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Die 17-jährige Viola ist alles andere als begeistert von dem Ort, in den sie mit ihren Eltern gezogen ist. Denn seitdem leidet sie nicht nur unter ihren Mitschülern, sondern hat auch merkwürdige Träume, in denen sie verfolgt wird und immer wieder diesen Jungen mit den stahlblauen Augen sieht. Viola fühlt sich sofort zu ihm hingezogen und als er dann wenig später in ihrer Schule auftaucht und sich als neuer Mitschüler vorstellt, gerät ihr Leben vollends aus den Fugen.
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Seitenzahl: 476
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Buchbeschreibung:
Die 17-jährige Viola ist alles andere als begeistert von dem Ort, in den sie mit ihren Eltern gezogen ist. Denn seitdem leidet sie nicht nur unter ihren Mitschülern, sondern hat auch merkwürdige Träume, in denen sie verfolgt wird und immer wieder diesen Jungen mit den stahlblauen Augen sieht. Viola fühlt sich sofort zu ihm hingezogen und als er dann wenig später in ihrer Schule auftaucht und sich als neuer Mitschüler vorstellt, gerät ihr Leben vollends aus den Fugen.
Über die Autorin:
Véronique Garz wurde 1998 in einer Kleinstadt in Niedersachsen geboren und studiert Deutsch und Geschichte in Hannover. Sie ist Mutter eines kleinen Sohnes und Bücher spielten in ihrem Leben schon immer eine große Rolle. Bereits in der Grundschule schrieb sie erste Geschichten und spätestens nachdem ihr das Ende eines gelesenen Buches nicht gefiel, war ihr klar, dass sie selbst einen Roman schreiben muss. „Hinter meinen Träumen“ ist ihr Debütroman und schon viele weitere Projekte sind in Arbeit.
Auf Instagram hält sie unter @vero.writing ihre Follower mit Schreibupdates und Rezensionen auf dem Laufenden.
Für meine Mama. Ohne Dich wäre ich nicht da, wo ich heute bin.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Epilog – Elias
Ich lief immer weiter. Schneller, schneller! Doch meine Beine schienen mich nicht mehr tragen zu wollen. Ich hatte den Wald fast erreicht. Doch sie waren dicht hinter mir. Drei Maskierte, die mich jagten. Blanke Panik ergriff Besitz von mir. Ich sah immer wieder nach hinten, nur um dann noch schneller zu laufen. Ich stieß mich an einer Wurzel und fiel. Verdammter Mist! Als ich mich wiederaufgerichtet hatte, wollte ich weiterlaufen, doch meine Beine gaben nach. Sie fühlten sich an wie Wackelpudding. Jeder Schritt schien unendlich lange zu dauern. Meine Gegner hatten fast zu mir aufgeschlossen. Ich wusste, es war vorbei, aber so schnell durfte ich nicht aufgeben. Ich trieb mich immer weiter an. Aber egal wie oft ich es versuchte, ich stolperte, knickte um und schien mich wie in Zeitlupe zu bewegen. Während alles um mich herum das richtige Tempo hatte. Als ich wieder auf dem Boden landete, blieb ich liegen. Das war es jetzt!
Ich gab auf! Die drei Maskierten hatten mich umkreist. Wer waren sie? Ich konnte es nicht erkennen. Die schwarze Kleidung, zusammen mit den Sturmhauben erschwerten mir die Sicht sie näher zu betrachten. Der größte von ihnen, trug zusätzlich eine schwarze Lederkutte. Vielleicht ihr Anführer? Sie alle wirkten ziemlich kräftig, so als könnten sie mir mit einem Handgriff die Kehle zudrücken. Einer von ihnen offenbarte eine Pistole und richtete sie direkt auf mich. Sie sprachen nicht ein Wort, genauso wenig wie ich. Was sollte ich schon sagen? Der mit Waffe kam immer weiter auf mich zu, bis ich den kühlen Lauf direkt auf meiner Stirn spürte. Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, wie sein Finger den Abzug entlangfuhr, fast als würde er es genießen mich auf die Folter zu spannen. Wahrscheinlich tat er genau das auch. Doch ich sah noch etwas anderes ... ich sah ihn! Er stand nicht weit entfernt von mir, an einem Baum. Die drei schienen ihn nicht bemerkt zu haben. Er schaute mich mitfühlend an und streckte einen Arm nach mir aus. Ich war so gefesselt von ihm, dass ich alles um mich herum vergaß. Plötzlich wurde mir schwarz vor Augen.
Ich war wach! Es war ein Traum! Mein Herzschlag normalisierte sich allmählich. Schnell warf ich einen Blick auf meinen Wecker. Es war gerade mal drei Uhr morgens. Frustriert warf ich mich zurück in mein Kissen. Das konnte doch nicht wahr sein! Ich hatte diesen Traum jetzt schon einige Male gehabt. Normalerweise war ich nie ein Mensch, der so intensiv träumte und sich danach sogar noch daran erinnern konnte. Im Gegenteil ich schlief wie ein Murmeltier und stand erst dann auf, wenn mein Wecker bereits dreimal geklingelt hatte. Das war doch verrückt. Wieder hatte ich ihn gesehen. Ihn! Noch nie war mir jemand wie er begegnet. Er sah verboten gut aus, da konnte selbst Mark, der Mädchenschwarm meiner Schule, nicht mithalten. Seine blauen Augen schienen solch eine Tiefe zu haben, dass man darin zu versinken drohte. Eigentlich war ich gar nicht die Sorte Mädchen, die wegen eines Jungen sofort in Schwärmerei verfiel. Im Gegenteil! Doch irgendwie schien dieser Junge eine Ausnahme zu sein. Diese Augen! So ein helles, kräftiges, leuchtendes Blau hatte ich bisher noch nie in meinem Leben gesehen. Aus der Ferne wirkte er ziemlich muskulös und groß. Seine schwarzen Haare fielen ihm leicht gekräuselt über die Stirn und waren so ein wunderschöner Kontrast zu seinen Augen. Doch obwohl ich ihn schon so oft im Traum gesehen hatte, wusste ich nichts von ihm. Nicht einmal wie er hieß. Natürlich nicht! Er war ja ohnehin nicht real. Es gab ihn ja nur in meinem Unterbewusstsein.
Ich sollte lieber wieder versuchen zu schlafen. Erst in zweieinhalb Stunden musste ich aufstehen, um in die Schule zu gehen. Bei dem Gedanken daran verkrampfte sich sofort mein Magen. Für mich war die Schule ein Ort des Grauens.
Das war nicht immer so. Früher als wir noch in München, Stuttgart oder all den anderen Städten gewohnt hatten, war es nie so wie jetzt. Meine Schulen waren bislang immer so groß, da fiel ich gar nicht weiter auf. Man konnte meinen, ich wäre unsichtbar und war damit auch mehr oder weniger zufrieden. Klar wäre es schön, ein paar Freunde zu haben und gerade jetzt wo meine Eltern vorhatten für immer zu bleiben. Doch ich hatte mich damit abgefunden.
Mein Vater war ein erfolgreicher Finanzmanager und der Grund, weshalb wir häufig umgezogen sind. Ich würde ihm deswegen aber trotzdem niemals Vorwürfe machen. Er war für mich ein Vorbild und ein Held. Ich liebte ihn sehr und er war der beste Vater, den man sich nur wünschen konnte. Aber es ließ sich nicht leugnen, dass die ständigen Schulwechsel erheblich dazu beitrugen, dass ich keine Freunde hatte. Ich hasste die Abschiede, die dann später folgten. Einige meiner Mitschüler, die mit mir befreundet sein wollten, hatte ich also selbst vergrault. Aus Selbstschutz. Aus Angst sie später wieder verlassen zu müssen.
Auf meiner neuen Schule war aber alles von Anfang an anders gewesen. Wir waren in so ein kleines Kuhkaff gezogen – Wettlingen! Es lag in Rheinland-Pfalz, so viel wusste ich schon mal. 10 km weiter lag Bitburg, der Ort der Schule. Wir waren vor knapp zwei Wochen hierhergezogen. Vor wenigen Tagen hatte die Schule wieder für mich angefangen. Mitten im Schuljahr! Und noch nie hatte ich den Wunsch, so schnell wie möglich wieder von hier zu verschwinden. Doch diesmal wollten meine Eltern bleiben. »Das Dorfleben ist doch so schön. Die frische Luft, die Natur, die Tiere. In all den Jahren, in denen wir nur in Großstädten gewohnt haben, sollten wir endlich mal etwas Neues probieren.«
Na klasse! Vielen Dank auch! Aber mich fragt ja keiner! Na ja, so war es nicht. Ich hatte sie ja auch angelogen. »Mir gefällt es hier gut. Schule läuft super. Alles prima!«
Wenn sie nur wüssten, wie es mir wirklich ging. Doch ich konnte ihnen einfach nicht die Wahrheit sagen. Sie mochten es hier und wollten endlich sesshaft werden, das konnte ich doch auf keinen Fall zerstören, oder? Auch wenn das bedeutete, mich jeden Tag der Hölle auszusetzen.
