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Leopold von Ranke, einer der Begründer der modernen Geschichtswissenschaft, präsentiert mit seinen "Historiografischen Werken" eine grundlegende Auseinandersetzung mit der Erfassung von Geschichte. In einer Zeit, die von politischem Umbruch und der Herausbildung nationaler Identitäten geprägt war, legt Ranke großen Wert auf die primäre Quellenanalyse und die objektive Darstellung historischer Ereignisse. Sein präziser, nüchterner Stil unterscheidet sich stark von den romantischen Geschichtsnarrativen seiner Zeit und stellt den Leser vor die Herausforderung, historische Fakten nicht nur zu konsumieren, sondern auch kritisch zu hinterfragen. Leopold von Ranke (1795-1886) war Professor für Geschichte und Förster zugleich und hatte entscheidenden Einfluss auf die Historiographie des 19. Jahrhunderts. Durch seine Begegnungen mit renommierten Historikern und seinen fundierten Studien in Archiven und Bibliotheken, entwickelte er ein tiefes Verständnis für die Komplexität historischer Entwicklungen. Seine Methodik, die darauf abzielte, die Vergangenheit in ihrer ursprünglichen Form darzustellen, zeugt von einem radikalen Wandel im Geschichtsdenken, der die wissenschaftliche Praxis nachhaltig prägte. "Historiografische Werke" sind nicht nur für Geschichtsinteressierte von Bedeutung, sondern bieten auch modernen Lesern wertvolle Einblicke in die Wissenschaftlichkeit der historischen Betrachtung. Dieses Buch ist eine Einladung, Geschichte aus einer neuen Perspektive zu betrachten und sich mit den Prinzipien der historischen Forschung auseinanderzusetzen. Ranke fordert dazu auf, das individuelle Geschichtsverständnis zu hinterfragen und den Wert der historischen Wahrheit zu erkennen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Sammlung historiografischer Schriften Leopold von Rankes führt zentrale Studien und kürzere Abhandlungen aus seinem Werk zusammen: von Friedrich II. König von Preußen über Das Römische Imperium der Cäsaren, Savonarola und Napoleon I. und Napoleon III. bis zu Zum Kriege 1870/71, Fürst Bismarck und weiteren einschlägigen Stücken. Ziel ist es, den Entfaltungsraum einer Geschichtsschreibung sichtbar zu machen, die politische Entscheidungen, religiöse Auseinandersetzungen und staatliche Formationen im europäischen Zusammenhang deutet. Die Auswahl bündelt umfangreiche Darstellungen, ereignisbezogene Untersuchungen und prägnante Porträts, sodass ein kohärentes Bild jener Kraftlinien entsteht, die Rankes historisches Denken und Erzählen tragen.
Die hier vereinten Texte decken ein Spektrum von Textsorten ab, das für Rankes Arbeitsweise charakteristisch ist. Neben groß angelegten historischen Studien finden sich biografische und herrscherkundliche Porträts, akribische Fallanalysen einzelner Ereignisse, programmatische Essays, Vorlesungen und methodologische Reflexionen. Stücke wie Geschichte und Philosophie, Vom Einfluß der Theorie oder Über die Verwandtschaft und den Unterschied der Historie und der Politik erschließen den theoretischen Rahmen. Politisches Gespräch zeigt ihn im dialogischen Zugriff. Mit Zur eigenen Lebensgeschichte tritt ein persönlicher Akzent hinzu, der Werk und Lebenslauf verschränkt, ohne die Sachorientierung seiner Darstellungsmethode aufzugeben und zugleich Einblick in die Motive seiner Forschung gibt.
Die chronologische Spannweite reicht von der antiken römischen Kaiserzeit über Renaissance und Reformation bis in die politischen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts. Studien zu Luther, Loyola, den Jesuiten und dem Augsburger Religionsfrieden beleuchten die religiöse und institutionelle Neuordnung Europas. Englische, spanische und französische Themen – von Philipp II., Elisabeth und der Armada über Richelieu, Mazarin und Ludwig XIV. bis zu Handel und Kolonialwesen – stehen neben Analysen zur Republik Venedig, zu Habsburg und zum Verhältnis von Kaisertum und Papsttum. Brandenburg-Preußen, Friedrich der Große, die napoleonische Ära, der Zollverein sowie die Kriege von 1866 und 1870 schließen den Bogen.
Verbindende Themen sind das Verhältnis von Staat und Kirche, die Mechanismen europäischer Mächtepolitik, die Dynamik konfessioneller Konflikte und die Ausbildung moderner Staatlichkeit. Ranke interessiert nicht nur die Geste der großen Entscheidung, sondern die Verzahnung von Struktur und Handlung: Rechtsformen, Verwaltung, Diplomatie und geistige Strömungen. Darstellungen wie Die großen Mächte oder Der deutsche Zollverein markieren begriffliche Knotenpunkte; Fallstudien zu Straßburg, der Pfalz oder dem Westfälischen Frieden zeigen die Konsequenzen im Raum. Mit Über die Epochen der neueren Geschichte umreißt er Schwellen und Kontinuitäten, ohne die Komplexität historischer Prozesse zu nivellieren.
Rankes Stil verbindet quellengesättigte Nüchternheit mit erzählerischer Stringenz. Seine Interpretationen ruhen auf kritischer Sichtung von Akten, Briefen und Berichten; sie zielen auf nachvollziehbare Rekonstruktion statt auf spekulative Systeme. In Verwaltungsstudien – etwa zur Staatsverwaltung König Friedrich Wilhelms I. oder zur preußischen Einrichtung in Schlesien – verbindet er institutionelle Detailkenntnis mit der Frage nach politischer Rationalität. Biografische Stücke wie Friedrich II. König von Preußen oder Fürst Bismarck setzen Charakter, Interessen und Situation zueinander in Beziehung. So entsteht eine Darstellung, die Individuelles und Strukturelles, Moment und Dauer ins Gleichgewicht bringt.
Die anhaltende Bedeutung dieser Schriften liegt in der Professionalisierung der Geschichtswissenschaft, die sie exemplarisch verkörpern, und in ihrer bleibenden Auskunft über die Genese der europäischen Staatenwelt. Sie sind Referenzpunkte für Debatten über Quellenkritik, Periodisierung und politische Urteilskraft. Zugleich bieten sie Orientierungen für vergleichende Lektüren: etwa die Verbindung von Literatur und Macht bei Bacon und Shakespeare oder die Wechselwirkung von Krieg, Recht und Ökonomie in der Neuzeit. Wer die großen Linien der Moderne verstehen will, findet hier Anschlüsse, ohne den Reichtum der Einzelbeobachtung zu verlieren.
Die vorliegende Zusammenstellung ist so angelegt, dass unterschiedliche Zugänge möglich sind: thematisch entlang von Staat und Kirche, biografisch über Herrscher- und Denkerporträts, ereignisgeschichtlich anhand prägnanter Wendepunkte. Querschnitte durch Regionen – Rom, Venedig, Madrid, London, Berlin – lassen europäische Verflechtungen hervortreten. In ihrer Gesamtheit eröffnet die Auswahl ein Labor historischer Erkenntnis, in dem die Methode sichtbar wird und die Deutungskraft der Einzelfälle fortwirkt. Sie richtet sich an Forschende, Studierende und historisch Interessierte, die in Rankes Werk sowohl eine Schule des Lesens von Quellen als auch ein Panorama politischer Geschichte erkennen.
Die Sammlung vereint Rankes Darstellungen von Friedrich dem Großen bis zu Napoleon, vom römischen Kaisertum bis zu Savonarola, und entwirft ein Panorama vom spätmittelalterlichen Italien bis zu den Nationalstaatskriegen des 19. Jahrhunderts. Leopold von Ranke (1795–1886), Berliner Professor und preußischer Historiograph, etablierte mit strenger Quellenkritik und dem Postulat, Geschichte 'wie sie eigentlich gewesen' darzustellen, einen Standard. Er nutzte Archive in Wien, Venedig, Rom und Berlin, wertete Gesandtenberichte, Kabinettsakten und Chroniken aus. So verknüpft er diplomatische Geschichte mit Religions- und Kulturgeschichte. Mehrere Werke zeigen, wie Fürstenhöfe, Kanzleien und Kirchenzentren die europäische Ordnung formten und politische Legitimation begründeten.
Konfessionelle Spaltungen bilden einen Grundton vieler Bände. Von Luthers Thesenanschlag 1517 über den Augsburger Religionsfrieden 1555 bis zum Trienter Konzil 1545–1563 und der 1540 anerkannten Gesellschaft Jesu erläutert Ranke, wie Gottesstaat und Staatsräson aufeinanderprallten. In Staat und Kirche, Kaisertum und Papsttum, den Studien zu Ignatius Loyola und zur Ausbreitung der Jesuiten schildert er Netzwerke von Orden, Nuntiaturen und Universitäten, die Unterricht, Zensur und Seelsorge koordinierten. Sein protestantischer Hintergrund weitete sich durch italienische Quellenbenutzung; dennoch betont er institutionelle Kontinuitäten. Diese Perspektive prägte die zeitgenössische Rezeption: katholische Leser schätzten die Archivtreue, liberale Kritiker beanstandeten die Nähe zur kurialen Diplomatie.
