Hirnsturm - David Ritzmann - E-Book

Hirnsturm E-Book

David Ritzmann

0,0
3,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

"Die Dunkelheit ist nicht vollkommen, mehr ein Zwielicht. Strukturen sind erkennbar, Rundungen. Ich laufe durch die Substanzlosigkeit. Ich laufe, weil ich laufen muss. Weil ich laufen kann. Etwas vibriert in der Dunkelheit, durchbricht die Stille. Erst nur als Ahnung wird es mit jedem Schritt stärker. Ich laufe. Ich bewege mich vorwärts, obwohl es keinen Boden gibt, nichts zum Orientieren, zum Abstoßen. Die Vibration wird zum Stakkato. Töne? Nur zu erahnen. Es ist nicht warm und nicht kalt, nur windig. Ja, es sind Töne. Ich kenne sie, beginne sie einzuordnen. Ich laufe. Ein Blitz durchzuckt die Leere und erhellt es. Ein Massiv, ein Gigant, eine Sturmfront rast. Auf mich zu, schwarz und wütend, und verschluckt mich. Glocken." Humorvoll und bissig zeigt der Autor in sieben Kurzgeschichten, dass dunkel und hell sich nicht ausschließen müssen, dass man ab und zu mal seine Wohnung saugen sollte und dass Alltag und magischer Realismus gut zusammenpassen. Illustriert mit Grafiken des Autors.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Einsicht

Ruhe bitte!

Aufstehen

Alles gesehen

Kunst

Der Macke

Sonntag

Kegeln

Briefträger

Impressum

Hirnsturm

Kurzgeschichten

David Ritzmann

2023

Für alle, die da sind.

Auch wenn es schwierig ist.

Oder ich es bin.

Einsicht

Die Dunkelheit ist nicht vollkommen, mehr ein Zwielicht. Strukturen sind erkennbar, Rundungen. Ich laufe durch die Substanzlosigkeit. Ich laufe, weil ich laufen muss, weil ich es kann. Etwas vibriert in der Dunkelheit, durchbricht die Stille. Erst nur eine Ahnung, wird es mit jedem Schritt stärker. Ich laufe. Ich bewege mich vorwärts, obwohl es keinen Boden gibt, nichts zum Orientieren, zum Abstoßen. Die Vibration wird zum Stakkato. Töne? Nur zu erahnen. Es ist nicht warm und nicht kalt, nur windig. Ja, es sind Töne. Ich kenne sie, beginne, sie einzuordnen. Ich laufe. Ein Blitz durchzuckt die Leere und erhellt sie. Ein Massiv, ein Gigant, eine Sturmfront rast auf mich zu, schwarz und wütend, und verschluckt mich. Glocken.

Frank schreckte auf. Er atmete tief ein und aus, orientierte sich. Er war immer noch hier. Zitternd fuhr er sich mit der Hand durch die Haare. „Jetzt träume ich schon davon.“ Dieser Tag war lang gewesen. Vielleicht war er einfach übermüdet. Ein letzter Termin. Er stand seinem teuer aussehenden Sessel auf, den er von seinen Eltern übernommen hatte, atmete noch einmal tief durch und ging in die Teeküche. Die Absätze seiner Anzugschuhe hallten auf dem Parkett. Quietschende Sohlen konnte er nicht ausblenden. Man wirkte immer irgendwie unseriös und trottelig. Daher waren seine Lieblingssneakers für ihn im Moment keine Option. Sie entsprachen seinem Wesen mehr, seiner nach außen getragenen Kumpelhaftigkeit, seinem Gefühl, nicht zu den Mittelalten zu gehören, die den Eindruck vermittelten, als wäre ihre Persönlichkeit komplett mit ihrer Steuerberatertätigkeit verschmolzen. „Wäre ich ein guter Steuerberater geworden?“, fragte er sich leise, als er den Wasserkocher auf 80 Grad stellte. Er hielt nach dem losen Grüntee Ausschau, den er angeschafft hatte, der aber ständig an einem anderen Ort wieder aufzutauchen schien. „Ich glaube, in Kanzleien verschwindet noch mehr Tee. Viel zu viele Leute“, dachte er.

