Hochschulbaby - Ingo Stephan - E-Book

Hochschulbaby E-Book

Ingo Stephan

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Beschreibung

Diese Babypuppe wollen alle haben. Die kleinen Mädchen sowieso. Aber auch Mütter, Väter und Großväter, denen es das Herz erwärmt, wenn sie ihren Töchtern und Enkelinnen einen heiß ersehnten Wunsch erfüllen und zum Dank die freudestrahlenden Blicke ihrer kleinen Lieblinge ernten oder sie einfach nur ruhigstellen können. Diese Hysterie erreicht bald die alten Männer im Politbüro, die das Land regieren ... und allmählich drängt die unbefriedigte Nachfrage nach dieser Spielware die kleine ostdeutsche Republik an den Rand des Abgrunds. Dieses "Hochschulbaby" hat es Mitte der 70-er Jahre in der DDR tatsächlich gegeben (s.Anhang). Allerdings ist die Handlung in diesem "teilweise grotesken" Roman frei erfunden. Fast frei. Denn Atmosphäre, menschliche Verhaltensmuster und typische, den Alltag in der DDR prägende Situationen sind authentisch dargestellt, sprachlich eindringlich, nichts beschönigend, witzig-augenzwinkernd und ohne jede Bitterkeit.

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Seitenzahl: 281

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Hochschulbaby

Die Geschichte eines Spielzeugs, das auszog,

einem kleinen Land das Fürchten zu lehren.

Ein gelegentlich grotesker Roman von Ingo Stephan.

Hier hüpft und springt ein Zwerg

In einer eisigen Januarnacht des Jahres 1976 treibt ein kleiner dicker DDR-Bürger ruhelos durch die Erfurter Innenstadt. Nur selten gibt die Dunkelheit den flinken Körper preis im Licht der Straßenlaternen. Mal huscht er hier um eine Häuserecke, mal springt er dort über einen grauen Schneehaufen. Nun überquert er mit kurzen Schritten die sich kreuzenden Straßenbahnschienen auf dem Anger, der zentralen Fußgängerzone der Stadt, und schwenkt in die Schlösserstraße ein. Dabei zerrt er immer wieder an seinem schweren Filzmantel, rafft ihn unter dem Kinn zusammen. Die Knöpfe fehlen seit Wochen. Und ohne einen straffen Zug im Stoff würde der frostige Wind noch intensiver auf den Körper treffen. Zappelig wirkt er mit diesem Zerren am Mantel und den kurzen Schritten. Ebenso unruhig ist auch sein Geist. Denn unserem kleinen dicken Mann ist endlich jener Einfall gekommen, auf den er seit Monaten gewartet hat, und wenn er ehrlich ist, seit Jahren. Nun muss er schnellen Schrittes zu seinem Haus im Schatten der beiden Domplatzkirchen. Dort wartet sein Schreibtisch. Dort warten Papier und Stifte auf ihn, diese Idee festzuhalten. Und er muss eilen, damit er das Bild nicht verliert, damit sich die Formen in seinem Gehirn nicht verflüchtigen und ihm seine derzeit einzige Frau nicht in die Quere kommt – die Partei. Die verfügt erst mit Arbeitsbeginn um 7:30 Uhr über ihn.

Der 55-jährige 1. Sekretär der SED-Grundorganisation des VEB Spielwarenkombinates „Erfi“ aus Erfurt, Anton Schütze, glaubt nämlich immer noch, dass er ein großer Erfinder sei, obwohl er seit Jahren nichts mehr erfunden hat. Schuld daran sind natürlich die Frauen. Das weiß er genau. Die stehen immer im Weg, wenn er kreativ sein will. Ob sie nun aus Fleisch und Blut sind oder in Form dieser verfluchten Partei erscheinen. Andererseits ist er schon auf keine originelle Idee mehr gekommen, als er noch Oberkonstrukteur im Betrieb, also noch nicht Parteisekretär und auch nicht mehr verheiratet war. Die Begebenheit der vergangenen Nacht allerdings hat ihm erneut Recht gegeben. Das stramme Weib im Hotel hat ihm den abgebrochenen Beischlaf übel genommen und Anton zurück in die Nacht geworfen. Natürlich hat sie nicht verstanden, weshalb er den Geschlechtsverkehr nicht bis zum Höhepunkt beibehalten konnte. Wie das so ist bei diesen Geschöpfen, sie können sich nicht damit abfinden, dass es Momente gibt, in denen etwas anderes wichtiger ist als ihre Wünsche.

Ein ideeller Zeugungsakt – wenn der Geist das Fleisch besiegt.

