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Ein vertauschtes Päckchen. Viele schmutzige Geheimnisse … Als ein fremdes Paket in Liliths Briefkasten landet und sie es versehentlich öffnet, weiß sie zwei Dinge: Erstens, es gehört ihrem verboten heißen Nachbarn Liam. Und zweitens, er hat ein schmutziges Geheimnis. Dass es zufälligerweise ihr in die Hände gefallen ist, erfüllt Lilith mit großer Genugtuung – denn normalerweise mag sie schon die meisten gewöhnlichen Menschen nicht, und Liam bringt mit seiner Perfektion das Fass zum Überlaufen. Nun hat sie Mr. Perfect in der Hand – und kann es in vollen Zügen genießen … Die prickelnde romantische Komödie »His Package – Schmutzige Geheimnisse« von USA Today-Bestseller-Autorin Penelope Bloom ist ein Geheimtipp der besonderen Art. Romantisch, witzig und verboten sexy! Penelope Bloom war Lehrerin an einer Highschool, bevor sie ihren Job an den Nagel hängte, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Inzwischen ist sie eine erfolgreiche USA-Today-, Washington Post- und Amazon Kindle-Bestsellerautorin. Ihre Romane »His Banana« und »Her Cherry« haben sich in zahlreiche Länder verkauft. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei kleinen Töchtern in Florida.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
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Aus dem Amerikanischen von Richard Betzenbichler
© Penelope Bloom 2018
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
»His Package«, Amazon Digital Services LLC, 2018
© der deutschsprachigen Ausgabe:
Piper Verlag GmbH, München 2020
Redaktion: Antje Steinhäuser
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Cover & Impressum
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EPILOG
Lilith
Die Leute glauben immer, ich sei kein großer »Menschenfreund«, was auch immer das heißen mag. Tja, wisst ihr, was, ihr Vollpfosten? Ich bin sogar ein ausgesprochener Menschenfreund. Es gibt eine Menge, was mir an Menschen gefällt. Ich genieße es, wenn Menschen, die es verdient haben, unangenehme Dinge passieren. Mir gefällt, wenn sich Menschen in meiner Gegenwart unwohl fühlen. Nur weil es nicht meine Vorstellung vom Paradies ist, mit meiner besten Freundin über eine grüne Wiese zu hüpfen, in der Hand einen Picknickkorb, macht mich das noch lange nicht zu einer Psychopathin. Dass ich vermutlich eher einer Katze das Leben retten würde als einem Menschen … nun, ich gebe zu, das deutet auf der Skala eher in Richtung Psychopathin, aber wer ist schon perfekt?
Jeder muss für sich herausfinden, was ihm im Leben am meisten Spaß macht. Was ihm heimliches Vergnügen bereitet. Mir macht es nun mal Spaß, wenn andere Leute Pech haben. Vielleicht lässt sich das auch etwas weniger verstörend ausdrücken … die meisten Menschen mag ich nicht, und mir gefällt, wenn sie leiden? Nein, so stimmt es auch nicht.
Im Grunde genommen gehe ich davon aus, dass auf jeden ein gewisses Maß an schlechtem Karma wartet, und wenn ich das Glück habe, das miterleben zu dürfen, ist das jedes Mal ein Bonus. Der Typ, der sich auf der Fahrt zur Arbeit Kaffee auf die Krawatte kippt, ist vor ein paar Stunden vermutlich achtlos an seinem Golden Retriever vorbeigegangen, der nur ein wenig am Bauch gekrault werden wollte. Karma. Die Frau, der nach ihrer Mittagspause ein Streifen Toilettenpapier am Absatz klebt, hat vermutlich irgendeinen hart arbeitenden kleinen Angestellten angepflaumt, weil sie irgendeinen Gutschein am Abend vorher nicht hatte einlösen können. Schlimmer noch, der Gutschein hatte sich vermutlich nicht einlösen lassen, weil sie sich wie neunzig Prozent aller Leute nicht die Mühe gemacht hatte, das Kleingedruckte auf der Rückseite zu lesen. Bumm. Und wieder schlägt das Karma zu.
Aber es gibt da etwas, das genieße ich noch mehr als die zufälligen Aktionen im großen Ausgleichsspiel des Universums. Ich bin nicht leicht zu begeistern, und ich pflege auch kaum je zu lächeln – aber ich genieße es in vollen Zügen, wenn das Karma jemanden trifft, der mich verärgert hat.
Und so fing alles an.
Ich wohnte gegenüber von Mr Perfect. Seinen Namen kannte ich nicht, obwohl er schon seit ein paar Wochen mein Nachbar war, und er interessierte mich auch nicht. Vermutlich war es irgendwas Bescheuertes wie »Cade«, »Tade« oder »Spade«. Typen wie er hatten immer solche Namen, als kämen sie gerade von einer Jacht, die Füße in Segelschuhen, den Pullover lässig um die Hüften geschlungen.