Der dampfende Tee bedeutete Ablenkung und Vertrautheit. Nur noch ein Termin war heute angesetzt. Er schaute aus dem Fenster auf den Prinzipalmarkt und die Lambertikirche. Der Himmel war wolkenverhangen und doch waren viele Touristen, Radfahrer und Einheimische unterwegs. Sie erfreuten sich an den in der fortschreitenden Dämmerung hell erleuchteten Giebelhäusern. Die Stadt feierte sich, wie an jedem Freitag im Sommer, Musik drang an Franks Ohren, die Fahrräder rappelten über das Kopfsteinpflaster, es lag eine Gelöstheit in der Luft. Ein letzter Termin. Sein Leben war sehr glatt gelaufen. Eine Entscheidung griff in die nächste, wenig wurde revidiert, er hatte sich nicht verirrt, war nicht verloren gegangen. Ein Ziel zu haben, war trivial – es über die Zeit zu behalten, das war der Schlüssel. Der Schlüssel zum Ankommen und der Schlüssel zu den Räumen mit dem wundervollen Blick und dem durchaus ansprechenden Ambiente inklusive eines Bodens aus Echtholz.

Auf dem Weg zurück in sein Zimmer grüßte ihn sein Kollege nett. Vielleicht war er es, der immer den Tee verlegte. Unwichtige Details. Pedanterie passte auch nicht zu Lockerheit und legerem Gang. Er ließ sich wieder auf den Sessel fallen und wartete. Wenn der Kunde kam, konnte er ihn mit einer Fernbedienung hereinlassen. Das war sehr bequem und außerdem auch irgendwie futuristisch. Das gefiel ihm. Er fühlte sich am richtigen Ort. Es war alles nicht so dramatisch. Viele Menschen in seinem Alter, auch viele Bekannte und Freunde, stellten sich die Frage, was denn im Leben noch kommen sollte. Frank hatte diesbezüglich keine Illusionen und auch eine Antwort auf die „Currywurst mit Pommes“ der Midlife-Crisis-Zweifel: Er würde so weitermachen wie bisher und versuchen, sein Geschenk einzusetzen – so gut es eben ginge. Wenn es dabei für mehr Klienten in eine andere Richtung ging als vor die Wand, war das schon mal eine positive Veränderung des Status quo, sein Fußabdruck im Universum.

Es klingelte und Frank drückte den Knopf auf der Fernbedienung. Wenig später saß Marie Stolze vor ihm. Sie war bereits seit ein paar Wochen seine Klientin und sie hatten sich schon ganz gut kennengelernt. „Frau Stolze, wie war Ihre Woche?“, fragte Frank routiniert. „Was soll ich sagen? Ich fühle mich weiterhin blockiert, eingesperrt in meinem eigenen Leben. Es ist, als würde ich das Gefängnis nicht verlassen wollen, das ich selbst gebaut habe. Es frustriert mich, weil ich Zeit verschwende mit unsinnigem, langweiligem Quatsch, um einfach irgendwas zu tun.“ Frank hörte aufmerksam zu, obwohl Marie nichts Neues erzählte. Dies war das Anliegen, mit dem sie zu ihm in die Praxis gekommen war. „Worüber sollen wir heute sprechen? Ist dies Ihr Fokus oder möchten Sie etwas anderes thematisieren?“ „Ich mache das zwar nicht zum ersten Mal, aber eigentlich sollten Sie mir doch sagen, was wir besprechen sollten, oder etwa nicht?“ Frank hatte dies erwartet. Es war schon in den ersten Wochen ersichtlich geworden, dass Marie gerne die Verantwortung für die Dinge auf andere abwälzte.

