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Dichter Nebel umhüllt das Eichtalviertel, als unweit der Oker eine zerstückelte Leiche gefunden wird. Noch vor seinem ersten Arbeitstag in Braunschweig eilt Kommissar Wim Schneider zum Fundort. Wenig später taucht eine Fingerkuppe im Naturhistorischen Museum auf. Eine Vermisstenanzeige führt die Ermittler zu einem Jagdverein und einer Hannoverschen Förderstiftung, doch Intrigen erschweren die Polizeiarbeit. Wim und seine Teampartnerin Rosalie ahnen, dass der Täter sie bereits ins Visier genommen hat und sein Werk noch nicht vollendet ist.
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Seitenzahl: 426
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Mario Bekeschus
Im Eichtal
Niedersachsen-Krimi
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
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Alle Rechte vorbehalten
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Pilguj / shutterstock.com
ISBN 978-3-8392-7874-1
Für meine Eltern
»Willst du unsterblich sein?«
Die silberne Pinzette hatte die kugelrunde Gewebestruktur fest im Griff und reflektierte das grelle Licht der Arbeitslampe. Leise murmelte er vor sich hin und glaubte für den Bruchteil einer Sekunde, sein Spiegelbild in der tiefblauen Iris zu erkennen. Die Offenbarung stand kurz bevor.
Der Rausch hatte ihn gepackt, er durchströmte das schier unendliche Adergeflecht aus Venen und Arterien und schenkte ihm ein wohliges Gefühl, das sich immer weiter in seinem Körper ausbreitete. Er atmete flach und konnte ein leises Stöhnen kaum unterdrücken. Trotz der Erregung, die nun die Macht über ihn ergriffen hatte, war er hochkonzentriert und betrachtete voller Faszination das Objekt seiner Begierde. Aber er wusste auch, dass der Abschied bevorstand, endgültig, und so ging er die Zeremonie in Gedanken noch einmal durch. Die Reihenfolge musste unbedingt eingehalten werden, ein Fehler durfte ihm nicht unterlaufen. Schließlich nahm er einen letzten tiefen Atemzug und begann behutsam, das Objekt in das kleine, mit Flüssigkeit gefüllte Gefäß einzuführen. Nachdem er die Pinzette mit einem nach Zirbenöl duftenden Stofftuch abgetupft und in Reih und Glied neben die anderen Utensilien gelegt hatte, verschloss er das Gefäß mit einem schwarzen Schraubdeckel. Die innere Anspannung drohte ihn nun fast zu zerreißen, aber der nächste Schritt war unausweichlich. Ein letzter Blick, Wehmut … dann drückte er das Gefäß sanft in die vorgefertigte Höhle, bis es in seiner letzten Ruhestätte aus Fichtenholzwolle vollkommen unsichtbar und für immer verschwunden war.
Später erst, nachdem sich eine erneute Sehnsucht in ihm aufgebäumt hatte, bahnte sich die lange Nadel ihren Weg durch die äußere Hülle. Als er plötzlich auf einen Widerstand stieß, konnte er einen Aufschrei nur mit Mühe unterdrücken und biss sich auf die Lippen, bis er den metallischen Geschmack seines eigenen Blutes wahrnahm. Im Hintergrund setzte Wagners »Götterdämmerung« zum großen Finale an und die Klänge der Musik umhüllten ihn in diesem Augenblick der vollkommenen Euphorie, wie nur die Fruchtblase einer Mutter ihr ungeborenes Kind umhüllen konnte.
Er würde es noch einmal berühren dürfen, er würde es vielleicht sogar noch einmal ansehen dürfen und er würde mit seinen Fingern eindringen dürfen. Eindringen in die Unsterblichkeit.
Samstag, 29. November
Detlef Konopke bereute es immer häufiger, sich dieses Viech überhaupt zugelegt zu haben. Nero war mehr als ein Hobby, mehr als eine ihn erfüllende Aufgabe, die er nach seinem vorzeitigen Ruhestand gesucht hatte. Nero war eine Vollzeitbeschäftigung – 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Der Hund hatte für Detlefs Geschmack einen viel zu ausgeprägten Bewegungsdrang, wollte überall herumwühlen und hinscheißen, aber es hatte ja unbedingt dieser kleine verzogene Jack Russell Terrier sein müssen. Weil er doch so niedlich sei und nicht so groß und man ihn deswegen doch auch ganz wunderbar in einer Stadtwohnung halten könne. Und man hätte dann auch endlich einen echten Grund, täglich eine große Runde spazieren zu gehen, wo besonders Detlef ein paar Kilo weniger nicht schaden würden. Bei dem Gedanken an Utes Redeschwall klingelten Detlef immer noch die Ohren. Aber da Ute immer Recht behielt und er so wenigstens seine Ruhe hätte, war Nero vor einigen Wochen auf direktem Wege aus dem Tierheim am Biberweg in ihre Dreizimmerwohnung am Leibnizplatz eingezogen. Hinterlistig, wie der kleine Rüde nun mal war, hatte er sich bei den Probespaziergängen und diversen Kennenlerntreffen von seiner allerbesten Seite gezeigt. Aus guter Haltung käme er, sei an eine Wohnung gewöhnt und nur deshalb im Tierheim gelandet, weil sein Besitzer plötzlich und unerwartet einen Schlaganfall erlitten hatte. Doch kurz nach seiner Ankunft bei den Konopkes zeigte Nero sein wahres Gesicht – oder eher seine wahre Schnauze.
Angewidert stülpte Detlef Konopke den dunkelgrauen Hundekotbeutel über die frischen Ausscheidungen seines Vierbeiners und steuerte auf direktem Weg in Richtung des nächsten Mülleimers. Eine kurze Analyse der Hundekacke blieb Detlef allerdings nicht erspart, denn die gehörte zu Neros täglichem Gesundheitscheck mit anschließender Berichtspflicht bei Ute. Kein Durchfall, kein Blut, eher eine beeindruckende Wurst in Form eines Zapfens. Das Tier war gesund. Wo steckte der kleine Racker eigentlich schon wieder? Die Sicht wurde minütlich schlechter, Nebelschwaden hüllten den Weg entlang des Flussufers zunehmend ein und die feuchte Kälte, die von der Oker emporstieg, ging Detlef durch Mark und Bein. Da half weder seine geliebte Steppjacke noch die etwas dickere Jeans, die er extra für seine Abendspaziergänge angeschafft hatte. Auf eine Mütze hatte er bewusst verzichtet. Diese würde zwar seine mittlerweile eiskalten Ohren wärmen, ihn aber einfach total bescheuert aussehen lassen.
Orientierung gaben die roten Signallichter des höchsten Bauwerks der Stadt, das sich auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses in den dunklen Abendhimmel erhob. Von den Einheimischen »Langer Heinrich« oder liebevoll einfach nur »Schorni« genannt, verursachte der weiße, fast zweihundert Meter hohe Schornstein des Braunschweiger Heizkraftwerks Mitte jedes Mal Heimatgefühle bei Detlef, wenn er ihn über die Autobahn fahrend schon aus großer Distanz erblickte. Heute ließ er ihn im wahrsten Sinne des Wortes einfach links liegen.
Rot wie Schornis Signallichter waren auch die kleinen LEDs des auffällig blinkenden Hundehalsbandes, das Ute extra gekauft hatte, um Nero auch im dichtesten Gestrüpp irgendwann ausfindig machen zu können, vorausgesetzt, dieses Halsband kam tatsächlich zum Einsatz. Detlef war es peinlich, mit einer bellenden Discokugel Gassi zu gehen, und so hatte er dem Hund heute schnell das braune Ledergeschirr umgelegt und ihn wie immer an dieser Stelle abgeleint. Ein fataler Fehler, wie sich nun herausstellte.
»Nero! Bei Fuß! Komm jetzt her!« Detlef war genervt und rief quer über die Wiese. Hatte er dort in Richtung Ringgleis ein Rascheln gehört? Immer wieder rieb er sich die kalten, steifen Finger und grüßte gequält, aber freundlich die ältere Dame, die ihm mit Elfi, einer kleinen schwarzen Promenadenmischung, entgegenkam. Den Namen der Hundehalterin kannte er nicht, aber natürlich den der Hündin. So was blieb nicht aus, wenn man sich täglich mindestens einmal über den Weg lief.
»Na, ist uns der Nero mal wieder ausgebüxt?«, erkundigte sich Elfis Frauchen neugierig.
