Hoffnungsfunke - Silvia Feichtinger - E-Book

Hoffnungsfunke E-Book

Silvia Feichtinger

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Beschreibung

Der junge Soldat, Friedl, erzählt seine Geschichte. Im späten Kriegsjahr 1944 wurde er schwer verwundet und geriet dadurch in Kriegsgefangenschaft. Seine Erzählung befasst sich nicht mit schrecklichen Kriegserlebnissen, sondern seinem Überlebensinstinkt, angetrieben von den im Gefangenenlager geschlossenen Freundschaften und der Sehnsucht seine Verlobte wieder zu sehen. Diese Geschichte berührt die Seele.

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Seitenzahl: 322

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Die Autorin Silvia Feichtinger wurde 1963 in Österreich geboren, wo sie noch heute lebt. Mutter von fünf Kindern, Energetikerin, Landwirtin und Autodidakt. Sie schrieb oft kleine Theaterstücke für Schulaufführungen. Das Buch Hoffnungsfunke ist ihr erster Roman.

„Mein Anliegen ist, dass beim Lesen der Fantasie keine Grenzen gesetzte werden, daher habe ich die Personen nur minimal beschrieben. Dieses Buch basiert auf keinem recherchierten Hintergrund, sondern ist frei erfunden. Entstand durch Erzählungen eines älteren Herren, der im zweiten Weltkrieg, als junger Mann einrücken musste. Es handelt von Menschen aus dieser Zeit, um deren Emotionen: Angst, Wut, Hilflosigkeit, Schmerz aber auch Hoffnung, Freundschaften, Liebe und den Willen, das alles zu überleben, trotz der dramatischen Ereignisse. Sie hatten immer den Willen zu leben, und weiterzumachen. Mein Dank gilt diesen Personen, durch ihren Mut, können wir jetzt ein gutes Leben führen.“

Silvia Feichtinger

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Spät Sommer 1944,

Friedl

1

Was war das? Ich riss die Augen auf, es pfiff in meinen Ohren. Es kam mir vor, als stünde eine Dampflok neben mir. Wieso lag ich da auf dem Boden? Ich starrte in den Himmel und wusste nicht, wo ich bin, geschweige denn was passiert war. Auf einmal wurde es unter meiner linken Hand warm, ich hob sie und sah, dass die Hand voller Blut war. Es tropfte auf meinen Bauch. Langsam drehte ich meinen Kopf auf die rechte Seite. Da sah ich Franz liegen, mein bester Kamerad. Ich erkannte ihn an seiner Hand. Ich sah Franz´ Uhr auf dem Handgelenk, des Mannes, der neben mir leblos lag. Die Uhr hatte er zum Abschied von seinem Vater bekommen, das erzählte er uns immer voller Stolz. Jetzt lag er leblos da, mit zerfetztem Kopf … Franz fehlte der Kopf. Ich wusste immer noch nicht, wo ich war, geschweige denn, was passiert ist. Langsam hört man leises Wimmern, und Stöhnen und Hilfeschreie. „Sanitäter wo bist du?“, rief sie verzweifelt. Franz war ein Sani, der konnte keinem mehr helfen, dachte ich, als ich so hilflos dalag und nicht wusste, wo das viele Blut herkam, das von meiner Hand tropfte. Auf einmal durchfuhr mich ein stechender Schmerz, der von meinem rechten Bein kam. Ich wollte aufstehen, es ging nicht. Überall Blut und dieser Schmerz. Vorsichtig hob ich den Kopf, um zu schauen, was ich hatte. Da sah ich, dass der größte Teil meines rechten Oberschenkels zerfetzt war und überall Blut. Scheiße mein Bein! … Das Bein brauche ich noch, durchfuhr es mich und spürte dabei gar keinen Schmerz mehr. Ich sah zu Franz rüber, der bewegungslos neben mir lag, und wusste sofort, dass das ein verrückter Gedanke war. Franz wäre wahrscheinlich froh, wenn ihm nur sein Bein fehlen würde. Langsam spürte ich, dass es unter meinem Körper warm wurde. Plötzlich wurde mir klar, dass ich in einer großen Blutlacke lag, die nicht nur von meinen Fuß, sondern auch von den vielen Kameraden stammte, die um mich herum lagen, und sich nicht mehr rührten. Einer von ihnen war Franz ….

Plötzlich wusste ich, wieso ich da lag. Meine Kompanie war auf dem Rückzug. Wir kamen von Budapest und sollten dann in Wien die Stellung halten. Das war der Befehl, der von ganz oben kam. „Nur mehr zehn Kilometer bis zur Kaserne nach Eisenstadt“, rief der Kommandant, um uns Mut zu machen. „Dort können wir uns ausrasten, eh es nach Wien weiter geht“, sagte er, selbst schon erschöpft.

Und nun lagen wir hier auf dem Boden. Es wären nur mehr lächerliche zehn Kilometer gewesen, und wir wären vor den Fliegern in Sicherheit gewesen. Und mein Kamerad, der Franz, würde nicht ohne Kopf neben mir liegen. Nur zehn Kilometer. Weiter hätten wir es nicht mehr gehabt. Es waren Russische Flieger, die uns entdeckten. Franz schrie noch laut, „Lauf, schnell lauft! Flieger!“ Das war das letzte, was ich von ihm hörte: FLIEGER.

