Hold me - Katrin Görlich - E-Book
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Hold me E-Book

Katrin Görlich

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Beschreibung

Sophie Maribell Beck kommt aus einer wohlhabenden Familie, während Hunter aus einem der Armenviertel kommt, in denen Rauschmittel und Gewalt an der Tagesordnung stehen. Als Sophie an einem kalten Novembertag alle Umwege in Kauf nimmt, um ihrem Vater nicht zu begegnen, treffen mit ihr und Hunter auch zwei Welten aufeinander. Trotz Hunters abweisender Art gehen er und seine moosgrünen Augen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Doch auch Hunter muss immerzu an die Frau mit der großen Klappe denken. Im Gegensatz zu Sophie weiß er allerdings, dass sie sich von ihm fernhalten sollte, um nicht in seine Welt hineingezogen zu werden. Als er jedoch sieht, dass auch in ihrer Welt nicht alles so rund läuft, wie man glauben könnte, fällt es ihm immer schwerer, sich von ihr fernzuhalten und sich gegen seine Gefühle zu wehren. Er lässt Sophie immer mehr in sein Leben - und sein Herz -, bis seine Realität ihn wieder daran erinnert, wieso er ihr nicht zu nahe kommen darf…

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Seitenzahl: 634

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Contents

Hold me

Triggerwarnung

Widmung

Playlist

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Showdown

Epilog

Katrin Görlich

Hold me Gefährliche Nähe

TRIGGERWARNUNG

Könnte Spoiler für das ganze Buch enthalten.

Dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Diese sind:

Suizid, Selbstverletzendes Verhalten, Depressionen, (Häusliche)Gewalt, Panikattacken, Mord und Verlust.

Liebe Lesende,

Niemand hat behauptet, dass Liebe einfach ist.

Denn das ist sie nie.

Liebe bedeutet zu kämpfen, zu weinen, zu verzeihen, zu reparieren.

Auch zu lachen, glücklich zu sein, zu fühlen.

Was zählt ist nur, dass man all dies zusammen macht.

Manchmal bedeutet zu Lieben auch Schmerz und Verlust,

weil es nicht immer ein Happy End gibt.

Doch sind wir es uns schuldig,

auch dann weiter zu machen & Glück zu erleben,

Freude zu fühlen und zu leben.

PLAYLIST

Sophie Maribells Song: CÉLINE - Dämonen

Hunters Song: KUMMER - Bei Dir

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Lil Peep - Runaway

CÉLINE - Dämonen

Skillet - Monster

Linkin Park - Numb

Forest Blakk - I Saw Love

Moritz Garth - Zeit für uns

Volbeat - A Warriors call

KUMMER, Nina Chuba - Der letzte Song

TAYLOR - Wenn du mal gehst

Julita - In einem anderen Leben

Colbie Caillat - Try

NF, Britt Nicole - Can you hold me

Zoe Wees - Control

Forest Blakk - I Wish I knew

Aley Chambers - Withou me

Sofia Carson - Come Back Home

Demi Lovato - Skyscraper

Gavin Mikhail - Amnesia

LUNA - Viel leichter

Oh The Larceny - Can´t stop me Now

Skillet - Psycho in my Head

Rapsoul - Gott schenk ihr Flügel

Disturbed - Warrior

Phix - Save me

Papa Roach - No Matter what

Devin Williams - Here for you

Dalton Rapattoni - Turn to Stone

Ed Sheeran - Perfect

Tommee Profitt, Sam Tinnesz - With you till the End

Die Firma - Die Eine 2005

Alexander Cardinale - Made for you

Sueco - Paralyzed

Jack Curley - Alice

PROLOG

Song: Lil Peep - Runaway

JOAN

Genug. Es war genug. Mein Leben lag in Trümmern vor mir. Meine Mom trank sich täglich den Verstand weg, bekam nichts davon mit, was ihre Kinder so trieben. Wie es ihnen ging.

Hunter, mein Zwillingsbruder, litt und versuchte, für uns alle stark zu sein. Die Schulden einzubringen, die Mom mit ihrer Sucht verursachte. Und ich? Ich ließ zu, dass man mich benutzte. Misshandelte. Um, genau wie Hunter, meine Familie zu schützen.

Der Unterschied war nur, dass ich sie schützen musste, weil ich Scheiße gebaut hatte. Nicht mit Absicht, ich hatte mich einfach nur in die falsche Person verliebt. Der Fehler war zu glauben, dass er auch mich lieben könnte. Stattdessen erpresste er mich. Drohte mir, Mom und Hunter zu schaden, sie zu verletzen, wenn ich mich ihm widersetzte.

Aus diesem Grund tat ich so, als wäre ich noch immer das naive, schwer verliebte Ding, das sich nicht von ihrem Freund trennen konnte, egal was er ihr antat. Doch in Wahrheit war ich einfach nur ein Mädchen, das ihre Familie mehr liebte als ihr eigenes Leben.