Mr Perfect zog sich zwar nicht so an, aber man konnte sich ihn total gut so vorstellen. Es war irgendwas mit seinem Haar oder weil er eins dieser widerwärtigen Gesichter hatte, die vermutlich auch mit Glatze noch gut aussahen. Vielleicht lag es daran, dass man ihm die lange, ununterbrochene Linie absolut umwerfend aussehender Vorfahren, die über Jahrhunderte hinweg miteinander hatten schlafen müssen, um einen Mann mit derart perfektem Erbgut hervorzubringen, geradezu ansah. Vielleicht lag es auch bloß daran, dass er sich so unglaublich gut in Form hielt – ich meine, also echt, wer legt schon Wert darauf, dass sein Körper aussieht, als sei ihm jedes noch so elegante Kleidungsstück wegen all dieser perfekt modulierten Muskeln ein klein wenig zu eng?
Am Tag seines Einzugs hatte ich in einer für mich sehr ungewöhnlichen Anwandlung beschlossen, ihm eine Chance zu geben. Unbedingt festzuhalten ist, dass meine Entscheidung so gut wie nichts mit seinem guten Aussehen oder mit irgendwelchen bizarren Fantasien über ihn und meinen wogenden Busen zu tun hatte. So war das ganz und gar nicht. Ich wollte einfach nachbarschaftlich nett sein. Anstatt wie üblich böse zu schauen, sah ich halbwegs in seine Richtung und wartete, dass er sich vorstellte. Ich nickte ihm sogar leicht zu, wie Männer das oft untereinander tun. Ich kannte sowohl die Kinn-rauf-Variante als auch die Kinn-runter-Variante, also wählte ich eine aus.
Ich erwartete nicht viel. Vielleicht einmal Kinn rauf oder Kinn runter. Vielleicht ein Lächeln. Vielleicht würde er mich in sein Zimmer zerren und es mir besorgen, weil er noch nie eine so ungezähmte Schönheit wie mich gesehen hatte.
Aber er ignorierte mich komplett. Nicht mal Blickkontakt. Nichts. Deshalb »gab das Beef«, um es mit den unsterblichen Worten der Kids damals in der Middle School auszudrücken.
Er wollte perfekt sein? Er wollte quasi ein Schild um den Hals tragen mit der Aufschrift »mein Leben ist besser als deins«? Prima. Nur zu. Aber wenn ich jemanden ausnahmsweise nicht böse anstarre, dann schuldet mir derjenige zumindest ein Kopfnicken.
Das war Fehler Nummer eins.
Sein zweiter Fehler war, dass er immer aussah, als hätte er einen geheimen Vorrat Flüssiges Glück aus dem Harry-Potter-Universum in seiner Wohnung, als wäre jeder Tag seines Lebens eine nie endende Abfolge superglücklicher Fügungen. Das sah man einfach an seinem Blick.
Aber halten wir uns nicht mit Einzelheiten auf. Es ging darum, dass er mich wütend machte. Deshalb wartete ich voller Aggression auf den Tag, an dem dem Universum bewusst wurde, dass es ihm dreißig Jahre Pech geballt in einem einzigen Moment schuldete. Ich wollte nicht, dass dem Typen irgendetwas Ernstes zustieß, aber es hätte mich mit Genugtuung erfüllt, ihn wenigstens einmal auf die Schnauze fliegen zu sehen. Ich hätte mich sogar mit einer seltsamen Knochenverletzung zufriedengegeben. Vielleicht verstopfte seine Toilette und flutete seine Wohnung mit Fäkalien. Irgendwas, echt.
Seit seinem Einzug fühlte ich mich wie ein Schatten, den der strahlende Lichtschein seines Lebens warf, und ich hatte die Nase allmählich voll.
Es war ein Dienstag, was bedeutete, dass ich ihm auf dem Weg in meine Wohnung vermutlich begegnen würde. Eventuell hatte ich eine ungefähre Vorstellung, wann er nach der Arbeit normalerweise nach Hause zurückkehrte, aber es ist nicht so, als wäre ich eine Stalkerin. Sein Leben war wie ein Uhrwerk, und entweder kam er eine halbe Stunde zu früh hier an und wartete draußen, bis es genau fünf Uhr war, oder sein Glück reichte so weit, dass bei ihm nie ein Zug Verspätung hatte und er nie im Verkehr stecken blieb. In Anbetracht der Tatsache, dass wir in New York lebten, konnte ich beides kaum glauben.
Ich verließ meine Wohnung um zwei vor fünf, nicht weil ich ihn treffen wollte, sondern weil ich zufällig zu diesem Zeitpunkt meine Wohnung verließ. Ich brauchte etwa zwei Minuten von der Treppe zum Briefkasten, und so kam er zufälligerweise gerade herein, als ich die Treppe hinunterkam.
Er zog sich nicht auffällig an. Billige Sonnenbrille, ausgeblichenes blaues T-Shirt und Jeans. Natürlich sah an ihm alles superedel aus, und dafür hätte ich ihm am liebsten ein Bein gestellt. Wenn das Karma seinen Job nicht auf die Reihe bekam, durfte es mich gern dafür engagieren.
Die Briefkästen waren weit oben in die Wand eingelassen, gemacht für Riesen. Ich war respektable 1 Meter 65 groß, aber ich musste mich auf die Zehenspitzen stellen, um den Schlüssel zu drehen und hineinzugreifen. Mr Perfects Briefkasten war gleich neben meinem. Er hatte keine Probleme, an ihn heranzukommen, während ich auf Zehenspitzen, das Gesicht gegen die Wand gepresst, mühsam meine Würde zu wahren versuchte. Ich fischte ein erstaunlich großes Päckchen aus meinem Kasten.