„Haben Sie mitgebracht, um was ich Sie gebeten habe?“, fragte Frank. Marie kramte in ihrer Tasche und legte nacheinander ein Bild ihrer Familie, eines ihrer Eltern, ihr Studienzeugnis, ein Bild ihres liebsten Platzes in ihrer Wohnung und ihre letzte Gehaltsabrechnung auf den Tisch. „Ich finde es schon sehr merkwürdig, was Sie hier machen. Die Sitzungen werden aber schon von der Kasse übernommen? Nicht, dass ich hier für einen Quacksalber meinen Jahresurlaub riskiere.“ „Die Zeche wird gezahlt. Sie haben mir jetzt Objekte und Dokumente mitgebracht, die eine hohe Relevanz in Ihrem Leben haben. Eine Aufstellung dieser Dinge kann uns bei der Therapie sehr helfen.“ Frank nutzte diese Lüge bereits seit ein paar Jahren. Die Gegenstände halfen bei der Therapie, aber nicht so, wie er es gerade erklärt hatte. „Wir werden sie nun sortieren. Ordnen Sie sie so an, wie Sie möchten. Es gibt keine Regeln, seien Sie völlig frei in dem, was Sie jetzt tun.“

Während er die vermeintliche Aufgabe erklärte und Marie widerwillig anfing, sah er sich die Dinge auf dem Tisch genau an. Leider wurde ihm schnell bewusst, dass die heutige Sitzung nicht den Durchbruch bringen würde. Die Bilder und die Dokumente waren alle klar, es gab keine Verzerrungen, keine dunklen wolkenähnlichen Gebilde auf ihnen. Dies bedeutete, dass er weitersuchen musste. Während der etwas quälenden Sitzung, die ja offensichtlich ineffektiv war, schweiften Franks Gedanken ab.

Zunächst hatte er natürlich nicht verstanden, warum er auf einmal Dinge sah, die wie von Wolken verhangen wirkten. Es war ein Schock gewesen und er hatte zunächst eine organische Ursache vermutet, sodass er die nächsten Monate die große Rundfahrt der Augenärzte und Neurologen machte. Die Ärzte führten ihre Untersuchungen durch, fanden keinen körperlichen Auslöser und diagnostizierten eine psychosomatische Störung. Frank nickte diese Befunde freundlich ab. Er hatte lange genug mit Medizinern zu tun gehabt, um deren Abneigung fehlender Diagnosen gegenüber zu kennen. Anstatt sich einzugestehen, keine Ursache gefunden zu haben, griff man nur zu gerne auf die Krücke der Psychosomatik zurück. So war das eigene Ego zufriedengestellt und es konnte eine stationäre Rehamaßnahme empfohlen werden. Frank bildete sich allerdings ein, als Fachmann auf diesem Gebiet einschätzen zu können, dass seine Beschwerden anders gelagert sein mussten. Auch ihm gelang es aber nicht, eine Erklärung für seinen Zustand zu finden und so blieben die Symptome unverändert. Kinder von Freunden waren wie durch einen dicken Nebel verborgen, bei einigen Menschen, die ihm beim Einkaufen entgegenkamen, war das Gesicht wolkenverhangen. Es gab Abendessen bei Freunden, bei denen er die neue Freundin, die vorgestellt wurde, nicht erkennen und sich daher nur auf die Stimme verlassen konnte. Er war der Verzweiflung nahe, es gab keine Erklärung in der Fachliteratur, aber er weigerte sich, sich einfach pauschal Geisteskrankheit zu bescheinigen. Frank ging zielstrebig weiter seinen Weg, machte seine Arbeit mit sichtbaren oder teilweise unsichtbaren Patienten und versuchte, eher wenig unter Menschen zu sein, wenn er nicht arbeitete. Meditation war ein Mittel zur Ablenkung. Auch in ausgedehnten Spaziergängen durch Wälder sah er nur Wolken am Himmel, wo sie auch hingehörten.

