Hirnwurm - Neva Kuczynski - E-Book

Hirnwurm E-Book

Neva Kuczynski

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Beschreibung

Rike erwacht in einer völlig anderen Wirklichkeit. Sie entdeckt Zeichen, die nur sie deuten kann und legt die Schöpfungsgeschichte neu aus. Als sie dann noch scheinbar grundlos mit voller Wucht gegen ihren Kühlschrank tritt, gibt ihr nahes Umfeld sie in die Hände des deutschen Gesundheitssystems. Hier fällt Rike durch ihr turbulentes und energiegeladenes Verhalten auf, das keine sozial konstruierten Grenzen kennt und eckt an. Während die anderen wie Zombies durch die Gänge schlurfen, entwickelt sie auf dem Schachbrett Kriegsstrategien und tritt als großer Star und Tochter Gottes vor einer versteckten Kamera auf. Sie verliebt sich in die Stationsärztin und einen heroin-abhängigen Mitpatienten und debattiert mit einem der Pfleger über die Möglichkeiten eines Lebens in Freiheit. Mit der Zeit findet sich Rike auf der Station zurecht und wird Teil dieser Gemeinschaft, in der sich niemand verstellen muss und sämtliche Masken, die mensch im Alltag auflegt, wegrutschen. »Hirnwurm« gibt das Erleben einer Psychose aus der Innensicht Rikes wieder und versucht darüber hinaus, Schwierigkeiten des Einfindens in diese Welt sowie strukturelle Missstände aufzuzeigen und das Phänomen der Psychose in seiner Bedeutung als Verlust der Vorherrschaft im eigenen Kopf einzuordnen.

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Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Kopfkrebs

Tröpfchenlust

Klinisch rein

Schmierpapier

Nachwort

Anhang

Kopfkrebs

Tag X

Freitag, 31. August 2018

„Ich bin hier, um zu beweisen, dass ich nicht verrückt bin!“, schrie ich dem Pförtner ins Gesicht. Der zuckte zusammen und blickte mich einen Augenblick lang entgeistert an.

„Nun gut … – Aber warum sind Sie dann hier?“, fragte er mich. Der Mann hatte sich erstaunlich schnell wieder eingekriegt. Anscheinend hatte er schon so einiges erlebt, hier am Empfang des IPZ, des Integrativen Psychiatrie-Zentrums; der Pforte der Psychiatrie.

„Ich habe heute Morgen gegen meinen Kühlschrank getreten und möchte das von einem Arzt untersuchen lassen“, sagte ich.

„Sie möchte hier aufgenommen werden“, fügte Anton hinzu. Er hatte mich begleitet.

„Gut … Dann folgen Sie mal dem Gang zu der Tür da hinten links entlang, da sitzt unser Arzt. Sie müssen aber bestimmt noch kurz im Wartezimmer Platz nehmen.“

Der Pförtner wies mir also den Weg. Warten musste ich nicht lange, nachdem Anton noch ein paar kurze, aber wohl äußerst eindrückliche Worte mit ihm gewechselt hatte.

Ich trat durch eine massive Holztür. Dahinter befand sich ein großer, schlicht eingerichteter Raum, in dem ein freundlich dreinblickender Mann mit dicken Brillengläsern auf einem Bürostuhl hinter seinem Schreibtisch saß und mich hieß, Platz zu nehmen.

„Erzählen Sie: Warum sind Sie hier?“ fragte er, nachdem ich die Tür geschlossen und mich gesetzt hatte. Ich blickte ihn eindringlich an.

„Mein Name ist Rike Lichtenberg. Ich kann beweisen, dass ich nicht verrückt bin. Ich habe eine neue philosophische Theorie aufgestellt. Ich habe zehn Gegenstände dabei, mit deren Hilfe ich Ihnen alles beweisen kann. Ich kann die Bibel widerlegen. Ich kann alles beweisen.“

„Was wollen Sie denn beweisen?“ fragte der Mann in einem nüchternen, aber nicht unfreundlichen Tonfall. Ich holte tief Luft. Lehnte mich zurück. Sammelte kurz meine Gedanken. Und begann meine Beweisführung.

Satanshimmel voller Geigen – Samsas Traum

https://youtu.be/EN2LHO-G11Y

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Das Abgleiten in den Wahn. Die Selbst-Vernichtung. Selbst-Auflösung. Eliminierung des Ichs. Kann das wirklich funktionieren? Kann der Geist sterben, solange der Körper noch lebendig ist?

