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Was passiert mit einer Hausgemeinschaft, wenn auf einmal statt Mülltrennung Weltpolitik diskutiert wird? Die Linde im Hinterhof grünt gerade erst, als die Bewohner der Nummer 68 im Prenzlauer Berg entscheiden, dem syrischen Kriegsflüchtling Samih Unterschlupf zu bieten. Doch mit der Zeit spaltet sich die Hausgemeinschaft in hilfsbereite und um die eigene Sicherheit besorgte Menschen, deren Zentrum die Linde im Hof bildet und als Inbegriff des deutschen Raumes gilt. Im Hinterhof erlebt sie als stumme Zeugin, das Verhalten und die Gedanken der 68er gegenüber ihrem neuen Nachbarn Samih. Die neuesten Entwicklungen, die er mit sich bringt und die gemeinsamen Entscheidungen der sehr heterogenen Hausgemeinschaft werden im Hinterhof ausgetragen. Bis das letzte Blatt der Linde im Herbst gefallen ist, werden die Bewohner einiges über sich und ihre wahren Absichten offenbart haben. Maik Siegel hat mit "Hinterhofleben" ein Buch geschaffen, das ein Gesellschaftsroman im klassischen Sinne ist und aktuelle und gerade hoch brisante Themen behandelt, ohne dabei den Humor zu verlieren. Von den Kriegszuständen in Syrien, den Flüchtlingsströmen zu Land und zu Wasser, der deutschen Willkommenskultur, Homosexualität, Gewalt in Computerspielen, der europäischen Kolonialisierungsgeschichte, kindlicher Abenteuerlust und dem Helfer-Syndrom wird mal mit Ernsthaftigkeit, mal mit Witz und Sarkasmus erzählt. Dabei gibt die Komplexität der Charaktere den gängigen Argumenten in der Flüchtlingsdebatte ein Gesicht, das jenseits von Schwarz- und Weißmalerei liegt. Inspiriert von klassischen und zeitlosen Werken wie Gerhart Hauptmanns "Die Ratten" und Ödön von Horvaths "Geschichten aus dem Wiener Wald" ergibt sich eine spannende und dicht erzählte Geschichte, die ihren Realitätsanspruch durch die detailgetreue Wiedergabe des Prenzlauer Bergs erhebt.
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Seitenzahl: 351
Veröffentlichungsjahr: 2017
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1. Auflage November 2017
Alle Rechte vorbehalten.
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Umschlag: Katrin Kawinkel, katika-media.de,
unter Verwendung eines Fotos von J. Timo Gleichner
© Divan Verlag 2017
Ein Projekt der BlueCat Multimedia GbR
Landgraf-Karl-Str. 40, 34131 Kassel
ISBN (ePub): 9783863270476
Die Linde gilt vielen als deutscher Baum.
Die Germanen sahen in ihr einen heiligen Baum und manche von ihnen glaubten, dass die Göttin Freya ihre Hand schützend über sie hielt. Viele Dörfer in deutschen Landen nannten eine Dorflinde ihr Eigen, die meist im Zentrum der Siedlung thronte und unter deren Blätterdach die Bewohner Klatsch und Tratsch austauschten, ihre Märkte abhielten und ihre Brautschauen veranstalteten. Im Mai erhielt die Dorflinde für kurze Zeit einen neuen Namen: Sie war dann die Tanzlinde, unter der das ganze Dorf den Einzug des Frühlings feierte. Wenn ein Streit geschlichtet oder eine Ungerechtigkeit bereinigt werden musste, wurde sie zur Gerichtslinde. Das Dorfgericht tagte im Schatten des Baumes – eine Tradition, die auf die germanische Versammlung, das Thing, zurückgeht. Nachdem Kriege oder Pestepidemien das Land verwüstet hatten, pflanzten die Menschen sogenannte Friedenslinden als Zeichen der Hoffnung auf bessere Zeiten. Und heute zieren Linden die wichtigste Straße der Republik. Die Linde war schon immer mehr als nur ein Baum für die Deutschen.
Doch wäre es ein Irrtum, sie deutsch zu nennen. Sie ist ein Weltbaum: Von China über Iran bis hin zu den Vereinigten Staaten ist sie in zahlreichen Ländern verbreitet. Sie wächst in subtropischen wie in gemäßigten Gebieten und gedeiht in vielerlei Form: Tilia insularis, Tilia mongolica, Tilia euchlora. In China, Japan und Korea gibt es Lindenarten, die nur dort auftreten, nicht aber in Deutschland. Hierzulande sind nur wenige Lindenarten beheimatet. Sie existiert nicht, die deutsche Linde. Trotzdem glauben viele fest daran, dass es sie gibt.
Inmitten eines Berliner Hinterhofes grub eine Linde seit Jahrzehnten ihre Wurzeln tief ins Erdreich. Ein kaiserlicher Beamter hatte sie dort irrtümlich statt einer Buche einpflanzen lassen. Als der Fehler auffiel, saß der Baum bereits in der Erde und man beschloss, ihn dort seinem Schicksal zu überlassen, obwohl Linden sonst meist nur in Parks oder an Straßen ihren Platz fanden. Umgeben von hohen Mauern, abgeschnitten von einem guten Teil Tageslicht und eingepfercht zwischen Bodenziegeln gaben die Bewohner des Wohnhauses dem jungen Gewächs einen Winter. Herbststürme zogen über Berlin, Frost bedeckte die Stadt, ein Weltkrieg bekümmerte das Land – die Linde aber trotzte den Gewalten. Sie hatte sich, ganz unverhofft, an ihr fremdes Terrain gewöhnt. Über Jahre und Jahrzehnte hinweg strebte sie gen Himmel und bald kannte niemand der Bewohner mehr die schwierigen Anfänge der Linde – sie schien so selbstverständlich, dass man sie selten mit einem Wort bedachte. Unter ihrem steigenden Blätterdach gingen Generationen von Berlinern ein und aus und vor den Augen der Linde spiegelten sich in den Wohnungen der Menschen die Geschehnisse der Zeit.
Könnte die Linde erzählen, sie spräche von Geschäftsleuten, die sich zur Zeit der großen Krise aus dem Fenster stürzten; von Künstlern, die in Dachgeschosswohnungen hungerten; von Juden, die nachts aus ihren Wohnungen in den Hof getrieben und an ihren Stamm gefesselt wurden; von Bomben, die nahestehende Gebäude dem Erdboden gleichmachten, die Linde und ihr Haus aber unversehrt ließen; von Familien ohne Väter oder Brüder, die zu Dutzenden in den Wohnungen Unterschlupf fanden; von Trümmerfrauen, die eine Stadt neu erschufen; von Kommunen, die sich nackt unter ihr im Hof sonnten; von Spitzeln, die in ihr Blätterdach kletterten, um in die Wohnungen ihrer Nachbarn zu spähen; von Hausbesetzern, die ihren Stamm mit roten Zeichen bemalten; von Studenten, die noch diskutierten, als bereits das erste Sonnenlicht ihre Blätter berührte; von Liebenden, die ihre Initialen in die Rinde ritzten; von Dichtern, die vor einem weißen Blatt verzweifelten und hinaus zum Fenster auf die grünen Blätter schauten, sich wohl erinnernd:
Am Brunnen vor dem Thore
Da steht ein Lindenbaum:
Ich träumt’ in seinem Schatten
So manchen süßen Traum.
