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Als Helene ihre Eltern kurz vor Weihnachten besucht, wirken die Räume des vertrauten Hauses seltsam hohl, als ließen sie sich trotz aller Bemühungen nicht mit Leben füllen. Der Anlass für ihren Besuch ist die Scheidung der Eltern. Irritiert beobachtet die Tochter jede ihrer Regungen, seziert sie voller Sprachwitz und zerlegt sie in ihre Einzelteile, die sich zu einem Familienbild bürgerlicher Prägung zusammensetzen: Thomas, der Vater, ist Arzt, aber weil er keine Menschenkörper mag, berät er lieber ein Pharma-Unternehmen. Die Mutter Irene hat Lehramt studiert, um nach der Geburt der einzigen Tochter doch Haus und Herd zu ihrem Arbeitsfeld zu machen. Und Helene selbst ist erfolgreiche Künstlerin mit Einzelausstellungen in London und Kopenhagen, einer Assistentin und einem Galeristen. Jetzt soll sie dabei helfen, den Besitzstand genauso wie den emotionalen Ballast der vierzig Ehejahre zu sortieren. Doch dann stürzt die Mutter die Treppe hinunter, bricht sich die Hüfte und plötzlich taucht auch die verschwunden geglaubte Kindheitsfreundin Molly wieder auf. Humorvoll und in starken Bildern erzählt Hohle Räume von der Familie nicht mehr als einem Ort psychologischer Abgründe, sondern als kleinstmöglicher sozialer Einheit, in der die Aufstiegsgeschichte der Babyboomer genauso zu erkennen ist wie der Klassenumstieg ihrer Kinder – und wo Sofas, Töpfe und Fensterläden nicht bloß Alltagsgegenstände sind, sondern subtil über Werte, Überzeugungen und Sicherheiten Auskunft geben.
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Seitenzahl: 435
Veröffentlichungsjahr: 2024
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NORA SCHRAMM
Roman
Die Eltern holen mich ab, beide, aber nicht gemeinsam, sie stehen so weit auseinander, dass man einfach durch ihre Mitte gehen könnte. An diesem Abstand erkenne ich sie von Weitem. Ich bleibe stehen, die Leute schieben sich an mir vorbei, und durch ihre Körper und Koffer und Gepäckwagen beobachte ich die Eltern als kleine Figuren. Der Vater bindet sich erst den einen Schnürsenkel, dann den anderen, wahrscheinlich hat er sie vorher gelöst, dass er sie jetzt binden kann. Er muss sich immer beschäftigen, Beschäftigtsein ist seine Art. Die Mutter kneift die Augen zusammen und starrt auf die Anzeigetafel.
Wie immer überfällt mich das schlechte Gewissen, weil ich die Eltern nie besuche und sie irgendwann unauffindbar sein werden. Die Eltern werden nicht sterben, sie werden einfach immer weiter schrumpfen, bis es sie nicht mehr gibt. Ich erinnere mich, dass ich müde werde, wenn ich bei den Eltern bin, wie unter einem leichten Stoff. Noch bin ich wach, spüre die Haarspange etwas zu fest am Kopf, die Stiefel an den Füßen etwas zu schwer, und ich sehe die beiden wie durch einen Tunnel oder eher ein Mikroskop, klar und fokussiert und hell beleuchtet. Die kleine Mutterfigur winkt plötzlich von der Petrischale und zupft an der Schulter der Vaterfigur, sie wippt auf ihren Füßchen vor und zurück, als wäre ich es, die sie nicht erkannt hat. Der Vater richtet sich von seinen Schnürsenkeln auf und tritt einen Schritt zurück, um ihre Hand nicht ins Gesicht zu bekommen. Ich winke zurück, ziehe fest an meinem Koffer und ich werde wieder zielstrebig, es wird schon werden, es ist okay, alles auf dem Weg, und die Herbert-Grönemeyer-Songs rollen mir durch den Kopf, wie immer, wenn ich die Eltern sehe, das ist einfach so, und der Mensch heißt Mensch.
Sie stehen hinter der Absperrung aus schwarzem Band, das man einfach aus den Metallständern herausheben könnte, und beobachten mich aus schnellen aufgeregten Augen und würden niemals irgendein Band aus irgendeinem Ständer heben. Sie sprechen zueinander. Ich als Überbleibsel gebe ihnen eine Sicherheit, über den Abstand hinweg raunen sie sich zu, ob ich blass geworden bin oder dick oder dünn oder glücklich, sie stellen Ferndiagnosen über mich an, um in der Nähe nicht den Überblick zu verlieren. Die Mutter hat bereits die getönten Gläser meiner Brille bemerkt, sie fragt sich bereits, warum immer dieses riesige schwarze Ding mitten im Gesicht, sie sorgt sich bereits um die Gesundheit meiner Augen. Ich gehe weiter auf sie zu, als Versicherung, als Beweis für was mal war, und keiner ist sich so ganz sicher, was mal war, vor allem nicht, wie es eigentlich wirklich und ehrlicherweise mal war, aber ich, die ich blass geworden bin und zielstrebig meinen Koffer über den polierten Boden des Stuttgarter Flughafens ziehe, bin offensichtlich real, bin offensichtlich ein Produkt, und zwar von dem, was mal war, und das tut gut zu wissen.
Die Mutter legt mir die Arme um den Hals und zieht meinen Kopf zu sich herunter, Wirbel für Wirbel legt sie mich an sich wie eine Perlenkette, und ich sehe, wie der Vater hinter uns steht und in den Jackentaschen kramt und alte Kassenzettel auseinanderfaltet. Dann umarme ich ihn, er klopft mein Schulterblatt, wie man ein Pferd klopft, als käme Staub aus mir heraus. Er nimmt mir den Griff des Koffers aus der Hand, und die Mutter sagt, das schafft sie ja wohl allein, den ganzen Weg hat sie geschafft, und zwinkert mir zu, als wäre es ein Necken gewesen und kein Gekeife.
Sie haben sich beide gemerkt, wo das Auto steht. Der Vater verlässt sich in solchen Gedankendingen eigentlich auf die Mutter, aber jetzt weiß er ganz genau, auf welchem Deck und welche Parkplatznummer, er geht voraus mit meinem Koffer hinter sich, als würde er sich auf das Alleinsein vorbereiten. Ich denke an Männerseminare im Wald, wo sie in Gruppen das Überleben und die Unabhängigkeit generell trainieren und dafür frisch erschlagenen Kaninchen das Fell abziehen und ihnen einen Stock in den After einführen, um sie ins Feuer zu halten und die Haut zu beobachten beim Blasenschlagen und in das eigene Überleben hineinzuspüren. Das ist dann der Ort, an dem das Selbstbewusstsein gefunden wird und kultiviert. Ich stelle mir den Vater an einem Lagerfeuer sitzend vor, so, wie er immer sitzt, zweifach geknickt, in der Brustwirbelsäule und im Nacken, und ein Jochen würde versuchen, ihm Haltung beizubringen. Der Vater bleibt nie allein über Nacht weg, der Vater würde nie auf so ein Wochenende, auch wenn er gern auf den Feldwegen und im Stadtwald ist, joggen, der Vater wird weiterhin nie allein über Nacht wegbleiben, er bleibt ab jetzt immer allein, aber nicht weg. Der Vater bleibt da.
Wir stehen vor dem Passat. Der Vater kramt in seinen Jackentaschen, Jeanstaschen, und die Mutter zieht die Augenbrauen hoch. Er wendet sich nicht der Mutter zu, ob sie nicht den Schlüssel habe, ob er ganz sicher nicht vorhin ihr den Schlüssel gegeben habe, der Vater sucht und schweigt. Er weiß, dass er der Mutter nichts mehr aus reiner Gewohnheit herüberreicht, damit sie es einsteckt, sondern dass es jetzt darum geht, die Güter voneinander zu trennen, die Gegenstände zu zählen, eine Art Inventur der letzten vierzig Jahre durchzuführen, und die Jahre selbst sind Gegenstände geworden und müssen ausgemessen werden.
