jadoo bückte sich nach einem der Kohlblätter, packte Lali am Oberarm und drehte sie rabiat zu sich um. Mit aufgerissenen Augen starrte sie in sein wutverzerrtes Gesicht. Nichts als blanker Hass kam ihr entgegen. Mit aller Kraft presste Jadoo das Kohlblatt gegen Lalis geschlossenen Mund. »Hier, friss das! Oder willst du meinen Gästen die Reste vom Küchenboden servieren?«
»Jetzt reicht es aber! Was ist hier los?« Amal war zurückgekommen und stand mit hochrotem Kopf im Türrahmen. »Lass das Mädchen in Ruhe. Sie hat dir nichts getan, verstanden?«
Jadoo schubste Lali erneut, ließ dann aber von ihr ab, ging wutentbrannt zur Hintertür und schnappte sich ein Päckchen Zigaretten, das er auf einer Dose Kichererbsen im Vorratsregal deponiert hatte. »Ach leckt mich doch, alle beide!«, fluchte er vor sich hin, bevor er polternd im Innenhof verschwand.
Schlaftrunken tastete Wim in der Dunkelheit seines Klinikzimmers nach dem Schalter seiner Leselampe und erwischte stattdessen ein halb volles Glas Wasser auf dem Nachttisch. Dieses kippte nicht nur um, sondern ergoss sich im Schwall auf sein Kopfkissen. Na, wunderbar, der Tag begann ja großartig! Seine Schädeldecke drohte zu platzen und ein ihm nur zu gut bekanntes schrilles Piepen raubte ihm den letzten Nerv. Beim zweiten Anlauf gelang es ihm endlich, das Licht einzuschalten. Der Schein der matten 40-Watt-Glühbirne blendete ihn dabei so sehr, als schaute er geradewegs in die pralle Mittagssonne. Das Licht ermöglichte ihm aber auch, den nervtötenden Wecker mit einem gezielten Handkantenschlag zum Schweigen zu bringen. Vermutlich für immer.
Wim versuchte, seine verquollenen Augen weiter zu öffnen, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen, während er sich mühsam in seinem Bett aufrichtete. Die letzten grauen Haare auf seinem Schädel standen in alle Himmelsrichtungen ab und ein Träger seines weißen Feinripp-Unterhemds war ihm von der Schulter gerutscht. Anscheinend hatte er es nicht mehr geschafft, seinen Pyjama anzuziehen. Dafür lagen seine Klamotten im Zimmer verteilt auf dem Fußboden und eine Socke hing über der Armlehne seines braunen Lesesessels am Fenster. Die Zunge fühlte sich pelzig und trocken an und Wim konnte an seinem eigenen Mundgeruch ausmachen, dass er eine Fahne hatte. Totalabsturz! Anders konnte er sich dieses Chaos und seinen Brummschädel mit allen körperlichen Begleiterscheinungen nicht erklären. Und Ludger hatte Schuld! Wim versuchte, sich zu erinnern. Nach dem Abendessen hatte er sich mit seinem neuen Islandkrimi zurückgezogen, um ganz in Ruhe zu schmökern. Der frühe Therapiebeginn jeden Tag – zum Beispiel Morgengymnastik mit der immer fröhlichen Gudrun vor dem Frühstück – erforderte ein pünktliches Schlafengehen. Und dann hatte es an Wims Zimmertür geklopft. Eigentlich wollte er jede Form der Kontaktaufnahme seiner Mitpatienten ignorieren, denn Wim hasste die meisten Menschen sowieso und auf die Krankengeschichte der anderen hatte er erst recht keine Lust. Nach einem zweiten Anklopfen hatte aber seine Neugier gesiegt. In einem grauenvoll gelben Rollkragenpullover hatte Ludger vor Wims Zimmer gestanden, in der einen Hand ein Kartenspiel, in der anderen Hand eine Einkaufstüte. Wim fühlte sich bei Ludgers Anblick stets an einen übergewichtigen Kanarienvogel erinnert. Einen in die Jahre gekommenen, übergewichtigen Kanarienvogel. Grinsend hatte Ludger die Tüte aufgehalten und Wim aufgefordert, einen Blick zu riskieren. Harzer Schnaps: gleich zwei Sorten. Wim erinnerte sich, wie ein Hitzeschwall beim Anblick der beiden Flaschen