Beide verließen wir unsere Briefkästen mit einem Päckchen in der Hand – meins eine unauffällige beigefarbene Schachtel, seins eine sehr feminine rosa Box mit einem weißen Seidenband drum herum.
»Nettes Päckchen«, sagte ich. Es überraschte mich ein wenig, meine eigene Stimme zu hören. Ich dachte, mein Kopf und mein Körper hätten sich auf eine strikt passiv-aggressive Vorgehensweise verständigt, aber ich hatte mir die Bemerkung offenbar einfach nicht verkneifen können.
Er drehte sich um und betrachtete mich mit hochgezogenen Augenbrauen. Himmel! Der Mann sah gut aus. Schier unerträglich, als würde ihm ein filmstarmäßig gutes Aussehen nicht reichen. Nein, er musste auf der Hitliste der Perfektion bis ganz nach oben klettern. Man konnte ihn nicht mal so perfekt nennen, dass es schon wieder langweilig war, denn ein Teil seiner Perfektion bestand darin, an genau den richtigen Stellen einzigartig zu sein – so waren seine Augenbrauen vielleicht zu dunkel oder zu dicht, sie passten aber genau zu seinem Gesicht. Dann seine Nase. Ich hatte mir noch nie die Nase eines Manns genauer angeschaut, aber es war wirklich eine hübsche Nase. Es war eine Nase, die mich zu der Überlegung veranlasste, ob ich mich plötzlich in einen »Nasen-Menschen« verwandelt hatte. Gab es so etwas überhaupt?
»Ihres ist größer«, erwiderte er und deutete mit dem Kopf auf mein Päckchen.
Da war etwas Scherzhaftes in seiner Stimme, und ich musste mir das Grinsen verkneifen. Normalerweise fiel es mir nicht schwer, nicht zu lächeln. Nicht zu lächeln entsprach weitgehend meiner Natur. Außerdem machten mich Männer nicht nervös, also konnte das seltsam unangenehme Gefühl in meinem Bauch nur entstehen, wenn einem jemand zutiefst zuwider war.
»Tja, der Dildo, den ich bestellt habe, ist extra groß.« Ich kippte die Schachtel leicht zur Seite und starrte ihn böse an.
Er lachte. Es war ein warmes, angenehmes Lachen. »Soll ich die Sanitäter rufen, falls Sie bis morgen nicht aus Ihrer Wohnung kommen?«
»Nein«, erwiderte ich. »Rufen Sie einen Klempner.«
Wieder lachte er, und ich ertappte mich dabei, wie ich beinahe gelächelt hätte, als ich zu ihm und seinen perfekt gereihten Zähnen hochsah. »Lassen Sie sich nicht aufhalten. Sie haben große Pläne. Ich verstehe.«
»Ja. Extra große Pläne.« Ich drehte mich um und lief die Treppe hinauf. Was für ein Arschloch! Er konnte noch so sehr tun, als wäre er charmant und nett, aber er hatte sich mir nie auch nur vorgestellt. Der Charme wird nur angeknipst, wenn ich von großen Dildos rede? Vermutlich ein Perverser …
Ich hatte tatsächlich einen Dildo bestellt, allerdings in Normalgröße, aber das brauchte er nicht zu wissen. Ich war auch nicht der Ansicht, dass der Besitz eines ansehnlichen Arsenals an Sexspielzeugen irgendetwas über das Sexleben seines Besitzers oder dessen Fehlen aussagte. Entweder hatte man das Werkzeug zur Hand, das man brauchte, oder man musste jemanden holen, der das für einen erledigte. Und in meinem Fall? Nun, ich war lieber vorbereitet.
Zurück in meiner Wohnung, brauchte ich ein paar zusätzliche Minuten, bis ich das Päckchen mit Gewalt aufgerissen hatte, weil ich zu faul und zu stur war, um die fünf Schritte in die Küche zu gehen und die Schere zu holen.
Ich erwartete, in dem Päckchen mein siebzehneinhalb Zentimeter langes und mit einem Durchmesser von fünf Zentimetern ausgestattetes Date für den Abend zu finden. Stattdessen lag darin ein langweiliger DIN-A4-Umschlag.
Ich nahm ihn heraus und drehte ihn auf den Kopf. Ein paar Plastikkarten fielen heraus, aber der Packen Papier blieb stecken. Wenn dies eine neue Spammail-Taktik war, funktionierte sie. Meine Neugier war jedenfalls geweckt.
Roosevelt, mein Kater, zeigte ebenfalls Interesse. Er war eine reinrassige Munchkin-Dackelkatze, was so etwas wie der Corgi der Katzenwelt ist – echt kurze Beine bei einem normal großen Körper. Man könnte argumentieren, es sei ein bisschen abartig, eine Katze mit kurzen Stummelbeinchen zu züchten. Sollte sie jemals nach draußen gelangen, würde sie einen Kampf mit einer anderen Katze vermutlich verlieren, weil sie zu kurze Pfoten hat. Aber man kann auch argumentieren, dass sie absolut entzückend aussieht.