»Ja, der ist schneller als der Blitz«, stöhnte Detlef.
»Der wird schon auftauchen. Irgendwann tauchen sie alle wieder auf. Am Ende sind wir doch ihre Rudelanführer und geben ihnen ihr Fressen, nicht wahr?«
»Wenn Sie das sagen. Einen schönen Abend noch.« Detlef stand der Sinn nicht nach Hunde-Small-Talk, und so würgte er Elfis Frauchen ab und verließ den Weg in Richtung der abschüssigen Uferböschung. Irgendwo hier musste der Köter sich doch verstecken. Ausgerechnet in diesem dornigen Buschwerk.
Unbeholfen stakste Detlef durch das feuchte, schmierige Gras und kam dabei beinahe ins Straucheln. »Verdammt noch mal! Ab morgen gehst du an der Leine! Hast du mich verstanden? Nero! Kommst du jetzt! Sofort! Neeeroooo!« Als letzter Trick halfen jetzt wohl nur noch Leckerlis. Aber auch die hatte Detlef nicht dabei, natürlich nicht.
Polizeikommissaranwärter Mads Johannsen vermisste Braunschweig schmerzlich. Vor allem aber vermisste er Jan. Er wusste noch immer nicht, was das zwischen ihnen nun genau war, aber immer dann, wenn Mads’ Zeit es zuließ, folgte er seinem Herzen, packte seine Siebensachen und verließ das triste Studentenwohnheim in Nienburg an der Weser, um seiner alten WG in der Katharinenstraße einen Besuch abzustatten. Sein Zimmer war schon wieder vermietet, exakt zwei Tage nachdem Mads Braunschweig verlassen und zum nächsten Theorieblock an die Polizeiakademie zurückgekehrt war. Der Wohnungsmarkt war angespannt und insbesondere das Univiertel sehr begehrt. Nun hatte Thao aus Vietnam sich für ein Auslandssemester eingemietet und veranstaltete exotische Kochevents in der großen Wohnküche. Wegen der intensiven Essensgerüche, die sich deswegen nicht nur dort, sondern gelegentlich in der ganzen Wohnung und im Extremfall auch im Treppenhaus verbreiteten, war Mads froh und dankbar, nicht auf der Gästecouch übernachten zu müssen. Die stand nämlich in eben jener Wohnküche und damit unmittelbar neben Thaos Street-Kitchen-Refugium. Dann doch lieber eng umschlungen mit Jan unter dessen Bettdecke. Wenn er ehrlich zu sich war, kam er genau deshalb her. Aber so richtig eingestehen konnte er sich das noch immer nicht. Bei all der WG-Romantik hielt Mads konsequent an seinen Sportgewohnheiten fest, und so gehörten Joggen und Radfahren auch an den Wochenenden in Braunschweig zum Pflichtprogramm. Während Jan es heute Abend vorzog, Thao bei den Vorbereitungen für selbst gemachte Frühlingsrollen zur Hand zu gehen, hatte Mads sich seine Laufschuhe angezogen und war auf dem Weg nach draußen.
»Wo rennst du denn heute lang?«, erkundigte sich Jan interessiert durch die offene Küchentür.
»Ich weiß es noch nicht so genau, einmal kreuz und quer.«
»Okay, aber sei bitte pünktlich zum Essen wieder da! Und verlauf dich nicht bei dem Wetter da draußen!«, entgegnete Jan und tauchte zum Abschied mit einem breiten Grinsen im Türrahmen auf. »Ich würde ja mitlaufen, aber Thao …«
»Schon gut, ich komme auch allein zurecht«, antwortete Mads und versuchte, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Wenn er schon mal in Braunschweig war, wollte er sein Sportprogramm eigentlich gerne gemeinsam mit Jan durchziehen.
»Nero, was hast du denn da schon wieder?« Detlef Konopke fasste sich an den kahlen Hinterkopf, hob dann mahnend den Zeigefinger und betrachtete zerknirscht das völlig verschmutzte Fell seines Terriers, das nur noch wenige Spuren der weißen Färbung erkennen ließ. Ute würde ihm die Hölle heißmachen, wenn er mit Nero so nach Hause kam, und natürlich würde es Detlef sein, der ihn trotz aller tierischen Widerstände abbrausen durfte. Aufgeregt und schwanzwedelnd lief der kleine Hund hin und her und gab den Blick auf das Erdloch frei, das er halb verborgen unter einem Busch ausgebuddelt hatte. Kopfschüttelnd kramte Detlef in der Jackentasche nach seinem Smartphone. Gott sei Dank gab es die Taschenlampenfunktion, äußerst praktisch, wenn man im Dunkeln unterwegs war. Ob während der heimlichen nächtlichen Heißhungerattacken vor dem Kühlschrank, weil Ute ihn mal wieder auf Diät gesetzt hatte, oder – und das war die wichtigere Variante – bevor er die Nachttischlampe anschaltete und sie dadurch um ihren Prinzessinnenschlaf brachte. So war er schon mancher Schimpftirade entgangen.
Der Schein der digitalen Taschenlampe war erstaunlich hell und Detlef leuchtete zunächst das Erdreich ab, das Nero rund um den kleinen Krater aufgewühlt hatte. Der Terrier kläffte unentwegt und sprang kurzerhand in das Erdloch zurück. »Was hast du denn bloß?« Detlef richtete das Licht direkt auf Nero, der schon wieder wühlte, konnte aber nicht erkennen, was ihn in solche Aufregung versetzt hatte. Von Neugier gepackt ging Detlef schließlich in die Hocke, vernahm das laute Knacken seiner rechten Kniescheibe und reckte sich, um besser sehen zu können. Aber auch diese Verrenkung brachte ihn nicht weiter. Sollte er Neros Buddelei einfach ignorieren oder zum letzten Mittel der Wahl greifen und sich allen Ernstes hinknien? Wenn seine Hose auch noch dreckig würde, bräuchte er den Heimweg gar nicht anzutreten. Grasflecken zogen in der Regel nicht nur eine von Utes Predigten nach sich, sondern auch die Reinigung. Krampfhaft überlegte Detlef, was er tun sollte, und entschied sich schließlich – Utes drohenden Meckereien zum Trotz –, seiner Neugier nachzugeben. Erleichtert, dass zumindest das Ziehen im Meniskus in wenigen Sekunden vermutlich beendet sein würde, ließ er sich endgültig auf die Knie sinken und versuchte, eine bequemere Position einzunehmen. Nero tänzelte noch immer kläffend um ihn herum, als Detlef plötzlich eine vertraute Stimme hinter sich hörte.
»Kann ich Ihnen helfen? Haben Sie etwas verloren?« Noch bevor Detlef antworten konnte, hatte sich Elfi zu Nero gesellt und beschnüffelte neugierig dessen Hinterteil.
»Nein, danke!«, rief Detlef Elfis Frauchen zu, das sich ihm von hinten näherte und ihm neugierige Blicke zuwarf.
»Hat er was ausgebuddelt, unser Nero? Pfui, Elfi, pfui!«
»Kann sein, das versuche ich gerade herauszufinden. Das Tier ist völlig außer sich.«
»Das ist die Rasse«, entgegnete Elfis Frauchen besserwisserisch und hatte Detlef mittlerweile erreicht. »Diese Terrier sind zu groß geratene Wühlmäuse, wenn Sie mich fragen! Ich weiß schon, warum ich Elfi damals ausgewählt habe. So ein liebes und ruhiges Tier!«
»Aber ein versautes!«, konterte Detlef und musste sich das Lachen verkneifen.
»Wie bitte?« Elfis Frauchen war die Empörung eindeutig anzuhören.