Es zerriss mir fast das Herz, Hunters Bemühungen, mir helfen zu wollen, mit anzusehen und zu wissen, dass es doch nichts brachte. Dass er litt, weil ich litt. Dass er daran verzweifelte, wie machtlos er war, weil ich nicht mit ihm reden wollte. Weil ich seine Hilfe wieder und wieder ablehnte. Dabei war ich so dankbar für seinen Halt, den er mir gab. Er war der einzige Grund, weshalb ich es überhaupt so lange durchgehalten hatte.

Doch ich hatte meine Grenzen erreicht. Ich ertrug keinen Schmerz mehr, weder auf meiner Seele, noch auf meinem Körper.

Mit diesem Gedanken legte ich den Briefumschlag, auf dem der Name meines Bruders stand, auf meinem Nachtschränkchen ab. In ihm befanden sich meine letzten, niedergeschriebenen Worte an ihn.

>> Es tut mir so Leid, Hunter <<, flüsterte ich mit Tränen erstickter Stimme, obwohl niemand mich hören konnte. >> Ich liebe dich so sehr, großer Bruder. Bitte verzeih mir irgendwann. << Unaufhörlich flossen die Tränen aus meinen Augen, glitten meine Wangen hinab und landeten auf dem kalten Wannenboden, auf dem ich saß.

Langsam zog ich die Rasierklinge über die Pulsadern an meinen Handgelenken und stöhnte dabei vor Schmerz auf. Meine Hände zitterten leicht, während ich die Klinge den Arm hinauf führte und dabei der Ader folgte. Das Blut quoll hervor, erst langsam, dann immer schneller. Unaufhaltsam.

Es tat weh, war aber nichts im Vergleich zu dem Schmerz, den er mir wieder und wieder angetan hatte.

Kraftlos ließ ich mich gegen die Duschwand sinken, während mein Körper so heftig zu zittern begann, dass meine Zähne aufeinander schlugen. Quälend langsam spürte ich meine Hände taub werden, dann meine Arme und schließlich setzte das Schwindelgefühl ein. Es dauerte Minuten, die sich wie Stunden anfühlten, bis ich endlich in die erlösende Schwärze viel, die die Ohnmacht mit sich brachte

★.•°*”˜☠ ˜”*°•.★

KAPITEL 1

Song: CÉLINE - Meine Dämonen

BELL

Der Regen prasselte an mein Fenster und hinterließ überall dort, wo er hinab glitt, seine Spuren. In der Ferne war leises Donnergrollen zu hören und kündigte das herannahende Unwetter an.

Es dauerte nicht lange, bis die ersten Blitze die Nacht erhellten. Es war wunderschön und ich freute mich jedes Mal, diesen Naturphänomenen beiwohnen zu dürfen. Das Donnergrollen wurde immer lauter und der Regen stärker. Mittlerweile prasselte er nicht mehr, sondern klatschte geradezu an meine Scheibe, angetrieben von dem Wind, der ebenfalls dagegen drückte und die Bäume bog.

Es war herrlich mit anzusehen, wie der Himmel sich verdunkelte, während der Wind auffrischte. Es spiegelte den Sturm wider, der auch in meinem Inneren tobte.Doch nach außen hin war ich ruhig, wie die Mitte eines Orkans.

Die Schlaflosigkeit hielt mich weiter in ihren Klauen. Jeden Abend dasselbe. Es waren immer wieder diese Gedanken, die in meinem Kopf herum wirbelten und mich wach hielten. Es war schon zwei Stunden her, als ich beschlossen hatte, schlafen zu gehen. Hier lag ich nun immer noch hellwach und konnte nicht einschlafen. Mein Bett fühlte sich langsam zu klein, zu warm, zu ungemütlich an, je länger ich wach hier herum lag. Mittlerweile hatte ich meine dicke weiße und mit pink-roten Rosen verzierte Daunendecke - leider bestimmten meine Eltern über meinen Geschmack, denn was ich wollte, interessierte hier niemanden -, ans Bettende verbannt.

Meine lockigen, honigblonden Haare lagen wie ein Fächer auf dem, zur Decke passenden, Kissen ausgebreitet. Seufzend schloss ich meine Augen und lauschte weiter dem Regen, dem Sturm, dem Donner. Obwohl es eine so beruhigende Wirkung auf mich hatte, wollte der Schlaf einfach nicht kommen.

Vielleicht war es einfach die Angst vor dem Schlafen selbst, die mich nicht einschliefen ließ. Denn dann war man wehrlos, verwundbar und das jagte mir eine ungeheure Angst ein. Heute Nacht war es besonders schlimm. Mein Gefühl sagte mir, dass etwas nicht stimmte und ich bekam ständig Adrenalinschübe und Herzrasen. Der Drang davon zu laufen war so stark, dass ich ihm beinahe nachgegeben hätte, wenn ich nur wüsste, wohin ich gehen sollte, denn leider wusste ich nur zu genau, wovor ich davon rennen wollte. Mühsam öffnete ich wieder die Augen und sah zur Seite, die rote leuchtende Schrift meines Weckers, der auf meinem Nachtschränkchen neben dem Bett stand, zeigte drei Uhr nachts. In drei Stunden würde ich wieder aufstehen müssen. Eigentlich lohnte sich das Einschlafen gar nicht mehr. Als ich das nächste Mal die Augen schloss, schlief ich dennoch ein, obwohl ich keine Müdigkeit empfand.