Äußerst wunschvoll dagegen hat es gegen Mitternacht in der Bar des Hotels „Erfurter Hof“ begonnen. Unser Anton sitzt der anziehenden Hochschulpädagogin mittleren Alters gegenüber und hofft darauf, sie bald ausziehen zu dürfen. Beiden ist auch die Lampe im Weg, die tief über dem kleinen Tisch hängt. Da passt nicht viel darunter. Gerade mal zwei Weingläser und eine Flasche, in der der Wein für die Gläser drin ist. Dann vielleicht noch die wenigen Worte der Reue, oder die vielen Worte der Wiedergutmachung, oder die leichten Worte des Lauerns auf eine Gelegenheit wie bei Anton hier. Beide Gesichter sind matt beleuchtet und Schütze blickt in ein sattes Frauenporträt. Dunkle Locken verschleiern die Stirn. Darunter funkeln zwei riesige dunkelbraune Augen. Die Haut der Wangen wirkt spröde-glatt wie die Oberfläche eines angetrockneten Stückes Seife. Und dazu schnalzen zwei geschwungene rote Lippen nach jedem Schluck Wein, als gäbe es nichts Lustvolleres für sie als zu schlecken und zu schlürfen. Unser Anton gibt sich alle Mühe, damit das so bleibt. Zwischen perlenden Worten der Verführung belegt er die Innenfläche ihrer linken Hand mit zarten Küssen. Und als er mit der Zungenspitze dort sanfte Kreise zieht, kann sie nicht anders. Sie stöhnt leise auf. Das mittelgroße Frauengesicht öffnet sich. Die Brauen heben sich. An den braunen Augen weiten sich die zarten, aber festen Falten, als freuten sie sich darüber, dass sie existieren. Dazu heben sich die Lippen, öffnet sich der Mund, leuchten schmale weiße Zähne. Und sie denkt an ihren Mann, bei dem sie auf nichts mehr zu warten braucht. Hier aber wartet eine reizvolle Nacht. Sie bestellt eine Flasche Sekt aufs Zimmer und nimmt Antons Hand.

Oben findet das verliebte Paar tatsächlich bereits beim Eintreten eine Flasche Rotkäppchen im Kühler auf dem Tisch und zwei Gläser dazu. Ihre trockenen Kehlen zwingen die beiden Menschen als erstes, sich auf den Rand des Bettes zu setzen, noch vor dem geplanten Liebesspiel die Sektflasche zu öffnen und die perlende Flüssigkeit zu trinken.

- Ah, das tut gut, sagt sie und küsst Schützes breite Lippen.

- Mir auch, antwortet er. Ich fühle mich, als hätte ich eine Last verloren, ehrlich. Seit Tagen ist mein Kopf nicht mehr so leicht gewesen.

- Dann tun wir alles, das es so bleibt, sagt sie und zieht sich aus.

Auch Schütze krabbelt flink aus seinen Sachen und fällt aufs Bett zurück. Und haste nicht gesehen, sitzt sie auf ihm drauf. Mit einer Geschwindigkeit und Leichtigkeit, die unser Anton bei diesem Weib nicht vermutet hätte. Oben legt sie seinen Kopf zwischen ihre schweren Brüste. Unten …

- Mein lieber kleiner Parteisekretär, stöhnt sie tiefbrüstig. Das ist ja mehr als ich erhofft habe.

- Das sagen sie alle, erwidert Anton, wobei ihm die Stimme bei jedem Rückstoß des Frauenkörpers stockt. Ich bin da wie eine umgekehrte Matroschka.

- Umgekehrt, jubelt die Frau. Wie reizend, aaaah!

Und Anton braucht nicht viel zu tun. Die Hochschulpädagogin macht einfach alles. Sie hebt und schiebt und hebt und schiebt und dreht ihr Becken in alle Richtungen. Da wird dem Anton richtig schwindlig unter den wogenden Brüsten. Die spannen sich wie vollbusige Segel vor seinen Augen und den Wind dazu macht der brausende Leib ... doch, halt! Was sieht er da! Was kommt da aus dem Busenansatz hervorgekrochen? Anton glaubt, er spinnt. Aber sieh doch hin, alter Junge. Eine Puppe kommt da, ein kleine süße Spielzeugpuppe. Wie kommt die da hin? Na klar, die ist da nicht, Anton, die ist in deinem Kopf. In meinem Kopf? Aber sicher, schließ die Augen und – siehst du sie? Anton schließt die Augen. Tatsächlich. Er sieht die Puppe, die kleine süße Spielzeugpuppe, und muss grinsen. Da ist sie endlich, die Idee, auf die er seit Jahren gewartet hat.

Aber da ist noch jemand anderes.

- Was los? meldet sich eine Frauenstimme.

Was? Wie? Anton ist verwirrt.

- Hallo, sagt die Frau. Was ist los mit dir? Ich denke du kommst bald, dabei gehst du gerade.

- Ach du, sagt er und weiß sofort, dass er ein Problem hat.

- Ja, sieh an, ich bin auch noch da. Aber du irgendwie nicht mehr.

- Na ja, zögert Anton. Wie soll ichs sagen, ich meine, ich hab da so eine Idee.

- Eine Idee hast du, stellt sie ernüchtert fest. Ich brauche jetzt keine Idee, mein Lieber, sondern einen Orgasmus.

- Das glaube ich dir, stammelt Anton. Aber wenn ich, ich meine, eine Idee habe, so eine kleine, ich meine, dann ... dann kann ich nich.

- Das muss ja eine tolle Idee sein, wenn du dabei das Ficken vergisst. Oder ist sie gefährlich?

- Nein, sucht Anton Schutz. Aber du darfst nich sauer sein.

Nun ist die Frau erst recht verärgert. Sie hebt sich von Anton runter, setzt sich auf den Bettrand und zündet sich eine Zigarette an.

- Ich wusste eigentlich, sagt sie ernüchtert, dass Parteisekretäre im Bett nur Nieten sind, doch nach dem Anfang heute dachte ich – Klasse, endlich mal ein Mann! Aber jetzt? Was liegt hier vor mir? Das Übliche.

- Also gut, schnauft Anton, weil er das nicht auf sich sitzen lassen will. Ich habe eine Puppenidee.

Sie ringt nach Luft. Und als sie die im Halse spürt, da findet sie auch ein Wort, und eines noch dazu:

- Eine Puppenidee?