Mein erster Schultag verlief leider so gar nicht wie in einem dieser kitschigen Teenagerfilme nach dem Motto: Ein Mädchen muss auf eine neue Schule. Findet dort rein zufällig die aller besten Freunde fürs Leben und als Bonus dann die große Liebe und nach ein paar Problemen mit den Schulzicken, ein paar Missgeschicken und Intrigen, klärt sich am Ende alles auf. Das Mädchen und der heiße Junge werden ein Paar und Happy End!
Was würde ich dafür geben, wenn das wirklich meine Geschichte wäre! Das wäre ein Traum. Schade nur, dass mein erster Schultag, all diese Hoffnungen bereits im Keim erstickte. Dabei hätte alles passen können. Denn wie im Film gab es die miesen Zicken. In meinem Fall waren das Tamara und Mandy und sogar den heißen Typen, in den ich mich Hals über Kopf verliebte. Na gut, ganz so war es nicht. Aber Mark war schon wirklich süß. Es mangelte mir nur leider an Freunden. Da die Schule nur knapp achthundert Schüler hatte, zum Vergleich in meinen alten Schulen war es manchmal durchaus das vier- oder sechsfache, schränkte das die Auswahl natürlich deutlich ein.
In meinen Kursen waren wir meist fünfundzwanzig Schüler. Viele kannten sich bereits aus Kindergartenzeiten. Alle kamen super mit einander aus. Für die Neue waren sie dagegen gar nicht offen.
Unser Lehrer Herr Hinrichs, ein kleiner bebrillter Mann mit Halbglatze, hatte mich gerade der Klasse vorgestellt. »Darf ich Ihnen Ihre neue Mitschülerin Viola Collins vorstellen. Sie ist gerade aus München in unsere überschaubare Gemeinde gezogen und ich erwarte von Ihnen, Viola einen angenehmen Einstieg zu ermöglichen. Schließlich soll sie sich bei uns wohlfühlen.«
Soweit so gut. Ich grüßte die Klasse kurz und wollte mich auf einen der freien Plätze setzen. Eilig steuerte ich den Platz vorne in der ersten Reihe an. Das ging am schnellsten. Doch das Mädchen was dort saß, stellte demonstrativ ihre Tasche auf den Stuhl.
Ich schaute mich schnell nach einer anderen Möglichkeit um. Doch überall stellten sie ihre Taschen und Rucksäcke davor. Hilfesuchend wandte ich mich an Herrn Hinrichs. Doch der war gerade völlig vertieft darin gewesen, die Anwesenheitsliste zu kontrollieren. Die anderen begannen zu kichern und ich merkte, wie ich rot wurde. Mir blieb nur noch die hinterste Reihe. In der waren gleich mehrere Plätze nebeneinander frei. Warum war ich den nicht sofort dorthin gegangen? So leise wie möglich setzte ich mich. Herr Hinrichs schien währenddessen mit seiner Kontrolle fertig zu sein und schaute mich an: »Warum so schüchtern Viola? Sie können auch gerne nach vorne kommen!«
»Ich bleibe lieber hier hinten. Trotzdem vielen Dank Herr Hinrichs.«
»Gut, wie Sie mögen«, damit wandte er sich dann von mir ab und begann mit dem Unterricht.
Ich versuchte dem Deutschunterricht, zu folgen, auch wenn ich Goethe bereits letztes Jahr in München lesen musste und das meiste daher wusste. Die Mädchen, die vor mir in der Reihe saßen, wie ich später herausfand, Mandy und Tamara, lenkten mich jedoch die ganze Zeit vom Unterricht ab.
»Wie hässlich die Neue doch ist. Wir haben ja schon einiges über sie gehört, aber dass sie so aussieht ... «, gab Mandy von sich.
»Ja, ich weiß! Sie ist flach wie ein Brett und langweilig. Sie sieht nach absolut nichts aus!«, meinte Tamara.
»Ich habe mir ja wirklich erst Gedanken gemacht, dass sie eine ernsthafte Konkurrenz werden könnte, aber die ist ja wohl wirklich lächerlich«, sagte Mandy dann wieder.
»Ach Mandy, für uns gibt’s doch sowieso keine Konkurrenz. Niemand könnte uns beiden je das Wasser reichen.«
»Stimmt.« Beide verfielen in ein dummes Gekicher und ernteten dafür einen bösen Blick von Herrn Hinrichs. Allerdings hielt sie das nicht davon ab, einfach ungehindert weiter zu lästern. Mir war klar, dass sie absichtlich so laut redeten. Daher versuchte ich gerade nicht, zuzuhören. Doch das war so gut wie unmöglich. Ich möchte jetzt auch gar nicht so genau alles wiedergeben was sie gesagt haben, aber das meiste handelte von meinem Äußeren. Dass meine Eltern ziemlich wohlhabend waren, hatte mittlerweile wohl die Runde gemacht. Das hatte man also davon, wenn man in so einer kleinen Dorfgemeinschaft wohnte, wo alle gleich den neuesten Klatsch und Tratsch verbreiteten. Irgendeiner hatte uns anscheinend gesehen, wie wir eingezogen waren. Ich scherzte mit meinem Vater herum, als er die Umzugskartons ins Haus brachte. Ich wusste nicht mal mehr genau, was ich gesagt hatte. Es war irgendetwas in der Richtung, er solle doch bitte vorsichtig sein, damit meine teuren Designerstücke nicht kaputt gehen.
Dabei legte ich auf so etwas nicht einmal Wert. Tja jedenfalls, schienen sie mich jetzt auch alle für einen eingebildeten Snob zuhalten und glaubten, ich würde jetzt bloß keine Designerklamotten zur Schule anziehen, weil ich so tun wollte, als sei ich eine von ihnen.
Die Pausen war ich alleine und schaute mir die Schule genauer an. Wenn ich schon keine Freunde oder neue Bekanntschaften hatte, die das mit mir taten, musste ich es eben alleine machen. Aber als wäre der ganze Tag nicht schon katastrophal genug gewesen, lief ich natürlich auch noch total in Mark hinein. Noch hatte ich meine Träumereien, bezüglich der High-School-Lovestory, nicht aufgegeben. Wer weiß, vielleicht sah er ja etwas in mir, was die anderen nicht sahen. Doch auch Mark machte das sofort zunichte. Ein Blick reichte und mir gefror das Blut in den Adern. In meinem ganzen Leben hatte mich noch nie jemand so abfällig angeschaut. Was hatte ich denen bloß getan? Nach dem Schultag war ich froh wieder zu Hause zu sein. Meine Eltern waren beide noch arbeiten und ich verschanzte mich in meinem Zimmer. Mir war eigentlich zum Heulen zumute, aber ich wollte nicht wegen denen weinen. Also verbrachte ich den restlichen Tag im Bett und wünschte mir, dass wir wieder ganz schnell von hier wegzogen.
Leider verliefen die nächsten Tage nicht gerade besser und ich versuchte mich einfach unsichtbar zu machen, genauso wie früher. Mit nur mäßigem Erfolg.
Ich schaute nochmal auf den Wecker, fünf nach drei. Na toll. Gerade mal fünf Minuten war ich in Gedanken versunken gewesen. Ich wusste, ich sollte lieber wieder versuchen einzuschlafen, doch momentan war ich viel zu aufgewühlt. Wie immer nach diesen Träumen. Also beschloss ich zu zeichnen. Ich schnappte mir den Block vom Nachttisch. Das Zeichnen war meine Leidenschaft, wann immer ich ein weißes Stück Papier und einen Stift hatte, war ich glücklich. Manchmal merkte ich erst, was ich überhaupt gemalt hatte, wenn es fertig war.