Als meine Zimmertür plötzlich aufgerissen wurde, schreckte ich aus dem Schlaf hoch. Jemand betrat mein Zimmer, aber ich konnte die Person nicht erkennen, da es zu dunkel war. Die Gestalt stürmte auf mich zu und packte mich am Hals, erschrocken schnappte ich nach Luft. >> Diesmal läuft es anders, hast du mich verstanden, Sophie Maribell Beck!?<< Drang die wütende Stimme meines Vaters an mein Ohr. >>J-Ja <<, röchelte ich, da mein Vater meinen Hals noch immer fest umklammert hielt…

Das laute Piepen meines Weckers riss mich aus meinem Alptraum. Der Schlaf war nicht sehr erholsam gewesen, ganz im Gegenteil. Vor dem Einschlafen war ich wach, aber jetzt fühlte ich mich total gerädert und es fiel mir schwer, die Augen aufzubekommen. Mein ganzer Körper fühlte sich an, als wäre er aus Blei. Immer wieder verfiel ich in einen Sekundenschlaf, aus dem ich wieder aufwachte, weil ich keine Luft bekam. Manchmal vergaß ich einfach, im Schlaf zu atmen, wurde aber zum Glück immer davon wach. Als ich es endlich schaffte, meinen Bleikörper zu erheben, spürte ich, wie mein Herz zu rasen begann, als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen. Das Atmen fiel mir schwer, ebenso das Schlucken und ein flaues Gefühl machte sich in meinem Magen breit. Also alles wie immer. Wenn ich dann noch an Essen dachte oder tatsächlich etwas aß, wurde mir richtig schlecht. Aus diesem Grund frühstückte ich in der Regel auch nicht. Dabei liebte ich Essen eigentlich. Paradox, ich weiß.

Nachdem ich wieder genug Luft bekam, erhob ich mich und schleppte mich langsam in das Badezimmer, welches an meinem Zimmer angrenzte. Jeder von uns hatte sein eigenes, was ich ziemlich übertrieben fand, da wir meistens nie alle gleichzeitig Zuhause waren. Aber in manchen Situationen war ich auch dankbar dafür, nicht Gefahr zu laufen, irgendwem auf dem Weg ins Bad begegnen zu müssen. Im Gegensatz zu meinen Eltern war ich ziemlich introvertiert und hatte oft keine Lust auf Gesellschaft. Jedenfalls nicht auf die schwierige Gesellschaft meiner Eltern und ihre Bekanntschaften. Mit potenziellen Freunden unternahm ich schon gerne etwas, auch, wenn ich mich oft ziemlich schnell wieder nach meiner Ruhe sehnte oder mich manchmal fehl am Platz fühlte. Mal ganz davon abgesehen, dass ich eigentlich keine Freunde hatte. Manchmal war ich hingegen aber auch einfach nur dankbar dafür, raus zu kommen, um nicht alleine mit meinen Gedanken sein zu müssen. Dann besuchte ich gerne belebte Orte, um mich nicht so einsam zu fühlen.

Als ich, im Badezimmer angekommen, mein Spiegelbild betrachtete, entfloh mir ein leiser Fluch. An meiner Wange, direkt unter dem Auge, prangte ein Bluterguss, der sich von meiner blassen Haut deutlich abhob. Er war von gestern Abend, als meinem Vater die Hand ausgerutscht war, weil ich mein Zimmer nicht aufgeräumt hatte.

Ich stelle die Dusche an und wartete, bis das Wasser die richtige Temperatur erreichte, während ich mir die Zähne putzte. Als es endlich warm war, stellte ich mich unter den Wasserstrahl und stellte mir vor, wie meine Gedanken und Müdigkeit mit fortgespült wurden. Wenigstens für diesen kurzen Moment wollte ich an nichts denken, nichts fühlen. Einfach nur sein. Für eine Weile schloss ich die Augen und genoss einfach nur die Wärme, die auf mich nieder prasselte.

Nach dem Duschen beeilte ich mich damit, den Bluterguss unter einer Schicht Make Up zu verstecken, damit niemand etwas falsches dachte. Die Mühe meine Haare zu föhnen oder zu kämmen, machte ich mir erst gar nicht. Wenn ich mich beeilte, konnte ich die Begegnung mit meinem Vater, der gleich von der Arbeit nach Hause kommen würde, vermeiden. Also schnappte ich mir schnell meinen Rucksack mit den Schulsachen und rannte die Treppe hinunter. Da die Räume bei uns im unteren Stockwerk ziemlich offen waren, endete die Treppe in der Küche. Von dort aus konnte man das Wohnzimmer und den Flur zur Haustür sehen.