Der Vater weiß, dass er sich an jede Transaktion mit der Mutter erinnert, und wenn er sich nicht erinnert, hat es keine Transaktion gegeben, er muss den Schlüssel also noch irgendwo haben. Er findet ihn schließlich ganz unten in der Tasche der Funktionsjacke, den Schlüssel mit dem länglichen Filzanhänger, auf dem Weltenbummler steht. Der Vater wird das Auto behalten und die Mutter wird der Fairness halber etwas Gleichwertiges bekommen. Die Eltern sind und bleiben fair, das ist ihnen wichtig, Gerechtigkeit, zumindest in privaten Angelegenheiten. Der Vater fährt seit Jahren, weil die Mutter Angst vor den Fahrrädern in der Stadt hat, ruckzuck hast du einen umgefahren, da wirst du deines Lebens nicht mehr froh. Ich frage mich, wie es für sie gewesen wäre, hätte der Vater einen umgefahren. Wir fahren an den Fabriken vorbei, die Wolken aus Rasierschaum in den Himmel spritzen und nie damit aufhören, die Betontürme haben völlig sinnlose Rasierschaumvorräte angelegt. Sonst ist alles flach und die Farben sind wie eingestaubt, als stünde die ganze Landschaft schon viel zu lange hier herum. Die Dunkelheit deutet sich an und sie kommt als Erleichterung, dass das Licht endlich aufhören kann, so angestrengt durch die graue Decke zu bohren. Jetzt kann sich das Licht einfach oben auf dem Abend ablegen und seine Ruhe haben.
Ob ich gut geflogen bin, fragt die Mutter und dreht sich zu mir um, legt ihre Hand auf mein Knie und ich sehe ihre Adern, die sich als Gebirgszüge auf dem Handrücken verzweigen, und die Ringe. Einen am Daumen und einen am Ringfinger, aber der schlichte Ring, der keine Verzierung braucht, der fehlt. Ich kann mich nicht erinnern, ob sie ihren Ehering früher getragen hat. Ich weiß nicht, ob sie ihn vor Kurzem ausgezogen hat, als symbolischen Akt, und dabei irgendwas verbrannt, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, wobei die Mutter natürlich weiß, dass man Bücher nicht verbrennt, vielleicht also einen Brief des Vaters, falls es so etwas gegeben haben sollte, vielleicht wenigstens eine Postkarte, aber der Vater bleibt ja nie über Nacht weg, der Vater geht samstags auf den Markt und sonntags auf den Trimm-dich-Pfad, vielleicht einen Einkaufszettel. Wahrscheinlicher ist, dass sie den Ring schon seit Jahren nicht mehr trägt. Wegen des Spülwassers oder den dicker werdenden Gelenken.
Ob ich schon wisse, wie lange ich bleibe, fragt die Mutter, ich sage, ich habe eine Bahn für nächsten Samstag. Nächsten Samstag, ruft die Mutter und meint damit, dass zehn Tage viel zu kurz ist, während ich meine, dass zehn Tage zu lang ist, zehn Tage scheinen also ein gelungener Kompromiss. Immer, wenn ich zu den Eltern fahre, habe ich die Rückfahrt bereits gebucht, es ist ein heimliches Gesetz. Direkt nach Hause, fragt der Vater, und die Mutter sagt, wohin denn sonst. Vielleicht können wir kurz am Kiosk halten, sage ich, um der Mutter zu widersprechen. Sie dreht sich wieder um und legt ihre zweite Hand auch noch auf mein Knie, hier gar kein Ring, was brauchst du denn, Maus, wir haben alles da. Sonst können wir auch was bestellen. Die Mutter hat noch nie was bestellt, die Mutter hat immer etwas vorgekocht, sie hat etwas eingefroren, was besser ist als aus der Dose, vom Vitamingehalt her, sie kennt Gerichte, die sie in zehn Minuten zubereiten kann, aber wie man Essen bestellt, das weiß sie nicht und das ist ihr auch nicht geheuer, weil sie den Leuten, die für Geld kochen, alles zutraut, beziehungsweise nichts. Ich sage, Zigaretten, die Mutter sagt, aber du rauchst doch gar nicht. Na und, sage ich. Die Mutter lacht hell aus ihrem Glockenkörper, der Vater versteht nicht, was das für ein Gespräch ist, hält den Blick auf der Straße, vor den Scheinwerfern quillt der Nebel. Ich spüre die Hände der Mutter auf meinem Knie und bilde mir ein, sie wären feucht, aber auf eine zähe, schleimige Art, aufdringlich wie eine aufgeschnittene Aloe-Vera-Pflanze, und ihre Feuchtigkeit drückte sich durch die Jeans an meine Haut heran, die gar nicht verbrannt ist oder aus sonst einem Grund Aloe Vera bräuchte, und der Schleim zieht in mich ein, ohne dass ich etwas dagegen tun könnte, und ich denke, das ist jetzt also die neue feuchte Mutter.
Es sieht alles aus wie immer, nur die Straße ist frisch geteert, sie ist jetzt wie aus einem Guss und ohne Löcher, wie der Himmel, aber heißt immer noch Sandberg. In den Vorgärten stecken kleine Fähnchen für den Glasfaserausbau. Findelheim wird der Vorort genannt, was ein seltsamer Name ist für einen Ort, an dem nur Leute wohnen, die nie herumgefindelt sind, die schon immer und für immer daheim bleiben. Findelheim war mal ein Dorf, ein eigenständiges, richtiges Dorf, und den alten Leuten sieht man noch das Erstaunen an, dass sie plötzlich einer Stadt angehören. Sie haben die Augenbrauen gehoben, die Augen weit, die Münder leicht geöffnet, als wären sie immer noch überrascht darüber, dass die Städter kommen und nicht mehr gehen, weil sich die Stadt durch die umliegenden Äcker gefressen hat, bis sie bei ihnen vor den Häusern stand, und in Findelheim macht man auf, wenn es klopft, weil auch Josef und Maria damals geklopft haben.
Die Eltern waren unter den Ersten, die sich ein Haus kauften, als Zugezogene, wie man die Fremden hier nennt, und sie fühlen sich noch immer als Pioniere deshalb, als Trüffelschweine, sie sagen, zwei, drei Jahre später und wir hätten es vergessen können, bei der Preisentwicklung, und dann grunzen sie zufrieden. Der Vater hat sich über die Jahre beliebt gemacht, weil er Arzt ist. Damals gingen die Leute in Findelheim nicht gern zum Arzt, aus Angst, er könnte etwas an ihnen finden, er könnte in sie vordringen. Aber sie brachten dem Vater die kranken Tiere vorbei, die ihnen leidtaten, für deren Behandlung sie aber kein Geld ausgeben wollten, und deshalb hat der Vater Hühner und Kühe und Schafe behandelt, so gut er halt konnte.
Jetzt gibt es keine Tiere mehr, außer Katzen, denen die Leute Glöckchen umbinden, wegen der Vögel, denen sie im Sommer eine Tränke und im Winter Knödel anbieten. Aber die Vögel kommen nicht. Jetzt gibt es genug Leute, die gern zum Arzt gehen und sich durchsuchen lassen und hoffen, dass mal einer was an ihnen findet, und sie falten die rosa Zettelchen gewissenhaft auf Kante. Jetzt praktiziert der Vater nicht mehr als Arzt, sondern berät ein Pharma-Unternehmen als Arzt. Der Vater war auf Wunsch seines Vaters Arzt geworden und hat lange nicht gemerkt, dass die Körper fremder Leute gar nicht seins sind, wie er sagt. Der Vater sagt, das ist einfach nicht meins, und dem Vater gehört wenig in der Welt. Der Vater geht jetzt samstags auf den Markt und sonntags in den Wald, zum Trimm-dich-Pfad, wo er an Stationen Sportübungen aus den Neunzigern macht, die auf Schildern erklärt sind, mit Fotos von einem Mann und einer Frau im hellblauen Partnerlook.