Aber… – was ist „Geist“?

Ist „Geist“ lediglich Bewusstsein?

Und ist es das Bewusstsein meines Selbst, das mich zu einer Person macht?

Ich weiß es nicht.

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Wer sind wir, wenn wir in der Psychose sind? Bin ich wirklich noch ich, wenn sich meine Wahrnehmung plö tzlich völlig verändert? Bin ich noch ich, wenn meine Prämissen und Vorannahmen plö tzlich nicht mehr kohärent sind? Bin ich noch ich, wenn ich plö tzlich so fühle, denke und damit auch handle, wie ich es zuvor nie getan hätte? Und hätte ich genauso gehandelt und gefühlt, wenn ich ohne diese Verschiebung meiner Wahrnehmung dasselbe gedacht hätte?

Fragen, die gestellt werden wollen.

Nehmen wir uns ein wenig Zeit. Nehmen wir uns Zeit, die Vorgeschichte zu erzählen, die Rikes Geist von seiner Bahn hat abgleiten lassen. Nehmen wir uns Zeit, bis wir wieder vor der Glasscheibe des Pförtners stehen.

Es war ein Akt gewesen, hierher zu kommen. Anton hatte mich hingeschoben, den ganzen Weg, während ich auf meinem Fahrrad saß. Es hatte etwas gedauert, bis wir den richtigen Neigungswinkel zum Halten des Gleichgewichts austariert hatten, aber insgesamt hatte es dann doch irgendwann recht gut funktioniert – auch wenn es für ihn sicherlich anstrengend gewesen war. Bevor wir aufbrachen, hatte ich notdürftig noch ein paar Gegenstände zusammengekramt, von denen ich glaubte, dass ich sie benötigen würde. Klamotten nicht, ich wollte ja nicht lange bleiben, aber meine Menstruationstasse, Kopfhörer, und – was besonders wichtig war – meinen Reisepass. Auf dem Weg ins IPZ hatte ich Anton dann noch einmal halten lassen, weil eine „Zu verschenken“-Kiste mit Büchern auf der Straße stand. Darin lag ein Buch, das mir besonders geeignet schien, um meine Argumentation zu untermauern. Täglich die Angst von Manfred Theisen. Auf dem Cover war das Gesicht eines Jungen abgebildet, der sich die Hand vor die Augen hielt. Es ging um Mobbing und Gewaltspiralen, wie ich beim Überfliegen des Klappentextes feststellte. Das passte allemal. Ich steckte es in meine Hosentasche.

8 Tage vor Tag X

Mittwoch, 22. August 2018

Vor zwei Wochen waren Anton und ich mit Freunden auf einem Konzert gewesen. Ein Konzert am Strand – Punkrock – eigentlich richtig geil. Wir haben getanzt und getrunken und gelacht, ganz schön viel – zu dritt haben wir eine Flasche Gin Tonic und eine Flasche Pfeffi vernichtet. Dann, nach dem Konzert, haben wir uns auf eine alte Palette gesetzt und einen geraucht. Einen ist untertrieben. Es waren mindestens drei Joints, die rumgegangen sind.

Es kam noch eine andere weibliche Person hinzu und zu dritt (die anderen waren mittlerweile nach Hause gefahren) haben wir dann noch eine ganze Weile da rumgesessen, geredet und geraucht. Irgendwann setzte sich auch der Gitarrist der Band zu uns. Anton war zu der Zeit nachtaktiver als ich, und gegen 3 Uhr nachts war ich dann nur noch müde und hatte das Bedürfnis zu schlafen. Wieso fuhr ich nicht allein nach Hause? Ah ja. Er kannte den Weg nicht. Vielleicht ist das gelogen. Vielleicht war das auch nur diese vermeintliche Abhängigkeit in einer Partnerschaft, die sich Paare so häufig selbst auferlegen.

Also: Wir waren bekifft und besoffen an diesem Abend, berauscht und betrunken. Irgendwann konnte sich dann auch Anton aus der Situation lösen und wir fuhren mit dem Rad nach Hause. Das erste Stück zu dritt, weil wir dieselbe Richtung hatten, und dann eben nur noch zu zweit. Ich kann mich nicht mehr an diese Fahrt erinnern; sie war wohl auch nicht besonders spektakulär, ich dafür aber besonders müde.

