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Kai Werksrabe entführt uns in die frühen 80er, wo sich um einen alten Buckelvolvo merkwürdige Geschichten ranken, der arbeitsscheue Alleinerbe Graf eine Randgesellschaft gründet, die Drogenbraut Kira zurück in die Gesellschaft will, der Maler Titus schwer verliebt auf Piets Metamorphose wartet und die Ratte Vincent einen hammerharten Auftrag bekommt.
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Seitenzahl: 358
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Kai Werksrabe
Hitler trug keine Turnschuhe
View-Finder 1982 · Retro-Roman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
VORGESTERN: der grausige Fund
Der Bericht von Kira Kasweber
GESTERN: Hitler trug keine Turnschuhe
Der Bericht von Titus Kohl
GESTERN: Ein kollektives Verbrechen verhindert jede Opposition
Der Bericht von Vincent
Der Bericht von Gabi Brünker
Impressum
VORGESTERN: der grausige Fund
Der Blick des Bauarbeiters blieb an einem Turnschuh hängen, der am Rand der Grube aus dem Erdreich ragte. Im Laufe seines Berufslebens hatte er schon einiges gesehen, was Baugeräte zu Tage befördert hatten, aber dieser Turnschuh war anders, historisch uninteressant störte er nur seinen Schönheitssinn. Ohne weiter darüber nachzudenken, schlenderte er hinüber und versuchte, den Turnschuh aus dem Erdreich zu ziehen. Er saß erstaunlich fest.
Er rüttelte daran herum, bis er sich schließlich löste. Als er daran zog, stellte er fest, dass diesem Schuh zwei lange weiße Stäbe folgten. Und als er begriff, woran er gerade zog, stieß er einen schrillen Schrei aus und sackte kraftlos in den Sand. Dieser Turnschuh hatte es im wahrsten Sinne des Wortes in sich! Es steckten noch die Knochen darin. Andere Bauarbeiter sammelten sich, durch die Schreie des Kollegen angelockt. Abwechselnd sahen sie auf das, was im rechten Winkel aus dem Rand der Grube ragte, dann wiederum suchten sie erfolglos Halt an den Blicken der Kollegen. Niemand sprach. Schließlich griff einer von ihnen nach seinem Funkgerät. Er drückte daran herum. Ein Piepsen und Rauschen durchschnitt die Stille, dann sagte er: „Chef, komm mal eben. Wir haben hier ein riesiges Problem.“
Der Chef kam, stellte fest, dass dieser Fund außerhalb seiner Zuständigkeiten lag und alarmierte die Polizei. Er musste die Lage sehr dramatisch geschildert haben, denn die Polizei kam mit Blaulicht. Diese Eile war vollkommen unnötig. Jedes Kind hätte bestätigen können, dass es für den Träger dieses Turnschuhes keinerlei Hoffnung mehr gab. Aber das Polizeiaufgebot rief die Presse auf den Plan. Journalisten beobachteten, wie der Fundort weiträumig abgesperrt wurde. Rechtsmediziner stellen später fest, dass
1.) der Träger dieses Turnschuhs keines natürlichen Todes gestorben war, was niemanden besonders verblüffte, denn
2.) waren die Knochen mit Gewalt unterhalb des Knies abgetrennt worden, was aber schon alle wussten.
Neu war die Erkenntnis, dass
3.) die Knochen von einem jungen Mann stammten, dass
4.) jemand versucht hatte, dieses Leichenteil zu verbrennen, was wohl nicht geklappt hatte. Stattdessen wurde es vergraben.
Und das war
5.) 30 Jahre her.
„Um Himmels willen!“
„Was für eine Sauerei! Der arme Junge …“
Der Bericht von Kira Kasweber
Der Bericht von Kira Kasweber
1972 bis März 1982
Grafs Villa und Hitlers Dünnpfiff
Die Villa am See war nur bis zum Sommer 1972 schön, denn als der letzte Besitzer starb, fiel sie zusammen mit einem Haufen Geld in die ungeschickten Hände von Friedhelm Graf. Wenn er die Villa damals sofort gründlich renoviert hätte, wäre sicherlich vieles anders gekommen, aber er war durch das plötzliche Erbe sowohl überrascht als auch überfordert.
Also setzte er sich erst einmal auf die Veranda und betrachtete seinen Besitz: Sein Grundstück war ein großes bewaldetes Tal außerhalb von Grothenhever. Wie tief dieses Tal war, wusste keiner, denn ein großer See verbarg die Erdformation unter seinen Wassermassen. Am Ufer gab es vereinzelte mit Gras bewachsene Buchten. Andere Uferbereiche standen voller Schilf. Zur Villa hin wurden die Uferzonen breiter, sodass es hier sogar einen Garten gab, den seine Vorfahren dem See, dem Hang und dem Wald abgetrotzt hatten. Der Rest des Grundstücks bestand aus hohen Bäumen.
Graf hatte keine Ahnung von Gartenarbeit und außerdem auch keine Lust dazu. So stand er dem Grundstück eher skeptisch gegenüber und versuchte sich damit anzufreunden, indem er sich, während er es betrachtete, ein kleines Bierchen gönnte. Jeder andere hätte diesen Besitz ein Kleinod genannt. Aber Graf seufzte schwer: „Das is’n Großod, so scheißgroß ist das Ding hier.“
Dann nahm er seine Villa in Augenschein und stellte fest, dass sie schon bessere Zeiten gesehen hatte. Es gab viele verschiedene Räume, die mit Dingen, von denen seine Vorfahren sich nicht hatten trennen können, vollgestopft waren. Er schlenderte kopfschüttelnd von Raum zu Raum, zupfte missmutig an losen Tapeten, pulte am abblätternden Lack und stellte fest, dass auch einige Lampen nicht gingen. Und dann waren da noch die ganzen alten Möbel, alten Bücher, alten Leuchter und der alte Krimskrams, der um seine Aufmerksamkeit buhlte – Stress pur. Er beschloss, das alles zunächst einmal zu ignorieren. Alles Handwerkliche war nicht so sehr sein Ding, und das Sichten und Aussortieren reizte ihn noch viel weniger.
Wenig später wurde ihm durch einen Herrn im Anzug noch ein weiteres Manko bewusst gemacht: Er hatte absolut keine Ahnung vom Geldanlegen. Bisher hatte er nur über sein BAFöG verfügt, und das war überschaubar. Als der Herr von der Bank sagte, er würde gern mit Graf über verschiedene Möglichkeiten der Geldanlage reden, blockte er höflich ab.
