Teufelsspring - Mario Bekeschus - E-Book

Teufelsspring E-Book

Mario Bekeschus

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Beschreibung

Der Mord an der jungen Joelle Winter erschüttert die Öffentlichkeit. Der Leichenfundort direkt neben dem historischen Pissoir im Braunschweiger Museumpark sorgt für Aufsehen und Gerüchte. Kommissar Wim Schneider und seine Kollegin Rosalie Helmer nehmen die Ermittlungen auf und stoßen auf Parallelen zu einem mysteriösen Cold Case aus dem Jahr 1993. Gibt es eine Verbindung nach Hannover? Die Spuren führen zur düsteren Sage vom „Teufelsspring“ und einem gut gehüteten Geheimnis.

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Seitenzahl: 422

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buecherwurm1910

Man kann sich nicht von der Lektüre losreißen

Der vorerst letzte Band der Wim Schneider-Reihe ist ein toller Abschluss, der uns nicht nur Einsicht in die queere Community nehmen lässt, sondern auch die Problematik der Pflegeeinrichtungen thematisiert und dabei natürlich auch ein spannender Krimi ist. Zu Beginn streut der Autor ein paar lose Fäden, die er im Lauf der Geschichte gekonnt zusammenwebt. Seine Beschreibungen zu den Themen Pflege und Pflegeeinrichtungen sowie die Erlebnisse der jungen Joelle sind direkt aus dem Leben gegriffen und geben einen guten Einblick in die jeweilige Thematik. Mario Bekeschus ist ein besonderes Buch gelungen, das viel mehr bietet als nur Krimi. Man darf hoffen, dass es vielleicht doch noch ein Wiedersehen mit Wim, Rosalie, Mads, Biggi, … geben wird.
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Mario Bekeschus

Teufelsspring

Niedersachsen-Krimi

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

Bei Fragen zur Produktsicherheit gemäß der Verordnung über die allgemeine Produktsicherheit (GPSR) wenden Sie sich bitte an den Verlag.

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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Satz/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Friederike Fuchs

ISBN 978-3-7349-3168-0

Widmung

Für Patrick

Vorwarnung

Dieses Buch enthält Darstellungen physischer und psychischer Gewalt an trans Personen.

Ne Sage vonnen Düwelspring

De Düwelspring isn ganz oles Water. Da hat mik mein Vater immer vertellt, da is ne Hochzeitskutsche ewest und de Peerde sind durchjegaan un de sin da hinjerraan und up diesem Weje nachm Düwelspring hin, da sin de Peer rintergelopen, rinnejaacht inne Düwelspring un de Kutsche mit dem Kutscher und de Peern un de Brautluie dadrinne sin verswunden un nie einer wedder wat vonne saan.

Prolog

Vor mehr als 30 Jahren.

Die eisige Kälte fraß sich erbarmungslos durch die Fasern ihrer Kleidung und die zarten Schichten ihrer Haut. Der Winter hielt sich hartnäckig. Um sich aufzuwärmen, trippelte sie immer wieder von einem Fuß auf den anderen und rieb sich die Oberarme. Als die volle Stunde immer näher rückte, warf sie einen letzten kritischen Blick in den kleinen silbernen Handspiegel, bevor sie ihn zufrieden in ihrem Rucksack verschwinden ließ. Die künstlichen Wimpern wirkten verführerisch, das Make-up saß perfekt. Der Frost hatte dem dezenten Rouge ihrer Wangen allerdings eine zusätzliche Röte verliehen und ließ sie beinahe überschminkt aussehen. Vermutlich machte sie sich gerade aber nur unnötig Gedanken, denn bestimmt würde ihm dieser kleine Schönheitsfehler gar nicht auffallen. Ihr Treffpunkt am westlichen Stadtrand war ein trostloser Ort, verkehrstechnisch jedoch günstig gelegen für das, was er ihr als Überraschung angekündigt hatte. Wegen der Fahrtzeiten der Trambahn, die sie hierhergebracht hatte, war sie zu früh dran gewesen. Sie hatte sichergehen wollen, nicht zu spät zu kommen, und war nach dem langen Warten nun erleichtert, als er pünktlich auf die Minute mit seinem schwarzen BMW vor dem gläsernen Wartehäuschen anhielt, an dessen Seitenfronten sich Eisblumen gebildet hatten. Das Auto mit den weichen Kunstledersitzen imponierte ihr, dem Öffnen der Beifahrertür folgte eine kurze Geste, die sie zum Einsteigen aufforderte und ihr ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Seine tiefe, maskuline Stimme sorgte für einen wohligen Schauer der Erregung. Genauso seine große, männliche Hand, die er ihr im Wageninneren zur Begrüßung auf den dünnen Oberschenkel legte. Vergessen die eisigen Temperaturen und die steif gefrorenen Gliedmaßen. Sie war ihm einfach erlegen und spreizte als Antwort die Beine wenige Zentimeter, nur so weit, dass er mit seinen Fingern ein Stückchen weiter nach oben wandern konnte. Kurz vor ihrem Schritt nahm sie seine Hand, führte sie zu ihren vollen Lippen und spielte mit der Zunge an jeder einzelnen Fingerspitze. Er stöhnte auf und schloss die Augen. Erst als ein Auto hinter ihnen hupte und sie zum Weiterfahren aufforderte, rissen sie sich zusammen und konzentrierten sich auf die Straße.

Während er den Wagen stadtauswärts lenkte und sie die Lichter der Stadt hinter sich ließen, huschte ihr Blick sehnsüchtig immer wieder zu ihm herüber. Das volle, dunkle Haar fiel ihm in die Stirn, das Profil seines kantigen Gesichts war wunderschön. Die dicke Daunenjacke umhüllte seinen durchtrainierten Oberkörper und ließ nicht erahnen, was er darunter an Statur zu bieten hatte. Anders seine enge Jeanshose, unter der sich neben seinen muskulösen Beinen auch eine beachtliche Beule abzeichnete. Eine Folge der innigen Begrüßung wenige Minuten zuvor und Beweis seiner Standhaftigkeit, die er ihr schon so oft und hemmungslos unter Beweis gestellt hatte. Im Sturm hatte er ihr Herz erobert und Gefühle in ihr ausgelöst, wie sie sie in ihrem jungen Leben bisher nicht gekannt hatte. Und doch war heute etwas anders. Er machte einen abwesenden Eindruck auf sie, in sich gekehrt, ihr wenig zugewandt, wenn man die gegenseitige körperliche Anziehungskraft einmal außen vor ließ. Während das bis zum Anschlag aufgedrehte Gebläse dafür sorgte, dass sich eine angenehme Wärme um sie herum ausbreitete, wirkte er beinahe kühl. Auf ihre Frage, wo er denn nun hinfahren würde, antwortete er wortkarg, dass sie es noch früh genug erfahren würde. Täuschte sie sich oder hatte er unterhalb seines Kieferknochens eine Schwellung? Kurz vor einem Überholmanöver auf der Landstraße drehte er den Kopf für einen flüchtigen Schulterblick und jetzt war sie sicher, dass sich unter der straffen, frisch rasierten Haut seines Halses eine kugelrunde Erhebung abzeichnete, die sie dort nie zuvor gesehen hatte. Etwa in der Größe eines Tischtennisballs und so unnatürlich, dass ihr der Anblick einen Schrecken einjagte. Vorsichtig fasste sie an die auffällige Stelle und streichelte sanft darüber. »Was hast du da?« Doch anstatt zu antworten, verpasste er ihr ohne Vorwarnung mit der rechten Faust einen Schlag ins Gesicht, sodass sie mit dem Kopf gegen die Scheibe knallte. Ihre Stirn platzte auf, Blut überall und ein dumpfer Schmerz. Als sie schließlich ohnmächtig wurde, parkte er das Auto auf einem Feldweg. Endstation, aus und vorbei. Für immer.

1. Kapitel

»Gibt’s hier bald mal wieder Tote Oma?«

Patricia Gräfin von Ohrberg war ihre adelige Herkunft weder anzusehen noch anzuhören. Eingetauscht die Zeiten glamouröser Galadinner und Sektempfänge in der ostdeutschen Heimat gegen einen faden Hackbraten und lauwarmen Hagebuttentee aus der Großküche der Braunschweiger Seniorenresidenz »Leugärten«. Der dunkelblaue Rollstuhl schien die schmächtige Frau, die sich bereits mehrfach bekleckert hatte, beinahe zu verschlucken, aber in ihrer schrillen Stimme steckte noch Kraft.