Habsburgische Universalmonarchie und spanische Weltmacht sind Klammern für Karl V., Philipp II. und Don Carlos. Ranke zeigt Europas Verflechtung: die Belagerung Wiens 1529 als osmanische Herausforderung, Venedigs Balancekunst nach der Mitte des 16. Jahrhunderts, Englands Aufstieg über die Armada-Krise 1588, Elisabeth I. und die literarische Blüte um Bacon und Shakespeare. Heinrich IV. und das Edikt von Nantes 1598 markieren begrenzte Toleranz als Staatsvernunft. Diplomatische Korrespondenzen aus Madrid, Paris und London strukturieren seine Darstellung von Interessen, Bündnissen und Seewegen. Dadurch entsteht ein Bild von Weltreich und Gegenmacht, das mehrere Werke von der Republik Venedig bis zur englischen Seemacht rahmt.
Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) und das westfälische System bilden den institutionellen Hintergrund für Wallenstein, Richelieu, Mazarin und den Westfälischen Frieden. Ranke deutet Souveränität, Reichsstände und europäisches Gleichgewicht als Ergebnis konkurrierender Konfessions- und Dynastiepolitik. Colberts Handels- und Kolonialprogramm, Straßburgs Annexion 1681 und die Verwüstung der Pfalz 1689 zeigen, wie Louis XIV. Steuerstaat, Armee und Propaganda organisierte. Zugleich prägen der englisch-niederländische Seekrieg 1665–1667, Cromwells Interregnum und die Glorious Revolution Wilhelm III.s kontinentale Bündnisse. Aus diesen Konstellationen entwickelt Ranke den Begriff der großen Mächte, der seine vergleichende Methode leitet und politische Handlungsspielräume jenseits moralischer Typisierungen auslotet.
Die brandenburgisch-preußische Staatsbildung stellt Ranke in eine längerfristige Verwaltungsgeschichte: der Große Kurfürst (1640–1688) mit stehender Armee und Steuerreformen, die Kabinetts- und Domänenpolitik Friedrich Wilhelms I. (1713–1740) und Friedrichs II. Besitzergreifung Schlesiens 1740. Der Siebenjährige Krieg (1756–1763) erscheint als europäisches Kräftespiel, das Logistik, Finanzen und Bündniswechsel zusammenführt; der Feldzug von 1760 verdichtet diese Sicht. In Schlesien interessierte Ranke die Einrichtung der Regierung und die Integration neuer Untertanen. Gleichzeitig diskutiert er Friedrichs Verhältnis zur Aufklärung und zur deutschen Literatur, wobei er heroische Mythen durch Verwaltungspraxis, Kabinettsstil und Aktenzeugnisse erdet und das politische Kalkül europäischer Höfe.
Revolution und Empire verschieben die Ordnung: Nach dem Rückzug aus Frankreich 1792 und dem Frieden von Basel 1795 diagnostiziert Ranke das Ende der alten Koalitionen. Tilsit 1807 markiert Preußens Krise und die Reformära um Stein, Hardenberg und Scharnhorst mit Heeres-, Städte- und Wirtschaftsreformen. In Napoleon I. und Pius VII. analysiert er das Ringen von Sakralität und Souveränität, von der Kaiserkrönung in Paris 1804 bis zu päpstlicher Gefangenschaft. Der Vergleich mit Napoleon III. beleuchtet plebiszitäre Legitimation und Pressepolitik im Zweiten Kaiserreich. Zeitgenössisch galten diese Studien als nüchterne Gegenentwürfe zu nationalpathetischen Erzählungen und als Handreichung für Verwaltungseliten.
Die Nationalstaatsbildung rahmt Rankes spätere politische Skizzen. Der Zollverein ab 1834 und die Ablehnung der Kaiserwürde 1849 bilden Vorstufen zur kleindeutschen Lösung Bismarcks. Der Krieg gegen Österreich 1866 und der gegen Frankreich 1870/71 kulminieren im Kaiserreichsproklamation in Versailles am 18. Januar 1871. In Zum Kriege 1870/71 und Fürst Bismarck betont Ranke Realpolitik, Bündniskunst und die Bedeutung von Telegraphie, Eisenbahn und Massenpresse für Mobilisierung und Diplomatie. Als preußischer Hofgelehrter sah er Einheit als Staatswerk, weniger als Volksbewegung, was liberale Zeitgenossen kritisierten, während Regierungsstellen seine Argumente zur Legitimation außenpolitischer Entscheidungen nutzten und Bildungsbürger sie kontrovers diskutierten.
Breitere Reflexionen verbinden Fallstudien mit Theorie. Das Römische Imperium der Cäsaren dient als Kontrastfolie zur modernen Zentralgewalt; Savonarola beleuchtet die Spannung von religiöser Reform und Stadtrepublik, und im Ursprung des Christentums die Formierung von Autorität und Gemeinde. In Geschichte und Philosophie, Vom Einfluss der Theorie und Über die Epochen der neueren Geschichte wehrt Ranke teleologische Systeme ab und plädiert für quellengeleitete Vergleichung der Mächte. Diese Haltung, verankert in Seminararbeit und internationalem Quellenverkehr, prägte die Professionalisierung der Geschichtswissenschaft von Berlin bis Harvard. Seine Zur eigenen Lebensgeschichte zeigt, wie Archivöffnungen, Nationalbewegungen und europäische Kabinettspolitik nicht nur Stoff lieferten, sondern Perspektive und öffentliche Resonanz seiner Werke strukturierten.
Diese Texte umreißen eine quellenkritische, an Akten und Zeitzeugnissen orientierte Geschichtsschreibung und trennen historisches Verstehen von tagespolitischem Urteilen.
Der Ton ist nüchtern-analytisch; im Fokus stehen Epochenbildung, Kausalität ohne Teleologie und die Grenzen theoretischer Modelle.
Die Darstellung verbindet römische Staats- und Verwaltungsordnung mit der frühen Formierung des Christentums als sozialer und institutioneller Kraft.
Betont wird das Verhältnis von weltlicher Autorität und religiöser Legitimation in sachlicher, quellennaher Rekonstruktion.
Im Zentrum stehen die Spannungen und Wechselwirkungen zwischen Kaisermacht und Papsttum sowie die organisatorische Dynamik der Gegenreformation.
Jesuitenmission und päpstliche Baupolitik erscheinen als Werkzeuge religiöser und politischer Selbstbehauptung; der Zugriff bleibt institutionen- und machtgeschichtlich.
Savonarola wird als charismatischer Reformprediger inmitten städtischer Machtkämpfe gezeigt, während Venedig als Modell vorsichtiger Stabilität erscheint.
Der Ton ist distanziert, die Analyse richtet sich auf das Wechselspiel von religiöser Begeisterung, Oligarchie und Staatsräson.
Die Texte verfolgen Maximilians und Karls V. Ringen um Ordnung in einem vielgestaltigen Reich unter dem Druck konfessioneller Spaltungen und osmanischer Bedrohung.
Diplomatie, Reichsverfassung und Krisenmanagement prägen den Ton; leitend sind Motive von Dynastiepolitik, Machtzersplitterung und Grenzverteidigung.
Luther erscheint als theologischer Impulsgeber, dessen Wirken Literatur, Publizistik und gelehrte Netzwerke neu ordnet.
Im Vordergrund steht der Transfer von Ideen und Medien, sachlich rekonstruiert und mit Blick auf Wirkungsketten statt Heldenerzählungen.
Zwischen spanischer Hegemonie, englischer Seeexpansion und französischer Konsolidierung werden Staat, Konfession und Krieg als verbundene Kräfte sichtbar.
Gestalten wie Elisabeth, Bacon und Shakespeare werden in politische Kontexte gestellt; die Darstellung bleibt macht- und kulturgeschichtlich ausbalanciert.
Die Eskalation vom deutschen Konflikt zum europäischen Krieg wird über Akteure wie Wallenstein und die französische Staatskunst nachgezeichnet.
Fokus sind Koalitionen, Ressourcen und der Westfälische Friede als Ordnungsakt; Motiv ist das Gleichgewicht souveräner Mächte.
Die Studien analysieren Absolutismus, Finanz- und Kolonialpolitik sowie Kriegsentscheidungen von der Binnenreform bis zur Expansion am Rhein.
Der Ton ist strukturell und administrativ; zentrale Themen sind Staatsräson, Ressourcenmobilisierung und die Kosten hegemonialer Politik.
Vom Konflikt um Königtum und Parlament bis zur Festigung protestantischer Monarchie tritt England als Labor verfassungs- und militärischer Neuordnungen hervor.
Der Seekrieg mit den Niederlanden dient als Linse für Handel, Flottenbau und Imperiumsbildung in nüchterner Machtanalyse.
Die Texte zeigen den Aufbau preußischer Staatlichkeit durch Militärdisziplin, Steuerung des Adels und Verwaltungskonzentration.
Die Darstellung betont Institutionen, Alltagsregieren und die Prägung einer dienstpflichtigen Elite.
Von Schlesien bis zum Siebenjährigen Krieg verbindet sich Ereignisgeschichte mit Einsichten in Regierungsstil, Verwaltung und strategisches Denken.
