Höhepunkt 90 - Michael Schroeder - E-Book

Höhepunkt 90 E-Book

Michael Schroeder

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Beschreibung

Durch den Bau der Berliner Mauer erreicht die Teilung Deutschlands und Europas 1961 einen dramatischen Höhepunkt. Die Fluchtwelle aus der DDR befindet sich im Spätsommer 1989 auf einem absoluten Höhepunkt. Im September 1990 wird die erste und letzte ›Miss-DDR-Wahl‹ durchgeführt. 40 Jahre musste ein Volk auf diesen Höhepunkt warten. Der 3. Oktober, null Uhr, wird sicherlich der Höhepunkt der Festlichkeiten zum ›Tag der Deutschen Einheit‹ sein. Mittlerweile gibt es fast jeden Tag einen historischen Höhepunkt. Daher sollte man die gegenwärtigen Zerwürfnisse und Ärgernisse nicht als den Höhepunkt des ›Lebens-Dramas‹ ansehen. Lieber weiter diszipliniert auf einen imaginären Höhepunkt warten. Und sich dann, mit einer verblüffenden Wendung und etwas innerer Dynamik auf den nächsten emotionalen Höhepunkt vorbereiten.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 325

Veröffentlichungsjahr: 2023

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MICHAEL SCHROEDER

HÖHEPUNKT 90

MICHAEL SCHROEDER Jahrgang 1951, in Stralsund geboren. Seit 1958 in Berlin (Ost) wohnhaft. 1968 bis 1971 Ausbildung zum Fernmeldemechaniker mit Abitur, danach, bis 2011, in der Telekommunikationsbranche tätig und seitdem als freischaffender Rentenempfänger beschäftigt.

Zuletzt erschienen von ihm: Position 79 und Stellung 85.

MICHAEL SCHROEDER

HÖHEPUNKT 90

Die Zumutung fängt gerade erst an

IMPRESSUM

© 2023 Michael Schroeder

Verlagslabel: EDITION BOGEN & BAUSCH

ISBN Softcover:

978-3-347-97042-7

ISBN Hardcover:

978-3-347-97043-4

ISBN E-Book:

978-3-347-97044-1

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany

Umschlaggestaltung: Michael Schroeder unter

Verwendung eines Fotos der 1896 entstandenen

Bronzeskulptur Der seltene Fang von Ernst Herter.

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig.

Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter:

tredition GmbH, Abteilung ›Impressumservice‹, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Die Handlung des vorliegenden Romans ist fiktiv. Sämtliche Figuren, mit Ausnahme der Personen des Zeitgeschehens, sind frei erfunden. Jedweder Bezug der Romanfiguren zu realen Personen ist rein zufällig.

Für U. & C.

Die meisten von uns glauben gern, wir seien das aktive Subjekt unserer Erfolge, aber das passive Objekt unserer Niederlagen. Wir triumphieren, scheitern aber niemals, sondern werden ruiniert von Kräften, die sich unserer Kontrolle entziehen.

Hernan Diaz Treue

Inhalt

Cover

Halbe Titelseite

Titelblatt

Urheberrechte

Widmung

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SIEBEN

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EINS

Auf leisen Sohlen schleppen wir uns im Moment, mit immer geringer werdender Begeisterung, durch die hastig vorbeieilende Zeit.

Allerdings sind wir noch auf Haltung bedacht. Nur gelingt uns das anscheinend weder am Morgen, was man ja vielleicht verstehen könnte, noch im Laufe des Tages, was schon bedenklicher erscheint und schon gar nicht am Abend. Nun gut, da sind wir meist zu müde.

Einst haben wir uns trotzig gegen, uns nie sehr wohlwollende, Hochfluten gestemmt. Davon ist offenbar bloß noch ein kümmerliches Aufbäumen verblieben. Manch einer hält das aber eher für ein Wegducken unsererseits.

Der Stuhl wippt. Es ist ein gutes Gefühl.

Mir tut mein Hintern nicht so weh wie auf anderen Sitzgelegenheiten.

Doch vermutlich habe ich mich schon lange nicht mehr so übertrieben gekränkt und verletzt gefühlt wie heute. Woran mag das wohl liegen?

Leider führen immer mehr Erkundigungen über diesen Zustand nur zu recht mickrigen Resultaten. Oder hab ich die Antworten auf meine Fragen bereits falsch gestellt? Wenn ja, liegt der Ursprung dieses Grundgedankens gewiss schon etliche Momente zurück. Und so wird es wohl bei dem weitherzigen Versuch einer Bestandsaufnahme bleiben.

Sicher, man kennt das, diese ewig nervigen Anfänge mancher Filme.

Irgendetwas Wichtiges passiert – ein Mord zum Beispiel. Oder ein Mann hat sein Gedächtnis verloren oder sein Vermögen oder beides. Eine Frau hat ihren Einkauf vergessen und sieht ihren Mann mit einer fremden Frau hemmungslos herumknutschen oder sie erwischt die beiden im Bett – oder irgend so etwas Ähnliches.

Und dann, kommt eine Einblendung: ›24 Stunden zuvor‹ oder ›eine Wochen vorher‹ oder ›Berlin 1945‹ oder ›am Montag vor zwei Wochen‹ oder … keine Ahnung und dann wird erzählt, wie die ganze Geschichte begonnen hat.

Furchtbar. Oder?

Könnte es etwa so gewesen sein?

›48 Stunden vorher.‹

Ich warte hinter dem Eingang auf Anne. Sie hat versprochen mich abzuholen. Aber nun stehen hier schon etwa acht Leute, die ich alle nicht kenne.

Da kommt ein ziemlich großer Wagen um die Ecke. Es gibt ein großes Begrüßungsgeschrei.