In der WG unserer Freunde angekommen, in der wir pennten, putzte ich mir sofort die Zähne und legte mich ins Bett. Das heißt, legte mich auf die Matratze, die in der Ecke lag, und auf der immer, wenn sie frei war, Gäste übernachten konnten. Ich glaube, ich muss straight eingeschlafen sein; Anton kam wohl nur einige Minuten später hinzu. Ich merkte noch, wie er sich von hinten an mich kuschelte, und (weil ich nackt war? keine Ahnung) sein Penis steif wurde und er versuchte, von hinten meine Unterhose hochzuschieben und in mich einzudringen.

„Ich bin super müde“ oder sowas Ähnliches muss ich gemurmelt haben und rückte von ihm weg. Viel Platz zur Wand war da nicht mehr.

„Kann ich dann wenigstens meinen Penis zwischen deine Beine legen?“ fragte er.

Ich sagte „Ja“ und schlief wieder ein.

Ich wachte davon auf, dass er mit energischen, harten Stößen in mich eindrang. Es tat weh, weil ich so gar nicht erregt war, und ich wollte es einfach nicht. Trotzdem – trotz dem! – stöhnte ich und Anton machte weiter. Immer weiter; harte, schnelle Stöße. Hör auf! schrie mein Gehirn. Hör auf! Doch mein Mund sagte nichts, ich konnte die Worte nicht herausbringen, ich fühlte mich in dem Moment vollkommen fremdbestimmt. Ich wollte einfach nur schlafen; weg hier, raus aus dem Szenario! Ich wusste, es würde irgendwann aufhören und ertrug es. Ließ es über mich ergehen. Irgendwann war er dann auch fertig oder hatte selbst keine Lust mehr, und ich verfiel traumlos in den Schlaf.

„Es war eine Vergewaltigung“ sagte ich vorgestern zu ihm, am Telefon bei meinen Eltern. Ich war zu ihnen gefahren, um etwas Abstand zu gewinnen, und um zu versuchen, mich wieder auf mich selbst zu besinnen. Erst bestritt Anton, dass es eine Vergewaltigung gewesen sei, dann sprachen wir darüber, wie wir jeweils die Situation erlebt hatten, und dann schickte er mir Fotos von handschriftlichen Entschuldigungen und Versprechungen, so etwas nie wieder zu tun.

Gestern haben wir nochmal telefoniert und einigten uns auf den Terminus „uneinvernehmlichen Sex“. Jetzt würde ich es als sexuellen Übergriff bezeichnen.

Letztlich ist die Bezeichnung egal.

Fiamma’s Theme – Cracks

https://www.youtube.com/watch?v=6EObyF9KWZo

Mittwoch, 29. August 2018

Ich kam nach Hause zurück. Anton holte mich vom Bahnhof ab. In der Hand hielt er einen Strauß Blumen.

„Der ist für dich!“, sagte er, und drücke ihn mir in die Hand. Ich freute mich über die Blumen, und gleichzeitig war ich stutzig. So etwas hatte er noch nie gemacht. Nun gut, stören sollte es mich nicht.

„Wie geht es dir?“, fragte ich ihn, weil ich nicht genau wusste, was ich sonst hätte sagen sollen.

„Gut“, antwortete er. „Und dir?“

„Oooh …!“ platzte es aus mir heraus. „Ich muss dir ultra viel erzählen!“

„Na dann schieß los“, sagte er, und ich schilderte ihm, wie ich die letzte Woche erlebt hatte.

Ich erzählte ihm, dass ich die Bibel neu ausgelegt hatte. Genauer gesagt, die Geschichte mit Eva, der Schlange, und dem Paradies. Ich hatte einen Pfirsich dabei, aus dem Nachbarsgarten meiner Eltern, den wir anstelle des Paradiesapfels gemeinsam verspeisen sollten. Die ersten Menschen wollten, wie auch wir heute noch - und gerade Anton und ich sahen uns da in philosophischer Tradition - an das Innere des Apfels gelangen, den Kern, und wurden deshalb aus dem Paradies verstoßen. Weil sie sahen, dass es in Wahrheit keinen Gott gab und, darüber hinaus und stattdessen, so viel Leid und Missstände auf dieser Erde. Blaue oder rote Pille? Apfelkerngehäuse oder nicht?

