Hinterzimmerei - Vera Luchten - E-Book

Hinterzimmerei E-Book

Vera Luchten

0,0

Beschreibung

Heiner van der Velden erlebt einen schnellen Aufstieg in der Kommunalpolitik, was seinen Mitstreitern in der Partei ein Dorn im Auge ist. Anja Kanter, im Verlauf der Geschichte zur Bundestagsabgeordneten avanciert, eröffnet recht bald ein Intrigenspiel gegen den Parteikollegen. Denn wer wie Anja Kanter politisch über seine Verhältnisse lebt, der muss mit harten Bandagen kämpfen, um an der Macht zu bleiben. "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern." KARL MARX Wenn man einen Sumpf trockenlegen will, darf man damit nicht die Frösche beauftragen. MARK TWAIN "Ein Gehirn wäscht das andere." Sponti-Spruch

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 467

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Vera Luchten

Hinterzimmerei

Politischer Roman

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Hinterzimmerei

Erster Teil

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Zweiter Teil

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Dritter Teil

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Vierter Teil

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Epilog

Anhang

Anmerkung

Impressum neobooks

Hinterzimmerei

Hinterzimmerei

Politischer Roman

von Vera Luchten

nach einer Erzählung von

Jakob Walravens op gen Beek

Inhalt

Heiner van der Velden erlebt einen schnellen Aufstieg in der Kommunalpolitik, was seinen Mitstreitern in der Partei ein Dorn im Auge ist. Anja Kanter, im Verlauf der Geschichte zur Bundestagsabgeordneten avanciert, eröffnet recht bald ein Intrigenspiel gegen den Parteikollegen. Denn wer wie Anja Kanter politisch über seine Verhältnisse lebt, der muss mit harten Bandagen kämpfen, um an der Macht zu bleiben.

Autorin

Vera Luchten, 47, Schwäbin, lebt mit ihrer Familie grenznah. Hinterzimmerei ist ein Roman über persönliche Geschichten in unlauteren Strukturen: aus dem Leben gegriffen, engagiert, entlarvend.

1. Auflage 2012

Originalausgabe

EINBUCH Buch- und Literaturverlag Leipzig

2. Auflage 2020

E-Book

Umschlagfoto: Photo by Mat Reding on Unsplash

Am Ende des Romans findet sich ein

Verzeichnis der Romanfiguren

und ein Glossar mit politischen Begriffen.

Erster Teil

Erster Teil

Kapitel 1

Im Treppenhaus schnürt Heiner die schwarzen Stiefel, zieht seine Motorradjacke an und nimmt den Helm mit den Handschuhen und dem Nierengurt von der Ablage. Er verlässt das Haus durch die Hintertür in den Garten.

Als er die Stufen vom Kellergeschoss hochgeht, blickt er über die gepflegten Beete und die alten Pflanzen hinter dem Haus. Immergrüne Bäume, hohe Rhododendronbüsche, zahllose Rosenstöcke und Heidepflanzen um einen steinernen Zierbrunnen zeugen noch Jahre nach dem Erwerb des abgelegenen Hauses vom großbürgerlichen Lebensstil der Vorbesitzerin. Während sonst überall die Spuren einer Familie mit drei lebhaften Söhnen unübersehbar sind, ist dieses abschüssige Gartenstück davon wie unangetastet geblieben.

Neben einer großen Voliere, in der drei Nymphensittiche aufgeplustert und eng nebeneinander auf einer Stange sitzen, sind ein paar Quadratmeter behelfsmäßig mit Betonplatten ausgelegt. Hier steht seit einem Jahr ein gebrauchtes Motorrad, mit dem Heiner seine Wege in die Stadt zurücklegt.

Er wirft die Maschine an, fährt langsam um das Gartenhaus und biegt in die unbefestigte, holprige Zufahrt ein, die zu den fünf vereinzelten Häusern im Binsbachtal führt. Geübt umfährt er allzu tiefe Schlaglöcher, weicht dem entgegenkommenden Wagen des Nachbarn in einer Parkbucht aus, grüßt mit erhobener Hand und kommt nach kurzer Fahrt zu der steinernen Brücke über den Binsbach.

Dort verstellen ihm Chantal, Leon und Denise den Weg. Die drei Geschwister leben seit einigen Jahren als Pflegekinder in der Familie der Nachbarn Rainer und Maria. Noch eine kurze Strecke rennen sie Heiner nach, bis dieser sie abhängt, weil er das Motorrad auf dem asphaltierten Straßenabschnitt, der zur Bundesstraße führt, beschleunigen kann.

Heiner kommt an den Zöllnerhäusern vorbei, die aneinander gebaut am Rande des Naherholungsgebiets stehen. Heute fällt ihm auf, dass das mittlere der fünf Häuser mit großen roten Lettern auf einem weißen Schild zum Verkauf angeboten wird. Ein Maklerbüro ist über eine Telefonnummer erreichbar. An der Zubringerstraße fädelt sich Heiner in die Autoschlange ein und fährt im Schritttempo in Richtung Stadt.

Vor einem Monat hat Heiner bei der Stadtverwaltung angerufen, um eine Adresse zu erfahren.

„Da fragen Sie mich was!“, entfuhr es der Sachbearbeiterin. „Ich kenne nur die Anschriften der Fraktionen, die im Stadtparlament vertreten sind. Haben Sie keine Adresse im Telefonbuch gefunden?“

Heiner hat sogar bei der Auskunft angerufen, ohne erfolgreich zu sein. Ob er die Adresse im Computer finden würde, weiß er nicht. Seine Suchstrategien im Internet sind begrenzt, er nutzt den Computer vorrangig als Schreibmaschine und um E-Mails auszutauschen. Und in diesem Fall wollte er seine Frau Meta einmal nicht fragen. Seine lang überdachte Entscheidung, in eine Partei einzutreten, möchte er nämlich weder kommentiert noch diskutiert wissen.

„Moment, hier habe ich die Adresse eines Landesverbandes. Möchten Sie sich da mal die Telefonnummer aufschreiben?“, kann ihm die Stadtangestellte dann doch weiterhelfen.

Drei Tage später hatte Heiner den Mitgliedsantrag ausgefüllt und vor einer Woche wurde schriftlich seine Parteizugehörigkeit bestätigt.

Die Zubringerstraße führt steil in die Stadt hinunter. Während Heiner hinter ein paar Autos an der Ampel auf das grüne Signal wartet, kann er von der Anhöhe über die gesamte Altstadt sehen. Heute Abend glänzen die schieferfarbenen Dächer unter der tiefstehenden Sonne. Die Kathedrale, einige Türme und besonders große Kirchenschiffe ragen aus dem Häusermeer hervor.

Anfang der 1980er Jahre kam Heiner freiwillig und gerne zum Studium hierher. Andere Universitätsstädte waren wohl begehrter, der Provinzstadt haftete das Konservative an. Doch Heiner war davon begeistert gewesen, an einem geschichtsträchtigen Priesterseminar mitten in der Stadt und gleichzeitig auf einem modernen Campus studieren zu können.

Mit dem Gefühl, seit über zwanzig Jahren am richtigen Ort zu sein und froh über die guten Wendungen in seinem Leben, schaut er auch heute Abend für die Länge einer Ampelschaltung auf die unter ihm liegende Stadt.

Der Gastraum ist leer, nur an einem Stehtisch lehnen drei Männer in hellgrauen Arbeitsanzügen. Heiner geht zur Wirtin, die hinter der dunkelbraunen Theke und im schwachen Licht olivgrüner Deckenlampen Bier zapft.

„Im Nebenraum“ murmelt sie, ohne dass Heiner sie etwas fragen kann. „Treppe runter, zweite Tür links.“

„Vielen Dank! Kann ich bei Ihnen direkt eine Cola bestellen?“

„Ich komme.“

Mit einem Tablett, auf dem fünf Bier und ein Glas mit heißem Wasser für Tee stehen, geht die Wirtin dicht hinter Heiner in das Kellergeschoss der Gaststätte.

„Stopp, hier ist es schon. Zweite Tür links – habe ich doch gesagt!“ hört Heiner den barschen Ton der Frau hinter sich.

„Nach Ihnen“, sagt er betont freundlich und hält der überraschten Bedienung die Tür auf. Heiner wartet, bis sie die Runde ausgeschenkt hat, und tritt erst dann in den Raum.

„Guten Abend zusammen“, grüßt er in die Anwesenden. An einem langen Tisch sitzen ungefähr zehn Personen. Einige schauen auf und nicken mit einem neugierigen Blick zurück, andere sind in Gespräche vertieft.

Heiner kennt niemanden, was ihn überrascht. Er hatte sicher damit gerechnet, hier alte Bekannte zu treffen. Mittlerweile kennt er nämlich so viele Personen in der Stadt: ehemalige Schülerinnen und Schüler, nun die Studierenden, Kollegen und Kolleginnen, alte Kommilitonen, Bekannte aus der Kindergarten- und Schulzeit seiner Kinder, Mitstreiter in verschiedenen Projekten.

„Bist du der Heiner, der sich vor ein paar Wochen bei uns angemeldet hat?“ Eine blonde Frau, die nahe am Eingang sitzt, spricht ihn an.

