Hirschtier - Claire Oshetsky - E-Book

Hirschtier E-Book

Claire Oshetsky

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Beschreibung

Ein wundersamer, zärtlicher Roman über ein junges Mädchen, das sich mit seiner Rolle bei einem tragischen Verlust auseinandersetzt

Margaret Murphy wächst in einer Welt auf, in der die Wahrheit für ein kleines Mädchen zu viel ist, um sie zu ertragen. Ihre erste Erinnerung ist der Tag, an dem ihre Freundin Agnes starb. Seither denkt sie sich Geschichten aus, um mit der Erfahrung zurechtzukommen.
Niemand gibt Margaret die Schuld. Nicht öffentlich. Ihre Mutter beteuert gegenüber jedem, der es hören will, dass ihre Tochter an diesem Tag nicht einmal das Haus verlassen habe. Allein gelassen, um der Tragödie einen Sinn zu geben, willigt Margaret ein, diese unerträglichen Erinnerungen zu vergessen und sie durch erdachte Geschichten voller Glauben und Magie zu ersetzen, die immer glücklich enden.Doch dann taucht das Hirschtier auf: Ein seltsames und furchterregendes Wesen, das sich unaufgefordert in Margarets erfundene Geschichten einschleicht. Hirschtier wird nicht ruhen, bis Margaret sich der Wahrheit über ihre Vergangenheit stellt.

Herzzerreißend, hoffnungsvoll und mit kühner Fantasie erforscht »Hirschtier« den Weg zum Verständnis der Kinder, die wir einst waren, und der Geschichten, die wir uns selbst erzählen, um die schwierigsten Momente des Lebens zu bewältigen

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Seitenzahl: 267

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Zum Buch:

Margaret Murphy wächst in einer Welt auf, in der die Wahrheit für ein kleines Mädchen zu viel ist, um sie zu ertragen. Ihre erste Erinnerung ist der Tag, an dem ihre Freundin Agnes starb. Seither denkt sie sich Geschichten aus, um mit der Erfahrung zurechtzukommen.  Niemand gibt Margaret die Schuld. Nicht öffentlich. Ihre Mutter beteuert gegenüber jedem, der es hören will, dass ihre Tochter an diesem Tag nicht einmal das Haus verlassen habe. Allein gelassen, um der Tragödie einen Sinn zu geben, willigt Margaret ein, diese unerträglichen Erinnerungen zu vergessen und sie durch erdachte Geschichten voller Glauben und Magie zu ersetzen, die immer glücklich enden. Doch dann taucht das Hirschtier auf: Ein seltsames und furchterregendes Wesen, das sich unaufgefordert in Margarets erfundene Geschichten einschleicht. Hirschtier wird nicht ruhen, bis Margaret sich der Wahrheit über ihre Vergangenheit stellt. Herzzerreißend, hoffnungsvoll und mit kühner Fantasie erforscht »Hirschtier« den Weg zum Verständnis der Kinder, die wir einst waren, und der Geschichten, die wir uns selbst erzählen, um die schwierigsten Momente des Lebens zu bewältigen

Zur Autorin:

Claire Oshetsky schrieb die Romane »Hirschtier« und »Chouette«, der 2022 auf der Longlist für den Pen/Faulkner Award for Fiction stand und 2022 mit dem William Saroyan International Prize for Writing ausgezeichnet wurde. Oshetskys Kurzgeschichten wurden im Alaska Quarterly, Hayden's Ferry, North American Review und anderen Medien veröffentlicht. Ehemals im Wissenschaftsjournalismus tätig hat Oshetsky für Wired, Technology Review, The New York Times und andere Zeitschriften geschrieben und wurde von der American Society of Journalists and Authors viermal mit dem Preis „Artikel des Jahres“ ausgezeichnet.

Zur Übersetzerin:

Cornelia Holfelder-von der Tann wurde 1950 in Villingen/Schwarzwald geboren und studierte Anglistik, Germanistik und Romanistik. Nach einem Lehramtsreferendariat in Berlin begann sie, als freie Übersetzerin zu arbeiten. Sie übersetzte unter anderem Literatur der amerikanischen Frauenbewegung (Betty Friedan, Marilyn French, Naomi Wolf, Susie Orbach). Im Laufe der Jahre entwickelte sie ein besonderes Interesse an den Möglichkeiten des Übersetzens von Umgangssprache, von Black American English, von Soziolekten und Dialekten.

Claire Oshetsky

Hirschtier

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Holfelder-von der Tann

Ecco

Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel Poor Deerbei Ecco, New York.

eccoverlag.de

© 2024 Claire Oshetsky

Deutsche Erstausgabe

© 2026 für die deutschsprachige Ausgabe

Ecco Verlag in der

Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH

Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg

[email protected]

E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783753001180

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten.

Die Rechte der Urheberinnen und des Verlags bleiben davon unberührt.

Für David

Sieh das Mysterium, die rätselhafte, unverdiente Schönheit der Welt.

Joy Williams

In einem Garten

Eins

In der Abenddämmerung setzt sich die sechzehnjährige Margaret Murphy an einen wackligen kleinen Schreibtisch in Zimmer 127 von Little Ida’s Motor Lodge, elf Meilen östlich der Niagarafälle, und beginnt, ihr Bekenntnis zu schreiben.

Hirschtier kauert in einer Ecke und weint.