Ich schnappte mir eine der Karten, die herausgefallen waren, und betrachtete mit zusammengekniffenen Augen das Foto. Es war der Führerschein meines Nachbarn. Bob Smith? Da hatte ich mit Cade oder Spade ja schwer danebengelegen, aber Bob war fast noch schlimmer. Vielleicht gibt es ja irgendwo jemanden mit Namen Bob, der großartig ist – seien wir ehrlich, vermutlich eher nicht –, und dann heißt ausgerechnet mein Nachbar Bob und stellt all meine stereotypen Annahmen über den Namen infrage.
Ich steckte den Führerschein zurück in den Umschlag und dachte nach. Aus Versehen die Post von jemand anderem aufzumachen war durchaus verzeihlich. Deshalb fühlte ich mich bisher auch nicht allzu schuldig. Wenn ich mir dagegen die Unterlagen in dem Umschlag ansah, würde ich mich eventuell schlecht fühlen müssen. Ich knurrte verärgert und machte die Schachtel wieder zu. Egal, welche Geheimnisse Bob Smith haben mochte, sie waren mir nicht wichtig genug, um den Hauch von Schuld auf mich zu laden, den ich spüren würde, wenn ich vorsätzlich in seiner Post herumschnüffelte.
Es klopfte laut an meiner Tür. Ich kraulte Roosevelt unter dem Kinn und ging dann, um zu öffnen.
Bevor ich das tat, bemühte ich mich, den passenden Gesichtsausdruck aufzusetzen, meine »Sie stören mich bei etwas sehr Wichtigem«-Miene. Aber als ich meinen Nachbarn dort stehen sah, konnte ich ihn nur ausdruckslos anstarren.
Er hielt einen lila Dildo in der Hand, in dessen Oberfläche einige hervortretende Adern eingearbeitet waren. Normalerweise hätte ich mir einen Moment Zeit genommen, diese Handwerkskunst zu bewundern und zu genießen. Solide Arbeit. Schön geformtes Silikon und ein tolles saugfähiges Unterteil. Alles, was sich ein Mädchen wünschen konnte. Tief im Inneren war es mir vermutlich peinlich, aber ich hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass es besser war, wenn man zu seiner Verlegenheit stand, statt sie zu verleugnen.
»Oh, gut, Sie haben mein Date gefunden«, sagte ich und riss ihm den Dildo aus der Hand. Um meinen Standpunkt zu unterstreichen, knallte ich ihn mit dem Saugnapf an der Rückseite der Eier an den Türrahmen, wo er sich festsaugte und bedrohlich zwischen uns zu wackeln begann.
Er sah mich leicht amüsiert an. »Ihr Date ist in meinem Briefkasten gelandet. Ich habe mich gefragt, ob Sie stattdessen mein Päckchen bekommen haben.«
»Ich glaube, ich wüsste es, wenn ich Ihr Päckchen bekommen hätte.«
Er schien das nicht lustig zu finden. Er stand mit vor der Brust verschränkten Armen da, und seine Bizepse und sein Oberkörper sahen zum Abschlecken aus, obwohl ich vermutlich lieber hineingebissen hätte. Typen wie er hatten schließlich auch so schon genug Spaß im Leben.
»Sind Sie sich sicher?«, fragte er. Seine Stimme klang etwas angespannt.
Aus irgendeinem Grund weckte dieser Ton in mir den Wunsch, ihn anzulügen. Vielleicht hatte das Universum endlich einen Weg entdeckt, Mr Perfect eine wohlverdiente Niederlage zu bescheren – falls der Name Bob Smith, den ihm seine Eltern gegeben hatten, sein bisher einziger Versuch zu einem Ausgleich war. Vielleicht sah es in mein dunkles, verdrehtes kleines Herz und wusste, dass ich die perfekte Komplizin war.
Ich verschränkte ebenfalls die Arme vor der Brust und zuckte oscarreif mit den Schultern. »Ja. Ziemlich sicher. Ich habe gerade Katzenfutter bekommen. Vielleicht war in meinem Briefkasten nicht genug Platz für beide Päckchen, und dann hat sie den Dildo bei Ihnen reingeschoben.«
Seine Nasenflügel zuckten leicht. Es waren hübsche Nasenflügel, falls es so etwas gab, und sein leicht verärgerter Gesichtsausdruck ließ ihn noch unnahbar gottähnlicher erscheinen. Er hatte dunkles Haar, einen leichten Bartstoppelflaum und hellgraue Augen. Seine Haut war etwas blass, aber irgendwie gefiel mir das. Es bedeutete, dass er zumindest nicht draußen herumstolzierte und seine Muskeln vorführte oder schlimmer – sich in eine Minibadehose zwängte, einölte und in eine dieser Strahlenkammern namens Sonnenbank legte.
Nach einer langen angespannten Pause seufzte er. »Falls es auftaucht, wissen Sie ja, wo Sie mich finden.«
»Klar doch.« Ich stieß den Dildo an, sah zu, wie er wackelte, und packte ihn dann mit beiden Händen. Er gab ein vulgär schmatzendes Geräusch von sich, als ich ihn vom Türrahmen abzog. »Danke übrigens, dass Sie mir mein Date gebracht haben.«
Wieder seufzte er, dann schloss er die Tür. Meine Tür. Wer schloss denn anderer Leute Tür, um ein Gespräch zu beenden?