Das war in letzter Zeit besonders schlimm, denn da malte ich immer wieder dasselbe, ohne es wirklich zu merken. Es war der Junge aus meinem Traum! Sah ich ihn deswegen vielleicht so oft, weil sich mein Gehirn auch tagsüber mit diesen Träumen beschäftigte? Sollte ich mir Sorgen darüber machen, dass ich allmählich zu solch einer Fantasie neigte? Ich schaute auf meine Zeichnung, wie zu erwarten, sah ich in die wunderschönen Augen des Jungen.
Ich schüttelte den Kopf. Das war doch alles nur ein dummer Traum. Eilig schlug ich die nächste Seite meines Blockes auf, um etwas anderes zu zeichnen. Diesmal versuchte ich mich genau darauf, zu konzentrieren, was ich da malte. Ich dachte an ein Meer. An einen Sonnenaufgang am Meer, um genau zu sein. Strich für Strich malte ich drauflos. Um fünf klingelte mein Wecker. Ich war schon längst mit meiner Zeichnung fertig und musste wohl kurz eingenickt sein, denn durch das nervtötende Klingeln schreckte ich hoch. Dabei fiel mein Block und einige meiner Stifte auf den Boden. Schnell sprang ich auf, stellte den Wecker aus und sammelte die gefallenen Sachen wieder ein. Mein Blick fiel auf den Sonnenaufgang, den ich gemalt hatte. In der Mitte war ein Pärchen zu sehen, das sich an den Händen hielt. Ich war ganz zufrieden damit. Endlich mal nichts, was mit diesen verrückten Träumen zu tun hatte. Wieso kamen sie nur immer und wann hörten sie endlich wieder auf? Ich gab diesem Kaff die Schuld daran. Erst seit wir hier wohnten, hatte dieser ganze Spuk begonnen.
Ich schlug den Block zu und stopfte ihn samt Stifte in meine Schultasche. Eilig schnappte ich mir meine Kleidung und ging ins Badezimmer, das gegenüber von meinem lag. Eine kalte Dusche würde mir jetzt bestimmt guttun.
Nach besagter Dusche fühle ich mich tatsächlich schon ein wenig besser. Ich zog mir eine alte verblichene Jeans und einen schwarzen Pullover an, die Sachen, von denen ich glaubte, damit am wenigsten aufzufallen. Meine hellbraunen Locken band ich mir schnell zu einem Pferdeschwanz.
Mit Sicherheit durfte ich mir dafür, nachher von meinen Klassenkameraden blöde Sprüche anhören. Vor allem von Mandy und Tamara: »Sie ist so ein Modeopfer!«, »Sie wird nie einen Typen finden!«, »Bei dieser kleinen Oberweite helfen ihr dann wohl nur noch OPs!« Ihre Standardsprüche kannte ich bereits auswendig. Ich hörte ihre Stimmen schon wie Gespenster in meinem Kopf.
Obwohl außer unseren Lehrern und unserem Hausmeister Herrn Meisner, keiner meiner Mitschüler ein Wort mit mir gesprochen hatte. Warum hassten sie mich? Auf die Art ausgegrenzt zu werden, tat wirklich weh.
Auf dem Weg vom Bad in mein Zimmer zurück, kam mein Vater mir entgegen.
»Guten Morgen, Dad«, begrüßte ich ihn. Da ich zur Hälfte Amerikanerin war, hatte ich mir irgendwann angewöhnt ihn Dad, statt Papa zu nennen.
»Wunderschönen guten Morgen, mein Angel.« Mein Vater war bereits so früh in bester Laune und außerdem der Einzige, der mich Angel nennen dufte.
Im Vorbeigehen drückte er mir einen Kuss auf die Stirn und verschwand dann im Badezimmer. Ich hingegen packte noch meine Schultasche zu Ende und ging dann die Treppe nach unten in die Küche. Meine Mutter war schon zur Arbeit gefahren, sie hatte eine Stelle als Ärztin im städtischen Krankenhaus bekommen. Bis dorthin musste man eine ganze Weile fahren, aber das war ihr egal. Ich hingegen fand, dass das nur ein Grund mehr war, warum dieses Dorf nichts für uns war.
Eigentlich müsste meine Mutter gar nicht mehr arbeiten, denn mein Vater verdiente so gut, dass wir auf kein zweites Gehalt angewiesen waren. Doch meine Mutter brauchte eine Beschäftigung, sonst würde ihr früher oder später die Decke auf den Kopf fallen.
Zeitgleich mit mir kam bereits mein Vater in die Küche. Wie schaffte er es immer, so schnell fertig zu sein? Er füllte Kaffee in zwei Tassen und schob mir eine zu. Ich mochte Kaffee zwar nicht sonderlich, aber es war wohl das Einzige, was mich jetzt vor der sich anbahnenden Müdigkeit retten konnte!
Während mein Dad sich sein morgendliches Brot mit fetter Schicht Marmelade schmierte, holte ich mir aus dem Schrank mein Lieblingsmüsli.
»Hast du schon ein passendes Kleid für Freitag?«, fragte er zwischen zwei Bissen.
»Ach ja stimmt, da kommen diese vielen superreichen Investoren wegen eurer Firma, oder?«, fragte ich, obwohl ich es bereits wusste. Er redete ja seit Tagen von nichts anderem. Für ihn war es immer wichtig gewesen, meine Mutter und mich bei solchen Veranstaltungen dabei zu haben, und mir hatte es bis jetzt immer Spaß gemacht ihn zu begleiten.
»Ja, genau. Es ist echt verdammt wichtig ... «
»... weil sich da die Zukunft der Firma entscheidet. Ich weiß, Dad«, beendete ich seinen Satz.
»Wenn du noch kein Kleid hast, dann könnte ich mir auch heute Nachmittag freinehmen. In der Firma ist alles geplant, von daher ginge das in Ordnung. Wir könnten in die Stadt fahren und schauen, ob wir etwas Schönes finden. Natürlich könntest du dir auch einen Kartoffelsack anziehen und wärst damit das schönste Mädchen auf der Veranstaltung«, grinste er. Ich stand auf, um meine Schale in die Spüle zu stellen.
»Wollen wir es darauf anlegen?«, sagte ich herausfordernd.
»Du musst so etwas sagen, schließlich bist du mein Dad«, lachte ich.
»Nein, das sage ich, weil es die Wahrheit ist. Ich habe die schönste Tochter der Welt.«
Ich verdrehte lachend die Augen. Ich fand mich nicht hässlich, auch wenn davon scheinbar die ganze Schule überzeugt war, aber »Die Schönste!«, damit übertrieb mein Vater maßlos. Ich gab ihm trotzdem einen Kuss auf die Wange.
»Das Kleid habe ich schon längst, aber du könntest dir den Nachmittag ja trotzdem freinehmen und wir machen etwas zusammen?«
»Für dich immer, Angel. Du bist doch meine Lieblingstochter.«
»Sehr witzig, Dad! Du hast ja auch nur eine Tochter.«
Mein Vater lachte über seinen eigenen Witz. Sein Lachen war so ansteckend, dass ich ebenfalls damit anfing. Das war eins der Dinge, die ich an meinem Vater so liebte. Er war ein fröhlicher Mensch und in seiner Gegenwart fühlte man sich einfach wohl. Ich schaute auf meine Uhr. Was! Schon kurz vor sieben? Wo war auf einmal die Zeit geblieben? Ich schnappte meinen Rucksack und die Kopfhörer, gab meinen Vater zum Abschied rasch einen Kuss auf die Wange und sprintete zur Haustür. Eilig zog ich ein paar schon ziemlich ausgelatschte Sneaker an und nahm meine Jacke. Da es erst Mitte April war, war es noch ziemlich frisch.
»Ich hole dich nachher von der Schule ab«, rief mir mein Vater hinterher.
»Ist gut, bis später, Dad«, damit ließ ich die Haustür ins Schloss fallen und machte mich auf den Weg zur Bushaltestelle. Jetzt, da ich so kurz davorstand wieder zur Schule zu müssen, krampfte sich mein Bauch zusammen. Ich hätte ja auch einfach zu Hause bleiben können, aber ich wusste, dass ich es damit auch nicht besser machte.
Gerade noch rechtzeitig erreichte ich den Bus und setzte sich auf einen noch freien Platz ganz hinten. Die meisten aus meiner Klasse konnten bequem mit dem Rad oder zu Fuß zur Schule kommen und brauchten nicht mal ein Auto. Ich beneidete sie darum, dass sie so nah an der Schule wohnten. Dann müsste ich nicht immer diesen stickigen Bus nehmen. Manchmal nahm mich auch mein Vater mit, aber das war eher selten. Denn genau wie meine Mutter, musste er eine Weile fahren, um zur Arbeit zu kommen.