Unbeeindruckt von all dem menschlichen Treiben harrte die Linde inmitten des Berliner Lebens aus, eine unerkannte Fremde, gezüchtet in einer Baumsiedlung nahe Bratislava als eine Kreuzung von Sommer- und Winterlinde. Sie wuchs als Bastard auf fremdem Boden, aber weil dies keiner der Bewohner des Hauses ahnte, störte sich auch niemand daran.
Das Haus, nur wenige Jahre älter als die Linde selbst, stand im Prenzlauer Berg an einer Hauptstraße. Viergeschossig, mit altbauhohen Zimmern und einer Fassade aus der Gründerzeit geschmückt thronte es zwischen zwei Nachkriegsbauten wie eine gealterte Schönheitskönigin. Über der Eingangstür prangte die Nummer 68.
Die 68er, das waren Anne und Sven, Ott und Will, Günther und James, Ute und die Kirstein und andere. Die 68er, das waren Anwälte und Lehrerinnen, Journalisten und Rentner, Schüler und Arbeiter. Die 68er, das waren Nachbarn.
Die Stimmen der Nachbarn hallten durch den Hinterhof nach oben, ohne dass sie verstehen konnte, wovon sie sprachen. Im spärlichen Sommerlicht, das die gerade erst gesprossenen Blätter der Linde passieren ließen, glänzten die Haare der Nachbarn. Ihre Bewegungen wirkten aus dieser Entfernung hölzern, als wären an ihren Armen und Beinen unsichtbare Puppenspielerfäden befestigt, die hier oben bei ihr am Fenster zusammenliefen. Sie beugte sich ein wenig mehr über den Sims, gab aber acht, dass sie von unten nicht zu sehen war. Sie sträubte sich, hinunterzugehen und die anderen darum zu bitten. Aber Jan hatte darauf bestanden.
„Es wird nicht ohne sie gehen“, hatte er zu ihr gesagt, nachdem sie ihm ihr Vorhaben unterbreitet hatte, zwei Wochen zuvor, als sie nach langer Zeit einmal wieder auf der Anhöhe im Mauerpark gesessen hatten, jeder ein Bier in der Hand. Der Fernsehturm lugte über den Häusern an der Bernauer Straße hervor, vor ihnen fläzten sich die ersten Sonnenanbeter im Gras und vom Amphitheater schallten die verzweifelten Versuche einer „I did it my way“-Karaoke und der begeisterte Jubel der Zuschauer herüber. Sie hatte sich langsam herangepirscht – sprach von den Ertrunkenen im Mittelmeer, den Zuständen in Italien und Griechenland und den Anschlägen auf Flüchtlingsheime im ganzen Land. Während im Amphitheater Applaus aufbrandete, erzählte sie ihm von Samira und Majid, von Joseph und Amina, die sie bei ihrer Freiwilligenarbeit kennengelernt hatte; erinnerte ihn an den Lagerkoller, der zu mehreren Schlägereien geführt hatte, an die Kälte, die noch vor drei Wochen alles im Heim hatte feucht und klamm werden lassen, berichtete von den Diskussionsrunden mit Anwohnern, in denen sich die Flüchtlinge als „Störenfriede“ und „Schmarotzer“ hatten beschimpfen lassen müssen. Eine Flaschensammlerin hinkte auf sie zu und zeigte stumm auf ihre Bierflaschen. Sie nahm hastig den letzten Schluck und reichte der Frau ihre Flasche, er schüttelte leicht mit dem Kopf und die Frau zog mit ihren klirrenden Taschen davon.
Sie fragte ihn. Lange schwieg er und blickte hinüber zum Flohmarkt, auf dem Touristenmassen überteuerte Second-Hand-Kleidung begutachteten, die im gleichen Moment auch aus dem Mittelmeer gefischt wurde. Sie betrachtete ihn von der Seite. Seine Geheimratsecken hatten in den fünf Jahren ihrer Beziehung immer mehr an Boden gewonnen. Noch konnte er sie mit seinem dünnen, blonden Haar leidlich kaschieren und mit seinem Fünftagebart erinnerte er sie noch immer ein wenig an James Dean. Ein James Dean für Arme vielleicht, aber diesen Gedanken verbannte sie sofort zu denen, die keinen Raum in ihr haben durften. Er war älter geworden, sie waren älter geworden. Vor vier Jahren hatten die beiden zu ihrem gemeinsamen runden Geburtstag zum Scherz ein Schiffswrack von seinen Freunden erhalten – ab diesem Alter würde es mit ihnen bergab gehen. Er hatte gelacht.
Nachdem er eine Viertelstunde geschwiegen hatte, stimmte er ihrer Bitte zu. Sie fiel ihm so stürmisch um den Hals, dass er sein Bier verschüttete. „Ah, tut mir leid“, sagte sie und zog ein Taschentuch hervor, um ihm das Bier von der Hose zu wischen. Aber der Fleck wurde dadurch nur größer und er schob ihre Hand sanft zur Seite. „Du brauchst mir nicht zu danken. Nur eine Sache: Du musst es den Nachbarn sagen. Es wird nicht ohne sie gehen.“
Sie antwortete nicht. Der gleiche Gedanke war auch ihr schon gekommen, aber sie hatte ihn bisher erfolgreich missachtet. Sie konnte Otts grimmiges Gesicht vor sich sehen, Günthers ablehnend gefaltete Arme, Utes schreckgeweitete Augen. „Müssen wir wirklich?“, fragte sie ihn. „Stell dir vor, was Ott dazu sagen wird! Vor allem nach der Sache mit den Bumsfallera-Idioten wird er keine weitere ,Unregelmäßigkeit‘ ertragen wollen. Und ich garantiere dir, dass Klitzings es rundherum ablehnen werden. Die werden kein Verständnis zeigen! Für die zählt nur ihre kleine, zurechtgemachte Welt!“
Er kniff ihr leicht in die Schulter. „Gib ihnen doch erst einmal eine Chance, darüber zu entscheiden, wie spießig sie wirklich sind. Und um Ott würde ich mich nicht sorgen, der wird kläffen und am Ende ja sagen. Ist ja kein Unmensch. An deiner Stelle würde ich mir mehr Gedanken um die Massawes machen.“
„Wieso die Massawes?“
„Ich weiß nicht. Ich habe das Gefühl, dass die von der Idee am wenigsten begeistert sein werden.“
Sie wandte sich ihm zu.
