Hochzeit im Sonnenwinkel - Patricia Vandenberg - E-Book

Hochzeit im Sonnenwinkel E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Im Sonnenwinkel ist eine Familienroman-Serie, bestehend aus 75 in sich abgeschlossenen Romanen. Schauplätze sind der am Sternsee gelegene Sonnenwinkel und die Felsenburg, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. Wundervolle, Familienromane die die Herzen aller höherschlagen lassen. Wird es ein Glück von Dauer sein? Überall grünte und blühte es, und wieder standen vor einem Haus Möbelwagen. Inge Auerbach kam mit ihrem Töchterchen Bambi von den Allvoerdens, wo heute der siebente Geburtstag der kleinen Bibi gefeiert wurde. Die anderen Kinder waren schon früher abgeholt worden, aber Claudia Allvoerden unterhielt sich gern noch ein wenig mit Inge Auerbach, der nicht mehr ganz jungen, aber doch noch sehr jugendlichen Professorenfrau, für die es keine unlösbaren Probleme zu geben schien, obgleich sie Mutter von vier Kindern war, von denen zwei schon erwachsen waren. Die fast neunzehnjährige Henrike stand vor dem Abitur und auch vor ihrer Hochzeit mit dem jungen Studienrat Dr. Fabian Rückert. Die bildhübsche Henrike war ebenso hilfsbereit und beliebt wie ihre noch immer schöne Mutter. Sie hatte auch heute die Kinderschar betreut und blieb auf Bibis Drängen noch zum Abendessen. Aber Bambi fielen bald die Äuglein zu. Nun, einen Blick in den fast leeren Möbelwagen und auf das Haus konnten sie immer noch riskieren. Sie entdeckten auch sogleich einen etwa vierjährigen Jungen, der mit einem weißen Kätzchen spielte. »Geh doch endlich aus dem Weg, Tim!«, schallte eine herrische Frauenstimme bis auf die Straße. »Die Packer müssen fertig werden. Ja, vielleicht könnten Sie sich jetzt mal ein wenig beeilen!«, mahnte sie den alten Mann, der gerade einen Sessel hereintrug. Bambi sah die Dame für einen Augenblick. Sie war groß, schlank und hatte rötliches Haar. Eigentlich bezeichnete Bambi weibliche Wesen, die so laut und unfreundlich redeten, nicht als Damen, und gegen rötliches oder rotes Haar hatte sie sogar eine Abneigung. Aber da es ein Baron war, der in dieses Haus einzog, musste man die Rotblonde wohl als Dame bezeichnen.

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Seitenzahl: 137

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Im Sonnenwinkel – 8 –Hochzeit im Sonnenwinkel

Wird es ein Glück von Dauer sein?

Patricia Vandenberg

Überall grünte und blühte es, und wieder standen vor einem Haus Möbelwagen.

Inge Auerbach kam mit ihrem Töchterchen Bambi von den Allvoerdens, wo heute der siebente Geburtstag der kleinen Bibi gefeiert wurde. Die anderen Kinder waren schon früher abgeholt worden, aber Claudia Allvoerden unterhielt sich gern noch ein wenig mit Inge Auerbach, der nicht mehr ganz jungen, aber doch noch sehr jugendlichen Professorenfrau, für die es keine unlösbaren Probleme zu geben schien, obgleich sie Mutter von vier Kindern war, von denen zwei schon erwachsen waren.

Die fast neunzehnjährige Henrike stand vor dem Abitur und auch vor ihrer Hochzeit mit dem jungen Studienrat Dr. Fabian Rückert.

Die bildhübsche Henrike war ebenso hilfsbereit und beliebt wie ihre noch immer schöne Mutter. Sie hatte auch heute die Kinderschar betreut und blieb auf Bibis Drängen noch zum Abendessen. Aber Bambi fielen bald die Äuglein zu.

Nun, einen Blick in den fast leeren Möbelwagen und auf das Haus konnten sie immer noch riskieren. Sie entdeckten auch sogleich einen etwa vierjährigen Jungen, der mit einem weißen Kätzchen spielte.