seinen Körper durchströmt hatte und ihm gleichzeitig ganz schwer ums Herz geworden war. Keinen Tropfen Alkohol hatte er seit der Operation mehr getrunken, nicht mal einen klitzekleinen Ouzo. Wenn er Oma Inge in der Ahnengalerie seines heimischen Wohnzimmers nun zuprosten wollte, dann tat es auch ein Tee oder notfalls sogar Wasser. Fencheltee hatte Oma Inge fast täglich getrunken, und so wäre sie damit sicher auch einverstanden gewesen. Das wohlige Gefühl bei dem Spruch »Prost, Gemeinde, ich trinke für euch alle« hatte sich nach dem viel zu langen Krankenhausaufenthalt jedoch noch nicht wieder bei Wim eingestellt. Vielleicht war doch der Tee daran schuld? Es gab sie, diese quälenden Tage, an denen Wim das Brennen in der Kehle und den markanten Geschmack von Anis einfach vermisste. Und dann war die Gelegenheit gestern Abend plötzlich da gewesen. Kein Ouzo, aber ein feines dunkles Destillat aus Harzer Kräutern. Schnaps brennen konnten die im Harz, vor allem im Osten. Nach kurzem Hadern hatte Wim der Versuchung einfach nicht widerstehen können, Ludger in sein Zimmer gebeten, schnurstracks zwei Gläser aus der Teeküche geholt und dann hatten sie Karten gespielt und gebechert. Nein, sie hatten gesoffen und darüber irgendwann auch das Kartenspielen vergessen. Daran gab es nichts schönzureden. War das jetzt ein Rückfall? Würde das tägliche Verlangen ihn wieder heimsuchen? Darüber musste er sich später Gedanken machen, denn ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass er nur noch zehn Minuten Zeit hatte, um pünktlich im Gymnastikraum zu erscheinen. Wie sollte er das nur schaffen?
In Biggis Schlafzimmer herrschte das reinste Chaos. In aller Herrgottsfrühe hatte sie den mittleren ihrer drei Koffer vom Dachboden geholt, denn an Schlaf war dank ihrer umtriebigen Nachbarin Jutta nicht zu denken gewesen. Der Geräuschpegel ab 03.30 Uhr von nebenan erinnerte an die Abschlachtung eines Meerschweinchens und Biggi versuchte, den Bildern, die sich in ihrer Fantasie formten, keinen Raum zu schenken. Jutta von hinten, Jutta von vorne, Jutta von der Seite. Nein, nein, nein, raus aus dem Kopf damit. Vermutlich half da eine Zigarette. Biggi kletterte über den halben Inhalt ihres Kleiderschranks, den sie auf dem Fußboden sowie auf ihrem Bett verteilt hatte, und taperte müde in die Küche. Während sich ihr Körper beim ersten Zug an der Zigarette mit einem Hauch von Glücksgefühlen bedankte, überlegte sie krampfhaft, was sie für den Harz einpacken sollte. Ein hartnäckiges Regentief im Sommer, aber mit Tendenz zum Aufklaren und das alles in einem Mittelgebirge, wo es immer locker ein paar Grad weniger waren als hier. Biggi raufte sich die Haare und entschied sich, erst mal bei Cassensmeier anzurufen, den Chef konnte man um diese Uhrzeit schon behelligen. Ihren Urlaub würde sie einen Tag vorziehen, sie hatte die Schnauze gestrichen voll und keine Lust mehr, sich immer wieder pflichtbewusst ins Büro zu schleppen, es dankte ihr ja sowieso niemand. Selbst nachdem sie den Gaußberg-Fall gelöst und eine enorme Medienresonanz erfahren hatten, hatte Cassensmeier es nicht für nötig gehalten, sie wieder dauerhaft an Bord zu holen. Sie war jetzt zwar nur noch mit der Hälfte ihrer Arbeitszeit an das Einbruchsdezernat ausgeliehen, aber ohne Wim war das alles eh kein Zustand. Und sich innerhalb der Polizeidirektion Hannover zwischen zwei Organisationseinheiten zerreiben lassen zu müssen, war auch kein Geschenk. Biggi spürte, wie ihr Brustkorb sich zuschnürte, und dann war er plötzlich wieder da, dieser Kloß im Hals.