- Ja, ich habe die Idee von einer Puppe.

- Einer Puppe, sammelt sie sich und schwankt nun zwischen Weinen und Lachen.

- Ja, freut sich Anton.

- Einfach die Idee einer Puppe, wiederholt sie sich und schüttelt ihre schwarze Mähne.

- Ja, freut sich Anton immer noch.

Sie zieht kräftig am Glimmstängel. Und mit dem Rauch lässt sie folgenden Gedanken frei:

- Du denkst also an eine Puppe, wenn ich mich auf einen Orgasmus freue?

- Du bist ne tolle Frau, freut sich Anton immer noch.

- Aber keine Puppe. Das muss sich eine mal vorstellen. Da fummelt so ein Kerl an einem rum und denkt dabei an ein Spielzeug.

- Das meine ich doch nich, ich konnte nur nichts dagegen tun! Du warst so gut in Arbeit auf mir drauf, da ist mir plötzlich diese Idee gekommen. Und, glaub mir, ich habe lange darauf gewartet, also, auf eine Frau, wie du eine bist. Hast du eigentlich Kinder?

- Mein lieber kleiner Parteisekretär, entrüstet sie sich. Ich habe meine Studenten. Und meine Kunst. Da brauche ich kein Baby.

Sie steht auf und sammelt ihre Sachen vom Fußboden.

- Mir reicht es. Ich habe keine Lust hier zu warten, bis du genug an deiner Idee rumgedacht und sie vielleicht noch aufgemalt hast. Ich brauche jetzt einen Mann. Willst du das übernehmen oder nicht?

Sie blickt zu Anton und hält sich ihre Klamotten vor die Brust. Der arme Kerl aber hockt richtig dick und schlaff auf dem Bett, sodass sie sich jetzt fragen muss, was sie an diesem Birnenkörper so anziehend gefunden hat. Wahrscheinlich hat sie der Alkohol wieder an der Nase herumgeführt. Und Anton selbst kann nicht verstehen, was denn falsch sei an seiner Idee.

- Keine Antwort ist auch ne Antwort. Du kannst verschwinden. Wenn ich vom Duschen wiederkomme, will ich dich nicht mehr sehen.

Sie geht ins Bad. Was bleibt dem Anton übrig? Er ist völlig durcheinander. Endlich ist ihm die großartigste Idee des letzten Jahrzehnts gekommen und jetzt kann er sie nicht zeichnen. Und warum nicht? Weil ihm wieder eine Frau – denkt er ... aber das kennen wir schon. Also, Sachen angezogen und Beine in die Hand genommen und ab nach Hause an den Schreibtisch.

Als die Frau wenig später unbefriedigt aus der Dusche ins Zimmer kommt, sieht sie den Anton tatsächlich nicht mehr. Enttäuscht fällt sie aufs Bett.

Zumindest ist in der Flasche noch Sekt drin.

Jedes Ding hat einen Namen –

sonst weiß einer nicht, wie er es nennen soll.

Das kann der Anton noch nicht. Einfach so aufs Bett fallen, nur weil er will. Hastig ist er durch die Erfurter Straßen gehopst und endlich angekommen. Sofort hat er sich an seinen Schreibtisch gesetzt. Das ist vor drei Stunden gewesen. Jetzt blickt er auf zur alten Pendeluhr, die gerade über seinem Kopf an der Wand hängt. Es ist fünf Uhr früh. Vor ihm liegen 20 oder 30 Skizzenblätter. Auf jedem sieht man grafisch plastisch geschwungene Skizzen einer Spielzeugpuppe. Wie aber soll sie heißen? Jede Puppe hat einen Namen. Das gehört einfach dazu. Die kleinen Mädchen müssen ja wissen, wie sie ihr Spielzeug nennen sollen. Oder, wenn sie in ein Geschäft gehen, wonach sie fragen müssen. Anton hat hin und her überlegt. Ein Baby ist sie, sieht auch so aus. Also, mit dem Wort „Baby“ muss es was sein. Dazu vielleicht ein kleines Andenken an die nette Frau? Schließlich ist ihm die Idee gekommen, als er unter ihr lag. Warum nicht? Eine Hochschulpädagogin ist sie, hat sie gesagt. Für Kunst- und Kulturgeschichte. Eine Hochschullehrerin ... Hochschullehrerin ... Hochschule ... und Baby ... warum nicht ... das Baby mit der Hochschullehrerin ... also Hochschulbaby ... klingt ungewöhnlich ... klingt neu ... nicht schlecht. Und noch ein Gedanke kommt ihm bei diesem Namen. Da hat die Puppe gleich ein intellektuelles Image. Da hat sich ein kluger Kopf sein kluges Köpfchen darüber zerbrochen, womit die Mädchen spielen könnten. Also – Hochschulbaby – das wissenschaftlich marxistisch erarbeitete Spielzeug für die entwicklungsfähige sozialistische Mädchenpersönlichkeit. Das ist es.

Unser Anton lehnt sich zurück. Ihm schmerzen die Augen und er spürt gewaltsame Müdigkeit. Also schiebt er sich weg vom Tisch, hebt sich auf und schleppt sich rüber zum Bett. Da legt er sich drauf, deckt sich zu, zieht die Beine an und ist so erschöpft, dass er sofort einschläft, ohne betrunken zu sein. Das ist selten geworden, dass er einschlafen kann, ohne sich mit Alkohol narkotisiert zu haben.

Die Geburtshelfer waschen sich die Hände.