Schluss mit deinen netten Lügen, sagt Hirschtier. Es ist Zeit für die Wahrheit.

Seine Stimme ist kratzig und penetrant wie das Bohren in einem Zahn.

Okay, sagt Margaret. Die Wahrheit.

Dies ist eine Geschichte über zwei kleine Mädchen am Tag der Schulhofüberflutung.

Sie beginnt so: Denkt euch eine Papierfabrikstadt, die in einer Biegung eines Flusses namens Penobscot liegt –

*

Denkt euch eine Papierfabrikstadt, die in einer Biegung eines Flusses namens Penobscot liegt, so ziemlich im äußersten östlichen Zipfel und drei Stunden nördlich von allem, wovon ihr je gehört habt. Eine große Papierfabrik beherrscht die Stadt wie eine Festung aus Backstein. Ihre Schornsteine ragen auf wie Türme. Der Rauch aus den Schornsteinen legt sich über die Häuser wie ein wattiger, schwefliger Schleier. Der Himmel ist immer gelb. Die Häuser sind alle gleich. Die Straßen sind größtenteils ungeteert. Es gibt viele Kirchen. Es gibt viele Gläubige. Die Grenzlinie zwischen dem Handfesten und dem Übernatürlichen ist rasierklingendünn, und die Luft ist voll von allem Möglichen, was man nicht klar erkennen kann: Schnee, brummenden Flugzeugen, Schrotkugeln, chaotischen Vogelschwärmen.

Um die Stadt herum zieht sich ein Ring von traurigen kleinen Farmen mit Milchkühen, Schweinen, Schafen, Lämmern und Hühnern und vielleicht ein paar Acres mit mehligen Kartoffeln. Hinter den Feldern kommt der Wald. Kinder spielen in diesem Wald. Sie kommen mit rätselhaften Hautausschlägen nach Hause. Wilde Männer leben dort. Man kann da leicht für immer verloren gehen. Es kann leicht passieren, dass ein Kind da herumstreunt und für ein Stück Rotwild gehalten und erschossen wird. Einmal reizte ein Junge dort einen Elch, und der Elch trampelte ihn beinah tot, aber er starb doch nicht.

Jetzt denkt euch eine Mutter, Florence – füllig, wütend, gut. Florence ist Kriegerwitwe und romantisch. Sie wäre gern vornehm. Sie staubt gern ab. Sie liebt ihre Nachbarin, Ruby Bickford, und weiß es nicht, denn eine solche Liebe liegt haarscharf außerhalb ihres Vorstellungsvermögens. Florence lebt mit ihrer Schwester Dolores in dem Haus, in dem sie geboren wurden. Sie arbeitet an der Mittagstheke im Zentrum und gibt dort allen unverheirateten Männern Pizzaschnitten gratis, weil sie sich immer noch Hoffnungen macht. Dolores war nie verheiratet; sie arbeitet Nachtschicht in der Fabrik, verpackt Papierservietten und Einwegspeisekarten für die Gastronomie. Als Dolly zwölf war, wollte ihr ein Junge Golfen beibringen und traf sie versehentlich mit dem Schläger am Kiefer, so fest, dass eine dauerhafte Kieferfehlstellung zurückblieb. Deshalb wirken Dollys Mundwinkel immer herabgezogen, wie bei der schmerzensreichen Madonna. Die Schwestern rauchen Chesterfield. Sie sind römisch-katholisch. Sie erziehen Florence’ Tochter Margaret in der alttestamentarischen Tradition, in der sie selbst erzogen wurden, und das Mädchen saugt ihre Lehren auf: Mit vier sieht sie Engel zwischen Grashalmen und in versilberten Löffelrücken.

Jetzt stellt euch die Nachbarin vor, Ruby Bickford – zart, tragisch, zum Unglück verdammt. Dolly nennt Ruby die Geschiedene. Florence nennt Ruby meine liebste Freundin. Ruby raucht Salem. Sie gärtnert gern. Sie liebt ihre Tulpen. Rubys Ex-Mann gehört der einzige Baumarkt im Ort. Wenn Ruby ein neues Paar Gartenhandschuhe braucht, fährt sie, um nicht dem Mistkerl zu begegnen, mit dem Bus dreißig Meilen nach Süden und kauft ihre Handschuhe im zweitnächsten Baumarkt, der einem Mann namens Grubb gehört. In letzter Zeit fühlt Ruby sich vom Leben überfordert. Alle sagen, sie trinkt, aber das stimmt nicht – es sind nur die Nerven. Sie wollte immer Tänzerin werden.

Was Rubys Tochter Agnes betrifft: Ihr Haar hat die Farbe von gestockter Milch. Für ein so kleines Mädchen bewegt sie sich energisch, stapft dahin wie ein standhafter Zinnsoldat. Schon der Gedanke an Agnes Bickford ist wie Wetterleuchten. Schön? Nein. Niemand würde Agnes je schön nennen. Sie ist eher wie ein Pfeil, der auf ein großartiges Ziel zufliegt.

