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'Darüber darf nur ich selber Witze machen!' meint Valeria Szebinski. So entstand ihr Buch 'Hitzefrei'. Hitzewellen, Klimakterium, Wechseljahre, was immer frau dazu schreibt ist oft genug ein Tabuthema für Betroffene und ihr Umfeld. Die IT-Spezialistin geht in ihrem Debütroman mit unbefangener Offenheit an ein psychologisches Thema, das sie durch Humor und Sensibilität meistert. Ein Muss für jede Frau ab 49. Das ideale Geschenk jeden Mannes an seine Partnerin im passenden Alter.
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Seitenzahl: 127
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Hitze?
Tellerwetter
Anmache?
Auszeit
Hektik oder Romantik?
Hitzekaffeekränzchen?
Schlaftablette im Haus?
Kleinwagencasanova
Duschträume
Hitze und Wellen
Tiefes Wasser
Höhlenbären
Abend im Hotel
Eiszeiten
Die Eiszeit als Wechseljahre
Zukunft?
Wellen und Dauerwellen
Hitze, Kühle, Mikrowelle…
„Klar-Schiff“?
Nimm den goldenen Ring von mir
Geisterbahn
Fremdes Bett?
Steiler Zahn?
Herzbube?
Eine Lrau ist pausenlos Lrau.
Marlies von Ebner-Eschenbach
Eigentlich kam ich mit Sandra immer gut klar. Ihren Männergeschichten lauschte ich stundenlang, lachte mich mit ihr über die Typen schief, fühlte mit ihr, wenn wieder einmal einer gegangen… wenn sie wieder einmal einem den Laufpass gegeben hatte.
Auch bei Björn! Die große Liebe! Ganz-in-Weiß im dritten Monat. Das Kleine „so süß“ und „Familienleben ist doch was ganz anderes als ewige Party“. Überhaupt: „Hausfrau ist angesagt“. Außerdem: Wie man nur so „karrieregeil sein kann wie Evi. Da läuft doch das Leben an einem vorbei.“
Nach einiger Zeit blieb Björn länger bei der Arbeit als seine Arbeitskollegen ihn sahen. Nur weil „sie“ jünger war… „Lars ist noch nicht mal 15. Björn kann doch nicht einfach mit diesem Flittchen…“ Das Flittchen überstanden Sandra und ich lässig. Lars im Hotel Mama spielten wir x-mal durch und Lars wohnte immer noch im Hotel. Er musste Aufgaben übernehmen: Montags brachte er den Mülleimer zur Straße. Und manchmal ein Mädchen mit nach Hause.
Jetzt war alles anders. Sandra hatte die Hitze. Wellen, Wogen, ein ganzer Ozean. Früher konnte sie sich über das Rote Meer nicht genug beklagen. Es habe bei ihr die Ausmaße des Atlantiks angenommen. Plötzlich erschienen die Gezeiten unregelmäßig. Nach Ebbe und Flut ließ sich nicht mehr die Uhr stellen geschweige denn das Kalenderblatt.
Musste frau so wortreich werden? Was zählte denn die biologische Uhr, wenn man ein großes Kind hatte und unbeschwert Single spielen konnte?
Mir klangen Christines Worte aus dem „Bistro Babylon“ im Ohr, wo sich die Donnerstagsgruppe traf. Jetzt erschien Chrissi mit zu schwarz gefärbten Haaren und auffällig strahlenden Augen, für deren Kreise 360° nicht ausreichten. Früher beharrte sie auf ihrer genetisch bedingten Amusikalität, nun flötete sie: „Ach, jetzt ist alles so einfach. Sex ohne Angst. Man darf, wann man will… Hihihi!“. Man merkte sofort, dass sie mit einem genialen Witz rausrücken wollte: „Ich meine natürlich, frau darf, wann sie will…“
Sandra bleckte die Zähne – wir saßen ausnahmsweise mal montags in unserem schnuckeligen Café an der Hauptstraße: „Und mann muss…“ Dann lachten wir alle drei ganz herzlich. Die anderen Gäste blickten irritiert und fürchteten, dass wir nicht nur uns vor Lachen ausschütteten, sondern auch gleich unseren Caffè Latte.