Anne steigt aus, geht um den Wagen und stellt sich vor die Beifahrertür. Die anderen fangen schon mal an, sich in das Auto zu drängen. Natürlich auch nach vorne. Aber Anne lässt da keinen rein. Mit dem Zeigefinger lockt sie mich an.

»Du!« sagt sie und öffnet die Tür.

Sie küsst mich auf den Mund.

Hinten ist Gejohle.

Worauf ich mich hier gerade einlasse, weiß ich nicht. Ob ich jemals selbst handle oder immer bloß tue, was man oder frau von mir will? Ist das, das Wesen der Freiheit? In Wirklichkeit hab ich Anne seit fünf Jahren nicht mehr gesehen – folglich muss es sich hier um eine Träumerei handeln.

Oder doch eher so?

›24 Stunden später.‹

Eigentlich dachte ich, es wäre einfacher loszuquatschen … geht aber wohl doch nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe.

Liegt es daran, dass … Ach ja, die Männer wollen immer nur das Eine. Aber was ist das eigentlich? Das Eine? Was sollte das bitteschön sein?

Stellst Du dich jetzt nicht künstlich dumm, fragt Katharina.

Und was ist daran schlimm? Eigentlich hab ich gedacht, Du willst…

Das ist wieder typisch. Bei unseren letzten vier Unternehmungen war es so, dass Du entschieden hast, was wir machen. Es wäre schön, wenn Du mich …

Nee, so geht das nicht.

Ausreden. Einfach mal ausreden lassen. Aber, geht ja wohl bei Dir nicht. Wer nun hier das Sagen hat?

Halt doch einfach mal die Klappe.

Eigentlich fällt es mir schwer, nach einem solchen Tagesauftakt ruhig zu bleiben. Ich werde mir aber Mühe geben.

Sicher nicht!

Mann, Mann, Mann.

So kann Frau sich auch verabschieden:

Tür, knall, bumm.

Danke. Denkst Du, das tut mich beeindrucken?

Ach, vergiss es einfach. Fabian – kommst Du endlich mal! Alles, wirklich alles, bleibt an mir hängen. Das fing schon in meiner Kindheit an. Meine kleine Schwester Sigrid war schon immer eine nicht zu unterschätzende Belastung für mich. Das hat wohl keiner wahrgenommen. Gestreichelt wurde immer nur ihr blödes blondes Haar.

Allerdings reicht das nicht.

Wofür?

Ich mach jetzt gleich ganz laut Musik an.

Frau Lohmann, das ist nun wirklich nicht nötig. Keine Ahnung. Aber wenn Du mich nicht in die Planung einbeziehst, fühle ich mich übergangen und überrumpelt.

Ob diese Episode – wann wird das gewesen sein – sich wirklich so zugetragen hat? Wahrscheinlich war es viel später.

Viel früher? Das ›Kind‹ wird im April 16!

Wir hatten uns das geteilt. Fabian brachte ich fort. Mein Mann Jürgen war am Nachmittag dran.

Trotzdem, durchatmen. Ach Fabian, komm doch endlich.

Eigentlich muss die Mutter da sonst nicht weinen. Wozu auch.

Mach ich ja auch nicht.

Wir müssen looos!

Trödelkind geschnappt und auf zur Straßenbahn. Warum wird die heute Tram genannt?

Es knallen ja bei uns nicht immer nur die Türen.

Vorgestern waren es die Sektkorken und die ›Blitz- Knaller‹. Besser und lauter sind die ›Harzer-Knaller‹. Fabian mag die Knallerei nicht. Hat er nie gemocht. Früher vielleicht mal eine Wunderkerze oder zugucken, wenn ich eine Rakete starten lasse. Dann aber aus sicherem Abstand.

Das neue Jahr hat gerade begonnen. Jetzt sind davon immerhin schon wieder zwei Tage um.

Dienstag – Spätdienst.

In der Zwischenzeit wurde aufgeräumt. Hier bei uns, Zuhause und am Brandenburger Tor. Da gab es einen Toten und fast 300 Verletzte. Eine 15 Meter hohe Videowand ist eingestürzt. Über 500 Leute waren auf dem Tor. Hochgeklettert. Das hat sich erst nach Mitternacht abgespielt. Am nächsten Tag war das in den Nachrichten und heute in der Zeitung. Wir waren natürlich brav daheim und es sind hier auch keine Schäden zu vermelden. Das unser Sohn noch mit dabei war, ist bald nicht mehr so selbstverständlich. Der hat sich am Nachmittag mit Freunden getroffen, aber um 12 hat er mit uns angestoßen.

Eier und Spinat stehen auf meinem Einkaufszettel. ›Feinfrost Spinat‹! Hat Katharina extra gesagt.

»Kein Spinat im Glas! Der schmeckt immer so säuerlich und knirscht manchmal auch zwischen den Zähnen. Jürgen, bring bitte ›Feinfrost Spinat‹ mit! Der ist in so’ner grünen Verpackung mit ‘nem Schneemann drauf.«

»Und wenn‘s keinen gibt?« Das kennen wir ja zur Genüge.

»Leergut kannst Du bitte auch gleich wegbringen.«

Im vergangenen Jahr haben die in unserer Kaufhalle eingeführt, dass man nach der Auszahlung des Pfandbetrages die Flaschen selbst in die Kästen sortieren muss. Woanders gab‘s das wohl schon lange. Bei uns hat da immer noch ein Kaufhallenmitarbeiter gestanden und das gemacht.

Nun ja. Durchatmen.

Nicht aufregen. Warum auch. Bis ich zur Arbeit muss, ist noch Zeit. Ich schaff das.

Erst mal trink ich einen Magenbitter. Und DANN.

Dann suche ich die Flaschen zusammen. Über die Feiertage ist einiges zusammengekommen. Das wird gerade in die zwei Beutel passen. Oder auch nicht. Doch, doch, es geht.