Die Russen kamen im Tiefstflug und beschossen uns und warfen Granaten. Es war ein Kugelhagel, der auf uns niederprasselte. Von da an wusste ich nichts mehr. Scheiße, wäre nicht mehr weit gewesen, verdammter Krieg. Mit diesem Gedanken lag ich mitten in einer großen Blutlacke, um mich die vielen Toten, unter ihnen mein Freund Franz. Langsam kam es mir. Soll das alles gewesen sein… jetzt… hier… sterben…. Alles hinter mir lassen…. So lag ich verzweifelt da und dachte, dass jetzt alles aus wäre und ich hier verblute. Auf einmal sah ich über mir ein Gesicht. „Friedl, du lebst!“, sagte er. Es war mein Kamerad Karl. Ich schaute ihn verwundert und erleichtert an. Das war das schönste was ich je gehört hatte. „FRIEDL DU LEBST.“ In Karls Stimme war so eine Erleichterung. Er schrie: „Schnell! Ein Sanitäter hierher! Da lebt noch einer! Der Friedl lebt noch!“ Er fädelte von Franz´ Hose den Gürtel aus und band mir damit mein Bein ab. Mit seiner Jacke deckte er dann mein schwer verletztes Bein zu und meinte: „Ist besser, du siehst es nicht“, und zeigte runter auf mein zugedecktes Bein. „Franz ist jetzt im Himmel“, murmelte er und legte eine Decke auf ihn, die neben mir lag. Er sagte dabei leise: „Schlaf gut“, sah mich an, „Besser du siehst nicht zu ihm, schaut nicht gut aus.“ Ich dachte nur, zu spät, ich hatte Franz schon gesehen. Den Anblick werde ich nie vergessen, meinen Freund so zu sehen.

Der Kommandant zeigte zu einem Lindenbaum mitten auf einem Feld und befahl: „Dort drüben sollten die Verletzten geschützt sein, falls es noch einmal zu einem Fliegerangriff kommt.“ Endlich kamen sie mit der Trage und brachten mich zur Sammelstelle mitten auf ein Feld, unter einen Lindenbaum. Sie legten uns dicht nebeneinander, so dass alle unter dem Baum Platz hatten. Nun lagen wir, eng wie Sardinen da. Wir Verletzen unter dem Baum, und drüben auf der Straße all die toten Kameraden, die es nicht hierherschafften. Darunter auch mein bester Freund. Mir fiel ein, kurz zuvor lag ich auch noch unten auf der Straße zwischen den vielen Toten. Gut, dass Karl mich gefunden hatte. Nicht auszudenken, wenn er aufgehört hätte, zu suchen. Gut, dass er noch rechtzeitig gekommen war und mich zum Baum brachte. So lag ich da und mir liefen die Tränen über das Gesicht.

Das Wimmern und Stöhnen wurde immer leiser. Manchen hörte man nach der Mutter rufen: „MAMA BITTE HILF MIR!“ So hörte man einige leise wimmern.

Wir Verletzten lagen unter dem Lindenbaum und sagten nichts, starrten nur durch die Blätter zum Himmel. „Mama komm und hilf mir“, klang es in mir nach. Wir waren eben doch Söhne und keine Maschinen. Und wenn es schlimm kam, erinnerte sich jeder an die Mutter, die einen in den Arm nahm und tröstete. Hier war Schlimmes passiert, … etwas sehr Schlimmes. Jetzt sind unsere Mütter weit weg, gut so, denn sie könnten das Leid nicht ertragen, das sich hier bot. Was hier ihren Söhnen angetan wurde, nicht nur hier, sondern der ganze Krieg war furchtbar und unerträglich.

Mit diesen Gedanken starrte ich durch die Baumkrone zum Himmel. Es strahlte die Sonne durch die Blätter, so dass der Baum golden glänzte. Das kann nicht sein, dachte ich mir, nicht nach dem, was hier gerade alles passiert war. Franz und die anderen, die drüben auf der Straße lagen und es nicht unter dem Baum schafften. Und die Sonne, die trotz alldem strahlte und den Baum so zum Glänzen brachte. Vielleicht war es Franz, der uns zeigen wollte, ihr schafft es alle unter diesen Baum. Ich schaute durch den glänzenden Baum zum Himmel und mir rannten Tränen über das Gesicht. Nicht wegen der Schmerzen im Fuß, sondern wegen dem, was wir alles aushalten mussten.

Nach einiger Zeit hörte ich, dass Karl seinem Kommandanten Meldung machte: „Alle Überlebenden haben wir nun zusammen.“ Mit rauer Stimme befahl der Leutnant: „Diejenigen, die gehen können zum Abmarsch bereit machen! Die Verletzten bleiben hier.“ Der Leutnant, war nicht viel älter als ich. Was für eine schwere Entscheidung, die er da treffen musste. Kameraden zurück zulassen ist einfach unmenschlich, vor allem, wenn sie sich nicht selbst verteidigen konnten. Er hatte den Befehl, nach Wien zu marschieren, und den galt es zu befolgen. „Abmarsch!“, schrie der Leutnant energisch. Nun hörten wir die Schritte im Einklang. Es war uns allen ein sehr vertrautes Geräusch. Der Klang wurde immer leiser, bis wir es nicht mehr hörten. Ab jetzt sind wir auf uns alleine gestellt, dachte sich ein jeder, aber ausgesprochen hatte es niemand. Karl bekam den Befehl, die Toten so gut es ging zu begraben. Ihm wurden vier Soldaten zugeteilt. Sie hoben am Feldrand eine Grube aus. Für unsere Freunde. Wir lagen da und sahen ihnen zu, wie sie alle in die Erde legten. Auch Franz kam in die Erde, nicht weit weg vom Lindenbaum. Die Kameraden haben eine schwere Aufgabe bekommen, doch einer musste sie ja erledigen, dachte ich mir, als ich hilflos zu ihnen rüber blickte und mein Bein nicht mehr spürte.