»Entschuldigung, aber Ihre Elfi leckt meinem Nero gerade die Eier. Na ja, zumindest ist er dadurch abgelenkt. Manchmal sind Hunde halt auch nur Menschen. So, und jetzt schaue ich mal nach, was Nero hier angerichtet hat.«
»Also wirklich, so sind Hunde nun mal. Das ist der Trieb. Oder wollen Sie meiner Elfi etwas Unnatürliches unterstellen? Und dann Ihre Anzüglichkeiten, das ist ja widerlich!« Elfis Frauchen hatte mittlerweile ihre Hände in die ausladenden Hüften gestemmt und warf Detlef einen giftigen Blick zu. Detlef ignorierte ihre Drohgebärden und feierte sich für einen kleinen Augenblick selbst. Nicht nur, weil ihm dieses kurze Wortgefecht Spaß bereitete, sondern weil er just in diesem Augenblick eine zündende Idee hatte. »Vielleicht könnten Sie mir doch helfen? Sie müssten bitte mal eben mein Handy halten und leuchten.«
Seine Oberschenkel brannten und der Schweiß schmeckte salzig auf seinen spröden Lippen, aber Mads liebte dieses Gefühl einer Mischung aus völliger Gleichgültigkeit und purem Adrenalinkick, das irgendwann eintrat, wenn er eine gewisse Kilometerzahl überschritten hatte. Nach einer Runde durch den Inselwallpark war er querfeldein in Richtung des Westlichen Ringgebietes gejoggt und hatte sich schließlich auf Höhe des Hoffmann-von-Fallersleben-Gymnasiums für eine Rückkehr über das Ringgleis entschieden. Der in den letzten Jahren auf einer aufgegebenen Bahnanlage ausgebaute Weg umrundete als grüner Ring mittlerweile einen Großteil der Braunschweiger Kernstadt und hatte sich zu einem beliebten Naherholungsgebiet gemausert. Auf Höhe des Eichtalviertels durchquerte Mads ein kleines Birkenwäldchen und steuerte geradewegs auf die neue Fußgängerbrücke zu, die extra im Rahmen der Ringgleiserweiterung in der Nähe des Heizkraftwerks über die Oker gebaut worden war. Kurz vor der Brücke registrierte er zuerst eine kleine, untersetzte Frau, die sich beide Hände vor das Gesicht geschlagen hatte. Dann sah er zwei Hunde, die wie ein Knäuel ineinander verschlungen waren. Ein älterer Mann saß auf dem angrenzenden Rasen und erbrach sich neben zwei schwarzen Müllsäcken. Mads blieb sofort stehen.
»Hilfe! Hilfe! Wir brauchen Hilfe!«, waren die ersten Worte, die Mads erreichten, nachdem der Mann sich mit dem Handrücken die Kotze vom Mund gewischt hatte. Danach fiel er rücklings um und blieb reglos vor den Füßen der kleinen Frau liegen.
Eine platzende Braunschweiger Mettwurst, bei der die unter Hochdruck stehende Füllung die Schweinedarmummantelung einfach explosionsartig aufriss – so stellte sich Biggi Höfgens das vor, was mit ihrem Schädel passiert war. Vorsichtig ertastete sie mit den Fingerspitzen ihrer rechten Hand den Kopfverband und das überdimensionale Pflaster, das die frische Naht ihrer Platzwunde an der Stirn schützte. Gut, dass sie sich als Hannoveranerin mit Fug und Recht dem Vergleich mit einer Braunschweiger Mettwurst widersetzen konnte, und gut, dass der attraktive Assistenzarzt in der Notaufnahme mit einem zwinkernden Auge von einem Teillifting ihrer in die Jahre gekommenen Runzelstirn gesprochen hatte. Mit einer glimmenden Zigarette im linken Mundwinkel stand sie am Wohnzimmerfenster und versuchte sich in Wims neuer Umgebung zu orientieren. Angestrengt schaute sie in den großzügigen Garten der Nachbarn, aber das gegenüberliegende Haus war in dem aufziehenden Nebel beinahe verschwunden. Biggis folgenreicher Sturz und dieses gespenstische Wetter, so hatte sich Wim seinen ersten Abend in der neuen Wohnung sicher nicht vorgestellt. Die trübe Brühe da draußen passte allerdings zur grauen Jahreszeit, die Biggi hasste wie der Teufel das Weihwasser. Vor allem hasste sie den November, der übermorgen aber sein jähes Ende finden würde. Die Adventsbeleuchtung in vielen Fenstern ließ keinen Zweifel aufkommen, dass die schlimmste Zeit des Jahres noch bevorstand: Heiligabend und das, was man für gewöhnlich als »Festtage« titulierte, rasten ungebremst auf sie zu und Biggis Magen verkrampfte sich bei dem Gedanken an »Jingle Bells«, aufgesetzte Heiterkeit und den bevorstehenden Shoppingwahnsinn. Vielleicht rührte das flaue Gefühl aber auch von ihrer vermeintlichen Gehirnerschütterung her? Porca miseria! Während sich ihre Hand vom Kopfverband löste und reflexartig ihren Bauch zu streicheln begann, gönnte sie sich einen weiteren tiefen Zug Nikotin und Teer. Als der Qualm ihre Lunge erreichte, wurde ihr jedoch schlagartig schummrig und sie begann zu husten. Beinahe spuckte sie die Zigarette dabei aus und musste sich für einen Moment auf der Fensterbank abstützen. Sie kippte das Fenster, ließ die kalte Luft in das leere Zimmer und in ihre gereizten Atemwege einströmen und fixierte die kleine Tanne im Garten, deren Umrisse gerade noch zu erkennen waren. So schnell ein Anflug von Schwindel sie heimgesucht hatte, so schnell schien er sich Gott sei Dank auch wieder zu verflüchtigen. Aber was war denn das da vorne? Biggi blinzelte und versuchte ihren Blick scharf zu stellen. Ja, doch, da war etwas im Garten, rechts neben der Tanne, etwas Rotbraunes, etwas Buschiges. Konnte das sein? Die Nebelwand, die minütlich dichter zu werden schien, erschwerte Biggi die Sicht erheblich, aber dennoch war sie sich nun sicher: In Nachbars Garten streifte ein Fuchs umher. Ein Fuchs! Mitten in der Stadt. Ein Fuchs in der Fuchstwete. Verblüfft wich sie ein paar Schritte zurück und ließ sich auf einem der Stühle nieder, die zwischen Umzugskartons und Wims gewöhnungsbedürftiger Stehlampe standen. Ein Fuchs … Ob Sinnestäuschungen auch zu den Symptomen einer Gehirnerschütterung gehörten?
Rosalie Helmer hatte sich am Morgen ihre bequemen Freizeitklamotten angezogen und den Samstag schließlich doch im Büro verbracht, da sie nach einer kleinen Joggingrunde wieder einmal nichts mit sich und ihrer freien Zeit anzufangen gewusst hatte. Nach dem Tippen einiger Vernehmungsprotokolle, die im Laufe der Woche liegen geblieben waren, stand nun der Schreibtisch ihres neuen Kollegen auf dem Programm. Bewaffnet mit einer Rolle Küchentücher und einer Flasche Allzweckreiniger verharrte sie unschlüssig mitten im Raum und hing ihren Gedanken nach. Bis zur allerletzten Sekunde hatte sie diesen Moment hinausgezögert, aber nun lief der finale Countdown bis zu seinem Eintreffen. Etwas mehr als drei Monate waren vergangen, seitdem sie Wim Schneider zum letzten Mal persönlich begegnet war. Jener Tag der Personalauswahlgespräche, an denen sie den Kürzeren gezogen hatte, war auch der Tag gewesen, an dem sie ihn überhaupt zum letzten Mal gesprochen hatte. Kein Anruf, kein klärendes Gespräch im Nachgang, kein kollegiales »Auf gute Zusammenarbeit«-Gesuch. Rosalie würde nicht einmal wissen, ob Wim Schneider pünktlich zum Dienstantritt nach Braunschweig umgezogen war, wenn Biggi Höfgens sie nicht auf dem Laufenden gehalten hätte. Die beiden Frauen hatten nach ihren gemeinsamen städteübergreifenden Ermittlungen vor einem halben Jahr die gesamte Zeit über Kontakt gehalten, wenn auch unregelmäßig.