So langsam muss man aber doch mal nachdenken wie es weiter gehen soll.

Es wird schon.

Klig klong.

Unsere Klingel hat eher einen sehr schnarrenden Ton. Nichts mit: Klig, Klong. Eher: Qureeeeeeck. Oder so ähnlich. Ich könnte es vormachen. Wenn es gewünscht wird.

»Herr Jochen Lohmann? Guten Tag ich bin vom Deutschen Roten Kreuz.«

»Nee, Jürgen Lohmann ist mein Name.«

Wie blöd. Das müssen wir noch lernen. Ungefragt solche Antworten geben. Wer macht denn so etwas? Eigentlich wollte ich gerade Flaschen wegbringen und der Typ nervt jetzt.

Deshalb übernehme ich sofort die Initiative.

»Haben Sie schon mal was von einem Mann mit dem Namen Wassili Arkadjewitsch Rachmaninow gehört?« frage ich mein Gegenüber.

Der Typ sieht mich etwas verwirrt an. Wie es scheint hab ich ihn aus seinem Konzept gebracht. Also fahre ich fort: »Das war der Vater von Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow. Wie? Nie gehört? Russischer Pianist und Komponist. Nicht Kommunist und auch nicht sowjetisch! Aber Hallo! Im letzten Jahr ist bei ›ETERNA‹ gerade die Platte mit seinem Zweiten Klavierkonzert rausgekommen.«

Das Mühlrad in seinem Kopf scheint sich chaotisch zu drehen. Sollte ich ihm jetzt mal die Chance geben zu antworten? Lieber nicht.

»Der Vater, war ein gutmütiger und geselliger Phantast. Seine Frau hatte ein Vermögen in Form von fünf Landgütern in die Ehe eingebracht. Wassili Arkadjewitsch fehlte jedoch jede wirtschaftliche Befähigung für eine Bewirtschaftung und so führte er die Betriebe innerhalb von zehn Jahren in den Ruin.«

Selbstverständlich hat es dieses Gespräch so nie gegeben. Irgendwann im Nachhinein, dachte ich, so hätte es laufen können, sollen.

Stattdessen sag ich: »Wo soll ich unterschreiben?«

Und er: »Ihre Adresse hab ich ja.«

Trübe grüßt mich aus dem Nebenzimmer das Licht der Besonnenheit. ›Einsicht‹ wäre in diesem speziellen Fall sicherlich von erheblich besserem Vorteil für mich, jedoch sicher nicht für den anderen gewesen. Was solls. Da sage ich jetzt lieber nichts zu.

Spinat gab es in der Kaufhalle nicht. Oder ich hab ihn nicht gefunden. Was auch eine Möglichkeit wäre. Oder ich habe nicht richtig hingeguckt. Was ebenfalls eine nicht zu entschuldende Tatsache darstellt und kaum zu erklären ist. Wie ich das meiner Frau beibringen sollte, wusste ich nicht. Doch vielleicht blieb mir das ja erspart, da ich erst spät Nachhause kam.

Der Rest des Tages verlief dann so einigermaßen. Auf dem Weg zur Arbeit blieb ich erst mal am S-Bahnhof hängen. Es fuhr nichts – Schienenbruch. Bei Temperaturen um die null Grad kann es doch nicht an der Witterung liegen – denkt man. Ersatzverkehr mit Bussen – doch es kam keiner. ›Wenn schon kein Schnee fällt … lassen wir wenigstens die Preise fallen‹. Bei uns gibt es jetzt auch einen ›Winterschlussverkauf‹. Ob ›Centrum am Hauptbahnhof‹ oder Intershop, alle machen mit. Preissenkungen in Höhe von 30 bis 60 Prozent werden versprochen.

Die Leute sind langsam ungehalten – kein Bus in Sicht – »Scheiß Osten!« Na da werdet ihr euch noch wundern. Besser wird’s nicht werden.

Obendrein gibt es jetzt noch ganz neue Probleme – »Ick hab jetzt meinem Bengel seinen Personalausweis abgenommen.«

»Wieso’n ditte? «

»Na wegen die Drogen. Der ist 14. Is ja klar, det der neujierig is. In dem Alter. Der würde doch ouch ohne meine Erlaubnis in‘n Westen fahren. Kannst‘e ne Rauschgiftzigarette von ner normalen unterscheiden? – Na siehste. Hört man doch. Schon einmal Ausprobieren macht abhängig!«

»Dit kannste uf kenen Fall machen. Dit jet voll jegen de Prinzipien.«

»Häääh? Watten für Prinzipien? Ick werd mir als Mutter doch wohl noch Sorjen machen dürfen.«

Da immer noch kein Bus gekommen ist, gehen nun einige versuchsweise zurück zum S-Bahnhof. Von dort sind Fetzen unverständlicher Lautsprecherdurchsagen zu vernehmen.

›In’n Westen fahren‹ war jetzt mal ein Stichwort. Da fällt mir gleich was zu ein. Bisher konnte jeder im Westen kostenlos S- und U-Bahn und Bus benutzen. Straßenbahn gibt’s da ja nicht. Brauchte man nur unseren blauen Personalausweis oder den DDR-Pass vorzuzeigen. Hat gereicht. Das ist aber nun vorbei.

Seit dem 1. Januar benötigt man einen Fahrschein und der kostet zwei Mark! Das ist ein ganz schöner Hammer. Wo man doch bei uns sonst nur 20 Pfennige in die Zahlbox zu werfen braucht. Selbst das nehmen viele nicht so genau. Werfen nicht mal einen Knopf rein, sondern fahren gleich so, ohne zu bezahlen.