„Caffè Latte?!“ Chrissi erstickte fast… „Wenn ich nur Latte höre, werde ich schon scharf.“
„Und das ganz angstfrei…“
„Wie wäre es mit dem Typ da drüben?“
Aber dieses Gesicht verhieß keinen Knackarsch und mit fünfundfünfzig durftest du wählerisch sein. So alt war Chrissi vor zwei Jahren, eine Generation über uns. Heute zählte sie 42 Lenze, präsentierte sich wie 34 und verwies auf eine Taille wie 17.
Waren das die Zahlen, die Männer anmachten? 42, 34, 17? Setzte Chrissi das ins Internet?
Zurück zu Sandra, zurück zur Hitze. Sandras Klimi-phobie erinnerte mich an Mutti und ihre Kittelschürze, die die Aura eines Präservativs verbreitete. Das Wort „Hitzewellen“ schnappte ich nur zufällig auf. „Klimakterium“ verwendete mein Vater passend zur Basis einer guten Ehe der 60er emotionsfrei – oder umschiffte es ganz.
Mamas Kaffeekränzchen vermochte ich kaum zu überhören. Durch unsere Wohnung zitterte eine Larmoyanz, die sich bei den Dämchen ausbreitete wie eine lokale Epidemie. Mit meinen Freundinnen bevorzugte ich Cafés. Dort konnte jede hören, wie lustig wir waren, wenngleich kein Gast wusste, worum es ging. Ich fürchtete, einige meiner besten Freundinnen auch nicht. Lachen als Selbstzweck. Das klang bitter.
„Aber bitte mit Sahne…“ hechelten wir als wiederkehrenden Witz. Petra begann damit. Petra besaß drei Jungs und einen echten Mann… Notgedrungen verfügte sie Fußballerbilder. So legte sie betont unauffällig neben ihre Tasse ein Fußballersammelbild und blickte Beifall heischend in die Runde: „Aber bitte mit Sahne…“ Ihr wohlgefälliges Summen steckte uns an.
Kichernd zeigte Petra auf Leroy Sané, den Fußballer: „Schaut ihn euch an: Sané, aber völlig kalorienfrei. Das Muskelpaket spielte im Modemekka Manchester. Zweiundzwanzig, das passte uns. Als Petra uns aus der Zeitung mit neckischen Betonungen vorlas, er spiele offensiv, spielten wir lüstern mit den Lippen. Sie flüsterte: „Sané bevorzugt die Außenpositionen“… Wir kringelten uns unhörbar, wie seine Wuschelhaare: Tantra?! Dieser Mann bringt‘s! „Ohne Fettpölsterchen…!“ Wir kreischten. Babylon erbebte. Man hätte uns als Animationskräfte bezahlen können.
Zurück zu Muttis Kaffeekränzchen. Genau gesehen befand sich Mutti damals in meinem Alter. Über welche Themen hechelten sie wohl? Ein räumlich vorgestelltes „über“ produziert ein „darunter“. Auch sie redeten über etwas, über das sie nicht redeten, weil es darunter lag. Können Männer so etwas überhaupt verstehen? Können meine Freundinnen so etwas überhaupt verstehen? Ich bräuchte einen intellektuellen weiblichen Swingerclub, Partnerinnenwechsel beim geistigen Austausch.
„Denken besitzt eine erotische Komponente.“ Mein Mann zitierte angeblich wichtige Philosophen. Bisher spottete ich insgeheim darüber, er wollte von seiner gelinde ausgedrückt Zurückhaltung im ehelichen Bett ablenken. Oder gibt es ihn doch, den geistigen Orgasmus, wenn man sich total versteht? Unter Frauen, versteht sich. Mir fiel bisher keine ein, aber ich swingte auch nicht.
Sprach ich nicht gerade von Petra? Oder noch von Mutti? Ach ja, Muttis Kaffeekränzchen. Ab und zu schaute ich mal rein. Frau hatte ja Erziehung!
„Nein, bist du groß geworden!“
„Eine richtige Dame… hihihi!“
„Und, was manchen die Jungs? Bei dir steh’n sie sicher Schlange…“
„Deinen Friseur musst du mir mal verraten. Der ist ja eine Wucht!“
„Was für eine aparte Kleidung! Natürlich, mit deiner Figur …“
„Ich sag es ja: Figur und Frisur machen die Frau…“
Die letzte Bemerkung dozierte Frau Helmreich, die selbsternannte Philosophin dieses erlauchten Kreises. Manche ihrer Sprüche waren gar nicht so schlecht… Die mit Frisur und Figur zum Beispiel. Ich hatte sie mir immerhin über Jahrzehnte gemerkt.