Mit vor Ärger gerunzelter Stirn starrte ich auf den Dildo hinunter, als hätte er vielleicht die Antwort für mich. Mit wachsender Wut schleuderte ich ihn Richtung Couch, wobei er Roosevelt nur knapp verfehlte. Mit einem ängstlichen Kriegsschrei brachte er sich rasch in Sicherheit.
Erneut holte ich den dicken Umschlag aus der Schachtel, zögerte und legte die Unterlagen dann zurück, ohne sie anzuschauen. Tut mir leid, Universum, aber in das hier möchte ich nicht reingezogen werden.
Liam
Ich schaute mir erneut die Mail auf meinem Handy an. Das Päckchen war an diesem Nachmittag zugestellt worden. Entweder log meine Nachbarin, oder es war im Briefkasten von jemand anderem gelandet. Ich hatte keine Möglichkeit, das herauszufinden, außer ich verbrachte den Abend unten im Hausflur und wartete, bis auch der Letzte seine Post geholt hatte. Selbst das war zwecklos, weil ich nicht wusste, um welche Art oder Größe von Päckchen es sich handelte oder ob es nicht schon früher am Tag abgeholt worden war.
All das spielte keine Rolle.
Ich wusste instinktiv, dass das Mädchen von gegenüber es hatte. Ich hatte keine Ahnung, was mit ihr los war. Seit ich eingezogen war, hatte sie nichts anderes getan, als durch mich hindurchzustarren. Es war, als wüsste sie Bescheid – als durchschaute sie mich und die durchsichtigen Lügen, hinter denen ich mich in den letzten Wochen verschanzte, irgendwie. Denkbar war es durchaus. Die Engstirnigkeit meiner Halbschwester kannte so gut wie keine Grenzen, und ich traute ihr ohne Weiteres zu, dass sie irgendwelche Leute in der Stadt bestach, damit sie Ausschau nach jemandem hielten, der meiner Beschreibung entsprach. Das Mädchen von gegenüber könnte Celia gerade in diesem Moment eine Nachricht über das Päckchen schicken.
Ich setzte mich auf die Kante meines Betts und fuhr mir mit den Händen durch das Haar. Noch immer wartete ich auf jemanden, der mir sagte, die letzten Monate seien ein schlechter Witz gewesen. Meine Stiefschwester war schon immer verrückt gewesen, aber das bizarre Verhalten, das sie in letzter Zeit an den Tag legte, stellte alles Vorangegangene in den Schatten.
Ich wollte nicht darüber nachdenken. Über nichts davon.
Wenn ich weiter die Füße stillhielt, würde es vorbeigehen. Zu kämpfen oder einen Aufstand zu machen würde die Frustration nur länger andauern lassen. Wenn ich ihr keine neue Munition lieferte, würde es ihr wie üblich langweilig werden, und ich könnte mein normales Leben wieder aufnehmen. Diese lächerlichen Ablenkungsmanöver oder Spiele, die zu spielen ich gezwungen war, würden ein Ende haben. Ich wäre wieder frei, um mich auf meine Firma zu konzentrieren, wobei sich auch diese Vorstellung hohl anfühlte. Jahrelang hatte meine Aufmerksamkeit ausschließlich der Firma gegolten, und seit ich mich – wenn auch nur vorübergehend – aus ihr hatte zurückziehen müssen, fragte ich mich allmählich, wieso ich mein ganzes Leben zugunsten meiner Arbeit hintanstellte.
Das Geld, das ich verdient hatte, würde vermutlich für den Rest meines Lebens reichen. Ich hatte die Ziele erreicht, die ich mir gesetzt hatte. Das, was ich tat, konnte ich verdammt gut, und es gab keinen Grund, immer noch besser werden zu wollen. Dennoch fühlte ich mich genötigt, ins Büro zurückzukehren, zu Plackerei und Konkurrenz. Keine Beziehung hatte je mit diesem Drang mithalten können, aber mit jedem Tag, an dem ich mich aus allem heraushielt, stellte ich mein Engagement mehr infrage. Vielleicht war wirklich die Zeit gekommen, es ein bisschen lockerer angehen zu lassen.
Es klopfte an meiner Tür.
Ich eilte hin. Draußen stand das Mädchen von gegenüber und starrte mich aus ihren mit Eyeliner betonten Augen an. »Hier ist Ihr blödes Päckchen. Es stand doch tatsächlich Ihr Name drauf. So was.«
Es überraschte mich nicht, dass sie nicht im Geringsten so klang, als tue es ihr leid. Ihre Stimme war von einer Ausdruckslosigkeit, die dem Blitzen in ihren Augen widersprach – wie eine dauernde Herausforderung, irgendeine Mutprobe. Worin diese Herausforderung lag, hatte ich allerdings nicht die geringste Ahnung.