Die Fahrscheine gibt’s jetzt hier am Schalter im S-Bahnhof. Oder auch in den Kaufhallen. Damit kann man zwei Stunden lang im Westen fahren und auch umsteigen. Wem das nicht reicht, für den gibt es eine Tageskarte für fünf Mark.

Ich hab mir das schon überlegt. Wenn ich mal rüber will, um nur ‘ne Kleinigkeit zu kaufen, geht das in zwei Stunden. Vor Weihnachten waren wir am Kottbuser Damm, wo es viele Geschäfte gibt. Da kommt man gut hin. Der Übergang Jannowitzbrücke wurde ja gleich am 11. November aufgemacht.

Bis dahin mit der S-Bahn und dann in die U-Bahn. Dort muss jetzt auch dieser neue Fahrschein entwertet werden. Also nicht gleich hier wo man losfährt.

Wenn man dann aus dem U-Bahnhof ›Kottbuser Damm‹ rauskommt, entgegen der Fahrtrichtung, hinten, links, ist da ein ›Reichelt‹ Supermarkt. Ist ein bisschen teuer. Aber ein tolles Angebot. Viel Westgeld haben wir nicht. Wir sind aber ziemlich sparsam und von den 300 D-Mark Begrüßungsgeld, was wir als Familie im November bekommen haben, ist ja noch gut was übrig. Da können wir uns schon mal einen Joghurt leisten. Für jeden einen Becher. Drei verschiedene Sorten und dann wir reihum probiert.

Von ›Reichelt‹ könnte man dann Richtung Kottbuser Tor laufen und noch im ›Bilka‹ Kaufhaus vorbeischauen. Oder andere Richtung zum Hermannplatz und bei ›Karstadt‹ rein. Hin und zurück ist das in zwei Stunden mit einer Fahrkarte zu schaffen.

Auch wenn man zur ›Amerika-Gedenkbibliothek‹ will geht das. Das ist überhaupt der Wahnsinn. So eine riesige Bibliothek. Und die Bücher kann man sich alle selbst aus den Regalen nehmen. Da war ich auch schon im Dezember. Das hatte ich von einem Kollegen gehört, dass man sich als DDR-Bürger da anmelden kann. Vorsichtshalber hab ich an der Grenze, als ich rüber bin, aber noch gefragt, ob ich mir wirklich von da Bücher mitbringen darf. Das kann man ja immer noch nicht so richtig glauben, dass das alles möglich ist. Und was hab ich mir als erstes ausgeliehen? Stefan Heym ›5 Tage im Juni‹ – über den Aufstand von 1953 – was bei uns verboten war.

Also, die S-Bahn fuhr dann wieder und ich kam nur etwa 30 Minuten zu spät zu meiner Nachmittagsschicht, was auch niemand interessierte.

Es geht ja im Moment sowieso alles etwas drunter und drüber. Unsere Chefin ist verschwunden. Schon seit Mitte Dezember. Erst hieß es, sie sei krankgeschrieben. Dann, sie ist im Westen oder entlassen worden oder versetzt. Keiner hat wirklich Ahnung, was mit ihr los ist. Man munkelt, unsere Abteilung soll demnächst einem anderen Leiter unterstellt werden.

Von der alten Belegschaft sind sonst noch alle da. Nur einer von unseren Lehrlingen ist im letzten Sommer abgehauen. Über Ungarn wie sich im Nachhinein herausstellte.

Ob das hier bei uns überhaupt weitergeht?

An unserer Wandzeitung hängt der Aufruf ›Für unser Land‹ – ›Noch haben wir die Chance, in gleichberechtigter Nachbarschaft zu den Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln.‹ Die Schriftstellerin Christ Wolf hat das so formuliert. Aber will denn noch jemand ernsthaft diese Alternative?

Ich hatte das gleich, nachdem es rausgekommen war, ich glaub das muss in der letzten Novemberwoche gewesen sein, da angepinnt und eine Liste gemacht, so mit Name, Beruf und Wohnort und das dann an die angegebene Adresse geschickt. Es gab einige Diskussion darüber und es haben auch nicht so viele unterschrieben. Ein Grund war vielleicht, dass sich herum gesprochen hatte, dass Egon Krenz zu den Unterzeichnern gehörte.

Ausgerechnet der hat den Begriff ›die Wende‹ erfunden. Im Oktober sagte er wörtlich nach seiner Wahl zum SED-Generalsekretär: ›Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten. Werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wieder erlangen.‹

Krenz wurde ja schon früh, da war er noch Chef der FDJ, als ›Kronprinz‹, also als Honeckers Nachfolger gehandelt. Beliebt war der jedoch nie. Ich erinnere mich gut an das Transparent auf der großen Demonstration auf dem Alexanderplatz am 4. November – Krenz als gefräßiger Wolf mit ›Omamütze‹.

Darunter der Text:

›Großmutter warum hast Du so große Zähne‹.

Das mit der Demo, auf der wir und 500.000 andere waren, ist nun schon wieder zwei Monate her. Seitdem ist viel passiert. Die Mauer ist auf. Wir sind aber immer noch hier. Krenz ist dafür weg. Also nicht mehr Generalsekretär seiner Partei. Die nennt sich jetzt ›Sozialistische Einheitspartei Deutschlands – Partei des Demokratischen Sozialismus – SDE/PDS‹ und wird seit Anfang Dezember von Gregor Gysi angeführt. Der ist in letzter Zeit regelrecht zum Medienstar geworden. Früher kannte den kaum jemand. Aber ich glaub, der war auch schon vorher mal im Westfernsehen, weil er der Anwalt von Robert Havemann und Bärbel Bohley war. Sein Vater Klaus, von dem hatte ich schon früher des Öfteren mal was gehört. Der war der erste Botschafter der DDR in Italien. Anschließend wurde er Staatssekretär für Kirchenfragen. Das lag aber glaube ich nicht daran, dass er in Rom mal vom Papst zur Audienz empfangen wurde.