»Geh doch endlich aus dem Weg, Tim!«, schallte eine herrische Frauenstimme bis auf die Straße. »Die Packer müssen fertig werden. Ja, vielleicht könnten Sie sich jetzt mal ein wenig beeilen!«, mahnte sie den alten Mann, der gerade einen Sessel hereintrug.

Bambi sah die Dame für einen Augenblick. Sie war groß, schlank und hatte rötliches Haar. Eigentlich bezeichnete Bambi weibliche Wesen, die so laut und unfreundlich redeten, nicht als Damen, und gegen rötliches oder rotes Haar hatte sie sogar eine Abneigung. Aber da es ein Baron war, der in dieses Haus einzog, musste man die Rotblonde wohl als Dame bezeichnen. Bambi wusste, was sich gehörte.

Von dem kleinen Jungen sah sie nichts mehr. Er war mit seinem Kätzchen ins Haus gegangen.

»Du hättest uns nie angeschnauzt, Mami«, stellte Bambi nachdenklich fest. »Du liest uns bloß manchmal die Leviten, wenn wir was anstellen. Und einen so netten alten Mann würdest du schon gar nicht anbrüllen. Auch Barone scheinen nicht zu wissen, was sich gehört.«

Inge gab keinen Kommentar dazu. Sandra Münster hatte ihr erzählt, dass Baron von Wartenstein nach einer höchst dramatisch verlaufenen Ehe kürzlich geschieden worden sei und weit entfernt von seinem früheren Wohnsitz hier mit seiner Mutter und seinem kleinen Sohn zur Ruhe kommen wolle. Jene Rotblonde sah allerdings nicht wie die Mutter eines fünfunddreißigjährigen Mannes aus.

»Da müssen wir aber sehr auf unsere Hunde aufpassen, wenn es jetzt auch ein Kätzchen hier gibt«, fuhr Bambi in ihren Betrachtungen fort. Aber dann seufzte sie. »Ich bin sehr müde, Mamilein.«

»Das kann ich mir vorstellen«, meinte Inge Auerbach. »Du warst ja auch den ganzen Tag an der frischen Luft.«

»Wenn es doch so gesund ist«, murmelte Bambi. »Omi sagt, dass da die Kinder am besten gedeihen können.«

Und die Omi, Teresa von Roth, nahm ihren kleinen Liebling auch schon in Empfang und brachte Bambi zu Bett.

Inge ging unterdessen in die Küche und bereitete das Abendessen vor. Hannes gesellte sich zu ihr.

»Hast du die feinen Pinkel schon beschnarcht, Mami?«, fragte er sogleich. »Diese rothaarige Zicke?«

»Hannes, du sollst dich gewählter ausdrücken!«, stöhnte sie.

»Wo es angebracht ist«, brummte er. »Das ist vielleicht eine blöde Kuh. Sie wollte uns doch gleich einspannen, die Möbel mit hineinzutragen.«

»Und warum hast du es nicht getan?«, fragte Inge erstaunt, denn sie wusste sehr genau, dass ihr Sohn sonst sehr hilfsbereit war.

»Es kommt immer darauf an, wer es sagt und wie man es sagt«, knurrte er. »Und die hat getan, als wären wir der letzte Dreck.«

Da konnte Inge ihm allerdings nur recht geben, wenn sie es auch nicht aussprach.

*

»Ich verstehe Christian nicht, Mama«, sage Isabel von Wartenstein in anklagendem Ton. »In welche Gegend hat er uns nur verschleppt! Ich werde mich damit nicht abfinden.«

»Du brauchst es nicht, Isabel«, erwiderte die Baronin von Wartenstein sanft. »Du kannst jederzeit in unser Haus zurückkehren. Christian hat so entschieden, und ich bin gern hierhergegangen.«

»Und wer soll Tim erziehen? Etwa du? Der Junge ist derartig aufsässig und verwöhnt und eigenwillig, dass es eine Zumutung für dich wäre.«

»Oh, ich komme sehr gut mit Tim zurecht«, erklärte die Baronin nun schon energischer.