„Och, nee. Im Moment passt das nicht so. Wie viel ist es denn überhaupt? Lohnt es sich denn überhaupt, darüber groß zu schnacken?“
Der Bankangestellte nannte die Summe, und Graf pfiff anerkennend, aber er blieb bei seinem Nein. Er hatte keine Lust, stundenlang über etwas zu reden, wovon er selbst nichts verstand. Aber er verklausulierte seine Absage sehr nett, indem er sagte, er würde sich gern selbst zuerst in die Materie einarbeiten und gern später auf dieses freundliche Angebot zurückkommen.
„Hätten Sie vielleicht eine Visitenkarte für mich?“
Graf bekam sie überreicht, dankte artig und steckte sie in die Hosentasche, wo er sie prompt vergaß.
Als Nächstes brach er sein Philosophiestudium ab, um in Ruhe über seinen plötzlichen Reichtum nachzudenken. Ben, sein Freund, ließ aus Solidarität sein eigenes Philosophiestudium ebenfalls sausen, fuhr stattdessen Taxi und setzte sich so oft wie möglich zu Graf, um ihm beim Nachdenken zu helfen. Letzten Endes kamen beide zu dem Schluss, dass es das Beste wäre, einen Teil der Verantwortung abzugeben.
„Einfach delegieren, den Mist!“, riet Ben. „Allein schon der Trödel und der ganze Scheiß im Haus. Aber Frauen stehen doch auf so was! Kennst du nicht eine, die dir gefällt?“
„Doch. Kira.“
„Was macht die so?“, fragte Ben.
„Sie ist bei dem Friseur am Markt in der Lehre.“
„Na, dann mal ab zum Friseur!“
Von da an ließ Graf sich ständig von mir die Haare schneiden, obwohl ich noch längst nicht so weit war. Meine Chefin versuchte immer, das Schicksal abzuwenden. Aber er blieb hartnäckig. Er sagte: „Wenn Kira nicht schneidet, dann geh ich wieder.“
Ich versaute ihm einen Haarschnitt nach dem anderen.
Aber Graf fand immer nette Worte. So sagte er zum Beispiel beim Blick in den Spiegel: „Guck mal, diese Seite hier am Ohr ist doch schon richtig prima!“ Und wegen seines schiefen Ponys sagte er: „Wenn ich den so zur Seite schüttele, ist er ziemlich perfekt!“
Meine Chefin bot immer wieder an, den Schnitt gratis zu korrigieren. Er sagte jedes Mal: „Korrigieren? Aber wo denn bitte? Genau so wollte ich es doch haben!“
Dabei zwinkerte er mir zu, gab mir etwas Trinkgeld, und ich lächelte ihn dankbar an. Graf kam fast jede Woche.
Eines Tages fragte er mich umständlich, ob ich ihm die Ehre erweisen würde, bei ihm privat Hausbesuche zu machen. Er hätte auch schon extra für mich einen Friseurstuhl mit allem Drum und Dran gekauft – also, daran solle es nun wirklich nicht scheitern …
„Also, was meinst du?“, fragte er.
„Das ist das Durchgeknallteste, was ich jemals gehört habe.“
„Und was heißt das für mich?“ Er sah mich unsicher an.
„Ich komme gern zu dir.“
Und so wurde mein Stammkunde mit der Engelsgeduld und dem versauten Haarschnitt mein Freund. Ben und Titus waren oft bei ihm am See und ließen sich auch von mir die Haare schneiden.
Ich wurde immer besser.
Nur das mit dem Haus wurde schlimmer.
Die Farbe blätterte ab, die Wände waren feucht, die Fenster waren verzogen – und dann sagte Titus eines Tages, dass er da jemanden kennen würde: Carlos arbeitete auf dem Bau und würde bestimmt gern helfen, wenn es um die Instandhaltung ginge. Graf sagte, es wäre doch schön, mit diesem Mann einmal zu sprechen und sich eine unabhängige Meinung von ihm einzuholen. So kam Carlos zu uns.
Er brachte eine Kiste Bier mit, sah sich um und pfiff anerkennend. Dann klopfte er Graf auf die Schulter und sagte: „Du hast hier was ganz Tolles!“
„Was Tolles?“, fragte Graf irritiert. „Was soll denn daran toll sein? Das ist doch viel eher eine Last …“ Er schilderte eindringlich den Berg Arbeit, der auf ihn wartete, und die ganzen Dinge, die er in Zukunft machen müsste. Carlos war voller Mitgefühl, und so waren sie zu viert. Wie Schorschi, der Kfz-Mechaniker, und Schröder, der Punker, dazukamen, weiß ich nicht. Da war ich auf meiner schwarzen Reise … ist aber auch egal. Jedenfalls, als ich im Sommer 1979 zurückkam, waren sie schon zu sechst und nannten sich aus irgendwelchen Gründen hochtrabend „Das philosophische Sechserpack“.
Wir hingen alle am See herum, und ein paar Monate später kam es zu einem fürchterlichen Brand. Von uns kam niemand zu Schaden, aber das Haus hatte wirklich schwer einen mitgekriegt. Die Philosophen vernagelten schnell und ohne jedes Gespür für Ästhetik die kaputten Fenster und das Loch im Dach mit irgendwelchen alten Brettern.
Nur drei Räume unten waren noch zu benutzen. Der Rest war Schrott.
Graf kassierte das Geld von der Versicherung und mietete sich eine winzige Wohnung in Grothenhever. Von da an dachte er entweder hier oder dort über die weitere Gestaltung seines Lebens nach.
Im März 1982 lebte ich schon seit drei Jahren ohne eigene Einkünfte in Grafs Brandruine und von Grafs Geld. Ich wusste, wenn es so weiterginge, würde ich für den Rest meines Lebens dort herumhängen, dem zunehmenden Verfall einen Hauch von Gemütlichkeit abringen und definitiv nie wieder die Kurve kriegen. Ich lebte die Hälfte des Jahres in dieser verkohlten Villa. Alles, was ich machen musste, war Graf und die Philosophen zu versorgen und Fremde zu verscheuchen. Und so sprach sich im Ort recht schnell herum, dass hier am See eine arme Irre (nämlich ich) auf einer Art Müllhalde (Grafs Villa) hauste und dass es ein Jammer wäre, was manche Leute mit ihrem Besitz so machten (nämlich nichts). Ich hatte mich in diese Sackgasse hineinmanövriert und wünschte mir etwas, was ich als Startschuss deuten könnte, um mein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.
They always keep you dreaming,
you won’t have one lonely hour.
If the day could last forever
you might like your ivory tower.
But he night begins to turn your head around.
And you know your going to lose more than you found.