Mittlerweile ist es nach 19 Uhr und ich bin jetzt alleine hier. Draußen wehen einige wenige Schneekrümel vorbei. Zum Wochenende soll es ja etwas mehr werden. Da muss ich auch nicht arbeiten, also könnten wir da was gemeinsam unternehmen.

Seit dem letzten Sommer machen wir wieder richtig durchgehenden Schichtdienst. Was das soll weiß keiner. Hatten wir ja schon mal. Wurde dann abgeschafft. Und nun? Hinter vorgehaltener Hand hieß es, aus Sicherheitsgründen.

Keine Ahnung wieso. Ist auch egal. Ich bin den Schichtdienst von früher gewöhnt und meine Familie auch. Hat alles seine Vor- und Nachteile.

Am 9. November, das war ja ein Donnerstag, hatte ich Frühdienst. Katharina war zuhause, krankgeschrieben – grippaler Infekt. Da haben wir am Abend im DDR-Fernsehen die Pressekonferenz mit dem Schabowski gesehen. Hätte man sich auch nicht vorstellen können, dass unsere Nachrichten mal interessanter und aktueller waren als die im Westen. Früher hat doch kein Mensch freiwillig die ›Aktuelle Kamera‹ eingeschaltet. Ich hab den Satz »Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich« so verstanden wie er auch von Schabowski gemeint war – es ging um die Ausreise aus der DDR.

Anfang der Woche war der Entwurf des Reisegesetzes veröffentlicht worden. Es gab nun die Hoffnung, dass es mit Besuchsreisen nach dem Westen für alle etwas werden würde. Zwar auf Antrag, aber ohne Voraussetzungen, also nahe Verwandtschaft. Und 30 Tage im Jahr waren ja nun auch besser als bisher.

Ich hab dann den Fernseher umgeschaltet und in der ›Abendschau‹ vom SFB um halb acht, war der Regierende Bürgermeister Walter Mompert zu Gast. Der redete vom historischen Tag, dass in Zukunft alle ausreisen dürfen und das Privatreisen für alle Bürger genehmigt werden. In der anschließenden ›Tagesschau‹ ging es hauptsächlich darum, dass DDR Bürger nicht mehr über dritte Staaten sondern direkt in die Bundesrepublik ausreisen können. Genauso im ›heute-journal‹ um dreiviertel Zehn. Da haben sie auch noch gar nicht von irgendeiner Grenzübergangsstelle berichtet. Nur von der Bayrische Grenzen, über den Strom von DDR-Flüchtlingen aus der Tschechoslowakei. Weiter ging es dann noch um Kohls Polenreise, die Rentenreform, Fußball – Stuttgart gegen die Bayern. Als das Wetter dann kam, habe ich ausgeschaltet und wir sind ins Bett gegangen. »Na mal sehen, was das wird« hab ich zu Katharina gesagt. Dass die Mauer jetzt wirklich offen ist, haben wir nicht geglaubt. Wie sich dann später herausstellte, war sie es zu diesem Zeitpunkt ja auch noch nicht.

Die ›Tagesthemen‹ 20 vor 11 liefen dann schon ohne uns. Deshalb haben wir auch nicht mehr Hanns- Joachim Friedrich gehört: »Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind, die Tore in der Mauer stehen weit offen.«

Wir haben diese historische Nacht verpennt und ich glaube, trotz Katharinas Erkältung, gut geschlummert. Mit den Worten: »Die Mauer ist auf!« hat uns dann Fabian am nächsten Morgen geweckt.

Eins der Telefone auf meinem Arbeitsplatz klingelt gerade. Es ist der Apparat mit der Nummer, die wir immer für private Gespräche nutzen. Ich schau auf die Uhr – kurz vor 21 Uhr. Das könnte Katharina sein. Bevor ich abnehmen kann, ist schon wieder Ruhe. Es hat nur einmal geklingelt.

Fünf Minuten später wieder ein Anruf. Ich lass es erst mal läuten, nach dem dritten Mal nehme ich dann den Hörer ab.

»Ja? Lohmann.«

Schweigen am anderen Ende.

»Hallo, wer ist da? Ich hör nix.«

Stille.

Auch ein weiteres, freundliches »Hallo« nützt anscheinend nichts. Es ist nur ein leises Surren zu vernehmen. Dann – »Klick!« – der Anrufer hat anscheinend aufgelegt – es ertönt das Besetztzeichen »tut, tut, tut, tut …« War das jetzt eine Anwesenheitskontrolle? Oder was?

Ich rufe Katharina an:

»Hast Du eben bei mir angerufen? «

»Nein, wieso?«

»Ach, ist schon gut. War nur ’ne Frage. Ist ja gleich Feierabend. Bist Du noch auf wenn ich komme?«

»Weiß ich noch nicht. Mal sehen.«

»Na dann… Tschüss.«

Kein Satz, kein Wort, kein Schweigen, keine noch so lange Pause ist ohne Bedeutung.

ZWEI

Berliner werden wie immer bevorzugt. Die sind natürlich andauernd, und jetzt schon wieder im Vorteil. So tönt es aus der Provinz. Wobei ›Provinz‹, sagt ja keiner. Es sind die ›DDR-Bezirke‹. Und von Dresden und Suhl bis Schwerin und Rostock, oder in der ›Heldenstadt‹ Leipzig, überall ist man sich einig, die Hauptstädter sind schon wieder in ungerechter Weise begünstigt. Sie können einfach mal nach Feierabend in den Westen fahren, während für alle die anderen nur das Wochenende bleibt. Oder man muss Urlaub nehmen.