Da stellt sich natürlich die Frage: Warum sind wir nicht in die Stadt gezogen? Ganz ehrlich, ich habe meine Eltern das gefühlte tausend Mal gefragt. Dann wäre ich jetzt auch nicht in dieser kleinen bescheuerten Schule und meine Eltern müssten nicht jeden Tag soweit fahren. Wären wir in der Stadt, hätten wir alle nur Vorteile.
Doch meine Eltern hatten sich in dieses kleine Kaff verliebt. Es sei so schön idyllisch und ruhig.
Ich ließ meinen Kopf gegen die kalte Fensterscheibe des Busses sinken. Jetzt konnte ich an der Situation ohnehin nichts mehr ändern.
Der Bus hielt gerade und ließ noch einige Schüler zusteigen. Ich wollte schon die Augen schließen, um mich auf die Musik zu konzentrieren, die durch meine Kopfhörer schallte. Da erkannte ich aus dem Augenwinkel einen blonden Schopf. Unter all den anderen sah ich ihn sofort. Dort stand Mark!
Seit wann fuhr er Bus? Letzte Woche hatte ich ihn noch nicht hier gesehen. Da war ich mir hundertprozentig sicher.
Er sah wirklich gut aus. Blonde kurze Haare. Komplett durchtrainierter Körper, ohne ein Gramm Fett. Nie im Leben hätte ich damit gerechnet, so einen süßen Jungen wie Mark, hier in diesem kleinen blöden Kaff zu treffen.
Nur leider hatten diese süßen Typen so gar nichts für mich übrig. Höchstens abfällige Blicke. Ich passte da wohl nicht so ganz in das Beuteschema. Das wären dann wohl eher Mandy und Tamara.
Die glaubten Typen nur mit Äußerlichkeiten beeindrucken zu können. Es ist nur traurig, dass es wirklich Jungs gab, die sich davon beeinflussen ließen.
Hatte ich schon erwähnt, dass Mandy und Mark ein Paar waren? Vielleicht war Mark doch nicht so perfekt, wenn er sich auf jemanden wie Mandy einließ.
Ich redete mir ein, dass ich irgendwann auch einen tollen, gut aussehenden und vor allem treuen Mann fand und es gar nicht so schlimm war, dass ich noch gar keine Beziehung hatte.
Doch was redete ich mir da eigentlich ein. Bis irgendwann wollte ich auch nicht warten. Was war an mir nicht richtig, dass die Jungs einen großen Bogen um mich machten? Klar, ich war in letzter Zeit auch nicht besonders auf meine Mitmenschen zugegangen, weil ich sowieso wusste, dass ich sie bald wieder verlassen musste. Doch ausgerechnet jetzt, wo meine Eltern bleiben wollten und ich mich ehrlich bemühen wollte, gaben sie mir nicht einmal die Chance.
Ich wollte mich auch endlich einmal so richtig verlieben! Für den Moment würde es mir aber auch schon reichen, wenn es einfach jemanden gab, der sich nett mit mir unterhielt.
Für einen winzigen Augenblick schaute Mark zu mir. Sein Lächeln, das er eben noch hatte, versteinerte sich sofort. Auch ich schaute schnell weg. Ich griff nach meinem Handy und tat so als würde ich etwas total Wichtiges machen. Dabei scrollte ich einfach nur meine Playlist rauf und runter.
Unweigerlich begann mein Unterbewusstsein Mark mit dem Jungen aus meinem Traum zu vergleichen. Klar, den Jungen hatte ich nur aus der Ferne gesehen. Doch Mark hatte gegen ihn keine Chance. Der Junge hatte einfach etwas an sich, das mich magisch zu ihm hinzog. Ach, wenn er doch bloß real wäre und nicht nur im Traum existieren würde ...
Was dachte ich da bloß wieder für Quatsch? Selbst wenn er hier direkt vor mir stehen würde, würde er mich doch noch nicht einmal bemerken.
Als der Bus vor der Schule hielt, war meine Laune bereits im Minusbereich und das einzig Positive, auf das ich mich heute freute, war der Nachmittag mit meinem Dad.
Ich saß pünktlich zum Gong im Klassenzimmer. Ich war die Erste! Als die anderen eintrafen und mich sahen, begannen sie zu lachen. Erst als Tamara und Mandy vor mir saßen, erfuhr ich den Grund für das Gelächter. Jemand hatte heimlich ein Foto von mir gemacht, nach dem Sportunterricht! Ich stand nur in BH und Schlüpfer da! Und als wäre das nicht alles schon genug, hatte ich natürlich genau die mit den bunten Punkten an. Die ich eigentlich längst aussortiert hatte, die aber doch immer wieder bei mir im Schrank landete. Ich wollte am liebsten im Boden versinken. Unter dem Bild stand ein Kommentar, über meine viel zu kleine Oberweite. Mandy hielt ihr Handy natürlich perfekt in mein Sichtfeld. Zwei Pfeile zeigten genau auf die Stellen, wo sich meine Brüste befanden.
Ich musste krampfhaft versuchen, nicht auf der Stelle zu heulen. Ich war noch nie ein Mensch mit übermäßigem Selbstbewusstsein und an Tagen wie diesen hasste ich mich dafür. Ich sollte ihr einfach mal die Meinung sagen. Doch stattdessen brachte ich nie ein Wort hervor. Das nächste Mal würde ich ganz bestimmt etwas dagegen unternehmen! Das sagte ich mir schon die ganze Zeit. Ich sollte es nur endlich mal in die Tat umsetzten. Trotzdem versuchte ich ihnen nicht die Genugtuung zu geben, die sie sich erhofft hatten und ignorierte ihre dummen Kommentare und das Gelächter einfach. In der Freistunde ging ich aber dennoch nicht in die Mensa. Ich wusste nicht, wie viel ich heute noch ertragen konnte. Stattdessen ging ich in die Bücherei. Die Zeit wollte ich endlich mal dazu nutzen, herauszufinden was diese gleichen Träume bedeuteten. Das war nämlich mehr als merkwürdig.
Leider gab es nicht sonderlich viele Bücher in der überschaubaren Bücherei, die etwas mit Träumen zu tun hatten und so musste ich mich wohl mit einem einfachen kleinen Traumdeutungsbuch zufriedengeben.
Ich blätterte zu der Seite mit V, wie Verfolgung. Laut dem Buch: Eines der meist geträumten Symbole, es kann für die eigene Angst stehen, für beispielsweise ein Ziel, das nicht erreicht werden kann. Toll, so wirklich hilfreich war das nicht. Die eigene Angst? Wovor sollte ich so dermaßen viel Angst haben, dass ich regelmäßig davon träumte. Vor Spinnen? Oder davor das die anderen mich noch mehr mobbten? Wenn das überhaupt noch ging!
Ich klappte das Buch wieder zu. Vielleicht stand ja im Internet etwas mehr dazu. Da außer mir und ein paar Schülern aus den jüngeren Jahrgängen niemand da war, ging ich an mein Handy. Im Schulgebäude war es eigentlich verboten, aber gut, wen kümmerte das schon groß?
Ich suchte nach Traumdeutung und Verfolgung, doch da stand nichts, was auf meinen Fall zutraf. Auch nicht als ich die Wörter: Junge, stahlblaue Augen hinzufügte. Das war doch lächerlich! Was tat ich hier? Immerhin, nur noch zwei Stunden und der Montag war gerettet. Die restliche Zeit über, ließen mich die anderen zum Glück in Ruhe. Außer dem üblichen Gekicher musste ich mir keine fiesen Sprüche mehr anhören.
Pünktlich nach Schulschluss kam mein Vater. Ich spürte, wie die anderen mich anstarrten. Also verschwand ich schnell ins Auto.
»Na Angel, wie war die Schule?«, begrüßte mich mein Dad, wie immer gut gelaunt.
»Ganz gut«, log ich.
»Das freut mich wirklich sehr. Es ist mir sehr wichtig, dass es dir hier gut geht«, sagte er liebevoll.