»So, Wim, hast du nach dem Frühstück noch etwas gegessen?« Shakuntala trug zu ihrer weißen Hose ein weißes Poloshirt mit Kliniklogo und Namensschild und hatte ihre dunkelbraunen Haare kunstvoll hochgesteckt. Passend zu ihren Ohrsteckern baumelte eine auffällige goldene Kette um ihren Hals. Neugierig schaute sie Wim an und inspizierte ihren Patienten von oben bis unten, als er in seinen dunkelblauen Bademantel gekleidet den Behandlungsraum betrat. Wim hingegen dachte bei Shakuntalas Anblick darüber nach, ob ihre Frisur nicht ideale Nistvoraussetzungen für ein Vogelpaar bieten würde, der Name war halt Programm.
»Nein, natürlich habe ich nichts mehr gegessen. Das ist ja wie im Gefängnis hier – wenn ich keine Haftverlängerung aufgedrückt bekommen will, dann muss ich mich wohl an die Regeln halten, oder?«
»So ist es, mein Lieber«, erwiderte die Yogalehrerin amüsiert, die heute ihre Funktion als Klangtherapeutin ausübte. »Es geht mir aber auch darum, dass dein Körper jetzt nicht mit der Verdauung beschäftigt ist, wenn ich die Tonpunktur an dir durchführe.«
»Die was? Ich dachte, es geht hier heute um die Regenerierung meines Blasensystems? Arbeitest du nicht mit Hand auflegen oder irgendetwas anderem aus deiner Trickkiste? Warme Wickel oder feuchte Umschläge?«
Shakuntala lächelte. »Also auf deinem Therapieplan steht die Tonpunktur und du wirst dich wundern, wie gut es dir und deiner Blase danach gehen wird. So, und nun zieh bitte deinen Bademantel aus und lege dich hier auf die Behandlungsliege.«
Wim seufzte, löste den Knoten seines Bademantelgürtels, drehte sich kurz weg und testete mit der Hand vor dem Mund noch einmal schnell und heimlich seinen Atem. Die Mundspülung hatte ihre Schuldigkeit getan und die Überbleibsel eines Pfefferminzdrops, den Wim unter seiner Zunge immer kleiner werden ließ, erledigte den Rest. »Auf den Rücken oder auf den Bauch?«, fragte er nach.
»Auf den Rücken. Ich werde nun über die Bauchdecke mit meiner Stimmgabel dein Blasensystem therapieren.«
Wim rutschte mehrfach auf der Liege hin und her, um die richtige Position zu finden, und beobachtete dabei, wie Shakuntala eine ziemlich große Stimmgabel aus einem Regal nahm. Wollte diese Person ihn abstechen? Das, was sie da in der rechten Hand hielt und nun mit einem Schlag auf den Oberschenkel zum Schwingen brachte, erschien ihm dafür absolut geeignet. Überhaupt war dieser Raum voller merkwürdiger Gerätschaften. Diverse goldene Schalen standen in sämtlichen Größen auf extra dafür vorgesehenen Samtkissen in einem Regal und daneben hingen verschiedene Holz- und Gummiklöppel an der Wand. In zahlreichen Holzkästchen, die vermutlich aus Präsentationszwecken alle aufgeklappt waren, glänzten Kugeln mit asiatischen Schriftzeichen und links von sich konnte er weitere Stimmgabeln erahnen. Esoterische Folterinstrumente, daran bestand kein Zweifel! Wim beschlich eine innere Unruhe.