Wir (Fabian kommt direkt mal mit) fahren heute aber auch am Wochenende. Jetzt, Anfang des neuen Jahres hat sich der Massenansturm auf den Westen schon etwas gelegt. An diesem Sonnabendvormittag, ist am Übergang Oberbaumbrücke und in der Bahn noch nicht besonders viel los.

Unser Sohn hat Anfang Dezember an seiner ersten Schülerdemonstration teilgenommen. Es ging um die sofortige Einführung des ›Fünf-Tage-Unterrichts‹. Offiziell soll es den unterrichtsfreien Sonnabend nach den Winterferien geben. Die enden am 3. März. Viele Eltern haben ihre Kinder aber sowieso schon mit vagen Begründungen am Sonnabend aus der Schule genommen. Nun fällt der Unterricht bis auf weiteres aus, weil angeblich die Sicherheit des Unterrichts am Sonnabend nicht mehr gewährleistet ist!

Wie in allen anderen Bereichen geht es auch in der ›Volksbildung‹ drunter und drüber. Staatsbürgerkundeunterricht und Geschichte gibt es vorläufig nicht mehr. Wehrunterricht sowieso nicht. Russisch soll keine Hauptfremdsprache mehr sein.

Kurz vor Weihnachten hatte ein Untersuchungsausschuss der Volkskammer, der Amtsmissbrauch und Korruption untersuchen soll, Margot Honecker, ehemals Minister für Volksbildung, vorgeladen.

Wer glaubt denn noch dieser, auf ihrem Besen aus volkseigener Produktion reitenden, ›Lila Hexe‹? Die sagte noch im letzten Sommer über die Leute, welche über Ungarn geflohen sind: »Ich verstehe das nicht. Sind die Leute so blöd? Die haben doch in der Schule gelernt, was Kapitalismus bedeutet.« Fehler hat sie selbstverständlich nicht gemacht. Die alleinige Schuld für die Misere sei nicht ihr oder der Volksbildung anzulasten und die Fähigkeit jedes einzelnen läge ihr am Herzen. Später behauptete sie, der sozialistische Staat sei nicht an seinen Fehlern gescheitert, sondern: »Wir haben es nicht vermocht, dem Gegner hinreichend Widerstand entgegenzusetzen.«

Wenn ich Fabian frage was sich in der Schule geändert hat sagt er: »Na ja, jetzt darf jeder seine Meinung sagen. Zum Beispiel dass Honecker bescheuert ist. Die meisten Lehrer sind freundlicher geworden und wir haben die Tische anders hingestellt. Zum Unterrichtsbeginn braucht keiner mehr Meldung zu machen. Fahnenappell findet nicht statt. Das FDJ-Hemd trägt keiner. Das waren sowieso nur noch ein paar ›Genossenkinder‹, die das anhatten.«

Mir fällt auf, dass ich mal von ›meinem‹ und mal von ›unserem‹ Sohn rede. Ist das normal? Wenn wir als Familie zusammen sind ist es ›unser‹ Sohn? Wenn ich mit ihm alleine bin, ist es ›mein‹ Sohn?

Gleich nach der Grenzöffnung, am Sonnabend, dem 11. November, bin ich dann also mit ›meinem‹ Sohn in den Westen gefahren. Katharina war ja noch erkältet. Es ging ihr zwar schon wieder ganz gut, doch sie wollte nicht. Im Gegensatz zu uns beiden war sie ja auch erst, vor nicht allzu langer Zeit, drüben gewesen. Davon vielleicht später.

Es waren ja an diesem Tag Menschenmassen unterwegs. An der Oberbaumbrücke sind wir rüber. So richtig wusste ich erst nicht wohin. Wir landeten schließlich an der Möckernbrücke und stellten uns am dortigen Postamt an, um unsere 100 D-Mark Begrüßungsgeld abzuholen. Wie lange das dauerte, weiß ich nicht mehr. Es hielt sich glaube ich in Grenzen. Dann sind wir mit der U-Bahn weiter nach Neukölln. Die Gegend kannte ich noch von vor 61, also vor dem Mauerbau. Da war ich zehn Jahre alt, hab aber viele Erinnerungen daran. Meine Mutter ist immer mit uns, also meinem Bruder Thomas und mir, nach Neukölln, wenn wir mal rüber sind. Ich nahm lange an, wir würden dahin fahren, weil es dort die ›Karl-Marx- Straße‹ gab und es deshalb nicht so schlimm sei, in den Westen zu fahren. Das habe ich mir aber wahrscheinlich alles nur eingebildet. Wir wohnten zu der Zeit in der Nähe des S-Bahnhofs ›Stalinallee‹ und da war von uns aus gesehen wohl die Karl-Marx-Straße einfach nur die nächste Einkaufsstraße im Westen.

Jetzt ist auch Fabian überrascht: »Was? Hier gibt es auch eine Karl-Marx-Straße?« tut er laut seine Verwunderung kund als wir in den U-Bahnhof gleichen Namens einfahren.

»Ja, da staunst Du« sagt ein älterer Herr zu ihm »Karl-Marx gibt’s eben nicht nur bei Euch.«

Und mein Sohn fällt gleich noch mal aus allen Wolken. Denn mit den Worten: »Hier, für Dich. Kauf Dir was Schönes« drückt der Mann ihm beim Aussteigen einen 20 D-Mark Schein in die Hand und verschwindet auf dem Bahnsteig.

Wie das mit Fabian weitergeht? Keine Ahnung. Also was die Schule betrifft. Er ist ja nicht in der FDJ, das wollte er nicht. Früher, bei den Pionieren, da wollte er, aber wir nicht. Jugendweihe das gleiche. Doch da hat er sich durchgesetzt. Ach was hat uns das für Besuche von seinen Klassenlehrern beschert.