Als ich einen Blick auf die Uhr warf ,die an der Küchenwand hing, sah ich, dass ich noch gut eine Stunde Zeit hatte, ehe ich eigentlich los gemusst hätte.

Da ich wirklich keine Lust hatte, meinem Vater zu begegnen, schnappte ich mir Jacke, Mütze, Handschuhe und Schal, um mich auf den Weg nach draußen zu machen.

Eisiger Wind schlug mir entgegen, als ich die Haustür öffnete. Der Regen von gestern Nacht lag als Eisschicht auf den Gehwegen und Straßen. Kleine Atemwölkchen bildeten sich, als ich die Luft ausstieß. Fröstelnd schlang ich meinen Schal ein weiteres Mal um mich herum, sodass ich die Hälfte meines Gesichts darin verbergen konnte. Wie eine Ertrinkende klammerte ich mich an das Geländer fest, das die Stufen vor unserer Haustür zierte, um nicht auszurutschen und zu fallen. Ganz vorsichtig, einen Schritt nach dem anderen, schaffte ich es nach gefühlt einer halben Ewigkeit, die Stufen hinab.

Jetzt hatte ich keine Gelegenheit mehr, mich an etwas festzuhalten. Also machte ich mich langsam auf den Weg zur Bushaltestelle. Allerdings nahm ich nicht die naheliegendste, die im Westen und nur zwei Minuten von meinem Zuhause entfernt war, sondern die, die zirka eine halbe Stunde Fußmarsch in die andere Richtung lag. Immerhin hatte ich mehr als genug Zeit und keine Lust mir hier den Hintern festzufrieren.

Und sollte ich, wenn ich da war, immer noch zu viel Zeit haben, würde ich die nächstgelegene Bäckerei aufsuchen und mir dort einen Cappuccino oder heißen Kakao holen. Bei dem Wetter gab es kaum etwas besseres um sich ein bisschen aufzuwärmen. Als ich noch keine fünf Minuten unterwegs war, fing es an zu schneien. Aus dem anfänglich fast schüchternen Schneefall wurde ein regelrechter Schneesturm. Die dicken Flocken peitschten mir so unbarmherzig entgegen, dass ich mein ganzes Körpergewicht nach vorne verlagern musste, um nicht nach hinten gedrückt zu werden. Es tat ein bisschen weh, als sie mir ins Gesicht klatschten, aber ich störte mich nicht daran. Von der Nässe und dem Wind waren meine Haare, die nicht unter der Mütze verborgen waren, bereits zerzaust und wahrscheinlich auch ziemlich verknotet. Auf das Entwirren hatte ich jetzt schon keine Lust. Sarkastisch lachte ich auf und wurde von zwei Passanten, die mir entgegenkamen, angeschaut, als wäre ich nicht von Sinnen. Vielleicht stimmte das auch. Nachdem ich dreimal auf den Hintern, der jetzt mit Sicherheit blaue Flecken hatte, gefallen war, hatte ich es geschafft, die Haltestelle zu erreichen. Tatsächlich habe ich für den Weg eine Dreiviertelstunde gebraucht. Jetzt hatte ich noch gut zwanzig Minuten Zeit, die es zu überbrücken galt. Beim Ankommen hatte ich Erleichtert festgestellt, dass sich direkt hinter der Haltestelle eine Bäckerei befand.

Allerdings hatte ich auch bemerkt, dass die Gesellschaftsschicht hier eine ganz andere war, als dort, wo ich herkam. Hier roch es nach Urin, die Meisten trugen kaputte Kleidung und sahen im Allgemeinen ziemlich gefährlich oder mitgenommen aus mit ihren Piercings und krassen sowie oft bunten Frisuren. Nieten schienen hier zur Kleiderordnung zu gehören und wenn ich mich nicht täuschte, roch es hier nach Gras und womöglich noch weiteren Drogen, die ich nicht identifizieren konnte. Die Gebäude waren mit Graffiti beschmiert und hatten nicht selten eingeschlagene Fenster oder andere Einbruchs Merkmale.

Mit vor Kälte steifen Gliedern ging ich auf die kleine Bäckerei zu und wollte gerade die Tür öffnen, als sie von innen aufgestoßen wurde.Von dem Rückstoß fiel ich, schon wieder auf, den Hintern. Ein ziemlich mies gelaunter junger Mann kam heraus. Er hatte einen beidseitigen Sidecut und die kurzen Stellen dunkelbraun, die Spitzen der längeren Haare, die ihm vorne ins Gesicht fielen, aber blond gefärbt. Seine schwarze Jeans war an den Knien offen und sah schon ziemlich ausgeblichen aus. Eine Jacke trug er nicht, nur einen Hoodie, der an Ärmeln und Kapuze schwarz und ansonsten schwarz-rot kariert war und aussah, als hätte er schon bessere Tage hinter sich gehabt. Immerhin sah ich weder Nieten an seiner Kleidung, noch Piercings in seinem Gesicht. Nicht, dass ich etwas gegen diese gehabt hätte, ganz im Gegenteil. Es fiel mir einfach nur auf. >>Hey!<< schimpfte ich, verärgert darüber, dass er keine Anstalten machte, sich zu entschuldigen.