Wim Schneider fühlte sich in dieser Umgebung unwohl und dennoch schien eine Flucht ausgeschlossen. Zu groß war das Pflichtgefühl seiner Schwester Sigrid gegenüber, die dankend jeden Bissen des Mittagessens entgegennahm, den er ihr anreichte. Szenen seiner jungen Jahre vor dem inneren Auge, als er die Mutter gepflegt und Sigrid ihn im Stich gelassen hatte. Aber sollte er Gleiches mit Gleichem vergelten?

»Tote Oma?«, flüsterte Wim amüsiert, während Sigrid auf einem Stück gekochtem Kohlrabi kaute.

»Hören Sie mir bloß auf! Die Gräfin ist mal wieder in der Vergangenheit unterwegs«, echauffierte sich Sigrids glatzköpfiger Sitznachbar und tupfte sich mit einer weißen Papierserviette den faltigen Mund ab.

»Und in der gab es tote Omas?«, erkundigte sich Wim perplex.

»Gestatten: Herrmann Hesse.«

Entgeistert schaute Wim zu Sigrid. Wo war er bloß gelandet?

»Wie bitte?« Sigrid hatte das Gemüse inzwischen he­runtergeschluckt und ihre Sprache wiedergefunden.

»Ich heiße Herrmann Hesse. Ich denke, es ist doch nett, wenn Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben, nicht wahr? Herrmann mit zwei R, nicht wie der Dichter mit nur einem.«

»Schneider. Meine Schwester heißt Beneke«, entgegnete Wim und versuchte, ein Stück des in brauner Soße schwimmenden Hackbratens aufzuspießen, das auf dem Teller jedoch in seine bröseligen Einzelteile zerfiel.

»Das ist ein Kackbraten, kein Hackbraten, wenn Sie mich fragen«, kommentierte Herrmann Hesse Wims Versuch, Sigrid bei der Nahrungsaufnahme zu helfen.

Wim schmunzelte. »In der Tat. Die Konsistenz lässt zu wünschen übrig. Und was hat es nun mit der toten Oma auf sich?«

»Die Gräfin kommt gebürtig aus Sachsen. Ist ja bei dem Dialekt kaum zu überhören. Verarmter Landadel oder so was. Jedenfalls gab es in ihrer Kindheit wohl immer ein Gericht namens ›Tote Oma‹. Ein deftiger Klassiker aus der Pfanne, der sich auch in der DDR großer Beliebtheit erfreute. Blutwurst, Leberwurst, Speck, Zwiebeln …«

»Danke, das reicht«, unterbrach Sigrid. »Mir wird schon beim Gedanken an Blutwurst schlecht.«

»Das kann ich verstehen«, bestätigte Herrmann Hesse und musterte Sigrid dabei von unten nach oben und wieder retour. »Sie hat es aber auch wirklich übel erwischt.«

Sigrid nickte und öffnete den Mund, als Wim mit einem Löffel auf sie zusteuerte. Die Hackkrümel ließen sich damit eindeutig besser transportieren.

»Aus Spaß ist sie sicher nicht hier«, sagte Wim, während Sigrid zuschnappte und ein schmatzendes Geräusch von sich gab.

»Was ist denn passiert, wenn ich fragen darf?«

»Glatteis. Ich bin in der Einfahrt gestürzt«, antwortete Sigrid mit vollem Mund.

»Totalschaden. Frakturen beider Oberarme, einer Elle, eines Handgelenks und ein gebrochenes Becken«, ergänzte Wim. »Habe ich was vergessen?«

Sigrid schüttelte den Kopf, bevor ihr Bruder fortfuhr.

»Sie konnte nach dem Krankenhaus unmöglich allein zu Hause bleiben, und so musste es leider die Kurzzeitpflege sein, bis es mit der Reha losgeht.«

»Großer Gott, das klingt ja furchtbar! Aber na ja, zumindest ist es nicht für immer – so wie bei mir.«

»Ich bin auch wenig begeistert, aber es ging leider wirklich nicht anders. Und natürlich musste es schnell gehen, und dann wohne ich eigentlich auch in Helmstedt und Wim in Braunschweig. Das war vielleicht alles kompliziert. Aber wenn schon Pflege, dann wenigstens in seiner Nähe.«

»Das kann ich gut verstehen. Also wenn Sie mal Langeweile haben, dann kommen Sie gerne auf mich zu. Wir haben einen Lesekreis, wir spielen Canasta, Bingo und …«

»Wie soll meine Schwester denn mit zwei Gipsarmen Bingo spielen? Wollen Sie ihr den Stift in den Mund stecken?«, fiel Wim ihm ins Wort und verdrehte die Augen.

»Ich helfe dann natürlich. Das Pflegepersonal hat wenig Zeit für so was. Vollkommen unterbesetzt und deshalb oft gestresst. Und Sie als Angehöriger können sich auch nicht rund um die Uhr kümmern. Oder sind Sie schon Rentner und haben Zeit in Tüten? Obwohl … Rentner haben in meiner Wahrnehmung ja nie Zeit. Ständig irgendwelche Verabredungen, Ausflüge, Arzttermine, und der Einkauf im Supermarkt dauert auch doppelt so lange wie früher. Wenn man das dann noch mit einem Gang zur Drogerie und zum Lottoladen kombiniert, ist schnell mal ein ganzer Tag verplant. Und man ist ja auch nicht mehr so belastbar.«

Wim wurde es allmählich zu bunt. »Sehe ich aus wie ein Rentner?«

»Mein Bruder ist bei der Polizei«, mischte sich Sigrid ein. »Kriminalhauptkommissar bei der Mordkommission.«

»Das tut doch jetzt nichts zur Sache.« Wim warf Sigrid einen flehenden Blick zu. Fragen nach seinem Beruf konnte er nicht leiden, in diesem Fall schienen sie nun vorprogrammiert.

»Klingt vielbeschäftigt, aber da will ich gar nicht nachhaken«, entgegnete Herrmann Hesse und zwinkerte Wim zu.

»Nicht?« Wim war überrascht.

»Ich war bis zu meiner Pensionierung Landesbeamter. Sensibler Bereich, wenn Sie verstehen. Höchste Geheimhaltungsstufe. Ich habe nie über meine Arbeit gesprochen und werde es auch jetzt nicht.«

»Ich verstehe Sie sehr gut«, sagte Wim erleichtert.

»Wunderbar, aber trotzdem ist in diesem Laden einiges faul, das kann ich Ihnen sagen, Herr Kommissar. Hier verschwinden ständig Sachen und durchaus auch mal Bewohner! Also, wenn Sie mal Zeit haben, ich hätte da ein paar Informationen für Sie.«

Auf Wollsocken stand Kommissarin Rosalie Helmer im kalten Treppenhaus und klingelte zum wiederholten Mal bei ihren neuen Nachbarn gegenüber. Die Wohnungstür hatte sie nur angelehnt, sodass der aromatische Duft des Ofengemüses, das gerade vor sich hin schmorte, zu ihr herüber­strömte, als sich plötzlich der nervige Piepton in ihrem rechten Ohr mal wieder meldete. Rosalie versuchte, die Ruhe zu bewahren, und fühlte sich wie ein nach Luft japsender Fisch, während sie den Mund immer wieder auf und zu machte, um die dauerverspannte Kaumuskulatur und ihre Kiefergelenke aufzulockern. Mittlerweile wusste sie mit der craniomandibulären Dysfunktion, kurz CMD, und all ihren Facetten gut umzugehen. Seit geraumer Zeit hatten die diffusen Symptome ihr zu schaffen gemacht, sich verschlimmert, und erst ein Besuch beim Zahnarzt hatte schließlich für Aufklärung und einen vielversprechenden Behandlungsansatz gesorgt.