Dass ich beim Rummikub-Spielen herausgefunden hatte, dass meine Mutter als Kind von ihrem Vater vergewaltigt worden war und dass sie Anton in der Familie willkommen hieße. Auch ein gemeinsames Kind von ihm und mir würde sie begrüßen, aber das sagte ich Anton nicht. Dass mein Opa nur noch zehn Tage zu leben haben würde. Und – und das war das Krasseste –, dass er das Ticken der Todesuhr oder, wie er sagte, weil er gläubig war, das Klopfen Gottes in seinem Hirn hörte. Anton war, je ausführlicher ich ihm alles erzählte, mehr und mehr verunsichert.

„Bist du sicher, Rike?“, fragte er.

„Doch! Ganz sicher!“

Als Beweis holte ich meinen Taschenkalender hervor, allerdings nur ganz kurz, und steckte ihn dann schnell wieder in meine Innentasche zurück, so wertvoll war er mir.

„Hier in diesem Kalender habe ich alles aufgeschrieben. Habe alles ausgerechnet, gerade eben erst, auf der Zugfahrt. Und es stimmt! Die Berechnungen haben es bestätigt! Alles deutet darauf hin!“

„Worauf deutet alles hin?“

„Bald, in genau einem Monat, wird hier in ^dieser Stadt irgendwas passieren. Eine große Revolte wird ausbrechen. Eine vorrevolutionäre Situation. Und dann, Anton, dann wird sich die Welt verändern! Ganz sicher.“

„Hmm …“, machte er. „Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass eine einzelne Revolte die Welt verändern kann. Und wie, bitte schön, hast du das ausgerechnet?“

„Die Zeichen sprechen alle dafür! Zumindest – zumindest wird etwas ganz Großes passieren!“

„Welche Zeichen denn?“, fragte Anton stirnrunzelnd.

„Na, alle Zeichen! Das hier auf der Erde zum Beispiel. Siehst du?“ Auf dem Boden war etwas mit Sprühkreide gemalt.

„Da: zwei parallele Linien, zwischen denen sich eine weitere Linie entlang schlängelt. Die beiden Linien stehen für die äußere Form; die Geradlinigkeit des Lebens. Allerdings gibt es zwei Ufer. Das diesseitige, man könnte auch sagen, die „äußere“ Welt, oder mit Camus „die menschliche Vernunft“, also die vielbeschworene Realität. Das andere Ufer, an der anderen Linie, ist das Jenseits. Nicht der Tod, nein – wobei sicherlich auch das möglich wäre – sondern die jenseitige „innere“ Welt. Nur wenige Menschen machen die Erfahrung, diese zu betreten; beziehungsweise, wenn sie es tun, dann nicht bewusst. Oder es ist, nach Camus, die „Unvernunft der Welt“, nach Jaspers die „Transzendenz“. Quasi das, was an den Grenzen unseres Verstandes liegt. Unsere Aufgabe ist es, zwischen diesen beiden Welten hin- und herzuwechseln – das zeigen die Schlangenlinien. Wenn wir das viel üben, gut können, und es regelmäßig tun, wie diese sinusförmigen Wellenlinien anzeigen, dann ergibt sich irgendwann eine Synthese aus diesen beiden Welten. Eine Synthese zwischen innerer und äußerer Welt. Zwischen dem Diesseits und dem Jenseits. Dann finden wir zu unserem wahren Selbst. Erkennen so viel mehr, alles, die Wahrheit!“

„Und, meinst du nicht, das kann auch etwas mit dem Hin und Her zwischen zwei Extremen zu tun haben?“, fragte Anton, und sein rechter Mundwinkel hob sich lächelnd.

„Doch!“ rief ich begeistert. Er hatte es erkannt! „Das auch! Kein gleichförmiges, regelmäßiges Leben. Sonden ein Up and Down. Ein Hin und Her.“

„Ein Ping und Pong!“, lachte er. Ich war ein wenig irritiert, aber auch begeistert über diese Assoziation.

„Ja! Genau! Ein Ping und Pong! Wie das Spiel! Genau wie das Spiel!“

„Ich glaube, du brauchst mal eine ordentliche Portion Schlaf, Rike“, sagte Anton.

Also schlief ich. Schlief, und stand am nächsten Morgen wieder auf, wie man es an den meisten Morgen seines Lebens tut.

Donnerstag, 30.08.2018

Dieser Morgen war anders.

Ein Knall. Eine Explosion in meinem Kopf. Ich war aufgewacht und habe geschrien.

Dann bin ich aufgestanden. Habe erst einmal ein Plakat von meiner Wand gerissen und es in viele kleine Schnipsel zerteilt. Ich weiß nicht wieso, aber das muss irgendwie wichtig gewesen sein.