Und Margaret, die, die dieses Bekenntnis schreibt, ein Dutzend Jahre nach der Schulhofüberflutung: Ihr Haar hat keine bestimmte Farbe. Sie bewegt sich wie ein blinder Bär, stößt gegen Sachen und tapst in abwegige Richtungen. Margaret kann nie entscheiden, ob die Gestalten, die auf sie zukommen, Menschen sind oder Engel oder Hunde oder Hirsche oder Wölfe, aber sie hat andere Fähigkeiten. Mit vier hat sie sich bereits selbst das Lesen beigebracht, plötzlich hatte sie die Fähigkeit, nachdem sie stundenlang auf dem Schoß ihrer Tante Dolly gesessen hatte, während Dolly aus Das Bekenntnis des heiligen Patrick vorlas und mit dem Finger die Zeilen entlangfuhr. Margarets Lieblingsbuch ist allerdings keine Heiligengeschichte. Es ist ein Märchenband, so groß und schwer wie ein Großwörterbuch. Dolly hat das Buch eines Tages von einem Flohmarkt angeschleppt. Sie hat es neben den Kochbüchern in der Küche stehen. Margaret sitzt gern unterm Tisch, das Buch auf dem Schoß. Sie wendet die Seiten um, während das Abendessen auf dem Herd kocht. Margarets Mutter glaubt, dass das Mädchen die Bilder anguckt, aber noch besser als die Bilder gefallen Margaret die Happy Ends der Geschichten. Nach dem Tag der Schulhofüberflutung fängt Margaret an, selbst Geschichten mit Happy End zu schreiben. Ihre erfundenen Happy Ends helfen ihr, diesen einen Moment ihres Lebens zu vergessen, in dem alles so schiefging. Schreiben bringt Margaret niemand bei – warum auch, wo sie doch erst vier ist und noch nicht mal das Abc richtig aufsagen kann? –, und so schreibt sie ihre Geschichten in ihrer selbst erfundenen Geheimschrift nieder. Sie bewahrt sie in einem Schuhkarton unter ihrem Bett auf, zusammen mit ihrer Wäscheklammerpuppen-Familie, und wenn Margaret ihrer Mutter je gesagt hätte, dass sie lesen und schreiben und sich Geschichten ausdenken und sie in einem selbst erfundenen Abc aufschreiben konnte, dann hätte ihre Mutter sie wegen Lügens geschlagen – weil ihre Tochter ja hinterher ist und noch kaum sprechen kann, und wenn sie spricht, es nur irgendwelche Wörter sind, aneinandergereiht wie nicht zusammenpassende Perlen auf einem Draht: Zeugnis. Herrlich. Stammeln –

Hirschtier ist aus seiner Ecke hervorgekrochen. Es steht so dicht bei mir, dass ich seinen sumpfigen Atem im Nacken spüre. Es beißt mich ins Haar. Seine Zähne sind gelbe Stummel mit Grün dazwischen.

Red nicht drum herum – es ist Zeit zu gestehen, was du am Tag der Schulhofüberflutung getan hast –

Okay.

Jetzt bin ich bereit zu bekennen.

Ich glaube, ich bin’s.

*

Der Frühling kam auf einen Schlag am Tag der Schulhofüberschwemmung. Der Schnee schmolz über Nacht, und das Wasser lief den Schlittenhang hinunter und in den Schulhof, wo es sich sammelte. Aus einem Fenster im oberen Stock sah Margaret am Ende der Straße etwas, das wie ein riesiger Spiegel aussah. Sie ging hinunter, zog ihre Gummistiefel an, lief nach nebenan und klingelte. Agnes’ Mutter machte auf, in ihrem blauen Morgenrock und Pantoffeln, obwohl es schon nach Mittag war, und sagte: »Margaret Murphy! Schon so früh draußen und ohne Mantel?«, und bevor Margaret antworten konnte, schlüpfte Agnes zur offenen Haustür hinaus, ohne ihr Mittagessen fertig zu essen oder Bis dann zu sagen – und jetzt rannten zwei kleine Mädchen die Schotterstraße entlang, Hand in Hand.

»Geht nicht so weit weg!«, rief Ruby ihnen hinterher.

Sie stand in der Tür und sah zu, wie die Mädchen auf ihren pummeligen Beinchen die Straße entlangrannten. Auf dieser kleinen Schotterstraße gab es keinen Verkehr. Keine Gefahr. Der Himmel war auf einmal voller lärmender Vögel, und die Luft war warm. Ruby erwog, nach ihren Tulpenbeeten zu sehen, ob da frische Triebe aus der Erde spitzelten. Aber dann fiel ihr ein, dass sie ja noch in Morgenrock und Pantoffeln war, und als Nächstes dachte sie an andere Sachen – die Rechnungen, den vertrauten Schmerz hinter den Augen – und ging wieder nach drinnen.

Agnes und Margaret waren vier Jahre alt. Sie waren genau gleich groß. Sie standen gern Stirn an Stirn da, starrten sich in die Augen und machten synchron die gleichen Gesichter und Gesten. Wer machte die Bewegung zuerst? Wer war das Spiegelbild? Sie liebten dieses Spiel und konnten es ewig spielen. Margaret hatte an diesem Morgen gerade ein neues Wort entdeckt oder vielleicht auch erfunden – horizontal, horizontal, horizontal –, und sie trällerte das Wort immer wieder vor sich hin und mixte es mit anderen tollen Wörtern, erfundenen oder richtigen: Apfelmus, Pfefferminz, wundertoll.