»Ich weiß! Es ist alles prima, Dad.«
Sobald wir das Schulgelände verlassen hatten, fühlte ich mich schon wesentlich besser. Endlich war ich weg vom Ort des Grauens. Auf dem Weg redete ich fast ununterbrochen mit meinem Dad. Irgendwie war es so, als könnte ich hier alles loswerden, wozu ich in der Schule keine Gelegenheit hatte. Ich fragte ihn erst über seinen neuen Job aus. Denn bis jetzt wusste ich nur von dem Event am Freitag und das er in der Firma im Finanzmanagement tätig war. Er war wirklich unglaublich gut in seinem Job. In der Vergangenheit hatte er es bei fast jeder Firma geschafft, sie vor dem sicheren Ruin zu bewahren. Wie er das immer schaffte, war sein Geheimnis. Jedenfalls sagte er das jedem so, wenn er danach gefragt wurde. Doch meiner Meinung nach war er einfach ein verdammt guter Geschäftsmann.
»Wie läuft die Arbeit so? Sind alle Kollegen nett?«, fragte ich ihn.
»Alles bestens. Schön, dass du fragst«, freute er sich. »Die Kollegen sind wirklich großartig. Ich freue mich schon, dir am Freitag alle vorstellen zu können. Drück mir die Daumen, dass alles so läuft, wie wir es uns erhoffen.«
»Natürlich mache ich das. Auch wenn ich jetzt schon weiß, dass du die Investoren mit deinen Ideen begeistern wirst.«
Mein Vater lachte: »Wenn du das sagst, mein Angel. Und bei dir ist alles okay? Auch in der Schule? Ich weiß, dass es nicht einfach ist, sich wieder neu einleben zu müssen.«
»Na ja, es ist schon ein Unterschied, von einer Großstadt in ein kleines Dorf zu ziehen«, sagte ich. »In ein wirklich, wirklich kleines Dorf!«, wiederholte ich es, um den ganzem mehr Nachdruck zu verleihen.
»Ja, das stimmt. Es ist wirklich eine große Umstellung, doch ich finde, so ein Dorfleben hat so seine Vorteile. Ich habe das Gefühl, hier kann ich mich richtig entspannen und bin nicht mehr so im Stress.«
Ich wusste genau, was mein Vater damit meinte. Wir zogen so gut wie alle zwei Jahre um und das immer in Großstädte.
Zuerst lebten wir in Berlin, da wurde ich übrigens auch geboren. Als ich fünf war, zogen wir nach Stuttgart und dann nach Wolfsburg um. Bis ich dreizehn war, wohnten wir in Köln. Dann bekam mein Vater ein Jobangebot aus New York. Da er ursprünglich Amerikaner war, war er überglücklich, als er von dem Angebot erfuhr. Dad konnte es kaum erwarten mir den anderen Teil meiner Wurzeln, vorzustellen, denn meine Großeltern und Dads Bruder lebten noch in den USA. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich sie noch nicht wirklich kennengelernt. Meine Mutter war von der Idee ebenfalls total begeistert gewesen und so zogen wir in die USA.
Die Zeit dort war viel zu schnell vergangen. Es war so schön, den anderen Teil der Familie kennenzulernen. Vielleicht zog ich nach der Schule wieder dorthin. Jedenfalls gingen wir danach nach München, weitere Jahre vergingen und jetzt war ich siebzehn und wohnte in Wettlingen. Ein klitzekleines Dorf mit nicht mal vierzig Einwohnern.
Wir hätten doch wenigstens in der kleinen Stadt wohnen können, zudem unser kleines Dorf gehörte. Aber nein, meine Eltern wollten unbedingt hier wohnen.
»Es ist schön, dass du jetzt mehr Zeit hast«, kam ich auf das Gespräch mit meinem Vater zurück. Denn neben dem Umzug hatte er auch beschlossen, nicht mehr ganz so hart zu arbeiten.
»Ja, das ist wahr. Da können wir jetzt einiges nachholen«, ein Ausdruck des Bedauerns huschte über sein Gesicht.
Dabei kümmerten sich meine Eltern immer sehr gut um mich. Ein Wort von mir hätte gereicht und wir wären nie umgezogen. Nicht ein einziges Mal! Doch ich wollte ihnen einfach nicht im Weg stehen. Ich weiß wie wichtig meinem Vater seine Projekte sind, und es reichte, mir zu wissen, dass sie mir eine Wahl gelassen hatten.
Jede Woche, egal wie viel Stress meine Eltern auf der Arbeit hatten, gingen wir gemeinsam irgendwo Essen. Außerdem hatte meine Mutter erst wieder angefangen zu arbeiten, als ich acht war.
Alles in allem konnte man sagen, dass ich ein ziemlich verwöhntes Einzelkind war. Ich hatte eigentlich immer darauf gehofft, irgendwann einmal große Schwester sein zu dürfen. Doch so war es auch in Ordnung. So musste ich meine Eltern wenigstens nicht teilen. Bei dem Gedanken daran schmunzelte ich.
»Was lachst du denn so?«, wollte mein Vater wissen.
»Ich lache nicht, ich schmunzle nur«, antwortete ich. »Ich musste gerade nur daran denken, was für tolle Eltern ich habe.« Nun war mein Vater derjenige, der schmunzelte.
»Du weißt, dass du für deine Mutter und mich das Wertvollste auf der ganzen Welt bist.« Für einen Moment schwiegen wir, dann fuhr er fort: »Viola, ich glaube, das hier ist einfach der perfekte Ort für uns. Ich kann mir vorstellen, hier alt zu werden, und du kannst hier in Ruhe die Schule fertig machen.« Bei dem Wort Schule krampfte sich mein Magen zusammen.
»Das ist toll, Dad. Ich freue mich, dass du nun endlich einen Ort gefunden hast.« Mein Vater sah mich von der Seite zweifelnd an.
»Ich meine, das wir einen tollen Ort gefunden haben«, schob ich schnell hinterher.
»Viola, ich möchte wirklich, dass du glücklich bist und wenn irgendetwas ist, dann sag es mir bitte. Du warst am Anfang nicht begeistert aufs Land zu ziehen und jetzt siehst du auch nicht gerade glücklich aus.«
»Dad, wenn etwas wäre, wärst du der Erste, der davon erfahren würde. Versprochen! Es ist nur noch so anders alles. Daran muss ich mich erst gewöhnen, aber mach dir bitte keine Sorgen um mich.«
»Ach mein Angel, ich werde mir immer Sorgen um dich machen. Du bist meine Tochter und ich will, dass es dir gut geht.«
»Mir geht es wirklich gut.« Ich wollte ihn nicht anlügen, aber er sollte nicht traurig sein und sich deswegen schlecht fühlen.
»Ich habe dich lieb, Dad.«
»Ich habe dich auch lieb, mein Angel.«
Wir fuhren gerade auf den Parkplatz. In der Stadt herrschte wohl der normale Nachmittagsbetrieb. Ich war zwar deutlich größere Menschenmassen gewohnt, aber doch waren mehr Leute unterwegs, als ich angenommen hatte.
»So, was hast du für heute geplant?«, fragte mich mein Vater.
»Wie wäre es mit shoppen, Essen gehen und danach ins Kino?«, meinte ich.
Während wir gingen, hatte ich mich bei ihm untergehakt und grinste vor mich hin. Wie ich diese gemeinsame Zeit liebte.
»Klingt nach einem guten Plan.« Ich spürte auch, wie sehr es meinen Vater freute, etwas mit mir zu unternehmen. Ich schliff meinen Vater in unzählige Läden, mit meiner Mom hätte ich sicher noch bis zum Ladenschluss shoppen können. Mein Dad schaffte es immerhin zwei Stunden. Schließlich konnte ich ihn noch überreden, sich ein neues T-Shirt zu kaufen, während er für mich eine Jeans, zwei Tops und einen neuen Badeanzug für das Training bezahlte. Eigentlich bekam ich genug Taschengeld von meinen Eltern, dass ich mir die ganzen Sachen hätte selbst kaufen können. Ich mochte es nämlich nicht, wenn meine Eltern so viel Geld für mich ausgaben. Doch mein Vater bestand darauf, es mir zu kaufen.
Ach ja, ich hatte noch gar nicht erwähnt, dass ich seit meinem sechsten Lebensjahr mindestens zwei bis dreimal die Woche schwimmen ging. Deswegen brauchte ich auch den neuen Badeanzug. Wo auch immer wir hinzogen, war meine einzige Bedingung, dass es in der Nähe einen Schwimmverein oder wenigstens eine Schwimmhalle gab. Das Schwimmen gehörte zu den einzigen drei positiven Konstanten meines Lebens. Genauso wie meine Eltern, weil sie immer für mich da waren und mich so liebten, wie ich nun mal war. Das Zeichnen war ebenfalls ein Teil davon, es war sozusagen mein Leben. In meinen Zeichnungen konnte ich all meine Gefühle ausdrücken und das Schwimmen liebte ich, weil ich mich im Wasser so leicht und schwerelos fühlte. Dort konnte ich immer den ganzen Rest vergessen und mich nur auf meine gleichmäßigen Züge konzentrieren.