Die Fuchstwete war ruhig gelegen, beinahe gediegen und dennoch zentrumsnah. Der alte Herr – von ihm als neuen Kollegen zu reden, ging ihr gehörig gegen den Strich – hatte sich also nicht nur für die Rückkehr in die Heimat entschieden, sondern auch für das perfekte Rentnerdomizil ganz in der Nähe des Viertels seiner Kindheit und Jugend. Back to the roots, das volle Programm. Twete, über diesen Begriff war Rosalie schnell gestolpert, nachdem sie aus Düsseldorf nach Braunschweig gezogen war. Tweten oder Twieten gab es anscheinend nur in Hamburg, Marburg und natürlich hier. Das hatte sie erst mal im Netz recherchieren müssen. Ob Wim Schneider sich mittlerweile mit dem Internet angefreundet hatte? Der Rest der Republik sagte jedenfalls schlichtweg »Gasse« zu dieser Form einer kleinen Verbindungsstraße. Wieder so eine Besonderheit in dieser Stadt, aber Braunschweig bestach zweifelsohne auch ohne Tweten durch skurrile Straßennamen. »Sack« am Rande der Fußgängerzone war aber eindeutig Rosalies Favorit. Wenn schon nicht dorthin, so passte Wim Schneider als Ur-Braunschweiger doch eigentlich ganz hervorragend in eine Twete. Mit mahlenden Kiefern raffte Rosalie sich auf und näherte sich dem Schreibtisch, an dem bis vor einem halben Jahr noch Manfred Wiegand und bis vor wenigen Wochen Mads Johannsen gesessen hatte. Und nun also Wim Schneider, Auge in Auge mit ihr, der Unterlegenen. Rosalie sprühte wiederholt die Schreibtischoberfläche ein und malträtierte mit eindeutig zu viel Druck das durchtränkte Küchentuch. Putzen war ein wunderbares Mittel, um Frust abzubauen. Als sich plötzlich jedoch ihr Handy in der Seitentasche ihres grünen Kapuzenpullis meldete, wurde sie von einer Sekunde auf die andere auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.
Biggi hatte den Standort gewechselt und packte in der Küche den Karton mit Geschirr aus. Beim Anblick der blau-weißen Bunzlauer Keramik mit Pfauenaugenmuster wurde sie wehmütig. Genau das gleiche Service hatte Biggis schlesische Oma Gertrud schon besessen. Wim und seine Traditionen. Zwischen jeden der Teller hatte er sorgfältig ein Blatt Küchentuch gelegt. Biggi hob das Geschirr so achtsam wie möglich aus dem Karton, musste aber pausieren, als Kopfschmerz und Schwindel sich wieder bemerkbar machten. Diese Geschichte durfte man wirklich niemandem erzählen. Alles hatte so reibungslos funktioniert, erst das tadellos arbeitende Umzugsunternehmen, dann eine freie Autobahn, und Wims Schwester Sigrid konnte mit einem verstauchten Knöchel leider nicht mithelfen und alles unter ihr Kommando reißen. Sie schmollte in Helmstedt vor sich hin und ihre Kontrollanrufe wurden von Wim konsequent ignoriert. Mitten auf der A 2, zwischen Lehrte und Hämelerwald, hatte sich Biggis volle Blase dann zum ersten Mal gemeldet. Kurz hinter Peine war sie bereits unruhig von einer Pobacke auf die andere gerutscht und hatte Wim gebeten, doch bitte etwas schneller zu fahren. Aber Wim war stur auf der rechten Spur geblieben und hatte sich minutiös an die vorgegebene Geschwindigkeitsbegrenzung gehalten. »Entschuldigung, aber ich fahre gerade mit einem völlig überfrachteten Seat mein Leben durch die Weltgeschichte, da werde ich nichts riskieren«, hatte er sie angemault und den vor ihnen fahrenden polnischen Lkw auf Abstand gehalten. »Warum bist du denn in Hannover nicht noch mal auf die Toilette gegangen?«
»Weil ich da vielleicht noch nicht musste? Wenn sich einer mit plötzlich eintretendem Harndrang auskennen sollte, dann ja wohl du!« Biggi hatte mehrfach und sehr bewusst die blau umrandeten Augen verdreht und vor sich hin geflucht. Natürlich auf Italienisch, beim Lernen ihrer Lieblingssprache musste sie schließlich täglich am Ball bleiben. Wenigstens hatten sie heute mal keine Hitzewallungen heimgesucht. Die neue Hormonersatztherapie in Form einer Creme schien allmählich zu wirken. Grazie dio!
Als sie nach einer gefühlten Ewigkeit endlich in die Fuchstwete eingebogen waren und Wim nach mehrmaligem Vor und Zurück das Auto in der engen Einfahrt abgestellt hatte, gab es für Biggi kein Halten mehr. Kommentarlos hatte sie Wim den Wohnungsschlüssel aus der Hand gerissen und war die Stufen in den ersten Stock hinaufgesprintet. Schon im Wohnungsflur hatte sie sich ihre Jeans heruntergerissen, um sich endlich in der Gästetoilette mit einem gekonnten Schwung und in einer kaum in Worte zu fassenden Vorfreude auf der Klobrille niederzulassen. Wenigstens der Toilettendeckel war bereits nach oben geklappt, eine typisch männliche Angewohnheit, für die sie in diesem Fall ausnahmsweise dankbar gewesen war. Vor lauter Elan hatte das Unheil dann jedoch seinen Lauf genommen, denn kaum hatten Biggis nackte Schenkel den eiskalten Kunststoff berührt, war sie samt der Klobrille zur Seite gerutscht und mit dem Kopf gegen die Rippenheizung geknallt, die rechts neben der Toilette an der Wand hing. Erst hatte sie Sterne gesehen, dann war ihr kurzerhand schwarz vor Augen geworden und schließlich hatte sie das Blut registriert, das sich deutlich von dem weißen Heizungslack absetzte.
»Ist alles in Ordnung?«, hatte sie Wim besorgt durch die Gott sei Dank nicht abgeschlossene Toilettentür rufen hören, bevor sie sich mit letzter Kraft wieder über die Kloschüssel gehockt hatte. Auf dem Fußboden liegend alles einfach laufen zu lassen, war absolut keine Option für Biggi gewesen, und so verrichtete sie schnell ihr kleines, aber äußerst dringendes Geschäft. Erst nach dem Hochziehen ihrer Hose hatte sie Wim dann doch um Hilfe gerufen.
»Bitte, was hat der Mann gefunden?« Rosalie stockte der Atem, und während sie Mads’ Ausführungen lauschte, setzte sie sich auf die frisch geputzte Schreibtischoberfläche.
»Wenn ich es dir doch sage. Hier sind Leichenteile in zwei Müllsäcken. Ein Hund hat alles ausgebuddelt. Ich kann da gar nicht so genau hinschauen, so ekelig ist das, und ich will das auch gar nicht, weil ich nicht im Dienst bin. Und wie das müffelt! Aber eines kann ich dir sagen: Wir brauchen hier das volle Programm! Ganz sicher! Einen Rettungswagen eingeschlossen, der Mann ist kaum ansprechbar und hat garantiert einen Schock.«
»Und du bist dir ganz sicher, dass es menschliche Überreste sind?«, hakte Rosalie nach.
»Ich denke schon«, bestätigte Mads.
»Alles klar. Kannst du vor Ort bleiben und dich um die beiden Zeugen kümmern, bis wir da sind?«, entgegnete Rosalie und ging in Gedanken bereits die nächsten Schritte durch.
»Sicher! Ich bleibe hier und rühre mich nicht von der Stelle. Mannomann, ich hatte mir unser Wiedersehen eigentlich anders vorgestellt.«
»Ich auch, Mads. Aber lass uns an unserem Cocktailabend unbedingt festhalten.«
»Glaubst du allen Ernstes, dass du demnächst die Zeit für ein gemeinsames Getränk haben wirst? Eine Mordermittlung kennt keinen geregelten Feierabend und ich kenne dich ja nun mittlerweile auch schon ein paar Tage.«
Rosalie zögerte einen Augenblick. »Wie gesagt, lass uns wann anders darüber quatschen, jetzt muss ich mich erst mal um den Einsatz kümmern, und ich befürchte, ich werde noch ein unangenehmes Telefonat führen müssen.«
»Inwiefern?«, erkundigte sich Mads.
»Wim Schneider ist in der Stadt.«
Wim plagte das schlechte Gewissen. Er hatte gewusst, dass die Schrauben der Klobrille nachgezogen werden mussten, und schlichtweg vergessen, Biggi vorzuwarnen. Nun hatten sie den Salat. Eigentlich sollte Biggi in einem kleinen Stadthotel in der City übernachten. Jegliche Situationen, in denen er sie in Verlegenheit hätte bringen können, galt es tunlichst zu vermeiden. Darüber waren sie, nach ihrer Aussprache im Harz, bei der Biggi Wim ihre Gefühle gestanden hatte, stillschweigend übereingekommen. Die vereinbarte Distanz einzuhalten, stellte sich jetzt als echte Herausforderung dar, denn die Umstände hatten sich geändert. Nicht nur, dass Biggi partout nicht davon abzubringen gewesen war, ihm beim Umzug zu helfen, es war auch zu diesem vermaledeiten Unfall gekommen. Mit der Kopfverletzung konnte er Biggi unmöglich allein lassen und hatte daher von der kostenlosen Stornierungsoption des Hotels vor 18.00 Uhr Gebrauch gemacht. Widerworte und Gefühlsausbrüche waren Wim erspart geblieben, stattdessen hatte Biggi sich dankbar gezeigt und ihm vielleicht einen Hauch zu liebevoll die Wange gestreichelt. Ob das an ihrer Schädelprellung, ihren Wechseljahren oder an emotionalen Beweggründen lag, konnte Wim auch nach mehrmaligem Überlegen nicht genau zuordnen.