Das Ende der Straße war nicht weit weg – nur zwei Häuser weiter –, aber für die Mädchen fühlte es sich weit weg an, weil es am Rand ihrer Weltkarte lag. Am Ende ihrer Welt angekommen, kletterten sie durch den Balkenzaun auf die andere Seite, wo der Schulhof begann. Welch ein Wunder! Noch am Vortag war da nichts zu sehen gewesen außer dreckigem, altem Schnee und gefrorenen Hundehaufen, und jetzt war da ein rätselhafter See bis hin zum Schulgebäude. Sie konnten die Kinder dort drüben sehen, in ihren schummrigen Klassenzimmern. Die Kinder in der Schule sprangen immer wieder von ihren Plätzen auf und rannten an die Fenster, um auf den unheimlichen See zu schauen, da, wo immer ihr Schulhof gewesen war. Sie zeigten durchs Fenster auf Agnes und Margaret und fragten ihre Lehrerin oder ihren Lehrer: Wer sind die Mädchen dort auf der anderen Seite des Wassers? Warum sind sie nicht in der Schule wie wir?

Ein chaotischer Schwarm flatternder Vögel flog über sie hinweg. Agnes watete ins Wasser.

Margaret blieb, wo sie war, mit den Füßen auf festem Boden. So war es zwischen ihnen.

Margaret sah ihre Freundin geradewegs in die Mitte des Wassers waten, wo es ihr bis an die Knie ging. Sie sah, wie die Gummistiefel ihrer Freundin vollliefen. Sie hörte das Wasser um Agnes’ Beine schwappen, und sie roch frisches neues Leben, das aus dem Boden wuchs. Das Sonnenlicht zersprang auf der Wasseroberfläche und stieg in winzigen Stückchen empor. Margaret hatte das Gefühl, dass sie diesen winzigen Lichtstückchen folgen konnte, wohin sie auch flogen: hinauf in eine Wolke oder geradewegs in den übernächsten Tag.

Jetzt stand da eine alte Frau auf der anderen Seite des Wassers.

Sie fing an zu brüllen.

»Raus aus dem Wasser! Komm sofort da raus!«, rief sie.

»Komm du doch zu mir!«, sagte Agnes.

»Sorgloses kleines Ding!«, sagte die alte Frau und ging weg.

Komm-zu-mir, sorgloses-kleines-Ding, murmelte Margaret leise und immer wieder, bis es sich anfühlte wie ein Gebet, wie ein beschwörender Spruch, und sie war nicht überrascht, als Agnes mit großen platschenden Sprüngen auf sie zukam, so überfallartig und so fröhlich, dass Margaret wusste, ihre Freundin würde sie gleich ins Wasser ziehen – aber als Agnes gerade ins Flache kam, rutschte sie aus und landete unsanft auf dem Po. Margaret schrie auf. Sie dachte, Agnes hätte sich wehgetan.

Agnes sah verwirrt an sich hinunter.

»Ich bin so dreckig?«, sagte Agnes – und als sie sah, dass nichts dagegen zu machen war, warf sie sich wieder in die schlammige Brühe.

Margaret verspürte eine Welle von Scham, stellvertretend für ihre Freundin. Scham war für sie ein neues Gefühl. Sie hatte es von ihrer Mutter gelernt. Sie machte ein missbilligendes Gesicht, wie sie es ebenfalls von ihrer Mutter gelernt hatte.

»Du bist so dreckig!«, sagte sie.

Agnes musste Scham erst noch lernen. Sie hörte den Tadel ihrer Freundin kaum, weil ihre Ohren unter dem seichten Wasser waren. Sie war ganz damit beschäftigt, eine neue Unterwasserart des Hörens zu erkunden. Zwischen ihren Fingern sammelte sich Schlamm wie Froschlaich in Schilf. Ihr langes Haar schwamm auf der Oberfläche. Das langsame, sachte Ziehen des Wassers an ihrem Haar ließ sie sich anders als sonst fühlen, schwerelos und für sich, und zum ersten Mal im Leben begriff sie, dass sie ein Individuum war, im Besitz eines eigenen Körpers und getrennt von allen anderen Lebewesen. Als sie aufstand, sah sie mit Entzücken, dass sie mit hellgrauem Schlick überzogen war, Schlick so glatt und rein auf ihrer Haut wie ein nagelneues Fell.

»Kinder!«, sagte eine Stimme.

Jetzt stand da ein Mann auf der anderen Seite des Wassers.

»Kinder?«, sagte der Mann wieder.

Darauf hatten die beiden nichts zu sagen. Sie sahen zu, wie er sich einen Weg um den Schulhofsee suchte, mit großen Schritten, Sprüngen und tastenden kleinen Schrittchen vergeblich versuchte, die matschigen Stellen zu vermeiden, bis er schließlich direkt bei ihnen stand.

Zuerst sah der Mann das Mädchen an, das in der Wasserlache stand, ganz mit Schlick überzogen.

»Komm raus aus dem Matsch da, Kleine«, sagte er.

Zu seiner Erleichterung kam sie heraus.

»Kinder«, sagte er. »Ich bin Mr. Blunt. Ich unterrichte die dritte Klasse in der Schule da drüben. Die Rektorin schickt mich. Ihr dürft nicht auf dem Schulgelände spielen, während Schule ist.«

»Wir sind erst vier!«, rief das dreckige Mädchen. »Wir gehen nicht in die Schule da!«

Der Mann dachte: Das Haar dieser Kleinen ist so voll Schlamm, dass es hinter den Ohren absteht wie aus Knete. Sie hat keine Angst vor mir. Sie hat vor gar nichts Angst. Sie wird mit Sicherheit mal eine interessante Person.