»Entspanne dich, Wim. Am besten schließt du nun die Augen, lauschst den Klängen der Musik und versuchst, ganz ruhig zu atmen. Ich habe deine interessierten Blicke wahrgenommen und erkläre dir gerne im Anschluss noch die vielen tollen klangtherapeutischen Angebote. Jetzt wollen wir dich aber erst mal zum Schwingen bringen.«
Wim tat widerwillig, um was diese Person ihn gebeten hatte, und schloss die Augen. Von dem Gefühl der Entspannung war er allerdings noch meilenweit entfernt. Dafür war ihm die Situation, in der er sich befand, nicht geheuer genug.
»Ich werde die schwingende Stimmgabel nun sanft auf jeder Fingerkuppe und anschließend an jedem deiner Zehen aufsetzen. Du wirst dann eine angenehme Vibration spüren, die sich über deine Arme und Beine ausbreitet.«
»Tu, was nötig ist«, grummelte Wim und nahm wahr, wie Shakuntala nach seiner linken Hand griff und die Stimmgabel am kleinen Finger ansetzte. Das anfängliche Kribbeln fühlte sich ungewohnt an, aber dann war es tatsächlich angenehm. Wim war überrascht.
»Und das hilft mir jetzt mit meiner Blase, oder wie?«
»Ja, genau. Die feinen Schwingungen, die sich gerade in deinem Körper ausbreiten, beleben deine Zellen, unterstützen ihre Regeneration und bringen sie wieder in Harmonie. Die Frequenzen werden dabei auf deinen Körper übertragen. Ich fange immer zuerst mit den äußeren Gliedmaßen an, um eine Grundschwingung zu erzeugen und meine Patienten an die Phonophorese zu gewöhnen. Ich schwinge dich sozusagen ein«, erklärte Shakuntala konzentriert.
»Aha, was es nicht alles gibt«, murmelte Wim. Die Vibrationen hatten mittlerweile zweifelsfrei seinen linken Oberarm erreicht.
»Ich werde die Stimmgabel als Nächstes auf weiteren Körperzonen und Akupunkturpunkten aufsetzen, um möglichst im ganzen Körper harmonische Schwingungen über Muskeln, Gelenke, Knochen und in deinem Fall besonders über Organe und Chakren zu leiten.«
Wim ließ die weiteren Erklärungen seiner Therapeutin unkommentiert, denn sosehr er sich innerlich gesträubt hatte – eine ihm gänzlich unbekannte Form der Entspannung machte sich langsam, aber sicher in ihm breit und er war dabei, in das Reich der Träume abzudriften.
Ludger Pohl hatte es sich im Ruheraum bequem gemacht und blätterte entspannt durch ein Automagazin. Trinkfest war er, der Wim. Mein lieber Scholli, so einen Kater hatte Ludger lange nicht gehabt. Die Massage hatte ihm gutgetan, aber gegen seine Kopfschmerzen halfen wohl nur ein bis zwei Tabletten. Gut, dass Erika nicht da und Hildesheim auch weit genug entfernt war. Ludger genoss seine Kur in vollen Zügen und hoffte inständig auf eine Verlängerung. Nicht nur, dass es ihm nach seiner Prostataoperation von Tag zu Tag besser ging, er hatte endlich mal Urlaub von zu Hause. Klar, es gab hier und da auch Regeln und Pläne, an die man sich halten musste, aber waren Regeln nicht auch da, um sie hin und wieder zu brechen? Und dann gab es hier ja auch einiges zu gucken. Gehörte ein Kurschatten nicht zu einer Kur wie die Hexe auf den Brocken? Ausgerechnet die exotische Shakuntala – und nicht eine der Patientinnen – hatte es ihm besonders angetan. Die Latte für ein Tête-à-Tête lag allerdings sehr hoch. Trotzdem, wann immer Ludger konnte, versuchte er, Anwendungen bei ihr zu ergattern, und freute sich schon auf die Klangschalenmassage, die Shakuntala ihm heute Nachmittag verabreichen würde. Wer wusste schon, was da noch alles klingeln und klängeln würde? Auf jeden Fall würde er versuchen, mit ihr ein nettes Gespräch