Aber auf jeden Fall musste er nun so schnell wie möglich den Kühlschrank für die kommenden Tage und für zwei Personen füllen, denn weder würde Biggi morgen abreisen, dessen war er sich sicher, noch würde er ab Montag viel Zeit für einen Großeinkauf haben. Den kleinen Supermarkt in Hannovers Südstadt würde Wim schon ein wenig vermissen, vor allem die nette Kassiererin mit den niedlichen Grübchen im Gesicht, an deren Bluse ruhig immer ein Knopf mehr hätte geöffnet sein dürfen. Wim hatte herausgefunden, dass die Supermarktkette seines Vertrauens aber wenigstens eine riesengroße Filiale an der Hamburger Straße in Braunschweig betrieb, so groß, dass das Einkaufsparadies als Center eingestuft wurde. Dort, wo früher einmal das Pressehaus der Braunschweiger Zeitung gestanden hatte, waren gleich zwei neue Supermärkte errichtet worden und Wim staunte nicht schlecht, als er das völlig umgestaltete Areal vom Parkplatz aus erblickte. Er würde sich hier künftig zwar den einkaufswütigen Massen hingeben müssen, so viel stand fest, aber an einem Samstagabend hatte er vielleicht Glück.
Schon die Obst- und Gemüseauslage am Eingang ließ keine Wünsche offen, die Spirituosenabteilung war dann einfach nur beeindruckend. Als Wim mit einem halb vollen Einkaufswagen am Kühlregal mit den Wurstwaren angelangt war, blieb er verdutzt stehen. Seine insgeheimen Befürchtungen hatten sich bewahrheitet, es gab sie also auch hier: Menschen mit einer Vorliebe für vegane Fleischersatzprodukte. Wim schüttelte den Kopf und beobachtete eine Frau um die 40, die mit einer schlichten, weit geschnittenen Kleidungsvariation und einem Haarschnitt, der auf ihn weder richtig männlich noch eindeutig weiblich wirkte, konzentriert die Inhaltsstoffe einer Packung mit veganen Hackfleischbällchen studierte. Vegane Hackfleischbällchen waren eindeutig eine der beknacktesten Erfindungen der Lebensmittelindustrie, fand Wim. Bei aller perfekten Optik konnte ein industriell geformter Ersatzpamps aus Erbsen, Haferflocken oder Kidneybohnen niemals im Leben eine echte Fleischerfrikadelle ersetzen. Zu allem Überfluss stand die vegane Hackfleischexpertin auch noch exakt vor jenem Kühlregal, das Wim ansteuern wollte, um mit gebührendem Abstand zum fleischlosen Fleisch eine Packung Tiroler Schinkenspeck zu ergattern. Ob er sie vielleicht einfach ansprechen sollte? Es konnte ja nicht so schwierig sein, einen Schritt zur Seite zu gehen. Andererseits befürchtete er, dass sie ihn in aller Öffentlichkeit zurechtweisen könnte, wenn er seine Bitte nicht korrekt gendern würde. Und sich einfach vorbeidrängen wollte er auch nicht, sonst fühlte sie sich noch belästigt. Zwangsläufig musste Wim an seinen Bekannten Ludger Pohl denken, der sich während des gemeinsamen Klinikaufenthaltes im Harz wegen seines übergriffigen Verhaltens vom Kurschatten zum Kur-Albtraum entwickelt hatte. Mehrfach hatte Ludger in den letzten Monaten versucht, Wim anzurufen, aber mit einem plumpen Sexisten wollte Wim nichts zu tun haben. Während er die unangenehmen Erinnerungen an Ludger zu verdrängen versuchte und sich stattdessen den Gedanken über mögliche Alternativen zum Schinkenspeck hingab, begann es in Wims Hosentasche plötzlich zu vibrieren. Das konnte ja nur Biggi sein, vermutlich stand irgendetwas nicht auf dem gemeinsam verfassten Einkaufszettel oder ihr war spontan noch etwas eingefallen. Umständlich nestelte Wim seinen Hosentaschencomputer, wie er ein Handy zu nennen pflegte, aus dem Innenfutter und staunte nicht schlecht, als er den Namen von Rosalie Helmer auf dem Display erblickte. Was wollte die denn jetzt von ihm? Dienstantritt war doch erst am Montag und Wim stand nicht der Sinn nach belanglosen Fragen, ob er gut angekommen sei oder ob er für seinen ersten Arbeitstag irgendeinen Wunsch hätte. Ihm war bewusst, dass der Einstieg schwierig werden würde. Rosalie Helmer hatte eindeutig an Selbstüberschätzung gelitten, als sie sich auf die freie Stelle bei der Mordkommission beworben hatte, und wäre sie bei klarem Verstand gewesen, hätte sie einfach einen Rückzieher gemacht. Aber sie hatte es mit ihm aufgenommen, obwohl sie hätte wissen müssen, dass er den Zuschlag bekommen würde. Dieser Schritt, das musste Wim ihr lassen, verdiente auch ein gewisses Maß an Respekt. Dennoch würde sie ihn wohl kaum mit offenen Armen willkommen heißen, sodass der Grund für ihren Anruf vielleicht doch nicht so belanglos war.
»Schneider!«
Rosalie räusperte sich. »Guten Abend, Herr Schneider. Hier ist Rosalie Helmer. Es tut mir leid, Sie an Ihrem ersten Abend in Braunschweig stören zu müssen, aber es ist sehr wichtig. Sie sind doch schon in der Stadt? Ich hörte so etwas im Vorfeld.«
»Hallo, Frau Helmer, ja, da hat vermutlich Biggi Sie richtig informiert. Ich bin heute umgezogen. Was gibt es denn? Ich stehe gerade mitten im Supermarkt«, entgegnete Wim mit gedämpfter Stimme und behielt die vegane Hackfleischexpertin im Blick. Vielleicht bewegte sie sich ja bald vom Fleck.
»Dann erst mal herzlich willkommen in Ihrer neuen alten Heimat. Ich weiß, dass Sie den Dienst erst übermorgen antreten, aber wir haben einen spektakulären Leichenfund, und zwar jetzt in diesem Augenblick, und ich dachte …«
»Was ist passiert?«, unterbrach Wim Rosalies Ausführungen und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Da war aber jemand gehörig über den eigenen Schatten gesprungen.
»In der Nähe des Heizkraftwerks Mitte wurden Leichenteile in zwei Müllsäcken gefunden, direkt an der Uferböschung der Oker«, erläuterte Rosalie.
»Also da, wo der Lange Heinrich steht?«
»Bitte was?« Mit einem »Langen Heinrich« konnte Rosalie nichts anfangen. Seit ihrem Umzug nach Braunschweig war sie bislang nur Heinrich dem Löwen in allen erdenklichen Varianten begegnet.