Auch die kulturelle Ausstrahlung Friedrichs wird sachlich verortet; leitend ist das Spannungsverhältnis von persönlicher Entscheidung und struktureller Notwendigkeit.
Der Weg von Revolutionskrieg und Koalitionen zu Friedensschlüssen und Reformen wird als europäische Neuordnung mit preußischem Lernprozess gelesen.
Das Verhältnis von Imperium und Kirche sowie die Linie von Napoleon I. zu Napoleon III. erscheinen als Varianten moderner Herrschaftsbildung und Legitimationssuche.
Über wirtschaftliche Integration, verfassungspolitische Optionen und personalisierte Königsentscheidungen spannt sich der Bogen zu den Einigungskriegen.
Bismarcks Kalkül, Krisensteuerung und der Krieg 1870/71 werden als Mittel der Staatsgründung gezeigt; der Ton bleibt außen- und machtpolitisch nüchtern.
Vergleichende Skizzen ordnen die großen Mächte und die Beziehung Frankreich–Deutschland im langen Zeitlauf als System konkurrierender Interessen.
Der Zugriff privilegiert Balance, Diplomatie und Kontinuitäten; leitend ist eine antiteleologische, ordnungsorientierte Perspektive.
Knapp reflektiert der Autor Arbeitsprinzipien, Quellengebrauch und das Selbstverständnis als beobachtender, nicht richtender Historiker.
Der Ton ist zurückhaltend und programmatisch; im Mittelpunkt steht die Rolle des Historikers zwischen Nähe zur Politik und methodischer Distanz.
Leopold Ranke, geboren am 21. Dezember 1795 in dem thüringischen Städtchen Wiehe, unweit Memleben an der Unstrut, stammt aus einer evangelischen Pfarrerfamilie. Der religiöse Sinn des Pfarrhauses waltete auch in dem Hause seines Vaters, der Rechtsgelehrter war und als kursächsischer Justizkommissarius eine mannigfaltige praktische Tätigkeit übte. Das heimatliche Bergland mit seinen geschichtlichen Erinnerungen an die sächsischen Kaiser und an die Reformation weckte frühzeitig in dem Knaben Liebe zum Vaterlande und zu dessen Geschichte[1q]. Eine tüchtige klassische Bildung, die ihn befähigte, später auch die neueren Sprachen in großem Umfange sich anzueignen, und sich in Schriftsteller verschiedenster Art einzulesen, erwarb er sich, nach vorbereitendem Unterricht in der nahen Klosterschule Donndorf, in der altberühmten Schulpforte unter dem gelehrten und strengen Rektor Ilgen. Erschütternde Ereignisse gingen während seiner Schulzeit über Deutschland hin; doch hatte Sachsen nicht so schwer wie andere deutsche Länder unter dem Druck der französischen Fremdherrschaft zu leiden. Gewaltsame Stöße, die der jugendlichen Entwicklung leicht gefährlich werden, blieben dem heranwachsenden Jüngling erspart; aber er erkannte, wie das Leben des einzelnen durch die großen Völkergeschicke bestimmt wird. Er nahm den Eindruck der Bewunderung, die man Napoleon entgegenbrachte, in sich auf, dann aber auch den gewaltigen Wechsel, der im Jahre 1813 eintrat. Die Befreiung des Vaterlandes gewährte die tröstliche Aussicht, unter besseren Verhältnissen ungestört sich einem wissenschaftlichen Berufe widmen zu können: mit diesem Vorsatz verließ Ranke zu Ostern 1814 die Schule und bezog die Universität Leipzig, um Theologie und Philologie zu studieren.
Bald entsagte er der Theologie, weil der damals noch herrschende Rationalismus sein Gemüt nicht befriedigte, auch weil er den Beruf zum geistlichen Amte nicht in sich fühlte. Sein Streben war auf wissenschaftliche Forschung gerichtet; dazu wiesen die klassischen Studien ihm den Weg. Besonders anregend wirkte auf ihn Gottfried Hermann, der die griechische Sprache und Literatur beherrschte wie kein anderer zu jener Zeit, zugleich ein Meister der kritischen Methode, welche die echte Überlieferung von späterem Mißverständnis zu befreien und herzustellen sich zur Aufgabe setzt. Diese Methode übertrug damals Niebuhr von der Philologie auf die Geschichtsforschung; der junge Student las die vor kurzem erschienene römische Geschichte Niebuhrs mit Begeisterung: da fand er neben scharfsinniger Prüfung des Überlieferten auch lebensvolle Auffassung vergangener Zustände. Nicht minder eifrig studierte er das klassische Geschichtswerk des Thukydides, doch daneben auch vieles andere; keineswegs dachte er schon daran, selbst Geschichtschreiber zu werden, sondern eine umfassende philologische Bildung war sein Ziel. Auch neuere Literatur und Kantische Philosophie zog ihn an; von der Theologie behielt er die Neigung zu kirchengeschichtlichen Studien. Er lebte auf der Universität in bescheidenen Verhältnissen, arbeitsam gewöhnt von Jugend auf. Sobald es anging, mußte er auf Abschluß seiner Studienzeit bedacht sein, da der Vater noch mehrere jüngere Söhne und Töchter zu versorgen hatte. Im Februar 1817 erwarb er die philosophische Doktorwürde; im Herbst desselben Jahres machte er seine erste größere Reise, meist zu Fuß. Er durchzog die Rheinlande, sah den wieder deutsch gewordenen, doch unvollendeten Kölner Dom und in Heidelberg die von den Brüdern Boisserée zusammengebrachte Sammlung altdeutscher Gemälde, die später nach München gekommen ist.
Sein nächstes Lebensziel war der Eintritt in das gymnasiale Lehramt. Da seine Heimat inzwischen preußisch geworden war und die preußische Regierung die Förderung des Schulwesens sich damals sehr angelegen sein ließ, wandte er sich nach Berlin, bestand dort im Sommer 1818 die Lehramtsprüfung und erhielt zum Herbst die Anstellung als Oberlehrer am Gymnasium zu Frankfurt a. O. Hier trat er in einen zusagenden Wirkungskreis; der Direktor, erst seit kurzem berufen, war ein von Leipzig her ihm befreundeter Schüler G. Hermanns; unter den Amtsgenossen fand er Männer, die von tüchtigem Streben erfüllt waren. Mit frischer Kraft widmete er sich den Aufgaben des Unterrichts, lehrte Latein, Griechisch, Geschichte in den oberen Klassen und verknüpfte damit die eigenen Studien, die ihn mehr und mehr zu den noch, vielfach unbekannten Quellen der Geschichte wiesen, denn mit oberflächlichen Kompendien wollte er sich nicht begnügen. Zustatten kam ihm eine ansehnliche Bibliothek, die von der 1811 aufgehobenen Universität in Frankfurt zurückgeblieben war; da fand er in altertümlichen Folianten Schriftsteller, die seine ganze Aufmerksamkeit fesselten. Mit eisernem Fleiß ging er daran, sich Auszüge daraus zu machen, um über die Zeiten des 15. und 16. Jahrhunderts ins klare zu kommen. Neben der großen kirchlichen Bewegung der Reformation, mit der er sich in dem Gedenkjahre 1817 schon näher beschäftigt hatte, trat ihm das rege politische Leben der europäischen Staatenwelt in vielen Berichten entgegen, die mannigfach voneinander abwichen: das mußte gesichtet und untersucht werden, wenn über jene Zeiten eine sichere Kunde gewonnen werden sollte. Jahrelang arbeitete er daran, ohne seinem Lehramt untreu zu werden; 1824 konnte er ein Buch herausgeben, das den Titel trug: »Geschichten der romanischen und germanischen Völker von 1494-1514«. Es ist kein abgeschlossenes Werk, sondern läßt spätere Fortsetzung erwarten, doch ohne sie ausdrücklich anzukündigen. Die einleitende Abhandlung von der geschichtlichen Einheit der sechs Hauptvölker Europas, drei romanischer und drei germanischer, eröffnet große Gesichtspunkte: in allen Wandlungen ihrer besonderen Entwicklung ist doch immer etwas Zusammenfassendes erkennbar, so auch in der Zeit der zwanzigjährigen Kämpfe, die Hauptgegenstand der Darstellung ist. Sie werden zumeist auf dem Boden Italiens ausgefochten, und dieses Land hoher Kultur, das den Ansturm der Fremden, der Franzosen, Spanier und Deutschen, nicht abzuwehren vermag, erweckt des Verfassers besondere Teilnahme; doch schildert er auch den unfertigen, gärenden Zustand Deutschlands unter dem ehrgeizigen Kaiser Maximilian in treffender Weise. England und Skandinavien greifen nur gelegentlich in die Verwicklungen ein: man merkt, daß die germanischen Nationen noch zu Größerem berufen sind, als in jenem kurzen Zeitraum hervortritt. Den vorläufigen Abschluß bezeichnet die Bildung der großen Habsburgischen Monarchie, die Europa zu umfassen sucht und zugleich die neu entdeckten Gebiete in Amerika ihr eigen nennt. Als lebendige Gestalten treten die handelnden Fürsten, Staatsmänner und Feldherren auf mit vielen einzelnen Zügen, die den sorgsam angeführten Quellen entnommen sind: man sieht, wie der Verfasser sich in jene vergangene Welt eingelebt hat. Die Darstellung hat bei der Fülle des Stoffes etwas Unruhiges, Sprunghaftes; sie liest sich nicht leicht, fesselt aber den aufmerksamen Leser.