»Warte nur, bis dich deine Mutter sieht«, sagte er.

Er sah das andere Mädchen an und dachte: Diese Kleine ist pieksauber. Sie ist die gewöhnliche, farblose, mittelmäßige Sorte Mädchen, die in ihrem Leben kein einziges Risiko eingehen wird. Wenn sie groß ist, wird sie in der Fabrik arbeiten. Sie wird nie von hier weggehen. Sie wird allein in ihrem Bett sterben, in dem Haus, in dem sie geboren wurde. Das erste Mädchen dagegen? Das mit dem Schlamm im Haar? Die wird ihren Weg machen …

»Wo wohnt ihr denn?«, fragte er.

Sie zeigten mit dem Finger.

»Sind eure Mütter zu Hause?«

Sie nickten.

»Wissen sie, wo ihr seid?«

Sie nickten. Die Saubere weinte jetzt.

»Nicht weinen«, sagte der Mann. »Kein Grund zu weinen. Es geht nur darum, dass ihr nicht auf dem Schulgelände spielen dürft, wenn Schule ist.«

Sie sahen ihn groß an. Rundherum schrien die Vögel. Er erwog, die beiden nach Hause zu bringen, aber sie waren ja praktisch schon zu Hause.

»Gut«, sagte er. »Dann geht jetzt nach Hause.«

Er sah zu, wie sie durch den Bohlenzaun kletterten. Sie gingen los, Hand in Hand die Schotterstraße hinauf. Als sie definitiv auf dem Heimweg waren, arbeitete er sich wieder über den durchweichten Schulhof, staksend und springend und ohne verhindern zu können, dass seine Schuhe und Hosenbeinsäume reichlich Schlamm abbekamen. Die Rektorin hatte nicht selbst gehen wollen, um die Mädchen zurechtzuweisen. Natürlich nicht. Sie bevorzugte es, seine Klasse zu beaufsichtigen und ihn auf diese matschige Mission zu schicken. Für sie war klar, dass er diesen Job zu übernehmen hatte, weil er der einzige Mann im Lehrkörper war. Als er in seine Klasse zurückkam, dankte er der Rektorin, und sie ging hinaus – nicht ohne einen Blick auf seine schlammverdreckten Schuhe. Egal. Er ließ die Klasse die Achterreihe des Einmaleins aufsagen. Er glaubte, sein Part in dieser Geschichte sei beendet. Er glaubte, er würde sich nie wieder mit diesen beiden kleinen Mädchen befassen müssen. Seltsam, dass seine Drittklässler ihm plötzlich wie verdorrte Riesen vorkamen, verglichen mit diesen beiden kleinen Mädchen. Und er dachte an seine beiden Söhne, vierzehn und elf, und fragte sich, warum er und seine Frau nie versucht hatten, noch eine Tochter zu bekommen.

*

Als der Mann davonging, überlegten es sich die Mädchen anders und beschlossen, doch nicht nach Hause zu gehen, weil der Tag noch voller umwerfender Überraschungen war und sie ihn nicht vergeuden wollten.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Margaret.

»Komm, wir laufen weg aus dieser stinkigen, blöden Stadt«, sagte Agnes. »Wir laufen wo Besseres hin. Wir laufen einfach in den Wald, wo unsere Mütter uns nie finden, und laufen immer weiter, bis wir ins Land des Piratenkönigs kommen, und wenn wir Lust haben, werden wir auch Piraten und erleben Abenteuer auf den Sieben Meeren und wilde, tolle Sachen bis an unser Lebensende.«

Margaret war ein abwägendes Kind, das nicht zu Hoppla-hopp-Entscheidungen neigte.

»Ich werde sehr traurig sein, wenn du ohne mich wo Besseres hingehst«, sagte sie.

Sie überlegte immer noch.

Aber Agnes hatte keine Geduld für Heckmeck und Unentschlossenheit.

»Du bist so eine langweilige Spielverderberin!«, sagte Agnes. »Ich mag dich kein bisschen!« Und Agnes rannte ganz allein los in den Wald, ohne sich noch mal umzudrehen, und sie rannte so schnell, dass es von da, wo Margaret stand, aussah, als wäre Agnes mit einem Schlag – zack-bumm – verschwunden – und als stünde da jetzt ein Baum an ihrer Stelle; und Agnes rannte so schnell, dass sie zur Abendessenszeit im Land des Piratenkönigs war, wo man sie herzlich willkommen hieß und einlud, sich mit den Piraten an den Abendbrottisch zu setzen und von ihrem köstlichen Mahl aus Reispudding und Zuckerstangen mitzuessen, und nach dem Essen gelobte sie dem Piratenkönig Treue und verbrachte den Rest ihres Lebens damit, unter der Totenkopfflagge über die Sieben Meere zu segeln.

Und die arme Margaret – tja. Sie blieb für immer zurück, so wie der lahme kleine Junge aus Hameln, mit nichts vor sich als einem langweiligen, tristen Leben voller Bereuen und Was-hätte-sein-Können.

Sie ging traurig nach Hause.

Dort verkroch sie sich unter einem Tisch.