Yes, the night begins to turn your head
around, around …
(Lene Lovich · The night)
Am Abend, als ich BONA kennenlernte, saß ich auf der Veranda und hatte mich in eine Decke gemummelt. Ich hätte theoretisch auch ins Haus gehen können, aber dort war es noch kälter als draußen. Auf einer tragbaren Kochplatte hatte ich Kartoffeln, die am Wochenende übrig geblieben waren, mit Speck und Zwiebeln in die Pfanne geschnippelt und wartete nun, bis sie knusprig waren.
Ich ließ meinen Blick über das Grundstück wandern, als ich ihn plötzlich entdeckte: Ein dunkelhaariger Teenager kam mit einer Angel in der einen Hand und einer BONA-Tüte in der anderen den Weg zum Haus herunter. Er sah mich nicht und blieb kurz stehen, um die alte Villa zu betrachten. Dabei entdeckte er mein Prachtstück.
„Guck mal, Vincent!“, rief er. „Da steht ja ein alter Buckelvolvo!“
„Buckelvolvo!“, schnaubte ich. „Das wüsst’ ich aber!“
Ich hielt vergeblich Ausschau nach dem zweiten Jungen, konnte ihn aber nicht entdecken. Für mich sah es so aus, als wäre dieser Junge allein. Er bog ab und ging zum See hinunter. Von dem anderen, der Vincent hieß, fehlte jede Spur.
Ich wendete die Bratkartoffeln, schaltete die Temperatur der Kochplatte runter und ging los. Im Schutz der Büsche und der Dämmerung schlich ich am See herum, um die Jungen zu finden und verscheuchungstechnisch meines Amtes zu walten. Als ich ihn entdeckte, holte er gerade seine Angel ein. Der Haken war leer. Neben ihm saß eine kleine Ratte, die ihn aufmerksam beobachtete.
„So, Vincent. Einen Wurm haben wir noch. Wenn wir damit keinen Fisch fangen …“
Er warf die Angel wieder aus. Beide beobachteten den Schwimmer. Das wäre der ideale Zeitpunkt gewesen, um sie aufzuschrecken. Und alles wäre anders gekommen, wäre ich von dem Anblick dieses sonderbaren Paares nicht so berührt gewesen. Ich blieb in meinem Versteck und beobachtete sie weiter. Dann ging ein Rucken durch die Rute.
„Vincent! Wir haben was zu essen!“, rief er und rollte langsam die Schnur ein.
Der Fisch war groß, kämpfte im flacher werdenden Wasser gegen den Zug der Angelschnur und wehrte sich verbissen. Aber der Junge riss mit einem Schwung die Angel nach hinten, und der Fisch landete unsanft im Gras.
„Mensch, ist der groß!“, sagte er, und auch die Ratte kam neugierig näher. Dann fing er an, vorsichtig den Haken aus dem Maul des Fisches zu ziehen. Der wehrte sich.
„Nun hör doch auf zu zappeln!“
Das tat der Fisch nicht.
„Wenn du so zappelst, tut es nur noch mehr weh!“
Trotzdem schaffte er es. Mit dem Haken in der Hand sah er auf den großen Fisch und schüttelte den Kopf.
„Ich muss dir was sagen, Vincent. Früher hat mein Vater immer die Fische totgemacht. Mir taten die immer leid. Ich meine, das ist auch
ein Leben, nur dass so ein Fisch eben nicht niedlich ist wie ein Felltier oder so …“
Der Fisch lag zappelnd im Gras. Er schlug heftig mit der Schwanzflosse, als wollte er sich auf eigene Faust und mit reiner Muskelkraft ins Wasser zurückbewegen. Beide sahen ihn hungrig an.
„Tut mir leid, ich kann das nicht“, sagte der Junge und warf ihn zurück ins Wasser, wo er sofort verschwand.
„Wir trinken noch Wasser vom See, und morgen sehen wir weiter. Wir werden was zu essen bekommen. Das verspreche ich dir.“
Dann packte er zusammen. Es war dunkel geworden, und es geschah das, was mir jedes Mal auffällt, wenn ich nichts sehen kann:
Die anderen Sinne laufen zu ihrer Hochform auf. Jetzt konnte ich die Bratkartoffeln bis hier riechen. Dem Jungen schien es genauso zu gehen.
„Riechst du das auch, Vincent?“, fragte er und tappte durch die Dunkelheit. Dann stolperte er über irgendetwas.
„So duster, wie das ist, brechen wir uns noch alle Gräten!“, murmelte er und schaltete seine Taschenlampe an. Der Lichtkegel fiel direkt auf mich und er schrie entsetzt: „Äh! Nein! Hilfe!“
Dabei taumelte er zurück.
„Komisch!“, sagte ich. „Vorhin war ich noch hübsch.“
Er starrte mich an. Seine Ratte war nicht zu sehen.
„Wolltest du angeln?“, fragte ich ihn.
„J … ja.“
„Die Fische beißen heute nicht. Kann sein, dass das an dem Seminar liegt, das am Wochenende hier abgehalten wurde.“
„Seminar?“
„Ja.“
Ohne weiter darüber nachzudenken, tat ich genau das Gegenteil von dem, was Graf von mir erwartete. Ich fragte: „Hast du Lust auf Bratkartoffeln?“
„Oh! Und wie. Aber haben Sie denn welche übrig?“
„Klar! Übrigens: Ich bin Kira. Und wie heißt du?“
„Äh – ich?“
Er sah ratlos auf die Plastiktüte, auf der er gesessen hatte. BONA stand da drauf. Er sagte:
„BONA. Ich heiße BONA.“
Glatte Lüge! Aber wenn er Björn oder Karl gesagt hätte, wäre es vielleicht genauso gelogen gewesen.
„Hm. BONA? Das ist wirklich ein ungewöhnlicher Name. Aber mir gefällt er.“
„Kira gefällt mir auch“, sagte er.
„Danke.“
Ich wandte mich zum Gehen. Er ging mit.
„Wohnst du hier?“
„Ja. Im Sommer jedenfalls. Ich halte das hier für Graf in Schuss, bis er sich überlegt hat, wie das hier mit seinem Haus weitergehen soll.“
„Hier gibt es einen richtigen Grafen?“
„Nein! Das ist nur sein Nachname.“
BONA ließ seinen Blick über das kaputte Haus und das verwilderte Grundstück schweifen.
„Das klappt nicht so gut mit dem In-Schuss-Halten, oder?“
„Ach, weißt du, das ist alles nicht so einfach. Wenn ich Lust habe, habe ich keine Zeit. Und wenn ich Zeit habe, habe ich keine Lust. Ganz schön verflixt ist das …“
„Und was sagt Graf dazu?“
„Er sagt, er könnte es selbst nicht besser machen.“
Wir gingen lachend auf die Veranda.
„Ich hol kurz einen Stuhl raus“, sagte ich.