Keine Ahnung wie lange wir schon da lagen, es war schon dämmrig als wir von weitem ein Motorengeräusch hörten. Zum Glück konnten wir am Geräusch erkennen, dass es unsere Lastwägen waren. Schon komisch, was man so entwickelt, wenn es ums Überleben geht. Wir konnten anhand des Motorgeräuschs unterscheiden, ob Freund oder Feind. Das hörte man. Unsere Lastwägen machten ein friedlicheres und ruhigeres Geräusch, glaubten wir zu- mindest. Endlich kommt Hilfe. Hilfe für alle, die nicht mitmarschieren konnten und wir waren nicht wenige, die unter dem Baum lagen und warteten. Noch mehr befanden sich vor kurzem noch auf der Straße, die jetzt in der Erde liegen. Die holte keiner mehr.

Mein Kamerad, der mich gefunden hatte, lehnte am Baumstamm und döste vor sich hin. Glaub, er war schon erschöpft, musste alles organisieren für uns und die Toten. Ich weiß gar nicht wie lange er schon neben mir lehnte. Es fiel mir erst jetzt auf, dass er neben mir saß. Karl war auch froh, dass er bei uns bleiben konnte, und nicht nach Eisenstadt marschieren musste, hatte er mir erzählt. Still wartete er, mit uns auf die Autos, die dann endlich kamen.

Ich wurde als erster in den Lastwagen gelegt. Was für eine Erleichterung. Ich fühlte mich jetzt in Sicherheit. Keiner wusste, wo sie uns hinbringen, nur fort von hier war uns wichtig. Auch unter dem Baum fühlten wir uns nicht sicher und hatten Angst, dass die Russischen Flieger zurückkommen.

Franz, zurückzulassen das fiel schon schwer. Ich glaub, er kommt eh mit, kam es mir in den Sinn, als ich so dalag und wartete, dass wir losfuhren. 18 Kameraden wurden in den Lastwagen gebracht. Dass wir nach Wien kommen, sagte uns Karl noch schnell, bevor es losging. „Viel Glück, euch allen“, rief er und schmiss die Klappe des Lastwagens zu. Ich glaub Karl wäre gerne mitgekommen, er hatte aber noch viel zu erledigen. Er musste noch viele Kameraden abtransportieren lassen.

Es war eine sehr anstrengende Fahrt auf dem Boden des Lastwagens. Nur eine Decke, auf der ich lag. Von den 18 Kameraden kamen nur 15 in Wien lebend an. Neben mir lag Hans, den kannte ich von zu Hause, der wohnte im Nachbardorf. Im Lastauto hatte er mir von seiner Verlobten erzählt, die in Wien auf ihn wartete. Gut, dass er mit uns eingeladen wurde, so können sie sich doch noch sehen, dachte ich mir, bei der Fahrt und hoffte, dass wir bald ankommen. Mein Fuß tat schon arg schmerzen und die Zehen spürte ich nicht mehr. „Die anderen kommen nach Eisenstadt“, hatte Karl uns noch gesagt. Hans wurde immer stiller, hoffentlich hält er bis Wien durch, wo doch dort, seine Verlobte wartete. Auf mich wartete keiner in Wien. Wusste ja niemand, dass ich dort bin, dass ich verwundet in Wien in einem Lazarett liege. Meine Freundin Lisi wusste nicht, dass ich nach Wien marschieren musste, dass ich bald in ihrer Nähe wäre. Ich wollte sie überraschen und einfach vor ihrer Türe stehen.

„Wenn wir in Wien ankommen, hat jeder drei Tage frei“, sagte der Leutnant zu uns. Und da wollte ich Lisi überraschen. „Ich hab ja von Wien nicht weit nach Hause“, sagte ich noch zu Franz. Nach Hause, der Gedanke tat weh, mehr als der Fuß, der immer mehr anschwoll. Karl hatte ihn gut abgebunden, sonst wäre ich verblutet. Mein Gedanke ging wieder zu Lisi. Jetzt sah alles anders aus, konnte nicht vor ihrer Tür stehen, konnte gar nicht stehen.

Keiner redete mehr, alle hofften, dass wir bald in Wien ankamen. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, bis wir endlich da waren.

Es war schon dunkel, als der Lastwagen endlich stehen blieb. Wir hörten aufgeregte Stimmen: „Nicht noch mehr, wo sollen wir die noch unterbringen.“ Nach der Reihe wurden wir ausgeladen. Es fand sich für jeden noch ein Bett. Manche mussten am Gang liegen, das war uns egal, Hauptsache ein Bett und ärztliche Versorgung. Später erfuhren wir, dass wir im Keller einer Schule untergebracht wurden, Mitten in Wien. „Die Schule ist vor einiger Zeit zum Lazarett umgebaut worden“, sagte uns eine ältere Krankenschwester.“ Sind aber auch schon bis zur Decke voll“, meinte sie forsch und ging eilig weiter.