»Und nun soll er unter ungehobelten Bauernjungen aufwachsen, die einem freche Antworten geben!«, ereiferte sich Isabel erneut.

»Jetzt ist es aber genug!«, schnitt die Baronin ihr das Wort ab. »Der Junge hat durchaus höflich erwidert, dass er zum Abendessen pünktlich daheim sein müsse, und du kannst nicht jeden für dich einspannen. Außerdem ließ dein Ton auch einiges zu wünschen übrig.«

»Du bist ungerecht, Mama. Warum wollte ich die Jungen denn einspannen? Doch nur, damit das Haus schnell in Ordnung kommt und Christian es aufgeräumt vorfindet. Ausgerechnet in diesen Tagen hätte er auch nicht nach München zu fahren brauchen.«

»Omi …, bitte, entschuldige, liebe Omi«, wisperte Tim durch die angelehnte Tür, »aber ich habe Hunger und möchte dann auch schlafen.«

»Heute wirst du dich mal gedulden müssen«, herrschte Isabel ihn an. »Es wird Zeit, dass du Benehmen lernst, Tim! Du hast dich nicht einzumischen, wenn Erwachsene sich unterhalten!«

»Ich habe ja nichts zu dir gesagt, sondern zu Omi«, erwiderte er aggressiv.

»Es ist auch wirklich Zeit, dass er sein Essen bekommt und zu Bett geht«, erklärte Frau von Wartenstein energisch. »Komm mit in die Küche, Tim.«

Er atmete erleichtert auf, als Isabel ihnen nicht folgte.

»Wird sie lange bleiben, Omi?«, fragte er beklommen.

Anneliese von Wartenstein seufzte in sich hinein. Isabel war ihre Tochter, wie Christian ihr Sohn war, aber es war viel schwerer mit ihr auszukommen. Sie konnte nicht ganz begreifen, dass Christian ihr den Vorschlag gemacht hatte, mit ihnen nach Erlenried zu kommen. Aber sie entschuldigte es damit, dass er sie entlasten wollte. Nur war Isabel keine Entlastung, sondern eher eine Belastung.

»Sie bleibt also«, äußerte Tim tiefsinnig, während er sich am Tisch niederließ. »Dann darf ich bestimmt nicht hinaus, und hier gibt es doch so viele Kinder.«

»Es wird sich alles finden, Tim«, meinte seine Omi. »Jetzt iss richtig. Ich richte inzwischen dein Bett.«

Sie war eine resolute Frau. Gewiss war es nicht leicht für sie gewesen, sich in die veränderten Verhältnisse zu finden, nachdem sie ihre baltische Heimat und den riesigen Besitz hatte verlassen müssen. Immerhin hatten sie nicht zu hungern brauchen, wie so viele andere, wenn ihr jetziges Leben auch nicht mit dem früheren vergleichbar war.

Christian hatte seinen Weg gemacht. Er war ein erfolgreicher Tiefbauingenieur, und hätte er nicht ausgerechnet die exzentrische Alice geheiratet, wäre alles gut gewesen. Aber Alice in ihrer Unersättlichkeit hatte unmäßig viel Geld für sich verbraucht, für Schmuck und Pelze, später auch beim Roulett und Pferderennen. Sie hatte sich im Glanz eines klangvollen Namens gesonnt, Mann und Kind vernachlässigt, und schließlich war sie mit einem reichen Südamerikaner durchgebrannt.

Allerdings war Christian schon vorher zu der Erkenntnis gelangt, dass seine Ehe nicht zu retten war. Aber er wollte nicht mehr in dem Haus leben, in dem er mit Alice gelebt hatte, und so hatte er dieses in Erlenried gekauft.

»Ich finde es schön hier«, sagte Tim in ihre Gedanken hinein. »Du auch, Omi?«

»Ja, mir gefällt es auch«, erwiderte sie. »Aber nun muss ich wirklich das Bett richten.«

»Hoffentlich lässt sie mich in Ruhe«, brummte Tim. Wenn es nicht unbedingt sein musste, nannte er seine Tante nie mit dem Vornamen. Seine Omi liebte er abgöttisch.