Ich habe mein Zimmer verlassen, bin ins Wohnzimmer gelaufen und habe die Bücher aus dem Regal gerissen. Sämtliche Bücher, die ich in den letzten Jahren und Monaten gelesen habe und die ja irgendwo auch das Fundament meines Bewusstseins bildeten. Dann bin ich in die Küche gelaufen. In die Küche gelaufen, musste schreien, als ich diesen blöden Kühlschrank sah, und habe, um meinen inneren Furor zu veräußern und weil ich dachte, dass dieses Gerät aufgrund seiner Massivität am wenigsten Schaden nimmt, gegen unseren Kühlschrank getreten. Habe gegen den Kühlschrank getreten, so feste und doll, wie ich konnte. All meine Kraft, meine Wut und meinen Zorn habe ich da reingelegt!

Der Schmerz hat mir dann geholfen, etwas runter zu kommen. Beziehungsweise hat mich dazu gezwungen, runterkommen, da es so sehr wehtat und ich körperlich erst einmal außer Gefecht gesetzt war. Ich habe mir dann ein großes Glas Wasser genommen und habe mich im Wohnzimmer auf die Couch gesetzt. Habe mich auf die Couch gesetzt und den Fuß hochgelegt. Den Fuß hochgelegt, der ziemlich schmerzte.

Irgendwann kam dann Christian, mein Mitbewohner, aus seinem Zimmer, noch in Unterwäsche, war wohl gerade erst aufgestanden. Er hat mich gefragt, was denn los sei.

„Manchmal muss man einfach ausrasten.“ Das verstand er.

„Aber lass beim nächsten Mal wenigstens die Bücher im Regal. Das war ganz schön laut.“

Eine ganze Weile habe ich dann so auf der Couch gesessen und versucht, meine Gedanken zu ordnen, während ich das Glas Wasser in langen Zügen leer trank. Ich dachte nach. Ich musste heute noch die Stipendienbewerbung fertig machen; heute war der letzte Tag vor der Deadline. Das sollte aber eigentlich schnell gehen; ich musste nur noch ein paar Daten für meinen Lebenslauf raussuchen. Das wollte ich machen, und diesen Haufen an Mails beantworten. Eine Journalistin hatte mir schon vor zwei Tagen geschrieben, als ich noch bei meinen Eltern gewesen war. Die wollten aus meinem Studi-Projekt wohl wirklich ein großes Ding machen! Toll. Ich hatte bis jetzt keine Zeit gehabt, mich da drum zu kümmern, hatte sowieso immer zu viel zu tun in letzter Zeit, aber das war jetzt wirklich wichtig! Es galt: Schnell keine Zeit verlieren.

Das Glas Wasser war leer. Ich ging in mein Zimmer, öffnete mein Fenster, und warf es auf die Straße. Ich brauchte es jetzt nicht mehr. Dann habe ich mich in die Küche an meinen Laptop gesetzt. Mein Mitbewohner kam nach zehn bis fünfzehn Minuten erneut aus seinem Zimmer und fragte, ob alles okay sei mit mir. Mein Fuß tat noch immer höllisch weh, und das sagte ich ihm auch, und ebenso, dass ich nachher zum Arzt gehen wolle. Ich wollte aber erst noch meinen Lebenslauf vervollständigen und die Stipendienbewerbung abschicken.

Er kochte sich einen Kaffee, nahm die Milchtüte aus dem Kühlschrank, der gänzlich unversehrt geblieben war, und beides mit auf sein Zimmer. Ich stand auch auf und wollte noch kurz das Ladekabel für meinen Laptop holen.

An der Wand über meinem Schreibtisch hing das Bild, das meine erste große Liebe und damals auch engste Freundin Clara mal gezeichnet hatte. Es stellte meinen Lieblingscharakter in einer unserer Geschichten dar. Ich hatte es, als ich hier eingezogen war, dort aufgehängt, aber ihm seitdem kaum Beachtung geschenkt. Jetzt entdeckte ich es, neu, und vor allem eine Nachricht, die sie darauf hinterlassen haben musste. Eine Nachricht für Christian. Eigentlich wollte ich die Bewerbung machen, aber das war jetzt echt akut.

Ich ging ins Nebenzimmer rüber und erzählte Christian, was ich entdeckt hatte. Er saß am Schreibtisch und schnitt Tracks zusammen.

„Ihr müsst euch unbedingt connecten!“ rief ich, immer wieder. Clara machte nämlich auch Musik, so wie er! Dass ich darauf nicht früher gekommen war!