In der 8. Klasse ist er natürlich nicht auf die Erweiterte Oberschule gekommen. Die Zensuren hätten zwar für den Weg zum Abitur gereicht, seine ›gesellschaftliche Tätigkeit‹ ließ jedoch zu wünschen übrig. Er war eben keine ›sozialistische Persönlichkeit‹. Und um dann nachher vielleicht gedrängt zu werden, sich ›freiwillig‹ für drei Jahre zur Armee zu verpflichten, nur damit man einen Studienplatz bekommt – nee, das wollte er nicht und wir auch nicht. Deshalb hatte er sich dann für eine Ausbildung als Elektronikfacharbeiter in meinem Betrieb, entschieden. Doch vielleicht wird das nun doch alles noch ganz anders.

Erst mal abwarten.

»Was hat sich sonst noch so für dich geändert?« frage ich unseren Sohn.

»Mit Freunden hab ich neulich auf dem Alexanderplatz Musik gemacht.« – Fabian spielt ganz passabel Mundharmonika, aber das ist mir neu.

»Davon wusste ich ja gar nichts. Wann war das denn?« fragt auch gleich die besorgte Mutter.

»Na in der Woche nach Weihnachten. Ihr müsst ja auch nicht alles wissen. Klar – früher war so etwas verboten, obwohl keiner wusste warum. Da hat die Polizei manchmal die Musikinstrumente weggenommen und wenn du Pech hattest die Musiker auch gleich mit. Doch jetzt ist das kein Problem und wir haben sogar ein bisschen Geld dafür bekommen.«

Meistens sind wir bisher in den Westen von Jannowitzbrücke Richtung Hermannplatz mit der U-Bahn Linie 8 gefahren. Wir sind dann aber auch bald, so wie heute, mit der U-Bahn ›Linie 1‹ gefahren – vom ›Schlesischen Tor‹ in Richtung ›Zoo‹. Schon wegen dem Musical mit dem gleichnamigen Titel. Daher kannte man ja diese Linie überhaupt erst im Osten. Die Musik, zum Beispiel das Lied von den ›Wilmersdorfer Witwen‹, eine Zeile geht so: ›Vom Kudamm bis zum KaDeWe sind wir die Sahne im Kaffee‹, wurde ziemlich oft im Radio gespielt. Der Film lief dann bei uns im Kino ›International‹ ab Mai vergangenen Jahres. Haben wir uns gleich angesehen und sofort wieder gedacht, da kommen wir ja sowieso nie hin.

Und nun, ein gutes halbes Jahr später fahren wir mit der Linie 1 – Wahnsinn, einfach Wahnsinn.

Am Bahnhof ›Kottbuser Tor‹ frage ich mich, wieso die hier Cottbus mit ›K‹ schreiben.

Heute fahren wir nicht bis zum Zoo, sondern steigen am Wittenbergplatz um in die Linie 3 Richtung ›Krumme Lanke‹. Während unsere U-Bahnhöfe im Osten und der überwiegende Teil der Stationen, die ich bisher im Westen gesehen habe, recht schlicht daher kommen, ändert sich dies auf dieser Linie ab dem ›Hohenzollernplatz‹. Hier fällt die repräsentative Gestaltung auf. Es überwiegt aufwendige Säulenverkleidung aus Granit, Kassettendecke mit gold-blauen Mosaikeinlagen und hängenden Leuchtkandelabern. Durch seine Kreuzgewölbe erinnert der U-Bahnhof ›Heidelberger Platz‹ schon fast an eine Kathedrale.

In Dahlem kommt die Bahn wieder an das Tageslicht. Das ist hier aber keine Hochbahn wie in der Schönhauser Allee oder in Kreuzberg. Unmittelbar vor dem U-Bahnhof ›Podbielskiallee‹ verlässt die Bahn den Tunnel und fährt in einem Geländeeinschnitt weiter.

Bei ›Dahlem‹ fällt mir übrigens gleich ein, dass wir fast jeden Abend vor der Abendschau den Wetterbericht vom ›Meteologischen Institut der Freien Universität Dahlem‹ sehen.

Vielleicht hab ich mich jetzt etwas zu ausführlich über die U-3 ausgelassen, doch ich muss schon sagen, dass ich von den Stationen, die so ganz anders aussehen als bisher gewohnt, etwas beeindruckt war. Und da hatte ich noch gar nicht die Postmodernen Bahnhöfe zwischen ›Spandau‹ und ›Rohrdamm‹ oder die der ›Residenzstraßen-Strecke‹ gesehen.

»Es gibt schon wieder ein neues Reisegesetz« sag ich zu Katharina.

»Na ja, ›schon wieder‹ stimmt ja auch nicht. Bisher waren das ja wohl immer nur Vorschläge oder Entwürfe. Dann sollte was kommen, kam dann doch nicht, weil es schon längst wieder überholt war. Ich hab das in der Zeitung gesehen, aber noch nicht gelesen« antwortet sie.

»Nach dem neuen Gesetz soll nun jeder in den Westen fahren können, wie und wann er will.«

»Na toll. Nur, wenn die Leute kein Geld haben, werden sie auf Dauer auch nicht zufrieden sein.«

»Man soll ja jedes Jahr 200 Mark in Westgeld umtauschen können. Das hört sich aber alles ein bisschen kompliziert an. 100 Mark kann man 1:1 tauschen. Weitere 100 Mark mit einem Aufschlag von 400 Prozent. Für den Erwerb von 200 D-Mark musst du also 500 Mark der DDR bezahlen. Für Kinder bis 14 Jahre, bloß den halben Betrag, sprich 100 D-Mark im Jahr. Na gut, Fabian ist 16. Der darf dann auch den vollen Betrag umtauschen. Dann soll man auch allein die Hälfte, also 100 D-Mark zum Kurs von 1:1 umtauschen können. Aber nur im Osten. Im Westen, geht nur der volle Betrag. Dafür wird wohl das Begrüßungsgeld im Westen abgeschafft werden und die Westbesucher brauchen bei der Einreise in den Osten keinen Mindestumtausch mehr zu machen.«