„Aber die müssten es doch am ehesten verstehen. Sie sind doch selbst, also ...“
„Sie sind keine Flüchtlinge“, sagte er leise. „Die Massawes leben schon länger im Haus als wir. Nur weil sie keine Deutschen sind, heißt das noch lange nicht, dass sie sich solidarisieren werden. Aber wir werden sehen. Fest steht, dass du es den Nachbarn sagen musst. Sie würden es früher oder später selbst herausfinden, und dann gäbe es erst recht ein Theater. Und du wirst es ihnen nicht ,sagen‘. Du wirst sie darum bitten müssen.“
„Bitten?!“
„Ja, bitten. Was du vorhast, ist gegen das Gesetz, Inga. Wenn die anderen davon wissen, können sie sich ebenfalls strafbar machen. Und du kannst ihnen nicht einfach auftragen, sich zu deinen Komplizen zu machen.“
Sie antwortete nicht.
Schweigend saßen sie noch lange so da, schauten den Schatten beim Wachsen zu und fühlten das Gras feucht werden, sahen die Grillfeuer erlöschen und die Menschen davonziehen, zurück in ihre behaglichen Wohnungen. Sie dachte an Samih, den sie am Mittwoch das erste Mal treffen sollte. Der Gedanke an ihn und an das, was geschehen würde, ließ ihr Herz für zwei Schläge aussetzen, und sie schüttelte sich. Er missdeutete ihr Schaudern, rückte näher an sie heran und legte seinen Arm um ihre Schultern, ohne sie anzuschauen.
Sie sah Clara und ihre Eltern den Hof betreten. Anne und Sven schüttelten allen Nachbarn die Hand und als Will sich zu Clara hinunterbeugte, vielleicht um sie zu kitzeln, stieß das Mädchen ein Lachen aus, das bei ihr hier oben als spitzer Schrei ankam. Clara kannte keine Zwischentöne, konnte nur Lautes, Durchdringendes produzieren. Aber wer konnte es einem achtjährigen Kind verübeln? War es nicht die Schuld der Eltern, wenn ihr Kind kein Maß in seiner Lautstärke, in seiner Energie, in seinem Durst nach allem und jedem kannte? Hatten sie nie davon gehört, dass – die ins Schloss krachende Badezimmertür riss sie aus ihren Gedanken. Jan erschien in der Tür.
„Bereit?“, fragte er und blickte sie an, als wartete unten das jährliche Gartenfest ihrer Eltern, Garant für Schamattacken und Wutausbrüche, die sie längst hinter sich gelassen geglaubt hatte.
„Es ist nur ein Mietertreffen“, sagte sie. Er antwortete nicht. Sie überlegte, ob sie ihn fragen sollte, wann er das letzte Mal eine Klinke benutzt hatte, entschied sich aber dagegen. Sie würde ihn dort unten brauchen.
Fast alle Nachbarn warteten bereits auf sie, als die beiden aus dem kühlen Hausflur in den Hof traten. Ott, Günther und Ute saßen am Fuß der Linde auf weißen Plastikstühlen. Drei Sternburger thronten auf dem massiven Holztisch zwischen ihnen und stanzten feuchte Kreise auf Bayern-München-Bierdeckel, eine wohlgemeinte Provokation Otts gegenüber Herthaner Günther. Will jagte zwischen den Fahrradständern die jauchzende Clara, aufmerksam beobachtet von Sven und Anne. Julia und Nikola standen etwas abseits, in ihre Smartphones vertieft.
„Hallo“, sagte Jan und alle wandten sich ihnen zu. Obwohl die Mietertreffen im Hof keine ungewöhnliche Angelegenheit bedeuteten, wurden sie selten genug einberufen, sodass sich auf den Gesichtern Sorge und Neugierde spiegelten.
„Wo sind die Massawes?“, fragte Inga und schämte sich sogleich ihrer Frage. Die anderen mussten denken, dass ihr die Abwesenheit der Massawes nur wegen ihrer anderen Hautfarbe aufgefallen war, und dass natürlich ausgerechnet sie, die Kenianer, zu spät sein würden. Günther machte sich offensichtlich weniger Gedanken. „Noch nie die Pünktlichsten jewesen, wa? Maurer werden aus denen ooch keene mehr.“ Ute schüttelte ihren Kopf, dass die Haut um ihren Hals schlabberte, und wandte sich an Inga. „Die brauchen halt immer länger. Und ich habe heute Morgen Frau Kirstein im Treppenhaus getroffen. Sie hat deine Nachricht erhalten, aber sie musste heute Nachmittag einen Hausbesuch machen und wird nicht kommen.“
Inga wandte sich an Jan, der die Augenbrauen hochzog. Kein guter Anfang. Wie sollten sie entscheiden, wenn nicht alle anwesend sein würden? Oder würde es doch gehen, weil die Kirstein nicht einmal im Haus lebte? Musste sie davon überhaupt erfahren?
Es verging eine Viertelstunde, in der Günther allen minutiös den jüngsten Heimsieg der Hertha schilderte, Sven die hingefallene (und brüllende!) Clara tröstete, im Schlepptau einen schuldig dreinblickenden Will, und Anne noch einmal („Ich muss es ja leider weiß Gott nicht zum ersten Mal sagen“) anmerkte, dass Plastiksäcke nichts in der Biotonne zu suchen hätten. Inga gab ihr insgeheim recht, hätte ihr diesen Triumph jedoch nie gegönnt.
Schließlich hörten sie im Flur eine Tür ins Schloss fallen und das Echo sich überschlagender Schritte. In der Tür zum Hof erschien Tumaini: ein Kind, das wie immer wunderbar verschwenderisch mit seinem Lächeln umging. Er erblickte Inga und rannte jauchzend auf sie zu. Sie schloss ihn in die Arme (auf sie war er zugerannt, nur auf sie!) und wirbelte ihn durch die Luft. Clara hörte augenblicklich auf zu weinen und betrachtete die beiden aus geröteten Augenwinkeln. Inga setzte Tumaini behutsam auf dem Boden ab, hob ihren Blick über seinen Kopf hinweg und schaute in das um vierzig Jahre gealterte Gesicht des Jungen: James Mrisho Massawe betrat den Hof mit einer Entschlossenheit, als gelte es, seine Haut zu verteidigen. Seine Kiefer mahlten derart beständig, dass Inga manchmal dachte, er würde mit ihnen Kaffeebohnen zermalmen. Obwohl – Kaffeebohnen, Afrikaner, Sklavenarbeit – fataler Vergleich.
Hinter dem bulligen James schob sich seine Frau Zabuni in den Hof, eine Frau kolossalen Ausmaßes. Zahllose Speckringe wanden sich wie die Ringe des Saturns um ihre Körpermitte. Trotzdem bewegte sie sich stolz und behände. Eine Frau, der man nachts nicht in einer einsamen Gasse begegnen wollte, und wenn es nur aus Angst vor der Rache ihres Ehemannes war. Die beiden erinnerten Inga an zwei Nashörner – in ihrer Stämmigkeit besaßen sie eine friedlich scheinende Eleganz, die, wie sie alle wussten, von der einen auf die andere Sekunde in Zorn umschlagen konnte. Wobei ein Tiervergleich wahrscheinlich ähnlich unglücklich war wie die Kaffeebohnen.