»So heißt dieses Monstrum von Schornstein, Frau Helmer. Hat damals in den 1980er-Jahren gehörig den Fernsehempfang gestört, als es gebaut wurde.«
»Ach so, ja, genau, das ist die Gegend, um die es geht. Dort gibt es eine Fußgängerbrücke über den Fluss, und zwar, Moment … zwischen der Feuerwehrstraße und dem Juteweg. Irgendwo dort muss der Fundort sein. Ich mache mich gerade auf den Weg dorthin, aber Mads Johannsen ist schon vor Ort.«
»Ihr Azubi vom Hochhaus-Selbstmord? Ist der nicht weg aus Braunschweig und wieder auf der Akademie? Biggi hat so was erzählt. Oder besucht er seinen … also hatte der nicht was mit einem Mitbewohner am Laufen? Na, Sie wissen schon.«
Rosalie blieb einen Moment still. Offenbar war nun auch sie verblüfft, in welcher Detailtiefe Wim Schneider von seiner Kollegin mit Informationen versorgt worden war. »Ja, er ist wieder in Nienburg, aber über das Wochenende besucht er hier seinen Freund. Ich denke, mehr müssen Sie nicht über sein Privatleben wissen. Jedenfalls ist er am Ringgleis gejoggt, als er zufällig den Mann gesehen hat, der kurz zuvor die Müllsäcke mit den …«
»Schon gut, ich wollte nicht indiskret sein.« Wim unterbrach Rosalie ein weiteres Mal. »Und zu den Müllsäcken: Was hat denn dieser Mann bei so einem trüben Wetter an der Uferböschung der Oker verloren?«
»Er war auf der Suche nach seinem Hund, der ihm beim Gassigehen entwischt war, und der Hund hat wohl die Säcke ausgebuddelt.«
»Verstehe! Und nun wollen Sie mich fragen, ob ich kurzfristig auch zum Fundort kommen möchte, weil wir in Bälde eh zusammen in dem Fall ermitteln werden? Frau Helmer, ganz hervorragend. Ich bin in ein paar Minuten da.«
»Wie jetzt? So schnell?«, fragte Rosalie überrascht.
»Ja, so schnell. Ich bin nämlich gerade an der Hamburger Straße und kann fast aufs Ringgleis spucken. Der Lange Heinrich ist zum Greifen nahe, wäre er nicht im Nebel verschwunden.«
Biggi hatte sich dazu entschlossen, schon mal den kleinen runden Küchentisch aufzubauen und ihn zusammen mit den beiden Stühlen direkt am Fenster zu platzieren. Wim würde es sicher mögen, wenn er beim Frühstück in Nachbars Garten gucken konnte. Oder hatte er dann vielleicht Sorge, dass man ihn womöglich auch sah? Als ihr Blick Richtung Zimmerdecke ging, stellte sie fest, dass sie die Hängelampe versetzt oder mit einer Affenschaukelkonstruktion aufhängen müsste, damit sie Licht über dem neuen Sitzplatz hatten. Aber es gab ja auch kleine Tischlampen mit Akku, die dadurch sogar ohne Kabel auskamen. Aber ob Wim dazu in der Lage wäre, diese aufzuladen? Gegen neugierige Nachbarn könnten Scheibengardinen helfen. Biggi seufzte und würde es einfach drauf ankommen lassen. Mit immer noch dröhnendem Schädel begann sie, den Tisch zu decken, als ein Signalton ihres Handys ihr plötzlich den Eingang einer SMS ankündigte. Sie hörte diesen Ton selten und genau deshalb war ihr sofort klar, wer sich da gemeldet hatte. Was wollte Wim wohl jetzt von ihr?
Ich muss zu einer Leiche. Ich beeile mich. Gruß W.
Warum rief er denn nicht an? Biggi machte kurzen Prozess und wählte Wims Nummer.
»Ich dachte, du schläfst vielleicht«, meldete er sich außer Atem.
»Nee, ich decke gerade den Tisch.«
»Welchen Tisch? Du hast doch wohl nicht etwa …«
»Sollen wir vielleicht auf dem Fußboden essen?«, fiel Biggi Wim ins Wort.
»Du sollst dich doch nicht anstrengen!«
»Lieb, dass du dich sorgst, aber ich weiß, was ich mir zumuten kann.«
»Warum sollte ich mich nicht sorgen?«, grummelte Wim. »Also ich bin jetzt auf dem Weg zu einem Leichenfundort.«
»Aha! Das kommt aber schon ein wenig, sagen wir mal, überraschend?«
»Ja, das kann ich nicht abstreiten. Ich stand gerade bei den veganen Hackfleischbällchen, als die Helmer sich gemeldet hat.«
»Vegane Hackfleischbällchen? Was um alles in der Welt wolltest du uns denn servieren? Ich brauche bitte den puren Fleischgenuss!«
»Ich doch auch«, entgegnete Wim und lachte kurz auf. »Aber das war halt mein Standort im Supermarkt, als der Anruf kam. Jedenfalls wurden wohl Müllsäcke mit Leichenteilen entdeckt. Na ja, und da hat die Helmer eins und eins zusammengezählt und sich gedacht, dass es wohl Sinn macht, mich schon mal vorab zu informieren. Außerdem wusste sie anscheinend von dir, dass ich schon in Braunschweig bin. Oder hat sie noch andere Quellen, die sie über mich auf dem Laufenden halten?«
»Ist das jetzt schlimm, dass ich ihr das erzählt habe? Du klingst ein wenig vorwurfsvoll.«
»Biggi, ich will mit dir jetzt wirklich nicht über Rosalie Helmer und Vertraulichkeit diskutieren, aber in diesem Fall war es tatsächlich von Vorteil, dass du sie über meine Rückkehr nach Braunschweig informiert hast. Also, wie dem auch sei, ich habe die Einkäufe im Kofferraum deponiert, das sollte bei diesen Außentemperaturen kein Problem sein, und gehe da jetzt schnell hin. Der Fundort ist fußläufig zu erreichen. Und du ruhst dich bitte weiterhin aus.«
»Den Teufel werde ich tun, Wim Schneider! Wo muss ich hin?«
Waidmannsheil Riddagshausen 1887 e.V. Zufrieden verschloss Enno Schwerdtfeger die Flasche mit der Metallpolitur und freute sich über das nun wieder glänzende Vereinswappen. Alles war perfekt. Perfekt vorbereitet für die alljährliche Vollversammlung mit anschließendem Abendessen, die in weniger als einer Stunde im Clubhaus beginnen würde. Die komplette Organisation lastete auf seinen Schultern, aber was tat man nicht alles als 1. Vorsitzender? Das Büfett würde in Kürze angeliefert werden – Motto: »Wild durcheinander« – und die Frauen hatten sich bei der Tischdeko wieder einmal selbst übertroffen. Seine Ansprache hatte Enno mehrfach umgeschrieben und er hatte sich vorbehalten, in letzter Sekunde noch die große Nachricht zu verkünden. Nur der alles entscheidende Anruf aus Hannover ließ auf sich warten. Wie lange so eine Kuratoriumssitzung wohl dauern würde?
»Bärbel, hast du den Kopf abgestaubt?«, rief er seiner Frau zu, deren Trippelabsätze er im Nebenraum hören konnte.
»Ja doch, ich bin fast fertig. An deinem Heiligtum von Geweih kann ich eigentlich alle zwei Tage Spinnweben entfernen.«
Das, was seine Frau als »Heiligtum« bezeichnete, war tatsächlich außergewöhnlich und, soweit Enno wusste, im Braunschweiger Land einzigartig. Die Rede war nicht von irgendeinem Geweih, sondern dem stattlichen Zwölfender, der auf einem präparierten Albino-Hirschkopf thronte. Kindheitserinnerungen holten Enno ein, der in dritter Generation Mitglied im Jagdverein war. Mit seinem Großvater Otto war er seinerzeit jedes Wochenende auf der Pirsch gewesen, morgens um halb vier hatten sie in eisiger Kälte auf dem Hochstand ausgeharrt, um ihn zu finden. Legenden rankten sich um das prächtige Wild, das damals mehrfach zwischen Cremlingen und Weddel gesichtet worden war. Und eines Morgens, sie hatten die Hoffnung beinahe aufgegeben, war das stolze Geweih plötzlich am Waldrand aufgetaucht. Majestätisch hatte sich das Tier im Schutz der Morgendämmerung und auf der Suche nach Futter auf das Feld vorgewagt und war wegen des schneeweißen Fells doch nicht zu übersehen gewesen. Enno hatte sich kaum getraut zu atmen, als Opa Otto das Gewehr angelegt und mit einer beeindruckenden Ruhe sein Ziel ins Visier genommen hatte.
Der präparierte Hirschkopf wurde später im Clubhaus, das damals noch Vereinsheim hieß, an prominenter Stelle an die Wand genagelt und Otto Schwerdtfeger zum Ehrenmitglied ernannt. Der Grundstein für das private Jägereimuseum Waidmannsheil war gelegt. Mittlerweile zählte die Sammlung mehrere Dutzend Exponate und hatte sich auf einen kleinen Anbau ausgeweitet. Der Waldkindergarten, Schulklassen, junge Familien und vor allem Kinder konnten sich hier für Hasen, Fasane und Waschbären begeistern, und so hatte sich das Jägereimuseum zu einem beliebten Ausflugsziel gemausert. Selbst das Staatliche Naturhistorische Museum war eine Kooperation eingegangen und hatte ein neu gestaltetes Diorama mit einem präparierten Exponat aus dem Bestand der Jägerschaft bestückt und auf der Beschilderung einen entsprechenden Hinweis aufgenommen. Der Waidmannsheil-Vereinsvorstand war zudem Mitglied in dem neu gegründeten Braunschweiger Freundeskreis zur Förderung von Naturkundemuseen geworden, der sich regelmäßig zu Arbeitstreffen in den Räumlichkeiten des Naturhistorischen Museums traf.