Sehr bedeutend ist das anschließende Buch, welches Ranke sofort dem ersten folgen ließ: »Zur Kritik neuerer Geschichtschreiber«. Da wird man in seine Werkstatt eingeführt und sieht, wie er die für jene Darstellung benutzten italienischen, spanischen, deutschen, französischen Geschichtschreiber klar beurteilt und hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit prüft. Mit wenigen Strichen zeichnet er ihre persönliche Stellung, ihre Behandlung des Stoffes, ihr Verhältnis zu anderen so anschaulich, daß man volles Vertrauen zu seiner Führung gewinnt. Die kritischen Grundsätze Niebuhrs sind hier auf ein neues Gebiet angewandt; mit solcher Schärfe und Sicherheit hatte noch niemand die allerdings berühmten, aber noch wenig durchforschten Autoren, Guicciardini, Mariana, Sleidanus, Jovius, Comines u. a. zusammenfassend beurteilt. Ein Schlußkapitel »Von dem, was noch zu tun sei«, legt in ganz schlichter Weise dar, wie man nun von diesen Geschichtschreibern zu dem vordringen müsse, was ihnen selbst als Quelle diente oder dienen konnte: Urkunden, Akten, Gesandtschaftsberichten, die noch in Archiven und Bibliotheken verborgen seien, dazu auch die mehr volkstümlichen Chroniken heranziehen: allerdings ein weitaussehendes Werk, und der Verfasser verspricht keineswegs, daß er das unternehmen wolle; den Sinn dafür zu wecken, ist ihm schon viel wert. Den Anhang bildet eine höchst anziehende Abhandlung über Macchiavelli, der wegen seiner Besonderheit als politischer Schriftsteller nicht in die Betrachtung der Geschichtschreiber eingereiht werden konnte. Ranke würdigt ihn mit treffendem Urteil als genialen Vertreter einer verderbten Zeit: »Macchiavelli suchte die Heilung Italiens; doch der Zustand desselben schien ihm so verzweifelt, daß er kühn genug war, ihm Gift zu verschreiben«.
Die beiden Bücher erregten berechtigtes Aufsehen; hier wies ein mit allem Rüstzeug ausgestatteter Gelehrter der Wissenschaft neue Bahnen. Die preußische Unterrichtsverwaltung eröffnete dem Verfasser alsbald einen Wirkungskreis, der ihn zu weiterem Schaffen aufforderte; sie berief ihn zu Ostern 1825 als außerordentlichen Professor der Geschichte an die Universität Berlin. In den literarischen Kreisen der Hauptstadt fand er mancherlei Anregung; sein Leben erhob sich aus der bisherigen Einfachheit in höhere Beziehungen, die einen minder selbständigen Geist wohl hätten ablenken können. Aber bei einer natürlichen Begabung für geistreich geselligen Umgang, auch mit hochgebildeten Frauen, wie Rahel Varnhagen und Bettina v. Arnim, die beide ihn zu schätzen wußten, besaß er eine freudige Arbeitskraft und verlor seine wissenschaftlichen Ziele nie aus dem Auge. Die Königliche Bibliothek bot ihm eine umfangreiche Sammlung italienischer Aktenstücke dar, 48 Folianten, an die noch niemand, sich recht herangewagt hatte; nur Joh. v. Müller2 hatte in der kurzen Zeit, da er in Berlin lebte, hineingeblickt und auf ihre Bedeutung hingewiesen. Ranke fand bei näherer Untersuchung hier einen Schatz von Berichten venetianischer und päpstlicher Gesandter aus dem 16. und 17. Jahrhundert, wie man sie in jenen Zeiten handschriftlich vervielfältigte, um sie den Sammlungen italienischer Staatsmänner und Kirchenfürsten einzuverleiben; er schätzte sich glücklich, eine solche Sammlung in der Heimat zu finden, während die meisten noch in Italien sein mußten. Einige Bände ähnlichen Inhalts bot ihm auch die Gothaer Bibliothek dar; alsbald ging er daran, aus dem reichen Stoff nähere Anschauung zu gewinnen von den Zuständen Italiens, Spaniens, des türkischen Reiches, worüber jene Gesandten genau und eingehend berichtet hatten. So entstand ihm ein Buch, welches 1827 erschien: »Fürsten und Völker von Südeuropa. Erster Band.« Er behandelte darin die Türkei und Spanien; die italienischen Staaten sollten nachfolgen, er hat sie aber später in anderer Weise behandelt. Neben den Berichten der Gesandten benutzte er natürlich auch die Nachrichten der Geschichtschreiber. Für das türkische Reich leistete ihm die damals neuerschienene »Geschichte des osmanischen Reiches« von dem gelehrten Wiener Orientalisten Joseph v. Hammer treffliche Dienste, darin fanden sich wertvolle Angaben türkischer Geschichtschreiber; aber auch sonst lag eine beachtenswerte ältere Literatur vor, darunter deutsche, jedoch lateinisch geschriebene Werke: die gedruckten Briefe des Ghislain de Busbeck, der 1556–62 Gesandter Kaiser Ferdinands I. in Konstantinopel gewesen war, die 1584 erschienene » Turcograecia« des Tübinger Professors Martin Crusius und die Schriften des gelehrten Joh. Löwenklau (Leunclavius), der von 1582 an den Orient bereiste und 1593 in Wien starb. Für Spanien gemährten Sepulveda, Zurita, Sandoval, die Ranke schon bei seinem ersten Werke benutzt hatte, ferner Cabrera, Marina u. a. die reichlichsten Nachrichten. Aber Farbe und Leben gewann dieses Material erst recht durch die Berichte der Gesandten, die sich ebenso auf einzelne Personen und Handlungen wie auf die öffentlichen Zustände im Ganzen erstrecken. So entstanden jene trefflichen Kapitel des Rankeschen Werkes über die innere Verwaltung der beiden Reiche, über die Zustände in Kastilien und Neapel, welches lange Zeit ein Nebenland der spanischen Monarchie war. Die genauen Angaben der Venetianer über Handel und Gewerbe in Spanien, über Volkszahl, Reichtum des geistlichen Grundbesitzes, Steuerpolitik der spanischen Regierung verwertete Ranke zu einer Darstellung des wirtschaftlichen Lebens, die für spätere Forscher auf diesem reichen Gebiet der Geschichte vorbildlich geworden ist. Die Sprache dieses Buches ist fließender, voller und schöner als die seines ersten Werkes; mit lebhaftem Anteil folgt man der belehrenden Schilderung, die auch über die Ursachen des Verfalls jener einst blühenden Reiche unzweifelhafte Auskunft gibt: wie stehen am Schlusse die aufblühenden Niederlande dem sinkenden Spanien gegenüber!3
Rankes lebhafter Wunsch ging nun dahin, selbst Italien zu sehen und dort weiter zu forschen. Die preußische Regierung gewährte ihm schon im Herbst 1827 Urlaub, Geldmittel und Empfehlungen zu einer wissenschaftlichen Reise, welche reiche Früchte tragen sollte. Sein erstes Ziel war Wien, wo er einen bedeutenden Teil des alten venetianischen Archivs zu finden sicher war. Das freundliche Entgegenkommen des aus Preußen stammenden österreichischen Staatsmannes Friedrich v. Gentz4 verschaffte ihm die Erlaubnis des Fürsten Metternich, das sonst unzugängliche Wiener Staatsarchiv für seine nicht auf Österreichs Geschichte gerichteten Studien zu benutzen. Er fand hier unter anderem merkwürdige Gesandtschaftsberichte über den unglücklichen Prinzen Don Karlos, Sohn Philipps II. von Spanien, und verwertete sie in einer Abhandlung, die 1829 in den Wiener Jahrbüchern für Literatur und Kunst erschien.5 Sie ist ein Muster kritischen Verfahrens, trefflich bis ins einzelne ausgeführt: durch Gegenüberstellung der bisher von zwei entgegengesetzten Parteien in mancherlei Schriften verbreiteten Erzählungen wird der Leser nach und nach auf die Wahrheit hingeführt, die sich dann aus den neugefundenen Dokumenten unzweifelhaft ergibt. Nicht durch Richterspruch der Inquisition ist Don Karlos zum Tode verurteilt worden, sondern an Krankheit starb er in der Haft, die sein strenger Vater über ihn verhängt hatte, weil der Prinz in heftigem Zorn sich drohend gegen ihn erhoben hatte. Ferner fand Ranke in Wien bei den venetianischen Akten wichtige Nachrichten über Einsetzung und Wirksamkeit der Staatsinquisition, deren heimliches Gerichtsverfahren der sonst so glänzenden Geschichte der alten Republik Venedig oft zum Vorwurf gemacht worden ist. Er erkannte, daß die von dem französischen Geschichtschreiber Daru6 in seiner 1819 erschienenen Geschichte Venedigs gegebene Schilderung auf einem gefälschten Dokument beruhe, auf angeblichen Statuten der Inquisitoren von 1454; er zeigte, daß sie erst 1539 eingesetzt und 1600 zu selbständigerer Macht gekommen seien, allerdings eine strenge Aufsichtsbehörde, aber nicht nutzlos grausam, mehr gefürchtet als wirklich gewaltübend, während jene Statuten »in einem Sinne geschrieben sind, welcher nur nach Blut verlangt«. Ranke verfaßte eine Abhandlung darüber, legte sie aber einstweilen zurück, weil er noch weiter in die venetianische Geschichte eindringen wollte. Als nach einigen Jahren italienische Gelehrte, namentlich der Venetianer Romanin, die Sache erschöpfend in Druckschriften darlegten, kam er nicht wieder darauf zurück; die Abhandlung ist erst 1873 in den Sämtlichen Werken (Band 42) als Anhang zu der Darstellung der venetianischen Verfassung gedruckt worden.