Margarets Mutter kam energischen Schritts herein, mit einem vollen Wäschekorb –

Du bist immer noch dieselbe Lügnerin –

Die Zähne von Hirschtier sind bemooste gelbe Stummel. Seine Augen blitzen in Primärfarben.

Du hast es wieder ganz falsch erzählt – du kleines Monster –

Okay, Hirschtier.

Hier ist die Wahrheit.

*

Als der Mann davonging, beschlossen die Mädchen, doch nicht nach Hause zu gehen.

Agnes hatte eine Idee.

»Komm, wir verstecken uns in dem alten Schuppen hinten in unserem Garten!«, sagte sie.

Das war eine so tolle Idee, dass die Mädchen losrannten, über den Rasen zum alten Schuppen, doch sie schafften es nur halb bis dahin, bevor Agnes’ Mutter sie durch ein Fenster erspähte und – mit wehendem Morgenrock – herausgestürzt kam, über den winterbraunen Rasen sauste wie eine alte Besenhexe und rief: »Agnes Bickford! Agnes Bickford! Du Schmutzfink! Komm sofort her!«, und als sie die Mädchen einholte, packte sie ihre Tochter am Arm, zerrte sie – nicht gerade sanft! – zum Gartenschlauch und drehte den Hahn auf. Eiskaltes Wasser pulste heraus. Es klatschte auf Agnes’ Haut. Bald hatte sie bläuliche Gänsehaut, aber sie weinte nicht. Diese groteske Demütigung konnte sie nicht kleinkriegen. Agnes’ Mutter sah Margaret dastehen und rief: Was guckst du? Ab! Geh nach Hause! – und Margaret rannte so schnell weg, dass ihre Füße kaum den Boden berührten. Sobald sie in ihrem Haus war, streifte sie die Gummistiefel ab, so leise, dass ihre Mutter es nicht hörte, und schlich auf Strümpfen zur Küche – ihre Mutter hatte ja gar nicht gemerkt, dass sie überhaupt rausgegangen war –, kroch unter den Tisch und versteckte sich dort mit pochendem Herzen.

Margarets Mutter kam energischen Schritts in die Küche mit einem vollen Wäschekorb –

Hör auf mit der Lügerei, bevor ich dir ganz das Maul stopfe!

Hirschtiers Augen sind voller Wut über meinen erneuten Verrat.

Es sieht aus, als wollte es mich jeden Moment niederschlagen.

Habe ich Angst vor Hirschtier?

Ja.

Noch mal.

*

Als der Mann davongegangen war, gingen die Mädchen doch nicht nach Hause. Der Tag war ihnen verdorben. Es war heiß und stickig. Die ersten Kriebelmücken der Saison waren geschlüpft und kreisten über den Köpfen der Mädchen wie verrückt gewordene Heiligenscheine. Nach dem verblüffenden Erlebnis mit der Schulhofüberflutung waren die Mädchen erschöpft und reif dafür, nach drinnen zu gehen, aber Agnes war zu dreckig, um nach drinnen zu können. Sobald Agnes’ Mutter Agnes sehen würde, so voll Schlamm, würde sie aus dem Haus gerannt kommen, um ihre Tochter mit dem Gartenschlauch abzuspritzen, bis Agnes bläuliche Gänsehaut hatte. Sie hatte das schon öfter getan. Danach erst würde sie ihre Tochter in die Nähe ihrer Teppiche und Schonbezüge lassen.

Agnes hatte eine Idee.

»Wir können doch in dem alten Schuppen in unserem Garten spielen«, sagte Agnes.

Es war eine so gute Idee, dass die Mädchen losrannten, über den winterbraunen Rasen zu dem alten Schuppen, um sich da zu verstecken. Die Mädchen hatten sich alle Mühe gegeben, unsichtbar zu werden. Und weil sie es so gut gemacht hatten, hatten ihre Mütter gar nicht mitbekommen, dass sie weg waren. Agnes’ Mutter war damit beschäftigt, in ihrem Schlafzimmer zu weinen. Sie dachte daran, dass sie immer Tänzerin hatte werden wollen. Margarets Mutter war mit Kartoffelschälen beschäftigt. Sie dachte, vielleicht sollte sie mal nachsehen, was ihre Tochter machte, aber dann klingelte das Telefon, und sie ging dran.

Zuerst waren Margarets Augen von der schummrigen, kühlen Luft im Schuppen verwirrt. Sie konnte Agnes nirgends sehen. Dann sah sie Agnes vor sich stehen, ganz nah. Der Schlamm auf Agnes’ Gesicht sah gruselig aus. Margaret machte einen Schritt rückwärts. Sie sah Werkzeug an Wandhaken hängen. Das Werkzeug gehörte Agnes’ abwesendem Vater. Er hatte es nach der Scheidung dagelassen, um seine Ex-Frau zu ärgern. Gläser mit Nägeln hingen vom niedrigen Dachbalken. Ölige Motorteile lagen auf einem langen Holztisch. Margaret nahm eins der Teile in die Hand. Es fühlte sich schwer an. Sie berührte es mit der Zunge. Zuerst schmeckte es nur glitschig und nach nichts, aber dann lief ein scharfes Prickeln die Seiten ihrer Zunge entlang, und sie hatte Angst zu schlucken.

Sie spuckte den Geschmack aus.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Margaret.