„Ich kann dir helfen.“
„Ach, lass mal. Setz dich schon mal hin.“
Als ich einen Stuhl herausbrachte, stand er immer noch herum. Ich öffnete das Sideboard und nahm zwei Teller und zwei Gabeln heraus.
„BONA, setz dich bitte endlich hin! Das Rumstehen macht mich ganz wuschig!“
„Auf den Friseurstuhl oder auf den anderen?“
„Nimm ruhig den Friseurstuhl. Der ist bequem.“
„Wofür benutzt du den?“
„Äh – zum Sitzen?“
BONA setzte sich endlich, und ich reichte ihm seinen Teller mit Bratkartoffeln. Er beugte sich vor, um ihn entgegenzunehmen. Das war der Moment, in dem seine Ratte aus seinen Klamotten herausschlüpfte. Sie sprang auf seinen Schoß und schnupperte gierig.
„Oh! Wen haben wir denn da noch Nettes?“, fragte ich, obwohl ich die Antwort schon kannte.
„Das ist Vincent.“
„Einen schönen Guten Abend, Vincent. Auch ein paar Bratkartoffeln?“, fragte ich.
Vincent stürzte sich auf BONAs Teller.
„Vincent, warte, du kriegst einen eigenen.“
Es war zu spät. Vincent war schneller, und BONA bekam einen neuen Teller. Meine Gäste verschlangen die Bratkartoffeln so, als hätten sie seit Ewigkeiten nichts mehr gegessen. Vincents Kopf sah irgendwie merkwürdig aus. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass ihm ein Ohr fehlte.
„Was ist mit Vincents Ohr passiert?“, fragte ich.
„Das hat ihm der Rattenkönig abgebissen.“
„WAS? Das glaub ich nicht.“
„Doch, Kira. Es war ein Rattenkönig. Ich hab’s mit eigenen Augen gesehen.“ Er kratzte den Rest der Bratkartoffeln zusammen und schob sie sich in den Mund. Ich griff zur Pfanne und füllte nach.
„Als ich den Rattenkönig sah, habe ich mich geekelt. Sechs Ratten, deren Schwänze zusammengewachsen sind! Die sind zu meinem Lager gerannt und haben versucht, hinaufzuspringen. Ein Anblick – zum Kotzen.“ Er schüttelte sich bei der Erinnerung. „Die Ratten, die mit dem Kopf zum Lager standen, konnten hochspringen. Das war kein Problem. Aber die Ratten, die mit dem Rücken zum Lager standen, haben es nicht hinbekommen. Die springenden Ratten sind immer wieder von den anderen zurückgerissen worden und fielen fiepend auf sie drauf. Ekelhaft … einfach ekelhaft. Ich habe mit einer dicken Kerze nach ihnen geworfen und sie direkt an der Stelle getroffen, wo die Schwänze zusammengewachsen sind.“
„Und dann?“
„Dann hab ich die Kerze weggeschmissen …“
„Ich meine, was war mit dem Rattenkönig?“
„Der ist abgehauen! Vor ein paar Tagen habe ich ihn dann wieder-gesehen. Da ist er durch das Rohr zum Rückhaltebecken gerannt. Plötzlich blieb er stehen, einer von ihnen bäumte sich auf und fuhr dann auf etwas hinunter, was ich nicht erkennen konnte. Es gab einen Tumult, aber dann rannte er weiter. An der Stelle, wo er gehalten hatte, fand ich Vincent. Er war schwer verletzt, hat geblutet und gezittert. Ich habe ihn mitgenommen und gesund gepflegt.“
„Das war nett von dir.“ Dann fragte ich vorsichtig: „Sag mal, hast du denn keine Eltern?“
„Klar hab ich Eltern! Mein Vater ist auch nett. Aber meine Mutter ist der blanke Horror. Ihretwegen bin ich abgehauen. Zwar habe ich zu Hause durch ihr ewiges Gekeife ein dickes Fell bekommen, aber ich hatte keine Lust, mich obendrein auch noch verprügeln zu lassen.“
„Und kommst du klar allein?“
„Theoretisch ja,“ antwortete er zögernd.
Ich sah ihn lange an und sagte dann das, wofür mich Graf definitiv hassen würde: „Du könntest mir hier und da helfen, wenn du willst. Und im Gegenzug könnte ich für dich und Vincent kochen.“
„Mann. Das wäre toll! Geht das denn?“
„Klar! Wer soll denn was dagegen haben?“, fragte ich locker, kannte aber schon die Antwort: Graf. Um den Gedanken gleich wieder zu verscheuchen, sagte ich: „Du musst dir auch keine Sorgen machen. Die Leute im Ort lästern zwar über mich, aber glaub’ denen kein Wort.“
„Was sagen die denn?“
„Na ja, dass ich bekloppt bin und so.“
„Ach, das!“, sagte er und winkte lässig ab.
Er kam schon am nächsten Vormittag zurück, als ich dabei war, das Unkraut rings um das Auto rauszureißen.
„Guten Morgen, Kira. Da sind wir wieder!“
„Oh! Guten Morgen! Heute machen wir die Terrasse flott, und das Auto wird freigelegt, denn es ist etwas ganz Besonderes“, erklärte ich und riss weiter büschelweise Unkraut aus, das ich achtlos über die Schulter auf einen Haufen warf, der stetig anwuchs.
„Ein alter Buckelvolvo!“, sagte BONA, hockte sich neben mich und machte mit, während Vincent auf das Autodach sprang.
„Ein Wie-bitte-was?“, fragte ich.
„Ein Buckelvolvo!“, wiederholte BONA und riss an einer Brennnessel herum.