„Ja, ich wollte heute mal hier vorbeischauen.“

„Ich bin Anja. Hier ist noch Platz.“ Sie weist auf den freien Stuhl ihr gegenüber. Die paar Worte reichen ihm schon: Anja spricht sächsisch, was er spontan sympathisch findet.

Heiner setzt sich und grüßt noch einmal in die Runde. Die Frau, die ihn soeben noch freundlich angesprochen hat, schaut nun allerdings auf das weiße Papier, das vor ihr liegt, und macht mit Bleistift ein paar Notizen. Heiner sieht nur noch viele blonde, dauergewellte Haare, die weit ins Gesicht fallen und den Strickpullover mit dem Tigermuster verdecken.

Heiner ist noch nie in der Gaststätte Zum alten Bahnhof gewesen, die im Westen der Stadt liegt. Während der Gastraum noch recht gemütlich eingerichtet ist, sitzt die Versammlung der Kreisgruppe hier unten in einem langgezogenen und fensterlosen Raum. Tische sind zu einer Tafel für ungefähr zwanzig Personen zusammengestellt, was den extrem schmalen Raum vollständig ausfüllt. Höchstens die Hälfte der Plätze ist besetzt. Eine politische Versammlung hat Heiner sich irgendwie bedeutsamer vorgestellt.

„Habt ihr wieder nur den Bunker bekommen?“ hört er jemanden fragen.

„Es ging nicht anders, die anderen Räume waren alle belegt“, antwortet ein junger Mann, der links neben Anja sitzt.

„Die müssen doch langsam wissen, dass wir hier jeden ersten Mittwoch im Monat zusammenkommen“, meldet sich eine ungeduldige Frauenstimme ein paar Stühle weiter.

„Ich habe erst gestern Bescheid sagen können“, antwortet Anja in die kleine Runde.

„Das ist nicht so gut“, hakt die Vorrednerin nach.

Anja antwortet nicht. Stattdessen schaut sie auf die Uhr.

„Wenn wir vollständig sind, können wir anfangen. Es ist schon nach acht Uhr.“

„Wenn die Oberhausener nicht kommen, dann sind wir vollständig.“

„Ich denke, die kommen nicht mehr.“

„Es ist auch besser, wenn die nicht mehr kommen.“

„Der Klaus-Peter gibt doch eigentlich nicht so schnell auf.“

„Der Klaus-Peter ist doch ausgetreten.“

„Nein, der Klaus-Peter hat nur den Kreisverband gewechselt. Der ist jetzt bei Dieter.“

Irgendwo rechts neben Heiner könnte eine hitzige Debatte losgehen.

„Bei mir hat sich keiner gemeldet, der austreten will. Ich weiß auch nicht, ob die Oberhausener kommen. Wir fangen jetzt an“, sagt Anja zum Abschluss der Nebengespräche. Bevor sie weiterredet, schaut sie kurz in die Runde, dann wieder auf ihr Blatt und streicht sich mit beiden Händen gleichzeitig die vielen Haare hinter die Ohren. „Ich begrüße euch im Kreisverband zu unserer heutigen Sitzung. Zunächst einmal möchte ich ein neues Mitglied vorstellen.“ Sie schaut Heiner an. „Heiner Velden. Vielleicht sagst du gleich ein paar Worte zu deiner Person. Wer du bist.“ Und schnell fügt sie noch hinzu: „Ich bin Anja Kanter.“

Heiner macht sich jetzt keine vertieften Gedanken über diese wortkarge Vorstellung. Anja scheint die Vorsitzende zu sein. Ihn ärgert ein wenig, dass er in der Runde nicht mit seinem richtigen Namen vorgestellt worden ist. Anja hat einfach das van der weggelassen. Die Bemerkung einzuflechten, dass der vermeintliche Adelstitel einfach nur ein Relikt seiner bäuerlichen Herkunft ist, passt nicht. Es bei Heiner Velden zu belassen, führte mittelfristig zu Missverständnissen. Da alle gespannt auf ihn schauen, fängt Heiner einfach an zu reden.

„Ich stelle mich gerne vor. Mein Name ist Heiner van der Velden, siebenundvierzig Jahre alt und ich wohne im Binsbachtal. Viele wissen vielleicht nicht, wo das liegt. Das ist das Tal im Stadtwald Richtung Karlsburg, wo vor ein paar Jahren ein Baugebiet geplant war, für das Teile des Stadtwaldes abgeholzt werden sollten, um Grundstücke mit Blick auf die Stadt vermarkten zu können. Dort lebe ich mit meiner Frau und unseren drei Söhnen seit über fünf Jahren. Ich bin schon in verschiedenen Projekten politisch aktiv gewesen und wollte gerne hier mal schauen, ob ich die Möglichkeit habe, mich einzubringen. Ich bin seit vielen Jahren schon Wähler.“

Heiner kennt solche Vorstellungsrunden zur Genüge. Durch seinen Beruf und sein vielfältiges Engagement ist er gewohnt, sich in neuen Gruppen vorzustellen. Er hat sich allerdings vorgenommen, hier seine berufliche Tätigkeit als Dozent an der religionspädagogischen Fachakademie nicht so sehr in den Vordergrund zu stellen.

„Beruflich komme ich vom Handwerk. Ich habe einmal Maurer gelernt.“

Alle schauen die gesamte Zeit auf ihn. Das verunsichert Heiner nun doch ein wenig. Etwas verlegen beendet er seine kurze Vorstellung: „Also, ich bin der Heiner.“

Es ist eine Sekunde zu lange still im Raum. Die Kreisvorsitzende müsste jetzt etwas sagen, findet er. Zum Beispiel eine Vorstellungsrunde der Parteimitglieder einleiten. Stattdessen meldet sich jemand anderes zu Wort.

„Herzlich willkommen in der Runde. Ich bin der Konrad“, sagt nun endlich ein Mann um die Fünfzig, der am Kopfende des langen Tisches sitzt. Zwischen ihm und den anderen sind ein paar Stühle frei geblieben. Als Einziger in der Runde hat Konrad Unterlagen vor sich auf der Tischfläche ausgebreitet – von Anjas Blatt Papier mit ein paar Notizen einmal abgesehen. Heiner schaut ihn freundlich an und bedankt sich.

Anja hat zwischenzeitlich ein Seitengespräch mit dem jungen Mann neben ihr begonnen und Heiner will nicht so genau hinhören. Er schaut deshalb in die Runde und es fällt ihm auf, dass einige Personen schon sehr betagt sind. Andere sind wiederum deutlich jünger als er selbst. Nur Anja schätzt er ungefähr auf vierzig. Ganz andere Leute als die, mit denen er sonst zu tun hat, so fasst er die Eindrücke für sich zusammen.

Heiners Blick fällt auf Anjas Unterlagen, die gerade wieder das Wort ergriffen hat und eine Tagesordnung vereinbaren will.

„Ich habe mir nur aufgeschrieben, dass wir über den Stand am Samstag in der Einkaufspassage in der Unterstadt sprechen wollten“, sagt sie.

„Ich habe allerdings noch einige Tagesordnungspunkte zu ergänzen. Es geht mir noch einmal um die Resolution gegen die Verschmutzung im Stadtteil Hagenau und zudem möchte ich gerne noch meinen neusten Artikel im Forum vortragen“, meldet sich Konrad zu Wort.

Heiner wundert sich. Der Stadtteil Hagenau ist ein Vorzeigestadtteil und beim Thema Verschmutzung würden ihm zunächst einmal andere Stadtbezirke einfallen. Und was ist das für ein Forum?

Anja schreibt die beiden Tagesordnungspunkte auf. „Ich schlage vor, dass ich die Gesprächsleitung mache und Adrian führt Protokoll. Hat jemand was dagegen?“, sagt sie, wieder ohne aufzublicken.

„Mach du das nur, du machst das schon gut“, meint ein junger Mann in auffallend hoher Stimmlage.

Heiner bekommt von den Gesprächen auf dieser ersten Sitzung nicht so viel mit. Er ist froh, einen Schritt gemacht zu haben, den er sich schon seit vielen Jahren vorgenommen hat: Er will sich in einer Partei politisch engagieren.

______

Ein Mal im Monat trifft sich der Kreisverband der Partei und Heiner nimmt als neues Mitglied überaus interessiert an den ersten Versammlungen teil. Er hat wieder eine Gruppe gefunden, in der er – wie vor ein paar Jahren in der Bürgerinitiative Binsbachtal – zusammen mit anderen etwas bewegen kann. In der Partei wird er allerdings nicht nur begrenzte Interessen einer betroffenen Bürgergruppe verfolgen können, sondern sicher auch Gesprächspartner antreffen, mit denen er wie früher zu Studentenzeiten sozusagen über Gott und die Welt diskutieren kann. Die Aussicht, seine Weltanschauung mit konkreten politischen Fragestellungen und kommunalen Problemen verbinden zu können, reizt ihn besonders.

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern“, sagt Heiner mit einem Augenzwinkern schon beim zweiten Treffen in die Runde. Alle kennen das Zitat und nicken. Mit der elften These über Feuerbach ließe sich auch sein Politikverständnis am besten beschreiben, als kritische, aber pragmatische Gesellschaftstheorie sozusagen.