Ein freier Sonntag, kurz vor zwölf, und Rosalie blieben nur noch etwa 30 Minuten, bis Eve, die eigentlich Evelyn hieß, aber ihren Vornamen hasste, zum Mittagessen erscheinen würde. Stress war einer der Hauptauslöser für Rosalies CMD-Probleme, und dass ihr bei diesem straffen Zeitplan genau zwei Eier fehlten, um die frisch geklopften Kalbsschnitzel zu panieren, trug nicht gerade zu ihrer Entspannung bei. Sie hatte zwar wenig Hoffnung, dass die Jungs ihr kurz nach dem Einzug würden aushelfen können, aber einen Versuch war es wert. Wenn nur mal jemand aufmachen würde. Mads und Jan mussten doch da sein. Vermutlich schliefen sie noch, nachdem es gestern Abend spät geworden war. Die Tagesthemen waren lange vorbei gewesen, als Rosalie das Werkzeug niedergelegt und sich erschöpft verabschiedet hatte. Und da hatte es noch einiges zu tun gegeben. Bis weit nach Mitternacht hatte Rosalie die beiden nebenan gehört. Die erste gemeinsame Wohnung war eben immer eine große Sache. Zufällig hatte Rosalie vor ein paar Wochen mitbekommen, dass die zweieinhalb Zimmer mit Küche und Bad frei geworden waren. Nur kurz hatte sie darüber nachgedacht, ob sie es gut fand, wenn Freunde auf der gleichen Etage wohnten wie sie. Ihr hatte die Vorstellung jedoch gefallen, die Menschen, die ihr wichtig waren, in ihrer Nähe zu wissen, und so hatte sie dem Paar schließlich seine neue Bleibe vermittelt. Die heimtückische Messerattacke, die Mads vor mehr als drei Monaten nur knapp überlebt hatte, war ein schwerer Einschnitt in ihrer aller Leben gewesen und Rosalie hatte sich im neuen Jahr fest vorgenommen, sich ganz besonders um die wenigen Freunde zu kümmern, die sie in Braunschweig hatte. Nach wochenlangen Klinikaufenthalten war Mads noch immer krankgeschrieben und musste das komplette Semester an der Polizeiakademie in Nienburg pausieren, um sich vollständig zu erholen. Der Umstand, dass er dem Tod nur um Haaresbreite entkommen war, hatte einen Schalter in ihm umgelegt. Seinem Coming-out, auch auf Männer zu stehen, war eine herzzerreißende Liebeserklärung an Jan gefolgt, zu der er sich in dieser Deutlichkeit nie zuvor hatte durchringen können. Mit der neuen Zweisamkeit außerhalb der bisherigen Studenten-WG setzten sie einen Herzenswunsch in die Tat um. Und so nahm das junge Glück auch billigend in Kauf, dass die Wohnung im Magniviertel für zwei Personen fast zu klein war. Vor dem Hintergrund, dass Mads plante, im Sommer wieder an die Akademie zurückzukehren und nur an den Wochenenden in Braunschweig Zeit zu verbringen, würden sie sich diesbezüglich aber arrangieren können.

Als Rosalie meinte, endlich Geräusche in der frisch bezogenen Wohnung ausmachen zu können, trat sie einen Schritt nach vorne und lauschte. Eindeutig, da betätigte jemand gerade die Toilettenspülung. Noch einmal drückte Rosalie den schwarzen Klingelknopf und erkannte schließlich eine Silhouette hinter der in der Wohnungstür eingelassenen Milchglasscheibe.

Endlich! Das wurde aber auch Zeit. Rosalie setzte bereits zu einer kurzen Begrüßung mit anschließender Eier-Frage an, als es ihr kurzerhand die Sprache verschlug. In der geöffneten Tür stand weder Mads noch Jan, sondern ein junger Kerl, der unverschämt gut aussah und sie breit angrinste.

Yves Degenhardt hatte am Wochenende Bereitschaftsdienst und das Handy griffbereit in der Manteltasche verstaut. Als Leiter der Mordkommission war er aber eigentlich eh rund um die Uhr im Einsatz. Seine Frau hatte es bevorzugt, in Magdeburg zu bleiben und ihn nicht in Braunschweig zu besuchen. Die Ehe der Degenhardts stand aktuell unter keinem guten Stern. Yves’ lange Arbeitstage und die vergeudete Lebenszeit auf der Pendlerautobahn A 2 hatten nicht nur zu der Entscheidung geführt, sich eine Zweitwohnung in der Nähe des Polizeikommissariats Münzstraße zuzulegen, sondern seine Frau in die Arme ihres Steuerberaters getrieben. Vor wenigen Tagen hatte Laura ihm gestanden, fremdgegangen zu sein, und nun forderte sie Abstand, um sich zu sortieren. Während sie nach eigener Aussage den Tag mit ihrer besten Freundin Susi zum Quatschen und Relaxen in einer Saunalandschaft verbrachte, hatte Yves sich dazu entschieden, dem unangenehmen Wetter zu trotzen und einen langen Spaziergang zu machen. Leider gab Birgit aktuell alles, um jeglichen Anflug von Frühling im Keim zu ersticken. Das Tief, das genauso hieß wie die ehemalige Kollegin von Wim Schneider, hing irgendwo stur über Russland, drückte sibirische Kaltluftfronten nach Mitteleuropa und sorgte auch Mitte März neben einem unangenehmen Ostwind für anhaltende Minusgrade. An eine Schneeschmelze war dieser Tage nicht zu denken und Yves konnte sich kaum erinnern, wann es zum letzten Mal einen so strengen und langanhaltenden Winter gegeben hatte. Nach einer Runde durch die menschenleere Fußgängerzone ließ er die Schloss-Arkaden hinter sich und steuerte auf den Museumpark zu. Als er kurz vor dem Parkeingang jedoch einen Streifenwagen und eine kleine Gruppe aufgeregter Eltern mit Kindern erblickte, überkam ihn eine Vorahnung, dass der Sonntagsspaziergang schneller beendet sein könnte, als ihm lieb war. Ein ihm noch unbekannter Kollege holte bereits das rot-weiß gestreifte Flatterband aus dem Kofferraum. Polizeiabsperrung.

2. Kapitel

»Und du bist?«

Rosalie vermutete, dass ihr die Überraschung ins Gesicht geschrieben stand, denn sie hatte mit allem, nur nicht mit einem gewissen Hinnerk gerechnet, dessen strahlend weißes Zahnpastalächeln beinahe unnatürlich auf sie wirkte. Ihre Antwort erfolgte etwas verzögert und wurde von einem Knacken ihres Kiefergelenks begleitet. Zumindest der Piepton im Ohr verflüchtigte sich wieder.

»Rosalie, die Nachbarin von gegenüber. Sind Mads und Jan gar nicht da? Ich wollte mir etwas ausleihen.« Während sich in ihrem Kopf verschiedene Theorien formten, was hier gerade vor sich ging, reckte Rosalie den Hals, um über Hinnerks breite Schultern hinweg einen Blick in den Flur zu werfen.

»Mads, kommst du mal? Deine Nachbarin ist da.« Hinnerk trat einen Schritt beiseite und Rosalie konnte nicht leugnen, dass ihr Gegenüber nicht nur optisch ein echter Hingucker war, sondern das Parfum, das er aufgelegt hatte, auch betörend roch.

»Rosalie, moin!« Mads kam aus dem Schlafzimmer. Seine verkrampft wirkenden Bewegungsabläufe verrieten, dass er noch immer mit Schmerzen zu kämpfen hatte.

»Hey!« Rosalie hob zur Begrüßung kurz die Hand. »Habt ihr Eier?«

»Das will ich doch hoffen«, entgegnete Mads lachend, zog das Bündchen seiner weißen Jogginghose kurz nach vorne und warf einen kritischen Blick nach unten.

»Haha, jetzt mal im Ernst: Ich muss was panieren und habe vergessen, Eier zu kaufen. Und ich habe wenig Zeit!«

»Sorry, Eier gibt unser ziemlich leerer Kühlschrank gerade nicht her.« Mads hob entschuldigend die Schultern und verzog für einen Moment das Gesicht. Die Operationsnarben meldeten sich offenbar sofort.

Rosalie seufzte. »Ich ahnte so was. Dann versuche ich es mal im Erdgeschoss bei Frau Famulla. Entschuldigt die Störung. Und Grüße an Jan.«

»Alles gut. Richte ich nachher gerne aus, wenn er zurück ist.«

»Ach, musste er weg?«

»Ja, hatten wir das gestern gar nicht erzählt? Er hat heute Frühdienst im Café. Und jetzt, wo wir in diesen Luxustempel eingezogen sind, muss er jede Schicht mitnehmen.«

»Ja, die Nacht war kurz«, bemerkte Hinnerk beiläufig und spielte mit den Fingern an den Kordeln seines grünen Hoodies. Der Surfer auf der Vorderseite des Kapuzenpullis passte zu seinem Erscheinungsbild. California Dreamboy.

»Erspart mir die Einzelheiten, ihr Lieben, ich muss weiter. Eve kommt bald.« Verunsichert hob Rosalie noch einmal die Hand und nahm die erste Stufe nach unten.