An seine Mutter dachte er nicht mehr. Seiner Ansicht nach hatte sie genauso wenig zu ihnen gehört wie Isabel. Sie hatte auch immer nur an sich gedacht und für ihn nie ein liebes Wort gefunden.

»Weißt du, Pussy, sie wird bestimmt meckern, wenn du bei mir im Zimmer schläfst«, sagte er bekümmert zu seinem Kätzchen. »Aber ich verspreche dir, dass ich ihr die Zähne zeige. Ich lasse mir nicht alles gefallen wie Papi!«

Miau, machte das Kätzchen und rollte sich schnurrend zusammen.

Es kam so, wie er es vorausgesehen hatte. Isabel hielt ihm einen langen Vortrag, dass Tiere nicht mit Menschen in einem Zimmer schlafen sollten. Sie giftete sich, wie Tim es bezeichnete, aber er beharrte auf seinem Willen. Und er fand bei seiner Omi Unterstützung.

»Ein verzogener Bengel ist er!«, ereiferte sich Isabel, als er dann in seinem Bett lag. »Du wirst schon noch sehen, was aus ihm wird, Mama! Er wird genauso wie seine Mutter werden.«

»Auch in unserer Familie gab es immer wieder eigenwillige Sprösslinge«, stellte Frau von Wartenstein diplomatisch fest. »Wir sollten jetzt auch essen und uns dann niederlegen. Morgen geht es schon besser.«

»Eine Hilfe hätte Christian wenigstens besorgen können«, nörgelte Isabel.

»Es kommt morgen eine«, erwiderte ihre Mutter kurz.

*

Sandra Münster hatte Frau Bollmann Bescheid gesagt, dass sie sich am Morgen bei den Wartensteins einfinden solle. Frau Bollmann war vor vier Wochen Witwe geworden, und eigentlich hätte sie es nicht nötig gehabt, etwas zu verdienen, denn sie hatte eine ganz hübsche Rente zu erwarten. Aber sie hielt es nach dem Tod ihres Mannes, mit dem sie über zwanzig Jahre verheiratet gewesen war, in ihrer Wohnung einfach nicht aus.

Ihre einzige Tochter, die früh geheiratet hatte, war mit ihrem Mann nach Kanada ausgewandert. Sie hätte ihre Mutter gern bei sich gehabt, aber Frau Bollmann war das ferne Land unheimlich. Sie wollte in ihrer alten Wohnung bleiben. Also ging sie nun reihum dorthin, wo sie benötigt wurde, um unter Menschen zu kommen. Über zu wenig Arbeit hätte sie sich nicht zu beklagen brauchen. Sie war fleißig und umsichtig und sehr nett dazu.

Allerdings wurde sie nie unfreundlich empfangen, wie es jetzt durch Isabel von Wartenstein der Fall war. Am liebsten hätte sie gleich wieder kehrtgemacht. Aber da sah sie den kleinen Tim, der sie flehend anblickte, und schluckte ihren berechtigten Zorn hinunter.

Auch die Baronin von Wartenstein war sehr ungehalten über ihre Tochter, die Frau Bollmann vorwarf, dass sie ruhig früher hätte kommen können.

»Wenn Frau Münster sagt, neun Uhr, dann komme ich um neun«, erwiderte Frau Bollman. »Wo kann ich jetzt anfangen?«

»Überlass das bitte mir, Isabel«, mischte sich Frau von Wartenstein ein. »Meine Tochter ist etwas überreizt«, entschuldigte sie sich dann.

Etwas ist gut gesagt, dachte Frau Bollman. Aber die ältere Dame glich mit besonderer Freundlichkeit aus, was Isabel wieder einmal angerichtet hatte.