Die meisten der ungefähr zehn Parteikollegen, die regelmäßig zu den Versammlungen kommen, findet Heiner nett. Schon nach wenigen Treffen hat er mit seiner ruhigen und aufmerksamen Art die Sympathie und das Vertrauen der anderen gewonnen. Wenige Monate nach seinem Eintritt in die Partei wird Heiner auf Vorschlag von Anja zusammen mit den vier Parteikollegen Adrian, Hilde, Gangolf und Uwe bereits zum Delegierten für den nächsten Landesparteitag im Herbst gewählt.

Kapitel 2

„Ich will euch nicht langweilen mit meiner Biografie. Ihr habt ja alles vor euch liegen. Ich muss aber kurz sagen, dass mir in der letzten Woche ein Missgeschick passiert ist. Ich habe mir nämlich fast den Arm gebrochen.“

Heiner schaut auf. Fast gebrochen? Tatsächlich steht die Bewerberin für den geschäftsführenden Vorstand mit einer Schlinge um den Arm am Mikrofon.

„Ich bin – ganz klassisch – einfach die Treppe runtergefallen.“ Die Rednerin macht eine Pause, so als warte sie auf eine Reaktion aus dem Plenum. „Aber euch interessiert ja eher, weshalb ich mich bewerbe. Ich mache bei uns zu Hause schon immer die Buchführung, also die Steuererklärung. Ich habe eine Schwäche für Gestaltung. Und ich kann komplexe Zusammenhänge darstellen. Ich bin ein empathischer Mensch – ich kann mich also gut in andere hineinversetzen!“

Heiner traut seinen Ohren nicht. So viel Ich auf einmal! Und weshalb stellt sich die Bewerberin für das Amt der Schriftführerin nicht mit formalen Qualifikationen vor? Der Landesvorstand ist doch keine Selbsterfahrungsgruppe.

„Ich verhalte mich immer so, dass ich am nächsten Morgen noch ruhigen Gewissens in den Spiegel schauen kann“, sagt die Bewerberin nun.

Heiner wagt einen Blick zu seinen Parteikolleginnen Anja und Hilde, die von ihren Plätzen aufgestanden sind und nun an der Wand lehnen, um besser auf das Podium schauen zu können. Beide lächeln der Bewerberin freundlich zu und applaudieren heftig, als diese nach ihrer kurzen Ansprache das Rednerpult ein wenig übereilt verlässt.

„Halt, Gabi! Du musst noch auf dem Podium bleiben, schließlich können aus dem Plenum ja noch drei Fragen an dich gestellt werden“, meldet sich der Vorsitzende des Tagespräsidiums.

Gabi eilt die drei Stufen zum Rednerpult wieder hoch und beugt sich über die Ablage, um näher an das Mikrofon zu kommen: „Ich habe auch noch etwas vergessen!“

Heiner hört die Liste ihrer Mitgliedschaften, die er auch schon bei den anderen Bewerbern mit Erstaunen registriert hat. Mitgliedschaften sind hier anscheinend wichtig: Gewerkschaften, Bündnisse gegen Rechts, Friedensgemeinschaften, Fachgruppen, Fraueninitiativen. Die Dauer der Parteimitgliedschaft wird von manch einem auf den Monat genau angegeben.

Die erste Frage an die Kandidatin ist direkt gestellt: „Ich komme aus einem Nachbarkreisverband von dir. Was mich wundert, ist, dass ich dich noch nie auf einer Demo gegen Rechts gesehen habe. Ich finde, jemand, der für den Landesvorstand kandidiert, muss seine Parteizugehörigkeit auch für alle sichtbar nach außen zeigen. Ich möchte gerne deine Stellungnahme dazu hören.“

Heiner kann beim besten Willen nicht mehr zuhören. Seit über zwölf Stunden sitzt er nun schon zusammen mit Anja, Hilde, Uwe, Adrian und Gangolf als Delegierter seines Kreisverbandes in einer Stadthalle irgendwo in einem Außenbezirk der Landeshauptstadt. Bislang hat er kaum eine Pause gemacht und den ersten Tag des Landesparteitages mit wachsender Spannung verfolgt. Seit ungefähr einer Stunde spürt er allerdings einen nachhaltigen Kopfschmerz, der sich mittlerweile so verstärkt, dass er nur noch das dringende Bedürfnis hat, die stickige Halle zu verlassen. Der Kopfschmerz überdeckt sogar das deutliche Hungergefühl, das ihn seit einigen Stunden plagt. Nach der Schnitte Brot, die er heute Morgen im Auto verzehrt hat, hat er hier nur eine Frikadelle mit Brötchen gegessen und in dem kleinen Bistro eine Cola getrunken. Seit achtzehn Uhr gibt es am Imbissstand allerdings nichts mehr zu kaufen. Leider gibt es keine Frikadellen mehr steht auf einem weißen Blatt Papier, das an der Bierzapfanlage klebt. Nun will Heiner eigentlich nur noch in das Hostel, wo er heute Morgen vor dem Beginn des Landesparteitags zusammen mit Uwe ein Zimmer bezogen hat.

Doch an ein Ende des heutigen Programms ist noch nicht zu denken. Laut Tagesordnung sind noch zwei Sitze im neuen geschäftsführenden Landesvorstand zu wählen, und solange die Delegiertenversammlung beschlussfähig ist, wird weiter getagt. Dass das bis nach Mitternacht dauern kann, sei wohl keine Seltenheit, hat Heiner sich sagen lassen. Er wird natürlich nicht früher aufbrechen, weil er von seinem Stimmrecht Gebrauch machen möchte. Zudem muss er sich nach Uwe richten, weil sie zusammen in Heiners Wagen bis zum zehn Kilometer entfernten Hostel fahren müssen.

Heiner beschließt, zwischen zwei Wahlgängen an die frische Luft zu gehen. Adrian und Uwe nicken, als er sie über seine kurze Abwesenheit informiert, und unterhalten sich gleich weiter. Die Delegierten des Kreisverbandes sitzen in einer halben Bankreihe zusammen im hinteren Drittel der Halle. Schnell hat Heiner also das Foyer erreicht. Am Bistro stehen ein paar Männer bei einem Bier zusammen. Verkaufsstände der parteinahen Aktivgruppen sind an den Wänden entlang aufgebaut, zu der späten Stunde aber nicht mehr besetzt. Nur hinter dem Büchertisch sitzt ein junger Parteikollege mit gelangweilter Miene auf einem der braunen Stapelstühle und beschäftigt sich mit seinem Handy. Die Eingangstüren zur Stadthalle stehen weit auf und die kühle Herbstluft sorgt bei Heiner sofort für Entspannung.

Während er durch den Vorraum zum Ausgang schlendert, fällt ihm auf, dass hier erstaunlich viele Delegierte telefonieren und dabei eine ernste Miene machen. Beim Vorbeigehen hört er, wie sie die Abstimmungsergebnisse besprechen und Gespräche über Personalfragen führen.

Dieser Verhandlungseifer bleibt Heiner ein wenig unverständlich. Die fünf Delegierten seines Kreisverbandes sind nämlich einfach dem Rat von Anja gefolgt und stimmen geschlossen für die Kandidaten und Kandidatinnen, die von der Kreisvorsitzenden vorgeschlagen worden sind. Selbst erst wenige Monate in der Partei aktiv, vertraut Heiner Anjas Urteil. Schließlich ist sie landespolitisch kundig und bewirbt sich auch an diesem Landesparteitag wieder für einen Posten als Beisitzerin für Gleichstellungsfragen. Die Position des Kreisverbandes würde gestärkt, wenn sie erneut in den Landesvorstand käme. Anja meint, dass sie mit einigen Personen eben besser zusammenarbeiten kann als mit anderen. Von daher wäre es nur logisch, dass man die Personen wähle, die sie selbst am besten geeignet findet. Heiner war diese Argumentation der Kreisvorsitzenden unmittelbar einsichtig.

Da das Abstimmungsverhalten also schon feststeht und Anja den Namen der zu wählenden Kandidaten noch einmal vor der Abgabe der Stimme auf einem kleinen Zettel kursieren lässt, muss Heiner sich auch nicht mehr jede einzelne Bewerbungsrede anhören, wenn er sich nun überhaupt nicht mehr konzentrieren kann.

Er tritt in die kühle Nacht. Einen Augenblick überlegt er, zu Hause anzurufen. Das Handy zeigt in grünen Ziffern zweiundzwanzig Uhr dreizehn an. Es ist zu spät: Das Klingeln würde die Kinder wahrscheinlich eher im Schlaf stören, als dass Meta das Telefon in ihrem Arbeitszimmer hörte.

Am Aschenbecher, etwas entfernt vom Eingang und direkt unter einer hohen Laterne, steht ein Mann in Jeans, kariertem Flanellhemd und ärmelloser Weste. Heiner geht vor dem Eingang ein wenig auf und ab, bis er von dem Raucher unvermittelt angesprochen wird.

„Bist du im Kreisverband von der Kanter?“

„Ja.“ Heiner stellt sich zu dem Mann, der sich gerade eine weitere Zigarette anzündet.