Ein Arzt, mit Blut verschmierten Kittel schaute meinen Fuß an: „Sofort Operieren“, sagte er und eilte zum nächsten Patienten. Endlich die ersehnte Narkose. Schlafen, nur schlafen, keine Schmerzen, und nicht mehr nachdenken. Über mein Leben, über Franz, der jetzt im Himmel ist. Wenn wir doch schneller gewesen wären oder so, nein, nur schlafen, nicht mehr denken. Ob es Franz dort gut geht, das war mein letzter Gedanke, bevor ich einschlief. War es die Narkose oder etwas anderes, doch ich hatte das Gefühl, Franz steht neben mir und lächelt mich an, er meinte: „He, … du schaffst das schon, …. für uns alle.“

Nach fünf Tagen machte ich meine Augen auf und traute ihnen nicht. Da war Lisi, sie saß mit verweinten Augen neben mir. Ich schaute sie verwirrt an. Sie sagte nur: „Friedl“, immer nur „Friedl.“ Ihr rannten die Tränen über die Wangen. Ich bekam ganz rote Augen und sie füllten sich mit Tränen. Meine Lisi in Wien, hier bei mir. Danke Gott, dass ich noch am Leben bleiben durfte; und meine Braut im Arm halten kann. Da fiel mir mein Freund mit der Uhr ein, nun fing ich an zu weinen. „Warum Franz, … warum wir…?“, flüsterte ich mit Tränen. Ich dachte dabei an ihn, Franz wollte doch studieren und Arzt werden, wie sein Vater, das hatte er mir immer erzählt. Nach dem Krieg werde ich Arzt, der dauert eh nicht mehr lange, davon war er überzeugt. Ja Franz hattest recht, für dich ist der Krieg vorbei. Jetzt bist im Himmel. Mit diesen Gedanken schaute ich zur Decke und dachte; Franz, mach, dass der Krieg bald vorbei ist, und hielt dabei Lisis Hand, und presse die Augen zu.

Sie schaute mich ganze Zeit traurig an und wusste, dass ich jetzt Zeit bräuchte, sie hielt meine Hand und saß still neben mir. Ich lag da, hielt die Augen geschlossen, dabei kam mir der Gedanke, was wollte ich eigentlich aus meinen Leben machen? Studieren wie Franz? Nein, ich sicher nicht. Ich wollte die Landwirtschaft von meinen Eltern übernehmen, Lisi heiraten und mit ihr Kinder bekommen. Sicher nicht hier liegen, mit diesem kaputten Bein und gute Freunde sterben sehen. Es wurde halt von uns erwartet, wir sollten das Land retten und was macht „Mann“, wenn es von einem erwartet wird? „Mann“ gehorcht und hofft, dass es schnell vorbeigeht, so dass man rasch nach Hause kann. Nun liege ich hier mit meinem kaputten Bein und Lisi sitzt mit verweinten Augen neben mir. Die Arme, das hatte sie sich nicht verdient, mich so zu sehen. Ich lag da und atmete ein paarmal tief durch. Nach längerer Zeit schaute ich Lisi an. Konnte endlich was zu ihr sagen. Fragte sie: „Lisi, woher weißt du, dass ich in Wien bin?“ Sie lächelte und meinte: „Vom Sepp, der hat mir eine Feldpost geschickt, da stand darinnen, dass du verletzt bist und nach Wien gebracht wurdest.“ Lisi sah mich mit verweinten, geschwollen Augen an und sprach leise weiter: „Bin gleich losgefahren und hab dich überall gesucht.“ Lisi schlug sich die Hände vor das Gesicht und fing zu schluchzen an, atmete dann ein paarmal laut durch. Sah mich an und erzählte weiter: „Jedes Spital bin ich abgefahren, nirgends warst du.“ Sie fing wieder hemmungslos an zu weinen, schlucke ein paarmal und flüsterte leise: „Dachte schon, du wärst tot.“ Nun weinte sie bitterlich los und legte den Kopf zu mir. Ich hielt sie fest in meinen Armen, es tat mir weh, Lisi so leiden zu sehen. Nach länger Zeit hob sie den Kopf und erzählte weiter: „Eine Krankenschwester hat mir von der Schule hier erzählt. Es sei ein Notlazarett, hatte sie gemeint und mir die Adresse gegeben. So hab ich dich gefunden und dann sah ich dich hier leblos liegen.“ Wieder weinte sie. Lisi hatte ganz rote, verschwollene Augen. Sie hatte sicher viel um mich geweint, das dachte ich mir, als sie weitersprach: „Drei Tage sitze ich nun hier. Hab meinen Kopf auf deine Brust gelegt, so dass ich deinen Herzschlag hören konnte und wusste, dass du noch bei mir bist.“ Lisi schaute mich lange an flüsterte: „Ich hatte große Angst, dass du mir wegstirbst. Ist nicht gut um dich gestanden, aber jetzt bist ja wieder da“, lächelnd sagte sie: „Hier, bei mir.“ Legte wieder ihren Kopf auf meine Brust, um meinen Herzschlag zu hören. Mein Herz schlug schneller als je zuvor, vor Freude doch Leben zu dürfen. Lisi lag lange so bei mir, da hob sie den Kopf, zeigte auf das Nachtkästchen und fragte mich, von wem die Uhr sei, die da lag. Da sah ich sie wieder, die Uhr, die mein Kamerad Franz am Handgelenk hatte. „Wie kommt Franz´ Uhr zu mir hier nach Wien?“, sagte ich mehr zu mir selber und nahm sie in die Hand - es schnürte mir die Kehle zu - die Uhr, die ging immer noch sie blieb nicht stehen. Die Uhr müsste doch stehen bleiben, wo doch Franz auch stehen blieb und nicht mehr am Leben war. Ich schaute Lisi an und flüsterte: „Diese Uhr hab ich als letztes an Franz` Handgelenk wahrgenommen.“ Ich hielt die Uhr lange fest, machte die Augen zu, atmete paarmal durch, drehte sie um und las: KOMM BITTE GUT HEIM. Scheiß Krieg! durchfuhr es mich. Verdammter Krieg!

Lisi saß stumm neben mir und legte ihren Kopf auf meine Brust. Mir rannten die Tränen über das Gesicht und ich dachte mir immer nur - Scheiß Krieg! - Laut aussprechen durfte man es nicht, denn wenn das ein Falscher hörte! So lagen wir längere Zeit schweigend. Ich hielt Lisi im Arm und mir rannten immer noch Tränen der Verzweiflung über das Gesicht und immer der Gedanke: Scheiß Krieg.