Ein Jahr lang verweilte der unermüdliche Forscher in Wien, nicht immer mit Büchern und Papieren beschäftigt, sondern auch dem Leben der Gegenwart zugewandt und fremdartiges Volksleben, das sich hier mit dem deutschen mischte, beobachtend. Fr.v.Gentz lud ihn öfters zu sich ein und gab ihm in politischen Gesprächen Einblick in die damaligen Verhandlungen der europäischen Mächte, namentlich über Griechenlands Befreiung von der Türkenherrschaft; es war ein praktischer Kursus in der Diplomatie, dem künftigen Geschichtschreiber diplomatischer Verhandlungen sehr nützlich. Dann lernte er einen gebildeten Serben kennen, Wuk Stephanowitsch, der ihm Mitteilungen machte über den Freiheitskampf der Serben in den Jahren 1804-16, an dem er teilgenommen hatte. Ranke erkannte, daß dieses tapfere Volk der allgemeinen Teilnahme nicht minder würdig sei als die Griechen, und schrieb, um solche Teilnahme zu erwecken, das Buch »Die Serbische Revolution«, welches 1829 erschien. Er erzählte darin von der alten Heldenzeit der Serben im 14. Jahrhundert, die in ihren Volksliedern lange nachklang, von Sitten und Zuständen, dann von dem Freiheitskampfe, der damit endete, daß Serbien, von Rußland unterstützt, einen einheimischen Fürsten und selbständige Verwaltung erhielt, doch immer noch unter türkischer Oberhoheit. Es war ihm ganz erwünscht, auch einmal Ereignisse der jüngsten Vergangenheit zur historischen Darstellung zu bringen; er verabsäumte nicht, die Einwirkungen der europäischen Politik, namentlich die wechselnden Beziehungen Napoleons zu Rußland und zu der Türkei aus französischen Schriften mit heranzuziehen; die Hauptsache aber war, wie unter dem Drucke der Not sich in dem Serbenvolke ein nationales Kriegswesen und eine nationale Regierungsweise entwickelte, an die alten Sitten anschließend, allmählich sich vervollkommnend. Als später im Jahre 1842 eine neue Auflage des Buches nötig wurde, fügte Ranke eine über die weitere Entwicklung unterrichtende Fortsetzung hinzu: die dritte Ausgabe in den Sämtlichen Werken (Band 43 u. 44) konnte er mit der durch den Berliner Kongreß 1878 ausgesprochenen vollen Selbständigkeit Serbiens abschließen.
Im Herbst 1828 betrat Ranke den Boden Italiens, wo es soviel zu schauen und zu sammeln gab, daß die schriftstellerische Tätigkeit einstweilen ruhen mußte; hier reiften allmählich in ihm die weiteren Pläne für die Zukunft. Zunächst verweilte er einen Winter in Venedig, emsig mit den Schätzen des Archivs beschäftigt; im Frühjahr 1829 kam er nach Rom. Zu den Handschriftenschätzen des Vatikans erhielt er nur beschränkten Zutritt; dafür entschädigten ihn die Privatarchive vornehmer römischer Familien, die sich ihm nach und nach öffneten, namentlich durch Vermittlung des preußischen Gesandten Bunsen,7 in dessen gastlichem Hause sich auch anregendster Verkehr darbot. Wie bedeutende Eindrücke er in Rom empfing, hat er in Briefen und Aufsätzen selbst geschildert; mit sinnendem Auge betrachtete er die Werke der Kunst und das eigentümliche, überall von kirchlichen Gebräuchen durchzogene Volksleben;8 auch zu einem Ausfluge nach Neapel und Pompeji nahm er sich Zeit. Mit reicher Ausbeute an historischem Material verließ er Rom im Frühjahr 1830, wandte sich nach Florenz, wo gleichfalls bedeutende Schätze sich auftaten, hielt dann in Venedig und Mailand eine Nachlese und betrat im Januar 1831 wieder deutsches Land. In München und in dem Pfarrhause seines jüngeren Bruders Heinrich, unweit Nürnberg, verlebte er dann einige Monate ruhiger Sammlung und Erholung; nach Ostern begann er wieder seine Lehrtätigkeit in Berlin.
Reiche Belehrung und Erfahrung verdankte er dieser Reise; sie hatte ihn auf eine Höhe des Lebens geführt, die vielen verschlossen bleibt. Nun ging er daran, ihre wissenschaftlichen Früchte in Rede und Schrift nutzbar zu machen. Noch im Jahre 1831 veröffentlichte er die Schrift »Die Verschwörung gegen Venedig 1618«, zur Berichtigung der irrtümlichen Darstellungen dieses geheimnisvollen Vorganges von St. Real, dem Schiller in seinen kleinen historischen Schriften gefolgt war, und von Daru. Eine gleich nach Beendigung der Reise geschriebene Abhandlung über italienische Kunst blieb ungedruckt, bis sie später in den Sämtlichen Werken (Bd. 51 und 52) veröffentlicht wurde; eine andere »Zur Geschichte der italienischen Poesie« las er 1835 in einer Sitzung der Akademie der Wissenschaften vor und brachte sie dann in deren Schriften 1837 zum Abdruck.9 Den Hauptertrag seiner Forschungen verarbeitete er zu einem größeren Werke, der Geschichte der Päpste, als Fortsetzung seiner Darstellung der Fürsten und Völker von Südeuropa. Studien zur florentinischen Geschichte legte er einstweilen zurück; einige andere Abhandlungen zur Geschichte Italiens veröffentlichte er in einer Zeitschrift, deren Herausgabe er auf Wunsch der preußischen Regierung übernahm.
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Die im Juli 1830 in Frankreich vollzogene Staatsveränderung erregte, ähnlich wie früher die große französische Revolution, mancherlei Bewegung im übrigen Europa; den einen erschien sie als ein glücklicher Erfolg des Strebens nach freieren und doch gesetzlich geordnetem Staatsleben, den anderen als neue Erhebung der revolutionären Ideen. In mehreren deutschen Staaten entstanden Unruhen, die durch Verkündigung neuer Verfassungen beigelegt wurden; in Preußen fragte man, ob es nicht Zeit sei, die im Jahre 1815 verheißene »Nationalrepräsentation« ins Leben zu rufen. Seit 1823 bestanden Versammlungen der Provinzialstände, in denen mancherlei Fragen des Staatswohls erwogen wurden; die gesetzgebende Gewalt aber stand von alters her der Regierung allein zu, und diese hatte seit dem Ende der großen Kriegszeit sich als tüchtig bewährt: sollte sie nun einem in Frankreich gegebenen Vorbilde sich anschließen und dabei die ruhige Entwicklung des Staates gefährden? In französischen und deutschen Zeitungen und Flugschriften ergoß sich heftiger Tadel über Preußens Zurückbleiben hinter den Forderungen des Zeitgeistes; dem gegenüber machte der deutsch gesinnte angesehene Buchhändler Friedrich Perthes in Gotha dem preußischen Minister des Auswärtigen Graf Bernstorff den Vorschlag, in Berlin eine Zeitschrift ins Leben zu rufen, die durch geschichtliche Belehrung dem blinden Nachahmen französischen Wesens entgegentrete und die Deutschen auf ihre eigenen Aufgaben hinweise. Der Vorschlag fand Anklang; eine von dem Minister eingesetzte Kommission beschloß die Herausgabe der Historisch-politischen Zeitschrift; zum Herausgeber ward Ranke erwählt, namentlich auf Vorschlag des ihm befreundeten Professors der Rechte v. Savigny.10 Die Zeitschrift sollte wissenschaftlich sein, nicht bloß Tagesfragen erörtern; man wünschte eine nachhaltige Wirkung zu erzielen. Ranke war nicht ohne Bedenken, doch nahm er die Wahl an, denn allerdings meinte er, daß die Geschichtsforschung sich nicht nur mit fernen Zeiten und Ländern zu beschäftigen habe, sondern auch mit dem Jüngstvergangenen, das noch unmittelbar nachwirke; Geschichte und Staatskunst standen ihm in enger Verwandtschaft, beide aufeinander angewiesen, wie er das in seiner Rede zum Antritt der ordentlichen Professur11 1836 näher nachgewiesen hat.