zu führen, um noch mehr über seine Angebetete herauszufinden. Dass sie eigentlich in Braunschweig wohnte, hatte sie ihm bereits erzählt. Dass sie nur tageweise auf Honorarbasis in der Klinik arbeitete, um ihrer Freundin, der Klinikchefin, einen Gefallen zu tun, ebenfalls. Hier im Oberharz geeignete Fachkräfte zu finden, war eine große Herausforderung für die regionalen Unternehmen und es herrschte überall Personalmangel. Das war ja allgemein bekannt. Hauptberuflich war Shakuntala die Inhaberin einer Yogaschule in der Braunschweiger Innenstadt. Und dass sie mit einem Inder verheiratet war, das hatte Ludger von diesem ominösen Doppelnamen abgeleitet. Da musste man nicht indiskret fragen. Kumar war ein indischer Familienname, so viel hatte er schon gegoogelt. Auf der Homepage der Yogaschule wurde Shakuntalas Alter mit 49 Jahren angegeben. Damit war sie zehn Jahre jünger als Erika, die zudem 20 Jahre älter aussah. Ludger war stolz auf seine bisherigen Rechercheergebnisse. Wenn er nicht weiterkam, dann würde er Wim einbinden, denn ein Kriminalhauptkommissar hatte ja noch mal ganz andere Fähigkeiten. Da sie heute Nacht mehrfach auf Bruderschaft und auf das Leben getrunken hatten, würde Wim ihm garantiert helfen, wenn es darauf ankam.
Als die Wärme des Ruheraums seine Lider schwer werden ließ, legte Ludger das Magazin auf seinem Bauch ab, schloss zufrieden die Augen und gab sich der Fantasie einer ausgiebigen Einzelstunde bei Shakuntala hin.
Anne Thormeyer nahm eine krosse Scheibe Vollkorntoast aus dem Brotkorb, legte sie auf ihr Frühstücksbrettchen und bestrich sie mit einer ordentlichen Portion Erdbeermarmelade. Auf Butter oder Margarine verzichtete sie gänzlich. Heute musste sie erst zur dritten Stunde in der Schule sein, und so ergab sich die seltene Gelegenheit eines gemeinsamen Frühstücks mit Rosalie.
»Wann musst du denn los?«, fragte Anne ihre Freundin.
Rosalie legte die Braunschweiger Zeitung beiseite und schaute auf das Display ihres Handys. »Erst in 20 Minuten. Ich hab’s ja nicht weit. Zeit genug also, dir mindestens noch hundert Küsse aufzudrücken.« Rosalie grinste und beugte sich zu ihrer Freundin über den runden Küchentisch.
»Ach, du bist süß«, erwiderte Anne und streckte Rosalie den Kopf entgegen.
Drei Monate nachdem die beiden Frauen sich bei den Ermittlungen zum Gaußberg-Fall kennengelernt hatten, waren sie noch immer frisch verliebt und verbrachten jede freie Minute zusammen. Anne war von Rosalies kleiner Wohnung im Magniviertel und von dem Fachwerkflair mit den schiefen Türen, niedrigen Decken und den vielen dunklen Holzbalken total begeistert. Rosalie hingegen schätzte die frische Landluft in Annes Wohngegend am Rand von Alt-Lehndorf und den Blick auf die Pferdekoppel, den man aus Annes Schlafzimmer hatte. Somit standen sie hinsichtlich ihres gemeinsamen Domizils regelmäßig vor der Qual der Wahl. Gestern war die Entscheidung zugunsten des Magniviertels ausgefallen, so konnte Rosalie auch zu Fuß zur Münzstraße gehen, selbst wenn der Regen sich nicht einkriegte und sie daran hinderte, ihr Rad zu nehmen.
»Und was liegt bei dir heute an?«, erkundigte sich Anne in einer Pause zwischen süßen Küssen von Rosalie und einem Biss in ihren Marmeladentoast.
»Ich denke, es läuft auf den Sprung vom Hochhaus hinaus. Mein eifriger Anwärter war gestern schon fleißig und hat brav alle Vernehmungsprotokolle getippt und den Hintergrund unseres potenziellen Selbstmörders recherchiert«, erwiderte Rosalie und küsste Anne erneut.