Wann immer es ging, nahm ich an Wettbewerben teil und hatte sogar schon das ein oder andere Mal gewonnen. Letzte Woche war ich das erste Mal hier beim Training gewesen. Meine neue Trainerin Tina war sehr nett. Danach meinte sie zu mir, dass sie mich gleich für den Wettbewerb nächste Woche anmelden wolle. Ich wollte ablehnen, aber sie bestand darauf. Das einzig Doofe an der Sache war, dass ich auf dem Weg zur Schwimmhalle mit dem Bus fahren musste, weil sie zentral in der Stadt lag. Aber immerhin musste ich dort niemanden aus meiner Klasse sehen, zumindest war letzte Woche niemand von ihnen da.
Ich kam mit meinem Vater erst ziemlich spät nach Hause. Ich war froh, dass er nicht gerade streng war und es in seinen Augen nicht so schlimm war, länger aufzubleiben, obwohl am nächsten Tag Schule war.
Wir waren noch beim Italiener essen gewesen und danach wie versprochen im Kino. Es lief eigentlich nichts wirklich Sehenswertes, aber schließlich entschieden wir uns für einen Actionfilm. Mein Vater liebte solche Filme. Es war ein wirklich toller Tag beziehungsweise ein wunderschöner Nachmittag und Abend gewesen. Im Wohnzimmer saß meine Mutter auf dem Sofa, eingekuschelt in einer Wolldecke mit einem Buch in der Hand. Sie hatte extra auf uns gewartet, obwohl Dad sie bereits vorgewarnt hatte, dass es später werden könnte. Doch meine Mom konnte nie schlafen, wenn sie wusste, dass einer von uns länger unterwegs war. Dann vertrieb sie sich die Zeit immer mit einem guten Buch und einem heißen Tee. Sie schloss uns liebevoll in ihre Arme. Ich wünschte den beiden eine gute Nacht und ging dann rauf in mein Zimmer. Meine Einkäufe stellte ich neben mein Bett. Ich würde sie morgen waschen und später einräumen, jetzt wollte ich einfach nur schlafen. Auch wenn ich befürchtete, dass es mir nicht gefallen würde, was ich träumte.
Ich lief immer weiter. Schneller ... immer schneller. Panisch sah ich mich um. Nichts! Ich konnte nirgendwo hin. Ich hörte sie. Kräftige, schnelle Schritte. Die drei Maskierten! Um mich herum war gar nichts. Kein Wald, keine Felsen, nichts hinter dem man sich verstecken konnte. Ich stand auf einem gerodeten Feld. Niemand konnte mir helfen. Ich war allein! Die Angst in mir wurde immer größer und ich merkte, wie ich immer langsamer wurde. Meine Beine schienen mich nicht länger tragen zu wollen. Das durfte doch einfach nicht wahr sein. Ich kam nicht mehr weiter. Doch ich hätte ohnehin keine Chance mehr gehabt. Einer der drei erwischte mich am Arm. Er hielt mich fest umklammert, bis die anderen zu ihm aufgeschlossen hatten. »Was habe ich euch getan?«, fragte ich sie und meine Stimme klang mir dabei völlig fremd. Sie war so rau und kratzig, als habe ich bereits Tage durch geschrien. Doch die drei übergingen meine Frage einfach. Ein Zweiter griff nun nach meinem anderen Arm. Vermutlich wollten sie sichergehen, dass ich ihnen nicht entwischte. Doch da hätten sie sich gar nicht so sehr anstrengen brauchen. Ich war zu schwach. Der Dritte, mit der Lederkutte, zückte seine Pistole. »Nein! Nicht!«, flehte ich. Ich fiel in mich zusammen, doch sie zwangen mich oben zu bleiben. Dabei wollte ich gerade nichts lieber als auf den Boden fallen. Meine Beine waren zu schwach, um mich zu halten. Meine Augen fühlten sich auf einmal so schwer an, dass ich Mühe hatte sie auf zu halten. Der mit der Lederkutte kam nun immer näher, bis der Lauf der Waffe direkt an meine Stirn stieß. Nein, ich wollte nicht sterben. Noch nicht jetzt!
Meine Augen waren zu, doch ohne aufzusehen, spürte ich seine Anwesenheit. Er war da! Der Junge! Es fühlte sich wie ein kleiner elektrischer Schauer an, der durch mich hindurch floss und mir signalisierte, dass er es war. Endlich schaffte ich es meine Augen, zu öffnen und ihn anzusehen.
Seine blauen Augen, die trotz der Distanz zwischen uns hell zu funkeln schienen, waren direkt auf mich gerichtet. Wir schauten uns beide in die Augen und es war, als würde sich alles in mir danach sehnen zu ihm zu gelangen. Doch die Maskierten hinderten mich daran. Allmählich schmerzten die Stellen, an denen sie mich festhielten. Der Blick des Jungen wurde traurig und er streckte seinen Arm nach mir aus. Ich wollte sofort zu ihm. Aber das war unmöglich, solange die Pistole an meiner Stirn nicht verschwand. Warum konnte mir der Junge nicht helfen?
Ich hörte das Klicken der Waffe, doch der Schuss blieb aus. Denn ich fiel bereits. Alles wurde schwarz und mein Blick verschwamm.
Mein Atem ging heftig. Ich saß kerzengerade im Bett. »Es war alles nur ein Traum«, murmelte ich immer wieder vor mich hin. Mein Wecker zeigte, dass es gerade vier Uhr dreißig war. Warum war dieser Traum nur so real? Jede Nacht, immer wieder das Gleiche!
Mein Atmen wurde langsam ruhiger. Ich war verdammt müde, aber nach diesem Traum wollte ich gar nicht mehr schlafen. Hatte der Traum nicht vielleicht doch etwas zu bedeuten? Wer waren diese drei Maskierten? Wer war der Junge und warum schaute er mich nur an und half mir nicht? Ich wollte über all das nicht nachdenken müssen und eigentlich war es ja auch nur ein Traum. Aber es war unmöglich, nicht an all das zu denken. Wie bereits gestern Nacht, schnappte ich mir meinen Block und knipste meine Nachttischlampe an. Ich musste mich irgendwie ablenken. Dabei schlug ich meine Zeichnungen von gestern auf. Es war immer nur er. In jedem meiner Bilder, auch die, die ich während des Unterrichts gemalt hatte. Seit diese Träume angefangen hatten, schien er das Einzige zu sein, was ich aufs Papier brachte. Warum konnte ich nicht mal wieder etwas anderes zeichnen, etwas Normales, wie Landschaften oder Menschen auf der Straße, die mich zu einem Bild inspirierten, meinetwegen auch Autos. Hauptsache etwas Normales und nicht immer die Jungen. Es gab ihn schließlich nicht! Ich hatte wirklich keine Ahnung, warum meine Fantasie so mit mir durchging. Ich klappte meinen Block wieder zu. Es ergab keinen Sinn zu zeichnen, danach würde ich mich nur über mich selbst ärgern. Ich wollte das alles am liebsten ganz schnell wieder vergessen. Den Traum und den Jungen. Warum fiel mir das nur so schwer? Warum konnte ich nur noch an ihn denken?
Frustriert schaltete ich das Licht wieder aus und warf mich in mein Kissen zurück. Irgendwie musste ich doch wieder einschlafen. Es dauerte eine ganze Weile. Ich wälzte mich in meinem Bett herum und bekam einfach kein Auge zu. Doch dann mit einem Mal fielen sie mir zu. Das perfekte Gesicht des Jungen war das letzte, was ich sah, bevor ich in einen traumlosen Schlaf fiel.
Der nächste Morgen kam viel zu früh. Ich war noch immer so müde, dass ich das Klingeln meines Weckers dreimal ignorierte und deswegen drohte den Bus zu verpassen. Hätte mein Dad mich nicht noch rechtzeitig geweckt, hätte ich mit Sicherheit den ganzen Vormittag verschlafen.
Ehrlich gesagt wäre es mir auch egal gewesen, wenn ich die ganze Schulzeit verschlafen hätte. Ich fühlte mich so erschöpft, wie schon lange nicht mehr. Zum Glück saß mein Dad wie immer mit einer großen Tasse Kaffee am Frühstückstisch, die er mir hinschob. Doch leider half die heute auch nichts.