Wütend sah ich ihn an, bis mir auffiel, wen ich da gerade so angemeckert hatte. Oh Shit. Mein Blick traf auf zwei ziemlich wütend aussehende, moosgrüne Augen, die mich anblitzten. >>Was willst du denn!?<<, blaffte er mich an. Er sah aus wie ein Racheengel. Direkt bereute ich, dass ich mein Temperament, wie so oft, nicht im Griff hatte und erst handelte, bevor ich nachdachte. >>T-Tut mir Leid, ich wollte nicht…<<

>> Machn Abgang, Puppe<<, unterbrach er mich, drehte sich einfach um und ging Richtung Haltestelle davon. Fassungslos sah ich ihm nach.

Ich holte mir meinen Cappuccino und wärmte meine Hände an dem warmen Pappbecher. Bei dem Wetter kühlte das heiße Getränk darin schnell ab. Für manche war es wahrscheinlich noch zu heiß zum Trinken, aber ich mochte es, wenn es noch sehr warm war. Langsam trottete ich zur Haltestelle und blieb einige Meter entfernt von ihr stehen, weil ich nicht schon wieder mit dem einen Typ aneinander geraten wollte. Denn eben dieser Junge, der mich vorhin so angeblafft hatte, stand dort an dem Haltestellen Häuschen. Ehrlich gesagt machte er mir auch ein bisschen Angst und gleichzeitig machte er mich wütend mit seinem rücksichtslosen Verhalten. Andererseits, wer in einer Gegend wie dieser hier lebte, kannte es vielleicht auch nicht anders.

★.•°*”˜☠ ˜”*°•.★

KAPITEL 2

Song: Skillet - Monster

HUNTER

Der Kühlschrank inklusive meines Magens war mal wieder leer und das Geld reichte kaum aus, um über die Runden zu kommen. Nicht mal das Brot beim Bäcker konnte ich mir leisten, weil Mom das Geld lieber versoff. Eigentlich liebte ich meine Mom. Wirklich, das tat ich. Und ich wusste, dass sie mich auch liebte, genauso wie ich wusste, dass sie wirklich versuchte, diese Sucht unter Kontrolle zu bringen. Aber in Momenten wie diesen, war ich einfach furchtbar wütend auf sie. Obwohl ich wusste, wie schwer das für sie war, dass sie es nicht schaffte aufzuhören und sie sich selbst dafür am meisten Vorwürfe machte.

Mir war bewusst, wie unfair ich dem Puppengesicht vorhin gegenüber war, aber es war mir gerade einfach egal gewesen. Sie stand mir im Weg und ich hatte keinen Bock, mir noch ihr rumgezicke zu geben.

Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, wie die Tussi ein paar Meter vor der Haltestelle innehielt und aussah, als wüsste sie nicht so recht, was sie tun sollte. Ob sie jetzt Angst vor mir hatte? Andererseits, wer hätte das nicht? Natürlich schlug ich keine Frauen, aber mir war es trotzdem ganz recht, wenn sie Angst vor mir hatten. Dann gingen sie mir wenigstens nicht auf die Nerven. Mit verschränkten Armen lehnte ich mich an die Plexiglasscheibe der Bushaltestelle und dachte darüber nach, wie ich jetzt am schnellsten an Kohle kam. Sollte ich Laurenz um einen Job bitten? Für ihn hatte ich schon öfter gedealt, er war ganz korrekt, solange man seinen Auftrag erfüllte und keinen Scheiß machte.

Lautes Gequatsche lies mich aufblicken. Als ich in die Richtung sah aus der die Stimmen kamen, verdrehte ich genervt die Augen. George und Bennett, zwei Idioten die sich gefunden hatten wie Dick und Doof, kamen grad auf die Haltestelle zu. Wollten die Beiden etwa sturzbesoffen wie sie waren zur Schule? Dabei schwänzten sie doch sonst immer den Unterricht, wenn die Polizei sie nicht gerade aufgabelte und persönlich in die Schule brachte oder ihre Eltern informierten. Wobei Bennetts Eltern sich nicht sonderlich dafür zu interessieren schienen, was ihr Junge so trieb. Aber das war bei uns in der Gegend keine Seltenheit, ebenso wenig wie Georges Eltern, die ihre Sohn gern mal Manieren beibrachten.

Das Püppchen von vorhin sah unsicher zwischen den Beiden und mir hin und her, als überlege es, wer von uns wohl das kleinere Übel wäre. Wenn man mich fragte, war das wohl ganz klar ich, aber nach meiner Einlage vorhin sah sie das wahrscheinlich ein bisschen anders. Allerdings machten die Beiden, im Gegensatz zu mir, keinen Halt, wenn es darum ging, Frauen zu schlagen. Sie schubsten sich gegenseitig beim Laufen. Schließlich sah George auf, stupste Bennett mit dem Ellenbogen in die Rippen und deutete auf das Puppengesicht. Die beiden lachten dümmlich, was daran lag, dass sie wirklich nicht die hellsten Leuchten waren. Unmerklich richtete ich mich ein Stück auf, bereit einzugreifen, sollte es ernst werden.