Zu Anfang des Jahres 1832 erschien in Perthes Verlage das erste Heft der Zeitschrift mit einem einführenden Aufsatz von Ranke,12 der darauf hinwies, daß man gegenüber den sich bekämpfenden politischen Theorien auf das Notwendige und Ausführbare bedacht sein müsse; dieses werde durch geschichtliche Betrachtung erkannt. In einer Reihe von Abhandlungen beleuchtete er nun die parlamentarischen Kämpfe in Frankreich seit der Herstellung des Königtums 1814 und 15, das Zustandekommen der neuen Verfassung von 1830, die einander bekämpfenden Vorschläge der französischen Flugschriften von 1831; dem gegenüber die anders gearteten Verhältnisse Deutschlands: hier gelte es nicht sowohl zu behaupten, was durch die Revolution erworben sei, als das durch ihre Einwirkung Verlorene zu ersetzen, vor allem die nationale Einheit, die im alten deutschen Reiche doch immer noch eine politische Form gehabt habe. Die Abhandlung »Deutschland und Frankreich« schloß er mit einem warmen Anruf des deutschen Nationalgefühls: »Nachdem wir sie in allen Zweigen zurückgeschlagen, nachdem wir, in jener großen geistigen Richtung weiterschreitend und zu den Waffen greifend sie auch im Felde überwunden haben, sollten wir uns in dem wichtigsten Lebenselement, in der Form des Staates, an sie anschließen und ihre dürren Erfindungen nachahmen? Es sei ferne! Alles was wir haben und sind, alles was wir in den Jahrhunderten unserer Vergangenheit erworben haben, lehnt sich dawider auf.« Über die preußische Verfassungsfrage sprach er in der Abhandlung »Über die Trennung und die Einheit von Deutschland« sich dahin aus, daß man die Einführung einer allgemeinen Ständeversammlung der Zukunft anheimstellen möge, »wenn dieses Institut bei einer großen Gelegenheit zu einem besonderen Zweck notwendig und durch die Lage der Dinge selbst hervorgerufen werden sollte«; die Hauptaufgaben für die Gegenwart lägen in den Mängeln der deutschen Bundesverfassung, man müsse das Bundeskriegswesen befestigen, gemeinsame Handelseinrichtungen schaffen und namentlich ein gleichmäßiges Preßgesetz, »das der Nation nicht den Argwohn beibrächte, als wolle man geistigen Druck über sie verhängen, aber stark genug, um dem Fortgange des inneren Zerwürfnisses zu steuern.«
Man sieht, mit großem Eifer widmete sich Ranke der übernommenen Verpflichtung. Auch die politischen Zustände Italiens betrachtete er, zunächst historisch in dem Bericht über die Verwaltung des 1814 hergestellten Kirchenstaates durch Kardinal Consalvi unter Papst Pius VII., der 1823 starb,13 dann politisch in den Aufsätzen »Über die gegenwärtigen Irrungen im Kirchenstaat« und über Flugschriften des Jahres 1831. Von der Türkei gab die Darstellung der »letzten Unruhen in Bosnien« Nachricht.14 Nun hätte eine Reihe ebenso regsamer Mitarbeiter ihm zur Seite stehen müssen, um die Zeitschrift reich auszugestalten; aber sie fanden sich nur spärlich, und er mochte sie wohl nicht mit dem vollen Eifer eines Journalisten suchen. Einige höhere Ministerialbeamte lieferten Aufsätze über das preußische Zollwesen und über wirtschaftliche Fragen; Korrespondenzen aus Sachsen und der Schweiz konnte er zum Abdruck bringen; das Beste leistete Savigny mit den beiden Abhandlungen über die preußische Städteordnung und über Wesen und Wert der deutschen Universitäten. Zu einem dauernden Erfolg in größerem Leserkreise konnte die Zeitschrift es nicht bringen; sie erschien den meisten zu gelehrt, sie behandelte die Tagesfragen nicht greifbar genug. Perthes hatte gewünscht, daß sie vierzehntägig erschiene; der Herausgeber aber entschied sich mit Rücksicht auf die Länge der Abhandlungen für Vierteljahrshefte. Am Ende des Jahres 1832 gab Perthes den Verlag auf und fortan erschien jährlich nur ein Heft, das letzte 1836. Es war ein Rückzug, doch keine Niederlage; soviel hatte der erste Jahrgang gewirkt, oder wenigstens mitbewirkt, daß man in Preußen sich abwandte von der Franzosenbegeisterung, der viele Süddeutsche bei dem Hambacher Volksfest (Mai 1832) Ausdruck gaben. Und nun gelang der preußischen Politik ein wichtiges nationales Werk: der Zollverein. Ranke legte dessen Entstehung und Bedeutung alsbald in einer trefflichen Abhandlung »Zur Geschichte der deutschen, insbesondere der preußischen Handelspolitik seit 1818« dar.15 Der übrige Inhalt der späteren Hefte war mehr historisch als politisch; die Abhandlung »Über die Zeiten Ferdinands I. und Maximilians II.«16 vereinigte den politischen Zweck mit dem historischen in treffender Weise, indem sie aus der deutschen Geschichte bewies, wie schwer es sich räche, wenn man eine Zeit glücklichen Friedens nicht benutze, um vorhandene nationale Aufgaben zu lösen und die Elemente drohender Zwietracht unschädlich zu machen. Mit dem »Politischen Gespräch«, welches in lebendiger Dialogform über Wesen und Aufgaben des Staates handelt, schloß Ranke 1830 die Zeitschrift. Inzwischen hatte er das Geschichtswerk vollendet, welches seinen Ruhm als Geschichtschreiber dauernd begründete.
Die dreibändige Geschichte der römischen Päpste schildert auf Grund des in Italien gesammelten Materials hauptsächlich die Päpste des 16. und 17. Jahrhunderts in ihrer Doppelstellung als Häupter der katholischen Christenheit und zugleich italienische Landesfürsten. Der reiche tatsächliche Inhalt, die anschaulichen Bilder der Persönlichkeiten, die Würdigung des in der katholischen Kirche seit dem Tridentiner Konzil neuerwachten Lebens verschafften dem Buche Anerkennung auch in katholischen Kreisen, zumal da um 1836 die Schärfe der konfessionellen Gegensätze im gebildeten Europa sehr gemildert war; es wurde bald auch ins Französische und Englische übersetzt. Der Geist des Buches ist aber gut protestantisch, und in diesem Sinne hat es auch gewirkt, um so mehr, da es den Ton leidenschaftlicher Erregung durchaus vermeidet und sich auf der Höhe geschichtlicher Betrachtung hält.
Die Einleitung legt das Emporkommen des Papsttums in früheren Jahrhunderten dar. Es ist, wie die Vorrede von vornherein ausspricht, eine »kirchlich-weltliche Macht«, gehört also nicht zum Wesen des Christentums, welches in die Welt eintrat als »Befreiung der Religion von den politischen Elementen«. Allerdings bedurfte die Kirche zu ihrer geschichtlichen Entwicklung einer festen Organisation; eine solche bildete sich unter dem Schutze des römischen Kaisertums nach dem Vorbilde der Staatsordnung des römischen Reiches. Sie hatte daher auch ein monarchisches Oberhaupt, aber mit dem Eintritt der Teilung des ost- und weströmischen Reiches war dann auch eine Teilung der Kirche verbunden. Nur im weströmischen Reiche galt das Papsttum, es gewann aber Kraft und Ausdehnung über ganz Westeuropa unter dem Schutze des fränkischen, dann des deutschen Reiches. Damals wurde »dem geistlichen Stande ein großer Teil der politischen Gewalt übertragen; er hatte fürstliche Macht.« Nun kam die Zeit, wo das Papsttum sich von der kaiserlichen Schutzherrschaft frei machte, als Führer des durch die Mönchsorden ungemein verstärkten geistlichen Standes an die Spitze der »abendländischen Nationen« trat, die griechische Kirche zu unterwerfen und den Islam von den heiligen Stätten zu verdrängen unternahm. Aber seine Erfolge waren nicht dauernd; die selbständige Entwicklung der europäischen Nationen setzte sich der allgemeinen Kirchenherrschaft entgegen; diese selbst geriet in Schwäche und Verwirrung. Es kam zur Kirchenspaltung, da mehrere Päpste gegeneinander auftraten. Man stellte die Einheit wieder her, aber schon hatten die Staaten »einen nicht geringen Anteil an den geistlichen Rechten und Befugnissen an sich gebracht«, den sie auch weiterhin behaupteten. Nun folgte die Opposition auf geistigem Gebiete, zuerst durch Wiederaufleben der Kenntnis des Altertums, dann aus der Tiefe des religiösen Lebens selbst. Mit der in Italien aufblühenden Renaissance konnten die Päpste sich befreunden, mit der deutschen Religiosität nicht. »Unser Vaterland«, sagt Ranke am Schlusse des ersten Buches, »hat das unsterbliche Verdienst, das Christentum in reinerer Gestalt, als es seit den ersten Jahrhunderten bestanden, wiederhergestellt, die wahre Religion wiederentdeckt zu haben. Mit dieser Waffe war es unüberwindlich gerüstet, seine Überzeugungen brachen sich bei allen Nachbarn Bahn.«