Wie überrede ich einen Kombinatsdirektor, etwas zu produzieren, für das es im Moment keine Produktionsmöglichkeiten gibt?

Dieses Problem erkennt Anton sofort, als er am Morgen neben seinem Bett steht und durch das Fenster auf den diesig schimmernden Domplatz blickt.

Das Pflaster liegt ohne Schnee. Graue Haufen verdreckten Eises türmen sich an den Rändern zu den Schienen der Straßenbahn. Die Menschen gehen mit eingezogenen Schultern. Die dicken Mäntel, in denen sie sich verstecken, scheinen nicht auszureichen, um sie vor der Kälte zu schützen. Die blauweißen Stadttauben sitzen zu aufgeplusterten Trauben auf den Ästen der kahlen Bäume. Der Himmel darüber scheint wie aus grauer Milch. Der Tag will trüb beginnen. Ein schlechtes Vorzeichen? Anton hört schon die Antwort seines Chefs:

- Mein lieber Schütze, da gibt es zwei Probleme. Erstens brauche ich Argumente, um den Genossen Abend von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass wir dieses Spielzeug produzieren dürfen. Zweitens sehe ich keine Kapazitäten mehr, selbst wenn der Genosse Abend zustimmt. Unsere Möglichkeiten sind erschöpft.

Anton überfliegt nochmals die Skizzenblätter, nimmt sie zur Hand und ist zufrieden. Da ist ihm wirklich was gelungen. Das sieht sein Kennerblick sofort. Die kleinen Mädchen müssen wirklich mehr als verrückt nach dieser Puppe sein. Wie ein Baby sieht sie aus, wie ein kleines frisches munteres Baby. Anton hat die Form sehr gut getroffen. Aber Erich Scheider ist ein genauer Mensch. Der kann zu einem blockierten Beamten werden, wenn es um Zahlen geht. Warten wir ab. Vielleicht kommen Anton die richtigen Worte. Vielleicht kann er Scheider davon überzeugen, dass dieses Hochschulbaby zum größten Wurf in der Geschichte des VEB Spielwarenkombinates „Erfi“ aus Erfurt werden kann ... vielleicht ... und mit einem Schnaps … vielleicht geht ja alles seinen sozialistischen Gang.

Zwei Stunden später sitzt er dem Kombinatsdirektor gegenüber und vor den beiden liegen die Zeichnungen ausgebreitet.

- Hochschulbaby, sagt Scheider unsicher. Das soll ein origineller Name sein?

- Natürlich, erwidert Anton heftig. Den gibt es noch nicht. Und in seiner Kombination aus Kind und Bildungseinrichtung gibt er unserer Puppe so einen intellektuellen Anstrich. Das ist dann nicht nur ein Spielzeug, mit dem die lieben Kleinen spielen können, nein, das ist ein hochpädagogisches Spielobjekt, ganz im Sinne unserer Losung zur allseitigen Entwicklung der sozialistischen Persönlichkeit! Verstehst du?

Bahnhof, denkt Scheider und sagt: - Nee.

- Erich, versucht es Anton erneut. Wenn wir den Genossen in der Planungskommission erklären müssen, weshalb wir gerade diese Puppe produzieren wollen, haben wir damit bereits ein stichhaltiges Argument. Schalt doch mal dein Gehirn ein!