Wie die Tiere verschwinden nach und nach die alten Leute, die die Tiere geklopft haben und ihnen Namen gegeben, als wären es Erwachsene, Monika, Katharina, Jürgen. Ihre Höfe sind schon abgerissen und die Grundstücke verkauft, an Familien, die lieber selber bauen, als zu renovieren, die gerne selber bestimmen wollen, wie die Raumaufteilung ist, und alle dieselbe Raumaufteilung wählen. Gegenüber vom Haus der Eltern stehen fünf aneinanderhängende Wohneinheiten still und stramm nebeneinander, sie sind weiß und haben neben den Haustüren je ein graues, sehr genau gemaltes Rechteck. Die Parteien heben sich durch den Türschmuck und die Gestaltung des kleinen Beetes neben der Eingangstreppe voneinander ab.
Die Mutter findet Reihenhäuser furchtbar, eine einzige Gleichmacherei. Die Mülltonnen benutzen die Leute gemeinsam, wie die Mutter erzählt und sich erregt, weil es gar keine Tonnen sind, sondern Container, die einen eigens eingezäunten Platz brauchen, auf den die Mutter jetzt vom Küchenfenster aus blicken muss, riesig, weil die Leute so viel aus dem Internet herbestellen, dass sie mehr Papiercontainer brauchen, und dafür musste der Walnussbaum weg, den scheinbar keiner brauchte, obwohl seine Nüsse groß waren und sich leicht schälen ließen. Absurd, sagt die Mutter, dass die Leute jetzt sogar zu faul sind, um in die Läden zu gehen, nur noch zum Mülleimer gehen sie, beängstigend, sagt die Mutter und kriegt rote Wangen. Erst als sie fertig gesprochen hat, steigt sie aus. Auf der Straße würde sie so nicht reden, die Mutter schweigt, lächelt, hebt eine Hand zum Gruß in Richtung eines fremden Küchenfensters.
Das Haus der Eltern steht da wie immer. Es ist eine Vorstellung von mir, dass es lebt und seine Wurzeln unter der Stadt ausbreitet, von ihrem Abwasser trinkt mit den Drogen darin, den Hormonen, und mit seinen kleinen feinen Wurzelenden pikt das Haus da unten die Ratten. Zu einer Seite schließt es direkt an das Nachbarhaus an, zur anderen an den Hof der Renate, beziehungsweise an die riesige Linde. Die Linde steht genau zwischen den beiden Grundstücken, die Renate hat ihren kniehohen Schnörkelzaun von beiden Seiten an die Linde herangezogen, sodass es aussieht, als ginge er durch ihre Mitte hindurch. Im Frühjahr spuckt die Linde einen klebrigen Saft, deshalb haben die Eltern schnell einen Carport gebaut, sie wollen sich das Auto nicht bespucken lassen. Das Elternhaus hat sich das Ziegeldach ins Gesicht gezogen und die hellblauen Fensterläden zu den Seiten geöffnet. Die Mutter hat Rollläden einbauen lassen, die Fensterläden sind nur zu Dekorationszwecken erhalten und müssen alle paar Jahre gestrichen werden. Ein Zwanzigerjahre-Bau, so habe ich es schon hundertfach von der Mutter gehört, beiläufig, die Mutter hat keine Ahnung von Architektur, aber den Kaufvertrag studiert, und die Zwanzigerjahre versprühen etwas, das man nicht in einer Vorstadt vermutet.
Verkauft ihr das Haus, frage ich, als der Vater den Schlüssel umdreht, leicht an ihm zieht, gleichzeitig mit dem Fuß unten gegen die Tür drückt. Ich kenne die Eltern nur in diesem Haus. Sie haben nie woanders gewohnt, seit sie die Eltern sind. Ach, das ganze Organisatorische, sagt die Mutter, das wollen wir erst mal hintenanstellen. Wir sind ja nicht zerstritten. Erst mal das Emotionale.
Der Vater steigt schnell aus seinen Schuhen, ganz neue Converse, hält mit der einen Fußspitze den anderen Schuh fest und hebelt den Fuß heraus, ohne die Schnürsenkel zu lösen, legt die Schlüssel auf das Schränkchen in der Garderobe. Er hält dabei sein Gesicht von uns weg, neigt es zum Boden, als hätte er sich heimlich ein Piercing stechen lassen. Ich frage mich, wie oft er diesen Satz schon gehört hat in den letzten Wochen, erst mal das Emotionale, und ob er versteht, dass es ein Angriff auf ihn ist, er, den ich nur zweimal habe tränen sehen, als das letzte Familienauto verschrottet wurde, in einer sehr großen Presse, und als die Inschrift auf dem Grabstein seiner Mutter falsch war. Sie hatten sie ein Jahr früher sterben lassen, sie war zum Jahreswechsel gestorben und die neue Zahl war dem Steinmetz noch nicht geläufig gewesen, aber der gute Stein, hatte der gesagt, den jetzt wegmachen, wär doch schade drum, wo man die Toten eh nicht mehr lebendig macht. Der Vater hat Verständnis für solche Verfahrensfehler und will nie Scherereien machen, vor allem nicht dem Steinmetz, der kein Akademiker ist, und weinen will er auch nie, aber das hat er dann doch gemusst. Er hat nur aus den Augen geweint, also getränt, und den Rest des Körpers ganz still gehalten; er saß ausnahmsweise mal mit geradem Rücken. Ich habe ihm einen Filterkaffee gekocht und er hat den Kaffee von vorne bis hinten gelobt, die Dosierung, die Temperatur, die Menge an Milch, die Menge an Zucker, und dann hat er zu tränen aufgehört, weil ja offensichtlich alles in Ordnung war.
Die Mutter hat die Lichter im Wohnzimmer angeschaltet und gedimmt, sie hat sich schräg in ihren Ohrensessel gesetzt, sodass die überschlagenen Beine über der Lehne hängen. Sie hat sich Rotwein in ein Glas gegossen, das sie noch kleiner wirken lässt, so enorm groß und rund ist es, man meint, sie könnte es kaum halten mit ihren Fingerchen, sie könnte es glatt als Swimmingpool benutzen, die Mutter, ein wenig zusammenschrumpfen noch und dann als Fee einen Köpper in den Rotwein unternehmen und sich keck über den Glasrand lehnen, die Arme vor sich verschränkt, die Haare nass vom Wein, die Beine langsam paddelnd. Sie würde ihren muskulösen Körper aus dem Glas heben und auf dem Rand balancieren, und es würde einen Ton machen, einen beruhigenden, wie wenn man mit angefeuchtetem Zeigefinger darüberfährt. Hingesetzt hat sie sich, in den Ohrensessel, wie zum Fotografiertwerden. Ich sehe, wie sie ihr Spiegelbild in der Scheibe prüft. Willst du auch, Maus, fragt sie und hebt das Glas, ich sage, nein, danke, und denke, dass ich in dieses Glas auch gar nicht hineinpasse.
Der Gummibaum im Wohnzimmer ist größer geworden, hat jedes seiner Plastikblätter der Fensterfront zum Garten zugewendet. Die Mutter dreht ab und an den Topf, damit die Blätter wieder in den Raum zeigen, was sie schöner findet, aber nach ein paar Tagen hat sich der Gummibaum wieder zum Licht ausgerichtet. So geht es zwischen der Mutter und dem Gummibaum, ein jahrzehntealtes Ritual. Die Terrassentür nimmt fast die ganze Wand ein, sie lässt den Friedhof ins Wohnzimmer, über dem jetzt die Sonne untergeht, ohne dass man die Sonne sieht, man sieht nur, wie das Grau dunkler wird und die Laternen anspringen. Die Eltern haben eine kleine Terrasse mit einer kleinen Treppe, die hinunter in den kleinen Garten führt, den man kaum bemerkt, obwohl sich die Mutter immer solche Mühe gegeben hat. Hinter dem Garten erstreckt sich der Friedhof den Hügel hinauf und zieht die Blicke an sich. Der Friedhof hat einen alten Metallzaun, durch dessen Stäbe ich mich als Kind mühelos hindurchgeschoben habe.