»Wollt ihr nachher vielleicht auf einen Tee vorbeikommen?«, rief Mads ihr hinterher. »Ich habe Eve ja auch länger nicht gesehen.«

»Mal schauen, eventuell spontan«, entgegnete Rosalie und blieb abrupt auf halber Etage stehen, als sie plötzlich aus ihrer Wohnung den Klingelton ihres Diensthandys vernahm. Ausgerechnet jetzt.

Wim war hin- und hergerissen. Auf der einen Seite plagte ihn das schlechte Gewissen, weil er seine Schwester in der Senioreneinrichtung am Westpark alleinlassen und einer stämmigen Pflegehelferin mit polnischem Akzent übergeben musste, andererseits konnte er Sigrid in der Tat nicht ständig betreuen. Da hatte dieser Herrmann Hesse beim Mittagessen recht gehabt. Nun rief die Arbeit, denn Degenhardt hatte ihm am Telefon unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass es hilfreich wäre, wenn Wim sich selbst ein Bild von der Sache machen würde. »Die Sache« war ein Leichenfund an der Nordseite des Museumparks, vis-à-vis des altehrwürdigen Staatstheaters. Als Treffpunkt hatte der Chef das stadtbekannte historische Pissoir vorgegeben. Die ausschließlich Männern vorbehaltene Bedürfnisanstalt aus dem Jahr 1896 bestach durch einen für die damalige Zeit typischen achteckigen Grundriss, der ihr bei den baugleichen Gebäuden in Berlin den Beinamen »Café Achteck« eingebracht hatte.

Ausgerechnet ein kleiner Junge, der auf dem Hügel hinter dem Herzog Anton Ulrich-Museum rodeln gewesen war, hatte die Tote in einem dichten Nadelgehölz hinter dem »Café Achteck« entdeckt, nachdem sein Schlitten in das Gebüsch gerutscht war. Degenhardt hatte etwas von Würgemalen am Hals berichtet und dass nicht auszuschließen sei, dass es sich um eine Minderjährige handelte. Wim sah dem Auftritt des Chefs mit gemischten Gefühlen entgegen, aber wenigstens war mal wieder etwas passiert. Seit dem letzten großen Fall rund um die Mordserie eines Psychopathen war es im Polizeikommissariat für seinen Geschmack zu ruhig geblieben.

Mit etwas Glück ergatterte Wim einen Parkplatz in einer der Haltebuchten am Steinweg, der direkt auf das Theater zuführte, und konnte den Ort des Geschehens bereits von Weitem erkennen. Rund um den abgesperrten Leichenfundort hatte sich eine stetig wachsende Menschentraube gebildet, und wenn ihn nicht alles täuschte, fuchtelte Degenhardt gerade aufgeregt mit seinem Handy herum. Da half nur atmen und sich seinen Teil denken.

Nachdem Wim die Straße überquert hatte, sah er Rosalie zu seiner Rechten auf ihn zusteuern. Wegen der widrigen Wetterverhältnisse hatte sie ihr Fahrrad offenbar zu Hause gelassen und den kurzen Weg von ihrer Wohnung aus zu Fuß zurückgelegt. Seine Kollegin wirkte abgehetzt und telefonierte, der Bommel ihrer grauen Mütze wackelte dabei hin und her. Zur Begrüßung nickte Rosalie nur kurz, beendete das Gespräch mit einem abrupten »Du mich auch!« und warf Wim einen ärgerlichen Blick zu. »Frauen!«

Wim zuckte mit den Schultern. »Wem sagen Sie das!«

»Als ob ich mir ausgesucht hätte, dass am Sonntagmittag eine Leiche gefunden wird!«

»Na ja, Sie hätten den Anruf von Degenhardt einfach ignorieren können«, stellte Wim fest und zog eine Augenbraue nach oben.

»Und Sie nicht? Warum sind Sie denn an Ihrem freien Tag gekommen?«, konterte Rosalie, während sie sich Seite an Seite dem Treffpunkt näherten.

»Ich musste mich nur zwischen einem Kackbraten, Toter Oma und diesem Tötungsdelikt entscheiden.«

»Wie bitte? Sie sprechen in Rätseln.«

»Und Sie schmunzeln jetzt zumindest, womit ich mein Ziel ja fast erreicht habe«, entgegnete Wim und buffte seine Kollegin kurz in die Seite. »Glauben Sie mir, ich war bei meiner Schwester im Pflegeheim und habe im Speisesaal so einiges erleben dürfen. Da kam mir eine Flucht mit Ansage gerade recht. Außerdem schlage ich noch bis Ende Mai die Hacken zusammen, sobald der große Meister etwas von mir will. Nachdem dieser Flipchart-Affe meine endgültige Versetzung aus Hannover nach Braunschweig weiter hi­naus­gezögert hat und ich nach wie vor nur auf Probe abgeordnet bin, muss ich aufpassen. Ob mir das in den Kram passt oder nicht.«

»Weise Worte, auch wenn ich achtgeben muss, dass mir Ihr Spitzname für unseren Chef nicht irgendwann einmal in seiner Gegenwart herausrutscht. Jedenfalls sollten Sie nach Ihrem Fehlstart in der Tat kein Risiko mehr eingehen. Es wäre doch jammerschade, wenn er Sie zurückschickt, wo ich mich doch gerade erst an Sie gewöhnt habe.«

»Dito, meine Liebe. Und welches weibliche Wesen hat Ihnen nun die Stimmung verhagelt?«

»So direkt? Seit wann interessieren Sie sich für mein Privatleben?«

»Ich interessiere mich tatsächlich für Ihre Launen. Immerhin müssen wir täglich zusammenarbeiten.«

»Sie heißt Eve und ist so eine Art Affäre, wenn Sie es genau wissen wollen«, begann Rosalie zu erzählen.

»Aber das ist ja erst mal kein Grund auszurasten«, stellte Wim nüchtern fest. »Ich nehme an, Eve will mehr? Womöglich auch mehr als Sie?«

Rosalie blieb stehen und warf Wim einen überraschten Blick zu. »Wim Schneider, der Menschenkenner?«

Wim legte den Kopf ein wenig schief und lächelte verschmitzt. »Bedenken Sie mein Alter, Frau Kollegin. Ich habe ein paar Jahrzehnte mehr Lebenserfahrung auf dem Buckel.«

»Stimmt wohl. Ich hatte Eve heute zum Mittagessen eingeladen, um mit ihr in Ruhe über uns zu reden und das alles einzuordnen.«

»Und während Ihre Eve vermutlich unter anderen Vorzeichen, zumindest aber voller Vorfreude, auf dem Weg zu Ihnen war, hat unser lieber Yves alles zerschossen?« Wim zeigte kurz auf den Chef, der weiterhin wie von der Tarantel gestochen zwischen den bereits eingetroffenen Kriminaltechnikern hin und her lief.

Rosalie nickte. »Sie war gerade in ihr Auto gestiegen.«

»Aber nun frage ich Sie noch mal: Warum haben Sie Degenhardts Anruf überhaupt angenommen? Vielleicht kam es Ihnen ja auch ganz gelegen, dass Sie sich der Situation nicht stellen mussten?«

»Stimmt. Und außerdem fehlten mir zwei Eier.«

»Zwei Eier?«

»Zwei Eier!«

»Da sind Sie ja endlich!« Yves Degenhardt hatte seine beiden Mitarbeitenden entdeckt und kam auf Wim und Rosalie zugestolpert, nachdem er auf dem Schneematsch rund um das Pissoir beinahe ausgerutscht wäre.

»Hochmut kommt vor dem Fall«, bemerkte Wim leise in Rosalies Richtung und versuchte, sich seine Schadenfreude nicht anmerken zu lassen.

»Hallo, Yves«, entgegnete Rosalie gepresst und rang sich ein Lächeln ab. »Schneller ging es nicht. Ich musste noch mein Mittagessen umorganisieren, den Backofen …«

»Jaja, schon gut«, unterbrach Yves Degenhardt und wandte sich Wim zu. »Dass Sie am anderen Ende der Stadt waren, sagten Sie ja bereits am Telefon. Trotzdem hätte ich am Sonntag bei leeren Straßen erwartet, dass …«

»Ich meiner pflegebedürftigen Schwester den halb vollen Löffel aus dem Mund reiße und sie ihrem Schicksal überlasse?« Nun war es Wim, der sein Gegenüber nicht ausreden ließ. »Ich kann mich Frau Helmer nur anschließen. Schneller ging es nicht.«

Yves Degenhardt zog die Stirn in Falten und atmete hörbar aus. »Also gut, dann wollen wir mal. Folgen Sie mir!«

»Unbedingt!«, rutschte es Wim heraus, während sie Degenhardt hinterhertrotteten.