V.i.C. stand auf ihrem Bild. Sie hatte mir das Bild gegeben, bevor sie aufgrund ihres ersten Suizidversuchs in die Psychiatrie gekommen war. Dass ich das nicht vorher gelesen habe!

Ich zeigte Christian das Bild und auch die Botschaft.

„Was heißt das denn?“, fragte Christian.

„Victim in Cancer! Kopfkrebs!“

Ja, das war es! Ein inhärenter Hilfeschrei! Sie hatte geschrien, früher schon! Ich kannte das Gefühl. Kannte es, wenn der Kopf immer voller wurde, immer drängender und dichter die Gedanken, zu zog sich langsam das Gehirn. Alle Weiten und Freiflächen, die vorher noch da gewesen waren und Träumereien und Entspannung bedeutet hatten, wie junggrüne Wiesen im Tau des Tagesanbruchs, wurden überfüllt, bemalt, geschwärzt; durchzogen von Fäden und Schlieren, immer mehr, ein Netz aus Schwarz, das in erschreckend rasender Geschwindigkeit immer feinmaschiger wurde. Wurmlöcher, Gänge, schwarze tote Tunnel in den Windungen meines Gehirns. Gedanken, viel zu schnell, brodelnd, rasend, die irgendwie rausmussten, damit der Kopf nicht explodiert.

Kratzen Kratzen Ritzen Kopf gegen Wand war dann mein Impuls. Wie ein schwelendes Feuer fraßen sich diese parasitären Gedankenkonstrukte durch mein Hirn und hinterließen wüste Leere. Brandlöcher, Schwärze, Nichts.

Tuscheln. Ein Tuscheln, als sei die ganze Welt davon erfüllt. Hallend im Raum, der mir so unglaublich fremd ist, fremd in meinem eigenen Kopf, in einem Kopf, der mir verschlossen blieb, den ich nicht kannte, einem Geist, dem ich mich nicht zugehörig fühlte. Mein ganzes Hirn tuschelt über mich.

Ich schrieb und schrieb und schrieb.

Donnerstag, 30.08.2018Nachmittags

Christian hatte Anton eine Nachricht geschickt. Der war vorbeigekommen, und die beiden wollten mich zum Arzt begleiten. Das war gar nicht schlecht, als Stütze konnte ich sie gut gebrauchen, denn ich konnte nur noch humpeln.

Anton wollte mich überzeugen, in die Psychiatrie zu gehen. Er sagte, ich bräuchte professionelle Hilfe. Das sei eine Nummer zu groß für uns. Ich wollteauf alle Fälle erst einmal meinen Knöchel untersuchen lassen. Das war das Einzige, was ein langfristiger Schaden sein könnte, und vor allem auch das einzige, wobei mir andere Menschen überhaupt helfen konnten, dachte ich.

Auf Anton gestützt humpelte ich zum Arzt. Der war glücklicherweise nicht weit entfernt; er war direkt in der Nebenstraße. Die letzten paar Meter ließ Anton mich dann allein nehmen, er wollte noch mal kurz zurück in die WG, um meine Versichertenkarte zu holen. In dieser „Kurz zurück“-Zeit muss bei uns beiden viel passiert sein. Er telefonierte mit meiner Mutter, die seine Sorge um mich teilte; mit einer Freundin, die selbst einmal in psychiatrischer Behandlung gewesen war und sagte, dass das IPZ eine gute Anlaufstation sei, und sprach mit Christian, was denn eigentlich genau passiert sei.

Ich hüpfte einbeinig in das Ärzt*innenzentrum und wollte mich anmelden.

An der Theke: „Wir sind aber ein Augenarzt“, sagte die Frau mir. „Der nächste Hausarzt ist um die Ecke.“ Verwunderung. Ich also wieder raus, aber das Laufen tat zu sehr weh, so dass ich mich auf ein niedriges Mäuerchen gegenüber des Ärzt*innenzentrums setzen und das Bein hochlegen musste. Ich saß dann da, betrachtete die spielenden Kinder und fragte mich, wo die so plötzlich herkamen.

Dann kam ein alter Mann auf mich zu. Er blickte mich an und lächelte. Ich wunderte mich, fragte mich, ob er mich kannte, erkannte dann aber, als ich ihm in die Augen schaute, dass es mein ehemaliger Kampfkunstlehrer war. Er hatte denselben Gang, und diese hatte sonst niemand. Ich stand auf und umarmte ihn.