Die Mutter hat auf der Elternseite eine Kirschlorbeerhecke als Sichtschutz installiert, damit keiner von den Toten zu ihr in den Garten linst oder damit sie nicht immer die Toten vor sich hat, sobald sie in den Garten tritt, wo es ja um das Leben geht, das Wachsen, was für die Mutter ein und dasselbe ist. Aber man sieht den Friedhof auch von der Terrasse der Eltern und durch die große Glastür im Wohnzimmer und aus dem großen Fenster im Elternschlafzimmer im ersten Stock. Von Westen dringt durch alle Fenster der Friedhof ins Elternhaus. Die unterteilten Parzellen und die alten Bäume und die alten Laternen und die alten Leute an den Gräbern, der Kitsch, der sich auf den Gräbern sammelt, wenn ein Kind gestorben ist, manchmal bis die Kuscheltiere verrotten.
Ich habe früher die Leute beobachtet, die immer dasselbe machen und die immer gleich aussehen, klein und krumm und in Graubraungrün gekleidet, außer wenn ein Kind gestorben ist. Alle sind gleich, wenn sie ein Grab pflegen, harken mit einer kleinen Harke, dass sie auf die Knie müssen, runter, Unkraut zupfen, den Rosenbusch zurechtschneiden, einpflanzen, auspflanzen, neue Erde, Wasser holen, gießen, Wasser holen, die Kerze im roten Plastik, außer wenn ein Kind gestorben ist, dann sind die Gesetze außer Kraft, dann rennt jemand über den Kiesweg, obwohl das Rennen auf dem Friedhof untersagt ist, dann hat jemand ein buntes Kleid an, dann kommt jemand bei Nacht über den Zaun geklettert, dann liegen leere Spirituosenflaschen herum, dann wühlt ein Hund in der frisch aufgeschütteten Erde und keiner ist da, um ihn zurückzupfeifen, aber ein Kind hat nicht zu sterben. Man könnte die Gräber auch als Hochbeete anlegen, um die Rücken der Lebenden zu schonen, aber ein Lebender hat sich zu bücken vor den Toten. Die Toten haben fünfzehn Jahre Ruhezeit, dann kommt der Bagger oder eine Vertragsverlängerung.
Was denkst du, fragt die Mutter, und es ist eine typisch unangemessene Frage, was denkst du, das fragt eine Geliebte und selbst dann lügt man, wenn man überhaupt antwortet. Was denkst du. Ich sage, über die Gräber. Hast du das Gefühl, es wird jetzt was begraben? Es ist was gestorben? Wegen der Scheidung, will die Mutter geübt wissen. Aus den Köpfen der anderen wissen ist eines der Dinge, die sie am meisten will. Nein, Mama, ich hab nur aus dem Fenster geschaut, sage ich. Aber was macht es mit dir, aus dem Fenster zu schauen? Mama, ich wohne hier nicht mehr. Ist schon okay. Es tut gleichmäßig weh, es ist Sonnenzeit, unbeschwert und leicht, und der Mensch heißt Mensch. Papa behält das Haus bestimmt, der kann doch nix wegwerfen, sagt sie, als könnte man ein Haus wegwerfen, und lächelt dabei, als könnte man ein Lächeln wegwerfen. Und du, frage ich und sie nippt an ihrem Wein und strahlt mich hohl über den Rand des Glases an. Ich gehe nach Berlin. Ich sage, nein.
Doch, sagt die Mutter und strahlt, ich frage nicht nach, ich will es nicht hören und nicht sehen, die Aufregung, den Teint, überhaupt die Energie, wie sogar die Haare elektrisch aufgeladen sind und vom Kopf abstehen, wegen des albernen Wollpullis, der an dem albernen Ohrensessel reibt, wie sie noch nicht mal normal in einem Ohrensessel sitzen kann, sondern mit ihm kokettiert, mit ihren festen Oberschenkeln, wie ich genau sehen kann, dass sie kein Unterhemd trägt, obwohl der Mutter immer kalt ist wie einem Windhund, aber es schimmert der BH durch die feine Wolle.
Ich kenne diesen pastellgrünen Pulli nicht, den BH sowieso nicht, weil die Mutter früher anders mit ihrer Unterwäsche umgegangen ist, früher hat sie den Wäscheständer versteckt, wenn Besuch kam, weshalb ich sie auf keinen Fall fragen kann, warum jetzt Berlin, und es verschwimmt mir alles ein bisschen, es verliert alles ein bisschen Farbe, und plötzlich bin ich mir nicht mehr sicher, ob es nicht schon immer so verschwommen war und die Farben nur so angedeutet. Ich sage also doch, was willst du denn in Berlin, Mama. Die Mutter sagt, na, was Neues! Für die Mutter ist neu ein ganz und gar positives Wort, es rechtfertigt alles, die Mutter sagt, ein bisschen mehr von dir mitbekommen, und dazu lächelt sie, sie reicht mir das Lächeln zu diesem unvollständigen Satz mit einer Selbstverständlichkeit, als säßen wir beim Essen, als hätte ich nach der Butter gefragt.
Natürlich fragt die Mutter nicht, wie ich es finde, dass sie in meine Stadt ziehen will, sie denkt gar nicht, dass ich das irgendwie anders finden könnte als neu, also gut. Ich hole mir ein Glas, kein bauchiges, sondern ein ganz normales, in dem früher Senf war, eines dieser Gläser, die die Mutter immer aussortiert und die der Vater nach jedem aufgebrauchten Senf wieder in die Spülmaschine stellt. Er schätzt das Geschenk, das ihm die Senffirma da gemacht hat. Ich gieße mir jetzt von dem Wein ein, der neben dem Ohrensessel steht, ich gieße das Senfglas so voll, dass ich mich auf den Bauch legen muss, um abzutrinken, ich hebe es an und proste der Mutter zu, deren Lippen schon ganz blau sind und die Zähne mitten in ihrem Teenager-Lächeln grau.
Wo ist Papa, frage ich. Der geht bestimmt mit dem Tobias, sagt sie und merkt nicht, dass ich nicht weiß, wer Tobias ist, weil die Mutter ihr eigenes Leben für völlig normal hält, für selbsterklärend. Wer ist Tobias, frage ich, als sie gedankenverloren nicht aus dem Fenster, sondern auf das Fenster schaut, in dem sie sich immer klarer spiegelt, je dunkler es wird. Der Hund von der Renate, die hat ein schlimmes Knie, die kann nicht mit ihrem Hund raus. Die sieht man gar nicht mehr, höchstens am Rollator, sagt die Mutter und schüttelt andächtig den Kopf und dann schiebt sie hinterher, kannst du mich nicht mal malen? Ich erzähle immer, die ist unterwegs, die ist ja Künstlerin. Ich sage, aber die Renate, die ist doch noch gar nicht so alt, die ist doch so alt wie ihr und die kann jetzt nicht mehr laufen? Ich höre mir selber zu und höre die Gemeinheit, wie sie in Zeitraffer aus mir herauswächst, vor meinem Mund aufgeht wie eine Blüte in einer Wüstendoku, und will etwas hinterherschieben, da sagt die Mutter schon, ja, die wiegt halt auch arg viel, die Renate. Ich sage, ich male nicht mehr, ich mache Räume. Meine Tochter macht Räume, sagt die Mutter und lächelt.