Eines Tages, in einer Sitzung, kam ihm die Erkenntnis. Vor ihm saß Bettina Krange. Sie war bereits therapieerfahren und hatte immer wieder Rückschläge hinnehmen müssen. Heute präsentierte sie sich als eine einzige Wolke, die sich sanft im nicht vorhandenen Wind bewegte. Farblich war sie eher dunkel. Hätte man die Wolke am Himmel erblickt, so hätte man sich gefragt, ob es vielleicht bald einen Schauer geben würde. Bettina Krange verschwand in ihr, nur die obere Hälfte ihres Gesichtes war zu sehen. Die Szenerie hätte eine merkwürdige, surrealistische Schönheit haben können. Doch Frank war abgelenkt und versuchte, wie üblich vergeblich, zu ergründen, warum sich eine Sturmfront in seinem Zimmer aufbaute. Warum war sie fast gar nicht sichtbar, während andere Menschen doch kristallklar waren? Was war besonders an ihr? Bei seinen Klienten beobachtete Frank tendenziell häufiger Wolken oder Nebel als bei Menschen auf der Straße. Bei alltäglichen Besorgungen konnte es durchaus passieren, dass Frank sich auf dem Weg der Besserung wähnte. Ein Besuch beim Friseur konnte ohne Zwischenfälle ablaufen, bis die Ladenklingel erklang und sein ganz persönliches schlechtes Wetter ihn wieder heimsuchte. Irgendwann hatte er angefangen, methodisch an seine Erscheinungen heranzugehen. Nicht alle Klienten waren verhüllt, manche kamen klar zu ihm. Aber manchmal waren es dann persönliche Gegenstände, die im Dunstschleier verschwanden. Bei einem seiner nächtlichen Besuche im Fitnessstudio kam Frank die Erleuchtung, auch wenn sie noch so absurd erschien. Vielleicht sollte man für absurde Dinge auch absurde Erklärungen finden? Frau Krange war seit Jahren Bulimikerin. Sie hatte erhebliche Schwierigkeiten, dauerhaft gesund zu werden und die Krankheit unter Kontrolle zu behalten. Bulimiker erkranken aus einem übergeordneten Grund: Weil sie ein Problem mit ihrem Körper haben. Frank war alles auf einmal offensichtlich. Die Erkenntnis veränderte vieles. Natürlich spürte er weiterhin ein großes Unbehagen, da er sich sehr sicher war, dass das bei ihm vorkommende Phänomen jeglichen wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprach und er sich nicht dem Paranormalen empfänglich zeigen wollte. Außerdem erzeugte es einen gewissen Druck. Warum hatte Gott, Buddha, Allah, der große Manitu oder das fliegende Spaghettimonster gerade ihn ausgewählt? Oder war es eine Mutation? Wie weit war das nächste Atomkraftwerk entfernt? Aß er zu viel Mikroplastik? Er wähnte sich manchmal wie in einem billigen Dreigroschenroman. Ein Therapeut, der auf einmal Stressfaktoren sehen kann? Vielleicht ist jeder Mensch ein wenig ein Abziehbild von irgendetwas, unoriginell und platt, jeder auf seine eigene Weise. Aber Klischees kann man ja nutzen. Es wäre nur fair, die ihm zugedachte Gabe sich und seinen Patienten zugutekommen zu lassen. Die Ambivalenz, die wohl jeder Therapeut in seinem Leben spürt, könnte dadurch ja nur geringer werden. Zumindest ging er in den ersten Monaten mit dieser Hoffnung in die Gespräche mit immer herausfordernderen Patienten. Dabei wurde ihm bereits zu Beginn klar, dass er sein stürmisches Gehirn – oder besser Auge – für sich behalten musste, wenn er als Therapeut weiterhin ernst genommen werden wollte. Er wollte es unbedingt verhindern, in die Esoterik-Ecke gedrängt zu werden, um anschließend der Held der Impfgegner, der Echsenmenschen oder sonstiger weit in die alternative Faktenlage abgedrifteten Menschen zu werden. Und es könnte noch schlimmer kommen: Sollten Menschen auf ihn aufmerksam werden, die nach einer spirituellen Heimat suchten, würde er wohl bald in einem Talar auf Marktplätzen predigen müssen. Vielleicht könnte er weiterhin Sneakers tragen, aber vor lauter Gebeten und Handauflegen hätte er vermutlich keine Zeit mehr für Tee oder Kinogänge. Unter dem Radar, hinter dem Rücken, fern der Blicke bleiben, dann würde das Leben auch kein Kreuz werden. Die Ambivalenz aber blieb.