Mir sank der Mut, als ich sah, dass das Päckchen aufgerissen war. Ich wagte nicht, sie zu fragen, ob sie den Inhalt des Umschlags gelesen hatte, deshalb versuchte ich, sie niederzustarren. Die meisten Menschen halten Schweigen nur schlecht aus, vor allem in Kombination mit Blickkontakt. Meiner Ansicht nach war dies der schnellste Weg, die Charakterstärke seines Gegenübers zu testen. Als sie also weder nach zehn noch nach zwanzig Sekunden auch nur den Blick senkte, kam ich zu dem Schluss, dass ihr toughes Auftreten vielleicht doch nicht nur gespielt war.
»Danke«, sagte sie mit diesem trockenen, desinteressierten Ton, nachdem eine halbe Minute vergangen war. »Das sagt man, wenn jemand etwas Nettes für einen tut.« Mit einem Ruck rammte sie mir das Päckchen in die Magengegend und ging zurück zu ihrer Tür.
»Warten Sie. Sie haben nicht hineingeschaut?«
»Ob Sie es glauben oder nicht, ich muss wirklich nicht wissen, was für verrücktes Zeug Sie sich schicken lassen.«
Ich zog den Umschlag heraus und sah, dass das Siegel an der Lasche gebrochen war. »Und wieso haben Sie ihn dann geöffnet?«
Sie wandte den Blick ab, dann sah sie mich wieder aus ihren braunen Augen an. Es war das erste Mal, dass sie Schwäche zeigte, und es ließ mich ahnen, dass hinter ihrer gleichgültigen Fassade tatsächlich ein menschliches Wesen existierte. »Wieso haben Sie meine Dildo-Schachtel geöffnet?«, fragte sie zurück.
»Ich dachte, es wäre mein Päckchen«, antwortete ich unwillig, denn ich wusste, was jetzt kommen würde.
»Treffer«, sagte sie und zuckte lässig mit den Augenbrauen. »Und ich dachte, Ihr blöder Umschlag wäre meiner. Sonst noch dumme Fragen?«
Ich kniff die Augen zusammen. »Ich glaube Ihnen nicht.«
»Das ist mir doch egal.«
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und wartete.
»Was soll das?«, fragte sie. »Glauben Sie, ich breche zusammen, nur weil Sie mich schweigend anfunkeln?«
Diesmal wandte sie den Blick rasch ab, und sie fummelte sogar am Saum ihres T-Shirts herum, bevor sie wieder zu mir hochsah. Nach und nach gewann ich diesen Kampf in Willensstärke, und ich stellte fest, dass ich diesen unausgesprochenen Wettkampf genoss, der sich hinter unserem Warten verbarg. Mir war bereits klar, dass sie anders war als die Frauen, denen es bisher nie gelungen war, mich lange zu fesseln. Unter ihrem kalten Blick lauerte ein Vulkan, und ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich ihre Geschichte nicht interessiert hätte. Ich wollte wissen, wie eine derart schöne Frau so zynisch und finster hatte werden können.
Sie sah wirklich gut aus. Haut wie Porzellan und pechschwarzes Haar. Ihre Gesichtszüge waren weich und weiblich, mit einem Kinn, das fast schon spitz zulief. Ihre Persönlichkeit war voller scharfer Kanten, soweit ich das beurteilen konnte, und es schien zu passen, dass es in ihrem Gesicht wenigstens eine scharfe Entsprechung gab.
Aber am meisten faszinierte mich ihr Mund. Sie schien ihren Gesichtsausdruck fast vollständig unter Kontrolle zu haben, und aus irgendeinem Grund wollte sie der Welt offenbar zeigen, dass sie über ihr stand. Das konnte ich respektieren. Ich wusste, was es hieß, sich zu verstecken. Ich kannte es, eine Maske aufzusetzen, und nicht erst seit dem Schwachsinn, mit dem mich meine Stiefschwester nervte.
Aber ihre Maske war nicht perfekt. Ihre vollen Lippen neigten gelegentlich zum Zucken. Ein unbedarfter Beobachter würde sich nichts dabei denken. Für mich sah es aus, als wäre das ihr Lachen. Als ich sie wütend gemacht hatte, hatte sich ihr Gesicht kaum merklich angespannt. Auch das war schwer erkennbar, ich aber hatte es als bösen Blick identifiziert.
Sie machte eine lässige Handbewegung, als wolle sie sagen, egal, interessiert mich nicht weiter, und wandte sich wieder ihrer Tür zu.
»Essen Sie heute Abend mit mir.«
Sie blieb vor ihrer Tür stehen, die von einem zerlesenen Buch offen gehalten wurde. Sie wandte mir nicht einmal das Gesicht zu, als sie antwortete. »Wieso sollte ich das tun?«
»Weil ich glaube, dass Sie in mein Päckchen geschaut haben, und ich glaube, Sie erzählen mir vielleicht die Wahrheit, wenn ich Ihnen ein bisschen Wein einflöße.«
»Wein?« Sie stand noch immer mit der Hand an der Tür zu ihrer Wohnung, den Kopf leicht gesenkt. »Ich esse nur rohes, blutiges Fleisch. Daher also ein klares ›Nein‹ von mir.«
»Dann essen wir eben irgendein Stück rohes, blutiges Fleisch. Mir egal. Sagen Sie einfach Ja.«
Sie trat in ihre Wohnung, und jetzt drehte sie sich endlich um und sah mich an, aber nur indem sie den Kopf zwischen Tür und Rahmen hindurchstreckte. Es war das erste Mal, dass ich so etwas wie ein echtes Lächeln auf ihrem Gesicht sah, aber es war ein schiefes. »Vielleicht, aber ich habe tatsächlich schon Pläne für heute Abend. 17,5-Zentimeter-Pläne.«
Sie nahm das Buch aus der Tür, die von allein ins Schloss fiel. Ich stand im Flur und hatte das Gefühl, bei einem Spiel ausgetrickst worden zu sein, das zu spielen ich nie zugestimmt hatte. Was zum Teufel sollte das?