»Das hört sich ja wirklich kompliziert an.«

»Sag ich doch. Wir werden erst mal abwarten. Man soll das sowieso nicht jetzt gleich im Januar machen, um die Banken nicht zu überlastet.«

In der Zeitung stand dann noch, dass das Geld angespart werden kann, damit man dann im nächsten Jahr mehr zu Verfügung hat. Dafür brauch man aber extra ein sogenanntes Valutakonto bei der Staatsbank. Soll aber kostenlos sein. Na klar wollen die das Westgeld erst mal im Osten halten. Ich war auch schon im Westen in einer Bank. Gleich neben dem U-Bahnhof Schlesisches Tor ist eine Filiale der ›Berliner Bank‹. Da bin ich rein und hab gefragt, wie das denn so ist, mit Kontoeröffnung und Geld anlegen, als Festgeld. Den Begriff hatte ich von West-Jürgen. Die haben mich aber schnell abgewimmelt. Den Eindruck hatte ich jedenfalls. So von wegen, ist alles noch nicht klar, ob DDR-Bürger hier ein Konto eröffnen können.

Im Moment geht es sowieso alles ziemlich durcheinander. Blumen und Kinderbekleidung sind teurer geworden, weil die Subventionen wegfallen. Dafür werden die Preise für Damenstrumpfhosen gesenkt und das Kindergeld erhöht.

Die Bauarbeiter aus den Bezirken wollen nicht mehr in Berlin arbeiten. Es ist fraglich, ob begonnene Vorhaben, wie das Neubaugebiet Kaulsdorf-Nord überhaupt zu Ende geführt werden. Es sind unruhige Zeiten. Alle streiken oder demonstrieren: Milchfahrer, Schwestern und Ärzte, Taxifahrer, Bauern, Bauarbeiter und viele andere, einschließlich der 154 Parteien, Organisationen. Komitees, Bewegungen die es mittlerweile gibt. Und worum geht es? Bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne, für eine bessere materielltechnische Basis, für Steuerbefreiungen, besseres Warenangebot und so weiter und sofort.

›Krume Lanke‹ ist Endstation.

Wir sind jetzt hier in Zehlendorf. Das ist eine ›bessere Gegend‹. Vom Bahnhof, das Empfangsgebäude scheint gerade frisch renoviert zu sein, laufen wir ein Stück die Argentinische Allee entlang. Vorbei am ›Haus am Waldsee‹ das wohl ein Ort für Ausstellungen der modernen Kunst ist. Ein Plakat weist darauf hin, dass heute zum vorletzten Mal die Möglichkeit besteht, die Ausstellung ›Marianne Werefkin – 1860 bis 1938 – Eine Wegbereiterin der Moderne‹ zu besuchen. Der Name sagt uns nichts und wir wollen jetzt auch keine Kunst, sondern, wie viele andere Berliner auch, nur raus ›ins Grüne‹. Obwohl, es ist Januar und nicht viel Grün vorhanden.

Dann biegen wir in den Erdmann-Graeser-Weg ein. Den Namen kenne ich. ›Damals war’s – Geschichten aus dem alten Berlin‹ hieß die Hörspielserie, die in den 60er und 70er Jahren im RIAS lief. Das war der Rundfunk im Amerikanischen Sektor. Ein übler Hetzsender wie in der DDR behauptet wurde. Das Sprachrohr der Kriegstreiber – ›Wer RIAS hört, den Frieden stört‹. Trotzdem, der meist gehörte Sender im Osten. Mit ›Schlager der Woche‹, dem ›RIAS Treffpunkt‹ und eben ›Damals war’s‹. Und dort liefen auch: ›Die Koblanks‹, ›Die Eisrieke‹ oder ›Herr Kanzleirat Ziepke‹. Alles Hörspiele nach Romanen von jenem Erdmann Graeser, nach dem dieser Weg benannt ist.

Jede Sendung wurde mit einem langgezogenen »Juutenaaamd« vom Erzähler Ewald Wenk eingeleitet, den ich schon seit meiner Kindheit aus der RIAS-Hörspielserie ›Pension Spreewitz‹ kannte.

Später moderierte er mit »Opi Dopi« und »Hallo Fans«, Ewalds Schlagerparade »Eine moderne Hitsendung für reife Hörer«. Mir geht das alles auch nach Jahren nicht aus dem Kopf. Genau so wenig wie den als Kind oft im Radio gehörten Werbespruch: »Möbel Kunst der wohnt, das weiß ich, Blücherstraße zweiunddreißig. Zwischen Südstern und Halleschem Tor«. Den hab ich immer noch im Ohr. Weshalb ich bei Gelegenheit da auch mal hin muss, also in die Blücherstraße. Vielleicht geht’s dann mal weg.

Nun laufen wir kreuz und quer. Das ist hier anscheinend ein Dichterviertel. Mit Goethe, Kleist und Schiller befindet sich Graeser ja in bester Gesellschaft. Die Häuser sind schon ganz nett. Wer hier wohnt hat bestimmt keine materiellen Sorgen. Es sind jedoch keine allzu pompösen Villen. Manche prächtig, andere trutzig. Da könnte uns schon was gefallen.

Auf einmal sehen wir hinter einem Gartenzaun eine Informationstafel. Hier, an dieser Stelle ist am 8. März vergangenen Jahres der DDR-Bürger Winfried Freudenberg bei seinem Fluchtversuch mit einem Gasballon tödlich verunglückt.

»Das ist noch nicht mal ein Jahr her« sagt Katharina und schüttelt den Kopf.