Mein Sensei lebte hunderte Kilometer weit weg. Ich hatte schon lange nichts mehr von ihm gehört und mich auch nicht bei ihm gemeldet und wusste gar nicht, dass er noch lebte. Er war sehr krank, hatte mein Bruder gesagt. Umso mehr freute ich mich, ihn jetzt zu sehen. Er musste noch ein letztes Mal vorbeigekommen sein, um mich zu besuchen. Oder er lag bereits im Sterben, oder war gestern gestorben, und dies war sein Geist, der mir erschien ein Abbild seiner selbst.

Jedenfalls war er da, ich konnte ihm noch einmal begegnen, hier, so weit weg von dem Ort, an dem wir zusammen trainiert hatten.

„Was hast du denn gemacht?“, fragte er mich, nachdem ich mich wieder gesetzt hatte, ohne Vorankündigung und damit überraschend plötzlich.

„Äh … Ich habe mir den Fuß umgeknickt“, antwortete ich, wahrheitsgetreu und auf die Schnelle auch zu keiner anderen Antwort fähig.

„Ouh, zeig mal her“, sagte er, und trat auf mich zu. „Ich war früher Sportlehrer.“

„Weiß ich“ lächelte ich.

Der alte Mann betastete meinen Fuß. Er nahm ihn in seine linke Hand und betrachtete ihn genau. „Kühlen und hochlegen“, riet er mir.

„Vielen Dank …“, stammelte ich, wie immer überrumpelt von seiner offenen Freundlichkeit. „Aber, vielleicht gehe ich doch lieber zum Arzt“, sagte ich.

„Mach das. Schaden kann das nicht.“ Da kam plötzlich ein Kind mit einem Roller um die Ecke gepest. „Pass auf!“ rief er dem Jungen zu.

„Mannmannmann, sind die schnell heutzutage. Nun gut, ich gehe jetzt auch zum Arzt – allerdings zum Augenarzt.“ Ich lächelte. Er setzte seinen Weg fort.

Ich hing dieser Begegnung noch einige Minuten in meinen Gedanken nach. Ich meinte, seine warmen und wohltuenden Hände noch immer auf meinem Knöchel zu spüren. So sitzend stießen dann irgendwann Anton und Christian zu mir.

„Wo warst du? Wir haben dich bestimmt ne halbe Stunde gesucht!“, begrüßte mich Christian.

„Äh… Echt? Ich saß hier eigentlich die ganze Zeit. Das ist nämlich gar kein Allgemeinmediziner. Das ist ein Augenarzt.“

„Kann nicht sein…“, murmelte Anton. „Warst du schon bei nem anderen Arzt?“

„Nee. Wollte ich eigentlich machen…“ Ich verschwieg, dass ich es nur nicht getan hatte, weil mein Knöchel zu sehr wehtat, und ich es dann über diesen wunderlichen Zwichenfall vergessen hatte. „Aber jetzt bin ich echt fertig. Lass uns lieber nach Hause gehen. Ich habe gerade meinen Sensei getroffen. Ich bin total durch.“ Die beiden stimmten mir zu.

Wieder zu Hause angekommen, wollte Anton mich dann überreden, sofort mit ihm ins IPZ zu fahren. „Warte… Ich muss nur noch dieses eine Datum hier im Lebenslauf ergänzen…“, sagte ich. „Dann kann ich den abschicken.“ Das war schließlich schon vorher mein Plan gewesen.

„Gut. Mach das.“

Ich setzte mich also an meinen Laptop und schaltete ihn an. Blickte auf das Ding. Stierte auf den Bildschirm. Sah zwar, dass der irgendetwas zeigte. Konnte aber nicht begreifen, was. Wusste nicht, was ich machen wollte. Wusste nicht, wie man das Ding bediente und was man überhaupt damit anfangen sollte.

In der oberen linken Ecke dieser mittlerweile wieder schwarz gewordenen Fläche saß eine einzelne Fliege. Ein kleines ovales, filigranes und geflügeltes Ding. Ein runder, schwarzer Punkt auf einem großen, aschgrauen Rechteck.

Das Bild dieser einen Fliege auf der Weite meines Bildschirms, der Kontrast zwischen Lebendigem und toter technischer Materie, hat sich tief in meinen Geist gebrannt.

Ich brach das Vorhaben ab. Ich merkte, dass das heute nichts mehr wurde. Ich konnte mich nicht konzentrieren. Es nützte nichts. Die Frist war morgen vorbei. Vielleicht konnte ich es ja beim nächsten Mal noch einmal versuchen.