„Ich habe euch nämlich ein paar Reihen vor mir gesehen und jetzt erkenne ich dich an den dunklen Haaren und deinem Hemd wieder. Nun, die Truppe von Anja ist sonst eher ziemlich blond oder grau-meliert.“

Heiner ist überrascht über die Betrachtungsweise der Delegierten seines Kreisverbandes: „Jetzt, da du es sagst!“ Und wie zur Erklärung schiebt er nach: „Ich bin erst seit Kurzem Mitglied.“

„Und dann schon Delegierter? Das ging aber flott.“

„Ja. Wir mussten zu fünft sein. Und ich bin zeitlich relativ flexibel, andere müssen am Wochenende auch arbeiten.“ Heiner entschuldigt sich beinahe.

Der Mann hält Heiner die Zigarettenpackung hin und grinst: „Aber das sind ja nicht die meisten. Wer von denen arbeitet denn schon?“

Heiner überlegt kurz, ob er auf diesen Satz reagieren soll, deutet dann aber auf die Zigarettenschachtel. „Nein danke, ich bin seit zehn Jahren Nichtraucher.“

„Nicht schlecht“, sagt der Mann. „Ich bin übrigens der Wilhelm, aber alle sagen Will zu mir. Will Caspary.“ Wilhelm hält Heiner die Hand hin.

„Ich bin Heiner.“ Er schlägt ein. „Hallo Will. Aus welchem Kreisverband kommst du denn?“

„Zurzeit aus gar keinem. Ich bin einfach so da, um mal zu schauen, was hier abgeht. Die letzten zehn Jahre habe ich in Bonn gelebt.“

„Bonn ist schön. Da kann man doch sicher gut wohnen.“

„Aber nicht, wenn du ganz woanders eine Freundin hast. Wir hatten bereits die letzten fünf Jahre eine Wochenendbeziehung. Seit drei Monaten wohne ich nun übergangsweise bei ihr. Eine Autostunde entfernt von hier.“

„Wo ist das denn?“

„Bielstein. 278 Einwohner. Das kennt keiner. Tiefste Provinz. Ein Funkloch. Da hast du nicht einmal verlässlich Internet. Auf Dauer geht das natürlich nicht. Ich suche nach einer größeren Stadt hier in der Region, in die ich ziehen kann. Eigentlich kommt nur die Landeshauptstadt oder die Ecke bei euch infrage. Meine Freundin wohnt eigentlich genau zwischen den beiden Städten, von daher macht es keinen Unterschied.“

„Wir können aktive Mitglieder gut gebrauchen“, wirbt Heiner für seinen Kreisverband.

„Das kann ich mir vorstellen! Irgendwie zieht es mich ja in eure Stadt. Ich habe dort nämlich vor über fünfundzwanzig Jahren promoviert. Die vier Jahre habe ich in guter Erinnerung. Eigentlich ein schönes Städtchen. Ich war wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Professor Neuhaus. Sagt dir der etwas?“

„Welches Fach?“

„Hydrologie.“

„Oh, das kenne ich jetzt gar nicht. Kann man das bei uns studieren?“ rutscht es Heiner heraus.

Will lacht. „Du bist nicht der einzige, der das nicht kennt. Vor fünfundzwanzig Jahren noch absolutes Neuland. Und das Fach wird bei euch auch von der Geografie einverleibt. Ich habe aber meinen Abschluss in Hydrologie gemacht. Nach der Promotion hat es mich allerdings in die Gewerkschaftsarbeit verschlagen. Und in Bonn hatte ich einen Lehrauftrag an der Uni. Jetzt muss ich mal schauen, wie es weiter geht. Die letzten zehn Jahre vor der Rente. Was machst du denn beruflich?“

„Ich bin Theologe.“

„Ach. Und dann hier? Das ist ja ein Ding.“

„Wieso?“

„Einfach so.“

„Also, ich kann mich nur wiederholen“, sagt Heiner. „Falls du dich für unseren Kreisverband entscheiden solltest, bist du natürlich herzlich willkommen.“

„Die Kanter habe ich gestern schon im Foyer angesprochen und gefragt, wie es bei euch so läuft und wer sich in der Partei engagiert. Ihr seid doch Studentenstadt.“

„Und was hat sie gesagt?“

„Nicht viel. Ich glaube, sie war ziemlich überrascht.“

„Anja redet manchmal nicht viel.“

„Den Eindruck hatte ich auch.“

„Es kommt allerdings sehr darauf an, um was es geht“, deutet Heiner vorsichtig an.

Will drückt die Zigarette im Aschenbecher aus, hebt seine Tasche vom Boden auf und hängt sie über die Schulter. Er schaut Heiner an, als bedauere er ein wenig, dass das Gespräch schon zu Ende ist.

„Ich fahre dann mal. Ich habe nämlich noch eine ganze Stunde Autofahrt vor mir.“

„Bist du morgen auch dabei?“

„Nein, ich denke nicht. Das Spannende haben wir ja hinter uns. Die neuen Landesvorsitzenden sind gewählt. Und ob die Kanter oder irgendjemand anderes wieder Beisitzer wird oder nicht, das muss ich nicht live miterleben. Ich bin dann mal weg! Auf Wiedersehen.“ Heiner und Will geben sich die Hand.

„Vielleicht sieht man sich mal wieder“, sagt Heiner.

Er schaut dem Parteikollegen noch nach, wie er schnellen Schrittes zum Parkhaus geht und dort im dunklen Eingang verschwindet. Was der wohl in Bonn genau gemacht hat, fragt sich Heiner, als er die Eingangstür der Stadthalle aufdrückt. Er geht in den Hallenvorraum und besorgt sich an der Theke ein Glas Wasser. Man hört auch hier draußen die Glocke der Tagesleitung, die das Ergebnis des Wahlgangs zur Schriftführerin ankündigt. Heiner hat es nicht eilig, seinen Platz in der Halle wieder einzunehmen. Bis zum nächsten Wahlgang würde sicher noch eine halbe Stunde vergehen, weil sich erst die Kandidaten für den Posten des Kassenführers in einer kurzen Ansprache bewerben werden. Für den Finanzposten im geschäftsführenden Vorstand sind schriftlich bereits vier Bewerbungen eingegangen, vielleicht kommen sogar noch einige spontan hinzu.

Heiner schaut sich die Prospekte und die programmatischen Schriften der Partei an, die auf dem Tisch liegen, vor dem er gerade steht. Zwei Kugelschreiber, die in einer kleinen Kiste dargeboten werden, steckt er in seine Jackentasche.

An einem der Verkaufstische im Foyer steht tatsächlich Hans Lauter, der vor einigen Stunden zum neuen Landesvorsitzenden gewählt worden war. Heiner muss ein wenig schmunzeln, als er beobachtet, wie Hans in den Büchern blättert, als habe er nicht zu häufig eines in der Hand. Seine dicken Finger versuchen die Seiten umzublättern und es gelingt erst, nachdem er den Zeigefinger an der Zunge angefeuchtet hat. Heiner stellt sich neben den neuen Landesvorsitzenden, der ihn mit einem kurzen Lächeln grüßt.

„Herzlichen Glückwunsch zum Landesvorsitz“, sagt Heiner.

„Danke! Ich musste einmal kurz raus, das nimmt einen doch mit!“, bemerkt Hans Lauter offenherzig dem unbekannten Parteikollegen gegenüber.

Er zahlt das Buch bei dem jungen Mann, der nun hinter dem Büchertisch aufgestanden ist. Hans tauscht ein Exemplar gegen ein noch in Folie verpacktes Buch vom Stapel und geht an den Tischen mit Broschüren, Flyern und andere Werbematerialien vorbei zu einer Gruppe von Männern, die ihm schon von Weitem zuprosten.

Hans Lauter gibt eine ulkige Figur ab. Auffallend ist der gewaltige Bauch, der sich vorne zwischen das Jackett schiebt. Seine Haltung ist übermäßig aufrecht, so als müsse er durch eine leichte Rückenlage das Gewicht des Bauches ausbalancieren. Den schwarzen Anzug mit den dünnen Nadelstreifen hat er sicher schon vor vielen Jahren erstanden. Das Jackett ist an den Schultern besonders breit geschnitten und auferlegt dem schweren, runden Oberkörper eine kantige Form. Die Bundfaltenhose mit den nicht mehr zeitgemäßen Hosenaufschlägen ist ein wenig zu kurz geraten. Heiner entdeckt gestrickte türkisfarbene Socken und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Im Grunde hat er aber etwas übrig für diese Neigung zum theatralischen Auftritt in den Parteifarben. Wie Heiner es überhaupt gut findet, dass hier jeder ein Typ für sich ist. Nur bei Hans kommt ein bisschen zu viel Mafioso dabei heraus. An dem soeben erstandenen Buch hält Hans Lauter sich allerdings fest wie ein Kommunionsjunge am Gebetsbuch.

______

Am nächsten Tag beginnt die Sitzung um zehn Uhr, eine Stunde später als geplant, weil am Vortag der letzte Wahlgang für den geschäftsführenden Vorstand erst deutlich nach Mitternacht abgeschlossen werden konnte. Heiner war im Hostel nur noch ins Bett gefallen und direkt eingeschlafen. Von Uwe wurde er heute Morgen mit einem kräftigen Griff an die Schulter geweckt. Nach einem kurzen Frühstück in dem Hostel fahren die beiden zurück in die Stadthalle.