Es stellte sich heraus, dass es keinen Unterschied machte. Auch mit der Erleuchtung, die er stets über einen Zeitraum von mehreren Wochen sorgfältig narrativ vorbereitete, kam es immer auf den Patienten persönlich an. War er oder sie in der Lage, die Problematik anzuerkennen, oder wurden Augen verschlossen, wurde mit Wutanfällen reagiert und wurden Türen zugeknallt? Gab es eine wirkliche Bereitschaft, sich zu ändern? Dies war etwas, was Menschen grundsätzlich schwerfiel, egal ob man wusste, was einem mehr Erfüllung oder Linderung verschaffen würde oder nicht. Die Mauer, die viele Patienten aus Angst, Sorgen, zu Schluchten gewordenen ausgetretenen Wegen und Ausreden aufgebaut hatten, wurden auch nicht weniger bedrohlich, wenn man ihnen eine Spitzhacke bereitstellte. Die Armee der Unglücklichen war oftmals nicht bereit, das Werkzeug in die Hand zu nehmen. So blieben seine Erfolge im Rahmen, hatten keine großartige statistische Anomalie und er hatte weiterhin Langzeitpatienten, deren Zustand sich nicht nennenswert verbesserte.

Marie war gerade wieder an einem Punkt angekommen, wo sie offensichtlich die Möglichkeit der Flucht in Betracht zog. „Man könnte ja eine Weile weg von hier gehen, am besten eine Rundreise durch China, Südostasien, die USA oder Südamerika. Damit ich endlich mal rauskomme hier, mich neu entdecken kann und frei bin von allem.“ Frank schaute von den Notizen auf, die er sich gemacht hatte. „Das haben Sie bereits probiert. Ich erinnere Sie an die Freiwilligenarbeit in Afrika. Dort haben Sie die Erfahrung gemacht, dass Sie sich selbst mitnehmen. Sie nehmen sich überall hin mit. Da haben Sie glücklicherweise keine Wahl, ansonsten wären Sie schizophren und das würde ich Ihnen nicht wünschen.“ Wie so oft in den letzten Sitzungen setzte nun eine gewisse Verzweiflung ein. Wie sollte man denn diesem Unglück anders entkommen, als zu fliehen? Ihre Dämonen holten sie immer wieder ein. Das Problem war allerdings, dass Fliehen Kondition erforderte – und diese war endlich. Man konnte nicht unendlich laufen, man musste irgendwann rasten. Frank schaute auf die Uhr an der Wand. Es war bereits wieder eine Stunde vergangen, die letzte Sitzung dieses Tages war beendet. „Frau Stolze, wir müssen noch etwas Organisatorisches besprechen. Es gab ein kleines Problem in meinem Computersystem, ich nenne es mal ganz aufregend einen Hackerangriff. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass ich manchmal die falschen Tasten drücke. Geben Sie mir Ihre Versichertenkarte? Ich gehe dann kurz ins Büro zum Einlesen.“ Er stand auf und verließ das Zimmer. Sein Atem ging schnell und stoßartig. Franks Nervensystem schien auf einmal fokussiert, ähnlich wie Rettungssanitäter es manchmal bei komplizierten Einsätzen beschrieben. Er hatte etwas gesehen. Konnte es sein? Langsam, einen Fuß vor den anderen bewegte sich Frank vorwärts. Seine Schritte hallten auf dem Parkett. Die Praxis war ruhig. Feierabendstimmung. Einen Fuß vor den anderen. Er war am Ziel. Langsam drehte er sich zum Spiegel um.

Frank kehrte in sein Behandlungszimmer zurück, ohne die Karte eingescannt zu haben. Er konnte sich in diesem Moment nichts Unwichtigeres vorstellen. Mit einem warmen Blick schaute er zu Marie Stolze hinüber. „Ich glaube, wir sind hier am Ende. Ich kann Ihnen nicht helfen. Für die Zukunft wünsche ich Ihnen alles Gute!

Ruhe bitte!

Die Drohne muss ganz ruhig gehalten werden. Luftaufnahme des Hauses. Langsam senken jetzt, ganz sachte Richtung Boden. Vorsicht mit den Ästen der Tannen im Garten! Immer weiter nach unten bis vor das große Panoramafenster im Wohnzimmer. Und … stopp.