Ich stelle mir den Vater vor, wie er jeden Tag mehrmals dieselben Wege geht, unsere Straße hinunter, wo früher die Gemüsegärten waren und jetzt die Einfamilienhäuser stehen, über die Straße, die früher die große Straße war und jetzt, wo sie in der Stadt liegt, einfach eine ganz normale Straße ist, einfach eine mit einem Rewe und einem dm und einem Roßmann und einer Ampelkreuzung. Er geht zum Spielplatz, der früher eine Wiese war mit Holzstapeln und ein paar Pferden, und ermahnt den Tobias, nicht an die Rutsche zu pinkeln und auch nicht in den Sand. Der Vater folgt der Straße abwärts bis zur Fellbach, die Leute sagen die Fellbach, als wäre der Bach ein Fluss und alles, was fließt, weiblich. Um diese Jahreszeit führt sie viel Wasser, reißt dunkelbraune, haarige Wasserpflanzen mit sich, wie Felle von toten Mardern. Sie windet sich in ihrem Bett, als hätte sie Fieber, wälzt sich wie unter Schmerzen und trägt die toten Marder spazieren. Sie will noch mal allen präsentieren, was sie gerissen hat, in ihrem Fieberwahn, dabei sind es ja nur Pflanzen, die freiwillig auf ihr wachsen, und vielleicht will sie auch das präsentieren, dass etwas freiwillig auf ihr wächst.
Der Vater geht weiter aus der Stadt raus, an den Schrebergärten entlang, die mich an die Parzellen auf dem Friedhof erinnern, nur ein bisschen großzügiger bemessen, er lässt den Hund von der Leine, diesen Tobias, der in meiner Vorstellung massiv und dunkelbraun ist und sich auch ohne Leine nicht entfernt, mit seinem gedrungenen Gesicht, den herunterhängenden Lefzen und Sabberfäden. Ich sehe es vor mir, wie der Vater neben dem Tobias auf der einzigen Bank über der Fellbach sitzt und den Arm um seinen Pelzrücken gelegt hat wie um einen Bären, und wie sie ewig so sitzen könnten und über die falschen Dinge traurig sein, wo es doch genug richtige gäbe, und das nennt der Vater in Gedanken dann seine Melancholie.
Die Mutter hat sich die Lesebrille aufgesetzt, bedient ihr Smartphone mit dem Zeigefinger und spricht dabei. Vietnamesisch? Oder Thai? Oder sollen wir mal den Afrikaner probieren, sagt sie und schaut so verschwörerisch, und ich denke, ich will aus diesem Club austreten, und finde nichts in mir, keinen Hunger, schon gar nicht so etwas wie Appetit, nur ein gewisses Unbehagen bei den Worten den Afrikaner probieren, und denke, die Mutter würde bestimmt gern den Afrikaner probieren. Mag Papa so was, frage ich und sie sagt, ich habe jetzt dich gefragt, Maus, nicht Papa. Vietnamesisch, sage ich. Echt? Schade, sagt die Mutter. Mir ist es total egal, ehrlich gesagt, Mama, sage ich. Maus, egal gibt’s nicht. Ich sage, entscheid du einfach. Die Mutter sagt, ich hab mich so auf dich gefreut. Ich nippe am Wein und schlucke unverhältnismäßig laut, ich trinke nur, um nichts sagen zu müssen, was gar nicht nötig ist, die Mutter sagt, ich hab mich so gefreut, mal wieder jemanden im Haus zu haben, dem nicht alles egal ist, der nicht sagt, entscheid du einfach. Ich sage, och Mama, du hast doch eh schon alles entschieden, wenn du fragst. Die Mutter sagt, ich verstehe, dass du traurig bist, Maus, aber wir bleiben deine Eltern. Ich sage, da hast du recht. Die Mutter sagt, weißt du, deshalb war es mir so wichtig, dass du kommst, ich sage, weshalb, die Mutter sagt, na weil ich mir schon gedacht habe, dass du sauer auf mich bist. Die Mutter hat sich alles immer schon gedacht, es gibt wenig Neues für sie auf der Welt, wenig, was sie nicht spätestens aus dem Nachhinein heraus schon geahnt hätte. Ich sage, ich bin nicht sauer auf dich. Die Mutter sagt, es ist okay, sauer zu sein, ich will nur, dass wir darüber im Gespräch sind.
Die Mutter hat mich herbestellt, um die Scheidung mit einem Guss aus Reflexion zu überziehen, der unweigerlich süß ist, der uns irgendwie zusammenpappen soll und so die Trennung der Eltern überhaupt erst ermöglichen. Ich sage, denkt Papa auch, dass ich sauer auf ihn bin? Ach, woher denn, sagt die Mutter und lacht und das Lachen liegt ihr bitter im Mund, sie spuckt es aus, wegen des unerträglichen Geschmacks. Die Mutter sagt, es wär gut, wenn du mir die Woche hilfst, die ganzen Sachen durchzugucken. Tommy ist ja alles egal, wenn ich ihn frage. Ob er es will, ob es wegsoll, ob ich es nehme, da sagt er, entscheid du einfach. Es wär gut, wenn du mir da hilfst, Maus, mit dem ganzen Krempel. Ich hab schon einiges vorsortiert, aber hier ist so viel Zeug, das kann sich kein Mensch vorstellen. Ich sage, ja. Unglaublich, was sich in so einem Haus ansammelt, sagt die Mutter. Sie hat also vor, dem Vater ein Paket zu schnüren, an Dingen, die er behalten soll, die er brauchen wird, wenn er erst allein im Haus ist, die Mutter behandelt den Vater noch immer wie ein Schulkind, das seinen Turnbeutel vergisst, ein letztes Mal, denn dieses Mal wird die Mutter auch sich selber einen Beutel füllen und damit um die nächstbeste Ecke biegen.
Tommy hat ja auch gar keine Zeit, sagt die Mutter, für eine Scheidung. Wir Mädels halten die Stellung, sagt die Mutter und lächelt mich an und sucht mit ihrer Hand nach meiner. Ich lächle an ihr vorbei in die Scheibe hinein, trinke meinen Wein aus und sage, ich muss mal aufs Klo. Als ich aufstehe, klingelt mein Handy in der Handtasche im Flur. Ich nehme ab, sage, Kolja, na. Kolja sagt, gute Neuigkeiten. Ich sehe durch die Scheibe der Tür zum Wohnzimmer, die unbewegte Mutter, die ganz genau zuhört und denkt, dass ich doch eigentlich aufs Klo muss, und sich fragt, wer mich jetzt am Abend noch anruft. Kolja sagt, die Schiffers kaufen. Ich lache und sage, siehst du. Kolja sagt, ja, der Hammer. Die haben ja diesen Bunker in München gekauft und umgebaut. Die wollen allerdings, er niest und ich denke an seinen Bart, der rot ist und in dem jetzt eventuell die Tröpfchen hängen wie Kugeln an einem Weihnachtsbaum, ich sage, Gesundheit, er sagt, also sie hätten gern, dass du persönlich aufbaust.
Ich lache und sage, als ob. Die Mutter horcht auf, ich kann genau sehen, wie sich ihre Öhrchen dort auf dem Sessel leicht aufstellen, ich sage, das kann genauso gut Katja machen. Kolja sagt, es ist nicht selbstverständlich, dass Leute wie die Schiffers deine Sachen kaufen, Helene, du musst schon einsehen, dass du solche Leute brauchst. Die riskieren was für dich. Ich sage, ich lasse sie ja auch kaufen, aber ich geh da nicht hin. Die kaufen die Installation, nicht mich, das müssen solche Leute auch mal einsehen. Kolja sagt, du gehst da einfach als Geschäftsfrau hin. Rein professionell. Nein, sage ich. Er sagt, okay, du überlegst es dir und dann ruf ich die Tage noch mal an. Ich sage, ich muss aufs Klo. Kolja lacht in den Hörer, er sagt, bis bald, meine Liebe.
Ich mache einen Spaziergang durch das Haus und bleibe vor allen möglichen Dingen stehen und frage mich, wer von beiden sie nehmen wird, oder ob sie auf den Sperrmüll kommen. Ich gehe zuerst in den Keller mit dem roten Teppichboden, in den der flüssige Teil meiner Kotze eingezogen ist, wenn die Mutter als lockere Mutter Alkohol für meine Partys gekauft hat. Es war immer Molly, die versuchte, meine Kotze mit dem Kehrblech aufzusammeln, die Mutter sollte nichts mitbekommen. Mich hat es nicht gestört, die Mutter hatte den Alkohol ja selbst gekauft. Ich habe eine gewisse Genugtuung empfunden, möglicherweise. Die Mutter wollte mein soziales Selbst einerseits stabilisieren, indem sie mich zur Gastgeberin der Party ernannte, und es andererseits durch den Alkohol auflockern, damit die Leute beim nächsten Mal auch meinetwegen kämen. Aber die Kotze troff mir vom Kinn aufs Shirt und die Leute kamen beim nächsten Mal wieder wegen Molly, die zuverlässig nach Sprühdeo von bebe roch, und vielleicht auch wegen des Alkohols, den man als Jugendlicher ja nicht überall bekommt.