Jahrzehnte?! Das schreckte mich auf. Jahrzehnte? Bin ich jetzt so alt wie diese Frauen? Nach Zahlen ja, aber als Person? „Man ist so alt, wie man sich fühlt.“ Ein stupides Seniorenbonmot. Aber „frau“ ist so alt, wie sie sich fühlt, klang nicht besser. Allein das Wörtchen „alt“ vergiftete alles.
Kaffeekränzchen! Die Gesichter waren mir entschwunden. Meine visuelle Erinnerung streikte, bis auf die kastanienbraunen Haare von Erika. Eine Wucht! Erst viel, viel später, als sie vermutlich bereits zu ihren grauen Haaren stand, wurde mir klar, dass das kein Naturbraun war. Aber schön war es trotzdem.“
„Damen“ nannte sie meine Mutti. Auch Vati titulierte sie so. Heute gälte das als Beleidigung. Ich müsste mal auf meine Bilderalben zurückgreifen, später, am Nachmittag.
Jetzt wollte ich erst mal in die Stadt.
Gregor ist unmöglich! Keine Frau kann es mit diesem Mann aushalten. Er konfrontierte mich unangekündigt mit meiner Schwiegermutter. Die war das Letzte, was ich brauchte. Er wollte am Wochenende hinfahren.
„Am Wochenende? Du willst die einzige gemeinsame Zeit, die wir haben, mit deiner Mutter zerstören?!“
Auf meine fünfundzwanzig Ausrufezeichen, die ihn warnen konnten, antwortete er mit unterkühlter Computerstimme: „Was ist plötzlich los mit dir? Es ist doch normal, seine Mutter ab und zu mal zu sehen.“
„Deine Mutter?“ keuchte ich: „Ab und zu? Ein Ödipus bist du!“ Meine Stimme beeindruckt mich. Wild wie Wotan.
„Ödipus? Mein Vater lebt noch und ich besuche alle beide gleichzeitig. Schlage praktisch zwei Fliegen mit einer Klappe!“
„Jetzt will der Herr noch witzig sein?!“ schleuderte ich ihm entgegen. Verständnislos schüttelte er den Kopf, den hohlen. Gregor verstand sowieso nie was. Er schüttelte praktisch alle meine Worte aus seinem Kopf. Ich bräuchte etwas Durchschlagendes!
Aus der Küche sah ich ihn im Wohnzimmer stehen. Meine Hand fühlte etwas: meine Kaffeetasse! Ich müsste ihm mehr als nur Worte an den Schädel schleudern. Blitzschnell flog mein gutes Stück hinüber. Mit dem Kaffee. Der Feigling duckte sich. Die Tasse traf statt des Kopfes nur die Schrankwand hinter ihm. Der Kaffee verteilte sich auf die Bücher.
„Sag mal, spinnst du?“ schrie er.
Mich schreit niemand an! Der Teller flog hinterher. Gregor tanzte wie Rumpelstilzchen. Das Geschirr zersplitterte zu seinen Füßen.
„Hast du sie nicht alle?“ brüllte er.
In meinem Haus brüllt niemand! Der nächste Teller zerschellte am Bücherregal. Jetzt ein Messer! Das wär’s! Zwei Schritte zur Küchenzeile, Messer raus und… Die Haustüre knallte. Der Hasenfuß floh!
Feigling! Mit Gregor kannst du nicht reden. Er wird aggressiv oder er flieht. So einen Waschlappen frau braucht nicht!
Wohlige Wärme durchströmte mich. Ein heilsames Tellerwerfen, fast therapeutisch. Nicht, dass ich Therapie bräuchte. Ich bewegte mich voll im normalen Bereich. Aber was für ein geiles befreiendes Gefühl! Ich hatte meine Emotionen gezeigt, mein Innerstes nach außen gedreht, nach außen fliegen lassen! Nach Jahrzehnten der Unterdrückung brach sich die Tiefe meines Herzens den Weg ins Freie. Ich fühlte mich wie ein Vulkan, der ausgedrückt wird. Nein, Vulkane brechen aus, Pickel werden ausgedrückt. Aber so fühlt sich Befreiung an: Wenn der Pickel ausgedrückt wird… Das tut sooo gut! Wenn du dann noch was spritzen siehst – o.k., Pickel, das war damals, das war Pubertät, aber die Erinnerung erwachte.