James brummte kurz und Tumaini richtete sich mit durchgedrücktem Kreuz vor ihr auf, ließ sich sein Lächeln jedoch nicht nehmen. Sein Vater nickte den Nachbarn zu und seine Mutter lächelte huldvoll und sprach ein von schwerem Akzent gezeichnetes „Guten Tag“ in die Runde. Alle grüßten zurück und wandten sich erneut zu Inga. Die Versammlung konnte beginnen.
Ein Jahr zuvor hatte die erste Versammlung dieser Art stattgefunden. Jan hatte die Ursache für ihr erstes Mietertreffen „Technogate“ getauft, aber unter den Nachbarn hatte sich die Episode als die „Sache mit den Bumsfallera-Idioten“ durchgesetzt. So hatte es auf dem Zettel gestanden, den Alfons Ott an die Tür der WG im zweiten Stock geklebt hatte, nachdem deren Bewohner das Haus monatelang mit Technobässen terrorisiert hatten.
Alfons Ott war Schriftsteller, und schlimmer noch, er stammte aus Bayern. Die Welt durfte bereits 71 Jahre seine Existenz preisen und nie hatte sie einen derart grantigen Bayern ihr Eigen genannt. Ott schien aus zwei Gründen zu atmen: um zu schreiben und um zu spotten. Im Haus war er gefürchtet – entsprächen Nachbarn Katastrophen, Ott wäre Tschernobyl: Wo er wandelte, wuchs kein frohes Leben mehr. Und dennoch war ihm eine seltene Gabe in die Wiege gelegt, eine Gabe, die das Schicksal zuverlässig an die absonderlichsten und lächerlichsten Gestalten unter den Menschen verteilt: Ott konnte schreiben. Er war ein Mann des Wortes.
Von jener Gabe machte der Mann regen Gebrauch. Nicht nur, um literarisch kühne Werke zu entwerfen (welche im Übrigen nie gedruckt wurden), die einen Büchner oder Borchert dazu gebracht hätten, sich die unfähigen Hände abzuhacken – nein, Ott opferte sein Talent auch den profaneren Dingen des Lebens. So kam es, dass sich eines Tages eine handschriftliche Notiz an der Tür der einzigen WG des Mietshauses fand, die innerhalb weniger Stunden von sämtlichen Nachbarn gelesen und von den Bewohnern ebenjener WG nie entfernt wurde (wohl, weil ihnen die Worte des armen Irren am Arsch vorbeigingen):
Geehrte Genossen,
(Ott erschien es ratsam, diesen in Ostberlin einstmals so gängigen Gruß anzubringen und hoffte insgeheim darauf, dass sich die beiden Lackaffen geschmeichelt fühlen würden, zumindest aber einer der Nachbarn seine Ironie verstehen würde – er sah in sich einen verkannten Connaisseur des Subtilen),
manch armseliges Licht ist der Ansicht, die Musik sei von den Menschen erschaffen worden, um sich gegenseitig zu quälen. Bis vor Kurzem war ich der Ansicht, dass dieser Glaube reiner Unfug und Ausdruck eines beschränkten Geistes sei. Wer einmal Mozarts Lacrimosa-Requiem oder Debussys Arabesquen vernommen hat, wird mir unbedingt zustimmen. Selbst zunächst fragwürdig erscheinende Musik hat ihre Bestimmung und eigensinnige Schönheit. Dieses Haus hat viele Mieter gesehen und damit mannigfache Musikstile erlebt: Von der Jaulerei eines Free-Jazz bis hin zu den panesken Klängen in den Anden beheimateter Flötenspieler hat dieses Haus in seinen dünnen (!) Wänden und Decken schon so ziemlich jede musikalische Vibration verzeichnet, die ein Sterblicher sich vorzustellen mag. Und mit so ziemlich jeder meine ich so ziemlich jede, G. G. Anderson und Andrea Berg eingeschlossen. Auch ich selbst trage des Öfteren zu diesem kakophonen Konzert mein Scherflein bei. Sicher haben Sie bereits vernommen, dass Verdi und Wagner, die beiden großen Antipoden, sich zu meinen musikalischen Hausgöttern zählen dürfen. Wovon ich, Inbegriff des höflichen Nachbarn, jedoch absehe, ist, meinen Zivilisationsklang zu unpassenden Zeiten mit meinen Nachbarn zu teilen. Sprich: Von 22 bis 7 Uhr sowie zur Mittagspause von 12 bis 14 Uhr als auch am Tag des Herrn nehme ich davon Abstand, meine Mitmieter mit dem klangreinen Nektar zu beflecken, den große Männer (an diese Stelle hatte eine aufmerksame, offensichtlich weibliche Leserin ein knallpinkes Ausrufezeichen gemalt) in unserem guten alten Europa geschaffen haben. Untertänig würde ich Sie darum bitten, sich an meinem Verhalten ein Beispiel zu nehmen. Ungleich angenehmer wäre es gar, wenn Sie ganz damit aufhören könnten, uns zu beschallen. Ich kann Ihnen auch den Grund nennen: Das, was Sie da spielen, ist gar keine Musik. Aus welchen Höllenschlünden Sie diesen Katzenjammer heraufbeschwören, wird mir für immer ein Rätsel bleiben – Musik ist es jedenfalls nicht. Damit entfällt für Sie auch die Legitimation, uns damit zu belästigen. Und sollte Ihr Bildungsgrad nicht ausreichen, um mein Vokabular zu verstehen, verklicker ich es Ihnen hier noch einmal im Rotwelschen: Ihr Idioten hört jetzt ab sofort mit eurer Bumsfallera-Scheiße auf, oder ihr kriegt was auf die Fresse. Wenn dem nicht Folge geleistet wird, scheiße ich euch auf die Türmatte. Und das wird nur der Anfang sein. Ihr Pisser.
Hochachtungsvoll und mit sozialistischem Gruß
Alfons E. Ott
Die Nachricht blieb unbeantwortet, die Bässe marterten unablässig. Der Mantel des Schweigens soll über diese Szenerie gelegt werden, um einen sich über der Türmatte besagter Wohngemeinschaft erleichternden Alfons Ott nicht näher beschreiben zu müssen. Aber dank der Bumsfallera-Idioten verschwor sich nun eine vormals anonyme Mieterschaft zu einer Gemeinschaft. Im Angesicht eines gemeinsamen Feindes wachsen selbst Nachbarn zusammen. Die 68er beraumten ihr erstes Mietertreffen im Hof an, diskutierten Maßnahmen und verwarfen sie wieder, schüttelten Fäuste in Richtung zweiter Stock und schmiedeten Pläne. Die vernunftbegabten Kräfte in Person von Anne, Sven und Jan behielten am Ende die Oberhand und setzten einen Brief an die Hausverwaltung auf.