Ich starre auf den Billardtisch, auf dem die Kugeln verstreut liegen, als hätte eben noch jemand einen Stoß ausgeführt. Eine Stehlampe mit großem, rundem Kopf beugt sich über den Tisch und beleuchtet ihn. Ich stelle mir die Mutter vor, wie sie sich in ihrem Satin-Morgenmantel auf dem Tisch rekelt, so klein, dass sie sich rücklings über eine Billardkugel legen kann, oder sich danebenstellen, eine Hand auf der Kugel wie auf einer Kühlerhaube, und wie ihre Beine mit jeder Bewegung jedes Mal, wenn sie die Pose wechselt, von Wellen übergossen werden. Obwohl sie auf eine so sportliche Art schlank ist, sitzt ihr die Haut locker auf dem Körper, als würden sich die beiden einfach nicht einig, als würde die Haut die Winzigkeit des Mutterkörpers nicht akzeptieren.
Ich stehe vor den Gesellschaftsspielen, eine ganze Regalwand voll mit bunten Kartons mit Aufschriften, alphabetisch sortiert, und die einzigen Spiele, die es dauerhaft ins Wohnzimmer geschafft haben, sind Die Siedler von Catan und Rummikub. Die Mutter wird versuchen, mir die Spiele anzudrehen. Sie wird sagen, die haben wir doch für euch gekauft. Sie wird korrigieren, die haben wir doch für dich gekauft, um Molly aus den Spielen zu entfernen. Molly scheint in jedem einzelnen Karton zu sitzen, als stumme Plastikfigur. Molly spielte nicht gern, sie wollte nicht auch noch in ihrer Freizeit gewinnen müssen. Sie hatte schon als Jugendliche diese koketten, politisch angehauchten Meinungen, die sie benutzte und verwarf, wie es ihr gefiel. Ich werde der Mutter sagen, dass ich die ganzen Kartons wohl schlecht in der Bahn mitnehmen kann und in meiner Wohnung eh kein Platz ist, und die Mutter wird stumm nicken und denken, dass in der Wohnung sehr wohl Platz ist, aber eben kein Mensch, mit dem ich spielen könnte. Molly würde die Spiele vielleicht nehmen, wäre sie nicht verschwunden, würde sie die Mutter sicherlich nicht enttäuschen wollen. Ich denke, dass Molly wahrhaftig traurig wäre, über das Ehe-Aus der Eltern. Sie könnte trotzdem über das Wort lachen, Ehe-Aus, wie auf einem Titelblatt am Kiosk.
Ich gehe in den Wäscheraum, wo ein Trockner, eine Waschmaschine, ineinandergestapelte bunte Wäschekörbe stehen, vier graue Wäschesäcke, auf denen jeweils in Weiß Laundry steht, in die die Mutter hineinsortiert. Hellbunt, dunkelbunt, weiß, dreißig Grad, vierzig Grad, sechzig Grad, Handtücher, Jeans, Seide, Wolle. Die Mutter ist die einzige Person, die alle Funktionen, die sich der Waschmaschinenhersteller ausgedacht hat, auch benutzt. An der Wand lehnen drei robuste Wäscheständer, zusammengeklappt. Daneben ein Bügelbrett, zusammengeklappt. Daneben, aufgehängt an einem Nagel, der Bodenwischer, bei dem man wenigstens den unteren Teil zusammenklappen kann. Es ist wichtig, dass Haushaltsgegenstände klappbar sind, sodass sie gut verstaut werden können, zwar jeden Tag fix hervorgeholt, aber sogleich wieder in die Unsichtbarkeit hinein verschwinden. Die Mutter hat vor Kurzem Rückenschmerzen erwähnt. Es ist mir am Telefon nicht weiter aufgefallen, aber jetzt, im Wäschekeller, erinnere ich mich, dass sie so etwas gesagt hat wie, ich kann mir das überhaupt nicht erklären, woher jetzt plötzlich. Die Mutter gesteht sich sonst nie Schmerzen zu. Ich sehe die Mutter vor mir, wie sie sich freut, wenn sich ein Gegenstand ganz einfach zusammenklappen lässt, und natürlich ist sie der Meinung, dass man von anderen nur verlangen kann, was man auch von sich selbst verlangt.
Die Mutter würde nie die Wäsche im Keller trocknen lassen, aus Angst, sie könnte müffeln. Sie hängt die nasse Wäsche hier unten auf den Wäscheständer und trägt diesen dann die Treppen hinauf ins Wohnzimmer. Wenn Besuch kommt, trägt sie ihn wieder hinunter und denkt die ganze Dauer des Besuchs an die Wäsche, die mit jeder Minute ein bisschen mehr Kellergeruch annimmt. Früher hat sie manchmal zu mir gesagt, flüsternd, selbst wenn wir allein waren, immer flüsternd, Maus, du müffelst, und obwohl das Wort so nett klingt, war klar, dass müffeln ein nicht hinnehmbarer Seinszustand ist, der sofort angegangen werden muss. Müffeln ist so ein Mutterwort, das ich nicht mehr loswerde, mit dem ich mich immer wieder in Gedanken erwische, in der U-Bahn unauffällig die Nase Richtung Achsel senkend, müffelst du jetzt.
Ich gehe in den Heizraum und lehne mich an den warmen, vibrierenden Boiler. Daneben sind Stühle gestapelt und die Platten, mit denen man den Wohnzimmertisch vergrößern kann, wenn Besuch kommt, wenn Anlässe sind. Es gibt ein Regal, in dem die Mutter Bastelsachen aufbewahrt, Tonpapier, Acrylfarben, Leinwände, Stoffe, Wolle, Nähsets, Geschenkpapiere und -bänder. Oben auf dem Regal stehen bis unter die Decke gestapelt unbeschriftete Bananenkartons. Die Mutter könnte sicher auswendig aufsagen, was sich jeweils darin befindet. Tischdecken, Fotoalben, solarbetriebene Mini-Lichterketten in Gläsern von ihrem sechzigsten Geburtstag, das Raclette, das Fondue.
Am Regal lehnen drei Paar Skier und zwei Snowboards. Der Vater hat die Snowboards für Molly und mich gekauft, als wir sechzehn waren, und einen Lehrer engagiert, während er mit der Mutter, deren Freundin Christiane und deren Mann Harry ganz normal Ski fuhr. Es muss eine Idee der Mutter gewesen sein, die wusste, dass Molly nicht Ski fahren konnte, und deshalb dachte, es wäre gerechter, wenn wir beide Snowboard führen, was wir beide nicht konnten, aber Molly ließ sich immer fallen und vom Snowboardlehrer aufheben, auf eine Art, die ich einfach nicht ertrug, die den beiden direkt unter die Skianzüge griff, in die nackten Achselhöhlen hinein, hinten an die Nacken, wo die unsichtbaren Haare wachsen, ihr und dem Snowboardlehrer, und ich zog mir die Gesichtshaut von den kalten Wangenknochen, um mir zu beweisen, dass es mich noch gab, und fuhr doch wieder Ski mit den Eltern und ihren Bekannten. Molly lernte auch nicht Snowboardfahren, aber ging jeden Tag bis weit über die Unterrichtszeit hinaus in den Schnee mit dem Lehrer, der weiterhin vom Vater bezahlt wurde. Der Lehrer hieß Jens. Manche Dinge merkt man sich einfach.