Der Sanitätsoffizier Decker stand vor meinem Bett und unterbrach meine Gedanken. Er sah meinen Fuß an und meinte: „Das sieht nicht gut aus. Wundbrand. Morgen müssen wir den Fuß abnehmen.“ Er schaute mich dabei ernst an. Ich traute meinen Ohren nicht. Nicht nach alldem. „Nein! Nein!“, schrie ich und sagte dann ernst: „Nicht mein Bein, das brauch ich noch.“ Energisch sagte ich noch mit Nachdruck: „Nein, auf keinen Fall, das Bein bleibt dran.“ Der Arzt schaute mich lange an und sagte ernst: „Wollen sie unbedingt noch sterben?“ Er ging weg, drehte sich um und meinte dann noch schnell: „Das letzte Wort ist hier noch nicht gesprochen.“ Lisi fing leise an zu weinen: „Friedl, bitte, ich will dich nicht verlieren.“ Ich sah sie lange an und sagte nur: „Lisi das geht nicht, ich brauch doch meinen Fuß. Bin doch ein Bauer, stell dir vor ich komm ohne Fuß heim. Wer soll da die Arbeit machen? Was würde der Vater sagen? Und im Dorf, wäre ich nur der Krüppel“, meinte dann noch mit Nachdruck: „Bin ja dann kein Mann mehr, nur mehr eine Last. Was soll ich nur mit einem Bein?“ Sie schaute mich traurig an, legte den Kopf zu mir auf das Kissen und sah mich liebevoll an. Sie wusste, dass es keinen Sinn machte, mir weiter zuzureden und dass sie mich nicht mehr umstimmen konnte.

Nach der Visite kam der Arzt vorbei, schaute mich an und meinte ernst: „Und?“ Ich schaute ihn nur an und sagte nichts. Lisi weinte leise vor sich hin. Der Arzt schüttelte den Kopf und sagte: „Gut, ihre Entscheidung.“ Er flüsterte Lisi leise zu: „Vielleicht können sie ihren Verlobten überreden.“ Der Arzt drehte sich zu mir, schaute mich lange an, sagte nichts und ging.

Lisi stotterte weinerlich: „Bitte Friedl, ich will dich nicht verlieren. Ich kann doch auch alles machen, was auf einem Bauernhof zu tun ist, komm ja eh von einem.“ Mit tränen verschwollenem Gesicht sah sie mich flehend an.

„Was willst mit so einem Krüppel!?“, schrie ich und hatte noch mehr Wut auf diesen verdammten Krieg, der unsere Zukunft zerstört hatte. Ich murmelte vor mich hin: „Franz, bei dir, im Himmel, ist es vielleicht doch schöner als hier herunten, wo ich Lisi so wehtun muss. Kannst mir ein Zeichen geben, was ich machen soll?“, schaute dabei die Uhr an, die ich die ganze Zeit in der Hand hielt.

Plötzlich stand der Offiziersarzt vor meinem Bett, sah mich an und meinte: „Gut, wenn sie unbedingt möchten. Eine Operation machen wir noch, kann aber nichts garantieren. Morgen sieben Uhr.“ Er meinte dann noch sarkastisch: „Sie haben ja eh eine Rossnatur, das haben Sie uns ja schon bewiesen“, grinste mich dabei an und ging. Die Oberschwester sagte zu Lisi streng: „Verabschieden Sie sich von ihrem Verlobten. Wir müssen noch Vorbereitungen für morgen treffen und ihr Verlobter braucht jetzt Ruhe.“ Lisi hielt mich lange fest, so als wollte sie mich nicht loslassen. Wir sahen uns lange in die Augen und sagten nichts, wir nickten uns nur zu. Lisi verstand, es hatte keinen Zweck mehr, sie konnte mich nicht umstimmen. Das Zeichen von Franz war für mich klar, als der Arzt dastand. Behalte deinen Fuß - danke Franz. Die Entscheidung ist getroffen ich behalte den Fuß.

2

Ich bemühte mich, die Augen aufzumachen, es fiel mir sehr schwer und das Erste was ich hörte war – „Na?“ Das sagte der Arzt, der mich operiert hatte. Schaute mich an und meinte: „Hab gewusst, dass Sie eine Rossnatur haben. Ein anderer hätte das nicht überlebt. Sie bekamen nach der Operation starkes Fieber und fielen dann ins Koma - lagen fünf Wochen nur so da.“ Der Arzt schaute mich dabei an, als würde er mich durchleuchten, lächelte zufrieden und meinte: „Gut gemacht“, klopfte mir dabei auf die Hand. Sagte noch: „Ihre Verlobte hat gut auf sie achtgegeben, saß Tag und Nacht bei ihnen.“ Er grinste sie dabei nickend an, und ging.