Außerdem war da so ein komisches Gefühl in meiner Brust, als würde ich am Rand eines tiefen Abgrunds stehen und hinunterschauen. War es Furcht? Vorahnung?
Ich hätte vor Frust am liebsten aufgestöhnt. Eigentlich hätte ich mich nur darauf konzentrieren sollen, unauffällig zu bleiben und die nächsten zwei Wochen oder vielleicht auch Monate zu überstehen. Wie lange es auch immer dauern mochte, bis meine Stiefschwester aufgab. Sie wollte mein Leben sabotieren und meinen Ruf ruinieren, deshalb lebte ich gerade inkognito. Ich hatte meine Wohnung zurückgelassen, mein Büro und mein normales Leben. Irgendwie bekam ich das mit der Arbeit noch geregelt, aber es war mordsmäßig umständlich.
Ich hatte also genug am Hals, auch ohne dass das Mädchen von gegenüber meine Gedanken besetzte, aber genau das tat sie. Vielleicht war ich einfach so daran gewöhnt, dass mir die Frauen zu Füßen lagen, dass sie mein Interesse schon beim ersten Anzeichen von Widerstand geweckt hatte. Vielleicht war sie aber auch einfach mein Typ. Wahrscheinlich war es eine Kombination aus beidem.
Ich wollte mir gerade ein Bier aus dem Kühlschrank holen, als mir bewusst wurde, dass sie gerade zugegeben hatte, sie würde sich ein bisschen Spaß mit dem Dildo gönnen, den ich ihr zurückgegeben hatte. Das seltsam leere Gefühl in meinem Magen wich einer Hitzewelle. Bei der Vorstellung, wie sich meine sarkastische Nachbarin mit dem Hang zum schwarzen Humor befriedigte, kamen mir lauter dumme Gedanken.
Es war bloß die letzte lächerliche Entwicklung in einer langen Reihe lächerlicher Entwicklungen, und ich begann mich ernsthaft zu fragen, ob es nicht besser wäre, meine Stiefschwester gewinnen zu lassen. Schließlich ging es nur um Geld und Stolz. Aber andererseits – was hatte ich sonst?
Lilith
Ich stieß einen Seufzer aus, der aus der Tiefe meiner Seele kam. Bei manchen Menschen ist ein Seufzer ein Schrei nach Hilfe. Sie wollen, dass sich der besorgte Betrachter vorbeugt und sagt: »Ach, du Armes, was ist los?« Bei mir war ein Seufzer eher ein Warnschuss. Er bedeutete, dass mein Geduldsfaden kurz vorm Reißen und ich nicht in der Stimmung war, mich mit anderer Leute Schwachsinn auseinanderzusetzen. Die Welt war grausam, und ich würde es ebenfalls sein, sollte es jemand darauf ankommen lassen.
Ich war bei der Arbeit. Offiziell lautete meine Stellenbezeichnung »Sekretärin«. Vier Jahre College, fünfundzwanzig Jahre, in denen ich beim Gedanken an erniedrigende, beleidigende Jobs, die Frauen in archaische, unterwürfige Rollen zwangen, die Augen verdreht hatte, und peng. Sekretärin.
Da hatte ich echt einen Volltreffer gelandet.
Wie sich herausstellte, hatten sich die meisten erfolgreichen Geschäftsfrauen durch außergewöhnliches Talent, Glück oder mithilfe familiärer Beziehungen nach oben gearbeitet.
Alle drei fehlten mir. Bis jetzt.
Ich war nicht die Begabteste, und ich hatte auch nicht sonderlich viel Glück. Die einzigen familiären Verbindungen, die ich hatte, waren ein paar unangenehme Erinnerungen. Ein paar merkwürdige Marotten, die zweifellos auf meine seltsame Kindheit zurückzuführen waren. Eins allerdings sprach für mich: Mit sturer Entschlossenheit versuchte ich es immer wieder, selbst wenn alles gegen ein Gelingen sprach.
Also wartete ich stattdessen ab. Ja, ich saß vor dem Büro, das ich eines Tages zu leiten gedachte, aber ich nutzte die Wochenenden auch, um meinen Master in Wirtschaftswissenschaften zu machen, was ich niemals offen zugeben würde, nicht mal unter Folter. Ich hielt nichts davon, dass die Leute viel von mir wussten. In meiner Kindheit hatten sich meine Eltern immer in jeden Aspekt meines Lebens eingemischt. Jetzt, wo ich allein war, würde ich nicht zulassen, dass irgendjemand auch nur den geringsten Einfluss nahm. Wenn niemand meine Träume kannte, konnte mir auch niemand vorschreiben, wie ich sie wahr machen sollte.