Ich gab auf.

Erster Teil

Tröpfchenlust

Tag X

„Mein Name ist Rike Lichtenberg. Ich kann beweisen, dass ich nicht verrückt bin. Ich habe eine neue philosophische Theorie aufgestellt. Ich habe zehn Gegenstände dabei, mit deren Hilfe ich Ihnen alles beweisen kann. Ich kann die Bibel widerlegen. Ich kann alles beweisen.“

„Was wollen Sie denn beweisen?“, fragte der Mann in einem sachlichen, aber nicht unfreundlichen Tonfall. Ich holte tief Luft. Lehnte mich zurück. Sammelte kurz meine Gedanken. Und begann die Beweisführung.

Ich sitze also vor einem freundlich dreinblickenden Mann mit dicken Brillengläsern. Er ist mein Sparring-Partner. An ihm soll meine Theorie zugrunde gehen.

„Erstens: Kennen Sie the expanding circle von Peter Singer? Seine Theorie besagt, die historischen Geschehnisse zugrunde nehmend, dass die Gesellschaft immer mehr Unterdrückte befreit. Wenn Sie mir ein Blatt Papier geben und einen Stift, kann ich Ihnen das aufmalen.“ Er reagierte nicht. Ich griff mir die geforderten Gegenstände von seinem Schreibtisch und malte in der Mitte des Papiers einen Kreis auf.

„Hier! Erst wurden die Sklaven aus der Unterdrückung befreit. British Mayflower und so, Sie wissen schon.“ Ich malte einen weiteren, größeren Kreis um den ersten herum. „Dann Farbige. Martin Luther King, Malcolm X.“ Ein weiterer Kreis. „Frauen.“ Noch einer, allerdings nur gestrichelt. „Homosexuelle. Nach Singer kommen nun als nächstes die Tiere. Ich füge dazwischen noch den Kreis der Nicht-Heteronormativen Menschen hinzu. Bisexuell, pansexuell, polyamor, monogam… Egal, Hauptsache Liebe. Als queere Frau wurde ich jahrelang von der Gesellschaftmental unterdrückt, und dass, obwohl ich aus ihrer privilegierten Mitte bin!“ Ich kramte meine Menstruationstasse aus der linken Hosentasche und legte sie auf den Tisch.

„Ich habe ungeschützten Geschlechtsverkehr mit meinem Freund gehabt. Ich habe selber abgetrieben, durch reine Willenskraft, weil ich das Kind nicht wollte. Weil ich meinen Körper beobachte und nicht hormonell verhüte, kenne ich ihn und weiß, wie er funktioniert. Ich kenne auch meine Seele, meinen Geist, und weiß auch, wie der tickt.“ Ich holte das Buch heraus und knallte auch das vor ihm hin.

„Ich habe Angst. Angst um das Wissen, das ich habe. Angst vor dem Wissen. Angst vor den Menschen um mich herum. Ich weiß nicht, wem ich vertrauen kann. Deshalb kann ich niemanden trauen. Ich werde verfolgt, das weiß ich. Verfolgt und unterdrückt. Wenn Sie mir das nicht glauben, lesen Sie es in diesem Buch nach. Ich habe es grade gefunden, und da steht alles drin.

Entschuldigung, dass ich so aufbrausend bin. Wenn ich Sie verbal so unterdrücke, aber genau das hat die Gesellschaft jahrelang mit mir getan. Nun aber habe ich mich aus dieser Unterdrückung befreit. Nun weiß ich. Ich weiß.“ Voller Nachdruck hatte ich diese letzten beiden Worte gesprochen und blickte ihn so eindringlich an, wie es mir in dem Moment möglich war. Ich spürte, wie sich sein Hirn unter dieser unbestechlichen Logik windete.

Macht kaputt was euch kaputt macht Ton Steine Scherben

https://www.youtube.com/watch?v=WTE28YU_FrY

„Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, die von gegenseitiger Konkurrenz bestimmt ist. Die nur immer größer, immer mehr, immer weiter, immer höher will. In einem System, dass uns dazu zwingt, uns gegenseitig zu übertreffen und ausschalten zu wollen. Ein System, in dem es nur um Produktivität und Leistung geht. Ein System, das Klassen und Feindbilder schafft. Ein System, in dem ich nicht weiß, wem ich vertrauen kann, und in dem ich deshalb vor allem Angst haben muss.