Existieren in der Seele Pickel und Vulkan gemeinsam? Was lange unterdrückt wird, explodiert! Herrlich! Die Freiheit, Teller zu werfen hätte ich mir schon früher nehmen müssen. Man müsste bei Paarberatungen Tellerwerfen einüben. Mit dem Mann als Zielscheibe. Hihihi! Auch ich kann witzig sein. Witziger als Gregor zumindest.
Gregor! Der Fehlgriff meines Lebens. Ein Mann ohne Rückgrat. Ein Muttersöhnchen.
Ich fühlte mich gut.
Noch besser fühlte ich mich am Abend. Gregor kehrte zurück. Mit einem Blumenstrauß. Einem bunten, großen Blumenstrauß. Was Teller alles bewirken können! Oder das Koffein im Kaffee, der durchs Zimmer spritzte? Die Blumen offenbarten sein schlechtes Gewissen. Er hatte mich so mies behandelt!
„Hier mein Schatz, alle deine Lieblingsfarben…“
Was wollte er mir damit sagen? Vorsichtig versuchte er, mich zu küssen. Ich reagiere allergisch auf Blumen, sie schwächen meine Abwehrkräfte. Naturgemäß landeten wir im Bett. Teller werfen!, so heißt das Rezept. Stimmungsschwankungen, Libidoverlust, alles Quatsch. Ich war nicht in den Klimajahren.
Geh nie zur Mittagszeit einkaufen, schon gar nicht, wenn du bummeln willst. Welcher Teufel ritt mich, es doch zu tun? Der Teufel der Langeweile? Oder der Gott der Unabhängigkeit. Ungeschriebene Gesetze unausgelasteter Familienmütterchen: Weshalb sollte ich mich daran halten? Ich bestimmte selber über mein Leben und musste mich nicht in Schablonen pressen. Wenn ich mittags bummeln gehen will, gehe ich mittags bummeln.
Zuhause brauchte mich niemand. Als Tim zur Welt kam, glaubte ich, eine Mutter bleibe am besten in den Kinderjahren bei ihrem Nachwuchs. Ich habe es nicht bereut. Aber jetzt? Niemand ruft mehr meine unbegrenzte Verfügbarkeit ab. Jetzt passte ein Job mit übersichtlicher Stundenzahl? Nicht des Geldes wegen, nein, aber es gibt so viel Leerlauf - und außerdem, vielleicht träfe ich Kollegen und könnte über neue Themen sprechen.
Zugegeben, das fiel mir etwas spät ein, ich hatte es lange vor mir her geschoben, aber da müsste es doch Möglichkeiten geben.
„Au!“
Welcher Volltrottel…!!! Eine plötzlich geöffnete Autotür stoppte mein Bummeln, riss mich aus Gedanken und Träumen. Welcher Idiot hielt links am Straßenrand und stieg blind aus, voll in mich hinein?
Aussteigen in mich hinein? Aussteigen… Ein paar Millisekunden lang träumte ich. Aber die Wirklichkeit verschaffte sich Gehör. Nein, kein Trottel quetschte sich aus dem Kleinwagen, sondern ein ansehnlicher Mann. Was für ein Mann!
Ein Schnittchen hatte mich gerammt! „…gerammt“? Ein Rammler? Wie witzig! Sollte ich den Rammler detailliert beschreiben? Das klappte sowieso nicht, weil ich bei Bildbeschreibungen immer versagte und die Wirklichkeit nicht mit nüchternen Worten wiedergegeben werden kann. Ihn zierten keine langen Ohren, kein pinkes Schnäuzchen und kein Kuschelfell. Weshalb musste ich bei einem Rammler und Unfallgegner ans Kuscheln denken?
Anders ausgedrückt: Er sah einfach süß aus. Tim behauptete, Männern dürfte man so etwas nicht an den Kopf werfen, das beleidige sie. Aber denken durfte ich es wohl noch. Außerdem musste er nicht Tim gefallen, sondern mir.