Vor dem Eingang des Pissoirs blieb Degenhardt für einen kurzen Moment stehen und hob den Zeigefinger der rechten Hand. Dank seiner schwarzen Lederhandschuhe hatte die Geste in Wims Augen etwas Diktatorisches an sich. »Während ich warten musste, habe ich mich da drinnen bereits umgeschaut und nichts Auffälliges entdeckt. Ich kann nur davon abraten, selbst reinzugehen, es riecht wirklich sehr unangenehm. Es genügt, wenn sich die Spurensicherung bei Bedarf noch mal einen Überblick verschafft.«

»Wenn dem so ist«, bemerkte Rosalie und Wim regis­trierte, dass sie ihm einen kurzen Blick zuwarf. Trotz der klaren Ansagen des Chefs bemühte Wim sich, keine Miene zu verziehen und sich nicht erneut provozieren zu lassen. Der Helmer und ihm war von Beginn an aufgestoßen, dass Degenhardt sich regelmäßig über die Maße in die Ermittlungsarbeit einmischte und Aufgaben an sich riss, mit denen ein Vorgesetzter in seiner Position üblicherweise nichts zu tun hatte.

»So, und nun ab ins Gebüsch!« Degenhardt lachte kurz über seinen eigenen Witz. »Ich sage erst mal nichts und möchte Sie und dich darum bitten, mir intuitiv Ihre und deine Eindrücke zu beschreiben. Dann nehmen wir die polizeiliche Leichenschau vor.«

Wim schüttelte den Kopf. Der Flipchart-Affe hatte nicht nur einen Stock im Arsch, sondern auch eine unfassbar gestelzte Ausdrucksweise. Allerdings war Wim sich bewusst, dass seine Haltung, das »Du« im Dienst kategorisch abzulehnen, es Degenhardt bei Formulierungen dieser Art nicht gerade leicht machte. Dennoch … »polizeiliche Leichenschau«… als ob Rosalie Helmer und er noch in der Ausbildung wären.

»In Ordnung, so machen wir das«, bestätigte Rosalie, die dem Chef heute erstaunlich wenig entgegenzusetzen hatte. Womöglich beschäftigte sie Eve doch mehr, als sie zugeben wollte.

Um zum Fundort zu gelangen, mussten sie mehrere Äste zur Seite schieben. Die harten Nadeln piekten überall und immer wieder rieselte Schnee auf sie hinab. In dem meterhohen Gehölz gelangten sie zu einem Hohlraum, der beinahe wie eine kleine Lichtung anmutete. Der Platz war insofern gut gewählt, als er wegen des dichten und immergrünen Bewuchses von außen nicht einsehbar war. Zu ihren Füßen lag der leblose und auffallend schlanke Körper der toten Jugendlichen. Ihre langen blonden Haare sahen gepflegt aus und bedeckten eine Gesichtshälfte. Wegen der seitlich angewinkelten Knie wirkte die Tote beinahe so, als ob sie nur schlafen würde. Großflächige Blutlachen, offensichtliche Wunden oder Spuren eines Kampfes waren nicht zu erkennen.

Rosalie schoss mit ihrem Handy Fotos, während Wim im Rahmen seiner Möglichkeiten in die Hocke ging und sich ein paar blaue Gummihandschuhe überzog, die Degenhardt ihm zuvor gereicht hatte. Vorsichtig schob er die Haare beiseite und erkannte sofort die Würgemale am Hals. Um die bläulichen Verfärbungen schmiegte sich eine silberne Halskette mit einem auffällig bunt gestreiften Buchstaben als Anhänger.

»Ein ›J‹«, murmelte Wim als Rosalie sich plötzlich erschrocken eine Hand vor den Mund hielt und entsetzt reagierte.

»Das ist ja unser Symbol!«

»Symbol?«, fragte Degenhardt skeptisch.

»Ja, die bunten Streifen entsprechen exakt der queeren Regenbogenfahne!«

3. Kapitel

Birgit »Biggi« Höfgens nippte an einem Glas Weißwein und ließ den Blick durch das Sprossenfenster ihres Zimmers auf die freie Fläche vor dem Gebäude schweifen. Unter der Schneedecke befand sich vermutlich eine Pferdekoppel oder eine Kuhweide. Auf jeden Fall irgendetwas mit Tieren, alles andere würde sie in diesem Kaff überraschen. Einen Vino bianco konnte sie sich daher an diesem Sonntagnachmittag ruhig mal gönnen, vor allem, weil das hier ein verlängertes Romantik- und Wellnesswochenende in der Pampa des Aller-Leine-Tals sein sollte, und Wein gehörte für Biggi definitiv zum persönlichen Wohlbefinden. Außerdem konnte man sich alles schöntrinken, auch diese einsame Gegend. Insgeheim hatte sie gehofft, wenigstens über frühlingsgrüne Wiesen mit bunten Krokussen zu spazieren. Sicher, ihr Liebster hatte es nur gut gemeint und nicht ahnen können, dass das Wetter ihnen einen derartigen Strich durch die Rechnung machen würde. Noch weniger hatte Nils ahnen können, dass sie im Gutshof Blume als Allererstes Biggis ehemaligem Arbeitskollegen Carsten begegnen würden, und deshalb galt es nun, eine gute Miene zu machen, zu was auch immer. Hauptsache niemand merkte Biggi an, dass sie diesen Ort eher unromantisch und vor allem öde fand. Sie war wohl doch eine Großstadtpflanze.

Nachdem Biggi das Weinglas auf einem Korkuntersetzer abgestellt hatte, griff sie in das braune Federmäppchen, das sie extra aus Hannover mitgebracht hatte, um auch fernab der Heimat ihrem Ritual frönen zu können. Seit Ende letzten Jahres schrieb sie sich ihre Gedanken regelmäßig von der Seele. Zunächst nur Stichworte, mittlerweile auch längere Texte, sodass sie bereits ein zweites Notizbuch angefangen hatte. Und jetzt, wo sie eine Stunde für sich allein hatte, war der richtige Zeitpunkt gekommen. Das Wiedersehen mit Carsten Blume hatte etwas in ihr ausgelöst, was sie zu Papier bringen musste.

Aktuell trägt ein Tiefdruckgebiet irgendwo im Osten meinen Namen. Na ja, es gibt schlimmere Parallelen. Und im Grunde gibt es dank meines Stammbaums auch durchaus einen Bezug. Meine Oma kam aus Schlesien. Zumindest das habe ich mit Wim gemeinsam. Ansonsten habe ich tatsächlich seit dem Eklat, wie ich es mittlerweile nenne, nichts mehr von ihm gehört, klammert man mal seine unbeholfene Weihnachtsklappkarte aus. Ein zaghafter Versuch, auf mich zuzugehen, eine Geste, ein Handreichen, das ihn sicher viel Überwindung gekostet hat. Aber ich bin noch nicht so weit. Im Gegenteil. Das hat mir das Treffen mit Carsten Blume heute gezeigt. Eine Erinnerung an früher, mehr nicht, und schon geht das Kopfkino wieder los und lässt mich nicht zur Ruhe kommen.

Das waren noch Zeiten. Carsten, Wim und Biggi und ihre legendären Fortbildungen in Hannoversch Münden. Irgendwie schon schade, dass das dann eingeschlafen ist, als Carsten in den Ruhestand gegangen ist. Aber warum eigentlich schade?

Der Abstand zu Wim tut mir immer noch gut, auch wenn ich zunächst mehr als genug von ihm mitbekommen habe. Seinem letzten großen Fall konnte man sich ja medial kaum entziehen. Die Presse war voll von diesem Irren, der Frauen in Braunschweig umgebracht und zerstückelt hatte.

Ob Carsten und Wim noch Kontakt haben? Ich weiß es offen gesagt gar nicht. Wim hat nie etwas in diese Richtung erwähnt, aber er war ja noch nie der Redseligste. Ausschließen kann ich da nichts. Was mache ich nur, wenn Wim auf diesem Wege von Nils erfährt? Muss ich mich dann rechtfertigen? Ich konnte doch nicht ahnen, dass so etwas passiert, dass es ausgerechnet mir passiert. Denn Nils ist das, was man wohl als »unverhofft« bezeichnen würde. Und so würde ich das Wim notfalls auch sagen. Machen wir uns nichts vor, ich bin über 50, diese beschissenen Wechseljahre haben mich mindestens genauso fest im Griff wie meine Nikotinsucht und diverse andere Laster und Leiden. Wenn ich in den Spiegel sehe, hängt alles oder zumindest fast alles. Ich bin keine junge, attraktive Frau mit wohlgeformten Brüsten mehr, die eigentlich das Beuteschema eines 38-jährigen, mitten im Leben und vor allem im Saft stehenden Mannes sein müsste. Aber so kann man sich täuschen, Wim Schneider!