Drei Wochen schleppten sich ins Land, ohne dass eine Antwort einflatterte, während sich die beiden jungen Herren in ihrer WG zu Höhenflügen aufschwangen. Erneut versammelte sich die Gemeinschaft im Hof. Die bellizistischen Kräfte sahen sich nun im Vorrecht und propagierten die offene Attacke, ihre strategischen Überlegungen denen Hannibals und Dschingis Khans in nichts nachstehend. Als Ott bereits voller Inbrunst eine weitere Fäkalbombe diskutierte, kam der Kirstein der rettende Gedanke. Es reiche nicht, der Hausverwaltung zu beschreiben, wie es bei ihnen zuging. Man müsse es ihr zeigen. Obwohl Ott in dieser alten Schriftstellerregel tiefe Wahrheit verborgen sah, wollte er seine Kriegsabsichten nicht sogleich begraben. „Schön und gut, Frau Kirstein. Wenn einer dieser Deppen jemals hier auftauchen sollte, wird er unser Martyrium verstehen und die beiden Bengel sind stante pede aus dem Haus. Aber wie wollen Sie es schaffen, dass die dieses Jahr hier noch aufkreuzen?“
Die Kirstein setzte das Lächeln auf, mit dem sie ihren Patienten am Ende der Therapie regelmäßig eine Verlängerung aufschwatzte. „Die Angelegenheit ist sehr simpel, Herr Ott. Eine Hausverwaltung kümmert sich generell nicht, wenn sie etwas tun muss. Aber wenn sie glaubt, dass für sie etwas zu holen sei, steht sie morgen auf der Matte.“
Ott kniff die Augen zusammen. „Was wollen Sie denen denn sagen? Bei uns gibt es nichts zu holen außer einer Sammlung perverser Negerplastiken“, sagte er grinsend. Will, dem eine Sammlung indigener Masken gehörte, schnaubte auf, wagte aber nichts zu sagen. Er vermied es, in der Gegenwart Otts zu sprechen, weil der ihn genüsslich auf jeden Fehler hinwies, den Will mit seiner amerikanischen Zunge der deutschen Sprache antat. Statt seiner begehrte jemand anderes auf. „Also wirklich, dass Sie das N-Wort tatsächlich noch verwenden, vor allem hier“, zischte Inga und schaute zu den Massawes herüber, die glücklicherweise nichts mitbekommen hatten – James war mit seinem iPhone beschäftigt und Zabuni stand in der Ecke bei den Mülltonnen und überwachte Tumaini, der ihren Müll in sechs verschiedene Tonnen schmiss.
Bevor Ott zu einer Replik ansetzen konnte, fuhr die Kirstein dazwischen. Die jahrelange Arbeit als Psychotherapeutin hatte sie gelehrt, dass Unterbrechen nicht die eleganteste, bisweilen aber die fruchtbarste Methode war. „Wir haben nichts zu bieten, was die Hausverwaltung anlocken könnte. Natürlich müssen wir uns deswegen etwas ausdenken. Gerade von Ihnen hätte ich mehr Fantasie erwartet, Herr Ott“, sagte sie. Touché. Ott grinste unwillig. „Morgen rufe ich bei der Hausverwaltung an und erzähle ihnen, dass ich im Keller hinter einer schlecht verputzten Wand in Sackleinen verpackte Gemälde gefunden habe. Ich werde ihnen weismachen, dass ich eine Kunstkennerin sei. Ein paar Namen nennen, Chagall, Liebermann, einige Auktionshäuser erwähnen, mit Zahlen um mich schmeißen und die beißen an.“
„Glauben Sie denn, dass das so einfach ist? Wertvolle Gemälde im Keller, ist das nicht überzogen?“, fragte Anne. „Aus jahrelanger Erfahrung kann ich Ihnen versichern, dass das menschlichste aller Gefühle die Gier ist. So abwegig es auch klingen mag – gibt es die Aussicht auf eine Bereicherung, nehmen die Menschen sie wahr. Sie werden es sehen. Und nach Gurlitt ist es nicht einmal mehr eine abwegige Geschichte.“
Frau Doktor Valerie Kirstein, diplomierte Menschenkennerin, sollte recht behalten. Schon einen Tag nach ihrem Anruf klingelte der Eigentümer des Hauses höchstpersönlich Sturm. Inga und Jan empfingen ihn und führten ihn in ihre Wohnung, die sich direkt unter der Technozelle befand. Zu schön wäre es, sich den an einen Stuhl gefesselten Eigentümer vorzustellen, umzingelt von sämtlichen Mietern, die Bässe stundenlang ertragen müssend. Zu schön – die 68er waren für solcherlei Methoden zu zivilisiert und dem Eigentümer reichten fünf Minuten, um das Ausmaß zu erkennen und die beiden domestizierten Raver eine Woche später aus dem Haus zu jagen.
Den Auszug der Bumsfallera-Idioten feierten die Mieter mit einem Grillfest im Hof, bei dem Ott siegestrunken auf den Tisch kletterte, Fallersleben rezitierend, und die Massawes ihre Boxen mit Hilfe eilig durch den Flur gelegter Verlängerungskabel im Hof anschlossen und zur musikalischen Untermalung der Feier kenianisches Bongo Flava spielten, eine musikalische Vorliebe Zabunis und Tumainis, die am Ende sogar Günther dazu bewegten, neben den sich einträchtig an den Händen haltenden und tanzenden Sven, Anne und Clara die deutschsteifen Hüften zu schwingen.
Wenn auch diese Episode nicht dafür gesorgt hatte, dass ein Mietshaus voller Freunde entstanden war, so hatte sich zumindest eine Nachbarschaft gebildet, die sich aufeinander verlassen konnte und nun mehr Austausch pflegte als nur einen freundlichen Gruß im Treppenhaus. Auch die Nachmieter der Techno-WG, zwei Studentinnen mit Namen Julia und Nikola, fügten sich in das Gebilde ein. Sie nahmen an den regelmäßigen Grillabenden teil, passten auf Clara auf, wenn Anne und Sven ins Theater gingen und waren jedem Bewohner insbesondere deshalb eine Freude, weil hinter ihnen das ravende Gespenst der Vergangenheit hervorlugte.
Die Nummer 68 im Prenzlauer Berg verbrachte einen ruhigen, technofreien Sommer, den Günther und Ott, in der gemeinsamen Fehde zu Kameraden geworden, meist abends im Hof sitzend genossen. Nur im Herbst mussten sich die Mieter noch einmal auf Bitten Annes und Svens im Hof versammeln, da der Kinderwagen, den Annes Schwester bei ihrem Kurzbesuch im Hausflur stehen gelassen hatte, eines Nachts gebrannt hatte. Brennende Kinderwagen waren zu jener Zeit in Berlin keine Seltenheit. Jemand hatte damit angefangen und zahlreiche Trittbrettfahrer nach sich gezogen. Sven vermutete eine Bande gelangweilter Teenager dahinter. Anne bat die Nachbarn um erhöhte Aufmerksamkeit, aber weitere Vorfälle ereigneten sich nicht.