Ein kurzer Man-Scan: Etwa in meinem Alter, also Mitte dreißig. Scherz! Naja, wenigstens fühle ich mich so. Ein Mann in der Mitte seines Lebens. Als er sich völlig aus seiner Konservendose gewunden hatte, zeigte er zwar nicht seinen überragenden IQ, ließ aber seinen Knackarsch sehen. Hallo Männerbeauftragte! So etwas darf man doch nicht aussprechen! Hihi, aber denken darf es frau doch. Er brauchte eindeutig keine Markenklamotten um sich zu präsentieren, zeigte sich aber lässig gekleidet und gepflegt. Gerne hätte ich noch seine Hände studiert, die Nägel und so… das verrät viel über Männer, aber zu so viel Scan reichte es noch nicht. Im Stillen nannte ich ihn John. Eine Filmfigur, das passte.
War ich eigentlich wütend, ärgerlich, aufgebracht über dieses unmögliche Verhalten?
„Können Sie nicht in den Spiegel schauen?“ knirschte mein Mund, mein Denken überholend. Zynisch dachte ich: Das machst du nur, um dich zu bewundern. Ich kenne euch narzisstischen Dreitagebarttypen! Ich war im Recht und genoss es, in die Vollen gehen zu können.
„Voll die falsche Fahrbahnseite! Dafür gibt es Verkehrsregeln! Genau wegen solchen Rowdies!“ Diesen Knackarsch als Rowdy zu bezeichnen, ging ein bisschen weit.
„John“ blieb keine Zeit, sich auf mich einzustellen. Nicht gegen mein rasches Mundwerk! Parallel könnte ich ihn kuschselig knutschen, aber jetzt war Kampf angesagt, den ich bereits gewonnen hatte. „Führerschein von dem Oma gesponsert und dann Formel-1-Imitator spielen!“ Hah! Geile Formulierung.
„John“ richtete sich auf – mühsam aus der Hocke; er entfaltete sich quasi wie eine zusammengelegte Serviette, schaute mich verdattert an und begriff noch nicht, was um ihn herum vorging. Menschenmassen drängten herbei und zückten ihre Handys, um das Geschehen ins world-wide-web zu schicken. Nein, hier kämpften nur wir beide. Keine Szene für Gaffer.
„Tut mir leid!“ stammelte er. Er checkte noch nichts. In seinen Augen erschien ich wie eine Sternschnuppe, vom Himmel gefallen. Ein nettes Bild. Ich als Sternschnuppe… „Shooting Star“ nannte eine süße Jugendband in Tims Jugendzentrum ihren Sternschnuppenpunkrock.
Ich war die Sternschnuppe, er der harte Boden, auf den ich prallte.
„Tut mir leid! Ich hatte es eilig. Da hab‘ ich wohl nicht aufgepasst… Echt sorry!“ Auf „echt sorry“ reagiere ich aggressiv. Aber diese Hundeaugen!
„Jaja, Eile mit Weile, hat schon meine Urgroßmutter gesagt. Hat Ihnen das Ihre Mama nicht beigebracht?“ Was sagte ich da? Das klang voll nach Mama. Ich machte mich alt. Nein! Jetzt kam ich schon wie meine eigene Oma daher.
Über Johns Gesicht breitete sich ein Grinsen aus. Strahlend wie die aufgehende Sonne über dem Indischen Ozean: „Eile mit Weile! Kenne ich. Und statt nur schnell was zu erledigen, bleibe ich hier stehen wie ein Uhrzeiger, wenn die Batterie leer ist.“
Ich starrte ihn an: „Welchen Lyriker spuckte denn hier seine Kutsche aus. ‚Batterie leer‘, das klingt…“
„Entschuldigung! Ich meine nur, jetzt hab ich auch keine Zeit gespart und fürchte, ich muss eine Wiedergutmachung leisten.“
„Wiedergutmachung? Die Zeit lässt sich nicht zurück drehen und der Schmerz und der Schreck…“
ER lächelte. Wieso „ER“, wieso nicht einfach „er“? Welchen Schabernack spielte mir mein Unterbewusstsein? Er lächelte also. Auf die Reaktion war ich gespannt: „Tut mir leid, ich meine nicht, ich fürchte, sondern ich hoffe: Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen? Grad da drüben in der Bäckerei?“
Was war denn das für eine Anmache?! Oder meinte er es ernst? Steffie, das lotest du jetzt einfach aus! Oder träumte ich und er hatte es nicht wirklich gesagt? Manchmal lassen sich Wunsch und Wirklichkeit kaum auseinander halten.