Mit Erstaunen hört Heiner von Anja, dass sie mit Adrian und Gangolf und ein paar Delegierten aus anderen Kreisverbänden in einer Kneipe bis nach vier Uhr ´gut einen gebechert´ habe. Dementsprechend schlecht geht es den dreien heute. Adrian und Gangolf sind erst gar nicht gekommen. Anja soll sie um zwölf Uhr per Handy wecken. Die Kreisvorsitzende wollte allerdings pünktlich erscheinen und sitzt nun mit ziemlich zerzausten Haaren und tiefen Ringen unter den Augen auf ihrem Platz und hält sich mit beiden Händen den Kopf.

„Das musste aber mal wieder sein. So ein Parteitag muss auch Spaß machen“, kommentiert Anja müde den nächtlichen Ausflug. „Jetzt muss ich nur noch meine Bewerbung für den Landesvorstand hinkriegen.“

Durch die Mikrofone wird bereits die Tagesordnung für den Sonntag verlesen. Heute Morgen ist ein Kamerateam der Landesnachrichten anwesend und filmt während der Abstimmungen, Reden, Resolutionen und Diskussionen. Heiner überlegt sich, was die Journalisten am Abend im Landesspiegel berichten werden. Da er zum ersten Mal auf einem Parteitag ist, kann er die Außenperspektive der Reporter noch leicht einnehmen. Wenn er ehrlich ist, wirkt das gesamte Unterfangen hier auf Unbeteiligte sehr befremdlich. Auch er kann die vielen Aktivitäten noch nicht alle einordnen, obgleich er sich in den letzten Monaten in dem dichten Geflecht an Parteiebenen und Parteiorganen, Zuständigkeiten und politischen Ritualen bei Wahlen und bei der Beschlussfassung über Anträge schon ein wenig Orientierung verschafft hat.

Genau betrachtet laufen auf diesem Parteitag mehrere Kommunikationszirkel dauernd gleichzeitig ab. Zum einen hallen fast ununterbrochen politische Ansprachen durch die Lautsprecher. Grußworte als kämpferisch hervorgebrachte Reden der eingeflogenen Politprominenz aus Berlin heizten am gestrigen Samstag die Stimmung an. Es gibt aber auch eine nicht abbrechende Abfolge vieler kleiner Ansprachen, denn jeder, der sich für einen Posten im Landesvorstand bewirbt, hat die Gelegenheit, sich persönlich vorzustellen. Aus dem Plenum der fast einhundertfünfzig Delegierten können jedem Kandidaten zudem noch bis zu drei Fragen gestellt werden, die dann je nach rhetorischer Kompetenz der Bewerber mal kurzsilbig oder aber auch wortreich beantwortet werden.

Parallel zu dieser rednerischen Dauerbeschallung vom Podium laufen stetig Nebengespräche im Saal. Entweder aus Langeweile aufgrund der wiederholten, gleichklingenden, allgemeinen Parolen oder weil man sich im Gespräch mit dem Nachbarn ein wenig aktiviert, wenn die vielen Stunden im Saal an der Konzentration zehren. Oder man nutzt einfach die Gelegenheit, mit allen möglichen Personen, die man bei solchen Gelegenheiten wieder einmal trifft, ein politisches oder auch ein persönliches Gespräch zu führen.

Glücklicherweise sind seine beiden direkten Nachbarn Adrian und Gangolf eher ruhige Weggefährten. Adrian verfolgt das Geschehen auf dem Parteitag aufmerksam und verließ gestern immer nach zwei Stunden seinen Platz in der Stadthalle, um einen kurzen Spaziergang durch die Grünanlagen zu machen. Er versorgt sich mit Lebensmitteln, die er in einer großen Tüte bei sich führt. Als Veganer kann er das Essensangebot hier nicht nutzen. Der nächtliche Ausflug passt so gar nicht in das Bild von Adrian, das sich Heiner mittlerweile gemacht hat. Gangolf wiederum beschäftigt sich häufig mit seinem Handy, mit dem er spielt oder Kurznachrichten verschickt.

Zudem wird seit gestern Nachmittag ununterbrochen gewählt. Jeder Wahlgang für jedes der zwölf Mitglieder des Landesvorstandes muss erst abgeschlossen sein, damit der nächste eröffnet werden kann. Gewinnt jemand nicht mit der einfachen Mehrheit – was beinahe die Regel ist – kommt es zu einem zweiten Wahlgang. Dem Eindruck nach laufen ununterbrochen Männer und Frauen mit Wahlurnen aus durchsichtigem Plastik durch die Stuhlreihen, sammeln die abzugebenden Stimmen ein oder verteilen schon die nächsten Wahlzettel.

Wenn keine Mitglieder der Wahlkommission sich paarweise durch die Reihen quetschen, dann geben politisch hoch ambitionierte Parteikollegen Anträge oder Resolutionen als Kopien an alle Delegierten aus, die dann in entschiedener Rede auf dem Podium verlesen, kritisch diskutiert und zur mehrheitlichen Abstimmung gebracht werden. Wenn die einhellige Zustimmung per Handzeichen und hochgehaltener Delegiertenkarte den fensterlosen Versammlungssaal sekundenlang türkis einfärbt, tönt es durch das Mikrofon: „Der Antrag ist mehrheitlich mit wenigen Gegenstimmen oder Enthaltungen angenommen.“ Dann macht der Kameramann des Regionalfernsehens einen weiten Schwenk über die Stuhlreihen und hat die wichtigsten Bilder über den Parteitag im Kasten.

Die Kamera läuft noch, als eine ältere Parteikollegin entschieden an das Mikrofon unmittelbar neben ihrer Stuhlreihe tritt. „Wenn hier ununterbrochen Winfried und Oswald durch die Reihen gehen und den Leuten sagen, was sie ankreuzen sollen, dann haben wir hier keine freien Wahlen mehr.“

Unter den Delegierten wird Widerspruch laut:

„Mach dein Kreuz doch draußen, wenn du Angst um deine Unabhängigkeit hast!“

„So einen Schwachsinn habe ich noch selten gehört!“

„Geh doch raus, da stehen doch die Wahlkabinen!“

„Halt uns nicht auf mit deinen Unterstellungen!“

Die Frau erhebt sich noch einmal von ihrem Platz und geht sichtlich erbost erneut zum Mikrofon: „Ich bleibe dabei. Wenn hier nicht mehr Ruhe reinkommt und wir unser Kreuzchen machen können, ohne dass Kontrolleure vorbeimarschieren – so lange haben wir keine unabhängigen Vorstandswahlen.“

„Ich gebe der Parteikollegin begrenzt recht und ich bitte euch darum, während der Wahlgänge nicht in den Sitzreihen herumzugehen. Dies gilt für alle!“, nimmt das Tagespräsidium die Anregung auf und beendet eines der zahlreichen Scharmützel unter den Delegierten bereits im Ansatz.

Die Kamera läuft auch, als ein untersetzter Mann mit langem, grauem Haar an das Rednerpult tritt und vor seiner Bewerbungsrede eine kurze grundsätzliche Ansprache zur Politikkultur macht.

„Wisst ihr, ich erinnere mich an meine Kinderzeit, wenn ich euch so höre. Da war immer eine Gruppe von Kindern, die mit einer anderen Gruppe verfeindet war. Wir haben uns auch gekloppt. Unsere Kämpfe waren nicht ohne. Aber ...“ – und jetzt hebt er seine Stimme – „… wenn es hart auf hart kam, da haben wir zusammengehalten und sind gemeinsam eine Sache angegangen. Das wollte ich einfach mal gesagt haben.“

Heftiger Beifall ist ihm sicher.

Heiner überlegt, ob das wirklich so ist. Halten verfeindete Gangs zusammen, wenn es hart auf hart kommt? Aus seiner Kindheit kennt er kein Beispiel. Er hat sich nie geprügelt.

Von Beginn an sind Heiner diese Grundsatzreden aufgefallen. Immer wieder finden sich Anspielungen auf eine notwendige Verträglichkeit, auf einen höflichen und toleranten Umgang miteinander, auf das Recht auf freie Meinungsäußerung und das Vermeiden von Lagerstreitigkeiten.

Auch gegen Anja wird mit harten Bandagen gekämpft. Nach der Mittagspause, kurz nachdem Adrian und Gangolf eingetroffen sind, hat sie ihre kurze, sehr allgemein gehaltene Ansprache zur Gleichstellungspolitik vorgelesen und dafür höflichen Beifall erhalten. Dann stellt ein großgewachsener Parteikollege Mitte fünfzig die erste Frage an sie.

„Anja, ich weiß, dass du dich für die Gleichstellung von Mann und Frau interessierst – ich sage es einmal so. Engagierst möchte ich nicht sagen. Da würde ich gerne mehr Inhaltliches hören. Ich habe aber den Eindruck, dass du bei dem Thema Gleichstellung mehr an die Frauen denkst als an die Männer. Ich muss dazu allerdings etwas ausholen …“

„Stelle deine Frage an Anja bitte innerhalb einer Minute“, hört man den stereotypen Appell der Tagesleitung.