Agnes kratzte am Schlamm auf ihrem Arm, drehte sich dann langsam im Kreis und sang vor sich hin: »Was machen wir? Was machen wir?«, und hörte auf, sich zu drehen, als sie hinter Angelzeug den alten Fischkühler ihres Vaters entdeckte. Sie erfand auf der Stelle ein neues Spiel: »Erwacht, o Prinzessin.« Margarets Job war es, den Deckel zuzumachen, bis zehn zu zählen und dann die Prinzessin herauszulassen. Es war ein simples Spiel. Selbst ein Kind konnte es kapieren. Und Margaret machte den Deckel zu, und sie zählte bis zehn, und jetzt war es Zeit, die Prinzessin herauszulassen, aber Margaret bekam den Verschluss nicht auf. Von drinnen beschwerte sich ihre Freundin jetzt – gedämpft, traumartig, wie aus großer Ferne –, und in Margaret brach eine schreckliche, klaffende Angst auf, so dunkel und so gewaltig, dass sie nach Hause rannte und sich unter einem Tisch versteckte.

*

Die Zeit verging so sonderbar für das Mädchen unterm Tisch. Margaret hatte so viel Zeit, dass sie bis zehn zählen konnte, sooft sie wollte. Vielleicht hundertmal, immer die Ticktack-Momente zählen, während sie vergingen. Sie wurde so gut darin, bis zehn zu zählen, dass sie beschloss, zum Abc überzugehen. Die Buchstaben zwischen L und P waren ihr allerdings immer noch ein unklares Durcheinander. Sooft sie wieder von vorn anfing, die Buchstaben sortierten sich einfach nicht richtig. Ein Stück Wissen fehlte. Ihre Misserfolge wurden immer mehr. Sie fühlte wachsende Panik …

*

Die Zeit verging so sonderbar für das Mädchen im Fischkühler. Sie hatte gerade genug Zeit, sich eingeengt und unsicher zu fühlen, aber nicht genug Zeit, um Angst zu haben. Sie trank die letzten Tropfen Luft und atmete dann sinnlos weiter, bis sie einen wundersamen Wirbel von Farben und Licht auf der Innenseite ihrer geschlossenen Lider sah. Die Farben beruhigten sie. Sie dachte an ihre Mutter. Sie vergaß ihre Mutter. Sie vergaß alles. Die Farben wurden noch wilder und noch fröhlicher …

*

Margarets Mutter kam energischen Schritts in die Küche, mit einem vollen Wäschekorb.

»Da bist du ja, Margaret«, sagte ihre Mutter. »Was machst du denn da unten? Warum antwortest du nicht, wenn ich dich rufe? Wenn ich mit Bügeln fertig bin, gehe ich mit dir in den Park, Enten füttern.«

Die Kleine unterm Tisch vergaß ihre Abc-Probleme. Sie ging gern in den Park Enten füttern. Sie sah ihre Mutter das Bügelbrett aufstellen und das Bügeleisen einstöpseln. Kurz darauf leckte ihre Mutter den Zeigefinger an und berührte damit leicht die Edelstahlunterseite. Die Kleine mochte das leise Zischen, das bewies, dass das Eisen heiß genug war. Sie sah zu, wie ihre Mutter ihre Serviererinnen-Uniform bügelte und dabei besondere Sorgfalt auf den Kragen verwandte. Als ihre Mutter mit der Uniform fertig war, nahm sie sich die Blusen vor. Sie fand im Wäschekorb einen abgegangenen Knopf und legte ihn beiseite. Sie summte gerade die ersten Takte von »Catch a Falling Star and Put It in Your Pocket«, zu der Zeit ihr Lieblingslied, weil sie so für Perry Como schwärmte, als ein seltsames gurgelndes Geräusch zum Fenster hereindriftete.

»Was ist denn da los?«, sagte ihre Mutter und stellte das Bügeleisen ab.

Das Eisen puffte.

Ihre Mutter ging ans Fenster und sah hinaus.

Margaret machte die Augen zu.

Zwei

Ich hab’s getan. Ich hab’s endlich getan. Da ist sie: die Wahrheit selbst, hingeschrieben auf das muffige alte Briefpapier, das ich in einer Schublade dieses Motelzimmers gefunden habe. Die ganze Nacht habe ich die Wahrheit hingekritzelt, so kritzelig, dass es das Papier fast aufgerissen hat. Ich habe im Schein eines grellen Neonschilds geschrieben, der durchs Fenster hereinfällt – und ich fühle mich so eigenartig. Ich fühle mich schwerelos. Als könnte ich jeden Moment davonfliegen. Mir schwirrt der Kopf von so viel Die-Wahrheit-Sagen. Ich fühle mich gesegnet. Ich fühle mich losgesprochen.

Aber dann – von jetzt auf gleich, noch bevor Hirschtier die Chance hat, mir zu sagen, was ich diesmal falsch gemacht habe – kommen mir Zweifel. Ich habe so lange erfundene Geschichten erzählt, dass die ungeschminkte Wahrheit sich hässlich und holperig anfühlt und die Fakten mir vorkommen wie geborgte Bruchstücke, aufs Geratewohl aus einem Wust von Hörensagen und altem Tratsch herausgepickt. Einmal versuchte ich, meiner Mutter die Wahrheit über den Tag der Flut auf dem Schulhof zu erzählen, und sie schlug mich und sagte: »MARGARETMURPHY, DUWIRSTDIESEABSCHEULICHELÜGENIEMEHRWIEDERHOLEN!«, und ich tat es nie mehr.