Das kann ich seit Tagen nicht abschalten, denkt Scheider und betrachtet die Skizzen. Er kennt seinen Freund. Er weiß, dass Anton seit Jahren nichts mehr eingefallen ist. Und jetzt so eine Puppe, die wie ein Baby aussieht? Das soll der große Renner werden? Heute weht ein anderer Wind durch die Flure der Politischen Ökonomie des Marxismus/Leninismus in diesem Land. Da gibt es eine Person, die darüber bestimmt, was und wie viel davon produziert wird. Das ist der Sekretär für Wirtschaft im Zentralkomitee der Partei, Genosse Günter Abend. Eigentlich dem Erich Scheider wohlgesonnen. Aber der Betriebsleiter des Spielwarenkombinates „Erfi“ aus Erfurt hat im Augenblick ein großes Problem, das ihm das Abschalten seines Gehirns unmöglich macht. Er steht kurz vor seiner Degradierung, wenn er die verhagelten Planerfüllungszahlen des letzten Jahres so nach Berlin weitergibt, wie sie tatsächlich lauten und in der Tiefe seiner Schreibtischschublade lauern. Wenn Scheider das tut, kann er seine Nachfrage wegen eines neuen Spielzeuges gleich vergessen; denn es wird ein Rechtfertigungsverfahren vor der staatlichen Plankommission geben, und nicht nur das. Er wird im betriebseigenen Pkw Wartburg 353 auf der zerklüfteten Autobahn nach Berlin tuckern müssen, wird ängstlich vor den obersten Genossen und Ministern im Politbüro der Partei stehen wie ein Schuljunge vor seinem Rektor, weil er beim Bepinkeln des Karl-Marx-Denkmals auf dem Schulhof erwischt worden ist. Nur kann Scheider nicht die Wahrheit sagen. Der Junge wird zugeben, dass er einfach mal pinkeln musste und dass er mit seinen acht Jahren den Namen dieses Mannes schon mal gehört habe, aber nicht wisse, in welchem Indianerfilm dieser bereits mitgespielt haben soll. Und der Schuldirektor würde erkennen, dass dieses Bepinkeln nichts mit einer klassenfeindlichen Tat als Dokumentation der Einstellung des Jungen zu Karl Marx und dessen gesellschaftspolitischen Lehren zu tun habe. Scheider dagegen wird verschweigen müssen, dass die Rohstoffe knapp geworden sind und für die geplante Produktion einfach nicht ausreichen, dass einige Maschinen zu alt geworden sind für eine hocheffektive Produktion, dass keine Mittel vorhanden sind, um neue zu kaufen, dass es einfach an den geringeren Kapazitäten liegt, weshalb die Planvorgaben nicht zu erreichen sind, und dass im Grunde die Damen und Herren, die die Pläne schmieden, doch einmal einen Besuch in den Werkhallen durchführen müssen, für die sie die Vorgaben erarbeiten, und zwar einen nicht angekündigten Besuch, damit sie sehen, was möglich ist und was eben leider nicht. Solche Wahrheiten jedoch würden die Genossen ganz sicher nicht gelten lassen. Ihre Antwort wäre – nun, Genosse Scheider, wenn dir nichts mehr einfällt, wenn du so unflexibel geworden bist, dass du auf veränderte Situationen nicht mehr angemessen und produktiv reagieren kannst, dann müssen wir uns einen neuen Kombinatsdirektor suchen. So einfach ist das. Und er könnte sich dann auf seine Datsche im Steigerwald zurückziehen und aufs Altenteil warten. Aber das will er noch nicht. Das entspricht natürlich nicht dem Lebensziel des lang aufgeschossenen, schlaksigen Betriebsdirektors, der stolz auf sein volles Haupthaar und seine schlanke Figur ist, beides pflegt mit Tonikum nach jeder Wäsche auf dem Kopf und Waldläufen an jedem Wochenende für den Bauch. Sein Ziel ist ein lukrativer Posten im Wirtschaftsministerium. Er will nach Berlin. Als Sekretär seines Gönners, des Ministers für Wirtschaft und irgendwann als Minister selbst. Allerdings werden ihm die Zahlen des letzten Jahres seine Wunschsuppe kräftig versalzen. Aber, denkt er sich plötzlich, vielleicht gibt es da eine Lösung? Vielleicht sitzt die Lösung seines Problems gerade vor ihm? Wenn einer helfen kann, dann sicher nur der Genosse Parteisekretär. Wer sonst? Doch behutsam muss Scheider vorgehen. Die beiden sind zwar befreundet, allerdings kann eine Freundschaft in der eventuellen Täuschung der obersten Genossen ihr Ende haben.

- Du weißt, sagt Scheider nachsichtig, dass wir nicht allein darüber entscheiden können.

Anton wittert eine erste Nähe in Scheiders Worten und fügt wissend hinzu: - Ich habe darüber nachgedacht. Wir werden diesmal einen andern Weg gehen. Wir werden den Genossen Abend einfach vor vollendete Tatsachen stellen. Was meinst du?

- Das geht nicht, schüttelt Scheider den Kopf. Da kommen wir in Teufels Küche. Wir können nicht produzieren, ohne das mit ihm abgesprochen zu haben. Da geht es um Devisen, um Ressourcen. Wir müssen ihm das vorstellen. Er entscheidet.

- Du hast Recht, fügt Anton sacht hinzu. Aber wir werden zuvor Begehrlichkeiten wecken. Natürlich werden wir mit der Produktion noch nicht beginnen. Aber wir werden mit ein paar Prototypen und Bildern in den Zeitschriften und Artikeln in den Zeitungen bei den jungen Mädchen eine Gier wecken, glaub mir, dass der Genosse Abend gar nicht umhin kann, uns mit der Produktion zu beauftragen.

Scheider überlegt. Er denkt an seine Zahlen, an Antons Position im Kombinat, an Antons Vorschläge und deren Aussichten auf Erfolg, an den Minister und an seine eigene Stellung in diesem Verwirrspiel.

- Wie kommst du eigentlich auf den Namen? will Scheider wissen.

- Na ja, druckst Anton herum. Das is privat, verstehst du?

- Nee, versteh ich nich.

Anton überlegt – soll ich es sagen? Ich kann die Geschichte doch nicht erzählen, wie sie war ... aber … vielleicht hilft es ja, wenn ich es doch tue? Vielleicht bringe ich ihn zum Schmunzeln? – und er sagt:

- Also gut, es war so ...

Während Anton erzählt, sieht Scheider seine Möglichkeit, Kombinatsdirektor zu bleiben, mit interessierten Augen an, tut aber nur so, als höre er zu. Ihm ist plötzlich klar geworden, dass Anton beim Frisieren der Ertragszahlen helfen muss, und zwar freiwillig. Für beide gibt es nur einen Weg. Scheider wird ihm vorschlagen – Baby gegen Planlüge. Das ist einfach. Da wird Anton nichts anderes übrig bleiben. Allerdings erscheint bereits eine weitere Schwierigkeit. Alle Kollegen im Kombinat wissen, wie es um die Produktionszahlen steht. Wie soll er die in Schach halten? Zusätzlich ist da noch dieser Kerl von der Betriebsgewerkschaftsleitung, kurz BGL-er genannt, dieser Manfred Niemann. Ein ganz linker Hund mit zu viel Einfluss. Und absolut linientreu. Der ist ein 150%iger. Schon seit Tagen liegt er Scheider in den Ohren, um die abschließenden Planergebnisse zu erfahren. Er wolle sie mit den Werktätigen in den Brigaden besprechen, wolle erreichte Ziele feiern und Probleme diskutieren ... erreichte Ziele feiern. Scheider wird ganz übel bei diesem Gedanken. Niemann weiß genau, dass es da nichts zu feiern gibt. Wenn diesem Kerl der gesamte Planerfüllungsabgrund bekannt wird, ist Scheider geliefert. Mit Niemann klappt das nämlich nie ... denkt Scheider ... auf der andern Seite ist Schütze, der nun in blumigen und feuchten Worten den Beischlaf schildert, anzusehen, dass dieser Parteisekretär bereit ist, alles zu tun, damit sein Baby laufen lernt. Das wäre also eine Abmachung, ein kleines Geschäft zwischen den beiden, so auf die Art - eine Hand wäscht die andere, dann ginge alles seinen sozialistischen ... denkt Scheider ... aber ich darf nicht sofort ja sagen, ich muss ihn zappeln lassen, bis er selbst anbietet, mir bei einer heiklen Sache zu helfen. Wenn die Sache klappt und Anton es tatsächlich erreicht, dass die Menschen nach dem Baby verlangen, dann muss Schütze auch selbst dem Minister erklären, weshalb das Kombinat mit der Planung eines neuen Spielzeuges begonnen hat, bevor es eine Anfrage beim Sekretär für Wirtschaft im ZK der Partei gegeben habe. Er, Scheider, würde sich raushalten, ist doch klar.