„Woher willst du das denn wissen?“
„Erstens sieht man das“, erklärte BONA, während er weiter an der Brennnessel herumzerrte, „und außerdem haben das ein paar Jungs erzählt, die hier am See waren.“
„Was?“ Ich war entsetzt. „Was haben die gemacht?“
„Draufrumgeturnt, sich reingesetzt und so …“
„Waren das etwa Freunde von dir?“
„Nee, keine Freunde. Einfach größere Jungs.“
Ich schüttelte entschlossen den Kopf, packte seine Oberarme, zog ihn ganz dicht an mich heran und sagte: „Das will ich nicht.“
Er sah mich ratlos an. „Was?“
„Ich will nicht, dass irgendwelche Bengel hier auf dem Auto rumhopsen. Auf diesem Auto!“, betonte ich und strich liebevoll über den hellblauen Kotflügel. „Das ist das Auto von Adolf Hitler!“
„Nee! Du verarschst mich doch.“
„Nee, nee! Mein lieber junger Freund: Das ist das Auto, mit dem Adolf Hitler 1936 zur Eröffnung der Olympischen Spiele gefahren ist. Er kam da den Weg runter!“
Ich zeigte auf den Weg, der sich vom Portal zum See herunterschlängelte. „Früher war das mal eine richtige Zufahrt. Er kam hier runter, und ich war – wie jetzt – dabei, das Unkraut aus den Beeten zu reißen. Er stieg aus und grüßte höflich. Wie er so vor mir stand, mit seinem Bärtchen und dem Seitenscheitel, hatte ich ihn natürlich sofort erkannt! Ich bin sofort raus aus dem Beet, habe mich grade hingestellt und zackig den Arm hochgerissen.“
„Aha. Und dann hat er sein Auto hier abgestellt?“
„Nein, das war anders. Er sagte: ‚Schöne junge Frrrau, ich störe nur ungerrrn beim Unkrrrautjäten, aber ich muss drrringend nach Berrrlin, um die Olympischen Spiele zu errröffnen.‘ ‚Da sind Sie hier total falsch!‘, sagte ich ihm rundheraus. Und er meinte: ‚Oh, Mist! Da habe ich mich ja total verrrfrrranst!‘ ‚Bis nach Berlin ist es noch weit. Nun kommen Sie doch erst mal mit rein, Herr Hitler!‘
Er meinte, das wäre furchtbar nett, und folgte mir.
Seine Frau saß die ganze Zeit im Auto und trommelte mit den Fingern auf einer Straßenkarte herum. Als sie sah, dass der Addi und ich ins Haus gingen, ist sie sofort aus dem Auto rausgekommen und wollte mit.“
„Eva Braun?“
„Keine Ahnung. Die Zicke hat sich mir nicht vorgestellt. Dann haben wir erst mal Kaffee getrunken, der ihm aber nicht bekommen ist. Er bekam Bauchkrämpfe und verschwand auf dem Klo. Ich hab sofort einen Apfel gerieben und mit Zwieback auf einem Teller angerichtet.
Als Addi zurückkam, erklärte er, dass er sehr leicht zu Verdauungsstörungen neige, besonders wenn so etwas Großes anstünde wie jetzt die Eröffnung der Olympischen Spiele. Seine Frau wollte das Thema abwürgen und sagte gleich: ‚Ach, Addi, nun lass mal. Das interessiert wirklich niemanden hier!‘ Aber ich sagte, es würde mich sogar ganz brennend interessieren und ich hätte schon einen Apfel gerieben, damit er die Fahrt gut überstehen könnte. Er nahm den Teller, bedankte sich herzlich und fing gleich an zu essen.“
„Und Eva Braun?“
„Die? Die hat nichts davon abgekriegt. Ich fand sie nervig. Sie war ungeduldig, drängelte und wollte am liebsten gleich wieder los. Addi dagegen war nett. Und der Apfel hat ihm ausgezeichnet geschmeckt. Dann hat er mich gebeten, seiner Frau zu erklären, wie ich das mit dem Apfel gemacht habe. Er sagte, genau das würde er in Zukunft immer zum Frühstück essen wollen. – Ich sage dir, BONA, da wäre sie am liebsten ausgerastet, hat sich aber dann doch am Riemen gerissen. Und ich sah eine Möglichkeit, sie zu piesacken, indem ich ihr alles noch einmal ganz in Ruhe zeigte. Wirklich, die war auf 180! Am liebsten hätte sie mir die Reibe kreuz und quer übers Gesicht gezogen, aber das ging nicht, weil der Addi dabei war. Und er konnte sich nicht sattsehen an der Art, wie ich einen Apfel rieb. Er sog den Anblick gierig auf … wie ein trockener Schwamm.“
„Und was passierte dann?“
„Dann sagte Addi zu dieser Frau: ‚Du pflückst mir noch ein paar Äpfel, und ich sprrreche mit meinerrr Rrretterrrin!‘ Das passte ihr gar nicht. ‚Pöh! Retterin?‘, fragte sie schnippisch, und Addi sagte: ‚Meine Bauchkrrrämpfe sind wie weggeblasen.‘
Da drehte sie sich auf dem Absatz um und stakste aus dem Haus. Draußen rupfte sie lieblos an dem Apfelbaum herum. Und Addi hakte meinen Arm bei sich unter, führte mich galant nach draußen und wir plauderten noch eine Weile.“
„Und worüber habt ihr geredet?“
„Unkraut. Welche Sorten es gibt und wo es herkommt. Giersch zum Beispiel haben die Römer eingeschleppt. Wusstest du das?“
„Nein. Und das Auto?“, hakte BONA nach. „Wie kommt das Auto denn nun hierher?“
„Ja. Das war merkwürdig. Nach der Olympiade kamen sie hierher. Sie kamen den Weg runtergerollt und hatten Streit. Als Addi ausstieg, ließ er die Autotür offen. Und ich hörte, wie sie kreischte: ‚Addi! Komm sofort zurück!‘
Er hatte gar nicht darauf reagiert, sondern kam auf mich zu, als hätte er nichts gehört. Ich habe den Arm hochgerissen und zackig gegrüßt. Und er hatte gerade erst den Gruß erwidert, da kam sie angerannt und baute sich wutschnaubend zwischen uns auf.
‚ADDI!‘, schrie sie. ‚Wenn du GLAUBST, ich mache mich noch EINMAL zum DEPPEN, indem ich mir von dieser ZICKE da‘ – sie nickte frech in meine Richtung, musst du dir vorstellen! Zicke! Ich! – ‚erklären lasse, wie man eine REIBE bedient, und du mich dann noch zu allem Überfluss wie einen DORFTROTTEL losschickst, damit ich diese‘ – sie ruderte mit den Händen in der Luft herum, um den richtigen Begriff zu finden – ‚diese BESCHEUERTEN Äpfel für deinen EWIGEN Dünnpfiff pflücke, hast du dich GESCHNITTEN!‘
‚Meine Liebe‘, sagte er freundlich zu dieser Furie von Frau. ‚Ich habe eine neue Idee wegen der Unkrrrautverrrnichtung. Und diese möchte ich gerrrn mit dieserrr sympathischen Fachkrrraft errrörrrterrrn.‘
Sie stampfte mit dem Fuß auf und giftete: ‚Addi! In diesem Moment wirst du mich endgültig los!‘
Sie drehte sich um und zickte davon.
Addi rollte mit den Augen und sagte resigniert: ‚Da sehen Sie mal, wie überaus bezauberrrnd mein Prrrivatleben ist.‘
‚Ist die immer so mies drauf?‘, fragte ich.
‚Hätte ich doch nur meinen Hund als Rrreisegesellschaft mitgenommen!‘, war alles, was er sagte.