Geht es Wim überhaupt etwas an, dass Nils und ich irgendwann nach einem späten Massagetermin nicht nur in einer Kneipe versackt sind, sondern danach vor meiner Haustür wild rumgeknutscht haben? Das ist jetzt ein paar Wochen her und ich fühle mich aktuell so gut wie lange nicht. Nein, eigentlich geht das Wim nichts an, gar nichts.

Und dann Jette, diese blöde Schnepfe. Als ob es nicht ausreicht, dass ich mir aktuell das Büro mit ihr teilen muss. Als »Toy Boy« hat sie Nils mit einem gewissen Unterton bezeichnet, nachdem sie uns irgendwann mal beim Bummeln auf der Lister Meile gesehen hat. Ich kann mir das nur mit Neid erklären. Oder mit Frust. Oder vielleicht mit beidem?

Ich habe jedenfalls gelernt, dass ich in der Lage bin auszublenden, was der Rest der Welt von mir denkt, und ich habe gelernt, den Moment in vollen Zügen auszukosten. Das gelingt mir immer öfter, und dann passieren doch diese Dinge zwischendurch, die mich wieder aus der Bahn werfen. Wie die Begegnung mit Carsten. Porca miseria! Neben dem noch dickeren Fell, das ich benötige, lautet das Zauberwort, an dem ich nach wie vor dringend arbeiten muss, »Achtsamkeit«. Und dazu gehört auch, dass ich jetzt wieder ins Bett steige, um mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich werde einfach daliegen und auf Nils warten, der sich von Carsten gerade sein privates Kriminalarchiv zeigen lässt. Da bin ich raus an meinem freien Wochenende und gebe mich gleich lieber wieder Nils’ unbezahlbaren Händen und Liebkosungen hin. Ciao!

So musste es sich anfühlen, im eigenen Körper gefangen zu sein. Für alles brauchte man Hilfe, und Sigrid war dankbar, dass dieser Zustand nicht von Dauer sein würde. Sie hatte sich von Agneta auf ihr Zimmer bringen und den Fernseher einschalten lassen. Was sollte sie auch anderes tun, nachdem Wim sich wegen eines Leichenfunds überstürzt auf den Weg hatte machen müssen? Dahin die Vorfreude auf einen gemeinsamen Nachmittag. Während eine bleierne Mittagsmüdigkeit und ein Skirennen in den Schweizer Alpen Sigrid schwere Augenlider bereiteten, klopfte es plötzlich an der Tür.

»Herein!«

»Hallo, Frau Beneke, ich dachte, Sie könnten ein wenig Gesellschaft gebrauchen, jetzt wo Ihr Bruder nicht mehr da ist.«

Sigrid runzelte die Stirn, als Herrmann Hesse seinen Kopf ins Zimmer steckte.

»Herr Hesse? Okay, warum eigentlich nicht. Ich war kurz davor einzunicken, aber ein nettes Gespräch ist mir im Zweifel lieber, als vor mich hinzudösen.«

»Prima, dann setze ich mich zu Ihnen. Unter vier Augen lässt es sich besser unterhalten als beim Essen.«

Gekonnt steuerte Herrmann Hesse mit seinem Rollator auf Sigrids Besucherstuhl zu, parkte seine Gehhilfe vor ihrem Bett und nahm Platz. »Dafür, dass Sie nur wenige Wochen hier sein werden, haben Sie es sich ganz gemütlich eingerichtet«, stellte er fest und schaute sich um.

Sigrid nickte. »Als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre. Da wollte ich nicht auch noch auf kahle Wände gucken. Mein Bruder war so nett, die beiden Fotos anzubringen, und hat mir von zu Hause auch ein paar persönliche Gegenstände mitgebracht.«

»Ihr Mann?«, erkundigte sich Herrmann Hesse und deutete auf ein gerahmtes Bild, das direkt über dem Fernseher hing.

»Ja, Gott hab ihn selig. Ich bin Witwe.«

»Das tut mir leid, aber Ihr Bruder scheint sich wirklich rührend um Sie zu kümmern.«

»Er gibt sein Bestes, aber er hat auch viel zu tun.« Sigrid machte ein bedröppeltes Gesicht.

»Ja, das glaube ich sofort. Ich hatte während meiner aktiven Berufslaufbahn auch so meine Einblicke in den Polizeiapparat. Chronisch unterbesetzt, sag ich Ihnen, genau wie in diesem Kasten hier. Aber das erwähnte ich ja schon mal, oder? Überstunden ohne Ende, na, Sie wissen bestimmt, was ich meine.«

»Oh ja! Ich weiß genau, was Sie meinen. Jeder hat alle Hände voll zu tun. Und Wim und Feierabend, das ist auch so eine Sache.«

Herrmann Hesse räusperte sich. »Glauben Sie, er hätte trotzdem mal Zeit für mich?«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Sigrid nach.

»Vielleicht schicken Sie ihn bei seinem nächsten Besuch einmal bei mir vorbei?« Herrmann Hesse hielt sich bedeckt. »Ich wohne in Zimmer 213.«

»In Ordnung, aber versprechen kann ich Ihnen nichts.« Sigrid kräuselte den Mund und fühlte sich plötzlich unwohl. Ging es ihrem Leidensgenossen in diesem Heim nur um einen Kontakt zur Polizei? Wurde sie gerade ausgenutzt?

»Vollkommen klar. Es wäre schön, wenn es klappt.«

»Darf ich fragen, was Sie von Wim möchten? Hat es etwas mit Ihren Andeutungen vorhin beim Mittagessen zu tun?«, hakte Sigrid nach und versuchte, sich gegen ihr komisches Bauchgefühl zu stemmen.

»Natürlich dürfen Sie fragen, aber ich werde mich vorerst in Schweigen hüllen, bis ich mit Ihrem Bruder im Vertrauen gesprochen habe. Nur so viel: Passen Sie gut auf sich auf, aber machen Sie sich nicht zu viele Sorgen, ich habe ein Auge auf Sie!«

»Die werden sich das in der Rechtsmedizin genauer anschauen, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit ist unsere Tote transgender.«

Rosalie fühlte nicht nur einen Kloß im Hals, sondern sich auch schmerzhaft an ihre Kollegin Christina Pannier erinnert, die diese maßgebliche Feststellung sicherlich mit mehr Einfühlungsvermögen verkündet hätte. Dies war aber nicht Christina, sondern ihr Nachfolger Bastian Palm und der schien einfach sein Programm abzuspulen.

»Das ist nicht zu übersehen«, bestätigte Yves Degenhardt, als er sich von der Leiche wegdrehte.

Wim Schneider hingegen hielt den Blick starr auf Oberkörper und Becken der Toten gerichtet, die Bastian Palm zuvor freigelegt hatte. »Ich tippe auf Hormone.«

Rosalie hingegen hatte Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Wims Worte drangen kaum zu ihr durch. Die Situation ging ihr wegen der eigenen Zugehörigkeit zur queeren Community sehr nahe.

»Wie bitte?«, fragte sie. »Entschuldigung, ich war kurz abwesend.«

»Hormone, Frau Helmer. Ich tippe auf die Einnahme von Hormonpräparaten. Für mich ist das recht eindeutig. Nach dem, was ich erkennen kann, hatte unser Opfer wahrscheinlich mit einer Geschlechtsangleichung begonnen.«

»Das sehe ich auch so«, bestätigte Yves Degenhardt. »Leider haben wir keine Personalien.«

»Meinen Sie, ein Ausweis hilft da weiter?«, fragte Wim und verdrehte die Augen. »Obwohl … kann man da mittlerweile eventuell ›divers‹ eintragen lassen? Ich hörte davon, bin mir aber nicht sicher.«

»Das meinte ich doch auch gar nicht«, widersprach Yves Degenhardt sofort und zog die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.

»Stopp! So kommen wir nicht weiter, meine Herren.« Rosalie wandte sich direkt an Wim, bevor es wieder zu einem nervenaufreibenden Wortgefecht zwischen den Kollegen kam. »Ich habe gerade eine spontane Eingebung, wo wir heute noch ansetzen und weiterkommen können. Was halten Sie von einem Kaffeeklatsch?«

4. Kapitel

»Deine Nachbarin hat ja ziemlich skeptisch geguckt.« Hinnerk hatte sich neben Mads auf das Sofa gesetzt und streichelte ihm sanft über den Nacken.