Er schaut hinaus. Es beruhigt, hinauszuschauen. Die Alternativen zum Hinausschauen sind außerdem eher rar, daher steigt das Hinausschauen im Stellenwert. Das große Fenster hilft dabei, viel zu sehen. Zumindest viel davon, was man sehen kann, was nicht gigantisch ist auf globaler Skala. Man schaut auf eine beigefarbene Terrasse, auf der rechten Seite Gartenmöbel, hinter den Fliesen fällt der Rasen leicht zur Grenze des Gartens ab. Hinter dem Gartenzaun schlängelt sich ein Rinnsal entlang. Dahinter fangen bereits die Wiesen und Felder des Münsterlandes an. Maulwurfshügel, die er versucht hat, zu zählen, aber immer durcheinanderkommt, machen braune Tupfen auf die grünen Wiesen. Er ist stolz darauf, dass er es geschafft hat, sein Grundstück grün zu halten. Dabei schreckte er weder vor Gift noch vor Ultraschall oder Springfallen zurück. Es war eine Obsession, für die man nicht einmal vor die Tür gehen musste. Amazon lieferte einem schließlich alle Utensilien, um kleine Tiere zu bekämpfen, die eigentlich niemandem etwas taten. Aber der Rasen ist es nicht, der seine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es ist die rechteckige Aussparung in der Terrasse, die den Teich beherbergt. Schilfrohr wächst an einer Stelle. Seerosen bedecken einen großen Teil des Teiches. Sie blühen in der Saison in hellem Rosa. Goldfische schwimmen irgendwo unter den runden, grünen Seerosenblättern. Sie müssen aufpassen, dass der örtliche Reiher sie nicht frisst. Er hat ihn schon ab und zu in der Nähe beobachtet, aber noch nie auf frischer Tat ertappt. Es ist nur ein starker Verdacht. Er schaut dieses Mal aber auch nicht nach den Fischen, sondern nach seinem Freund. Er ist im schlammigen Grün des Teichwassers, der Pflanzen und des Schilfs nicht leicht zu erkennen. Man muss Geduld haben. Aber wenn Zeit inflationär vorhanden ist, dann wird auch Geduld immer verfügbarer. Man konnte aus einem Füllhorn der Geduld schöpfen, wenn einem danach war und wenn man die anderen Gedanken und Gefühle genügend in den Hintergrund gedrängt hatte. Nach dem Kraftakt kam die Stille. Nachdem er eine Weile durch seine Brille und das Fenster auf den Teich geschaut hat, findet er ihn. Er sitzt sogar relativ sichtbar auf einem Rosenblatt und sonnt sich – Amadeus, der Frosch. Langsam hebt er die alte Spiegelreflexkamera an sein Gesicht und betätigt den Zoom. Amadeus wächst und wächst und wird unschärfer, bis er den Fokus neu einstellt. Jetzt ist er ihm ganz nah, sieht seine unbeweglichen Augen, seine bebende Brust, nimmt wahr, wie feucht seine Haut ist, erkennt die Musterung auf seinem Rücken. Je länger er in seine Augen schaut, desto mehr fällt er in sie hinein, dreht sich um sich selbst und fängt an, zu schwanken. Mit seiner freien Hand versucht er, sich auszubalancieren, sucht verzweifelt nach Halt. Der Frosch nimmt die schnelle Bewegung wahr und verschwindet mit einem Satz im Teich. Der Beobachter wartet, bis der Schwindel etwas nachlässt, lässt die Kamera in den Händen sinken. Schweiß steht ihm auf der Stirn, er muss sich hinsetzen. Langsam geht er zu dem Lederdesignsessel, der neben der großen Eckcouch steht.