Ich wusste nicht von was der Arzt sprach, hatte nur das Gefühl, dass ich endlich gut schlafen durfte, ohne Tagwache, oder so, nur schlafen. Einmal wurde ich kurz wach. Kann mich nur dunkel daran erinnern, dass jemand meine Hand nahm und sagte: „Das sei jetzt dein Talisman“. Mehr bekam ich nicht mit. Auch nicht von der Notoperation, die durchgeführt wurde. „Wieso ist mein Fuß dann doch noch dran?“, fragte ich Lisi, nachdem ich von der OP. erfuhr. „Du wolltest doch nicht, dass dein Bein abgenommen wird, dass musste ich akzeptieren“, sie lächelte dabei voller Freude, da ich ja alles gut überstanden hatte. Ich nahm sie in die Arme und flüsterte nur: „Danke meine gute Frau“. Mehr konnte ich nicht sagen, denn es liefen Tränen über mein Gesicht. Danke, meine gute Frau, hatte ich die ganze Zeit in meinen Kopf, als ich Lisi lange festhielt. Auf einmal spürte ich was an meinem Handgelenk. „Was ist das?“, fragte ich und hielt die Hand hoch. Lisi erzählte mir dann, dass Franz´ Vater hier war: „Er hat dich besucht. Er saß lange bei dir, hielt deine Hand. Ich soll dir ausrichten, dass du die Uhr von Franz behalten und immer tragen solltest. Warst ein guter Kamerad, das hatte ihm sein Sohn geschrieben. Die Uhr soll jetzt dein Talisman sein, und du solltest dir zu Herzen nehmen, was hinten draufsteht. Das soll ich dir ausrichten. „Woher wusste er, dass die Uhr bei mir ist?“, fragte ich sie und schaute die Uhr lange an. Lisi schüttelte den Kopf und meinte: „Ich weiß auch nicht, der Mann stand einfach vor uns“. Franz, ach Franz. Ich werde auf deine Uhr gut aufpassen, das versprach ich mir, machte die Augen zu und atmete paarmal laut durch, nickte und dachte dabei, Ach Franz, …. ja, ... das mach ich, …. ich passe gut auf die Uhr auf und auf mich, so dass ich gut heimkomme. Ja Franz das mache ich.

In vielen Nächten lag ich lange wach, und dachte an all das, was hinter mir lag. Hielt die Uhr in der Hand, hoffe Franz, dass du recht hast und alles bald vorbei ist. Es waren lange Nächte aber zum Glück war am Tag Lisi bei mir, da hatte ich Ablenkung. Ich durfte nicht aufstehen und bekam starke Schmerzmittel. Die Schlaftabletten verweigerte ich.

Eine Woche war ich wach, da musste meine Verlobte nun doch nach Hause. Am Abend sah mich Lisi traurig an und flüsterte: „Meine Mutter jammert schon. Sie meint, es blieb viel Arbeit liegen, seit ich so viel bei dir, in Wien bin. Sie schimpfte mich, als ich fragte, ob ich noch bleiben dürfte, sie schrie die Schweine gehören geschlachtet, oder willst zu Weihnachten keinen Braten sagte sie dann noch ernst. Friedl weißt eh wie viel Arbeit es macht alles aufzuarbeiten.“ Lisi lächelte: „Vielleicht bist du Weihnachten zu Hause, dann kann ich dir einen guten Braten machen“. Ich nickte und dachte ja das wäre es, Weihnachten zu Hause, das hatte ich schon lange nicht. Sie sah mich lange an, überlegte und sprach weiter: „Du bist ja jetzt übern Berg“, sah mich dabei ernst an. „Ich kann dich doch hier alleine lassen? Bist ja in guten Händen“, flüsterte Lisi mit zittriger Stimme, gab mir einen dicken Kuss, stand auf und ging schnell zur Tür. „Danke Lisi. Danke für alles, bist eine gute Frau“, rief ich ihr nach. Sie drehte sich um und kam zurück, drückte mich und flüsterte: „Ja deine Frau, ich werde auf dich warten“. Sah mir in die Augen und flüsterte: „Friedl, ich verspreche dir, ich werde auf dich warten“. Lisi gab mir einen dicken Kuss, stand auf und ging schnell zur Tür raus, ohne sich umzudrehen. Nun war sie weg meine gute Frau. Ich schaute zur Decke und dachte mir nur, ich will nach Hause zu Lisi und dabei liefen mir die Tränen über die Wangen. Man musste aufpassen, dass keiner die Tränen sah, denn sonst galt man gleich als Schwächling, das wollte keiner, dass man so über einen sprach. Deshalb zog ich die Decke über meinen Kopf und dachte an zu Hause und an meine Lisi.

Ich lag schon längere Zeit im Lazarett, da stand eines Tages Hans vor meinem Krankenbett. Hans, der mit mir im Lastwagen nach Wien gebracht wurde. Er stand einfach vor mir und lächelte mich an. „Na wie geht´s?“, sagte er und zeigte dabei auf meinen Fuß, holte sich einen Stuhl und setzte sich neben mein Bett.

„Es sind noch beide dran“, grinste ich. Hans sagte ernst: „Ich war nicht so mutig“, und schüttelte dabei seinem linken Jackenärmel und meinte: „Der Ärmel ist jetzt leer“. Nach längerem Schweigen fragte ich: „Konnte man ihn nicht mehr retten?“ Hans erzählte ganz nüchtern: „Nein es gab keine Möglichkeit, sie haben mich aber auch nicht lange gefragt“.

Dachte bei mir, zum Glück konnte ich mitentscheiden und sagte ernst: „Stell dir vor, ich mit 24 Jahren. Nur mit einem Bein, müsste mit Krücken laufen, das mit der Hand geht noch, da hätte ich auch zugestimmt, aber der Fuß…“ Ich presste die Lippen zusammen und schaute Hans an. Er nickt zustimmend. Wir schauten uns an und nickten nur. Dann meinte er sichtlich erleichtert: „Der Krieg ist für mich jetzt vorbei, Heimeinsatz nennt sich das“. Wir schauten uns wieder lange schweigend an.