»Ich weiß jetzt schon, was kommt«, entgegnete Mads, ignorierte die sich aufbauende Erektion und schob Hinnerks Hand wieder weg.

»Ja?«

»Sie ist Polizistin und hat die perfekte Spürnase. Das kannst du mir glauben.«

Hinnerk drehte sich zu Mads und begann, seinen Hals zu küssen.

»Lass das bitte! Das sitzt mir jetzt wirklich quer.« Mads rückte ein Stück nach rechts in Richtung Armlehne.

»Meine Güte, jetzt krieg dich mal ein. Es gibt doch null Angriffsfläche. Sie hat uns weder in flagranti erwischt noch sonst irgendwas gesehen. Ich bin ein Kumpel, der zu Besuch ist.«

»Du verstehst das nicht!«, erwiderte Mads bestimmt. »Sie ist so ziemlich meine beste Freundin und weiß im Grunde alles über mich. Gestern Abend hat sie uns noch beim Regalaufbau geholfen. Sie kennt Jan und mich von der ersten Stunde an. Und jetzt öffnest ausgerechnet du die Tür! Ich hätte mich heute Morgen einfach nicht hinreißen lassen dürfen.«

»Bereust du es? Es war doch ziemlich heiß, dass ich nach dem Aufwachen unter deine Bettdecke schlüpfen durfte.«

»Das muss aufhören, Hinnerk. Ich kann dich nicht noch mal treffen.«

»Hey, es ist doch nur Sex. Ich will nichts von dir und ich will mich schon mal gar nicht zwischen deinen Jan und dich stellen.«

»Das weiß ich, aber …«

»Kein Aber«, unterbrach Hinnerk Mads’ Ausführungen und setzte sich auf seinen Schoß. »Ich werde jetzt für ein bisschen Entspannung bei dir sorgen, und dann bin ich verschwunden.«

Als die Rückenschmerzen überhandgenommen hatten, war Biggi wieder aufgestanden und hatte die Betten sorgfältig aufgeschüttelt. Aus »in einer Stunde bin ich wieder da«, waren mittlerweile fast zwei geworden. Offenbar war das private Kriminalarchiv von Carsten Blume sehr umfangreich oder die Männer hatten sich verquatscht. Biggi konnte ihre erotischen Gelüste aber auch ohne Probleme auf den Abend verschieben, zog sich wieder an und beschloss, ihren Lungen vor der Tür etwas Gutes zu tun. Abgelegt hatte sie ihre Sucht nicht, aber sie war bemüht, den Zigarettenkonsum zumindest zu reduzieren. Auch diesbezüglich hatte Nils einen positiven Einfluss auf sie, und Biggi hatte sich beinahe geschämt, als er ihr irgendwann gesagt hatte, dass er das eine oder andere Mal das Gefühl gehabt habe, einen Aschenbecher auszulecken, wenn er sie küsste. Impossibile!

Auf dem Weg nach unten begegnete Biggi im rustikalen Treppenhaus Carstens Enkelin. Flora Kamphusen war eine junge, aufstrebende Nachwuchsjournalistin, die einen Blog über ihre Heimat im Aller-Leine-Tal betrieb und Biggi und Nils bei der Anreise ein paar Ausflugstipps für die Region südwestlich der Lüneburger Heide gegeben hatte.

»Hallo, Frau Höfgens! Wie geht es Ihnen?«

»Hallo, Flora, du kannst mich ruhig Biggi nennen, dann fühle ich mich nicht so alt. Gut geht’s. Ihr habt es wirklich schön. Aber wenn ich ehrlich bin, dann reicht mir ein verlängertes Wochenende und ich freue mich, wenn die Landeshauptstadt uns morgen wiederhat.«

Flora Kamphusen lachte auf. »Das kann ich sehr gut verstehen. Mich zieht es auch immer wieder mal nach Hannover. Ich kann beidem etwas abgewinnen: dem Leben in der Stadt, aber auch dem ruhigen Rückzugsort bei meiner Familie. Wo steckt dein Partner denn?«

»Nils lässt sich von deinem Opa dessen Archiv zeigen.«

»Na, das kann dauern. Das sind Unmengen an Daten, und wenn Opa erst mal ins Erzählen kommt …«

»Daten?«, fragte Biggi überrascht. »Du meinst Dokumente? Irgendwie hatte ich die Vorstellung von dicken Aktenordnern voller ausgeschnittener Zeitungsartikel.«

»Nee, der Opa ist da total modern. Hat alles digitalisiert.«

»Nicht so wie Wim«, murmelte Biggi.

»Wie bitte?«

»Schon gut, nur ein flüchtiger Gedanke an einen ehemaligen Kollegen, der das Gegenteil deines Opas ist. Was sind das so für Daten?«

»In der Regel Cold Cases.«

Biggi horchte auf. »Ach, was! Seine eigenen?«

»Das weiß ich gar nicht so genau. Opa war ja ein Spitzenpolizist, der hat bestimmt nur wenige ungelöste Verbrechen hinterlassen«, entgegnete Flora und zwinkerte Biggi zu. »Daher vermute ich mal, dass es auch andere Fälle sind.«

»Also die Kompetenz deines Opas wollen wir nicht infrage stellen. Cold Cases gibt es aus unterschiedlichsten Gründen immer wieder. Ich hatte mir zwar vorgenommen, dass ich während dieses Romantikwochenendes nicht an die Arbeit denke, aber ich konnte ja nicht ahnen, dass ich Carsten mit seiner Sammlung wiedertreffe. Und jetzt machst du mich gerade neugierig.«

Flora Kamphusen fuhr sich mit der Hand durch ihren braunen Kurzhaarschnitt. »Puh, also ich glaube, mein Opa hat auch nicht mit dir gerechnet. Und noch weniger hatte er wohl damit gerechnet, dass es ihn nach seiner Pensionierung überhaupt wieder in die ländliche Heimat zieht. Aber wir haben genug Platz und meine Mutter freut sich sehr, dass die Familie jetzt unter einem Dach lebt. Drei Generationen. Wo findet man das heutzutage noch?«

Biggi nickte. »Zumindest wird das immer seltener. Und auch wenn Carsten sich bestimmt den ganzen Tag gut selbst beschäftigen kann, so ist es doch schön, dass er durch den Betrieb deiner Mutter auch gebraucht wird und soziale Kontakte hat.«

»Das ist jetzt O-Ton Mama!«

»Na ja, vom Alter her könnte ich deine Mutter sein, junge Dame. Wo genau finde ich deinen Opa und Nils denn? Dieses Archiv muss ich mir auch mal anschauen.« Vermutlich ist es nicht ganz legal.Ihren letzten Gedanken behielt Biggi lieber noch für sich und schmunzelte vor sich hin.

»Haben Sie Degenhardts abwertenden Blick gesehen?« Rosalie war immer noch in Rage. Ihre Wangen glühten nicht nur wegen der frostigen Außentemperaturen. Der Leichenfund hatte sie offensichtlich aufgewühlt.

»Ich bin wenig überrascht, sagen wir es mal so«, stellte Wim fest, während er das Auto ausparkte. »Vermutlich passen die Gesamtumstände nicht in seine Welt.«

»Gesamtumstände? Das ist aber sehr diplomatisch formuliert«, entgegnete Rosalie und schnallte sich an.

»Aber wenn ich Ihnen einen gut gemeinten Rat geben darf?«

»Ja, bitte.«

»Bekommen Sie Ihre Emotionen in den Griff.«

Überrascht schaute Rosalie zu Wim. »Das sagen ausgerechnet Sie mir? Wo Sie sich ständig mit Degenhardt anlegen und ich diejenige bin, die immer vermitteln muss.«

»Das ist etwas anderes.«

»Aha, und warum, wenn ich fragen darf?«

»Weil es in diesem Fall nicht darum geht, dass Ihre Arbeit kritisiert oder infrage gestellt wird. Es geht nicht darum, dass dieser Flipchart-Affe Ihnen dienstlich an den Karren pinkeln will. Es geht darum, dass Sie sich diesen Fall aus persönlichen Gründen offenbar sehr zu Herzen nehmen. Und wenn Sie das zulassen, wenn Sie zu emotional sind, dann wird Ihre Arbeit darunter leiden. Dann werden Sie nicht so professionell agieren, wie es sich gehört.«

Rosalie holte Luft und setzte zu einer Antwort an.