- Ich verstehe dich, sagt Scheider plötzlich warmherzig. So können wir das den Genossen natürlich nicht sagen. Dennoch, ich sehe da noch ein Problem. Stell deine wirklich gute Idee doch einmal ins Verhältnis mit unseren Kapazitäten, Anton, die kennst du doch. Wo soll ich die Puppe produzieren lassen? In welcher Halle? Alles ist verplant. Das neue Sortiment steht. Die Fertigungsstraßen sind eingerichtet. Bezieh bitte unsere Planvorgaben mit in deine Überlegungen ein.

Anton weiß, dass Scheider Recht hat. Aber er weiß auch, dass es eine Möglichkeit gibt.

- Sieh mal, sagt Anton verständnisvoll. Wir bauen doch da diese kleine blöde Puppe in Halle 2. Vergleich die beiden doch mal. Welche, meinst du, sieht wie ein Spielzeug aus?

Scheider nickt, hebt aber gleichzeitig die Schultern und sagt hilflos:

- Mag sein, dass deine Puppe bei den Kleinen besser ankommen wird, aber dieses Modell ist auf der Messe der Meister von Morgen ausgezeichnet worden, vom Genossen Sekretär für Wirtschaft im ZK der Partei persönlich. Deshalb müssen wir die auch produzieren.

- Und weil der Konstrukteur ein Studienfreund seiner Tochter ist, ich weiß, aber, Erich, überleg doch mal ... oder, warte.

Anton setzt sich gerade. Ihm ist etwas eingefallen. Tiefsinnig sagt er:

- Wir haben doch die Halle mit dem ganzen Kram, den keiner kaufen will.

- Sag lieber mit der Überproduktion.

- Oder mit der ganz alten Planerfüllung, so besser?

Scheider nickt. Es existiert tatsächlich eine Halle auf dem Gelände, in der alles gelagert wird, was den Betrieb nicht verlassen kann, da es zwar laut Plan produziert werden musste, aber niemals vom Handel bestellt wurde, da sich die Sachen einfach nicht verkaufen ließen. Planmäßige Ladenhüter. Nur – wohin damit?

- Wir machen da Soli-Ware draus, sagt Anton. Wir schicken das nach Kuba und Vietnam und Angola oder sonst wohin. Überschrift – Solidarität und Völkerfreundschaft. So können wir das verkaufen. Da kriegen wir sicher ein paar LKWs von DEUTRANS, die uns die Sachen abholen und zum Verschiffen nach Rostock kutschieren. Und wir haben eine Produktionshalle.

Scheider überlegt. Das wäre eine Möglichkeit.

- Aber wer soll die ausräumen und für die Produktion herrichten? Ich habe keine Leute.

Anton ist sauer.

- Mensch, schimpft er. Scheider, was ist denn los mit dir? Bist doch sonst nich so pessimistisch. Wir holen uns Studenten. Die machen das im Studentensommer für umsonst! Wir stellen ein paar Kästen Bier und ein paar Bockwürste, sollst mal sehen, wie die arbeiten, und das im Sommer, stell dir mal vor, da sind auch junge Weiber drunter ... alles klar?

Scheider muss zugeben, dass Antons Einfälle den alten Schwung erhalten haben. Auch sieht der Kombinatsdirektor seine Zukunft auf diesem Tisch in einem etwas gesicherten Licht. Und Anton überlegt hin und her, weshalb sein Chef so reserviert ist ... da kommt er plötzlich drauf. Natürlich ist ihm nicht entgangen, dass die Produktion des Kombinates im letzten Jahr wahrscheinlich hinter den Planvorgaben zurückgeblieben ist.

- Hast du die Zahlen vom letzten Jahr, fragt er unvermittelt und tut dabei so, als ob es ihn nur beiläufig interessiere.

Scheider fühlt sich ertappt und will unwissend spielen.

- Was hat das hier zu suchen?

- Aha, stellt Anton fest. Du hast sie. Und, wie sehen sie aus?