Nach einiger Zeit lächelte ich Hans und an und fragte ihn: „Hast du deine Verlobte getroffen, die in Wien auf dich wartete?“ Mit seiner trockenen Art erzählt er mir dann: „Das war ihr zu viel. Einen Krüppel mit 22 Jahren wollte sie nicht, so sind halt die Weiber. Gut, dass ich sie nicht geheiratet hab“. Er nickte vor sich hin und meinte: „Aber ein Gutes hatte es doch, dass es mich erwischt hat. An die Front muss ich nicht mehr, hab halt dafür meinen Arm hergegeben müssen.“ Hans schaute mich dabei fragend an und meinte: „Wie schaut´s bei dir aus? Musst du wieder an die Front?“

Über das hatte ich noch gar nicht nachgedacht, wie es nun weiter geht, ob ich wieder an die Front müsste. „Wie lange bist du schon da?“, fragte er, da ich ihm keine Antwort auf seine erste Frage gab. „Seit´s uns im Burgenland erwischt hatte. Weiß gar nicht, wie lange das her ist. Liege schon lange hier herum“, sagte ich und blickte Hans fragend an, so als ob er mir vielleicht sagen könnte wie viel Zeit vergangen wäre, seit es uns im Burgenland erwischte.

Hans antwortete nicht auf meinen fragenden Blick, sondern erzähle mir leise, dass die Nachbarin einen Volksempfänger hätte, und da haben sie es gehört. Er schaut sich um und sprach ganz leise weiter: „Die Russen rücken näher. Es war eine Eilmeldung“, beugte sich zu mir und flüsterte kaum hörbar. „Es darf keiner mitbekommen, dass ich solche Sender höre. Friedl, dir kann ich es ja erzählen.“ Hans drehte sich dabei immer wieder um als er davon sprach.

Immer diese scheiß Russen, haben doch schon den Franz geholt, kam mir der Gedanke. Da fiel mir die Uhr ein. „Schau mal! Die hat mir Franz´ Vater geschenkt“, sagte ich stolz, hob die Hand hoch und zeigte Hans die Uhr. „Die lag auf meinen Nachtkästchen im Lazarett …als ich im Koma lag, kam mich Franz` Vater besuchen, der hatte gemeint, dass ich die Uhr behalten solle, dass ich gut auf sie achtgeben muss. Das hatte mir Lisi dann alles erzählt. Ich bekam ja nichts mit. Dass das jetzt mein Talisman sein sollte, sagte er ihr“. Ich zeigte Hans die Rückseite der Uhr, wo draufstand: „Bitte komm gut Heim“. Ich strich mit den Daumen über die Gravur und schaute zur Decke, ich wollte nicht, dass Hans meine feuchten Augen sah. „Das ist jetzt mein Leitspruch: gut heimzukommen. Nicht nur heim, sondern auch gut“, sagte ich leise und hatte immer noch die Augen zur Decke gerichtet. Ich drehte den Kopf zu Hans, wir schauten uns stumm an und er verstand, was ich meinte. Mir standen immer noch Tränen in den Augen.

Hans blieb bis zum Abend. Es tat gut mit jemanden zu reden und auch Scherze zu machen. „Ich komm wieder, wenn es meine Zeit zulässt“, meinte er grinsend. „Hoffe du hast viel Zeit“, sagte ich scherzhaft. Er grinste und meinte: „Alles Einteilungssache“. Von da an kam Hans jeden dritten Tag.

Ansonsten lag ich nur da und dachte viel nach, das war nicht gut. Zu viele wieso und warum Gedanken. Der Arzt meinte, dass ich Ruhe geben muss, sonst wird der Fuß noch steif. Der Verbandswechsel war sehr schmerzhaft, war froh, wenn es wieder erledigt war. Das musste anfangs jeden Tag gemacht werden, später nur jeden dritten. Also lag ich da und warte auf Besuch. Lisi konnte mich nicht besuchen, das hatte sie mir geschrieben, dass viel Arbeit zu Hause sei und die Mutter sonst schimpfe.

Hans hatte Recht, das was er im Volksempfänger hörte. Die Russen kamen näher. Eines Tages hieß es, das Lazarett werde evakuiert. Sie haben uns nicht gesagt warum, aber vermutet haben wir es. Alle, die gehen können, müssen sich auf die Lastwagen begeben und werden nach Linz gebracht, die anderen werden mit dem Rettungsauto zum Güterbahnhof transportiert. So war der Befehl. Es musste alles sehr schnell gehen. Der Arzt und die Krankenschwestern liefen hektisch herum. Die Hilfsschwester war mir beim Anziehen behilflich. Das eine Hosenbein schnitt sie auf, so auf, dass ich die Hose auch anziehen konnte, dann packte sie hastig meinen Rucksack, legte ihn auf meinen Bauch und sagte: „Gut festhalten“, und lief eilig zum nächsten Patienten. In voller Montur lag ich im Bett, dann standen zwei Soldaten vor mir, legten mich auf die Trage und brachten mich zum Rettungsauto. Die fuhren mich und einen anderen Patienten zum Bahnhof.