Mit dem Erfolg, der öffentlichen Anerkennung und dem Wachstum der privaten Ausstellung kamen aber auch der Platzmangel und steigende Kosten für die Unterhaltung. Die Vereinskasse war noch gut gefüllt, aber weil man das an sich immer noch moderate Eintrittsgeld nicht weiter erhöhen wollte, musste dringend etwas passieren. Und deshalb hatte Enno Schwerdtfeger es sich zur Aufgabe gemacht, Fördergelder zu akquirieren, mit denen man die Räumlichkeiten würde erweitern und die Ausstellung modernisieren können.
»Corinna und Fritz haben gerade abgesagt, sie müssen kurzfristig als Babysitter bei ihrem Enkel einspringen. Und Justus kann nicht kommen, weil er sich nicht gut fühlt.«
Bärbel Schwerdtfeger tauchte im großen Saal auf und hielt einen Staubwedel in der Hand.
»Ein bisschen Schwund ist immer. Und bei über 50 Zusagen fallen drei Absagen ja kaum auf«, entgegnete Enno und rückte die letzten Stühle in die korrekte Ausgangsposition. Wenn er eines nicht haben konnte, dann waren es solche kleinen Ungenauigkeiten.
»Da hast du wohl recht. Hat Hannover sich noch gemeldet?«
»Nein, bislang nicht. Die Sitzung hat vor zwei Stunden begonnen und die Vorsitzende hatte mir zugesagt, dass sie sich bei mir meldet, sobald sie fertig sind.«
»Zwei Stunden sind noch nichts bei so einer Gremiensitzung. Wir wissen doch selbst, wie lange wir hier manchmal zusammenhocken. Da mach dir mal keinen Kopf.«
»Stimmt wohl. Aber ich würde die guten Nachrichten so gerne heute Abend verkünden.«
»Bist du dir denn sicher, dass wir einen Zuschlag bekommen?«
»Also laut Frau Janßen stehen die Chancen sehr gut. Aber ein Selbstläufer ist es natürlich nicht.«
»Nachher sind wir schlauer. Lass uns jetzt mal einen Jägermeister trinken, die anderen kommen gleich.«
Biggi starrte auf die geöffnete Navigationsapp und näherte sich dem historischen Jute-Portal, das inmitten der neu gebauten Wohnblöcke ein wenig aus der Zeit gefallen wirkte. War sie schon zu weit gelaufen? Irgendwo rechts musste sie abbiegen, um zur Oker zu gelangen, aber vermutlich hätte sie diesen einen Weg zuvor einschlagen müssen, den sie bereits hinter sich gelassen hatte. Im Moment sah hier alles eher nach Sackgassen aus, die direkt zu den nach hinten versetzten Häusern führten. Und der Nebel machte es nicht gerade leichter, sich als Ortsfremde zurechtzufinden. Eine Viertelstunde Fußweg hatte Google Maps ihr angekündigt, mindestens 25 Minuten war sie nun schon unterwegs. Gedankenverloren fasste sie sich an ihren Kopfverband und entschied sich, die Spinnerstraße wieder ein Stück zurückzugehen. Der Anflug von Übelkeit, der Biggi immer wieder heimsuchte, wurde von ihr genauso ignoriert wie der Umstand, dass sie eigentlich sicher war, unterwegs noch einmal diesen Fuchs gesehen zu haben, der mitten im Wohngebiet durch die Vorgärten gestromert war. Aber konnte das wirklich sein? Vielleicht mutete sie sich gerade einfach zu viel zu und vielleicht hätte sie lieber auf den Arzt hören und sich schonen sollen. Aber andererseits wartete eine zerstückelte Leiche auf sie und das konnte sie sich nicht entgehen lassen.
Der Fundort war weiträumig abgesperrt und die Blaulichter von Polizei- und Rettungswagen wiesen den Weg zur Einsatzstelle schon aus der Ferne. Rosalie schloss Else, wie sie ihr Fahrrad nannte, an einer Straßenlaterne an und entdeckte zuerst Mads. Auffällig groß und schlaksig wie eh und je war er kaum zu übersehen und saß mit einem gewissen Abstand und zwei Hunden an der Leine auf einer Bank. Sie winkte ihm kurz zu, bevor er mit einem Kopfnicken in Richtung Wiese deutete, wo es in wenigen Augenblicken und nach über einem halben Jahr zum ersten persönlichen Aufeinandertreffen kommen würde. Trotz der schlechten Sicht erkannte sie Wim Schneider an seiner bulligen Statur.
»Guten Abend, Frau Helmer.«
»Herr Schneider«, begrüßte Rosalie ihren neuen Kollegen schmallippig und spürte, wie ein Schwall Stresshormone sie in innere Unruhe versetzte.
»Hier haben wir unsere Fundstücke«, begann Wim direkt mit einer Erklärung und zeigte auf einen der beiden prall gefüllten Müllsäcke, der am oberen Ende leicht geöffnet war.
»Der Kriminaldauerdienst ist angefordert und unterwegs. Die Kollegen müssten gleich da sein«, entgegnete Rosalie und zog Gummihandschuhe aus ihrer Jackentasche. »Ach, so ein Mist, jetzt habe ich nur ein Paar dabei.«
»Das ist gar kein Problem, Frau Helmer. Biggi und ich wollen gleich noch zu Abend essen, da muss ich mir die Finger jetzt nicht noch schmutzig machen, geschweige denn, mir den Appetit verderben.« Wim rümpfte die Nase und schaute Rosalie erwartungsvoll an. »Riskieren Sie ruhig einen Blick. Keine delikate Angelegenheit.«
»Das heißt, Sie haben noch gar nicht …«
»Warum sollte ich? Ich bin doch gar nicht befugt. Noch nicht jedenfalls. Und wie Sie sich vielleicht denken können, gehören Gummihandschuhe auch nicht zu meiner Standardausstattung, wenn ich im Supermarkt bin. Wobei das wahrscheinlich nicht schaden könnte in Zeiten wie diesen. Wie dem auch sei: Bis übermorgen müssen Sie dienstlich wohl noch ohne mich klarkommen.«
»Aber hier vorbeischauen wollten Sie dann schon?«, fragte Rosalie und konnte sich nicht dagegen wehren, dass sie Wims süffisanten Auftritt als unverschämt empfand. »Und, ich zitiere, ›hervorragend‹ fanden Sie meine Idee, Sie frühzeitig zu informieren, auch?«
»Nun entspannen Sie sich mal, Frau Kollegin. Natürlich war das die richtige Entscheidung von Ihnen, denn ich glaube kaum, dass dieser Fall am Montag geklärt ist. Wir werden uns also wohl noch ein paar Tage länger damit beschäftigen müssen, und da ist es prima, dass Sie mich dank der Standleitung zwischen Biggi und Ihnen von Anfang an mit ins Boot holen.«
Rosalie räusperte sich, um ein paar Sekunden Zeit zu schinden, und war bemüht, auf diese weitere Spitze nicht näher einzugehen. »Ist Biggi also auch in Braunschweig?«
»Ja, allerdings!« Es war die unverkennbare Raucherstimme, die erklang, bevor Biggi aus einer Nebelwand trat und geradewegs auf Rosalie und Wim zusteuerte.
»Hallo, ihr zwei, da bin ich.«
»Hat unser Herr Schneider also in alter Manier gleich Bescheid gesagt und Verstärkung angefordert?« Rosalie freute sich sichtlich und nahm Biggi intuitiv in den Arm. »Aber was ist denn eigentlich passiert? Das sieht ja böse aus. Ein Unfall?«
»Tja, unsere Biggi ist ja nun wirklich nicht auf den Kopf gefallen, aber heute hat sie mal eine Ausnahme gemacht. Und ich habe ihr nur Bescheid gesagt, dass ich mich verspäte. Es war bestimmt nicht meine Idee, sie hierherzubestellen. Eigentlich soll sie sich ausruhen, aber man kennt ja Biggi und ihren dicken Schädel. Und jetzt macht sie dem auch alle Ehre!«, amüsierte sich Wim und zwinkerte Biggi zu.