»Alles in Ordnung bei dir, Angel? War gestern vielleicht doch ein bisschen lang?« Bei dem Gedanken an den gestrigen Nachmittag musste ich lächeln.
»Nein, daran liegt es nicht. Ich habe echt schlecht geschlafen«, sagte ich und gähnte.
»Vielleicht hätten wir den Film dann doch nicht schauen sollen«, sagte er ernst, aber ich erkannte den Schalk in seinen Augen. Er machte sich über meinen Zustand lustig. Was hatte ich doch für einen fürsorglichen Vater.
»Ach komm schon Dad, als ob mir diese Filme Angst machen könnten.«
»Ja, das weiß ich doch. Hat es einen bestimmten Grund, dass du nicht schlafen kannst?«
Sollte ich ihm von diesen Träumen erzählen? Er würde mich sicher nicht für verrückt halten und eigentlich vertraute ich ihm alles an. Gut vielleicht nicht ganz alles. Dass ich es hier nicht gerade toll fand, wusste er nicht. Und dass ich seit unserem dritten Umzug angefangen hatte, aufzuhören mich mit anderen anzufreunden, wusste er auch nicht. Unsere Zeit in New York davon mal ausgenommen. Aber auch nur, weil mein Onkel Harry zwei Söhne in meinem Alter hatte, William und Mason. Ich hatte die beiden sofort in mein Herz geschlossen. Sie waren unglaublich witzig und kindisch, dass man sie einfach liebhaben musste. Ich war echt froh, solch durchgeknallte Cousins zu haben. Auch sie haben sich total gefreut, mich kennenzulernen, und haben mich in der Schule erst einmal all ihren Freunde vorgestellt.
Die Zeit in New York war wirklich unglaublich schön gewesen, doch dann musste ich sie alle wieder verlassen. Jetzt schrieben wir uns regelmäßig E-Mails, aber manchmal fehlte einfach die Zeit dazu. Ich meine wer kennt das nicht? Vielleicht konnte ich meine Eltern ja überreden, in den Sommerferien nach New York zu fliegen. Jetzt wo ich so darüber nachdachte, fehlten mir dort alle so sehr. Der fragende Blick meines Vaters holte mich zurück in die Realität.
»Entschuldige Dad. Was hattest du gefragt?« Ich hatte überhaupt nichts mitbekommen.
»Oh man, du scheinst ja heute völlig durch den Wind zu sein«, stellte er schmunzelnd fest. »Ich hatte dich gefragt, ob es einen bestimmten Grund dafür gibt, dass du nicht schlafen kannst?«, fragend hob er eine Augenbraue.
Ich wollte ihm nicht von dem Traum erzählen, also log ich.
»Ich weiß nicht. Einfach so. Kann es sein, dass gestern Vollmond war, da kann ich doch immer nicht so gut schlafen?« Was versuchte ich ihm da eigentlich vorzumachen. Gestern war noch nicht mal ein Mond zu sehen und so, wie mein Vater lachte, wusste er das auch.
»Ach Viola, mein Angel. Du kannst mir alles sagen«, meinte er.
Ich war kurz davor, ihm doch von diesen komischen Träumen zu erzählen. »Ich weiß Dad. Also ...«
»Ich weiß, ich weiß! Als ich deine Mutter kennengelernt habe, ging es mir genauso. Ich konnte Nächte lang nicht schlafen.«
Jetzt verstand ich, worauf er hinaus wollte. »Was? Dad! Nein!«, unterbrach ich ihn schockiert.
Mein Vater begann zu lachen. »Ich weiß wie das ist Angel. Nächte lang wach liegen und hoffen, dass sie dich wahrnimmt ...« Sein Blick wurde weich, als er an die Zeit dachte, in der er meine Mutter kennenlernte. Seine Augen begannen zu leuchten. Er war nach all den Jahren noch immer so verliebt in sie, wie am ersten Tag. Hoffentlich fand ich auch einmal jemanden, der mich so sehr liebte. Sie hatten mir schon oft ihre Geschichte erzählt und sie war besser als jeder Liebesroman.
Mein Vater war zwanzig, als er nach Deutschland kam, und seine Eltern waren wenig begeistert davon, dass er seine Familie verließ. Im Nachhinein meinte er immer, dass er schon immer gewusst habe seine Traumfrau hier zu finden. Das Deutsch meines Vaters war noch nicht wirklich gut, wobei selbst das noch stark beschönigt ist. Doch mein Vater wusste, was er wollte, er war ein abenteuerlustiger Typ und kam auf gut Glück nach Deutschland.
Zu diesem Zeitpunkt war meine Mutter in festen Händen und ihr damaliger Freund war Sänger und nach ihren Worten.
»Total Süß.« In Berlin trafen sie sich das erste Mal. Meine Mutter hatte dort ihr Medizinstudium angefangen und wie es der Zufall will, liefen sie sich im gleichen Café über den Weg. Nach eigenen Angaben hatte sich mein Vater sofort in sie verliebt, aber für meine Mutter kam es nie in Frage dem »durchgeknallten Amerikaner« Hoffnungen zu machen, solange sie noch vergeben war. Mein Dad wollte aber nicht so einfach aufgeben und überredete meine Mom zu einem einzigen Treffen. Nach langem Hin und Her stimmte sie dann zu. Bei dem einem Treffen blieb es dann aber doch nicht, denn die beiden hatten wohl schnell ihre Sympathie für einander entdeckt. Also trennte sich meine Mutter von ihrem Sänger und kam wenig später mit meinem Dad zusammen.
Man hörte ihm noch deutlich seine Herkunft an, denn er hatte seinen Akzent nie wirklich ablegen können. Doch gerade das machte meinen Vater aus und ich war froh, dass es so war. Es zeigte seine Wurzeln und ja auch irgendwie meine.
Als ich klein war, habe ich mit meinem Vater immer Englisch geredet, bis ich es genauso fließend sprechen konnte wie Deutsch. Für unsere Zeit in der USA war das natürlich ideal und auch sonst hatte es in der Schule keinen Nachteil.
Noch heute sprechen wir mal auf Englisch und mal auf Deutsch, manchmal auch gemischt, wie es uns eben gefiel.
Ich schaute noch immer in den völlig verträumten Gesichtsausdruck meines Vaters. Er musste wohl gerade das Gleiche wie ich gedacht haben. Dass er jetzt allerdings dachte, ich könnte wegen eines Jungen nicht mehr schlafen, fand ich nicht gerade lustig. Doch wenn ich mich jetzt weiter so verteidigen würde, würde ihn das nur noch mehr in seiner Vermutung bestätigen. In gewisser Weise hatte er ja auch Recht. Ich konnte wegen eines Jungen nicht mehr richtig schlafen. Nicht mal mehr vernünftig träumen oder zeichnen. Er vereinnahmte meine ganzen Gedanken. Immer wieder sah ich ihn vor meinem inneren Auge. Dabei existierte er nicht einmal! Er war nicht echt! Warum konnte das mein Bewusstsein nicht endlich auch mal verstehen?
»Oh nein! Dad!? Ich habe den Bus verpasst!« Ich hatte gar nicht bekommen, wie schnell die Zeit vergangen war.
»Ich nehme einfach den zur zweiten Stunde«, meinte ich und freute mich schon, dass ich die erste Stunde Chemie verpassen würde. Doch mein Vater vernichtete meinen Plan sofort wieder.
»Kein Problem Angel« sofort ließ er alles stehen und liegen. Juhu! »Danke Dad!«, dachte ich ironischerweise. Obwohl ich ihm eigentlich dankbar sein sollte.
Das war ich ja auch. Irgendwie.
Mein Dad drückte ordentlich aufs Gas und nur mit wenigen Minuten Verspätung saß ich im Klassenzimmer. Während der Autofahrt sprach mein Dad das Thema »Jungs« zum Glück nicht mehr an. Stattdessen redeten wir über den gestrigen Nachmittag. Er versprach mir, dass wir in Zukunft regelmäßig solche Vater-Tochter-Tage machen würden. Ich freute mich bereits jetzt auf unseren nächsten gemeinsamen Shopping-Tag.