„Also, dann frage ich direkt: Man munkelt, du seist der Reproduktionsmedizin im Ausland nicht abgeneigt.“ Im Saal ist es sofort still geworden. Der Satz schlägt ein wie eine Bombe.

„Was ist deine Frage?“, schaltet sich die Tagesleitung wieder ein.

„Meine Frage ist folgende: Wie beurteilst du den Kinderwunschtourismus? Sollten anonyme Samenspende und Leihmutterschaft auch in Deutschland legalisiert werden?“

Anja hält sich zuerst am Rednerpult fest. Sie wird sichtlich rot und tritt dann wie automatisch einen Schritt zurück. Ihre Antwort wird nicht mehr durch das Mikrofon verstärkt.

Die Tagesleitung interveniert: „Ich bekomme von hinten signalisiert, dass deine Antwort auf die Frage nicht verstanden wurde. Anja, du musst näher an das Mikrofon treten!“

Über das Pult gelehnt sagt Anja: “Ich bin für die Selbstbestimmung von Frauen.“

„Ist das deine Antwort auf Frage Nummer eins?“

„Ja.“

„Reicht dir die Antwort?“ Der Parteikollege am Mikrofon der Tagesleitung richtet sich an den Fragesteller, der immer noch im mittleren Gang am Mikrofon steht.

„Keine Zwiegespräche! Sie hat eine Antwort gegeben und das ist die Regel!“ Heiner erschrickt regelrecht, als Adrian neben ihm abrupt aufspringt, um diese Bemerkung laut in Richtung Tagespräsidium einzuwerfen, wo er allerdings aufgrund der Distanz nicht gehört werden kann.

Der Parteikollege am Mikrofon nutzt die Aufmerksamkeit der gesamten Delegiertenversammlung, um Anja bloßzustellen: „Manche sind dafür bekannt, dass sie in ihrer Antwort nicht über das hinauskommen, was sie gefragt werden.“

„Wir haben nun genug gehört, Parteikollege Bruno“, sagt der Tagesleiter. „Wer stellt die zweite Frage an Anja?“

Ein schlaksiger junger Mann mit einem grünen Rollkragenpullover unter einem braunen Jackett steht schon an dem zweiten Mikrofon in der Nähe des Podiums bereit.

„In deinem Kreisverband wurde vor kurzen ein Parteiausschluss gegen einen verdienten, gehörlosen Kollegen ausgesprochen. Bela Bratseth hat sich viele Jahre in der Partei landesweit für die Integration Behinderter eingesetzt. Er war sogar Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Integrationspolitik. Bei den Kreisvorstandswahlen vor eineinhalb Jahren ist er als dein Gegenkandidat angetreten. Nachdem du nun Kreisvorsitzende geworden bist, wurde er plötzlich aus der Partei ausgeschlossen. Keiner weiß so recht warum. Er soll auch über seine mündliche Verhandlung nicht fristgerecht informiert worden sein. Kannst du mir erklären, wie das passieren konnte?“

„Es tut mir leid, aber über die genauen Umstände des Parteiausschlusses von Bela ist mir nichts bekannt geworden. Die Entscheidung lag bei der Landesschiedsstelle. Wie du weißt, entscheidet die Schiedsstelle unabhängig.“ Anja hat sich wieder gefangen.

„Liegt noch eine Frage an Anja vor?“ Die Tagesleitung schaut in den Saal und stellt fest: „Keiner hat mehr eine Frage an Anja?“

„Wenn nur zwei Fragen gestellt werden, dann kann ich doch sicher noch eine dritte stellen?“, wendet sich Bruno, der Fragesteller zur Reproduktionsmedizin, an die Parteikollegen auf dem Podium.

„Ja, dann kannst du noch eine Frage stellen.“

„Danke!“, sagt Bruno und schaut Anja erneut an. „Du weißt, dass Mitglieder des Landesvorstandes nicht vorbestraft sein dürfen. Kannst du uns sicher nachweisen, dass aktuell keine Anzeige gegen dich vorliegt?“

„Kannst du konkrete Anhaltspunkte für deine Frage nennen? Ohne konkrete Hinweise können wir die Frage so nicht zulassen“, fordert die Tagesleitung.

„Ich stelle die Frage besser so allgemein.“

„Dann können wir die Frage nicht zulassen!“ entscheidet das Tagespräsidium. „Vielen Dank Anja für deine Bewerbung im Beirat für Gleichstellungsfragen. Ich rufe jetzt Julia Groß auf.“

Heiner hätte gerne die Bewerbung der einzigen Gegenkandidatin gehört, aber Anja kommt dermaßen aufgewühlt auf ihren Platz zurück, dass ihr Ärger die Aufmerksamkeit aller fordert. Auch Adrian flucht mit rotem Kopf über die Fragen zum Kinderwunschtourismus. Anja streckt die Arme, legt beide Hände um Adrians Hals und den Kopf auf ihre Oberarme. Hilde, Heiner und Uwe sind über diese vertraute Geste überrascht und versuchen, Anja mit allgemeinen Worten zu beruhigen und die ungewohnt intime Situation zu überspielen.

„Ich würde mich nicht aufregen. Das war eine geniale Bewerbung“, schwärmt Hilde.

„Die wollten dich nur fertigmachen, das hat jeder gemerkt. Deshalb wird dir das eher nutzen als schaden“, analysiert Gangolf kurz und knapp die Situation.

Und in der Tat erlangt Anja im ersten Wahlgang fünfundachtzig Prozent der Stimmen. Als die Tagesleitung ihr mit einem kleinen Blumenstrauß gratuliert, sieht man Anja die Anstrengung wohl noch an, sie winkt aber dankbar mit ihren Blumen in den Saal.

________

Auch an diesem zweiten Tag dauerte die Sitzung der Landespartei bis einundzwanzig Uhr. Heiner hat Uwe nach mehr als zwei Stunden auf der Autobahn nach Hause gebracht. Der zurückhaltende Parteikollege wohnt in einem Mehrfamilienhaus im Ortsteil Einweg, der nahe an der Ausfahrt nach Oberhausen liegt.

Zehn Minuten später ist Heiner wieder auf die Fernstraße gelangt. Kurz vor Mitternacht herrscht hier wenig Verkehr. Es regnet, aber die Scheibenwischer des alten Mercedes geben souverän den Blick in den breiten Lichttunnel der Scheinwerfer frei. Nach zehn Kilometern kündigt sich die Stadt im Tal als immer breiter werdendes Lichtermeer an. Zirpende Gitarren leiten Fatal Illusions ein, entladen sich in den straffen Rhythmen von Eloy und versetzen den Wagen in eine geordnete Schwingung.

Früher hätte Heiner in solchen Momenten eine Zigarre geraucht. Auch beim Autofahren. Oder gerade beim Autofahren. Heiner ist nämlich einfach nur froh und von den Eindrücken der letzten beiden Tage satt und neugierig geworden. Für ihn ist der Landesparteitag insgesamt außerordentlich spannend gewesen. Wie sehr genießt er jetzt das Gefühl, in einer bedeutsamen Phase der Partei dabei sein zu dürfen und seine Ideen über das, was ihm im Leben wichtig geworden ist, mit anderen zusammen umsetzen zu können.

Meta würde so spät nicht mehr auf ihn warten. Sie hat sich bereits vor einer halben Stunde per SMS verabschiedet:

Ich bin müde! Ich freue mich auf das Frühstück morgen! Fahr vorsichtig!

Das ist auch gut so. Heiner ist heute in einer anderen Welt, in einer, von der Meta noch nicht einmal weiß.

Kapitel 3

Ein ganzes Jahr lang hat Heiner seine politische Tätigkeit keinem gegenüber erwähnt. Auch Meta und die Kinder wissen nicht, dass er sich jeden ersten Mittwoch im Monat in einer Parteigruppe trifft und ab und zu an überregionalen Treffen teilnimmt. Es hat sich eine kleine Parallelwelt aufgetan, die überhaupt nicht mit seinem Beruf oder seinen privaten Kontakten in Berührung kommt. Von daher gibt es zunächst keinen Grund, über sein politisches Engagement zu sprechen. Und es spricht nichts dagegen, etwas, was ihm sehr wichtig ist, dem Urteil anderer noch eine Weile zu entziehen. Je mehr Zeit vergeht, umso schwieriger wird es allerdings für Heiner, die richtige Gelegenheit für die kurze Aussprache mit Meta zu finden.

Das gesamte vergangene Jahr war Heiner überhaupt nicht in Erklärungsnot geraten. Am Abend hat er häufig berufliche Termine, Treffen oder Besprechungen. Mit Studenten veranstaltet er alle zwei Wochen einen Lesezirkel, der sich aus einem Seminar über soziale Gerechtigkeit ergeben hat. Bei den angehenden Gemeindeassistenten ist er beliebt und kommt durch seine unkonventionelle Art leicht in persönlichen Kontakt. Mindestens einmal in der Woche hört Heiner in der Stadt Vorträge zu theologischen oder gesellschaftspolitischen Themen. Ab und an geht er auch mit einem alten Studienfreund auf ein Rockkonzert in der Stadt oder in einen Musikklub in der näheren Umgebung.