»Sie haben vielleicht Kraft«, sagte Tim, sie bewundernd anblickend. »Sie können die Schränke ganz allein rücken.«

»Wie man es gewohnt ist, Kleiner«, brummte sie. »Du hast aber ein hübsches Kätzchen.«

»Nicht wahr?«, strahlte er. »Pussy ist auch sehr lieb. Mögen Sie Katzen?«

»Alle Tiere«, nickte sie.

»Tim, wirst du wohl sofort herkommen!«, schallte Isabels Stimme aus dem Kinderzimmer.

»Nun passt es ihr schon wieder nicht, dass ich mit Ihnen rede«, seufzte Tim. »Aber wenn ich nicht folge, macht sie Krach.«

Wenn der Mann auch so ist, passen sie nicht hierher, dachte Frau Bollmann, die über die Familienverhältnisse nicht informiert war. Die alte Dame war ja sehr nett und der Bub auch, aber die junge Frau … Na danke, dachte Frau Bollmann weiter, während sie bemüht war, möglichst rasch mit ihrer Arbeit fertig zu werden.

Tim kam zurück. »Tante Isabel will, dass Sie erst das Gästezimmer einräumen«, murmelte er. »Sie hat Migräne und will sich hinlegen.«

Auch das noch, ging es Frau Bollmann durch den Sinn. Aber es beruhigte sie, dass diese rechthaberische Person nicht die Mutter des Kleinen war.

»Na, dann machen wir eben das Fremdenzimmer«, sagte sie gemütlich.

»Und dann haben wir unsere Ruhe«, bemerkte Tim.

*

Christian von Wartenstein, der eben die letzte wichtige Besprechung hinter sich gebracht hatte, war mit seinen Gedanken in Erlenried.

Hoffentlich ist alles gut gegangen, überlegte er. Vielleicht war es doch nicht richtig, dass Isabel mitgefahren war. Aber er hatte sich gesorgt, dass es seiner Mutter zu viel würde, und Isabel hatte ihre Hilfe ausdrücklich angeboten.

Es war nicht vorauszusehen gewesen, dass dieser Termin dazwischenkam, den er unbedingt hatte wahrnehmen müssen. Immerhin konnte er nun wieder zuversichtlicher in die Zukunft schauen. Er war schon fast an sich selbst verzweifelt.

»Frau Hansen steht zu Ihrer Verfügung, Herr von Wartenstein«, sagte der Generaldirektor des Unternehmens. »Sie werden sicher einiges zu diktieren haben.«

Das hatte er, und er wollte es möglichst schnell über die Runden bringen, damit er noch am Abend nach Erlenried fahren konnte.

Martina Hansen war für ihn eines jener lästigen, aber leider unentbehrlichen weiblichen Wesen, die man zu einem Diktat brauchte. Seit seiner missglückten Ehe mied er Frauen geflissentlich. Dass Martina Hansen ein überaus reizendes Mädchen war, nahm er nicht zur Kenntnis. Aber sie war eine so perfekte Sekretärin, dass er später doch nicht umhin konnte, ihr ein Lob zu zollen.

Sie sah ihn mit wunderschönen violetten Augen ganz erstaunt an, denn bisher hatte er kein persönliches Wort mit ihr gewechselt. Ihr war das nur angenehm, denn meistens schenkten ihr die jeweiligen Chefs leider allzu viel Beachtung.

»Es freut mich, dass Sie zufrieden sind«, äußerte sie zurückhaltend. »Bis zur Fertigstellung des Projekts soll ich ja, wie ich hörte, ausschließlich für Sie tätig sein.«

»Ob das realisierbar ist?«, meinte er stirnrunzelnd. »Ich wollte die Pläne zu Hause fertigstellen.«

»Herr Generaldirektor wusste sicher nicht, dass Sie eine Sekretärin haben«, bemerkte sie sachlich.

»Die habe ich allerdings nicht«, erwiderte er irritiert. »Ich werde mit ihm sprechen, wie er es sich vorstellt.«

Hoffentlich verlangt er jetzt nicht, dass ich in München bleibe, ging es ihm durch den Sinn. Was sollte er dann wohl machen? Es wurde ihm augenblicklich ganz heiß.