Diese verzog keine Miene, schmiss ihre erst zur Hälfte aufgerauchte Zigarette auf den feuchten Rasen und trat sie mit deutlichem Nachdruck aus. An irgendetwas musste Biggi ihren Ärger über Wims blöden und vor allem unnötigen Kommentar auslassen. In ihrem pochenden Kopf formte sich bereits die passende Retourkutsche, aber sie verkniff es sich zu sagen, was sie von Wims Taktlosigkeit hielt. Dafür wusste sie im Gegensatz zu ihm, was sich in der Öffentlichkeit gehörte. Ein offener Zwist vor Rosalie wäre nicht nur peinlich, sondern auch unprofessionell. Und zu guter Letzt wollte Biggi ihrem ehemaligen Kollegen nicht den Einstand im neuen Job durch eine Szene kaputt machen. An den Status »ehemalig« konnte und wollte sie sich noch nicht so recht gewöhnen und entschied sich mit spürbarem Stich im Herzen dazu, Wim als Reaktion lediglich einen scharfen Blick zuzuwerfen.
»Oh, das tut mir leid!«, sagte Rosalie und überbrückte damit spontan die unangenehme Redepause, welche mittlerweile entstanden war. »Also, wie dem auch sei. Ich werde mich selbstverständlich vorrangig um alles kümmern und die volle Verantwortung übernehmen, denn ich bin ja gerade die einzige diensthabende Beamtin hier. Ich denke, darauf können wir uns verständigen?«
»So hatte ich mir das auch gedacht«, sagte Wim und griff freundlich, aber bestimmt Biggis linken Unterarm. »Komm, wir gehen einen Schritt beiseite und lassen die junge Kollegin mal machen. Die will schließlich noch was werden. Und wer weiß, vielleicht wird das hier der Fall ihres Lebens: der Ripper von Braunschweig oder so was.«
Mads beobachtete das diskutierende Ermittler-Trio, während Nero und Elfi mittlerweile genug voneinander hatten und im Wechsel an ihren Leinen zerrten. Er würde aber noch ein Weilchen den Hundesitter spielen müssen, denn Detlef Konopke und Gisela Bruns, die Besitzerin von Elfi, wurden gerade ärztlich behandelt.
Als Mads den Wagen der Kriminaltechniker ankommen sah, erkannte er am Steuer Christina Pannier. Die Leiterin des Kriminaldauerdienstes und Expertin im Bereich der Spurensicherung an Tatorten hatte er bereits während seiner Praxiszeit im Polizeikommissariat Münzstraße kennen- und schätzen gelernt. Sie war glücklich mit ihrem Burkhard liiert und ging mit ganzem Herzen in ihrer gut funktionierenden Patchworkfamilie mit vier Kindern aus zwei Ehen auf. Hätte sie mehr Freizeit, die sie nach eigener Aussage oftmals vermisste, dann wäre sie nach Mads’ Empfinden ganz sicher eine Kandidatin, um für Rosalie eine echte Freundin zu werden. Diese konnte Rosalie gut gebrauchen, denn private Kontakte hatte sie in Braunschweig bislang kaum geknüpft und ihrer Ex-Freundin Anne trauerte sie immer noch hinterher. Aus Selbstschutzgründen hatte Rosalie daher nach eigener Aussage ihr Liebesleben aktuell gegen ein Leben im Büro eingetauscht und Mads beobachtete diese Entwicklung mit Sorge.
Christina Pannier würde gut zu ihr passen, war sie doch genauso sportlich und durchtrainiert wie Rosalie. Das sah man sofort, und ihr Teint war auch jetzt im tristen November noch sommerlich gebräunt und vermittelte ein Gefühl von Urlaub am Mittelmeer. Womöglich ging Christina aber schlichtweg regelmäßig ins Solarium oder schluckte täglich Betacarotin-Dragees aus der Drogerie, das kannte Mads von seiner Tante Uschi. Ihre einst langen dunklen Haare hatte Christina vor einigen Jahren raspelkurz schneiden lassen. »Weil ich ja in meinem weißen Ganzkörperkondom eh ständig eine Kapuze auf dem Kopf habe, die jegliche Frisuren zerstört.« Mads hatte ein paar Tage beim Kriminaldauerdienst hospitiert und sich in den an sich leichten und atmungsaktiven Schutzanzügen nie richtig wohlgefühlt. Ihm war aber bewusst, dass diese unerlässlich waren, um einen Tatort nicht zu kontaminieren und die relevanten Spuren nicht zu zerstören. Jegliches Beweismaterial musste der Prüfung vor einem Gericht standhalten können.
»Mads! Das ist ja eine Überraschung! Was machst du denn hier?«, begrüßte ihn Christina freudestrahlend, als sie aus dem Wagen stieg und ihre Arbeitsausrüstung aus dem Kofferraum holte.
»Mich hat der Zufall geschickt«, antwortete Mads und band die beiden kläffenden Hunde an der Rückenlehne der Bank fest.
»Sind das deine? Bist du wieder in Braunschweig?«
»Ich besuche meinen … Ich besuche einen Freund am Wochenende. Meine alte WG, na ja, und jetzt war ich am Ringgleis laufen, und ob du es glaubst oder nicht, aber ich war fast live dabei, als die Müllsäcke gefunden wurden. Und ich habe die Polizei verständigt. Die beiden Vierbeiner hier gehören den Zeugen.«
Während Mads die Hunde im Auge behielt, zogen Christina und ihre beiden Kollegen sich ihre Schutzanzüge über.
»Max und Thorsten kennst du ja noch. Mel ist krank. Aber die Lage scheint überschaubar, das bekommen wir zu dritt hin. Mein Gott, ist das eine Suppe. Wüsste ich nicht, dass das mein Job ist, würde ich meinen, ich sei bei den Dreharbeiten zu einem Horrorfilm gelandet.«
Die beiden Spurenermittler grüßten, und gerade als Mads zu einer Antwort ansetzen wollte, klingelte sein Handy. Jan. Den hatte er im Eifer des Gefechts vollkommen vergessen. »Sorry, da muss ich mal eben ran.«
»Kein Thema, wir müssen auch anfangen. Vielleicht bis später und sonst lass dich wieder einmal blicken.« Christina warf Mads einen Luftkuss zu und entfernte sich mit ihrem Team in Richtung Flussufer.
»Hey, na, vermisst du mich schon?«
»Hallo! Wo steckst du? Ich mache mir langsam Sorgen. Bist du bis nach Lamme gejoggt, oder was?« Mads musste grinsen, als er Jans aufgeregte Stimme hörte.
»Nein, nein. Ich bin gar nicht so weit weg, aber ich bin mitten in einen Mordfall geraten.«
»Wie bitte? Oh Gott, ist dir was passiert? Geht es dir gut? Bist du verletzt?«
»Atmen, Jan, atmen. Mir geht es gut und ich komme auch bald nach Hause.« Er legte auf und wunderte sich über sich selbst. Er hatte gerade »nach Hause« gesagt.
Detlef Konopke hatte seine Frau aus dem Rettungswagen angerufen und selten hatte er Ute so kreidebleich gesehen wie in dem Moment, als sie ihn in ihre Arme schloss. Wann hatte Ute ihn überhaupt zum letzten Mal so richtig umarmt?
»Didi, was machst du denn nur für Sachen?« Ute hatte Tränen in den Augen und Detlef war ein wenig gerührt.
»Ich? Das war Nero. Der bekommt jetzt bestimmt eine Ehren-Hundemarke, weil er bei der Aufklärung eines Mordes behilflich war.«
»Du hast am Telefon was von Leichenteilen gesagt. Ich kann mir das gar nicht vorstellen.«
»Das musst du auch nicht. Es reicht, dass ich das gesehen habe.«
»Aber ich will alles wissen. Ich möchte dich doch verstehen.«
Detlef Konopke rang mit der Fassung und suchte nach den richtigen Worten, als Elfis Frauchen nach ihrem Arztgespräch den Rettungswagen verließ und sich zu den beiden gesellte.
»Guten Abend, Bruns mein Name, ich bin die zweite Zeugin. Es waren blutige Oberschenkel und ein Torso mit Brüsten dran. Mehr konnte man auf die Schnelle … Mir wird schon wieder schlecht.«