Seine Frau war bei dem Auto angekommen, schnappte sich die Reisetasche, knallte die Tür zu und ging unbeirrt weiter.
Addi schnappte hörbar nach Luft.
‚Als ob mein Leben nicht schon strrressig genug wäre! Manchmal kotzt mich das alles so an, glauben Sie mir, schöne Frrrau! Ich könnte manchmal alles mit dieserrr Faust hier‘ – er ballte sie und hielt sie mir vor Anstrengung zitternd unter die Nase – ‚alles ZERRRDEPPERN!‘ Seine Augen waren weit aufgerissen und die Stirn vor Anstrengung in Falten gelegt. Dann sackte er kraftlos in sich zusammen und sah seiner Frau nach. Sie war schon fast vom Grundstück runter, und er folgte ihr.“
„Und seitdem steht das Auto hier?“
„Ja.“
„Eine merkwürdige Geschichte ist das“, sagte BONA.
„Merkwürdig?“, fragte ich. „Nein, mein lieber BONA, nicht merkwürdig. Das war unhöflich! Erst hier ankommen, weißt du, und dann sofort zack und Tschüs. Nur ohne Tschüs. Das passte nicht zu Addi. Zu ihr schon, aber nicht zu ihm.“
„Hm. Vielleicht ist denen irgendwas passiert?“
„Denen? Nee! Das hätte ich mitgekriegt. So riesig ist Grothenhever nun auch wieder nicht.“
BONA sah mich an, wie ich ihm gegenüber vor dem Autowrack hockte.
„Sag mal, Kira, wie alt bist du eigentlich?“
„Hallo? Was soll das denn auf einmal? Frage ich dich so etwas eigentlich auch?“
„Kira, ich will dich nicht ärgern, aber wir haben 1982. Du müsstest jetzt locker über sechzig sein, damit diese Geschichte irgendwie hinhaut.“
„Wie bitte? Sehe ich vielleicht aus wie sechzig?“
BONA wusste nicht, was er sagen sollte.
„Ihr jungen Leute werdet ja wohl immer unverschämter! Ich bin sechsundzwanzig!“ Dann schüttelte ich den Kopf und sagte: „Wenn ich mich nicht irre, haben wir noch jede Menge zu tun mit der …“
„… Unkrrrautverrrnichtung?“
Wir arbeiteten weiter, Vincent sonnte sich, und ich dachte, dass BONA durchaus das Kind sein könnte, das ich nicht gekriegt hatte. Ein Junge wie er – ganz allein und in einem Alter, wo er jede Form von Unterstützung brauchte, um nicht wie ich in der nächsten Untiefe hängen zu bleiben …
In mir reifte der Traum, dass ich ein neues Leben anfangen müsste: mit BONA als meinem eigenen Kind, mit eigenem Geld und möglichst weit weg von diesem verkohlten Ding hier.
April 1982
Lästige Fliegen und BONAs Integration
BONA glaubte, es wäre ein Witz, als ich sagte, am Wochenende käme das philosophische Sechserpack, um am See ein Seminar abzuhalten.
„Nein, nein!“, sagte ich. „Das ist kein Witz. Das ist die verschworene Gemeinschaft von Graf.“ Noch während ich das sagte, beschlich mich das dumpfe Gefühl, BONA könnte mitmachen wollen.
„Und was läuft da so?“, fragte er auch sofort.
„Keine Ahnung. Es dürfen nur ordentliche Mitglieder an diesen Treffen teilnehmen. Ich sorge lediglich für das leibliche Wohl der Philosophen, ansonsten habe ich meine Ruhe. Wenn Graf die Worte ,Liebe Breunde und Früder …‘ spricht, ist das gleichbedeutend mit ‚Tschüs, Kira!‘. Aber das macht nichts.“
„Und nehmen die noch mehr Leute auf?“
Um Himmels willen! Wenn BONA so jung – ich schätzte ihn auf vierzehn – ein Philosoph werden würde, könnte ich nicht mit ihm irgendwo einen Neuanfang wagen, und es würde schwierig werden, für uns als Doppelpack die Kurve zu kriegen. Und um jedes Bestreben, zu dem Sechserpack gehören zu wollen, schon im Keim zu ersticken, sagte ich beiläufig: „Nee. Die sind ja auch schon sechs. Siebenerpacks gibt es nicht. Ist aber auch egal, denn bei König Arthur war die Tafelrunde ja schließlich auch irgendwann voll.“
Die Erwähnung von König Arthurs Tafelrunde war ein glattes Eigentor, denn durch die Gleichsetzung der Philosophen mit den Gralsrittern wurde das alles erst recht spannend. Er blickte in weite Ferne. Und er ahnte wohl auch, dass ich seine Gedanken nicht gut finden würde, denn als ich ihn fragte: „Woran denkst du?“, sagte er nur schnell: „Äh, Kira, nichts! Aber hast du vielleicht eine Badehose?“
„Ich? Nein. Wieso?“
„Ich habe Lust, schwimmen zu gehen.“
Er wollte einem weiteren Gespräch ausweichen, um sich seine aufkeimenden Ambitionen nicht von mir kaputt machen zu lassen.
„Schwimm einfach nackt. Das machen alle hier. Und pass auf, der Steg ist baufällig. Er muss demnächst mal repariert werden.“
„Das mach ich.“
„Nein. Das lass mal lieber die Philosophen machen.“
„Ich meinte, dass ich aufpasse.“
„Ach so.“
Ich räumte auf. Es gab in diesem Jahr so viele Fliegen in der Küche, und irgendwo mussten die ja herkommen. Also räumte ich die Schränke aus und inspizierte alle Lebensmittel. Was schon offen war, kam in verschließbare Vorratsdosen. Rundherum konnte es von mir aus gern ein wenig kuddelmuddelig zugehen, aber die Küche musste ordentlich sein. Ich suchte gründlich, fand aber die Brutstelle der Fliegen nicht. Also stellte ich alles wieder ordentlich in die Schränke. Als ich den Müll hinausbrachte, traten Titus und BONA auf die Veranda. Titus war von den ganzen Philosophen der, den ich am meisten mochte und der auch am meisten auf dem Kasten hatte.
„Hallo, Kira, mein zartes Täubchen!“, sagte Titus.
„Ach, Titus, du Charmeur. Wie ich sehe, habt ihr euch schon miteinander bekannt gemacht?“
„Haben wir. BONA wird mein Assi.“
„Mensch, ihr seid zwei fixe Burschen.“
Titus stellte seinen Malkoffer und sein Bild ab.
Ich legte den Kopf schief und besah es mir.