Scheider kann nicht anders. Zwar will er stark bleiben, aber er kann seinem Freund nichts vormachen. Ihm schießen vor Planungslast die Tränen in die Augen. Er steht auf, holt eine Flasche Zaraptaner und zwei Gläser aus seiner kleinen Zimmerbar, stellt alles auf den Tisch, schenkt ein und prostet Anton zu. Beide trinken mit einem Nicken aus. Und Anton weiß – wenn sein Freund diesen Schnaps auf den Tisch stellt, dann ist wirklich was am Dampfen. Das ist ein wahres Teufelszeug. 75% hat der. Schwarz gebrannt in Neudietendorf, nicht weit von hier. Scheider kennt den Brenner persönlich. Seit Jahren sind sie dicke Freunde, nicht nur wegen des Schnapses. Öhlie sein Name. Und der kann brennen, wahres Öl ist das. Und zu kaufen gibt es das nicht. Außer in dem Laden auf dem Dorf. Und nur für Freunde.

- So schlimm?, fragt Anton mitleidvoll.

- Ja, erwidert Scheider und schenkt nach. Noch schlimmer. Ich brauche deine Hilfe. Ich bin am Ende.

Anton überlegt. Er sieht seinen Freund vor sich sitzen, zusammengesunken und kurz vor dem persönlichen Bankrott. Auf der anderen Seite – eine Hand wäscht die andere. Das geht dann alles seinen sozialistischen.

- Also gut, sagt er. Ich mach es. Ich helfe dir beim Frisieren, unter der Bedingung, dass mein Hochschulbaby auf die Welt kommt.

Scheider schenkt wieder nach. Wenn ihm nicht das Wasser bis zum Hals stünde.

Und mit festen Worten schiebt Anton seinen Entschluss hinterher:

- Du kümmerst dich um die Zahlen, die ich unterschreibe. Ich kümmere mich um mein Baby, dessen Produktion du unterschreibst.

- Kann ich mich auf dich verlassen?

- Auf mich ja, aber auf den Niemann?

- Der darf das nicht erfahren.

- Niemals.

Beide prosten sich zu. Der Schnaps brennt im Rachen, läuft dann ölig die Kehle runter und vertreibt jedes schlechte Gewissen.

- Mit dieser Puppe, mein Lieber, will Anton noch etwas Nettes sagen, spielen wir Münchhausen und ziehen uns aus dem Dreck.

Scheider betrachtet die Zeichnung nochmals. Nun kann er ohne Zweifel und unvoreingenommen die Skizzen studieren. Und plötzlich gefällt sie ihm, lächelt sie ihm zu wie eine Frühlingssonne. Es ist eine wirklich gelungene, rundum runde und lustige kleine Babypuppe, die Schütze da gemalt hat. Vielleicht hat Anton Recht? Vielleicht hilft diese Puppe dem Kombinat, also ihnen beiden?

Erich streicht sich durch sein volles Haar und stöhnt leise:

- Kann ich mich wirklich auf dich verlassen?

- Sicher, erwidert Anton bestimmt. Wir brauchen aber eine Maschine.

Scheider blickt seinen Freund misstrauisch an, lehnt sich zurück. Will der ihn verkohlen? Eine Maschine brauchen sie immer.

- Und, fragt der Direktor skeptisch. Was für eine Maschine?

Schütze wird lebhaft, rückt nah an den Schreibtisch heran. Vor Erregung trägt er Schweißperlen auf der Stirn. Die wischt er sich mit behaartem Handrücken ab und verhaspelt sich fast mit seinen Worten, so erregt ist er nun in der Aussicht auf seinen Erfolg:

- Ich habe das mal durchkonzipiert. Wir brauchen eine von den Russen, aus Irkutsk, du weißt doch, die haben für uns schon vor Jahren mal eine gebaut.

- Erinner mich bloß nicht daran! Wir haben zwei Jahre darauf gewartet!

- Diesmal nicht. Die Maschine ist ganz einfach, glaub mir.

- Und wie willst du sie bezahlen?

Anton überlegt kurz. Das ist wirklich ein Problem. Und die Skepsis Scheiders wächst im gleichen Maße wie seine linke Augenbraue in die Stirnfalten hinein. Sollte es wirklich möglich sein, mit Anton und seiner Puppe das Ende als Kombinatsdirektor noch zu verschieben?

- Und, fragt er vorsichtig. Wie ist dein Plan?

- Hör zu ... vielleicht können wir das überflüssige Zeug aus der alten Lagerhalle auch anderweitig loswerden, ich meine, wir machen aus der Soli-Ware einfach Naturalfinanzen ...

Beide Köpfe hängen noch lange zusammen und reden.

Am selben Abend denkt der Betriebsleiter des VEB Kombinat Spiel- und Plüschwaren „Erfi“ aus der beschaulichen, etwas heruntergekommenen vorthüringischen Bezirksstadt Erfurt bei der Zusammenstellung und dem Abschluss der Planzahlen für das Jahr 1975 an seinen Frisör. Und der Parteisekretär segnet die Zahlen mit seiner Unterschrift ab und denkt nur noch an seine Puppe.

Die Wiege wird gebaut – nur fehlt da

noch was.

Schütze beginnt fieberhaft an der Reifung seiner Puppe zu werkeln. Die Parteiarbeit hat sein Stellvertreter übernommen – dieses Land ist ja voll davon. Für jeden und alles gibt es einen Stellvertreter und zumeist noch einen Stellvertreter für den Stellvertreter. Denn ein Stellvertreter bedeutet Sicherheit, dass Arbeiten erledigt werden, sollte der Verantwortliche mal nicht können. Und weil der oft nicht kann oder keine Lust hat, braucht dieses Land diese vielen Stellvertreter.