Molly hörte auf, Thermounterwäsche zu tragen, sie trug nur ihre Spitzenunterwäsche unter dem Skioverall, der sich vorne mit einem langen Reißverschluss öffnen ließ. Sie trug auch keine dicken Socken mehr, sondern die ganz normalen schwarzen mit dem gewellten Rand von H&M. Wenn sie abends ins Ferienhaus kam, waren ihre Zehen ganz hart, man hätte sie einen nach dem anderen einfach abbrechen können. Der Vater sagte zu mir im Lift, man kann nicht immer alles schon können. Man muss auch mal was dazulernen. Der Vater sagte, ich sollte mir ein Beispiel an Molly nehmen, die offen wäre, für was Neues. Die einen Erfindergeist hätte und eine Hartnäckigkeit. Von beidem ist der Vater ein großer Fan, weil er den eigenen Mangel spürt, aber Deutscher ist.
Ich überspringe das Erdgeschoss, wo die Mutter in der Küche die Spülmaschine ausräumt, die Musik laut aufgedreht, bad guy von Billie Eilish, und ich hoffe, dass es zufällig im Radio läuft, dass die Mutter keinen Spotify-Account hat und absichtlich Billie Eilish angemacht. Die Mutter hat früher Campus-Radio gehört, weil sie zu Studienzeiten auch mal selber mitgemacht hat und weil sie up to date sein will und nicht weiß, dass Campus-Radio niemals up to date ist. Der Vater ist nicht auszumachen. Der Vater sitzt noch mit dem Tobias an der Fellbach und zählt die Marder, die vorbeiziehen, weil der Vater so ist, er zählt gern. Ich denke, dass er die Gräber zählt, wenn er aus dem Wohnzimmerfenster schaut, und die Atemzüge, wenn er joggt, er sagt einfach Zahlen auf. Einmal waren wir bei Marina Abramović im Museum, weil die Mutter in der FAZ gelesen hatte, diese Ausstellung sei ein Muss, und was muss, das muss. Man konnte Reiskörner in Schüsseln zählen, und der Vater hat es gemacht, er ist nicht von seinem Platz aufgestanden, bis er ausgezählt hatte, und Molly, die Mutter und ich haben währenddessen den Rest der Ausstellung angeschaut. Der Vater macht mich im Nachhinein traurig, wie er die Einsamkeit vor sich herträgt, in jeder Erinnerung, die ich an ihn habe.
Ich gehe die schwere Holztreppe nach oben, und natürlich ist es Quatsch, natürlich wird die Treppe hier im Haus bleiben, aber ich denke, wenn ich einen Gegenstand von hier mitnehmen müsste, dann die Treppe. Da, wo die Füße am häufigsten aufgetreten sind, haben sich Kuhlen gebildet, und Molly hat immer versucht, neben die Kuhlen zu treten, um sie auszugleichen, ganz breitbeinig ist sie die Treppe hochgegangen. Ich bin in die Zentren der Kuhlen gestiegen, mitten hinein. Ich habe nie bezweifelt, dass ich ein Recht habe, mich in die Dinge hineinzugraben, und ich denke, kein Wunder, dass so eine Person eines Tages einfach verschwindet.
Ich gehe in das Schlafzimmer der Eltern. Es sieht anders aus, das gesamte Obergeschoss, weil die Mutter in den letzten Jahren alles renoviert hat, alles sortiert, alles ausgemistet, wie sie sagt, als würde sie im Stroh schlafen. Die Mutter hat Handwerker bestellt, die die alten Dielen herausgerissen haben und mattes Holz hineingelegt, wie aus einem Guss, wie abgeschnittene Scheiben von einem einzigen riesigen Baumstamm. Die Mutter hat die Möbel allesamt ausgetauscht. Als die Eltern ins Haus zogen, kauften sie bei IKEA, weil IKEA damals neu war, stilvoll und modern, wie die Eltern selbst. Jetzt empfindet die Mutter IKEA als Discounter, wo eben jeder einkauft, und die Mutter will nicht jeder sein und im selben Bett schlafen wie die Nachbarn in den Reihenhäusern, die sehr wohl jeder sind. Die Mutter hat die IKEA-Möbel allesamt ausgetauscht gegen andere, die auch hygge sind, aber preislich eben noch hyggerer. Sie ergänzt sie durch ausgewählte Stücke, die sie bei einem Restaurateur kauft und gegebenenfalls anpassen lässt. Der Restaurateur persönlich hat ihr einen Sechzigerjahre-Sessel ins Schlafzimmer getragen, über dem jetzt eine in der Länge gefaltete Leinenhose liegt.
Es ist klar, dass dieser Sessel nicht als Sessel benutzt wird, er wird nicht besessen im wörtlichen Sinn, nur im Sinn des Besitzens, er dient nur als Ausrede, um wiederum so viele Räume zu besitzen, mit so vielen leeren Ecken, in denen kein Mensch gleichzeitig sitzen kann, er ist ein Stellvertreter, und dabei praktischer als eine Katze, die haart und frisst. Den großen Schrank hat die Mutter ausgetauscht gegen einen kleineren, weil sie so viele Klamotten ausgemistet hat, in dicken, blauen Plastiksäcken zur Kleidersammlung gebracht. Die Mutter findet, weniger ist mehr, damit hat sie sich die letzten Jahre beschäftigt, Sachen wegzuwerfen, nur das Beste vom Besten zu behalten, um sich Platz zu verschaffen, in diesem Haus mit den ganzen Zimmern, und jetzt geht sie weg, weil das Beste vom Besten nicht gut genug war, weil der Platz sich auch nicht einstellen wollte, als es nichts mehr wegzuwerfen oder zu renovieren oder auszutauschen gab.
Ich sehe sie in einem Altbau im Prenzlauer Berg, mit abgeschliffenen Dielen, hohen Decken, weißen Wänden, einer Matratze auf einem schlichten weißen Bettgestell und ein paar gerahmten Ausstellungsplakaten, auf dem Boden stehend, an die Wand gelehnt. Sie würde die Bilder nicht aufhängen, weil sie die Nägel ausgemistet hätte und den Hammer sowieso, und sie würde betonen, dass sie einfach keinen Nerv mehr habe für die ganzen Sachen. In der Küche gäbe es einen Gasherd und eine Siebträgermaschine und bunte Wimpel einmal quer durch den Raum und einen Tisch mit silbernen Beinen und pastellblauer Platte, daran zwei Stühle, einer davon zum Zusammenklappen, wenn sie allein wäre, damit sie nicht dem leeren Stuhl gegenübersitzen müsste, was sie sicher an den Vater erinnern würde, der einem unbesetzten, aber aufgeklappten Stuhl durchaus ähnelt. Ich öffne eine Schrankhälfte und fahre mit den Fingerspitzen über die karierten Hemden, die in Reih und Glied zwischen Lavendel hängen und dem Vater gehören, aber nicht seinen Geruch annehmen sollen. Die andere Tür, die der Mutter, lasse ich zu.
Ich stehe vor dem Zimmer, in dem Molly ein paar Monate gewohnt hat, bevor sie weg ist. Als ich zum nächsten Weihnachten ins Haus der Eltern kam, war das Zimmer leer. Es stand nicht einfach leer, es war leergefegt, man konnte den Eifer noch spüren, mit dem die Mutter jede Wollmaus in den Wischmopp gedrückt, die Wut, mit der sie die verlassenen Gegenstände dort aufgeklaubt und, ohne die Regeln der Mülltrennung zu befolgen, in blaue Säcke gestopft hatte. Die Mutter muss sich selbst in den Gegenständen gesehen haben, den Notenblättern, dem Marmeladenglas mit dem halben Joint, der Unterwäsche, dem Vorspielkleid auf dem Kleiderbügel, den Rollschuhen, alle diese Sachen hatten für die Mutter ein Gesicht, und zwar ihres, das Gesicht einer Verlassenen. Als ich in diesem vorwurfsvollen Zimmer stand, schoben sich plötzlich flimmernde Prismen vor meine Sicht. Immer mehr und sich stärker bewegend, bis ich nichts mehr erkennen konnte und mich übergab, sobald ich die Augen öffnete. Als irgendwann das Flimmern nachließ, begannen die Kopfschmerzen, die ich nicht verorten konnte, der ganze Körper war zum Kopf geworden und krümmte und wand sich, als müsste er etwas loswerden. Die Mutter gab mir Tabletten, die nicht halfen, ich war eingesperrt im Schmerz, ich warf mich im Bett, kotzte in einen Eimer, zog mir die Decke über den Kopf, trat sie weg, und irgendwann, nach einer schieren Ewigkeit, schlief ich ein.