Das Haus fiel bald in einen Winterschlaf. Monatelang gab es für die Mieter keinen Grund, sich – außer in gegenseitiger Zuneigung – zu begegnen. Bis zum heutigen Tag. Bis zu jenem Abend, an dem Inga ein Mietertreffen im Hof einberufen hatte, dessen Anlass nur sie und Jan kannten.
*
Sie blickte um sich. Alle Augen, auch die Claras und Tumainis, waren auf sie gerichtet. Die Sonne schuf Schattenspiele auf den Gesichtern der Nachbarn. Eine einsame Amsel, verborgen in der Krone der Linde, kündete singend den Frühling an, den Inga eher riechen denn sehen konnte. Sie verlagerte das Gewicht von einem Bein aufs andere, wischte sich die Hände an der Hose ab. Jan trat an sie heran, so war es leichter.
„Ich habe euch, äh, Sie ...“ – Warum war das so schwierig, verdammt? Ott machte alles kaputt, selbst wenn er gar nichts sagte! – „Ich habe dieses Mietertreffen einberufen, weil ... weil ich etwas erzählen muss.“
Die ersten wandten ihren Blick ab und sahen sich verstohlen an. Clara hatte bereits das Interesse verloren und begann, in Richtung Fahrräder zu verschwinden. Tumaini folgte ihr mit den Augen.
„Also es ist nichts Schlimmes, nicht dass ihr das denkt, es gab keinen Brand und es ist auch keiner von euch, äh, Ihnen, also was auch immer, keiner ist zu laut jedenfalls, also das ist es nicht.“ Augenbrauen hoben sich fast unmerklich, aber Inga sah es doch.
„Was Inga sagen will –“, begann Jan, aber Sven unterbrach ihn: „Wollt ihr etwa sagen, dass Inga schwanger ist?“
Für einen Moment zeigten sich Überraschung und Freude auf einigen Gesichtern, dann brach Inga in Tränen aus.
„Sven“, sagte Anne und rieb sich langsam übers Gesicht.
„Wie, habe ich was falsch gemacht?“, fragte Sven und blickte Hilfe suchend zu den anderen. Jan hatte seinen Arm um Inga gelegt, die langsam ihre Schluchzer unter Kontrolle zu bringen schien.
„Also, was Inga sagen wollte –“, begann Jan, aber Inga legte ihm eine Hand auf den Arm.
„Danke, aber ich muss das selbst machen“, sagte sie. Er schaute irritiert zu ihr hinunter, sagte aber nichts.
„Ihr zieht aus?“, fragte Ute mit geweiteten Augen, offensichtlich schon die zukünftigen Krawallnachmieter bedenkend.
„Nein, natürlich nicht!“, sagte Jan. „Was denkst du denn, Ute? Uns gefällt’s hier doch gut. Und jetzt in Berlin eine neue Wohnung zu suchen, käme dem Wahnsinn gleich. Du weißt doch, wie der Wohnungsmarkt aussieht. Am Ende müssten wir nach Marzahn ziehen, um etwas zu finden!“
Er lachte, blieb damit aber der Einzige.
„Also, falls ich noch einmal zu Wort kommen darf“, sagte Inga und räusperte sich, was Ott ein trockenes Lachen, einem Husten gleich, abrang. „Was ich sagen wollte – warum ich euch heute hierhergebeten habe, ist –“
Ein Schrei durchbrach die kurze Stille, in der Inga Luft geholt hatte. Sämtliche Nachbarn drehten sich zur Quelle des Geräuschs. Clara saß weinend auf dem Boden, neben ihr Tumaini, mit seinen großen weißen Augen seinen Vater suchend. Mit Muttergeschwindigkeit war Anne bei ihrer Tochter und hob sie auf ihren Arm. Tumaini schaute zu Clara hinauf, offensichtlich ohne rechte Ahnung, warum sie zu weinen begonnen hatte. Ihre Schreie hallten an den Mauern des Hofes wider und bald mischten sich darunter die grollenden und für alle unverständlichen Worte James’, der mit zuckenden Händen seinen Sohn zurechtstutzte.
„Ach Gott, er hat’s ja sicher nicht bös gemeint“, sagte Ute, während Anne Clara die blonden Haare aus dem Gesicht strich und sie erfolglos vom Weinen abzuhalten versuchte.
Inga setzte erneut an. „Weswegen ich –“
„Wenn Kinder spielen, jibt’s Tränen, dit ist nu ma so. War bei uns früher ja ooch nich anders“, sagte Günther. Sven blickte ihn an.
„Den anderen zu kneifen, war sicherlich schon in deiner Kindheit nicht in Ordnung“, sagte er zu ihm. „Und ich bin sicher, dass etwas Derartiges vorgefallen sein m–“
„Willst du sagen, meine Sohn schlägt anderen Kinder?“, fragte Zabuni. In ihrer Stimme lag etwas, das Svens Augenlider zum Flattern brachte. Wie ein Nashorn, dachte Inga. Grast so friedlich und dann auf einmal ...
Julia trat zwischen Zabuni und Sven, offenbar bestrebt, keinen weiteren Streit aufkommen zu lassen. Clara, angestachelt von der Aufmerksamkeit ihrer Mutter, schrie sich im Hintergrund die Seele aus dem Leib. James hatte seine Predigt noch lange nicht beendet und türmte sich immer höher über seinem Sohn auf. Sven und Zabuni begannen, gleichzeitig zu sprechen, wobei Zabuni bald wie ihr Mann ins Swahili wechselte. Jan hatte sich von Ingas Seite gelöst, um zu schlichten, und die Altenfraktion Ott, Günther und Ute, gemächlich über ihre kühlen Sternburger streichend, betrachtete die Szenerie von ihren Plastikstühlen aus.
Inga hob inmitten des Lärms noch zweimal an, versuchte im Voraus ihrer Stimme einen tiefen Klang zu verleihen und landete schließlich in einer viel zu hohen Tonlage.
„Wir nehmen einen Flüchtling auf!“
Augenblicklich erstarben sämtliche Gespräche und selbst Claras Schreie verebbten in der plötzlichen Stille.
„Ihr macht was?“, fragte Anne und vergaß für einen Moment, über die Haare ihrer Tochter zu streichen.
Inga wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Selbst Ott schien zu verblüfft, um einen Kommentar abzugeben.
„Inga wollte euch mitteilen, dass wir überlegen, einen syrischen Kriegsflüchtling vorübergehend bei uns aufzunehmen“, sagte Jan. „Natürlich nur, falls alle damit einverstanden sind.“
Falls alle damit einverstanden sind? Was redete er da? Wenn sie James’ Ausdruck richtig las, war er gerade weit davon entfernt, mit irgendetwas einverstanden zu sein, und auf Günthers Gesicht braute sich etwas zusammen, das „Aus-län-der!“ schrie. Machte Jan aus der Sache jetzt tatsächlich ein verdammtes Konzil?