Immer wenn er das Wohnzimmer morgens betritt, kann er diesen Sessel schon riechen, bis der intensive Geruch im Laufe des Tages seine Prägnanz verliert und er sich von Neuem an ihn gewöhnt. Er lässt sich in den Sessel fallen und schließt kurz die Augen. Die Stille des Hauses umgibt ihn, durchdringt ihn. Seine Hände liegen auf dem kühlen Leder, seine Lider flattern etwas. Die Fußbodenheizung ist hoch eingestellt und wärmt wohlig seine Füße durch die Hausschuhe. Die Stille ist zu hören, das Nichts ist groß und unförmig, immer auf dem Sprung, nie zu greifen, aber immer kraftvoll präsent. Sein Gemurmel hallt wider von den Wänden, der Vitrine mit dem Silbergeschirr, der Wand mit den afrikanischen Masken, den Teppichen. Unverständlich in seiner Sprache sind nur Wortfetzen auszumachen, die vielleicht gar nichts oder aber alles bedeuten. Wie, als sei das Nichts wütend über die fehlende Kommunikation, über die fehlende Reaktion, steigert sich das Gemurmel zu Gerede, dann zu wütendem Geschrei. Die stehende Luft um ihn herum beginnt, ihn herunterzudrücken, tiefer hinein in das Leder, beginnt, seinen Körper zu beschweren, die Schwerkraft scheint sich exponentiell zu vergrößern, sein Hals, er kann nicht atmen. „NEIN“, schreit er, öffnet die Augen und springt auf. Nachdem sich der schwarze Schleier vor seinen Augen gelegt hat, schaut er sich um. Alles ist in Ordnung. Alles ist an seinem Platz. Natürlich. So war es ja auch immer gewesen. Er hatte immer darauf geachtet. „Ich gehe mal in die Küche und hole mir ein Stück Kuchen“, sagt er zu seinem Wohnzimmer und führt genau diesen Plan auch aus. Die Küche ist wie das gesamte Haus aus den verschiedenen Jahrzehnten zusammengestellt, dabei aber immer mit einem Auge für Stil. Neue Geräte wurden immer angeschafft, wenn sie sinnvoll waren und einen gewissen Luxus oder eine Erleichterung brachten. Allerdings waren die Küche, das Wohnzimmer, der Keller, der Garten, die Garage, der verfügbare Raum für Menschen gemacht. Plural. Er ist nur ein Mensch. So wurde die Spülmaschine nicht mehr benutzt, da man zu lange dafür brauchen würde, sie zu füllen. Die Räume blieben im Urzustand, seit ihre Bewohner – seine Kinder und seine Frau – sie verlassen hatten. Seine Frau hatte ihn verlassen. Nicht freiwillig. Sie wurde dazu gedrängt. Von einem Dieb gestoßen. Sie fiel und zerbrach. Und er zerbrach auch.

Er geht langsam aus der Küche, geht am Esstisch vorbei, an den Gemälden an der Wand entlang zum Wintergarten. Dort setzt er sich auf einen Stuhl aus Korbgeflecht und hofft, dass der Zucker, die Sahne, die Gewürze des Kuchens ihn ablenken von den Dramen seines Lebens, die ihn viel zu oft heimsuchten. Es war wie ein Automatismus, den sein Gehirn entwickelt hatte. Hatte es zu wenig zu tun, so nahm es sich das, was am wenigsten zu ändern war, und arbeitete sich daran ab. Wobei abzuarbeiten ja eigentlich bedeutete, dass die Arbeit irgendwann zu Ende war. Von seinem Stuhl aus kann er die Standuhr sehen, die zur vollen Stunde laute Gongs von sich gibt. Er achtet darauf, dass sie immer aufgezogen ist. Immer häufiger ertappt er sich dabei, wie er lange vor ihr steht und kontrolliert, ob die Zeiger sich wirklich noch fortbewegen, ob Zeit wirklich noch vergeht oder ob sie stehen geblieben ist. Zeit war für ihn immer wichtig gewesen. Termine hatten eingehalten, Arbeit hatte im vorgegebenen Rahmen erledigt und Urlaube hatten geplant werden müssen. Es hatte ihn immer beruhigt, dass er sich auf den Fortgang der Zeit verlassen konnte. Sie war eine Dimension, die wie das sprichwörtliche Uhrwerk verlässlich war. Sie war für ihn eine Säule in dem fragilen, eher unkonventionell konstruierten Gebäude seiner Psyche, das alles andere als erdbebensicher war. Eine weitere Säule war Arbeit. Es war klar, was erwartet wurde. Es war klar, wo man hinging und herkam, Rollen waren festgelegt.

---ENDE DER LESEPROBE---