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Albine, geboren 1913, ist das fünfte Kind einer Bauernfamilie, die im Sudetenland lebt. Ihr Leben ist geprägt von Arbeit und ihrer Rolle in der Großfamilie. Einer ihrer Brüder stirbt jung, ein anderer fällt im Zweiten Weltkrieg. Die beiden Weltkriege beeinflussen nicht nur die Politik des Landes, sondern auch die persönlichen Einzelschicksale der Familie. Jedes der Familienmitglieder wird mit unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert. Neben den Schicksalsschlägen gibt es aber auch immer wieder Momente des Glücks und das Wissen, dass niemand den Familienzusammenhalt zerstören kann.
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Veröffentlichungsjahr: 2016
LESEPROBE zu Ebook
© 2016 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim
www.rosenheimer.com
Titelbild: © Bundesarchiv, B 145 Bild-F016200-19A (oben) und © Bundesarchiv, Bild 146-1979-084-06 (unten)
Lektorat und Satz: Dr. Helmut Neuberger, Ostermünchen
eISBN 978-3-475-54201-5 (epub)
Worum geht es im Buch?
Etta Engelmann
Hoffnung auf ein Morgen
Familienschicksal im Sudetenland
Albine, geboren 1913, ist das fünfte Kind einer Bauernfamilie, die im Sudetenland lebt. Ihr Leben ist geprägt von Arbeit und ihrer Rolle in der Großfamilie. Einer ihrer Brüder stirbt jung, ein anderer fällt im Zweiten Weltkrieg.
Inhalt
Kindheit
Winterliche Episode
Anna
Geburt und Taufe
Die Jahre 1913/1914
Das ertrunkene Kind
Kriegsjahre und Heimkehr
Die Jahre 1918/19
Resi
Gründonnerstag
Neue Lebensabschnitte
Sommerferien I
Sommerferien II
Schule
Lene
Die Glaser-Großmutter
Oischn
Nikolaustag
Jugend
Musik
Franzensbad
Otto
Pakete nach Prag
Die Oper in Berlin
In Prag
Weihnachten 1932
Erwin
Dr. Hirsch
Im »Reichsgau Sudetenland«
Das Münchner Abkommen
Die Ernährungsberaterin
Der Zweite Weltkrieg
Vaterlandsverteidigung
Jetta
Albine in Berlin
Resis Hochzeit
Lucien
Soldatenpferde
Familie Slapnik
Albines Fuhrgeschäft
Weihnachten 1944
Schuldentilgung
Kriegsende im Egerland
Einmarsch der Amerikaner
Ostern 1945 – weiße Armbinden
Nachkriegszeit
Zwei tote Amerikaner
Die Slapnik-Jungen
Wotan
Fünfzig Kilogramm Gepäck
Hilfe aus der Heinl-Mühle
Albine auf der Reise nach Prag
Der Schreibtisch
Die Ausreise
Epilog
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Kindheit
Winterliche Episode
Der kalte Ostwind hatte den Schnee noch einmal aufgewirbelt und fegte ihn in die Egerebene hinab. Schicht für Schicht der weißen Decke schien so abgetragen zu werden, begleitet von feinen nebligen Schleiern, die die Sicht trübten und den Blick in das weite Tal verhinderten. Selbst die dunklen Braunkohlehalden und das schwarze Band des Flusses verschwammen schemenhaft hinter dem grauen Vorhang. Maria Kulm (Chlum Svaté Marí), der Wallfahrtsort jenseits der Eger auf der Höhe gelegen, mit der sonst weithin grüßenden Kirche, war an diesem Tag noch nicht ein einziges Mal durch das Schneegestöber hindurch sichtbar geworden. An klaren Tagen konnte man gegenüber die Wallfahrtskirche fast auf gleicher Höhe – sozusagen Auge in Auge – sehen. Dazwischen aber, direkt unter der Kirche lag das Egertal mit der mühsamen Kohleförderung und den ärmeren Arbeitersiedlungen um das Abraumgebiet.
Die verstreuten Höfe lagen in diesen kalten Tagen verschlafen, eingeschneit an den Hang geschmiegt. Das geschäftige Treiben, das vom Frühjahr bis weit in den Herbst hinein gewährt hatte, war zum Stillstand gekommen. Lediglich die Schläge vom Holzhacken der Knechte konnten hie und da vernommen werden oder gelegentlich auch am Morgen die Pferdeglocken, wenn die Milch in die nahe Stadt zu den Kunden gefahren wurde. Die Bewohner der Höfe gingen nun Arbeiten innerhalb ihrer Häuser nach.
Gemeinsam mit seinen zwei Knechten saß Hans, der Besitzer des Pappelhofes, im vorderen Teil des Viehstalles. Sie waren damit beschäftigt, aus Stroh Stricke für die Getreideernte zu fertigen. Die Körperwärme der 30 Kühe und vier Pferde ermöglichte den Männern diese Tätigkeit außerhalb der beheizten Wohnräume. So konnten die Knechte auch während des Winters Hausgenossen der Bauernfamilie bleiben, obwohl die Feldarbeit mindestens vier Monate ruhen musste. Die Zeit wurde für Reparaturarbeiten an den landwirtschaftlichen Gerätschaften genutzt. Besen und Körbe stellte man her; auch Stifte für die Holzrechen konnte der geschickte Hans schnitzen und so fehlende oder abgebrochene »Zähne« an Ort und Stelle einsetzen, sodass kein Unterschied zu den Originalstiften zu erkennen war.
Heute hatten sich Erwin, der Achtjährige, und Otto, der Sechsjährige, Söhne des Bauern, kleinlaut ebenfalls im Stall eingefunden. Das Schneegestöber hatte ihnen die Winterfreuden verleidet, sodass sie durchnässt und frierend in die Küche gestürmt waren, wobei sie die Tür so heftig aufgestoßen hatten, dass die Frauen, die dort mit dem Federnschleißen beschäftigt waren, einen schrillen Schrei ausgestoßen hatten, denn sie waren in diesem Moment um ihre Tagesarbeit betrogen. Der durch das rasche Öffnen der Tür verursachte Luftzug und die zusätzlich von draußen durch die von den Kindern offen gelassene Haustür hineinfegende Windböe verwandelten den Raum im selben Augenblick in eine Landschaft, die der außerhalb des Hauses nicht unähnlich war: Die in Holz- und Zinkwannen befindlichen Federn, sortiert nach unbehandelten, bereits geschleißten und Daunen, wirbelten hoch und erfüllten die Küche alsbald bis unter die Decke mit der weißen Pracht, die sich nach einer Weile sachte tänzelnd wieder senkte und Menschen wie Mobiliar oder Fußboden gleichermaßen weiß überzog. Lediglich die nackten Kiele blieben aufgrund ihrer fehlenden Federfahnen in ihren Ablageschüsseln liegen. Jede rasche Bewegung hätte das Chaos nur verschlimmert. Das hatten auch die Jungen instinktiv begriffen, und so verharrten sie, das Schauspiel bestaunend, an der inzwischen von Erwin vorsichtig geschlossenen Tür.
»Da schau, da schneit’s a!«, bemerkte Otto zu seinem Bruder, und der kleine Franz-Josef auf dem Schoß der jungen Mutter versuchte, die Federn zu erhaschen, die ihm da entgegentrieben. Er und seine Schwester Marlene schienen die Einzigen im Raum zu sein, denen der Vorfall ungeteilte Freude bereitete: Auch Lene, wie die Kleine kurz genannt wurde, griff vom Kanapee aus, wo sie bis dahin in ein Bilderbuch vertieft war, nach den heruntertrudelnden Federteilen. Die vier Frauen, die zunächst aufgeregt durcheinandergekreischt hatten, saßen nun wie erstarrt vor ihren Scheffeln und Wannen und warteten, bis alle Federn einen neuen Platz gefunden hatten. Schleißen würde man nun heute nicht mehr können, denn bis zum Einbruch der Dunkelheit hätte man mit dem Sammeln und Sortieren der wertvollen Wärmespender zu tun. Danach aber stand schon wieder die Stallarbeit an. Das Füttern der Tiere würden die Männer übernehmen, aber das Melken war Frauensache.
Erwin und Otto begannen vorsichtig und langsam, ihre nassen Hosen, Jacken und Mützen abzustreifen. Sie wurden auf dem Kachelofen zum Trocknen ausgebreitet, die nassen Strümpfe hingegen legten sie auf die angewärmten Holzscheite in der Röhre. Die Bewegungsabläufe der beiden Jungen erinnerten an Katzen, die sich ihrer Beute schleichend nähern, der Kleinere der beiden immer bestrebt, das Zeitlupentempo des Größeren zu imitieren, was ihm nur sekundenweise gelang. Damit gewann die Situation in dem Raum unvermutet etwas Komisch-Groteskes, da Optik und Akustik nicht recht zusammenpassen wollten. Indes: Körperliche Züchtigung – in dieser Zeit für Unachtsamkeiten solcher Art durchaus üblich – hatten die Buben im Augenblick nicht zu fürchten. Zum einen hätte jede Bewegung die Federn erneut aufwirbeln lassen, zum andern aber war Anna nie bereit, physische Gewalt gegen ihre Kinder anzuwenden; ihr genügte die Stimme, und auch diese erhob sie eher klagend als schimpfend. Die in der Küche ebenfalls anwesende Großmutter (sie war schon seit 13 Jahren verwitwet), gütig und nachsichtig, mochte innerlich vielleicht sogar gelächelt haben. Magd und Nachbarin verlegten sich endlich aufs Lamentieren über die vertane Arbeit des Tages.
Trotz allem – Abwarten, bis alle Federn sich auf Köpfen, Kleidung, Töpfen und Tiegeln niedergelassen hatten, war die Sache der beiden Jungen nicht. Eine kurze, stille Blickverständigung genügte: Die Tür wurde noch einmal einen Spalt geöffnet, und mit einem Griff nach den in Ofennähe aufgewärmten Pantoffeln stahlen sie sich wieder hinaus.
Vom Hausflur aus, von den Bewohnern kurz »Haus« genannt, gelangte man über eine kleine Kammer direkt in den Stall, der sich im Anschluss an den Wohntrakt unter dem gleichen Dach befand. Die Kammer diente außer zum Abstellen der Melkgeräte vor allem auch der Geruchsbindung: Der Stallgeruch erreichte auf diese Weise nie die Wohnräume.
Erwin und Otto erschienen also bei den Männern, wo sie sogleich den Spott der Knechte zu ertragen hatten, als diese die Buben in Unterkleidung und mit der Federzier auf den Köpfen gewahrten.
»Geht’s her und probiert’s lieber ein paar Stricke!«, ermunterte sie der Vater, und nach kurzer Einweisung ging den beiden das Strohstrickdrehen gut von der Hand.
Man benötigte zum Herstellen der Bänder langes Roggenstroh, das mit dem Dreschflegel geschmeidig geschlagen worden war. Daraus wurden dann die Stricke mit ein oder zwei Schlaufen gedreht, damit man sich im kommenden Jahr die für die Erntearbeit erforderlichen Garbenstricke sparen konnte.
Otto bewies beim Eindrehen des Strohs besonderes Geschick, während sein älterer ernsterer Bruder langsamer und bedächtiger als er zu Werke ging. Schließlich aber wuchs das gemeinsame Strickhäufchen ebenso wie das der Erwachsenen, sodass der Mutter nach dem abendlichen Gebet stolz darüber berichtet werden konnte.
»No ja, ist schon recht«, war ihr kurzer Kommentar. Sie beschäftigten andere Gedanken.
Anna
Seit geraumer Weile schon war ihr die Befürchtung, erneut schwanger zu sein, zur Gewissheit geworden. Sie hatte deshalb alle körperlich schweren Arbeiten übernommen, die auf dem Hof zu verrichten waren, in der Hoffnung auf einen natürlichen Abort. Die zentnerschweren Mehlsäcke, die Robert, der Großknecht, von der Mühle geholt hatte, trug sie geschultert in die Mehlkammer im ersten Stock des Wohnhauses. Die zwanzig Liter fassenden Milchkannen hob sie auf den Steirerwagen, um damit dann selbst die Kunden in der Stadt zu versorgen. Auch beim Teigkneten für die vierzig Brote ließ sie sich nicht mehr helfen. Der runde, ein Meter hohe und im Durchmesser 85 Zentimeter messende Backtrog war dabei bis zum Rand mit Hefeteig gefüllt, und der schwere Inhalt musste in gebückter Haltung kräftig mit beiden Armen durchgeknetet werden. Von dieser Kraftanstrengung hatte sie sich besonderen Erfolg versprochen. Inzwischen jedoch, nachdem alle körperlichen Belastungen nicht zur erwünschten Fehlgeburt geführt hatten, war ihr die Hoffnung darauf geschwunden, und schließlich akzeptierte sie eine weitere Geburt, die ihr irgendwann im Sommer ins Haus stand. Ein genauer Termin konnte nicht errechnet werden, da auch ihr Monatszyklus nicht entsprechend beobachtet worden war. Nun, da sich diese Situation ergeben hatte, musste sie eben bewältigt werden. Eine zu dieser Zeit zwar strafbare, aber dennoch in städtischen Kreisen häufig praktizierte Schwangerschaftsunterbrechung wäre für diese religiös geprägte Landbevölkerung nicht infrage gekommen. Anna fügte sich also in ihr Schicksal. Dem genauen Zuhörer allerdings konnte auffallen, dass die Lieder, die Anna früher oft und gerne gesungen hatte, nun manchmal mitten in der Strophe abbrachen, dass sie die fröhlichen ganz vermied und die »tragischen« hochdeutschen »Küchenlieder« wie »Mariechen saß weinend im Garten« nur mehr summte.
Anna Glaser hatte mit achtzehn Jahren den Nachbarn Hans Büchl vom Pappelhof geheiratet. Ihr Elternhaus, der Glaserhof, lag etwa fünfzig Meter entfernt auf einer kleinen Anhöhe. Zu ihm gehörte die einzige im Dorfe befindliche Kapelle, außerdem ein großer Obstgarten, beides Stolz der Familie. Die Höfe verfügten über etwa gleich große Flächen an Feld und Wald, ungefähr fünfzig Hektar, und waren damit die größten Höfe der Ortschaft. Ein Vorfahr ihrer Familien, der im 17. Jahrhundert lebte, hatte zwei Söhne und wollte diese wirtschaftlich gleich ausstatten. Deshalb ließ er neben dem ursprünglichen, dem Glaserhof, einen zweiten, den Pappelhof, errichten. Auch die Felder wurden in Realteilung vererbt. Damit hatten beide Familien fast bei allen ihren Ländereien gemeinsame Grenzen, was verständlicherweise hin und wieder zu Auseinandersetzungen führen musste. Als Bauern besaßen sie große Viehbestände, die während der gesamten warmen Jahreszeit auf den Wiesen gehütet wurden. Knechte und unverheiratete Brüder und Söhne des Hoferben, die für kaum mehr als für Unterkunft und Verpflegung mitarbeiteten, versahen diese Arbeit. Es blieb nicht aus, dass sich vereinzelte Kühe auf das Nachbargrundstück verirrten und womöglich unbemerkt vom Hirten dort weideten. Ähnliche Freiheit nahmen sich die Gänseherden, die oft unbeaufsichtigt auf Nachbars Wiesen grasten.
Durch die Heirat Annas mit dem Erben des Nachbarhofes wurden die verwandtschaftlichen Beziehungen der beiden Höfe und ihrer Bewohner wieder eng wie ehedem. Sie war als drittes Kind ihrer Eltern nicht erbberechtigt an dinglichem Vermögen – der ältere Bruder Max hatte das Anwesen übernommen –, aber die Eltern zahlten jedem scheidenden Kind eine großzügige Mitgift aus und sorgten für eine entsprechende Aussteuer. Anna, ihre ältere Schwester Amalie und die sechs Jahre jüngere Albine verließen den Hof und wurden mit je einer bedeutenden Summe Geldes und einem »Kammerwagen«, gefüllt mit Federbetten, Wäsche, Geschirr und sonstigem Hausrat, in ihr neues Heim entlassen.
Amalie, die einen Polizisten geheiratet hatte, verwendete das Geld für den Kauf eines Hauses in Elbogen. Sie benötigte manches nicht, was man den beiden anderen Töchtern mitgab – wie zum Beispiel Vieh und Ackergerät. Ihr Mann Vinzenz und sie bekamen drei Kinder, Benno, Erwin und Viktoria, die die bäuerlichen Verwandten in Babelsgrün oft und gerne besuchten.
Die Entwicklung eines jeden Kindes in einer Familie gestaltet sich stets sehr individuell, und trotz gleicher Familienverhältnisse und Erziehungsprinzipien empfindet jedes seine eigene Situation recht unterschiedlich im Vergleich zu den Geschwistern. So war es auch bei Glasers. Albine, die Jüngste, konnte sich nur schweren Herzens vom elterlichen Hof und speziell von der Mutter trennen, was ihren beiden Schwestern zuvor leichter gefallen war. Sie bedurfte der mütterlichen Fürsorge auch mehr als die anderen, da sie ein schwächliches Kind war, das oft kränkelte, dazu ein sanftes und stilles Wesen hatte und sich gegen die älteren Geschwister schlecht durchsetzen konnte. Da auch der Altersunterschied zu ihnen größer war als der zwischen den älteren Schwestern, galt die Hauptsorge der Mutter dieser jüngsten Tochter.
»Um dich sorge ich mich nicht, du kannst ja gut arbeiten«, pflegte sie zu Anna zu sagen, »aber halt mein Alwinerl, wie wird sie durchs Leben kommen?«
Albine heiratete einen Fuhrunternehmer aus einem Nachbarort, mit dem sie zwei Kinder bekam.
Anna hatte das Haus schon mit 18 Jahren verlassen. Sie war von schlanker Gestalt, blauäugig und ebenso hoch gewachsen wie ihr Ehemann. Die blonden Haare trug sie zu einem Zopf geflochten, später zum Knoten aufgesteckt. Hans war sie schon als Vierzehnjährige aufgefallen. Wie temperamentvoll sie doch die Polka tanzte oder den Zwiefachen!
»Ja, gestern, da ist der rote Rock geflogen«, tadelte der Lehrer montags dann, wenn Anna müde und unaufmerksam den Rechenoperationen im Unterricht folgen sollte.
Vom Tage ihrer Verehelichung an nahmen die ausgelassenen Vergnügungen nur noch einen geringen Platz im Leben der jungen Frau ein, denn schon bald kündigte sich das erste Kind an. Die »roten Röcke« wichen unempfindlichem Blauzeug. Der kränklichen Schwiegermutter war der große Hausstand auch zu beschwerlich geworden, sodass auf Anna die Hauptlast der Wirtschaftsführung lag. Sie erlaubte sich keinerlei Luxus mehr und lief zum Beispiel ein Dreivierteljahr barfuß, was sie am bequemsten fand.
Den letzten Versuch, die ungewollte Schwangerschaft zu unterbrechen, unternahm die junge Frau im April bei der Aussaat der Kartoffeln, dem »Erdäpfelstecken«. Dabei pflügte der Knecht mit dem von Hand geführten Pflug, dem zwei Pferde vorgespannt waren, eine Furche in die Erde, während eine zweite Person in diese alle 30 Zentimeter eine kleine Saatkartoffel legte. Anna ließ sich diese Arbeit trotz der zusätzlichen Mühen, die der bereits gerundete Leib zwangsläufig auferlegte, nicht nehmen und erschwerte sich die Tätigkeit noch damit, dass sie die Furche zuvor mit Kuhmist auffüllte, den sie sich bereits am Vortag mittels einer Gabel auf den Mistwagen geladen hatte. Normalerweise wurde solch schwere Arbeit von den Männern erledigt, wie auch das »Mistbreiten«, das gleichmäßige Verteilen des Dungs auf dem Feld im Herbst vor dem Pflügen. Die Mistgabeln hatten im Vergleich zu den Heugabeln nur die halbe Zinkenlänge, damit die aufgespießte Last bewältigt werden konnte. Zusammen mit zwei Tagelöhnerinnen, von denen jede einen Furchenabschnitt mit Kartoffeln bestückte, wurde das Feld bepflanzt. Während die Frauen schnell arbeiten mussten – schließlich sollte der Knecht nicht allzu lange warten, bis er das Saatgut zupflügen konnte – legte dieser eine kurze Pause ein, während der er seine Pfeife neu stopfte.
»No, heut geht’s ja wie der Blitz«, meinte Robert anerkennend.
»Pass du lieber auf, dass die Furchen grad werden«, antwortete man ihm und ließ sich nicht aufhalten.
Am Abend, während Anna mit der Schwiegermutter und einer Magd schon wieder beim Melken war, verkündete der Knecht dem Bauern stolz die fertige Arbeit auf dem Kartoffelfeld, und aus seinem Munde klang es so, als hätte er die Arbeit alleine erledigt.
Anna kümmerte sich um derlei bedeutungslose Wichtigtuereien wenig; Rechten, Richtigstellen von Sachverhalten, gar Rechthabereien waren ihre Sache nicht. Für sie zählte Pflichterfüllung, und zwar die ihre, nicht die der anderen. Wenn eine Arbeit anstand, wurde sie eben erledigt. In diesem Falle allerdings hatte sie nur einen Teilerfolg erreicht. Zwar war die Kartoffelaussaat erledigt, aber die ersehnte Fehlgeburt war trotz aller Anstrengung nicht eingetreten. Dies bedeutete für sie, dass im Sommer also ein Kind geboren werden musste, denn größere körperliche Mühen boten die landwirtschaftlichen Tätigkeitsbereiche nun auf absehbare Zeit nicht mehr. Im Juni würde allenfalls eine Frühgeburt, also ein wahrscheinlich gerade noch lebensfähiges Kind, zur Welt kommen können, das besonderer Fürsorge bedurfte. So lohnten sich für diesen Zweck absichtlich herbeigeführte Kraftanstrengungen nicht mehr. Mit dieser Situation galt es nun zu leben, und Anna akzeptierte sie. Was nicht zu ändern war, musste eben durchlebt und gegebenenfalls auch durchlitten werden. Klagend zwar, aber nicht anklagend stellte sie sich auf das fünfte Kind ein.
Geburt und Taufe
Der genaue Geburtstermin interessierte niemanden – er beeinflusste das Leben auf dem Hof in keiner Weise. Die Wehmutter des Ortes war informiert, beziehungsweise konnte als erfahrene Frau selbst sehen, dass und wann ungefähr – sie zur Wöchnerin auf den Pappelhof gerufen werden würde. Geburt und Tod lagerte man in Babelsgrün noch nicht wie in Elbogen oder anderen größeren Orten in Entbindungskliniken und Krankenhäuser aus. Unter der Assistenz von Mutter, Schwiegermutter oder sonstiger hilfreicher Verwandten brachten die Frauen die Kinder zur Welt. Oft genug freilich passierte es, dass Mutter oder Kind – mitunter auch beide – in Gefahr gerieten und rechtzeitige Hilfe nicht mehr herbeigeholt werden konnte. Der nächste Arzt hätte aus der fünf Kilometer entfernten Kreisstadt Falkenau gerufen werden, den nächsten Facharzt hätte man mit Landauer oder Steirerwagen in der Klinik in Eger, zwanzig Kilometer entfernt, aufsuchen müssen. Man hoffte eben, dass sich keine Komplikationen einstellen würden, die die Geburtshelferin nicht meistern könnte.
Für Anna war die Niederkunft eine Arbeit wie jede andere, die anfiel und erledigt werden musste. Die Bedenken der besorgten Schwiegermutter tat sie leichthin ab: »Och, das geht schon!«
Der Juni des Jahres 1913 war ein feuchter Monat, und somit hatten die Dörfler die Heuernte noch etwas hinausgezögert in der Hoffnung auf mehr Sonne und heißere Tage im Juli. Einmal gemäht nämlich soll das Gras möglichst rasch trocknen, zum einen, weil es schmackhafter und gehaltvoller für die Tiere ist, zum anderen, weil die Gefahr besteht, dass es im feuchten Zustand leichter fault und dann verdorben ist.
In den letzten Junitagen nun beschloss Hans, dass die Maht beginnen sollte. Sein Bruder Ernst, der Großknecht Robert, sein Helfer Ferdl und der Bauer begannen mit der »oberen Beinde«, der Wiese, die dem Hof am nächsten lag. In jeweils drei bis vier Metern hintereinander gestaffelt wurde das durch den vielen Regen saftige und kräftig grüne Gras in Schwaden hingemäht, und am Nachmittag konnte Ferdl schon den Hütejungen unterstützen; man schaffte den Rest auch zu dritt. Georg, der am Vormittag die Herde bewacht hatte, würde ohnehin für den Heimtrieb eine weitere Hilfe benötigen, da die Tiere nur allzugern unerlaubtes Territorium aufsuchten, das sich, niedergetrampelt oder gar abgefressen, nicht mehr gut mähen lassen würde.
Robert hatte sich gleich nach dem Mittagessen auf den kühlen Getreideschüttboden hingestreckt. Der Bauer sorgte dafür, dass das Mähwerkzeug, die drei Sensen, am Nachmittag wieder einsatzbereit sein würden, und dengelte im Schatten des Wagenschuppens die Sensenblätter. Von mehreren Höfen hörte man die hellen Hammerschläge herüberschallen, und manchmal ereignete es sich, dass sie sich im rhythmischen Takt ergänzten oder gar eins wurden. Nach einer Stunde etwa konnten die Männer den Weg zur »unteren Beinde« antreten.
»Lang wird’s nimmer dauern mit der Bäuerin, wir müssen schau’n, dass wir vor der Niederkunft noch ’s Heu reinbringen«, meinte Robert, »sonst wendet’s uns niemand.«
»Die wendet’s noch während der Geburt!« scherzte Ernst, »s’ist ja keine schwere Arbeit.« Er kannte seine Schwägerin.
In der Tat: Heuwenden ist keine schwere Arbeit. Auch eine Hochschwangere könnte sie noch verrichten, mindestens den zweiten Durchgang, wenn das Gras schon etwas abgetrocknet ist und beim Drehen auf die andere Seite nicht mehr so schwer auf dem Rechen liegt. Ob erster oder zweiter Wendegang – Anna wich nicht von der Seite ihrer Mägde auf der Wiese; die Heuernte war schließlich ohnehin verzögert, da brauchte man alle Hände, besonders die flinken. Die beiden nächsten Tage würde man außerdem zur Vorbereitung für das bevorstehende Patronatsfest benötigen.
Babelsgrün hatte kein eigenes Gotteshaus, die Gemeinde gehörte zum Kirchspiel Kirchenbirk. Das Patronatsfest Peter und Paul am 29. Juni bildete den Höhepunkt dörflichen Lebens im Jahreslauf. Tagelang buken die Frauen Mohn-, Streusel- und Käsekuchen, und das Backrohr des Kachelofens reichte kaum aus, um die Fülle des Backgutes zu bewältigen. Schließlich rechnete man mit dem Besuch der gesamten Verwandtschaft von nah und fern, soweit sie irgend abkömmlich war.
Die Gäste kamen im Laufe des Festtages – er fiel in diesem Jahr auf einen Samstag – zu Fuß und in Gruppen auf dem Pappelhof an. Die meisten der Geladenen allerdings trudelten erst gegen Mittag ein, da manche am Vormittag noch dem Hochamt in der Kirche beiwohnen wollten. Andere hatten einen weiten, stundenlangen Fußmarsch hinter sich zu bringen, bis sie Dorf und Hof erreichten. Bettlern aus der näheren Umgebung gelang das schneller. Sie wussten, an diesem Feiertag würden sie reichlicher beschenkt als sonst. Deshalb bemühten sie sich, vor ihren Konkurrenten am Hof einzutreffen, um die Freigiebigkeit der Bäuerin, die ja schließlich im Laufe des Tages erlahmen konnte, noch voll zu nutzen.
Zur Mittagsstunde – also zu Schweine- und Kalbsbraten mit Mehl- oder Semmelknödeln – hatten sich dann aber doch 26 Festgäste eingefunden, die, etwas ermüdet und hungrig, beim gemeinsamen Mahl von ihren Familien berichteten und die Weltlage diskutierten.
Bis zur Kaffeetafel, so schien es Anna, würden sich die Gäste gut unterhalten können, deshalb erlaubte sie sich, rasch nach den kleinen Gänschen zu sehen, die, 14 an der Zahl, noch nicht ohne Zufütterung von gehackten Brennnesseln mit Ei auskamen. Wie erschrak sie jedoch, als sie vom Westen her eine dunkle Gewitterwand am Himmel entdeckte.
»Das Heu!«, schoss es ihr durch den Kopf. Ein Gewitterregen würde es vernichten. Sie konnte und wollte ihre Sorge nicht verbergen, und so rannte sie zu der lauten Tafelrunde in die Stube zurück und rief:
»Leut, glei gibt’s ein Gewitter. Wir müssen das Heu zusammenrechen!«
Sofort erhoben sich viele Hilfsbereite und erbaten einen Rechen, um dem drohenden Wetter entgegenzuarbeiten. So wurden durch diesen raschen Masseneinsatz aus dem trockenen Heu in kurzer Zeit Heumandln errichtet, denen ein Regenguss nicht mehr so viel anhaben konnte. Das Viehfutter von der oberen und unteren Beinde für den kommenden Winter war gerettet und auch der Appetit für die nächsten Gänge des Festmahls wieder geweckt.
An diesem Abend blieb man noch lange beieinander, denn da der nächste Tag ein Sonntag war, konnten die, die zu Hause kein Vieh zu versorgen hatten, auf dem Pappelhof übernachten und brauchten erst nach dem Mittagessen den Heimweg anzutreten.
Noch stand die Heuernte auf der »Dürrwiese« und der »Zelch« aus. Schon drei Tage später aber standen auch dort die sauberen Heumandln zum Heimtransport bereit.
Auf dem Pappelhof wurde die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen nicht so konsequent durchgeführt wie auf manch anderem Anwesen. Das Schleppen des Heurechens zum Aufnehmen der letzten vergessenen Halme beispielsweise ist wegen dessen Breite und Gewicht eigentlich eine traditionelle Arbeit für Männer, aber wenn diese gerade mit dem Zusammenschieben der trockenen Mahden und dem Aufbauen der Mandln beschäftigt waren, zogen auch mitunter die Frauen das eiserne Gerät über die abgeerntete Wiese, um so die letzten verlorenen Heuhalme zu erwischen.
Anna hatte weder auf die mahnenden Worte ihres Mannes gehört noch einer der Mägde den Rechen überlassen wollen. Diese besondere Anstrengung sorgte wohl dafür, dass noch am gleichen Abend bei ihr die Wehen einsetzten. Aber niemand machte sich Gedanken darüber, ob der Termin zu früh oder zu spät sein könnte, einschließlich ihrer selbst.
Was hatte sie zu diesen Kraftanstrengungen veranlasst? War es einfach Unachtsamkeit? Wollte sie die lästige Schwangerschaft rascher hinter sich bringen? Wollte sie die dringlichsten Arbeiten, wozu die Heuernte zählte, noch vor der Niederkunft erledigt wissen? Traute sie dem Personal nicht zu, alleine damit fertig zu werden?
Noch vor Mitternacht jedenfalls lag ein gesundes Mädchen in ihren Armen; es war der 3. Juli 1913, ein Mittwoch. Wie immer war die Geburt komplikationsfrei und rasch verlaufen.
Der nächste Tag schon hielt neue, besondere Aufgaben bereit: Die Windeln, das Steckkissen und die Wiege mussten hergerichtet, die notwendigen organisatorischen Maßnahmen erledigt werden: Der Pfarrer plante die Taufe ein, und die Patin und die Taufgäste wurden informiert, dass der Pappelhof in eineinhalb Wochen zum Wiegenfest lade.
Die Zeit war günstig, das Heu nur noch einzufahren und das Getreide noch nicht ganz schnittreif. Die Festvorbereitung behinderte also in keiner Weise die Erntearbeiten. Und damit bei Letzteren sicher keine Verzögerung einträte, half Anna am folgenden Tag, dem Freitag, bereits beim Einfahren. Die Begriffe »Wöchnerin« und »Wochenbett« waren etwas für schwache Städterinnen. Sich selbst hätte sie die Annehmlichkeiten, die sich eventuell damit hätten verbinden lassen, nie gewährt.
Der hochbeladene Heuwagen, ein Leiterwagen, dessen Ladung, zwei- bis dreimal so hoch wie der Wagen selbst, mit einem runden Balken, Heubaum genannt, gehalten wurde, rumpelte durch das nordwestliche Strahlentor auf den Hof. Dies war für Anna das Zeichen, das Kind, dem sie gerade die Brust gegeben hatte, der Schwiegermutter zu übergeben und beim Abladen zu helfen.
Zunächst musste die Spannung des Heubaums gelöst werden – er war vorne und hinten am Wagen mit Seilen vertäut –, danach konnte das Heu mit Gabeln an Ort und Stelle gespießt werden. Zu dieser Arbeit waren in der Regel viele Helfer nötig – je höher die Lagen in der Scheune wuchsen, desto mehr, weil die Büschel weiter hinaufgereicht werden mussten. Anna besetzte den untersten Platz, den auf dem Wagen, und spießte Gabel für Gabel nach oben, wo die Hilfskräfte die losen Büschel in Empfang nahmen, diese dort entweder »setzten« oder höher hinaufgabelten.
Für das Neugeborene der Familie war es diesmal nicht schwer, eine Patin zu finden, denn Annas jüngste Schwester, Albine, hatte zur gleichen Zeit ihr erstes Baby bekommen. So konnten sich die beiden Schwestern mit dem Patenamt gegenseitig aushelfen.
»Wir heben es gleich auf«, war ihre Absprache, wobei »gleich« nicht im Sinne von »sofort« oder »alsbald« zu verstehen war, sondern eher als »gleichmäßig« oder »gegenseitig«. Diese Abmachung zwischen den jungen Frauen zielte ab auf die damit verbundene Arbeitserleichterung für beide, die finanziellen und zeitlichen Einsparungen, die mit Geschenkekauf oder sonstigen Aufmerksamkeiten zu Festtagen verbunden gewesen wären. Andere Verpflichtungen, wie zum Beispiel das Einwirken auf die christliche Erziehung oder sonstige Hilfe in Notsituationen, wozu das Patenamt ursprünglich eingerichtet wurde, verband man mit diesem Amt nicht mehr.
Albine – wer auch immer diesen Namen erstmals in die Familie eingeschleust hatte – aus dem Heiligenkalender hatte er ihn jedenfalls nicht; denn niemand kennt eine »heilige Albine«. Doch auf die feminisierte Form des heiligen Albin sollte die neue Erdenbürgerin getauft werden.
»Da habt ihr euch aber einen recht alten Heiligen ausgesucht für das Büberl«, meinte der Priester vor der Taufe – das End-»E« hatte er wohl überhört.
»No, es ist doch ein Mäderl.«
»Ja, dann versteh ich nicht, warum das Kind nicht eine Heilige zur Namenspatronin kriegt, die ihm zum Vorbild und Schutz dienen kann. Wo soll’s denn, bittschön, hinbeten?«
Nun, das wäre eine ernst zu nehmende Frage gewesen, wenn man den theologisch-psychologischen Aspekt gekannt, wenigstens erahnt und berücksichtigt hätte. Hier jedoch lag das Gewicht auf dem Gewohnheitsbrauch:
»Die Patin heißt halt Albine, da geht’s schon nicht anders.«
Diesem Argument musste sich der Priester beugen, ungeachtet auch dessen, dass das Kind damit in der katholisch geprägten Gegend, in der man statt der Geburtstage die Namenstage feierte, seines besonderen Ehrentages beraubt war. Die Geschwister, Erwin, Otto, Marlene und Franz-Josef, hatten bezüglich der Patenauswahl mehr Glück, denn an einem Tag im Jahr war »ihr« Tag.
Noch einmal intervenierte der Priester: »Ja, wenn ihr in einer evangelischen Gegend leben würdet, wär’s gleich, aber hier im Egerland steht doch die Kleine neben der Gesellschaft. Hat denn die Patin keinen zweiten, christlichen Namen?«
»Nein! Ach, das geht schon so!«
Die Jahre 1913/1914
Dem eher ungünstigen Start in das Leben des kleinen Mädchens, ausgelöst durch Unbedachtsamkeit und Unkenntnis geistlicher und theologischer Zusammenhänge, standen auf der politischen Bühne Machthaber gegenüber, die mit den ihnen anvertrauten Untertanen ebenso unachtsam umgingen wie in diesem Fall Eltern mit ihrem Kind. Wurden hier der Arbeitserleichterung in der bäuerlichen Wirtschaft oder auch der Tradition Priorität eingeräumt, so lag das Hauptinteresse der Staatsmänner auf der Mehrung und Sicherung ihrer Territorien, ohne dass die Folgen ausreichend bedacht worden wären, denen ihre Völker durch ihre Machtgelüste ausgesetzt sein würden.
Ein halbes Jahr lang hatten vier Balkanstaaten gebraucht, um die Türkei bis hinter die Linie Enos-Midia zu verdrängen. Die Sieger, die sich über die Verteilung der Beute nicht einigen konnten, gerieten im Juni 1913, wenige Tage vor dem Friedensschluss mit den Türken, im Zweiten Balkankrieg aneinander. Die Donaumonarchie Österreich-Ungarn fürchtete dabei eine Ausdehnung des mit Russland befreundeten Serbien bis zur Adriaküste und drohte deshalb mit einem bewaffneten Eingreifen. Den Interventionen Berlins gegenüber Österreich sowie Englands, das auf Russland einwirkte, ist zu verdanken, dass sich diese Krise nicht schon 1913 zum Flächenbrand ausweitete. Was blieb, waren Enttäuschungen und Spannungen, die, aufgestaut, sich irgendwann entladen würden. Zunächst jedoch »war man noch einmal davongekommen«.
Als besonders bedrückend empfand man das in den Gebieten Böhmens und Mährens, wozu das Egerland gehörte. Seine Bewohner hegten zwar die gleichen Ressentiments gegenüber Serbien wie die Deutschösterreicher, strebten aber gleichzeitig nach nationaler Unabhängigkeit, zumindest aber nach Aufwertung im Gefüge des habsburgischen Vielvölkerstaats.
Die Informationen über die politische Lage flossen spärlich, und auf dem Pappelhof machte man sich darüber am Rande seine entsprechend undifferenzierten Gedanken. Nur derjenige, der sich täglich eine Stunde zur Zeitungslektüre gönnte, war leidlich über das Weltgeschehen unterrichtet. So kam es recht unerwartet für die Familie, dass nach dem Attentat von Sarajewo die beiden Brüder Hans und Ernst den Gestellungsbefehl erhielten.
Nun galt es, sich darauf einzurichten – lange würde der Krieg ja nicht dauern. Die wenigen Wochen, bis der Feind überwältigt sein würde, müsste man eben notgedrungen ohne die beiden Männer über die Runden kommen.
Hans, nun in seinem 34. Lebensjahr, war nicht wie viele der Sudetendeutschen mit fliegenden Fahnen zu den Waffen geeilt. Er fühlte sich verantwortlich für eine Frau und fünf Kinder – der Hof brauchte den Bauern! Auch war die Euphorie der Jugend, mit der vielleicht Achtzehnjährige das Abenteuer suchten, einer reiferen Einsicht gewichen. Ihm ging es nicht um das Volkstum, das manch einer bedroht sah und daher mit größerer Begeisterung Schulter an Schulter mit den Deutschen einerseits und den Österreichern andererseits kämpfte. Bei den Tschechen hingegen fand man wenig Enthusiasmus für diesen Krieg, den sie zusammen mit den Sudetendeutschen aufseiten der Mittelmächte durchzufechten hatten. Im Gegenteil wurden sie von den Deutschen verdächtigt, mit den slawischen Serben und Russen zu sympathisieren.
Für Hans jedenfalls waren die österreichisch-ungarische und die deutsche Politik weniger wichtig als die heimische Scholle und die Möglichkeit, diese in einem friedlichen Umfeld zu bestellen.
Zusammen mit Ernst, der, noch unverheiratet, auf dem Hof lebte und arbeitete, rückte er zunächst in Eger ein, wo die einzelnen Regimenter zusammengestellt wurden. Während der Abwesenheit der beiden Männer musste Anna mithilfe eines Knechtes und des ältesten Sohnes Erwin die Wirtschaft führen. Der Neunjährige war als Hütebub schon durchaus brauchbar und auch Otto, der zweite, versuchte, wo immer möglich, der Mutter zur Hand zu gehen, sei es, dass er Reisig für die Feuerung des Kachelofens bündelte, sei es, dass er abgebrochene Holzrechenzähne durch neue ersetzte. Selbst vor dem Melken der Kühe und dem Striegeln der Pferde schreckte er nicht zurück, wobei Letzteres teilweise von oben, auf dem Ross sitzend, ausgeführt werden musste, denn die Tiere hatten für den Knaben doch ein zu hohes Stockmaß.
Für Anna bedeutete die Abwesenheit der beiden Männer trotz des erwarteten schnellen Sieges doppelte Arbeit und Verantwortung. Wenn sie auch auf die Mithilfe der Schwiegermutter stets zählen konnte (obwohl diese schon das Altenteil bezogen hatte), so oblagen ihr nun zusätzlich die Beaufsichtigung der Arbeit auf Feldern und Wiesen, die Stallarbeit und die Vermarktung der bäuerlichen Erzeugnisse.
Der Kindererziehung maß sie keine besondere Bedeutung bei. Mädchen und Jungen wuchsen nach den Geboten von Religion und Tradition auf und wurden frühzeitig zur Mitarbeit in Haus und Hof herangezogen. Die Kleinkinder bewegten sich frei auf dem elterlichen Gelände, wenn sie nicht in unmittelbarer Nähe der Mutter spielten. Die Sorglosigkeit der Erwachsenen wäre schon nach wenigen Tagen der Abwesenheit des Vaters der fünfjährigen Marlene fast zum Verhängnis geworden.
Das ertrunkene Kind
Zum Pappelhof gehörten außer den Wiesen, Feldern und Wäldern auch drei Teiche mit Bachläufen, deren zwei sich in unmittelbarer Nähe zum Gehöft befanden. Der kleinere, der sich südlich an den Gemüsegarten anschloss, wurde von den Kindern stets strikt gemieden, obwohl er am schnellsten erreichbar gewesen wäre und von den Süd- und Ostfenstern des Wohnhauses hätte überwacht werden können – ein Sonnenplatz, der nicht durch Bäume oder Gebäude überschattet war. Dieser Teich aber war fast immer von der großen Gänseschar okkupiert, und jeder, der sich dem Ufer näherte, wurde von den Vögeln, angeführt vom alten Ganter, mit wütendem Zischen angegriffen und vertrieben.
Auch der im Wald sehr romantisch und versteckt gelegene Teich im »Grüll« wurde nicht als Spiel- und Aufenthaltsort der Kinder genutzt, wohl wegen der räumlichen Entfernung vom Elternhaus, die etwa zwei Kilometer betrug. Dafür aber bot der hausnahe Karpfenteich alle Möglichkeiten für fantasievolle Kinderspiele: Ein auf der nördlichen Seite des Gehöftes sich erhebender, weiter, sanft ansteigender Berghügel, das »Kor«, das bis zu seiner höchsten Erhebung als Hütewiese diente, wurde unterbrochen von einer Baumgruppe, bestehend aus Trauerweiden und Ulmen, die einen kleinen, malerischen Teich umstanden und an heißen Tagen den weidenden Kühen Schatten spendeten. Aus den Binsengräsern am Ufer konnte man vielerlei Spielzeug fertigen; Flechtwerke aller Art kamen da zustande: Körbchen, Puppenteppichklopfer, Haarbänder, geflochtene Ruten zum Vertreiben der Gänse und vieles mehr.
Ein sonniger Herbsttag hatte sich durch den Frühnebel gekämpft und machte glauben, der Sommer wolle noch einmal Einzug halten. Der warme Sonnenglanz, der schräg durch die bereits gilbenden Blätter fiel, überzog das Dorf und seine Umgebung mit einem weichen Goldhauch, der fast vergessen ließ, dass die jungen Männer des Ortes nicht auf den Kartoffelfeldern ihre Ernte einholten, sondern auf den Schlachtfeldern Europas bluteten.
Anna war an diesem Tag schon frühzeitig, gleich nach Beendigung der Arbeit in den Ställen, mit dem Milchwagen in die nahe Kreisstadt gefahren, um dort die Kunden zu beliefern. Dreimal pro Woche unternahm sie diese Geschäftsreise, und obwohl die Stadt nur etwa fünf Kilometer vom Dorf entfernt war, benötigte sie doch fast den gesamten Vormittag, um alle Kunden mit Butter, Käse, Milch, Eiern und zeitweise auch Fleisch zu versorgen. Zudem mussten anschließend noch Einkäufe getätigt werden, die auf einen fast autonomen Hof hie und da eben doch nötig wurden. Heute schaute sie noch einmal bei ihrem Schwager, dem Fleischer-Otto, vorbei, um zwanzig Deka Wurst mitzunehmen.
Die drei kleinen Kinder waren derweil unter der Obhut der Großmutter, die beiden größeren Buben besuchten die örtliche einklassige Schule. Außer dem geistig etwas behinderten Kleinknecht und der Austragsbäuerin arbeiteten alle Tagelöhnerinnen des Hofes auf dem Rübenfeld, um die Ernte einzubringen. So konnte sich die fünfjährige Lene in einem unbewachten Augenblick vom Hof entfernen, ohne dass jemand beobachtet hätte, in welche Richtung das Kind gelaufen war.
»Wo ist denn das Mädel?«, fragte die Großmutter den dreijährigen Franz-Josef, während sie gerade der kleinen Albine die Windeln wechselte. Der Begriff »Mädel« wurde in der Familie für Marlene wie ein einzigartiger Titel verwendet und hob sie damit über die Massenware »Junge« hinaus. Vier Jahre galt er uneingeschränkt für sie und wurde auch nach der Geburt der zweiten Tochter nicht mehr fallen gelassen; so blieb das kleinere Mädchen quasi ein Neutrum gegenüber der älteren Schwester.
Franz-Josef reagierte auf die Frage der Großmutter nur mit »Da raus!« und deutete mit dem Ärmchen in Richtung Stubentür.
Sollte sich die Kleine vielleicht mit den Katzen oder mit Tschokel, dem Hofhund, beschäftigen? Eigentlich passte das nicht zu dem Kind – Blumen, Gräser und Steinchen dienten ihm normalerweise als Spielzeug und Ausgangsmaterial für fantasievolle Muster auf Wegen und Freiflächen. Aber um an diese Utensilien zu kommen, musste Lene das Hofgelände verlassen – eine Vorstellung, die die alte Frau nun doch beunruhigte, sodass sie Albine rasch auf den Boden setzte, um Haus, Stall und Hof nach dem Mädel abzusuchen – erfolglos!
Angstvoll eilte sie zum hinteren Tor hinaus und stieß schließlich auf den Hilfsknecht Matz.
»Hast du’s Mädel irgendwo gesehen?«
»Jo …«, die Kleine sei im Karpfenteich untergegangen, er habe mit der Hütepeitsche in das Wasser geschlagen und das Mädel aufgefordert, sich am Peitschenriemen festzuhalten, aber das dumme Kind habe nur gurgelnde Töne von sich gegeben.
Ohne sich weiter um die beiden anderen Kinder zu kümmern, rennt die Großmutter in panischem Schrecken unter Aufbietung aller Kräfte zum Teich, schürzt ihre Röcke und durchkämmt das Gewässer mit den Beinen, wobei sie zwar bis zu den Hüften im Wasser steht, schließlich aber doch an den leblosen kleinen Körper stößt, der auf dem Teichboden liegt. Die Kräfte drohen ihr zu versagen, als sie das Kind in den Hofraum trägt und dort auf den Boden legt, während sie Matz noch zuruft, rasch vom Glaserhof Hilfe zu holen. Franz-Josef und Albine haben während dieser aufregenden Minuten regungslos auf den Steinstufen vor der Türschwelle verharrt. Sie ahnten wohl, dass sich Schreckliches ereignet hatte.
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