So ist der Gegenstand des nun ausbrechenden geschichtlichen Kampfes, der den Hauptinhalt des Rankeschen Werkes bildet, klar bezeichnet. Der keineswegs ursprünglichen, sondern durch bestimmte geschichtliche Verhältnisse entwickelten mittelalterlichen Kirchenform stehen zwei Mächte gegenüber: die Selbständigkeit der Staaten und die religiöse Erneuerung. Der Katholizismus erhebt sich aus innerer Kraft, er ruft den weltlichen Arm zu Hilfe; das Papsttum gelangt abermals zu einer großen Stellung. Aber durch die Entscheidung des dreißigjährigen Krieges wird der Katholizismus in bestimmte Grenzen gewiesen; »an eine Welteroberung, wie er sie vorhatte, kann er niemals wieder im Ernste denken.« In der Folgezeit treten auch katholische Staaten dem Papsttum entgegen, die Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist ihm feindlich, durch die französische Revolution gerät es in schwere Bedrängnis; wieder befestigt wird es durch die Herstellung der europäischen Staatenverhältnisse nach Napoleons Sturz. Es ist als ein bedeutendes Moment der europäischen Entwicklung anerkannt, es tritt wie in früheren Zeiten für kirchliche Machtausbreitung ein; die Zukunft ist ungewiß. Der Geschichtschreiber gibt am Schlusse der Hoffnung Ausdruck, daß solche Glaubenskämpfe, wie sie früher die Welt entzweiten, doch nicht wiederkehren werden, die Bewegung der Geister gehe auf religiöse Verständigung, »über alle Gegensätze erhebt sich die Einheit eines reinen und darum seiner Sache nicht minder sicheren Gottesbewußtseins«. Diesen Schluß hat Ranke, als er in späteren Jahren das Werk von neuem herausgab,17 mit schwerem Herzen getilgt und eine Fortsetzung angefügt über das neue Anwachsen der päpstlichen Macht, das zu dem Konzil von 1870 geführt hat. Er wollte keinen Zweifel darüber lassen, welche Stellung er zu dem erneuten kirchlichen Kampfe einnehme. Gegenüber dem Vordringen der Propaganda betont er den Wert der »in sich fest begründeten protestantisch-deutschen Wissenschaft«; bei dem päpstlichen Rundschreiben von 1864, dem sogenannten Syllabus, sagt er: »Was der Papst verwarf, war, wenn auch nicht gerade in jedem Punkte, doch im allgemeinen das System der modernen Anschauungen und Lehren, die in die Überzeugung des lebenden Menschengeschlechtes übergegangen sind«; er führt an, daß dazu auch der Grundsatz der Gewissensfreiheit gehöre. Der Verlauf des Konzils zeigt, welche Mühe es kostete, die Opposition unter den versammelten Bischöfen zum Schweigen zu bringen; endlich wird die Unfehlbarkeit des selbst entscheidenden, nicht mehr an die Zustimmung der Kirche gebundenen Papstes feierlich verkündet, und in denselben Tagen bricht der deutsch-französische Krieg aus. »Wer wollte sagen, wohin es geführt hätte, wenn das Glück der Waffen zugunsten der katholischen Nation ausgefallen wäre, welches neue Übergewicht dem Papsttum dadurch hätte zuteil werden können! Der Erfolg war der entgegengesetzte. Ein überzeugter Protestant möchte sagen: es war die göttliche Entscheidung gegen die Anmaßung des Papstes, der einzige Interpret des Glaubens und der göttlichen Geheimnisse zu sein.« Das Papsttum, der weltlichen Gewalt beraubt, zieht sich nun ganz auf die Ausübung seiner geistlichen Autorität zurück; damit beginnt eine neue Epoche in dem Dasein dieser Macht. Die Zukunft ist wiederum ungewiß; Rankes Werk aber in seiner erneuten Gestalt bleibt dem deutschen Volke ein unverlierbares Gut; es lehrt, daß die neue Erhebung des Papsttums zwar auch eine geschichtlich begründete Erscheinung ist, aber mit nicht mehr Anspruch auf Geltung und Dauer, als jene Erhebung zur Gegenreformation,: der doch Einhalt getan wurde, freilich erst am Ende des verderblichsten Krieges, der über Deutschland gekommen ist.
Als im Jahre 1836 die Geschichte der Päpste vorläufig abgeschlossen vorlag, faßte Ranke den naheliegenden Entschluß, ihr eine Geschichte der deutschen Reformation folgen zu lassen. Es war die entscheidende Wendung der deutschen Geschichte, die er darzustellen unternahm, der Ursprung der ganzen folgenden Entwicklung Deutschlands. Mit eindringender theologischer Kenntnis ging er daran, aber seine Stellung nahm er auf dem nationalen Standpunkt. Ausgehend von der Größe und dem Verfall des mittelalterlichen Kaisertums schildert die Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation zuerst die unter Kaiser Maximilian I. gemachten aber nur unvollkommen durchgeführten Versuche, dem deutschen Reich eine bessere Verfassung zu geben, dann das gewaltige Ringen der religiösen und zugleich nationalen Bewegung mit den bestehenden kirchlichen Mächten und der dynastischen Politik Karls V., endlich das Zustandekommen des Augsburger Religionsfriedens, der aber die Keime künftiger Zwietracht in sich birgt. »Glücklich die Zeiten, wo ein einziger nationaler Gedanke alle Gemüter ergreift, weil er alle befriedigt; hier war dies nicht der Fall.« Einen tröstlichen Ausblick gewährt jedoch das Schlußkapitel über die Entwicklung der Literatur: Deutschland zeigt im 16. Jahrhundert eine solche Fülle geistigen Lebens auf protestantischer Seite, daß man an seiner Zukunft trotz drohender schwerer Gefahren nicht zu verzweifeln braucht.
Das Werk erschien 1839-43 in fünf Bänden; ein sechster mit urkundlichen Erläuterungen folgte 1846.18 Zuverlässige, bisher unbenutzte Quellen hatten sich in der großen Sammlung von Reichstagsakten gefunden, welche die Stadt Frankfurt a. M. bewahrt, dann in den reichsfürstlichen Archiven zu Berlin, Dresden, Weimar, Dessau, für die auswärtigen Einwirkungen in Brüssel und Paris, wo Ranke 1839 zum erstenmal verweilte; nicht gering war auch für dieses Werk der Ertrag seiner italienischen Sammlungen. Er scheute keine Mühe, um zu umfassender Kunde zu gelangen; »man bedaure den nicht«, sagt er in der Vorrede, »der sich mit diesen anscheinend trockenen Studien beschäftigt und darüber den Genuß manches heiteren Tages versäumt. Es ist wahr, es sind tote Papiere; aber sie sind Überreste eines Lebens, dessen Anschauung dem Geiste nach und nach aus ihnen emporsteigt«. Und so gewann er die Zuversicht, ein Werk von bleibender Bedeutung zu schaffen, »überzeugt, daß wenn man nur mit ernstem und wahrheitsbeflissenem Sinne in den echten Denkmalen einigermaßen umfassende Forschungen angestellt hat, spätere Entdeckungen zwar wohl das einzelne näher bestimmen werden, aber die Grundwahrnehmungen doch zuletzt bestätigen müssen; denn die Wahrheit kann nur eine sein«. Später ist ihm von katholischer Seite das gelehrte Werk von Janssen entgegengestellt worden, welches die gleichen Tatsachen ganz anders beurteilt, überall nur den Abfall von der Kirche sieht, wo Ranke neues geschichtliches Leben erkennt. Es bringt auch neues Material herbei, aber der wissenschaftlich freien Forschung kann es nicht Genüge tun. Rankes Werk ist für die protestantische Mehrheit des deutschen Volkes ein Nationalwerk geworden, das die Liebe zum Vaterlande und zu dem geistigen Erbe unserer Väter immer wieder von neuem anregt.