„Was hast du gesagt? Ihr wollt was machen?“, fragte Will.
„Sie wollen einen Flüchtling aufnehmen“, sagte Anne. „Inga wants to host a Syrian refugee.”
Auf Englisch hörte sich das Ganze lächerlich an. Als würde sie ihm Tee eingießen und mit ihm über den Krieg plaudern ...
„Also ich finde das mutig und sehr selbstlos von euch“, sagte Sven und lächelte Inga und Jan an. „Alle reden immer davon, dass man diesen armen Menschen ja helfen müsste, aber ihr unternehmt etwas. Wir würden ja sicher auch mehr tun, aber ihr wisst ja ...“, sagte er und deutete auf Clara.
Seit wann sind Kinder eine Ausrede, anderen nicht zu helfen?, dachte Inga. Aber seine Worte freuten sie doch.
„Ich find’s auch stark“, sagte Julia und strahlte Inga an. „Wann kommt er? Und wo ist er jetzt?“
„Er soll in ein paar Tagen in Berlin eintreffen. Wo er jetzt ist, kann ich dir nicht sagen. Ich weiß von ihm durch einen der Mitarbeiter in der Unterkunft in der Straßburger Straße, wo ich manchmal aushelfe.“
„Und der soll dann bei euch wohnen? Wo wollt ihr ihn denn unterbringen? Wie lange soll er bleiben?“, fragte Ute.
„Jan hat sich bereit erklärt, für die Zeit das Arbeitszimmer zu räumen. Da stellen wir ihm ein Feldbett auf. Wie lange er bleibt, weiß ich nicht. Das kommt darauf an, wie schnell sein Asylstatus bewilligt wird. Aber rausschmeißen werde ich ihn sicher nicht.“ Sie sah sich um, als wartete sie nur darauf, dass jemand dies in Frage stellte. Niemand tat es.
„Ist er legal in Deutschland?“, fragte Nikola.
Die Frage war früher gestellt worden, als Inga damit gerechnet hatte. Sie blickte sich um. Günther und Ute lehnten sich in ihren Stühlen vor und Sven neigte den Kopf zur Seite.
„Die Sache ist kompliziert, aber –“
„Aha!“, dröhnte Günther und James schüttelte den Kopf.
„Aber das ist nur eine Frage der Zeit! Ihr alle wisst, dass in Syrien Krieg herrscht! Da schicken sie keinen zurück, so brutal sind die Behörden nicht. Richtig, Jan?“, wandte sie sich an ihn, die Panik in ihrer Stimme nur mühsam unterdrückend. Aber sie hatte ihn auf dem falschen Fuß erwischt. Sie hatten sich vorher nicht informiert. Er nickte, aber die Geste war zu schwach.
„Warum schickste ihn nich zu den anderen in dein Flüchtlingsheim? Da issa unter seinesgleichen“, sagte Günther.
„Also, warte mal, Günther. Das klingt, als würdest du ihn in den Zoo zu seinen Artgenossen schicken wollen“, sagte Sven.
„Er meint es ja nur gut“, zischte Ute.
„Da herrschen unerträgliche Zustände!“, rief Inga. „Das ist doch kein würdevolles Leben, so was! Würdet ihr dort helfen, ihr würdet genauso wie ich handeln! Jeder Flüchtling, dem wir eine andere Unterkunft bieten können, wird uns dankbar sein! Und für euch ändert sich nichts. Jan und ich werden uns um ihn kümmern. Das Einzige, worum wir euch bitten, ist, erst einmal niemandem davon zu erzählen.“
„Und wenn die Behörden das spitzkriegen? Kommen dann auf uns alle Strafen zu?“, fragte Ute und wandte sich an Günther.
„Ick steh zwo Jahre vor der Rente. Wenn ihr mir die mit eurem Flüchtlingsversteckspiel versaut, kann ick für nix jarantieren“, warnte Günther.
„Das ist kein Spiel, Günther“, sagte Jan. „Wir wollen dem Mann helfen, wir machen das nicht aus Spaß. Und deiner Rente kann nichts passieren.“
„Ich finde es eine gute Idee“, sagte Nikola in die Stille hinein.
„Ich nicht“, sagte James. Hatte er bisher etwas abseitsgestanden, schob er seinen Körper jetzt langsam in den Raum, der sich zwischen Inga und den anderen gebildet hatte. Hatte Jan mit seiner Einschätzung doch recht gehabt, dass die Massawes von der Idee nicht begeistert sein würden?
„Was will der Mann hier? Kann er Deutsch?“, fragte James in Ingas Richtung, ohne ihr in die Augen zu blicken. Sie hob die Schultern.
„Wahrscheinlich nicht, aber –“
„Was will er dann hier tun? Im Haus sitzen, ganzen Tag? Ohne Arbeit? Das macht ein Mann unzufrieden. Wir brauchen kein unzufriedene Mann in Haus. So denke ich.“
Er schritt wieder zurück, nicht ohne vorher alle mit einem Blick bedacht zu haben.
Inga wollte antworten, aber James’ Worte hingen noch zwischen ihnen. Sein dunkles Timbre hatte ein Vakuum erschaffen, das anderen Worten keinen Platz zu lassen schien. Sie fing Tumainis Blick auf. Er schien zu wissen, wie sie sich fühlte.
„I think it’s a shame!”
Will stand mit geballten Fäusten neben Anne und schaute aus den Augenwinkeln hinüber zum Tisch. „Ihr diskutiert, ob Inga und Jan dürfen einen refugee aufnehmen? Euch geht es hier so gut, in Deutschland, und ihr fragt, ob es ist eine gute Idee? Die Menschen sterben dort, in Syria! Der größte Krieg, der ist gerade auf die Welt! Habt ihr nicht, eh, responsibility?“
„Verantwortung“, half Anne.
„Genau, Verantwortung! Mit den zweiten Weltkrieg habt ihr so viele Flüchtlinge gemacht! Wollt ihr nicht helfen, jetzt? Habt ihr nicht eine Verantwortung?“
„Der Russe hat doch ooch zich Millionen Deutsche im Osten zu Flüchtlingen jemacht!“, rief Günther.
„Sure, Günther. Und wohin sind sie gegangen? Nach Deutschland. Die Menschen hier haben den Flüchtlinge geholfen, als sie kamen. Und jetzt wir müssen wieder helfen, wenn Flüchtlinge kommen. Egal, welche Nationalität sie haben!“
Wenn James’ Worte in der Luft nachgeklungen waren, so hatten Wills den Wind gedreht. Schuhspitzen kratzten am Boden, verschränkte Arme befreiten sich, Augen blickten hoffnungsvoll hin und her. Inga musste das Momentum nutzen.
„Ich möchte euch bitten, uns zu erlauben, ihn aufzunehmen. Ihr müsst nichts dafür machen, tut damit aber etwas Gutes.“
„Ich bin dafür, wir stimmen ab“, sagte James. „So ist es in Deutschland. Machen wir Demokratie.“
Niemand widersprach.