In den Waggons war schon alles vorbereitet. Vom Lazarett hatten sie Matratzen, Decken und Verbandsmaterial und vieles mehr mitgenommen. Was man braucht für eine längere fahrt. Einen nach dem anderen legten sie hinein. Es war sehr kalt, ich rollte mich in die Decke ein, der Rucksack lag neben mir. So lag ich in der Waggonecke und dachte an Lisi, wenn sie mich nun besuchen kommt, findet sie mich nicht mehr. Ich hielt Franz Uhr in der Hand und schaute sie lange an und las, Komm gut Heim. Ja heimkommen möchte ich. Wollt ja gar nie weg. Nicht von Wien und schon gar nicht von zu Hause. War nicht immer leicht mit meinem Vater, war ein Sturschädel eben. Wie ich meinte, ein Traktor wäre was für uns, lachte er und fragte nur, ob ich größenwahnsinnig geworden wäre. Ist doch nur was für Gutsbauern. Für uns sind die Ochsen schon recht. Oder als ich mit einem Haflinger heimkam: „Was willst mit dem Gaul? Der taugt doch nur zum Spazierenfahren. Und dafür haben wir keine Zeit“, das war seine Meinung. Der Gaul ist immer noch da und jetzt Vaters Liebling. Keiner durfte mehr Gaul sagen, „Ihr wisst gar nicht, wie tüchtig das Pferd ist.“ Das sagte mein Vater zu denen, die über uns lachten, so hatte es mir Lisi am Krankenbett lächelnd erzählt. Bei uns am Land waren eben Ochsen das bessere Arbeitstier. Daheim…, ich freute mich schon so auf Daheim. Und nun bringen sie uns irgendwo hin. Ich band die Uhr auf mein Handgelenk. Franz, gut, dass du bei mir bist, mit diesen Gedanken schlief ich ein. Bevor wir in den Waggon gebracht wurden, bekamen wir alle eine Tablette, so schliefen wir eine lange Zeit. Der Zug rollte mit uns Verwundeten los. Keiner wusste wo hin.

3

Langsam versuchte ich meine Augen zu öffnen. Das ging nur schwer. Ich blinzelte und immer wieder fielen mir die Augenlider zu. Mit viel Kraft versuchte ich die Augen offen zu halten, um zu schauen, wo ich war. Kurz sah ich einen Mann an der Waggonwand neben mir lehnen, der vor sich hinstarrte. Die Tabletten, die sie uns vor dem Abtransport gaben, hatten eine starke Wirkung. So sehr ich mich bemühte wach zu bleiben, ich schlief wieder ein.

Ich hatte keine Ahnung, wie lange wir schon unterwegs waren. Als ich endlich wach wurde, saß der Mann immer noch neben mir und starrte vor sich hin. Er lehnte an der Wand, sah zu mir runter, grinste und fragte: „Willst auch eine Tschick?“ Ich schaute verdutzt. Das Wort, Tschick hatte ich schon lange nicht mehr gehört. Er grinste immer noch und hielt mir die Zigarette entgegen. Ich nickte und fragte ihn dabei, seit wann er schon dasitze?

„Seit wir losfuhren. Dachte schon du wärst tot“, sagte er und gab mir die Zigarette. „Übrigens ich bin der Günter“, meinte er trocken.

„Von wo bist du eigentlich?“, wollte ich wissen. „Denn ‚Tschick‘ sagen sie nur bei uns daheim“. „Ich komme aus St. Pölten, aber daheim sind wir in ganz Österreich“, grinste er und zog genussvoll an der Zigarette. „Wieso bist du hier im Zug?“, fragte ich neugierig: „Hieß ja, nur die, die nicht gehen können, kommen zum Bahnhof“. Günter zog an der Zigarette, grinste und meinte: „Die brauchten mich, die konnten doch die kleine zierliche Krankenschwester nicht mit euch alleine losschicken“. Dabei lächelte er über das ganze Gesicht. „Ich musste mithelfen, euch alle in den Waggon zu bekommen. Du weißt ja, dass es schnell gehen musste.“ Sah mich ernst an und flüsterte: „Ich hatte Glück wäre in den nächsten Tagen entlassen worden … ab zur Front war der Befehl … den hatte ich schon in der Tasche. Die hätten mich nach Polen geschickt.“ Günter nickte vor sich hin und sprach weiter: „Der Leutnant suchte einen Freiwilligen für den Verwundetentransport, der der Krankenschwester zur Hand geht. Da hab ich mich schnell gemeldet.“ Er war sichtlich erleichtert als er davon erzählte. „Besser mit euch irgendwo hin als an die Front“, sagte er mehr zu sich selber. Wir zogen paar Mal an der Zigarette, bis Günter mich fragte: „Bist du schon lange bei dem Verein?“ „Ja über zwei Jahre. Es kommt mir schon ewig vor, und du?“, fragte ich zurück. „Etwas länger als du“, er starrte wieder vor sich hin. Fing dann an zu erzählen: „Vier Jahre schon, hab schon viel gesehen, viel Schlimmes, sehr viel Schlimmes.“ Dabei wurde Günter immer leiser. Er nickt vor sich hin und flüsterte: „Sah viele Freunde sterben, viele starben, gute Freunde, die nicht mehr da sind, scheiß Krieg.“ Das waren seine Worte, dann stand er auf, ging zur anderen Seite und setzte sich hin. Lehnte sich an die Waggonwand und legte seine Arme auf die Knie und dann seinen Kopf darauf. So saß er lange Zeit.

Ja wir hatten alle schon viel gesehen und viel erlebt. Ich lag da und dachte nur, was wohl aus uns werden soll. Wie geht es weiter …? Hört der Krieg je auf …? Jeder versuchte auf seine Weise zu überleben. Sah rüber zu dem Mann, der gerade noch neben mir saß. Was wir alle, die hier liegen, schon durchgemacht hatten. Es hatte jeder im Zug seine eigene Geschichte, warum er zur Wehrmacht ging und jetzt so hilflos da lag. Es wurde nicht viel darüber gesprochen, wieso man dabei war, all das dachte ich mir als ich hilflos und immer noch schläfrig im Waggon lag und sehr fror. Wir hatten nur die Uniform an und eine dünne Decke vom Lazarett und es war schon sehr kalt. Ich war froh, dass ich in der Ecke lag und Günters Platz neben mir war, so hatte ich meine Ruhe. Man musste aufpassen, wem man sich anvertraute, gab noch genug Idealisten, die an den Endsieg glaubten, vor allem wenn es Deutsche waren. Dass der Mann sich so über den Krieg sprechen traute, wunderte mich schon. Ich bin lieber vorsichtiger.