Puppengesicht hatte anscheinend auch schon begriffen, dass George und Bennett sie im Visier hatten und kam mit jedem Schritt, denn die Beiden auf sie zugingen, einen Schritt weiter in meine Richtung. Es wunderte mich nicht, dass sie zur Zielscheibe der Beiden geworden war, bei den Klamotten die sie trug. Sie stanken förmlich nach Geld. Auch so konnte man ihr ansehen, aus welcher Gegend sie kam. Sie passte hier einfach nicht rein. Ihr ganzes Erscheinungsbild schrie geradezu Rich Kid. Es war mutig so hier aufzukreuzen, oder aber einfach nur dumm. Was sie wohl in diese Gegend verschlagen hatte?

Mittlerweile waren es nur noch gut zwei Meter, die die Kleine jeweils von den anderen Beiden und mir trennten. Panisch flog ihr Blick zwischen uns hin und her. Wie ein Kaninchen, das in der Falle saß, schoß es mir durch den Kopf. Weiter schien sie sich nicht zu trauen, obwohl George und Bennett immer näher kamen, blieb sie stehen und wich nicht weiter in meine Richtung. Damit war dann wohl geklärt, wer von uns dreien furchteinflößender war.

>> Hey, Chick.<< Hörte ich George sagen, der nun sehr nah an das Puppengesicht heran getreten war. Entgegen meiner Erwartung hatte sie sich vor ihm aufgebaut, die Schultern nach hinten, das Kinn nach oben gereckt, obwohl sie immer noch einen halben Kopf kleiner war als er, zeigte sie keine Furcht mehr. Richtig so. Viele hier waren wie Raubtiere, wenn sie Angst witterten, konnte das dein Ende sein, aber wenn man sich ihnen entgegen stellte, kniffen die Meisten den Schwanz ein. Allerdings waren George und Bennett auch schlicht zu dumm, um zu erkennen, wenn sie dem Gegenüber nicht gewachsen waren.

>> Nenn mich nicht Chick, Arschloch.<< Entgegnete sie vollkommen ruhig und gelassen, aber ich konnte sehen, wie ihre Hände zitterten. Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

Die Unterlippe hatte sie ein Stück vorgeschoben, was wahrscheinlich nicht beabsichtigt war. Es sah ein bisschen so aus, als würde sie ihn an schmollen, was ich irgendwie echt komisch fand.

Gespannt, wie es weiterging, beobachtete ich die Szene vor mir. George schien es nicht zu gefallen, dass sie keine Furcht vor ihm zeigte und auch noch Widersprüche gab.

>>Ganz schön mutig für so ein kleines Prinzesschen. Hast du gar keine Angst vor dem großen bösen Wolf?<< Er unterstrich seine Aussage mit einem dreckigen Lachen. So lachte er immer, wenn er wütend war und es nicht nach außen tragen wollte. >>Ey George, vielleicht gehen wir lieber.<< Warf Bennett, der hinter George stand, ein. George funkelte Bennett wütend an, als er zu ihm herum fuhr. >>Hast du etwa Schiss vor der kleinen Braut oder was!?<< Fragte er verächtlich. Bennett schüttelte kaum merklich mit dem Kopf und deutete mit einem Kopfnicken auf mich. George Blick flog in meine Richtung und als er bemerkte, dass ich die drei beobachtete sah er sich nervös um, ehe er Bennett ein Zeichen gab ihm zu folgen. >>Wir sind noch nicht fertig mit dir. << Drohte er ihr noch, ehe er sich abwandt und mit Bennett davon eilte. Sie sah den Beiden verwirrt nach und schien nicht zu begreifen, was da gerade passiert war. Wie auch, sie kam ja offensichtlich nicht von hier. Woher sollte sie wissen, dass die meisten Leute hier Angst vor mir hatten und sich nicht mit mir anlegten. Die Einen nicht, weil ich Laurenzs Liebling war und die Anderen mieden mich, weil sie schlicht wussten, wozu ich in der Lage war.

Irritiert sah sie sich um, dabei blieb ihr Blick schließlich an mir hängen. Sowas wie Verstehen huschte über ihr Gesicht. Schmunzelnd zog ich eine Augenbraue hoch.

>> Was guckst du so? Denkst du gerade darüber nach, wie du dich für vorhin entschuldigen sollst? << feuerte sie mir rotzfrech entgegen und streckte mir die Zunge raus. >> Na warte!<< rief ich aufgebracht. Eigentlich war ich nicht wirklich wütend, aber so sprach man einfach nicht mit mir. Es ging ums Prinzip.