Anton hat Tag für Tag und Nacht für Nacht im Konstruktionsbüro verbracht. Nebenher hat er mit seinem Freund, dem Parteisekretär der Pädagogischen Hochschule Erfurt, eine Unterstützungsbewegung ins Leben gerufen unter der Losung – Studenten in die Produktion! Alle Hände für die Planerfüllung unserer Spielzeugbetriebe! Das ist im Lande üblich. Da werden die Studenten im Sommer zu Arbeiten herangezogen, die eigentlich keiner machen will und weshalb dafür naturgemäß nur wenige Menschen zur Verfügung stehen. Diese Tätigkeiten reichen von Ernteeinsätzen über Sauerkrautstampfen bis hin zu Gräbenausheben mit Spaten und Schaufel für Telefonkabel an den Gleisanlagen der Deutschen Reichsbahn. Harte Arbeit, wenig Lohn, eigentlich kein Lohn, da es ein Stipendium von 200 ostdeutschen Mark monatlich für jeden gibt. Das ist Lohn genug.

Die jungen Frauen und Männer haben das Lagerhaus leer geräumt, in dem sich die geplanten, produzierten, aber nicht verkaufbaren Artikel stapelten. Sie haben die Kisten auf Lastkraftwagen der volkseigenen Gütertransportbetriebe DEUTRANS verladen. Diese haben die Waren nach Rostock zum volkseigenen Überseehafen verbracht, wo sie in die leeren Bäuche riesiger volkseigener Transportschiffe verpackt und über die welteigenen Ozeanwellen nach Kuba und Angola und Vietnam als Zeichen der Solidarität und Völkerfreundschaft verschifft worden sind. Des Weiteren ist aller Dreck und alter Bauschutt auf Lastkraftwagen der Erfurter Müllabfuhr verladen und zur stadtnahen Halde gefahren worden. Dann hat Anton einige Kästen Bier und hundert gute Thüringer Bockwürste ausgegeben, bevor die Halle regenfest gemacht worden ist. Die studentischen Jungarbeiter und Jungarbeiterinnen haben die Löcher in den Wänden mit Beton gestopft, den Boden gereinigt und mit frischem Estrich glatt gemacht, das Dach mit Wellasbestplatten geflickt, alte Isolierwolle darunter gestopft und mit alten Latten und Planken und Brettern und Platten verdichtet, sodass eine ordentliche Isolierung herausgekommen ist. Das alles haben sie in sechs Wochen geschafft. Am Ende hat Anton wieder Bier und Bockwürste spendiert, die jungen Menschen haben eine Diskothek zum Abschluss zelebriert, einige die Gunst der nächtlichen Stunde zum Verlieben genutzt und am nächsten Tag sind sie wieder in den Hörsälen aufgewacht. So hat Anton zumindest eine Fertigungshalle bekommen und ist natürlich auch nicht untätig gewesen. Er hat jene Kraft geschürt, die ein Mensch aufbringen kann, um eine Begehrlichkeit, die in ihm geweckt worden ist, auch zu befriedigen. Da er Scheider zwar zum Freund hat, aber auch weiß, dass diese Freundschaft an jener Grenze endet, die zum einen sozialistische Produktionsweise heißt, zum andern das Innehaben des Stuhles als Kombinatsdirektor bedeutet, hat er die Zeit bis zum Ende des Sommers genutzt und den zweiten Teil seines Planes schneller als vorgesehen in die Tat umgesetzt. Er hat im Büro zwei Prototypen des Babys hergestellt. Von diesen hat er Fotos anfertigen lassen und an Frauenzeitschriften wie GUTER RAT und FÜR SIE, an Kinderzeitschriften wie ATZE, BUMMI und FRÖSI, an die Fernsehzeitung FF-DABEI, an andere Zeitschriften wie DAS MAGAZIN und NBI sowie an Tageszeitungen in der ganzen Republik verschickt, ohne Scheider davon Mitteilung zu machen. Das brauchte Anton auch später nicht zu tun. Das hat ein anderer Mann übernommen. Der Sekretär für Wirtschaft im Zentralkomitee der Staatspartei. Denn der Kombinatsdirektor Genosse Erich Scheider erhielt eines schönen, spätsommerlichen Morgens einen Anruf vom Genossen Günter Abend:

Abend: Genosse Scheider, was ist das wieder für ein Mist?

Scheider: Entschuldige, aber ich versteh nicht ganz ... ?

Abend: Ich habe gerade die FRÖSI meiner Enkelin vor mir liegen und rate mal, was ich da lese?

Scheider: Tut mir leid, aber ich habe noch nicht in die neue Ausgabe hineingesehen. Was steht denn da?

Abend: Dass ihr eine neue Puppe produzieren wollt, ein so genanntes Hochschulbaby. Und das, ohne mich zu fragen?

Scheider: Oh, Genosse Abend, jetzt verstehe ich, ja, wie soll ich antworten, aber ich habe meine Sekretärin schon vor Wochen beauftragt, dich über unsere neuen Pläne zu informieren. Ist bei dir wirklich nichts angekommen?

Abend: Nein, Erich, du kennst mich doch. Ich hätte mich sofort gemeldet.

Scheider: Aber, du kennst mich doch auch, ich meine, ich weiß ja, dass wir ohne dein JA nichts tun können. Das ist mir äußerst peinlich. Ich werde sofort nachforschen, wo hier wieder geschlampt wurde. Natürlich produzieren wir noch nicht. Wir wissen ja gar nicht, ob dafür Ressourcen frei sind. Ich werde die ganze Sache sofort abblasen!

Abend: