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Von seinen Klassenkameraden wurde er nur »Zombiegesicht« genannt. Alexander Egger galt als einer der schwersten Neurodermitisfälle in Deutschland und Österreich. Die ersten siebzehn Jahre seines Lebens erlebte er ohne Hoffnung auf Heilung. Er versuchte es mit unzähligen Therapien - ohne Erfolg. In seiner Verzweiflung stellt er sich eines Tages an einen Steilhang. Er will springen. Da erinnert er sich an eine geheimnisvolle Begegnung aus seiner Kindheit. Er wendet sich an Gott und wird allmählich geheilt... Heute inspiriert er viele Menschen, nie aufzugeben, Willenskraft zu zeigen und sich mit Gottvertrauen und einer positiven Einstellung dem Leben mit allen Höhen und Tiefen zu stellen.
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Seitenzahl: 205
Veröffentlichungsjahr: 2019
© 2019 Alexander Egger
2. Auflage
Autor: Alexander Egger
Umschlaggestaltung: Adrienne Egger, die impulsgeber kreativagentur
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN:
978-3-7497-7370-1 (Paperback)
978-3-7497-7371-8 (Hardback)
978-3-7497-7372-5 (e-Book)
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
1. Auflage
©der deutschen Ausgabe 2013
SCM Hänssler im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.
Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006
SCM R. Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.
Dieses Buch wurde aufgeschrieben von Susanne Reddig.
Kontakt: [email protected]
Inhalt
Ein persönliches Vorwort
1 Am Abgrund
2 Patchworkfamilie
3 Das hässliche Entlein
4 Immer wieder Therapien …
5 Die Sache mit Gott
6 Die mysteriöse Begegnung
7 Erster Selbstmordversuch
8 Keine Perspektive
9 Zweiter Selbstmordversuch
10 Lehrzeit
11 Im Krankenhaus
12 Auf dem Mönchsberg
13 Heilung von Körper und Geist
14 Ein völliger Neuanfang
15 Mein zweites Leben
Danksagung
Für Sie, lieber Leser!
Anhang
Ich widme dieses Buch Gott und dem Menschen, der es gerade liest.
Ein persönliches Vorwort
Sie nannten mich Zombiegesicht. Mein Körper war mit Wunden bedeckt, meine Lider hingen herab – niedergedrückt von Eitergeschwüren. Damals war ich in der ersten Klasse und lernte, dass das Leben manchmal ungerecht ist. Mittlerweile bin ich Mitte dreißig und weiß, dass es Hoffnung gibt. Ich erlebte einen Wendepunkt in meinem Leben und anschließend sogar ein Wunder.
Obwohl mir meine Lehrerin sagte: „Aus dir wird nichts“, und ich ihr glaubte, habe ich mittlerweile studiert, mich selbstständig gemacht und arbeite nun als Unternehmensberater und Motivationsredner – mit Gottes Hilfe.
Schwierigkeiten sind mir vertraut, sowohl aus der Zeit meiner Krankheit als auch aus meinem Leben als gesunder Mensch. Nachdem ich gesund wurde, musste ich mühsam lernen, mich Herausforderungen zu stellen und Dinge anzupacken. Deshalb schreibe ich dieses Buch – um anderen Menschen Mut zu machen. Auf meinen Seminaren betone ich oft, dass es innerhalb der vorhandenen Möglichkeiten immer einen Handlungsspielraum gibt. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Wichtig ist, dass uns die Probleme in unserem Leben nicht gefangen nehmen, sondern dass wir eine wunderbare Hoffnung haben, die in unserem Herzen schlagen kann. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es mir einmal besser gehen würde: Dass ich morgens gerne aufstehen würde, mich auf meine Familie und die Aufgaben in meiner Firma freue und immer wieder überrascht werde von positiven Erlebnissen, sei es durch das Feedback von Menschen oder Situationen, die ich als Geschenk betrachte. Sie inspirieren mich und erneuern die Hoffnung, dass im Leben sehr viel Gutes passieren kann.
Es kann sein, dass Sie gerade in einer schwierigen Situation feststecken, aus der Sie keinen Ausweg mehr sehen. Es kann sein, dass Sie mit einer Herausforderung zu kämpfen haben, die wie ein Riese vor Ihnen steht. In Büchern und Fernsehsendungen wird immer wieder erklärt, dass man nicht nur ein Opfer des Schicksals ist, sondern dass man eine Herausforderung aktiv anpacken kann. Aber in der Praxis stehen wir diesem Riesen meistens erstarrt, zitternd und in falscher Ohnmacht gegenüber. So wie die Israeliten Goliath gegenüberstanden. Doch David griff an – mit Gottes Hilfe. Und siegte.
Am Abgrund
Der Aussatz zerfrisst seine Haut. Als Vorbote des Todes verzehrt er seinen Körper.
Hiob 18,13
1
AM ABGRUND
Juli 1996. Unter mir breitet sich das Panorama von Salzburg aus. Die Stadt mit ihren hellgrauen Kirchtürmen und den mintfarbenen Dächern ruht im gleißenden Sonnenlicht, als verspräche sie Freude und Glück. Der Himmel strahlt blau, die Alpen erstrecken sich träge in der Ferne. Unter mir in der Tiefe fahren bunte Autos durch die Straßen, Menschen gehen hin und her. Ich wäre auch gerne so fröhlich wie sie. Doch ich bin anders. Ein Aussätziger. Vom Scheitel bis zur Sohle habe ich Narben und nässende Wunden. Jede Faser meiner Haut schmerzt. Ich will mich kratzen, den Schorf abziehen, die Narben aufreißen, damit sie nicht mehr spannen und ich mich wieder bewegen kann. Doch ich bin müde. Hoffnung auf Heilung gibt es für mich nicht. Meine Neurodermitis ist einer der schlimmsten Fälle, die die Ärzte in Deutschland und Österreich je zu Gesicht bekommen haben.
Ich stehe auf dem Mönchsberg am Rande einer Steilwand, fünfzig Meter über der Stadt – jedoch nicht, um die Aussicht zu genießen. Ich stehe hier, um zu springen. Schnell soll mein Tod sein und sicher. Ich bin siebzehn Jahre alt. Siebzehn Jahre sind genug. Ich kann mich nicht weitere Jahre nachts schlaflos vor Schmerzen im Bett herumwälzen, bis ich um fünf Uhr erschöpft einschlafe. Ich will nicht mehr Gesichter sehen, die sich schockiert abwenden, wenn ihr Blick mich streift. Ich will nicht mehr vorm Zähneputzen das Licht ausschalten müssen, damit ich mich nicht im Spiegel sehe.
In meinem Herzen ist es finster.
Ich will nicht mehr.
Die Tiefe gähnt unter mir, der Blick abwärts macht mich schwindelig. Ich stelle mir vor, wie mein eiternder Körper auf dem Asphalt aufschlägt. Einen kurzen Augenblick zögere ich noch.
Ich verabschiede mich vom Leben, während mein Blick ziellos über die Dächer der Stadt schweift. Erinnerungen steigen hoch. Fast jede Szene aus meinem Leben, die an mir vorüberzieht, festigt meinen Entschluss zu springen. Ich frage mich, ob es auch hoffnungsvolle Momente in meinem Leben gab. Momente, die mir vielleicht doch eine Perspektive geben könnten.
Patchworkfamilie
Daraufhin setzte Hiob sich mitten in die Asche und kratzte sich mit einer Tonscherbe.
Hiob 2,8
2
PATCHWORKFAMILIE
Meine Mutter Monika erinnert sich:
Ich war noch blutjung, neunzehn Jahre alt, und frisch verheiratet, als ich mit Alexander schwanger wurde. Er war ein Wunschkind und mein Mann und ich haben uns natürlich sehr auf unser erstes Kind gefreut. Die Schwangerschaft verlief ganz normal. Bis kurz vor der Geburt ging ich noch als Gehilfin in der Augenabteilung eines Krankenhauses arbeiten. Das war im Sommer 1978. Auch die Geburt verlief schnell und unkompliziert. In der Frühe kam ich in den Kreißsaal; gegen 10 Uhr war Alexander dann schon geboren. Natürlich habe ich mich sehr gefreut, als er auf die Welt kam.
Mein Mann war überglücklich. Er kümmerte sich sehr um den Kleinen, wickelte ihn, fütterte ihn und spielte mit ihm. Für mich war das Muttersein hingegen schon eine gewaltige Umstellung. Nun war ich immer zu Hause. Mühsam und belastend wurde es aber erst, als Alexander diese wunden Stellen am Körper bekam, einen roten Po mit Pickeln und schuppigen Ausschlag am Kopf. Damals war er drei Monate alt. Nächtelang schrie er vor Schmerzen, man konnte ihn kaum beruhigen, tagsüber war ich dann fix und fertig und musste völlig übermüdet die Hausarbeiten erledigen. Natürlich sind wir mit ihm zum Arzt gegangen. Der stellte eine Neurodermitis fest. Das sagte mir zuerst nicht viel. Ich dachte mir: „Okay, er ist halt nicht gesund, es juckt und kratzt ihn.“ Aber mehr wusste ich darüber nicht. Die Ärzte verkündeten auch nichts Konkretes: Es könne bald vorübergehen, es könne dauern… Dass diese Krankheit nicht wegzubringen ist, erfuhr ich erst viel später. Um Alexanders Haut zu behandeln, musste ich zum Beispiel Ölhauben machen. Ich habe die Kopfhaut meines Babys dick mit Öl eingerieben und ihm eine Kopfbedeckung aufgesetzt, die er über Nacht tragen musste. Doch viel geholfen hat das nicht.
Und dann immer dieses ständige Brüllen… Einerseits tat mir mein Junge leid, in seinem Zustand und mit seinen Schmerzen. Aber ich war auch total wütend, dass er nicht aufhörte zu schreien. Ich hatte mit ihm getan und gemacht, was ich konnte: einpinseln, cremen, füttern und wickeln, damit alles trocken ist, Ölbäder… aber es wurde einfach nicht besser. Ganz hilflos und wütend fühlte ich mich da.
Wie die meisten Menschen kann ich mich nicht an die ersten zwei, drei Jahre meines Lebens erinnern, aber meine Eltern, Großeltern und meine Uroma haben mir von dieser Zeit erzählt. Das Drama meiner Kindheit spielte sich vor einer Postkarten-Idylle ab: einem Vorort von Salzburg, an der Stadtgrenze, in Fürstenbrunn. Der Ort liegt am Untersberg, der mit seinen 1973 Metern majestätisch aus der Landschaft ragt. An klaren Tagen kann man vom Gipfel über das nahegelegene Salzburg blicken, während man in einiger Entfernung die Alpen sieht. Von unten betrachtet wirkt der Untersberg am frühen Morgen, wenn er von Wolkenschwaden verhangen ist, besonders geheimnisvoll – passend zu den Sagen, die sich um ihn ranken.
Die Kinder in Fürstenbrunn fuhren im Winter Ski, spielten im Sommer am Ufer der Glan, die durch Salzburg fließt und die Stadt mit Trinkwasser versorgt, und spielten Versteck in der Nähe des Steinbruchs, in dem der „Untersberger Marmor“ gewonnen wird, aus dem auch der weißleuchtende Salzburger Dom erbaut wurde.
Doch ich verbrachte die meiste Zeit meiner Kindheit im Haus. Unsere große Eigentumswohnung sehe ich noch genau vor mir: stets sauber und aufgeräumt, teure, orangefarbene Designer-Sitzwürfel vor spiegelnden, dunklen Glasfronten. Meine Mutter putzte oft und legte großen Wert auf ein gepflegtes Äußeres bei Menschen und Dingen.
Wir konnten uns die modernen, eleganten Möbel leisten, denn mein Vater arbeitete viel. Als Techniknarr war er verliebt in Motoren aller Art, er besaß eine Yacht und mehrere Autos. Geldsorgen kannten wir mit ihm nicht. Mein Vater ist auch heute noch jemand, mit dem man viel Spaß haben kann. Er liebt Abwechslung, Freiheit und Herausforderungen.
Wie mein Vater ist auch meine Mutter ein lebenszugewandter, offener und unternehmungslustiger Mensch. Sie interessierte sich schon damals für Spiritualität und ging Lebensfragen auf den Grund, liest heute noch Bücher über Weltanschauungen und Religionen, sucht Gurus und spirituelle Lehrer auf. Zwar wurde ich katholisch getauft und später gefirmt, doch dies war nur eine Frage der Tradition. In die Kirche gingen wir nur an Weihnachten und Ostern.
Mein Vater Heimo erinnert sich:
Alexander war ein Wunschkind, mein erstes Kind, das war total spannend. Als er geboren wurde, war ich erst zwanzig oder einundzwanzig. Heute würde ich sagen, meine Frau und ich waren noch ziemliche Kinder, aber das geht ja vielen jungen Eltern so. Ich bedaure, dass ich noch nicht bei der Geburt dabei sein durfte. Das konnte man als Mann erst später, bei meinem zweiten Kind habe ich die Niederkunft miterleben dürfen. Aber als Alexander geboren wurde, musste ich noch draußen vor der Tür warten. Und dann bin ich natürlich gleich reingesaust und habe meinen Sohn im Arm gehalten. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt, ich glaube, das ist bei jedem Vater gleich.
Nach der Geburt veränderte sich meine Frau, sie wurde perfektionistischer und putzte viel. Wir haben uns nicht mehr so gut verstanden. Ich kümmerte mich dann mehr um meine Arbeit und war weniger zu Hause.
Mit Alexander lief es prima, bis er die Krankheit bekam. Dann war er einfach ein sehr armes Kind. Es war schlimm. Beim Windelwechseln ist es mir zuerst aufgefallen, diese roten Stellen und Blasen, und er schrie, weil ihm alles wehtat. Das traf mich tief im Herzen, mein Junge tat mir unendlich leid. Aber ich habe damals nicht verstanden, was da auf mich zukommt. Denn ich habe als Kind auch Neurodermitis gehabt, aber das war nach einem halben Jahr weg.
Man kann davon ausgehen, dass ich eine genetische Veranlagung für die Krankheit geerbt habe. Da die Krankheit wahrscheinlich vererbt wird, gilt sie als unheilbar – an den Erbanlagen kann man schließlich nichts ändern. Es müssen jedoch bestimmte Faktoren hinzukommen, damit die Neurodermitis ausbricht. Die Krankheit ist daher nicht rein erblich erklärbar. Außerdem nimmt sie besonders in den Industrieländern zu. Vor sechzig Jahren kannte fast niemand das Wort „Neurodermitis“ – heute gibt es viermal so viele Kranke wie damals. Das lässt darauf schließen, dass sich in unseren westlichen Gesellschaften irgendetwas verändert haben muss, das das Ausbrechen dieser Krankheit begünstigt. Was genau das sein könnte, wird noch diskutiert. In Deutschland sind zurzeit schätzungsweise vier Millionen Menschen von Neurodermitis betroffen – vor allem Kinder. Ungefähr zehn Prozent aller Kinder sollen daran erkrankt sein. Da man die Ursachen dieser Krankheit aber noch nicht abschließend erforscht hat, werden in der Therapie keine Ursachen bekämpft, sondern nur die äußeren Symptome behandelt.1
Die Ärzte führten Tests mit mir durch und teilten meinen Eltern mit, dass man meine Beschwerden lindern könne. Meine Eltern müssten bestimmte auslösende Faktoren bei mir vermeiden: Stress, bestimmte Nahrungsmittel wie Mehl, Zucker und Eiweiß, chemische Substanzen wie Babylotionen und Shampoo. Die Krankheit könne in Schüben verlaufen, je nach Lebensalter mit unterschiedlichen Symptomen. Wunde, verdickte, rissige Haut, rote, schuppende und nässende Stellen sowie starker Juckreiz seien auch in Zukunft zu erwarten – außer es gelänge, die auslösenden Faktoren zu vermeiden und Symptomfreiheit zu erreichen. Medikamente und Cremes, Kuraufenthalte und Diäten würden die Beschwerden lindern. „Man kann lernen, auch mit einer Neurodermitis ein normales Leben zu führen, wenn man Symptomfreiheit erreicht“, sagten die Mediziner zu meinen Eltern, „bei vielen kleinen Kindern verschwinden die Symptome einfach wieder. Geben Sie die Hoffnung nicht auf – bis zur Einschulung ist die Krankheit bei vielen Kindern wieder abgeklungen!“
Mein Vater lächelte die Ärzte zuversichtlich an. „Sicher ist es nur eine vorübergehende Phase. Das wird schon wieder. So war es auch bei mir“, sagte er schulterzuckend. Er konnte ja nicht ahnen, dass mein Leben alles andere als normal verlaufen würde.
Zu Hause sprach er nicht über meine Krankheit. Zumindest nicht in meiner Gegenwart. Vielmehr versuchte er, mich wie einen normalen kleinen Jungen zu behandeln. Er brachte mich zum Lachen, zeigte mir seine Autos und fuhr mit mir Boot. Ob er mich nur ablenken wollte oder tatsächlich glaubte, dass meine Haut bald wieder heil würde, weiß ich nicht.
Ganz anders meine Mutter, die gelernte Arzthelferin ist. Nach den Gesprächen mit den Ärzten wurde sie sehr nervös. Sie bestellte Zeitschriften, Bücher und Kopien von Artikeln. Sie forschte nach den Telefonnummern von erfahrenen Ärzten und vereinbarte Termine. Mit ihren einundzwanzig Jahren fuhr sie mit einem schreienden Kleinkind hunderte von Kilometern zu Kliniken und Praxen, verbrachte ganze Tage in Wartezimmern, versuchte mich während der Untersuchungen zu beruhigen und sich gleichzeitig Notizen zu machen. Ihre Bemühungen waren nicht nur eine kurze Phase des Aktivismus – vielmehr kümmerte sie sich meine ganze Kindheit und Jugend darum, dass ich regelmäßig ärztliche Hilfe bekam. Schon als kleines Kind spürte ich, dass ich der Grund für die Müdigkeit und Erschöpfung meiner Mutter war. Mein kleiner kindlicher Verstand sagte mir, dass ich schuld daran war, dass meine Mutter müde und traurig aussah. Ich musste unbedingt gesund werden, ich durfte sie nicht weiterhin enttäuschen.
Da ich mich dauernd kratzte und man mir in meinem Alter natürlich nicht erklären konnte, dass meine Haut durchs Kratzen immer schlimmer wurde, banden mir meine Eltern einige Male Stoffhandschuhe um. Auch meine Füße wickelten sie in Stoffbinden. Als das nichts brachte, wurden meine Hände nachts ans Bett gefesselt. Das war für mich der reinste Horror, ungefähr eine Viertelstunde lang schrie und strampelte ich, aber meinen Eltern war von Experten geraten worden, dass sie darauf nicht reagieren sollten. Darum gab ich irgendwann meinen lautstarken Protest auf. Aber es war wie auf einer Folterbank. Der ganze Körper juckte wie verrückt, ich konnte mich nicht kratzen, war ohnmächtig, hilflos und verzweifelt. Als Reaktion zerkratzte ich mich am nächsten Tag von oben bis unten – und machte den Effekt aus der Nacht, dass ich mich nicht angerührt hatte, damit wieder zunichte. Nach einigen Nächten gaben meine Eltern den Versuch daher auf.
Helga und Fritz, meine Großeltern mütterlicherseits, erinnern sich:
Nach der Geburt verfiel Monika in Depressionen. Ich glaube, sie war überfordert, einfach noch zu jung. Plötzlich nur noch zu Hause mit Mann und Kind. Wir fanden nicht, dass unsere Tochter und ihr Mann gut zusammenpassten, aber als Eltern muss man das akzeptieren, die Kinder entscheiden selbst, wen sie heiraten. Und mit dem Alexander war es auch traurig. In den ersten Monaten konnte man die Krankheit schon erkennen: Narben im Gesicht und am Körper, das war schon arg. Und als er älter wurde, ist es immer schlimmer geworden. Er musste sich ständig kratzen, bis er blutete und weinte. Eine schlimme Krankheit ist das. Ich glaube, das war zu viel und zu anstrengend für Monika. Und ihr Mann war mehr auf den Beruf bedacht und verbrachte nicht viel Zeit zu Hause. Aber wir bekamen das eher aus der Ferne mit, weil wir uns nur selten sahen.
Als ich zwei Jahre alt war, ließen sich meine Eltern scheiden. Obwohl ich zum Zeitpunkt der Scheidung noch sehr klein war, glaube ich mich vage an Eindrücke zu erinnern. Meine Eltern stritten sich viel, ich hörte in meinem Bett, wie sie sich anbrüllten und Türen zugeschlagen wurden. Ich verstand nichts, hatte Angst und weinte. Heute weiß ich, dass ihre Vorstellungen vom Leben sehr unterschiedlich waren und ich mache ihnen keine Vorwürfe.
Während dieser Zeit zeigten sich auf meiner Haut nicht mehr nur einzelne rote Punkte, mein ganzer Körper fühlte sich an, als hätte mich jemand mit Brennnesseln geschlagen. Ich weinte, schlug auf meine Haut ein, schlug meine Mutter, wenn sie mich anfassen wollte, und kratzte mich, bis ich blutete. Die entzündeten Wunden brannten wie Feuer. Ich kratzte sie auf, sie juckten noch mehr. Ich schrie lauter und kratzte tiefer.
Das sind meine ersten Kindheitserinnerungen: Wunden, Blut und Verzweiflung. Und die Frage, warum ich so anders war als die anderen.
Eines Tages sagte meine Mutter zu mir: „Wir packen jetzt deine Sachen ein. Du darfst Uroma Rosa besuchen – und sogar ganz lange bei ihr bleiben.“ Sie lächelte mich übertrieben unbeschwert an und begann, meine Kleider, Medikamente und Cremes in einen Koffer zu packen. Ich blickte sie mit großen Augen an und verstand nicht, warum sie sich so anders benahm als sonst. Ich mochte Uroma Rosa, ihre Augen leuchteten immer so warm und sie lachte viel. Ob mein Vater auch dort sein würde? Ich hatte ihn schon länger nicht mehr gesehen.
Wir fuhren mit dem Bus zur Urgroßmutter und aßen dort zu Mittag. Am Nachmittag umarmte mich meine Mutter, wischte sich mit dem Handballen schnell eine Träne ab und zog die Wohnungstür hinter sich zu. Uroma Rosa und ich winkten ihr aus dem Fenster nach, als sie schnellen Schrittes zur Bushaltestelle eilte. An diesem Abend schlief ich zum ersten Mal bei meiner Urgroßmutter. Viele Nächte sollten folgen, denn ich blieb bei ihr, bis ich sechs Jahre alt war.
Meine Urgroßmutter erklärte mir, dass meine Mama nun wieder arbeiten müsse, da sie jetzt geschieden war. Und da sie mich deshalb nicht mehr so gut versorgen könne, dürfe ich jetzt hier bleiben. „Wir beide machen’s uns schön hier“, sagte meine Urgroßmutter mit einem Augenzwinkern.
Meine Mutter Monika erinnert sich:
Mein Mann und ich hatten viel gestritten. Es war alles zu viel für uns, zu viel Stress, zu viel Belastung. Wir waren noch so jung. Ich glaube, es ging nicht um Alexanders Krankheit. Wir haben uns einfach nicht mehr verstanden. Nach der Scheidung ging ich bei einer Augenärztin arbeiten. Ich wollte Alexander daher tagsüber bei meiner Oma in Salzburg lassen, ich wusste, bei ihr ist er gut aufgehoben, sie ist sehr fürsorglich und liebte ihn. Meine Oma wohnte gleich in der Nähe der Augenärztin. Nach einigem Überlegen entschied ich mich, ihn lieber gleich ganz bei ihr wohnen zu lassen, dann musste ich ihn nicht morgens so früh wecken, um ihn von Fürstenbrunn nach Salzburg im Bus mitzunehmen. Er schlief nachts so schlecht und war morgens immer müde. Diesen täglichen Stress im Bus wollte ich ihm ersparen. Bei ihr konnte er länger schlafen als bei mir. Er war ein armer Junge durch die Krankheit. Ich hoffte, dass er bei meiner Oma mehr zur Ruhe kommen und seine Krankheit dadurch besser würde. Mittags fuhr ich zu ihm und verbachte einige Stunden mit ihm. Wir gingen auf Spielplätze oder ich besuchte meine Mutter und setzte mich mit ihm bei ihr in den Garten.
Bei jedem Mittagessen dachte ich: Vielleicht nimmt die Mama mich ja nach dem Essen wieder mit nach Hause. Ich beobachtete jede ihrer Bewegungen. Wenn sie sich die Haare hinters Ohr strich, griff sie als Nächstes nach ihrer Handtasche und ging Richtung Tür. Dann ein Kuss, ein letztes Lächeln und sie war weg. Wieder ohne mich.
Nach einer Weile begann meine Urgroßmutter bei jedem Mittagessen: „Monika, wann nimmst du ihn wieder zu dir?“ Dann wich meine Mutter Uromas Blick aus und erwiderte etwas, dass ich nicht verstand. Am Abend tröstete mich meine Urgroßmutter. „Deine Mama ist eine gute Mutter. Wenn sie könnte, würde sie dich wieder zu sich nehmen.“
Heute ist mir klar, dass meine Mutter Gründe hatte, warum ich nicht bei ihr wohnen konnte, aber als kleiner Junge verstand ich ihr Verhalten nicht. Warum wollten sie mich nicht mehr haben? Ich fühlte mich abgeschoben. Abgelehnt von Mama und Papa und dem Rest der Welt.
Der Aufenthalt bei meiner Urgroßmutter war jedoch in anderer Hinsicht ein richtiger Glücksfall für mich – vielleicht hätte mir zum damaligen Zeitpunkt nichts Besseres passieren können. Sie ging nämlich total entspannt mit mir um. Ihr Zuhause war eine Insel des Friedens für mich. Meine Urgroßmutter war eine ausgeglichene Witwe, die meiner Krankheit wenig Beachtung schenkte. Dadurch wurde meine Neurodermitis auch für mich nicht mehr so wichtig. Sie ging stundenlang mit mir auf den Spielplatz und ich konnte beim Buddeln im Sand meine Sorgen vergessen. Sie ließ mich auch nie spüren, dass ich durch meine Nahrungsmittelallergien, die festgestellt worden waren, in meinem Leben eingeschränkt war. Noch während auf dem Spielplatz eine Mutter Schokoladenkekse an ihre Kinder verteilte, hatte mir meine Uroma bereits ganz selbstverständlich eine Alternative angeboten.
Das war im Kindergarten anders. „Jetzt verteilt die Julia bitte an alle den Kuchen – nur nicht an den Alexander, der darf das nicht haben!“, sagten die Erzieherinnen. Mir war das peinlich. Ich sah sowieso schon anders aus als die anderen und ich schämte mich, beim gemeinsamen Essen ausgeschlossen zu sein. „Am besten nicht noch mehr auffallen“, sagte ich mir und spielte lieber alleine in einer Ecke. Ich fragte auch nie, ob ich bei den anderen mitspielen dürfe. Es wäre aber falsch zu denken, dass ich dadurch der völlige Außenseiter gewesen war. Ich hatte immer ein paar Verbündete – aber auch ein paar Gegner.
„Der hat ‚Monster‘ zu mir gesagt!“, heulte ich, als meine Oma mich vom Kindergarten abholte. Auf dem Heimweg tröstete sie mich. „Hör doch nicht auf den. Der macht das doch nur, weil er ein armes Würstchen ist. Er will sich selbst höher als andere stellen. Er denkt, wenn er andere beleidigt, steht er selbst besser da als sie. Dabei ist er doch in Wirklichkeit gar nicht besser als andere. Du bist jedenfalls genau richtig!“
Wenn wir in ihrer Wohnung zur Tür hereinkamen, hatte sie mich jedes Mal schon wieder beruhigt und getröstet. Sie stammte aus der Kriegsgeneration und hatte sich im Leben schon ganz anderen Herausforderungen stellen müssen. Trotzdem hatte sie sich eine ausgeglichene Wesensart bewahrt. Sie war gleichmütig und friedlich, setzte mir Grenzen und sorgte für Ordnung. Das gab mir innerlich Halt, bei ihr atmete ich auf. Sie suchte im Leben immer nach den Chancen. „Aber weißt du, das Gute daran ist …“, begann sie ihre Sätze oft. So ermutigte sie mich dazu, beständig das Positive zu sehen und an gute Veränderungen zu glauben. Ihre Ruhe strahlte auf mich aus, ihr Optimismus hat mich sehr geprägt. Beständig sagte sie mir, dass sie mich liebt, dass ich einzigartig und schön bin, sie gab mir immer Raum zur Entfaltung. Ihr glaubte ich ihre Liebe für mich und auch ich liebte sie über alles. Sie übte keinen Druck auf mich aus. Wenn ich zum Beispiel wegen meiner Schmerzen längere Zeit brauchte, um in meine Jacke zu schlüpfen, wartete sie geduldig.
Meinen Vater sah ich regelmäßig an den Wochenenden. Wenn er anrief, um mir zu sagen, wann er mich abholen würde, lief ich jedes Mal freudestrahlend zum Telefon. So auch dieses Mal, als mir meine Uroma den Hörer hinhielt.
„Hallo Alexander. Wie geht es dir?“
„Gut! Wann kommst du?“
Mein Vater räusperte sich. „Du, hör mal, dieses Wochenende ist es schwierig. Wir müssen deinen Besuch auf nächstes Wochenende verschieben.“
Ich schwieg. Im Hintergrund hörte ich die Stimme der neuen Frau meines Vaters. Mein Vater schien mit ihr zu reden, doch ich verstand nicht, was sie sagten, weil er die Sprechmuschel zuhielt. „Ja, hier bin ich wieder. Es tut mir echt leid, aber es gibt einfach im Geschäft so viel zu tun.“
Ich schluckte. „Okay“, sagte ich leise und verabschiedete mich.