Die ersten zwei Stunden in der Schule liefen eigentlich ganz gut, obwohl es Chemie war. Es war nicht gerade mein Lieblingsfach, aber Mandy und Tamara lästerten tatsächlich mal nicht über mich. Sie erzählten sich scheinbar etwas Belangloses, so genau hörte ich da nicht hin. In den nächsten beiden Stunden hatte ich Mathe. Dazu mussten wir den Raum wechseln. Ich verbrachte, meine Pause damit vor dem Raum zu sitzen und zu zeichnen. Sicher kann man sich denken woran oder eher an wen ich gedacht hatte, als ich zeichnete.
Leider war ich nicht annähernd fertig geworden, man konnte nur erahnen, was es später einmal werden sollte. Aber ich sah es jetzt bereits vor mir: Er stand im Mittelpunkt des Bildes. Man sieht ihn nur von der Seite. Wie in meinem Traum trägt er ein T-Shirt und eine kurze Hose, die ihm leicht bis über das Knie fiel. Er steht an einer steilen Klippe. Seine Haare und seine Kleidung wurden vom Wind zerzaust. Er schaute nicht nach unten, sondern in Richtung des Himmels. Alles an ihm strahlte eine starke Selbstsicherheit aus. In der Ferne waren bereits große schwarze Wolken zu sehen, die den Beginn eines starken Unwetters andeuteten. Vielleicht würde man noch erkennen können, was unter den Klippen lag, vielleicht führte es aber auch einfach ins Nichts. Ich war so vertieft gewesen, dass ich den Gong zum Pausenende gar nicht wahrgenommen hatte. Einige meiner Mitschüler warteten bereits vor unserem Klassenraum, sie würdigten mich allerdings keines Blickes. Eilig wollte ich meine Sachen wieder in meiner Tasche verschwinden lassen, da wurde mir mein Block plötzlich aus der Hand gerissen. Hämisch grinsend stand Mandy vor mir. Das durfte doch jetzt nicht wirklich wahr sein!
»Da sieh mal einer an! Unser kleines graues unscheinbares Mauerblümchen zeichnet also Bilder.«
Mittlerweile waren auch alle anderen da, inklusive Mark. Wo war bloß unsere Lehrerin? Mandy betrachtete mein angefangenes Bild.
»Stell dir vor, das Mauerblümchen zeichnet schon seit ihrem ersten Tag an dieser beschissenen Schule. In jeder Stunde, du Blitzmerkerin!«, murmelte ich leise. Doch gerade so laut das Mandy mich verstand. Wütend funkelte sie mich an. Doch sie machte mir keine Angst. Warum auch? Ich war doch schon die Loserin der Schule. Schlimmer ging es doch nicht mehr.
»Da malt ja meine kleine Schwester im Kindergarten besser. Deine Talente stecken dann sicher woanders«, lachend zeigte sie mein angefangenes Bild umher.
Einige fielen in ihr dummes Lachen mit ein. Mitläufer, die nicht fähig waren, sich ihre eigene Meinung zu bilden und dazu auch noch stehen, dachte ich bitter. Andere hingegen ließen sich nichts anmerken. Ich war stinksauer, aber noch immer darum bemüht nach außen eine kühle, ausdruckslose Miene zu behalten. Sie wollte doch nur, dass ich ausrastete.
»Jetzt haben ja alle gesehen, wie talentfrei ich bin. Dann kann ich doch sicher meinen Block wiederhaben!«, ich kochte innerlich. Sie hatte mir etwas Persönliches genommen. Niemand sollte es sehen und sie versuchte, mich damit lächerlich zu machen. Meinetwegen sollte sie über mich reden, was sie wollte, ich versuchte wegzuhören. Selbst das Foto was sie von mir gemacht hatte, versuchte ich zu ignorieren. Aber mir jetzt auch noch einfach meine Sachen zu nehmen, damit ging sie einen entscheidenden Schritt zu weit. Tamara hatte sich zu ihr gestellt und lachte nun ebenfalls.
»Gib mir den Block wieder!«, forderte ich.
»Ich denke gar nicht erst dran!«, lachte sie höhnisch. Sie blätterte weiter durch den Block, aber zum Glück würde sie keine weiteren Zeichnungen finden. Ich hatte heute Morgen nämlich einen Neuen mitgenommen. In Gedanken klopfte ich mir dafür auf die Schulter. Wütend riss ich ihr meinen Block aus der Hand. Gerade noch rechtzeitig, denn unsere Lehrerin kam gerade.
»Wage es dir ja nicht noch einmal meinen Block zu nehmen«, ich schnappte mir meinen Rucksack und steckte alles hinein.
»Sonst was?«, zischte Mandy, aber ich ignorierte sie einfach. Genauso wie ich alle anderen um mich herum ignorierte. Ich schaltete ab. Hing meinen Gedanken nach und versuchte einfach alles andere zu verdrängen. Dass meine Lehrerin mich aufrief, um die Hausaufgaben vorzustellen bekam ich nur am Rande mit. Ich hätte heute Morgen gar nicht erst aufstehen sollen. Ich hasste diese kleine beschissene Schule. Eigentlich hasste ich alles hier! Ich wollte hier weg, doch ich wusste, dass dies unmöglich war. Ich hasste aber auch mich selbst. Dafür, dass ich mich nicht einmal gegen sie gewehrt hatte. Von Anfang an hätte ich ihnen zeigen sollen, dass sie so etwas nicht mit mir machen konnten. Warum konnte ich nicht schlagfertig sein? Immer erst viel später fielen mir gute Antworten ein, aber dann war es längst zu spät. Wie konnte ich nur glauben, dass wenn ich einfach nichts machte, es von selbst wieder besser werden würde. Ich wusste ja nicht einmal, was ich ihnen getan hatte oder ob es ihnen einfach Spaß machte jemanden Leiden zu sehen. In keiner der anderen Schulen war mir so etwas passiert. Ich blieb sonst immer für mich. War ein Einzelgänger und die anderen hatten das immer akzeptiert. Warum konnte das hier nicht genauso sein?
Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass mir ihre Sprüche und ihre Mobbing-Attacken nichts ausmachen würden. Es tat unglaublich weh. Noch nie in meinem Leben war ich so behandelt worden. Wenn ich nur wüsste, warum sie das taten! Vielleicht wäre es dann leichter, zu verstehen. Da ich nicht wusste, was ich sonst machen sollte, versuchte ich, dass alles nicht so nah an mich heranzulassen und mir nichts aus ihren dummen Kommentaren zu machen. Aber tief im Innern traf es mich doch mit voller Wucht.
Auch wenn ich versuchte, es niemandem zu zeigen. Mich selbst konnte ich nicht belügen! Als es wieder zur Pause klingelte, blieb ich sitzen und wartete, bis alle gegangen waren. Ich legte Frau Fischer, meiner Mathelehrerin, die Hausaufgaben aufs Pult und entschuldigte mich. Ich war ja nicht blöd. Ein Anruf bei meinen Eltern konnte ich jetzt am wenigsten gebrauchen. Frau Fischer verstand zwar nicht, was in mich gefahren war, nahm aber immerhin meine Entschuldigung an und beließ es dann dabei. Zum Glück!
Der Tag war aber trotzdem gelaufen. Eigentlich hätte ich am Nachmittag schwimmen fahren wollen, denn die letzten beiden Stunden fielen aus und mir würde genug Zeit bleiben. Doch ich hatte nur noch das Bedürfnis, mich zu Hause in meinem Zimmer zu verschanzen. Ich war sowieso müde und sollte versuchen, ein wenig Schlaf nachzuholen. Die Träume fingen nämlich an, mir den letzten Nerv zu rauben.
Die Tage bis Freitag vergingen langsam und schleppend. Es fühlte sich an als habe sich alles gegen mich verschworen. In der Schule hatte sich die Situation noch immer nicht verbessert. Ehrlich gesagt wusste ich nicht, was ich machen sollte oder wie ich mich wehren konnte. Ich wusste, dass ich etwas tun musste und das würde ich auch. Irgendwann.
Auf meinem Bett lag das Kleid, was ich nachher auf der Veranstaltung tragen würde. Ich hatte es gleich nach der Schule raus gelegt. Da es erst um neunzehn Uhr begann, hatte ich noch ein wenig Zeit und beschloss, mich auf die Terrasse zu setzten und zu zeichnen. Für einen Apriltag war es heute ziemlich angenehm, trotzdem schnappte ich mir eine Decke und meine Fleecejacke, nur für alle Fälle, sollte es doch ein wenig kühl werden.
Von unserem Wohnzimmer aus gelang man in unseren Garten. Als wir das Haus gekauft hatten, war es meinen Vater sehr wichtig gewesen, einen besonders großen Garten zu haben.