Abends oft unterwegs zu sein lässt sich mittlerweile gut mit der Familie vereinbaren. Die intensiven Betreuungsaufgaben sind mit dem zunehmende Alter der drei Söhne in den Hintergrund getreten. Vor allem bei Jonathan, der mittlerweile sechzehn Jahre alt ist, und auch noch in den ersten vier Lebensjahren von Paul waren Meta und Heiner beide im Schuldienst berufstätig gewesen und hatten sich die Erziehungsarbeit akribisch genau aufgeteilt. Nach der Geburt von Vincent vor fünf Jahren hat Meta sich für insgesamt zehn Jahre wegen Kinderbetreuung beurlauben lassen. Das Gehalt, das Heiner nun als Dozent an der religionspädagogischen Fachakademie verdient, reicht der Familie aus. Das hat allerdings Meta entschieden. Heiner wäre es lieber gewesen, wenn sie nach den drei Jahren Elternzeit wieder an der Schule gearbeitet hätte. Dann könnten sie Rücklagen für die Renovierung des Hauses und für die Ausbildung von Jonathan bilden.

Meta schreibt freiberuflich für verschiedene Zeitschriften populärwissenschaftliche Beiträge, meist zu sozialen Themen. Sie hat Sport, Französisch und Soziologie studiert. Zusammen mit den Erfahrungen durch die Erziehung der eigenen Kinder hat sie genug Hintergrund für die Artikel in den drei Magazinen, bei denen sie unter Vertrag steht. Und Meta arbeitet vorrangig abends: von zwanzig Uhr bis Mitternacht. Seit einem halben Jahr absolviert sie ein medienwissenschaftliches Zusatzstudium mit dem Ziel, vielleicht auch noch mit Mitte vierzig in den zunehmend aufkommenden Online-Journalismus einsteigen zu können. Vielleicht würde in der verbleibenden Zeit des Sonderurlaubs eine berufliche Umorientierung gelingen.

________

Bitte Spendenbescheinigungen und Quittungen zusammenstellen steht in großen Lettern auf einem Papier, das Meta mitten auf Heiners Schreibtisch gelegt hat. Die riesigen Buchstaben signalisieren Dringlichkeit. Metas Aufforderung, es heute und nicht morgen zu tun, ist unmissverständlich. Allein an ihm hängt es, ob die Familie in den nächsten Wochen über den stattlichen Betrag einer Steuerrückerstattung verfügen kann und die längst überfällige, neue Esstischgruppe kaufen kann oder nicht. Das liest Heiner alles mit, obgleich es nicht auf dem Papier steht.

Als er dann am frühen Abend die Kontoauszüge nach Posten für die Steuererklärung durchsucht und die entsprechenden Abbuchungen markiert, stößt er im November des Vorjahres auf den Mitgliedsbeitrag für die Partei. Die erste Zeit nach seinem Parteieintritt im Frühjahr war er überrascht gewesen, dass kein monatlicher Beitrag abgebucht wurde, daran kann er sich noch erinnern. Im November war dann nach mehr als einem halben Jahr die erste Zahlung fällig. 1256 Euro auf einen Schlag, rückwirkend für acht Monate, da musste er schon ein wenig schlucken. Beiträge für politische Parteien sind steuerlich absetzbar, das fällt Heiner nun ein und er markiert auch diesen Posten. Wenn er Meta den Kontoauszug für die Einkommenssteuererklärung geben würde, könnte er von dem hohen Mitgliedsbeitrag noch etwas zurückerhalten.

Aber viel wichtiger ist etwas ganz Anderes: Vielleicht ist dies die schon lange gesuchte Gelegenheit, Meta über seine politischen Aktivitäten zu informieren. Er würde den Kontoauszug einfach unter all die anderen Belege auf ihren Schreibtisch legen.

„Heiner, was ist das denn?“ Die Frage von Meta ist nachdrücklich gestellt. Sie steht mit einem Kontoauszug in der Tür seines Arbeitszimmers und lehnt sich an den Rahmen. Sie sieht ein Grinsen, das Heiner immer dann zeigt, wenn er etwas vor ihr verborgen hat.

„Seit wann bist du denn Mitglied einer Partei?“

„Schon seit fast einem Jahr.“

Meta schaut ihren Mann an, ohne ein Wort zu sagen. Um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen, spricht sie zunächst lieber über die finanztechnische Seite der Angelegenheit. Sie legt den Kontoauszug auf Heiners Schreibtisch.

„Und das ist der Mitgliedsbeitrag? 1256 Euro? Das kann doch gar nicht sein. Das ist ja verdammt viel. Das sind auf das Jahr gerechnet fast 2000 Euro. Ist das richtig abgebucht? Müssen das nicht eher 200 Euro sein?“ Meta hat sich bislang noch nie dafür interessiert, was eine Parteimitgliedschaft kostet.

„Das ist schon richtig so. Das liegt daran, dass ich vergleichsweise viel verdiene“, erklärt Heiner. „Der Betrag ist in einer Tabelle festgelegt. Da kann ich jetzt erst mal nichts machen.“

„Fast 2000 Euro im Jahr“, Meta zieht die Stirn kraus. „Ist es dir das wert?

„Natürlich ist es mir das wert.“

Meta hält einen Augenblick inne und sagt für Heiner vollkommen überraschend: „Dann ist es ja okay.“

________

Zwei Monate später erfährt Meta, wiederum nebenbei, dass Heiner im Juni sogar zum Kreisvorsitzenden seiner Partei gewählt worden ist. Heiner hatte den Beitrag im Stadtanzeiger mit einem gelben Leuchtmarker umrandet, damit Meta ihn beim Durchblättern der Zeitung entdecken würde.

Sie sitzen gemeinsam noch beim Frühstück, nachdem die Kinder bereits zur Schule und in den Kindergarten gegangen sind. Er beobachtet, wie Meta reagiert, als sie den kleinen Artikel entdeckt.

Erstmals Doppelspitze gewählt

(red) Heiner van der Velden (47) ist neben Anja Kanter (40) zum Kreisvorsitzenden der Partei gewählt worden. Der Dozent an der Fachakademie für Religionspädagogik ist erst seit einem Jahr Parteimitglied. Anja Kanter, bereits seit vier Jahren Kreisvorsitzende, wird in ihrem Amt bestätigt. Der Kreisverband umfasst auch die Region zwischen Karlsburg und Oberhausen und verbucht eine steigende Anzahl an Mitgliedern. Ziel der politischen Arbeit ist der Einzug in die Stadtparlamente und Gemeinderäte bei der Kommunalwahl im kommenden Jahr.

Meta lässt die Zeitung sinken: „Was ist das denn?“

„Eine Überraschung“, sagt Heiner und grinst. „Die Pressemitteilung ist übrigens von mir. Wörtlich abgedruckt.“

Meta lächelt ihren Mann an: „Was ist denn ein Kreisvorsitzender?“

„Ein Kreisvorsitzender ist der Chef des Kreisverbandes.“

„Wie kommt es denn dazu?“

„Die haben mich einfach vorgeschlagen und da habe ich nicht Nein gesagt.“

Ein bisschen überrascht war Heiner schon gewesen, als Anja ihm nach erst einem Jahr Parteizugehörigkeit anbot, mit ihr zusammen für den Vorsitz im Kreis zu kandidieren. Man wolle erstmalig eine Doppelspitze erproben. Adrian stand nicht zur Verfügung, weil er definitiv wegziehen würde. Es war so gut wie sicher, dass er eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität Berlin erhalten könnte. Er wartete nur noch auf die schriftliche Zusage und wollte gerne zum kommenden Wintersemester wechseln.

Alle anderen aktiven Mitglieder konnte sich Heiner ehrlich gesagt nicht so recht als Kreisvorsitzende vorstellen. Deshalb war das Angebot von Anja wohl überraschend, aber nicht unverständlich.

„Außerdem können wir auch eine Aufgabenteilung machen. Ich erledige das Organisatorische und du machst die kommunalpolitischen Inhalte“, schlug Anja Heiner vor, als dieser anfangs zögerte.

Mit einer internen Aufgabenverteilung konnte Heiner aber ganz gut leben. Er kannte sich mit Parteisatzung und Parteirecht noch nicht besonders gut aus. In der Stadtpolitik war er allerdings sehr versiert und die kommunalpolitischen Themen waren ihm leicht zugänglich. Er hatte im Gegensatz zu den anderen in der Politikgruppe den Vorteil, seit fünfundzwanzig Jahren hier zu leben und seit dieser Zeit die politische Entwicklung in der Stadt mit Interesse zu verfolgen.

„Anja und Adrian kennen sich hier überhaupt nicht aus. Ich glaube, die lesen nicht einmal die Tageszeitung“, fasst Heiner nun seinen Eindruck zusammen.