Doch dem obersten Chef schien seine Mitarbeit so wichtig zu sein, dass er bereit war, ihm alle erdenklichen Zugeständnisse zu machen.

»Es wird sich doch wohl ein Zimmer für Frau Hansen finden lassen«, meinte er. »Bei Dr. Wahl haben wir es doch auch so gehandhabt, dass sie in seiner Nähe untergebracht wurde. Sie hat diese Stellung ja angenommen, weil sie viel herumkommt.«

Also auch ein ruheloses Wesen, dachte Christian von Wartenstein. Aber eine perfektere Kraft konnte man wohl kaum finden. Selbst die verzwicktesten technischen Daten waren für sie kein Problem.

Was aber weder er noch der Generaldirektor wussten, war die Tatsache, dass Frau Hansens gemeinsame Arbeit mit jenem Dr. Wahl nicht ohne Komplikationen verlaufen war und dass sie demzufolge gar nicht erbaut war, ihren Wohnsitz vorübergehend nach Erlenried zu verlegen.

Sie wollte schon widersprechen, aber sie warf ihm doch erst einen langen, forschenden Blick zu. Nun, er sah jedenfalls nicht so aus, als würde er ihr zu nahe treten. Er wirkte eher abweisend. Und so hatte sie keine Einwände.

*

Isabel wird es nicht behagen, wenn ein hübsches Mädchen im Haus ist, dachte er, während er nach Erlenried fuhr. Gleich darauf ärgerte es ihn, dass er Martina Hansen als hübsches Mädchen bezeichnete. Sie war eine Sekretärin und, wie es schien, ein lebendiger Computer. Ein Karrieremädchen wahrscheinlich, das sehr zielbewusst seinen Weg ging.

Gegen zehn Uhr traf er in Erlenried ein.

Er läutete kurz, da er keinen Schlüssel hatte. Gleich darauf stand seine Mutter vor ihm.

»Du bist ja schon da, Christian«, sagte sie erfreut und umarmte ihn. »Willkommen in deinem neuen Heim, mein Junge!«

»In unserem Heim, Mama«, erwiderte er warm. »Wie hübsch alles schon ist! Hast du dich auch nicht übernommen?«

»Oh, die tüchtige Frau Bollmann hat viel geschafft. Isabel fühlt sich nicht wohl. Ihr bekommt die Luftveränderung wahrscheinlich nicht«, fügte sie anzüglich hinzu.

Er seufzte leise. »Ich habe dir wohl zu viel zugemutet.«

»Du hast es gut gemeint«, bemerkte sie nachsichtig.

Doch jetzt schien Isabel ihre Migräne vergessen zu haben. Sie erschien in einem dekorativen Negligé und begrüßte ihren Bruder überschwänglich, um dann jedoch gleich ihre Bedenken und Klagen vorzubringen, dass dies doch wirklich keine Wohngegend für ihn sei.

»Lass Christian doch erst einmal zu sich kommen«, mischte sich Frau von Wartenstein ein. »Er ist bestimmt müde und hungrig.«

»Ich möchte eigentlich zuerst Tim sehen«, murmelte er.

»Er schläft doch«, erklärte Isabel ungehalten.

»Und wenn schon, anschauen werde ich ihn doch dürfen.«

Der Junge war sofort munter, als er an sein Bett trat, und fiel seinem Vater um den Hals.

»Ich habe so an dich gedacht, Papi«, sagte er, »und nun bist du da! Ich freue mich ja so!«

Wie lieb er doch sein konnte. Keine Spur von Aggressivität war zu bemerken.

»Es ist schön hier«, fuhr Tim fort. »Mir gefällt es ja so gut und Omi auch.« Er blickte über seines Vaters Schulter hinweg zur Tür, überzeugte sich, dass Isabel nicht auftauchte, und raunte ihm ins Ohr: »Nur Tante Isabel meckert. Sie soll doch nicht immer hierbleiben, oder?«

Das kann ich ihm ja gar nicht antun, dachte Christian.