Und jetzt sprechen die altvertrauten Stimmen in meinem Kopf wieder auf mich ein, so wie immer. Sie versuchen, mir auszureden, was ich vom Tag der Schulhofüberschwemmung noch weiß. Du warst erst vier. Du warst zu klein, um dich dran erinnern zu können. So war es nicht. Deine Mutter sagt, du warst den ganzen Tag bei ihr und hast das Haus nicht verlassen. Sie sagt, du hast nie einen Fuß in diesen alten Schuppen gesetzt. Deine Erinnerung ist falsch. Was du Wahrheit nennst, ist nichts weiter als die Geschichte, die Ruby Bickford erfunden hat, ihre verleumderische Geschichte, die Lüge, zu der sie sich genötigt sah, weil sie nicht zugeben konnte, dass sie ihr Kind durch egoistische Vernachlässigung getötet hatte und dann ihr eigenes sträfliches Verhalten dem Nachbarskind in die Schuhe schieben wollte.

Ich bin unschuldig.

Vielleicht bin ich unschuldig.

Hirschtier hat sich verzweifelt wieder in seine schummrige Ecke von Zimmer 127 verzogen. Es hat seine zerlumpte blaue Bekleidung um sich gerafft und seinen Kopf damit bedeckt. Es späht mit einem feuchten Auge darunter hervor, sieht mich an. Noch mehr von deinen verlogenen Lügen, sagt es. Da war kein Wirbel von Farbe und Licht in dem Fischkühler. Dieses Mädchen ist im Dunkeln gestorben. Als sie sie gefunden haben, war sie blau im Gesicht. Ihre Fingernägel waren abgebrochen, vom Versuch, sich freizukratzen – ihre Zehen waren verkrampft – du hättest Hilfe holen können – du hättest in diesem Fischkühler stecken sollen –

Ich war vier. Ich hatteAngst.

Du wolltest, dass sie stirbt – du hast Agnes Bickford gehasst –

Nein. Ich habe Agnes Bickford geliebt.

Aber Hirschtier drangsaliert mich immer weiter mit seinen Vorhaltungen, bis ich schon fast so weit bin zu sagen, ich gebe auf, du hast recht –

Und da sickert auf einmal von draußen hinterm Vorhang das erste Morgenlicht herein, und ich fühle, wie die Kreatur in der Ecke dahinschwindet. Sie macht eine umgekehrte Transsubstantiation durch, von etwas Übernatürlichem zu etwas Gewöhnlichem – einem Haufen alter Kleidungsstücke, einem Schatten an der Wand –, bis sie fast durchsichtig ist und ihre Stimme nicht mehr kräftiger als leise Tränen, als sie zu mir sagt: Margaret Murphy, ich bin noch längst nicht fertig mit dir –

Und dann? Ist da kein imaginäres Tier mehr mit mir im Zimmer.

Der Tag hat Hirschtier besiegt.

Jetzt sind nur noch wir drei hier in Zimmer 127 von Little Ida’s Motor Lodge.

Penny, Glo und ich.

*

Die ganze Nacht durch haben Penny und Glo in dem großen Bett geschlafen, Mutter und Tochter, drunter und drüber und ineinander verschlungen und das lange Haar über die Kissen gebreitet. Pennys Haar hat die Farbe von verschrumpelten Blättern. Glos Haar hat die Farbe von sanftem Regen. Es ist kaum zu glauben, dass überhaupt eine von ihnen geschlafen hat, weil das hier eins von den Motels ist, die ihre Matratzen mit wasserdichten Auflagen unter dem Laken schützen – vor was auch immer Gäste auf Matratzen tun wollen könnten –, und jedes Mal, wenn Penny oder Glo sich im Schlaf umgedreht haben, knisterte die Matratze.

Penny wacht zuerst auf und fängt gleich an herumzufrotzeln.

»Du sitzt genau da, wo du gesessen hast, als ich eingeschlafen bin«, sagt sie. »Warst du überhaupt im Bett?«

Sie greift sich die Blätter, um selbst zu schauen, was mich wach gehalten hat.

»Guter Gott, hast du in der Schule nicht schreiben gelernt? Ich kann ja kein Wort entziffern! Worüber ist das? Ist es wichtig?«

Glo wacht auf, klettert auf meinen Schoß und schlingt mir ihre klebrigen Arme um den Hals.

»Ich kann es lesen, Mommy«, sagt Glo. »Ich kenne die Geschichte. Sie ist über ein trauriges kleines Häschen.«

»Wie du meinst, Schätzchen«, sagt ihre Mutter. »Gehen wir frühstücken. Kommst du mit, Margaret?«

Ich schüttle den Kopf. Ich weiß nicht genau, ob es Hirschtiers Drohungen sind, die mich an diesem wackligen Schreibtisch festhalten, oder ob es mein eigenes müdes Bedürfnis ist, das hier endlich durchzuziehen, aber jetzt, wo ich angefangen habe, diese Geschichte zu erzählen, habe ich das Gefühl, ihr folgen zu müssen, wo immer sie mich hinführt. Und ob ich die Heldin meiner Geschichte sein werde oder die Schurkin oder das Opferlamm oder eine unwichtige Person, die am Ende vergessen ist, werde ich nicht erfahren, bevor ich auf der letzten Seite bin.