Ehe sie wegrennen konnte, was sie in diesem Moment versuchte, packte ich sie am Unterarm und drückte sie gegen die Plastikscheibe der Haltestelle, ihren Arm zwischen uns. Erschrocken riss sie die Augen auf. >>Da bist du grad den beiden Idioten entkommen und kannst trotzdem dein loses Mundwerk nicht halten?<<, fragte ich sie.

>> Leider nicht.<< Murmelte sie. Beinahe hätte ich aufgelacht, so resigniert klangen ihre Worte. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass sie sich entschuldigen würde, darum bitten würde, dass ich ihr nichts tat. Doch ihre Reaktion war weitaus amüsanter. Mein Blick fiel auf ihr herzförmiges Gesicht, welches von Sommersprossen geziert wurde, die über ihren Nasenrücken und den Wangen eine Spur zogen. Man sah sie nur, wenn man genau hinschaute. Sie sah so unschuldig aus. Mein Blick glitt über ihre großen, braun-grünen Augen zu ihren vollen Mund, den sie schmollend verzogen hatte. Als ich meinen Blick wieder zu ihren Augen wandern ließ, lag Trotz darin, aber auch ein bisschen Angst. Ihr war deutlich anzusehen, dass sie sich nicht unterkriegen lassen wollte, aber sie war auch vorsichtig genug, um den Mund zu halten. Kopfschüttelnd ließ ich sie los.

>> Was macht jemand wie du überhaupt in einer Gegend wie dieser?

Wolltest wohl ein kleines Abenteuer erleben, was? Ich hoffe du bist auf deine Kosten gekommen <<, verächtlich sah ich sie an. Suchte nach einer Erklärung in ihrem Gesicht, aber sie starrte nur stumm zurück, die Augenbrauen nach unten gezogen, die Wangen gerötet. Ob vor Kälte oder Wut, vermochte ich nicht zu sagen. >> Ich denke nicht, dass dich angeht, wieso ich hier bin << erwiderte sie mit vor Zorn zitternder Stimme. Zumindest vermutete ich, dass es Zorn sein musste. >> Stimmt. Das tut es nicht <<, gab ich ihr Recht. Doch meine Neugier war geweckt. Argwöhnisch betrachtete ich sie noch einmal, bevor ich mich abwandt. >> Ich wundere mich auch nur <<, sprach ich meine Gedanken aus, ohne sie anzusehen und beobachtete, wie der Bus langsam angefahren kam.

★.•°*”˜☠ ˜”*°•.★

KAPITEL 3

Song: Linkin Park - Numb

BELL

Noch immer etwas verärgert über den Jungen von der Haltestelle, wartete ich darauf, aus dem Bus aussteigen zu können. Er stieg natürlich auch hier aus. Wir ignorierten uns so gut es ging. Die ganzen Schüler drängten sich zum Ausgang, weil jeder als erstes nach draußen wollte, als würden sie sonst im Fahrzeug bleiben müssen. Mir war das zu viel Gedränge, weswegen ich meistens die Letzte war, die durch die Türen ging, egal worum es ging. So war das auch an meiner alten Schule schon immer gewesen.

Jemand rempelte mich von hinten an und ich stolperte Richtung Tür, mitten in die Masse hinein. Mein Herz klopfte wie wild in meiner Brust und meine Lungen schienen sich zu weigern, die benötigte Luft hineinzulassen. Die gemurmelte Entschuldigung der Person hinter mir, nahm ich nur vage wahr. Meine Sicht verschwamm, das Gefühl ertrinken zu müssen, obwohl kein Wasser mit im Spiel war, nahm mich beinahe vollständig ein. Mühsam schob ich mich vorwärts und wäre fast über die erhöhte Kannte gestolpert, die nach draußen führte, wenn mich nicht jemand am Arm gepackt und vorwärts gezogen hätte. >> Pass nächstes mal besser auf, Junge! <<, vernahm ich eine verärgerte Stimme. Ich kannte diese Stimme. >> Es war doch keine Absicht <<, antwortete ihr eine andere Stimme. Als sich meine Sicht wieder klärte, erkannte ich, dass ich etwas Abseits von den Anderen stand. >> Alles okay? Du sahst aus, als würdest du gleich aus den Latschen kippen <<, hörte ich wieder diese Stimme. Seine Stimme. Der Typ von eben. >> Ja, geht schon… Danke <<, murmelte ich und wünschte, er wüsste, wie ernst ich dieses Danke meinte. >> Keine Ursache <<, wiegelte er meine Worte ab. Er sah mich noch einmal prüfend an und deutete dann mit dem Kopf Richtung Schulgebäude. >> Also dann, ich muss los. << Ohne auf eine Antwort zu warten, ging er davon.