»Und? Was hat Mads rausbekommen?«, fragte Anne neugierig und wischte sich einen Krümel aus dem Mundwinkel.
»Du darfst zwar alles essen, aber nicht alles wissen, mein Schatz.« Da war er wieder, einer dieser Sprüche von Manfred, der sich in Rosalies Wortschatz eingenistet hatte. Schnell schob sie den Gedanken beiseite, um zum nächsten Kuss anzusetzen, bevor sie sich für die Arbeit fertig machen musste.
»Okay, okay, ich gebe auf, bevor du mich verhaftest«, antwortete Anne grinsend. Gerade als sie erneut in ihren Toast beißen wollte, ließ sie ihn plötzlich auf das Frühstücksbrettchen fallen und fasste sich an die Brust.
»Anne! Was ist? Was hast du? Ist dir nicht gut?« Erschrocken blickte Rosalie ihr Gegenüber an und sprang von ihrem Stuhl auf.
Anne atmete tief ein und aus und griff sich nun an den Hals. Jegliche Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen und Schweißtropfen hatten sich an ihrem blonden Haaransatz gebildet. »Es ist wieder dieses Herzpoltern. Einfach so, aus dem Nichts.«
»Also langsam reicht das mal. Bitte geh endlich zum Arzt und lass das abklären!«, sagte Rosalie besorgt, jedoch mit einer Schärfe im Ton, die Anne zurückzucken ließ.
»Jawohl, Frau Oberfeldwebel!«
»Mensch, Anne, so war das doch nicht gemeint! Ich mache mir Sorgen!«, ruderte Rosalie vorsichtig zurück.
»Ja, ich weiß. Ich verspreche dir auch, dass ich einen Termin mache.«
»Dann ist’s ja gut«, erwiderte Rosalie sanftmütig. »Das geht jetzt schon seit Wochen so und mit dem Herzen ist nicht zu spaßen.«
Anne nickte. »Ich vermute ja, es ist der Stress. Ich habe auch ab und an das Gefühl, dass mein Blutdruck zu hoch sein könnte, und dass ich nachts nur am Wühlen bin, das hast du recht früh gemerkt. Ich werde nachher einen Termin bei meiner Hausärztin machen.«
»Ja, bitte! Lass das abklären. Es würde mich nicht wundern, wenn dein Körper dir Signale sendet. Was bei euch an der Schule abgeht, ist ja auch nicht mehr normal. Bevor ich dich kennengelernt habe, hatte ich vom Lehrerberuf ein anderes Bild«, erwiderte Rosalie und streichelte Annes Handrücken.
»Wem sagst du das. Aber ist es nicht immer so, dass man bei seiner Berufswahl eigentlich viel zu jung ist, um sich der Tragweite der Entscheidung bewusst zu sein? Man denkt als Abiturientin, die Lehrerin werden will, doch nicht an Erlasse aus dem Ministerium, an komplizierte Lehrpläne oder an nervige Eltern. Oder wie ist das bei dir gewesen?«
Rosalie runzelte die Stirn und fühlte sich an ein Gespräch erinnert, das sie vor einiger Zeit mit einer Notfallsanitäterin geführt hatte. »Also mir war schon klar, dass Nachtdienste und Überstunden auf mich zukommen. Und ich bin wirklich nach wie vor aus Überzeugung und mit vollem Herzen bei der Polizei, aber natürlich konnte ich vor zehn Jahren nicht ahnen, was diese Schichtdienste mit einem anstellen. Ich bin im Grunde ess- und schlafgestört. So etwas wie einen festen Rhythmus gibt es bei uns kaum. Und die älteren Kollegen sprechen immer von einem Schichtgesicht, wenn sie an einem Spiegel vorbeikommen. Ich denke, ich weiß, was sie damit meinen.«
»Wir sind schon zwei Leidgeplagte«, sagte Anne und lachte auf. »Ich glaube, du musst jetzt wirklich los.«
Rosalie schaute auf ihre Küchenuhr, seufzte und setzte zum allerletzten Kuss an diesem Morgen an.