„Gut, stimmen wir ab“, sagte Inga. „Wer ist dafür, dass bei Jan und mir für unbestimmte Zeit ein syrischer Flüchtling einziehen darf?“
Sven, Anne, Julia, Nikola, Will, Jan und Inga hoben die Hände. Auch Clara und Tumaini streckten ihre Arme in die Höhe, was Gelächter hervorrief.
„Wer ist dagegen und macht sich –“ Inga hatte den Blick Jans bemerkt. „Also ich meine, wer ist dagegen?“
James, Ute und Günther meldeten sich.
„Enthaltungen?“
Zabuni und Ott hoben die Hände.
„Damit ist es entschieden.“
Alle Zustimmenden applaudierten und jubelten, Jan schloss Inga in die Arme und selbst die Altenfraktion am Tisch konnte ein Lächeln angesichts der Reaktionen nicht verhindern.
Ott, der die ganze Diskussion über geschwiegen hatte, räusperte sich theatralisch.
„Darf man denn noch erfahren, wie der Mann heißt? Und sein Alter? Oder sind das ebenfalls Informationen, die noch nicht zu Ihnen vorgedrungen sind?“
Auch er konnte ihr den Sieg nicht mehr verderben.
„Er heißt Samih und ist 27.“
„Sammy? Wenn ich mich nicht täusche, ist dies ein abfälliges Wort, mit dem die Amerikaner ihre schwarze Bevölkerung zu bezeichnen pflegten. Ist es nicht so?“, fragte er und wandte sich an Will. Der nickte unwillig.
Ott grinste Inga an. „Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen damit geht, aber ich werde einen solchen belasteten Begriff nie über die Lippen bringen können, vor allem da der junge Mann aus einem Land stammt, das einst vom weißen Mann kolonialisiert wurde. Wir müssen es heute doch besser wissen und solch rassistischer Sprache aus dem Weg gehen, meinen Sie nicht? Ich werde unserem neuen Freund also einen neutraleren Namen geben, damit sich niemand mit Schuldgefühlen plagen muss. Erwin ist ein guter Name. Ich werde ihn Erwin nennen.“
Was für ein Arschloch. Aber sie ließ sich jetzt nicht mehr provozieren, nicht nach diesem Triumph.
Die Nachbarn blieben noch eine halbe Stunde zusammen und vereinbarten, dass zu Ehren des Neuankömmlings das erste Grillfest des Jahres gefeiert werden sollte. Nachdem die Entscheidung gefallen war, schienen auch die Massawes und die Alten keinen Groll mehr zu hegen. Gemeinsam besprachen sie, wer den Kartoffelsalat, wer die Grillkohle besorgen würde. Clara und Tumaini rannten durch den Hof, ohne dass es Tränen gab. Es schien Inga, als hätte auch der nächste Konflikt die Hausgemeinschaft gestärkt. Jan lächelte. Keine Wolke trübte den Ausschnitt des Berliner Himmels, den sie vom Hof aus sehen konnten.
Er fühlte sich albern, als er mit geballten Fäusten die Treppen zu seiner Wohnung hinaufstieg. Fast hätte er einen Schrei ausgestoßen, aber er hatte Sorge, dass ihn jemand im Treppenhaus hören könnte. Wie er es den alten deutschen Säcken mit seiner Rede gezeigt hatte! Auf Deutsch! Geschlagen mit den eigenen Worten. Selbst Ott hatte es in dieser Situation nicht gewagt, die Fehler zu korrigieren, die er sicherlich gemacht hatte. Er schloss die Wohnungstür auf und legte seinen Schlüsselbund in den Blechdackel. Ein kurzer Blick in die Küche genügte, um festzustellen, dass er den Herd nicht angelassen hatte. Kurz vor der Tür, die ins Wohnzimmer führte, blieb er stehen. An das Tageslicht, das durch die Balkontür ins Wohnzimmer hineinschien, konnte er sich nicht gewöhnen. Lange hatte er ihm entsagen müssen – Berliner Winter waren düster. Er trat um die Ecke und sah seine Möbel, Plastiken und Bücher in Licht baden. Gab es etwas Besseres als eine Dachgeschosswohnung?
Er setzte sich auf sein weißes Sofa und griff nach seinem iPhone auf dem Glastisch. Bevor er es entriegelte, rief er sich noch einmal Günthers und Otts Gesichter vor Augen. Gegafft hatten sie, als er zu sprechen begonnen hatte. Er lachte laut auf, weil er begriff, dass ihm dieser Sieg fast mehr bedeutete als der letzte Auftrag, den er erhalten hatte und der ihm nächstes Jahr vier Monate bezahltes Reisen bescheren würde. Seine Bilanz gegen die old nazis, wie er sie insgeheim – und zu unrecht, das wusste er wohl – nannte, sah nicht allzu gut aus. Intellektuell war er ihnen weit überlegen, wobei Ott für einen Deutschen eine bemerkenswert spitze Zunge besaß. Allein der Brief an die Bumsfallera-Idioten! Anne hatte ihm den Brief übersetzt und er war zum ersten Mal froh darüber gewesen, dass Ott und er im selben Haus wohnten.
Nein, gewinnen konnte er gegen sie nicht oft. Die Sprachbarriere war ein unüberwindbares Handicap. Auf Englisch konnte er nicht diskutieren; Ott sprach es nur stockend und Günther gar nicht. Er musste auf seine ungenügenden Deutschkenntnisse zurückgreifen, wenn es zwischen ihnen zu Frotzeleien kam.
Er blickte auf sein Handy. Zwei neue Grindr-Nachrichten. Während er sie öffnete, musste er dabei nicht zum ersten Mal an seine Mutter denken. Was würde sie sagen, wenn sie wüsste, wie er den Männern Berlins seinen Körper präsentierte? Immerhin war er nicht so verzweifelt wie andere, gleich alles zu zeigen. Aber bis zum Lendenansatz gingen manche Fotos. Warum auch nicht? Am Badeschiff oder am Wannsee war genauso viel zu sehen, und präsentabel war er. Das hätte seine Mutter auch so gesehen.
Er war einer der Wenigen, die in seinem Profil die Fakten nicht strapazierten: Er war aus Minnesota, 32 (gut, das war gelogen, er war 36) und arbeitete für einen berühmten Reiseführerverlag. Um zu illustrieren, wie viel ihn das um die Welt brachte, stellte er gern den Vergleich an, dass er bisher in mehr Ländern als Männern gewesen war.
Ein exotischer Beruf, ein ausländischer Name und ein mit den richtigen Filtern inszenierter Körper brachten ihm täglich mehr Nachrichten ein, als er beantworten konnte. Aber er machte sich keine Illusionen: auch mit Bauch und Job als Totengräber würde er Nachrichten erhalten. Berlin war das Paradies – jedenfalls für die Männer, die schnell zur Sache kommen wollten. Die zwei Nachrichten, die er aufgerufen hatte, waren die besten Beweise.