„Und? Gefällt es dir?“
„An sich schon. Aber, wenn du mal eins in Blau und Grün malst, dann hätte ich das gern.“
„Ach, Kira, ich glaube, da kannst du lange drauf warten. Grüntöne sind nicht so mein Ding, und blau bin ich selbst oft genug.“
Ich lachte, warf die Tüte in die Mülltonne und sagte: „Ich mache jetzt erst mal eine Pause. Und ihr?“
„Prima! Der Meister holt sich ein frisches Bier und bringt ein Sekt-chen für die Dame mit. Und was wünscht mein Assi zu trinken?“
„Ich nehme eine Cola, wenn es geht. Danke.“
Titus prallte zurück.
„Cola? Kommt ja wohl gar nicht in die Tüte! Hier gibt es BRAUSE, Mineralwasser, Tee, Kaffee und so. Cola steht auf dem Index, kommt schließlich aus Amerika“, sagte ich.
„Gut, dann eine Brause, bitte.“
„Wird erledigt“, sagte Titus und schickte sich an, ins Haus zu gehen.
„Lass, das kann ich doch machen!“, sagte ich.
„Nein, mein Sonnenschein, du bleibst sitzen. Ich mach das“, sagte er und verschwand.
„Wieso sagt er ‚mein Täubchen‘ und ‚mein Sonnenschein‘ zu dir?“, fragte BONA.
„Er ist unglaublich charmant zu Frauen, interessiert sich aber gleichzeitig nicht sonderlich für sie, wenn du verstehst, was ich meine.“
„Nee.“
„Er ist schwul.“
„Ach so!“
Dann kam Titus wieder raus und verteilte die Getränke.
„Was für ein Service!“, lobte ich ihn.
„Apropos Service: Morgen reparieren wir den Steg. Ben, Carlos und Schorschi kommen auch.“
Wir saßen zusammen auf der Veranda, aber ich konnte den Gesprächen nicht mehr folgen. Wenn die Philosophen morgen den Steg reparieren wollten, würde Graf dabei sein wollen. Und er hatte leider absolut keinen Bock auf BONA, weil er ihn schon allein aufgrund meiner Erwähnungen für einen Schnorrer hielt. Ich drückte mir mein Glas an die Stirn und hoffte, dass die Kühle meinen Denkprozess beschleunigen würde. Graf gegenüber hatte ich erwähnt, dass BONA mir hier helfen würde. Graf hatte geantwortet, dass das genauso nett wie unnötig wäre, denn er wäre ja auch noch da und die fünf Philosophen. Und nun? Wenn Graf BONA vom Grundstück verjagte, würde mein Mutter-Kind-Traum zerplatzen wie eine Seifenblase. Ich trank den Sekt aus, um meinen Kreislauf zu stimulieren. Durchblutung soll ja gut sein.
Ich hielt mein leeres Glas hoch.
„Titus? Ich hätte gern noch einen Sekt.“
„Klar, wird erledigt.“
Titus und BONA gingen irgendwann. Ich saß noch auf der Veranda, als Graf zu mir kam, und ich hatte immer noch keinen Schimmer, wie ich in puncto BONA weiter vorgehen sollte. Graf ließ sich auf den Friseurstuhl fallen, legte die Füße auf die Fußraste und fragte mich lässig: „Na, Schnuckel? Wie sieht’s aus?“
„Bestens.“
Ich holte eine Flasche Rotwein und stellte sie neben ihm auf das Sideboard. Er nahm zwei Gläser heraus und schenkte ein. Als er zum zweiten Glas kam, schüttelte ich den Kopf.
„Nein danke. Ich hatte vorhin schon Sekt. Titus war hier.“
„Aha. Und sonst noch wer?“
„Nur Titus und BONA.“
„War ja klar“, sagte Graf.
Damit waren wir schneller bei dem Thema, als mir lieb war.
„Lass das. Okay?“, war alles, was ich sagte.
„Ich werde doch wohl noch fragen dürfen, wer hier auf meinem Grundstück abhängt und sich meine Vorräte reinzieht. Oder etwa nicht?“
„Ich meine nicht deine Frage, sondern dieses ‚war ja klar‘! Bist du etwa eifersüchtig?“
„Ich?“, fragte er, drehte unschuldig die Handflächen nach oben und lachte freudlos. „Ich und eifersüchtig?“
„Ja. Und ich will wissen, auf wen. Auf einen schwulen Maler? Oder einen obdachlosen Teenager? Friedhelm, beides ist absurd!“
„Ich bin nicht eifersüchtig!“, fauchte er. „Ich weiß nur nicht, ob dir klar ist, dass wir hier alle von meinem Geld leben. BONA ist einer mehr, der mir hier die Haare vom Kopf frisst.“
„Dein Geld ist der Knackpunkt? Weißt du was? Ich such’ mir endlich wieder Arbeit. Dann kannst du zusehen, wer sich hier um alles kümmert, deine komischen Philosophen begöschert und was weiß ich nicht alles. Und wenn du Angst vor Schnorrern hast, Friedhelm, dann sei der zarte Hinweis erlaubt, dass es deine Philosophen sind, die hier schon seit fast neun Jahren herumhängen! BONA habe ich erst vor Kurzem kennengelernt!“
Eine Fliege kam und landete auf Grafs Glas.
Er scheuchte sie weg.
„Kira, ich hab …“
„Ich such mir Arbeit und damit basta.“
Er sah mich sorgenvoll an, drehte sein Weinglas zwischen den Fingern und fragte, während die Fliege wieder versuchte, auf dem Glas zu landen: „Bist du sicher, dass du inzwischen wieder so gefestigt bist, dass du das schaffst?“
„Ja.“
Die Fliege krabbelte am Rand herum.
Er verscheuchte sie erneut.
„Bist du ganz sicher?“
„Ja. Und nun hör auf! Ich bin seit drei Jahren clean!“
Wir schwiegen eine Weile. Ich betrachtete Graf, wie er auf dem Friseurstuhl saß. Seine Jeans musste dringend in die Wäsche, sein T-Shirt spannte über seinem dicken Bauch, mehr als ich es in Erinnerung hatte, seine Brusthaare gingen in den Vollbart über – ich musste dringend seine Haare schneiden. Er war, wie alles hier, leicht verlottert, und mir wurde warm ums Herz. Ich stand auf und ging zu ihm.
Mit den Händen fuhr ich durch seine Haare, zog seinen Wuschelkopf an meine Brust und küsste ihn.
„Na, du alter Knauser?“, flüsterte ich ihm ins Ohr.
Er trank einen Schluck Wein, stellte das Glas ab und schob seine Hände unter meinen Pullover.
„Ups? Heute kein BH?“, fragte er.