»Sagen Sie jetzt nichts, Frau Helmer. Lassen Sie meine Worte einfach sacken und seien Sie so gut und übernehmen gleich die Gesprächsführung. Ein queerer Kaffeeklatsch am Sonntagnachmittag ist absolutes Neuland für mich.«

»So, Frau Beneke, dann wollen wir mal.«

Sigrid stand ein Pfleger gegenüber, den sie bisher noch nicht gesehen hatte. Sein Namensschild wies ihn als Falk aus. Wegen der grau melierten Haare und der Falten im Gesicht schätzte Sigrid ihn auf über 50. Außerdem erkannte sie sofort, dass sich auf seinen Handrücken die ersten Altersflecken zeigten, für so was hatte Sigrid ein Auge.

»Was wollen wir denn?«, erkundigte sich Sigrid überrascht.

»Na, zum Sonntagsquiz. Herr Hesse hat Sie beide als Team angemeldet, und gleich geht’s los. Er bat mich, Sie abzuholen.«

»Davon hat er mir vorhin gar nichts gesagt«, wunderte sich Sigrid. »Aber gut, besser, als im Zimmer zu versauern.«

»Unser Herr Hesse ist ein Kurzentschlossener und er ist ein Herzensguter, das werden Sie auch noch feststellen«, entgegnete Falk wohlwollend und schob Sigrid in ihrem Rollstuhl durch die geöffnete Tür. »Und gelegentlich ist er auch ein wenig verwirrt.«

»Der Russe kommt!«, gefolgt von einem Hitlergruß, tönte es auf dem Weg zum Fahrstuhl plötzlich aus der auf dem Flur eingerichteten Leseecke.

Zeitgleich drehten Falk und Sigrid ihre Köpfe in Richtung eines moosgrünen Ohrensessels, in dem eine kleine Frau saß und den rechten Arm ausgestreckt nach vorne hielt.

»Moment mal eben, ich bin gleich wieder da.« Falk ließ Sigrid kurz vor der Fahrstuhltür stehen.

»Minchen, was sagst du denn für schlimme Sachen? Hier kommt niemand und wie kommst du denn ausgerechnet auf den ollen Hitler? Der ist doch schon lange tot.« Der Pfleger hatte sich vor die alte Dame gehockt, drückte sanft ihren Arm nach unten und streichelte ihr über die Wange. »Wo ist denn dein Karlchen?«

Behutsam hob Falk einen Plüschteddy vom Boden auf und setzte ihn auf die Armlehne. Sofort riss die alte Dame den Teddy an sich und begann, ihn hin und her zu wiegen.

»Der Mond ist aufgegangen, die goldenen Sternlein prangen«, begann sie, leise zu singen, und schien in eine andere Welt zu entschwinden.

»So ist es gut«, sagte Falk, stand wieder auf und kehrte zu Sigrid zurück.

»Demenz?«, fragte Sigrid erschrocken, die alles aus der Entfernung beobachtet hatte.

»Leider. Und eine posttraumatische Belastungsstörung aus Kriegstagen. Aber wenigstens ist sie jetzt wieder bei uns.«

»Wieso? Wo war sie denn vorher?«

»In Königslutter.«

»Oh Gott! Im Landeskrankenhaus?«

»Ja, manchmal ist das erforderlich, wenn Patienten sich nicht beruhigen lassen.«

»Verstehe«, entgegnete Sigrid und bekam schlagartig einen trockenen Hals.

Yves Degenhardt mochte den neuen Leiter des Kriminaldauerdienstes. Bastian Palm machte einen professionellen und pragmatischen Eindruck auf ihn. Bei ihm konnte man sich noch darauf verlassen, dass persönliche Befindlichkeiten außen vor blieben und zügig und ordnungsgemäß gearbeitet wurde. Und so hatte Palm auch im Rahmen seiner Ersteinschätzung am Leichenfundort deutliche Worte gefunden. Tod durch Erwürgen, vermutlich mit bloßen Händen. Die Spuren rund um den Kehlkopf waren eindeutig. Die Rechtsmedizin würde sicher noch Abwehrspuren bestätigen können, interessant seien dabei etwaige Hautpartikel unter den Fingernägeln des Opfers. Vielleicht hatte er oder sie oder es sich kratzend zur Wehr gesetzt? Auf jeden Fall ließ eine erste Inaugenscheinnahme diese Vermutung zu. Nicht nur, dass einer der künstlichen Gelnägel abgebrochen war, vor allem waren bei genauerer Betrachtung verkrustete Rückstände zu erkennen. Das exakte Alter des Opfers war schwer zu schätzen, denn heutzutage sahen viele geschminkte Teenies älter aus, als sie waren. Fakt und vermutlich typisch für einen Teenager war aber, dass der oder die Tote der Jahreszeit entsprechende Winterkleidung vermissen ließ. Yves Degenhardt meinte sich zu erinnern, dass es jetzt angesagt war, auch bei Minusgraden bauchfrei durch die Gegend zu laufen. Im vorliegenden Fall sollte vielleicht auch der gepiercte Bauchnabel zur Schau gestellt werden.

Während der Leichnam abtransportiert wurde, ging der Leiter der Mordkommission die ersten Formulierungen für den späteren Einsatzbericht im Kopf durch. Es würde auf eine geschlechtergerechte Sprache ankommen, um nicht in ein politisches Fettnäpfchen zu treten. Welches Pronomen wohl korrekt war? Yves Degenhardt fühlte sich unsicher und würde an dieser Stelle mit seiner Recherche beginnen.

5. Kapitel

Der queere Kaffeeklatsch wurde in den Räumlichkeiten der Braunschweiger AIDS-Hilfe ausgerichtet. Das etwas erhöhte Gebäude in der Eulenstraße war über eine Metalltreppe zu erreichen und Rosalie schien sich vor Ort auszukennen. Zielsicher steuerte sie links neben dem Haupteingang auf den großen Gemeinschaftsraum zu, den man wohl wegen der offenen Küchenzeile und hinreichend Platz für das regelmäßig stattfindende Treffen ausgewählt hatte. Während Rosalie sich auswies und ihr Anliegen vortrug, blieb Wims Blick direkt an einer großen Wand mit gerahmten Bildern haften. Traueranzeigen, Fotos Verstorbener und eine Vielzahl bunter Regenbögen. Nicht nur der Tod hatte hier wortwörtlich viele Gesichter, vor allem das Gedenken an jene Menschen, die oftmals viel zu früh ihr Leben gelassen hatten, war vielfältig. Die liebevoll gestaltete Galerie machte Wim betroffen.

»Hach, ihr Süßen, nehmt doch einfach in unserer Mitte Platz!«

Rosalie musste sich das Grinsen verkneifen, als eine Dragqueen, die sich als ZaZa Temptation vorstellte, Wim am Oberarm packte und ihn unweit der Fotowand auf einen bequemen Polsterstuhl bugsierte. Mit ihren geschätzten zwei Metern Körpergröße überragte ZaZa den irritiert wirkenden Kriminalhauptkommissar um einen halben Kopf, wenn man das Volumen ihrer platinblonden Perücke in Abzug brachte. Aufgeregt trippelte die selbst ernannte »Löwenmutti« auf ein paar mörderischen High Heels zum Kuchenbuffet, zog eine Parfumwolke hinter sich her und stellte eine kleine Platte mit verschiedenen Gebäckteilchen zusammen. »Gleich bin ich für euch da!«

»Ist die immer so?«, flüsterte Wim seinem Sitznachbarn zu, der in einem rot-schwarz karierten Holzfällerhemd und mit seinem gepflegten Vollbart sehr maskulin wirkte.

»Immer! Vor allem wenn Neuzugänge kommen.«

»Wir sind aber keine Neuzugänge«, stellte Wim klar und versuchte zu lächeln, als ZaZa die Kuchenvariationen mitten auf den Tisch stellte und sich neben Rosalie auf die gegenüberliegende Seite setzte.

»Na, schäkerst du mit unserem Tom? Zum Anbeißen, oder?«

»Ich … ähm, nein, wir haben uns nur kurz unterhalten«, rechtfertigte sich Wim und war von seiner eigenen Verunsicherung überrascht. Eigentlich sollte ihn diese Situation nicht einschüchtern. ZaZa Temptation setzte sich nicht nur wegen ihrer schillernden Erscheinung vom Rest der Runde ab, sie füllte mit ihrer Präsenz auch den ganzen Raum aus und zog alle Blicke auf sich.