Soweit man das von Menschen sagen kann, war mein Boss ganz in Ordnung. Auch das war etwas, was ich ihm gegenüber nie zugeben würde. Ich wäre dann diejenige, die eine Firma rufen müsste, um alle Türrahmen im Gebäude vergrößern zu lassen, damit er mit seinem überdimensionalen Ego hindurchpasste, sollte ich ihm jemals ein Kompliment machen. Manchmal dachte ich, dass er einfach zu ahnungslos war, um irgendetwas anderes als zutiefst von sich überzeugt zu sein, und dann wieder dachte ich, dass sich hinter seinem oft flatterhaften, sorglosen Verhalten tatsächlich so etwas wie ein bösartiges Genie verbarg.
Er kam aus seinem Büro gestürzt wie Kramer in Seinfeld, als hätte ich ihn allein mit der Kraft meiner Gedanken herbeigerufen.
William Chamberson.
Er und sein Zwillingsbruder Bruce waren die Besitzer von Galleon Enterprises, und ich hatte das Pech, als seine … was auch immer zu arbeiten. Er setzte mich Gott weiß selten für Sekretariatsarbeiten ein. Wenn überhaupt, war ich seine Anti-Sekretärin. Anstatt den Leuten zu helfen, in Kontakt mit ihm zu treten oder Termine zu vereinbaren, bestand meine Aufgabe darin, Menschen und Termine von ihm fernzuhalten. In meiner Faulheit und meiner gleichgültigen Einstellung der Arbeit gegenüber schien er mich eher zu ermutigen.
William und sein Bruder waren beide verheiratet, aber das hielt nicht eine der Frauen in der großen Firma davon ab, offen darüber zu reden, wie sehr sie sich ein bisschen Zeit allein mit einem der beiden Männer wünschten. Die Meinungen, wer das beliebtere Zielobjekt war, gingen weit auseinander. Frauen, die eher zugeknöpft und »Typ A« waren, schienen sich mehr nach Bruce und seinem nüchternen, fast schon obsessiven Hang zur Perfektion zu verzehren. Die »Typ B«-Frauen mochten William und seine wilde, unberechenbare Persönlichkeit.
Ich hielt sie allesamt für Idiotinnen. William und sein Bruder waren unterhaltsam, aber völlig verrückt.
William öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch da klingelte das Telefon.
Beide richteten wir den Blick darauf. Es war ein schlankes, schickes, schwarzgraues Telefon mit vielen Tasten, deren Funktionen mir auch nach vier Jahren weitgehend unbekannt waren.
»Gehst du dran?«, fragte er.
»Nein. Ich habe heute Morgen alle Fingerabdrücke abgewischt.«
»Stimmt«, erwiderte er. Mit zwei Schritten seiner langen Beine war er an meinem Schreibtisch und beugte sich mit Verschwörermiene zu mir herunter. Er hob den Hörer ab, legte ihn wieder auf, damit das Klingeln aufhörte, und hinterließ dabei ein paar neue Fingerabdrücke. »Hör zu. Ich muss dich um etwas bitten. Ich weiß, du hast es nicht so mit Arbeiten. Aber ich gebe dir, was du willst, wenn du heute Abend das Fort bemannst. Es findet eine Firmenparty statt, und ich brauche einen Spion, der mir sagt, ob dieser Idiot auftaucht, den ich aus der Highschool kenne. Ich habe gestern Abend vielleicht ein paar Tweets über ihn losgelassen, und die Sache ist eskaliert.«
»Tut mir leid. Kein Penis. Schau dich woanders um.«
»Dann eben Spionin. Befrauen. Das ist doch nur ein Redeteil. Redeausdruck? Mist. Wie heißt das, wie man solche Sachen nennt?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Du hast mich nicht wegen meiner Beherrschung der Sprache und meiner Grammatik eingestellt.«
»Ja, wofür habe ich dich noch mal eingestellt? Ich vergesse das immer.«
»Ich ignoriere die Leute, die mit dir reden wollen, damit du nicht mit ihnen reden musst.«
Er strich mir zweimal über den Kopf und lächelte. »Und das machst du ganz prima.«
Ich schlug seine Hand weg und verzog warnend den Mund.
Er grinste. »Du bist so etwas wie der wütende Hund, den ich vor meinem Haus ankette. Damit wirke ich einschüchternder.«
»Ja, weil ich so Furcht einflößend bin.«
»Nun«, erwiderte er vorsichtig. »Wenn du nicht willst, dass man dir deine Seele durch die Augen aussaugt oder dass man, während du schläfst, irgendein heidnisches Ritual über deinem Bett durchführt, dann bist du in gewisser Weise Furcht einflößend. Aber auf bestmögliche Weise.«
Ich starrte ihn an, ohne zu blinzeln.
Er nickte und deutete mit dem Finger auf mich. »Siehst du? Genau das meine ich. Ja. Also, heute Abend? Kannst du das übernehmen? Ich gebe dir … ich weiß nicht, was ist angemessen für drei Stunden Mehrarbeit? Tausend Dollar?«
»Eher zehntausend.«
»Okay, egal. Dann also zehntausend. Machst du es?«
Ende der Leseprobe