„Das ist doch viel zu teuer!“, sagte ich. „So was können wir uns doch wirklich nicht leisten!“
„Ach, wie schön kann sparen sein …“
Er befummelte meine Sparidee. Ich kraulte seine Haare und die Fliege trödelte tiefer ins Glas hinein.
„Willst du es dir hier ein wenig bequem machen oder lieber drinnen?“, flüsterte ich.
„Hierbleiben …“
Ich kniete mich hin.
„Und wenn uns jemand sieht?“
„Scheißegal …“
„Stimmt“, sagte ich.
Er strich mir die Haare aus dem Gesicht und sah aus dem Augenwinkel, wie die Fliege den Wein erreichte.
DER GESUNDHEITS-BROCKHAUS
Copyright 1951 by Eberhard Brockhaus, Wiesbaden
FLIEGEN, eine Insektengruppe mit zahlreichen Arten. Ihre gesundheitliche Bedeutung liegt darin, dass viele Fliegenarten durch ihre Maden Vertilger von Aas sind, dass sie Lebensmittel verunreinigen und schädigen, dass manche Maden in den menschlichen oder den tierischen Körper eindringen und Krankheiten hervorrufen können, dass die fliegenden Insekten Bakterien verbreiten können (z.B. Ruhrbazillen) und dass die Maden selbst Blutsauger sind. Einige Fliegenarten sind … hm … wobei einige –
Nee. Hier!
… Auch übertragen sie keine Gifte von Leichen, wie man früher glaubte …
Nein. Hier!
… Unappetitlich sind jene Sorten, die ihre Eier auf Fleisch ablegen. In einigen, in unserer Gegend seltenen Fällen, können sich Fliegenmaden im Körper entwickeln, z.B. in Stirn- und Kieferhöhle …
Ach, komm. So’n Quatsch!
… hm, bla, bla … Erreger von Ruhr, Typhus …
nee. HIER:
BEKÄMPFUNG der F.!
… werden vor dem Befall mit F. am einfachsten durch Einbau von blauen Glasfenstern geschützt, da die F. DAS BLAUE LICHT MEIDET! …
JA! Und HIER!
… die beste Bekämpfung besteht heute in der Anwendung von DDT-Mitteln, die als Betäubungsgift die Insekten vernichten. Ein einmaliger Anstrich von Ställen und Räumen REICHT FÜR MEHRERE WOCHEN!
Graf keuchte, hielt meinen Kopf fest in seinen Händen.
Die Fliege schwamm auf dem Rücken im Wein und drehte sich ganz langsam im Kreis. Ich fragte mich, ob die schon tot war.
„Fliegen können echt eklig sein. Weißt du?“
„Ich finde Ratten schlimmer“, sagte er und fischte die Fliege aus seinem Glas.
„Weißt du, noch mal wegen BONA …“
„Kira! Wieso sollst du nicht Besuch haben dürfen? Du bist hier doch nicht in Einzelhaft.“
„Übermorgen werden die Jungs den Steg reparieren.“
„Oh, gut. Kommt BONA auch?“
„Ich glaube schon.“
„Hat er seine Ratte immer dabei?“
„Ja, wieso?“
„Ich hasse Ratten.“
Später fragte er: „Was weißt du eigentlich über BONA?“
„Er ist von zu Hause abgehauen und hat auch eine Höhle und so. Aber Einzelheiten weiß ich nicht.“
„An sich ist es nett von dir, dass du dich um ihn kümmerst. Wir müssen nur aufpassen, dass wir am Ende nicht noch Ärger kriegen, weißt du? Er wird bestimmt gesucht.“
Graf und ich gingen am nächsten Tag einkaufen, denn es gehörte sich so, dass die Männer nach der Arbeit etwas Deftiges zu essen kriegten. Graf sagte, er hätte Lust auf Rindsrouladen. Wir holten alles, was ich dafür brauchte, dann schlenderten wir zurück. Als wir durch das alte Portal kamen, sahen wir BONA auf dem Steg sitzen, von wo aus er den Handlanger machte, während Titus, Carlos, Schorschi und Ben vom Wasser aus den Steg reparierten.
BONA sah uns und winkte unsicher.
Wir gingen zum Steg, und Graf sagte: „Hallo. Schön, dass ich dich auch mal kennenlerne.“
„Ich freue mich auch“, antwortete BONA zaghaft.
„Der Steg sieht schon gut aus! Braucht ihr noch Hilfe?“
BONA riss die Augen auf und sah sich panisch um.
„Mann! Das wäre gut!“, sagte Carlos.
BONA zog die Schultern hoch und schielte zaghaft zu Graf, der sich seine Jacke auszog und sie mir mitgab.
„Was haltet ihr davon, wenn wir in zwei Stunden essen?“, fragte ich. Das fanden alle gut.
„Wo ist denn Vincent?“, wollte ich wissen.
„Der spielt auf der Veranda.“
„Dann werde ich ihn jetzt mal verhätscheln!“
Ich nahm Vincent mit in die Küche und verwöhnte ihn mit Käsewürfeln und Rosinen. Ich wollte, dass er zufrieden und entspannt ist, wenn er Graf kennenlernte. Vincent hockte auf dem Küchentisch, während ich die Rouladen vorbereitete. Ich war hochgradig nervös, schaute immer wieder aus dem Fenster und fragte mich, wie Graf wohl auf Vincent reagieren würde. Vincent sprang vom Tisch und huschte zu Grafs Jacke, an der er herumschnüffelte.
„Süßer, das lass mal lieber bleiben, bis das hier alles geklärt ist“, sagte ich. Dann briet ich die Rouladen an. Als ich so weit mit allem fertig war, sah ich, dass die Männer aus dem Wasser kamen. Also stapelte ich ein paar Handtücher.
„So, Vincent. Nun geht’s um die Wurst. Nun lernst du Graf kennen. Das ist der wichtigste Mann hier. Aber es gibt ein klitzekleines Problemchen: Er hasst Ratten. Also, wenn du ihn doof findest, dann zeig es ihm bitte nicht. Okay? Lächeln!“, sagte ich und nahm ihn hoch. „Und lächeln! Alles hängt allein von dir und deinem Auftritt ab!“
Vincent schnupperte fröhlich.
„Gut. Fröhlich schnuppern geht natürlich auch.“
Dann schnappte ich mir den Stapel Handtücher, setzte Vincent oben drauf und ging total nervös zum Steg.
„Graf, guck mal. Ist der nicht süß?“, fragte ich, schon leicht skizzierend, was ich hören wollte.
„Hm, ja! Obwohl: nein. Nicht süß!“
Er betrachtete die kleine Ratte mit Widerwillen. Vincent schien ihn ebenfalls nicht zu mögen. Beide starrten sich an, und Vincents Fell stellte sich auf.