Die Mutter sagte am nächsten Tag, seit wann hast du denn Migräne, Maus, und das Wort fiel mir vor die Füße, ein Wort, das ich gut kannte, aber dessen Bedeutung mir immer fremd gewesen war. Molly hatte manchmal Migräne. Sie erwähnte es beiläufig und legte sich ins Bett. Molly hatte ihre Migräne im Haus der Eltern gelassen, und ich habe seither Angst, das Zimmer zu betreten, wo sie vermutlich noch herumlungert. Ich stelle mir die Migräne als Parasit vor, der lange ohne einen Wirt auskommen kann und im Staub der Dielenfugen ausharrt. Ich habe das Zimmer hier lange nicht betreten. Ich glaubte manchmal, Geräusche von dort zu hören, als würde etwas durch Tausende Seiten blättern.
Ich öffne die Tür, halb in der Erwartung, dass mich die Migräne gleich anfällt und an mir saugt. Ich sehe sofort, dass das Zimmer jetzt dem Vater zugeteilt ist. Die Mutter wollte es wieder mit einem Zweck versehen, einer Existenzberechtigung, und da ihr nichts Besseres einfiel, bevölkert es jetzt der Vater. Der Vater hat dort die Sachen abgestellt, die er die Mutter nicht hat wegwerfen lassen. Ich stelle mir vor, dass er die Sachen getragen hat, wie früher die alten Leute ihre kranken Hühner, mit einem Arm an sich gedrückt, den anderen Arm frei, um fest und unnachgiebig über den Tierkörper zu streichen. Das Zimmer steht voll und strahlt dabei eine Leere aus, die Überforderung, was mit all den geretteten Sachen nach ihrer Rettung passieren soll.
Die Mutter betritt dieses Zimmer nie, und trotzdem ist sie gestresst, leidet unter dem Wissen, dass es einen Raum gibt, der nicht geordnet ist, in dem sie nicht die Gerüche kontrolliert, die Nützlichkeit der Dinge, ihre Qualität, dass die zu versteckenden Dinge verstaut sind und die zu zeigenden Dinge gut sichtbar obenauf liegen. Als wäre sie selbst das Haus, als hätte sie Angst vor dem, was der Vater in ihr zutage fördert, als würden die Handlungen des Vaters sofort als Male auf ihrer Hautoberfläche erscheinen, und er tut es noch nicht einmal absichtlich, sondern durch Zerstreuung, durch Apathie, durch dieses Tun-was-getan-werden-muss, zumindest Montag bis Freitag, und samstags ist er ja auf dem Markt und sonntags auf dem Trimm-dich-Pfad.
Auf dem Schreibtisch stehen alte Tischlampen, manche davon mit aufgeschlitzten Kabeln und abgetrennten Schaltern, der Vater scheint sie irgendwann reparieren zu wollen. Daneben weiße IKEA-Kartons mit silbernen Rändern, darin Fotos aus verschiedenen Zeiten und Zusammenhängen, dazwischen Negative, dm-Fototaschen, Postkarten, ausgeschnittene Todesanzeigen. Es liegen Bücher herum, Fotobände, Zeitgeschichte, Dan Brown, Ken Follett und Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit. Auf dem Sofa liegt ein Haufen Wäsche, ganz oben der Norwegerpulli mit Reißverschlusskragen, den der Vater schon immer hat, seit er der Vater ist. Es steckt eine Nadel darin, mit einem Faden im falschen Farbton, und als ich den Pulli in die Hand nehme, sehe ich, wie sich die Maschen voneinander lösen. Je genauer ich schaue, umso mehr kleine Löcher finde ich, manche haben schon Spuren der Auflösung gezogen.
Die Wolle ist morsch geworden und ich sehe den Vater, wie er versucht, den Pullover zusammenzuhalten, und je mehr er aneinandernäht, umso mehr Löcher fallen ihm auf, und dann legt er den Pulli zur Seite und schaut in eine Zeitung, die schon einige Wochen alt ist, und erinnert sich, welches Datum es war, als er die Schlagzeile, welche Schlagzeile auch immer, Ministerpräsident im Energiekrisenmodus: Bei Kretschmanns wird nur im Wohnzimmer geheizt, zum ersten Mal gelesen hat, denn an solche Dinge kann sich der Vater erinnern, er muss sich noch nicht einmal erinnern, was eine gewisse Mühe macht, der Vater weiß solche Dinge einfach, wie man weiß, dass man an jeder Hand fünf Finger hat.
Das Teleskop steht an der Wand, er hat sich dafür entschieden, dem Schreibtisch das Fenster zu überlassen, aber dagegen, das Teleskop auf Ebay-Kleinanzeigen zu verschenken oder es dem Jugendtreff zu spenden, sodass es jetzt neben der Couch an der Wand lehnt, die Linse auf die gegenüberliegende Wand gerichtet.
Dort stapeln sich die Waschmittelkartons der Oma. Die Oma hat ihr Leben lang Tagebuch geschrieben, aber nur in Stichworten, in Uhrzeiten, in Preisen, in Namen, in Geburts- und Todestagen. Sie hat jeden Tag auf eine Seite geschrieben, um wie viel Uhr sie den Bus genommen hat und wohin und für wie viel Mark es dort den Thunfisch gab, und jedes Jahr zu Weihnachten die Unterhemden von Schiesser. Die Oma hat die alten Tagebücher in Perwoll-Kartons mit Deckeln und weißen Plastiktragegriffen gestapelt, nach Jahren sortiert, und wenn es Unklarheiten gab, wer an welchem sechzigsten Geburtstag da war oder nicht, dann hat sie es nachgelesen. Die Oma hat die Tagebücher geführt wie ihren Haushalt, sie konnte keine Diskussionen haben. Sie wollte, dass die Dinge so sind, wie sie sind, und auch im Nachhinein so bleiben, wie sie eben gewesen waren. Der Vater hat die Kartons an die Wand gestellt und nicht angerührt, oder vielleicht doch, das weiß ich nicht, vielleicht hat er die Bücher darin gezählt, die ja den Lebensjahren der Oma entsprechen, wenn man die sechzehn abzieht, in denen sie nicht geschrieben hat, und vielleicht hat er sich daran erinnert, dass es ein Buch gibt, das nicht auf dem Grabstein vermerkt ist.
Er hat die Perwoll-Kartons einen nach dem anderen die Treppe hochgetragen, nicht am Griff, sondern gegen den Bauch gepresst, an der Mutter vorbei, die genau wusste, dass der Vater halt so trauert, auf diese Art, mit den Kartons im Bauchfett. Aber das Seufzen konnte sie sich trotzdem nicht verkneifen, und das Telefonieren mit der Freundin Christiane, die so einen ähnlichen Mann hat und auch zum Psychologisieren neigt, weil Psychologisieren etwas ist, das man so wunderbar nebenher machen kann und von zu Hause aus. Es geht sie ja etwas an, wie die eigenen Männer sich verdrängen und dabei die ganze Zeit das Gesicht verziehen, weil man einen Mann, der sich selber verdrängt, ja so schlecht bei der Hand halten kann, ohne mitverdrängt zu werden, wie soll man einen Mann haben, der überhaupt gar nicht griffig ist, überhaupt gar nicht richtig da, und über Richtig und Falsch mussten sich die Mutter und die Christiane noch nie verständigen, das war schon immer klar, was das heißt, zumindest für die Mutter.