„Das gibt es doch gar nicht!“ Meta ist ungläubig. Sie hat immer noch die Zeitung in der Hand. Den kurzen Artikel zur Wahl des neuen Kreisvorstandes hat sie zwischenzeitlich noch einmal gelesen. „Man kann ja vom Stadtanzeiger halten, was man will, aber ohne auf dem Laufenden zu sein, kann man doch nicht Politik betreiben.“

„Das dachte ich eigentlich auch“, murmelt Heiner.

„Bist du dir da ganz sicher?“

„Als ich bei den letzten Treffen das eine oder andere Gespräch über Themen suchte, die aktuell in der Zeitung stehen, hat keiner reagiert. Also Anja und Adrian haben nichts dazu gesagt. Ob die anderen Zeitung lesen, kann ich nicht sicher sagen. Hilde vielleicht. Konrad ist gut informiert, aber der wird zurzeit von Hilde so sehr ins Visier genommen, dass er nicht mehr an den Treffen der Kreisgruppe teilnimmt.“

„Ich kann mit den Namen ja nichts anfangen. Du hast mir im Grunde doch noch nichts erzählt.“

„Das stimmt!“, lacht Heiner. Ich lade die Leute mal hierher ein, dann kannst du sie kennenlernen. Die sind eigentlich ganz nett.“

Kapitel 4

Nachdem Heiner nun im Mai zusammen mit Anja zum Kreisvorsitzenden gewählt wurde, nimmt er sich vor, der Parteiarbeit mehr Struktur und ein inhaltliches Profil zu geben. Diskussionen sind ihm im ersten Jahr seiner Mitgliedschaft ein wenig zu kurz gekommen.

Heiner hat deshalb vorgeschlagen, dass sich eine Arbeitsgruppe zur Entwicklung eines kommunalpolitischen Programms separat bei ihm zu Hause trifft. In der Privatwohnung könne man seiner Einschätzung nach politische Inhalte besser erarbeiten. Man habe mehr Ruhe und bei Bedarf einen Computer mit Internetzugang zur Verfügung. Die Wahlen zum Stadtparlament seien in einem Jahr, das Programm müsse schon deutlich vorher fertig sein. Anja, Adrian, Hilde und Benedikt haben sich für diese Arbeitsgruppe gemeldet.

Weil niemand den Weg kennt, hat Heiner angeboten, beim heutigen ersten Treffen alle mit dem Auto vom Bahnhof in der Stadt abzuholen und wieder zurückzubringen, weil ins Binsbachtal abends kein Bus mehr fährt.

Im Auto wurde es dann ein wenig eng, weil Anja wieder Desideria zum Treffen mitbringen musste. Desideria, genannt Dessy, ist das Kind von Olga, Anjas Mitbewohnerin in der Frauen-WG. Wahrscheinlich übernimmt Anja für die Architektin die Betreuung der mittlerweile einjährigen Tochter. So denkt Heiner sich das wenigstens. Solange Anja allerdings nicht von sich aus erzählt, weshalb sie die Tochter ihrer WG-Partnerin so häufig betreut, dass das kleine Kind seit ungefähr einem halben Jahr auch bei den Abendterminen der Partei immer dabei ist, wird er nicht nachfragen. Für die anderen aus der Parteigruppe scheint die Anwesenheit des kleinen Mädchens kein Problem zu sein.

Für Heiner schon. Er mag es überhaupt nicht, wenn kleine Kinder überall mitgenommen werden, wo sie sicherlich nicht hingehören. Seit Dessy laufen kann, sind die Treffen in der Gaststätte Zum alten Bahnhof sehr anstrengend geworden. Die Kleine quengelte natürlich, wenn Anja sie zu lange auf dem Schoß halten wollte. Anja musste dann mit ihr durch die Gaststätte gehen, weil die Einjährige einfach noch unsicher auf den Beinen ist. Das war für die Raucher im Kreisverband dann wiederum eine willkommene Gelegenheit, eine Pause zu machen. Viel geschafft haben sie in den letzten beiden Monaten nicht.

Aber heute geht es ja. Dessy sitzt bei Anja auf dem Schoß und spielt mit einem Kugelschreiber, den sie in den speckigen Händchen dreht und zur Abwechslung immer wieder auf die Tischplatte plumpsen lässt.

Unbeeindruckt vom eigentlichen Anlass der Arbeitsgruppe Kommunalwahlprogramm hat Anja den Tagesordnungspunkt Organisatorisches vorgeschlagen und bespricht wie selbstverständlich die Planung der nächsten Kreismitgliederversammlung.

„Ich werde gucken, dass ich die Kuverts für die nächste Sitzung zusammenhabe. Am besten kaufe ich die im Großhandel, dann können wir Geld sparen. Ich werde fünfhundert besorgen, dann reicht das für eine Weile. Wenn wir siebzig Briefe eintüten wollen, brauchen wir drei Leute, schätze ich mal. Ich mache auf jeden Fall mit. Addi hat bestimmt Zeit – und der Uwe auch.“ Sie lacht. „Da trinken wir mal wieder ein Bierchen zusammen! Als Adresse für den Kreisverband gebe ich am besten meinen Wohnsitz an, Heiner hat sicher nichts dagegen. Es bringt ja nichts, wenn wir beide Adressen angeben, selbst wenn wir zwei Kreisvorsitzende haben. Ich nehme dann einfach die Tagesordnung vom letzten Mal und mache das Datum anders. Der Rest bleibt doch eigentlich gleich. Ich hoffe, ich habe die Datei noch im PC. Aber du, Addi, müsstest die doch auch noch haben. Kannst du mir die zuschicken? Ich mache das morgen Abend. Ich hab‘ so eine Unordnung auf meinem Rechner, dass ich da manchmal gar nicht weiß, wo ich was habe. Irgendwie kriege ich da keinen Plan rein ...“

Je länger Anja sich selbst für die Einladungen zur nächsten Kreismitgliederversammlung motiviert, sich Anweisungen gibt und ihre einzelnen Arbeitszirkel aktiviert, umso mehr stellt sich für Heiner die Frage, was dabei herauskommen wird. Er kennt niemanden, der zum Eintüten von siebzig Einladungen drei Personen braucht. Als er sich vor ein paar Jahren gegen die Bebauung im Binsbachtal engagierte, haben sein Nachbar Rainer und er vierhundert Hauswurfsendungen an einem Abend in Briefkästen verteilt. Das war Minimum!

Heiner gibt sich einen Ruck, setzt sich aufrecht hin und drückt den Rücken gegen den neuen Schwingstuhl. Die Lehne gibt nach und federt seine Ungeduld genau drei Mal ab. Heiners Gesichtsausdruck zeigt verstellte Neugier. Es gilt jetzt, eine Atempause Anjas für eine Zwischenbemerkung abzupassen. Er weiß nicht, wie es gelingen soll, von der verkomplizierten Organisation zu den Vorarbeiten für ein Kommunalprogramm zu kommen, ohne Anja vor den Kopf zu stoßen. Denn eigentlich ist dies hier keine Vorstandssitzung.

Es gibt immer wieder Parteitreffen, da findet Anja kein Ende und füllt den Raum mit Sätzen, die für niemanden bestimmt sind, die aber all die entlasten, die eigentlich nichts oder fast nichts sagen wollen. Und das sind außer Heiner im Grunde alle anderen hier am Tisch.

Zum Beispiel Hilde. Hilde heißt eigentlich Brunhilde Braun.

„Da haben sich meine Eltern so einen arischen Scheiß ausgedacht, aber einen Namen kriegst du im Grunde nicht mehr los. Also bitte absolut nie Frau Braun, nie Brunhilde, sondern immer einfach nur Hilde.“

So hatte sie sich vorgestellt, als Heiner Hilde bei den ersten Treffen vor einem Jahr aus Höflichkeit und Respekt vor dem Alter gesiezt hatte. Er schätzte sie ein bisschen jünger als seine eigenen Eltern, vielleicht ist sie siebzig Jahre alt. Geboren kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Da kann einem schon passieren, dass die Eltern es bei der Namenswahl mit dem Deutschtum übertrieben haben.

Hilde hat allerdings alles abgelegt, was konservativ oder traditionell anmutet. Sie trägt mit ihren langen Röcken, den bunt bestickten Jacken und den selbst hergestellten Filzhüten auf ihrem krausen Haar deutlich nach außen, dass sie unkonventionell und vor allem kunstbegeistert ist.

Hilde schweigt zu allen politischen Themen, außer es geht um den Stadtteil Tiefensee, in dem sie wohnt. Oder es kommt die Rede auf Personen, die sie kennt. Warum Hilde sich für die Arbeitsgruppe, die eigentlich das Parteiprogramm für die gesamte Stadt erarbeiten soll, überhaupt gemeldet hat, weiß Heiner nicht.

Während des Monologs von Anja macht Hilde sich einen umfassenden Eindruck von Heiners Lebensstil. Jedes Kochbuch im Regal, jedes Glas in der Vitrine und sogar die Etiketten der Getränkeflaschen auf dem Tisch tastet sie mit den Augen ab. Mit der Hand streicht sie über das geölte Buchenholz des Esstisches und inspiziert, lange rechts und links neben sich schauend, die petrolfarbenen Lederstühle der neuen Essgruppe. Versonnen in diese Betrachtungen hat sie von Anjas Ausführungen zu den Einladungen und zum Infostand nichts mitbekommen.