Inzwischen hatte Rankes äußere Lebensstellung sich befestigt durch seine Ernennung zum ordentlichen Professor an der Universität, im Dezember 1833; die Akademie der Wissenschaften hatte ihn schon 1832 zum Mitglied erwählt. Er waltete als anerkannter Meister der Wissenschaft seines Lehramtes in der Hauptstadt Preußens, die immer mehr auch als geistige Hauptstadt Deutschlands anerkannt wurde. Zahlreiche Hörer besuchten seine Vorlesungen, nicht nur Studenten, sondern auch Beamte und Offiziere, obgleich es nicht leicht war seinem Vortrage zu folgen, der nicht in ruhiger Klarheit dahinfloß, vielmehr lebhaft hervorsprudelte und dann wieder anhielt, das Erzeugnis einer den Stoff unaufhörlich neugestaltenden Geisteskraft.19 Ganz besonders wirkte er auf den kleineren Kreis auserwählter Schüler, die er zu historischen Übungen um sich versammelte. Er ließ sie nicht an der eigenen neuen Forschungsarbeit teilnehmen, abgesehen von gelegentlichen Mitteilungen, sondern wählte leichter zu überschauende Gebiete aus älteren Zeiten, namentlich die Geschichtsquellen der mittelalterlichen Kaiserzeit. Seit 1826 erschien unter Leitung von G. H. Pertz die große Sammlung Monumenta Germaniae; doch war man bei ihrem langsamen Vorschreiten noch vielfach auf die älteren, unvollkommenen Ausgaben angewiesen. Gerade dieser Umstand gab zu fruchtbarem Wirken der Übungen Anlaß; philologische Kritik mußte der historischen die Wege bahnen, und streng ward darauf gehalten, die Eigenart und den Gesichtskreis des Schriftstellers durch Vergleich mit der anderweitigen Überlieferung festzustellen. Aus diesen Übungen ging eine Reihe bedeutender Forscher hervor, die des Meisters Arbeit erfolgreich fortsetzten. Zwei Schüler Rankes wurden bald tüchtige Mitarbeiter an den Monumenten, 1836 Georg Waitz, 1842 Wilhelm Wattenbach; sie sind später, als Pertz von der Leitung zurücktrat, nacheinander an die Spitze des Unternehmens getreten. Aber auch ein eigenes Werk ging aus Rankes Übungen hervor, die »Jahrbücher des deutschen Reiches unter dem sächsischen Hause«. Der erste Band, 1837 mit einer Vorrede von Ranke herausgegeben, enthält die Geschichte Heinrichs I. von Waitz. Mehrere Bände folgten; die Geschichte Ottos II. schrieb Wilhelm Giesebrecht, der später durch seine ausführliche Darstellung der gesamten Kaiserzeit bis Friedrich Barbarossa sich einen Namen gemacht hat. Andere Stoffe wählte Heinrich v. Sybel; er schrieb zuerst 1838 über Jordanis, den Geschichtschreiber der Goten, dann 1841, von Rankes Rat unterstützt, eine Geschichte des ersten Kreuzzuges. Er hat in der Gedächtnisrede, die er nach Jahrzehnten dem Meister hielt,20 über die historischen Übungen berichtet: »Unter seiner sicheren Leitung lernte der Schüler ohne vieles Theoretisieren die kritische Methode durch eigene Arbeit. Er verstattete ihm freie Wahl des Arbeitsthemas, war aber stets bereit, aus seinem unabsehbaren Wissensstoff lehrreiche Probleme zur Vorlage zu bringen. Fehler gegen die kritischen Gesetze erfuhren in freundlicher Form eine unbarmherzige Beurteilung. Im übrigen ließ Ranke jedes Talent in seiner individuellen Bewegung gewähren, eingedenk der höchsten pädagogischen Regel, daß die Schule nicht Abrichtung, sondern Entfaltung der persönlichen Kräfte zur Aufgabe hat.«
Das Jahr 1848 brachte mit dem Thronwechsel in Preußen neue Anregung in die Berliner Gelehrtenwelt. König Friedlich Wilhelm IV. nahm an dem Gedeihen der Wissenschaft wie der Kunst lebhaften persönlichen Anteil: er berief Männer von hervorragender Bedeutung, wie die Brüder Grimm, nach Berlin; er unterstützte wissenschaftliche Forschungsreisen, er gab der Akademie den Auftrag, die Werke Friedrichs des Großen herauszugeben. Zu der dafür eingesetzten Kommission gehörte auch Ranke, den er als Kronprinz 1828 auf seiner italienischen Reise in Venedig kennen gelernt hatte. Er ernannte ihn jetzt zum Historiographen des preußischen Staates, ein Titel, den früher Pufendorf, der Geschichtschreiber des Großen Kurfürsten, und Joh. v. Müller geführt hatten. Dadurch war es Ranke nahe gelegt, eine Preußische Geschichte zu schreiben. Er ging daran, als er 1843 bei seinem zweiten Aufenthalt in Paris die wertvollen Berichte des Marquis Valori fand, der in den ersten Jahren Friedrichs des Großen französischer Gesandter am preußischen Hofe gewesen war. Diese Berichte gaben Aufschluß über manche Rätsel der Politik jener Jahre; ergänzend traten englische Berichte hinzu, die Ranke alsbald in London aufsuchte. Mit Friedrichs eigenem Werk über diese Zeit, der Histoire de mon temps, hatte er sich schon näher zum Zweck der Herausgabe beschäftigt;21 sie lag in zwei Bearbeitungen vor, von denen die spätere, mehr ausgeführte in die Ausgabe der Werke des Königs aufgenommen wurde; aus der früheren nahm Ranke einzelne bemerkenswerte Züge in seine Darstellung auf. Den reichsten Stoff fand er natürlich im preußischen Staatsarchiv; hier nahm er auch die bisher fast unbekannten Verwaltungsakten Friedrich Wilhelms I. zur Hand. Der Plan seines Werkes erweiterte sich, er schrieb nach einer Einleitung über die älteren Zeiten die Geschichte der drei ersten preußischen Könige, brach jedoch in der Darstellung Friedrichs d. Gr., die er am weitesten ausführte, bei dem Jahre 1756 ab, denn der Siebenjährige Krieg mußte späteren Studien vorbehalten bleiben. Die »Neun Bücher preußischer Geschichte«, welche 1847 erschienen,22 fanden beim Publikum nicht so freudige Aufnahme wie die Deutsche Geschichte; es war eine politisch erregte Zeit, die von dem alten, unbeschränkten preußischen Königtum nicht viel wissen wollte. Ranke ließ sich das nicht irren; er hatte nicht für den Augenblick geschrieben. Seine Darstellung Friedrich Wilhelms I. gab später den Anstoß, die Verwaltungstätigkeit der preußischen Herrscher, ihre weitgehende Fürsorge für das Volkswohl nach allen Richtungen, durch größere Veröffentlichungen aus dem Staatsarchiv klarzustellen; seine tiefdringende Auffassung Friedrichs des Großen, seine meisterhafte Darlegung sowohl der Kriegstaten wie der verwickelten diplomatischen Verhandlungen wurde jüngeren Forschern, denen er noch manches übrig ließ, ein treffliches Vorbild.
Die Reise des Jahres 1843 brachte dem welterfahrenen Manne, der doch die Vorliebe des deutschen Gelehrten für stilles Studieren niemals verleugnete, das Glück einer behaglichen Häuslichkeit. In Paris lernte er die Tochter eines in Dublin wohnenden englischen Rechtsgelehrten kennen, die durch früheren Aufenthalt in Bonn mit deutscher Bildung vertraut war; in England sah er sie wieder und warb um ihre Hand. Sie folgte ihm gern nach Berlin und lebte sich rasch ein in die gelehrten Kreise, die so mannigfache Beziehungen zum Auslande hatten. Ranke freute sich der geistig belebten Häuslichkeit um so mehr, da nach dem Tode seiner Eltern das Band der Gemeinschaft mit Geschwistern und Verwandten loser geworden war. Von den Brüdern, mit denen er in herzlichem Briefverkehr stand, kam ihm jetzt Ferdinand besonders nahe, 1842 als Gymnasialdirektor nach Berlin berufen. Oft lasen sie miteinander in Abendstunden griechische Klassiker; auch für den Druck der Geschichtswerke leistete Ferdinand tätige Hilfe.
Als wissenschaftliche Früchte jener Reise veröffentlichte Ranke 1844 einen Teil der wertvollen Denkwürdigkeiten des englischen Staatsmannes Andrew Mitchell,23 der 1756 Gesandter bei Friedrich dem Großen war, als der Siebenjährige Krieg ausbrach; ferner 1846 eine aus den Pariser Archiven geschöpfte Abhandlung über die französische Notabelnversammlung von 1787,24 deren Beratungen den Ausbruch der Revolution nicht hatten verhindern können. Weitere Studien über die französische Revolution legte er einstweilen zurück für späteren Gebrauch. Von den Pariser Gelehrten war besonders Thiers ihm näher getreten, Verfasser einer vielgelesenen Geschichte der Revolution, seit 1830 einflußreicher Staatsmann und wiederholt Minister bis 1840, seitdem wieder mit historischen Studien beschäftigt für sein großes Werk »Geschichte des Konsulats und des Kaiserreiches«, dessen erster Band 1845 erschien. Er hatte im August 1841, als er eine größere Reise unternahm, um Stoff zu sammeln, Ranke in Berlin aufgesucht; 1843 empfing er dessen Gegenbesuch in Paris, und es bildete sich, wie Ranke in einer späteren Aufzeichnung berichtet hat,25 »ein freundschaftliches Verhältnis intimster Art, inwiefern ein solches stattfinden konnte zwischen einem Manne, der in der revolutionären Gesinnung erwachsen war und zu ihrer Ausbildung in einer bestimmten Rücksicht das meiste beigetragen hatte, und einem deutschen Gelehrten, der doch mehr der entgegengesetzten Seite angehörte und in dem revolutionären Element eben nur ein Element der Welt erkannte, welches nicht wieder beseitigt werden kann«. Wenn Ranke später noch mehrmals nach Paris kam, war ihm ein Gespräch mit Thiers immer sehr willkommen; was ihn dabei fremdartig berührte, war ihm doch immer lehrreich, und lebendigen Austausch der Gedanken liebte er von jeher, um sich nicht in einseitige Ansichten einzuspinnen.
Die Stürme des Jahres 1848 störten die wissenschaftliche Tätigkeit, gaben aber dem Geschichtskenner Anlaß, seine politische Einsicht in den Dienst des Vaterlandes zu stellen. Nicht wollte er wie Thiers als Abgeordneter oder gar Minister in die Bewegung eingreifen; er hielt sich zurück als stiller Beobachter, aber da der König vertrauensvoll seinen Rat begehrte, verfaßte er mehrere politische Denkschriften