Unfähig mich zu rühren, sah ich ihm einen Moment lang nach. Langsam setzte ich mich dann in Bewegung und bemerkte erst dann, dass ich meine Schultasche Zuhause stehen gelassen hatte. >> Oh nein, er wird mich umbringen.<< Stöhnte ich genervt und etwas überdramatisch auf, als ich mir das Gesicht meines Vaters vorstellte, wenn er meine Schultasche entdeckte. Immerhin konnte ich ohne meine Schulsachen nicht mitmachen ergo gab es schlechte Noten, mal ganz abgesehen von dem Stoff der mir später für Klausuren fehlen würde. Dabei hatte ich doch in allen Bereichen makellos zu sein. Das ich leider nicht das Genie war, welches mein Dad in mir erwartete, interessierte ihn dabei herzlich wenig. Dass ich keinen Privatlehrer hatte, war auch alles.

Neugierig blickte ich zu dem Gebäude rüber, das wohl meine neue Schule sein würde. Mal sehen, für wie lange dieses Mal. In der Vergangenheit habe ich nie wirklich Freundschaften gehabt, eher Bekanntschaften. Was daran lag, dass wir eigentlich nie lange an einem Ort wohnten und es mir irgendwann zu mühselig geworden war, neue Freunde zu finden, die ich eh wieder verlassen musste. Meistens hatte ich auch gar keine Lust viel zu kommunizieren und war froh, einfach nur meine Ruhe zu haben.

Wobei ich auch gerne wenigstens einen richtigen Freund hätte. Jemanden, mit dem ich über alles reden konnte, mit dem ich aber auch einfach mal nur schweigen konnte. Jemanden, der mich verstand. Aber diese Hoffnung hatte ich schon aufgegeben. Vielleicht eines Tages, wenn ich nicht mehr in meinem Elternhaus wohnen musste. Dann würde ich mir einen Ort suchen, wo ich verweilen würde, ohne ständig umzuziehen.

Vielleicht sogar hier. Schoss es mir durch den Kopf. Immerhin wirst du bald volljährig. Wer sollte dich davon abhalten? Fragte meine innere Stimme mich. Mein Geldbeutel vielleicht? Antwortete ich ihr. Klar waren wir vermögend, aber das galt in erster Linie für meine Eltern. Es wäre vielleicht keine Schlechte Idee, sich einen Nebenjob zu suchen. Überlegte ich. Vielleicht auch schon mal ein paar Bewerbungen wegschicken, damit ich nach der Schule direkt einen Job bekam, um Geld zu verdienen. Das wird deinen Eltern aber so gar nicht passen, Schätzchen. Meldete meine innere Stimme sich wieder. Ich weiß. Entgegnete ich lächelnd. Meine Eltern hatten meine Zukunft schon bis ins kleinste Detail verplant. Nach der Schule sollte ich Jura studieren, dabei Zuhause wohnen bleiben, wahrscheinlich damit sie mich im Auge behalten konnten, und dann bei meinem Dad mit einsteigen. Irgendwann einen, ebenfalls vermögenden Kerl heiraten, den ich eh nicht liebte - wenn es nach meinem Vater ging, natürlich ebenfalls einen Staatsanwalt oder Rechtsanwalt, vielleicht sogar jemanden aus der Politik. Nicht zu vergessen das moderne Haus mit Schrebergarten und Kinder. Das Studium und der Job war auch eher Mamas Idee, wenn es nach Vater ging, würde ich nur reich heiraten und dann die Hausfrau spielen die im Hintergrund stand und eh nichts zu melden hatte. Aber nicht mit mir.

Es war nicht wirklich das, was ich mir für meine Zukunft vorstellte. Angefangen beim Haus, obwohl ein eigenes Haus schon schön wäre, sollte es nicht modern sein. Moderne Häuser waren mir oft zu kalt und lieblos, auch brauchte ich nicht so ein riesiges, wie das, indem ich mit meinen Eltern lebte. Ein kleines, gemütliches Haus mit Garten reichte mir vollkommen. Am liebsten würde ich Kunst studieren und meine Bilder verkaufen, vielleicht sogar eine eigene Galerie eröffnen, doch wusste ich, dass meine Eltern diesen Wunsch niemals billigen würden. Ob ich Kinder wollte, wusste ich noch nicht, aber ein Haustier wäre schön. Ein Hund vielleicht, oder Katzen. Mir egal welches, Hauptsache es hatte Fell und keine acht Beine.

Das aus roten Ziegelsteinen bestehende Schulgebäude, vor dem ich stand, war riesig. Es hatte die Form eines eckigen Hufeisens und war an manchen Stellen mit Efeu bewachsen. Die Fenster waren ziemlich groß und beinahe über die ganze Front verteilt. Das würde ein Spaß werden, wenn im Sommer die Sonne durch das Glas knallte.

Vor der Schule befand sich der Pausenhof mit allen möglichen Spielfeldern, die auf dem Boden gemalt waren. Außerdem standen ein paar Tischtennisplatten im hinteren Bereich und auf einer Seite ein riesiger Baum, der von einer Bank komplett umringt wurde. Der Hof führte an einem der Schulgebäude entlang nach hinten, allerdings konnte ich den Teil von hier aus nicht mehr erkennen.

Darüber staunend, wie ein Gebäude so alt und gleichzeitig so modern aussehen konnte, lief ich die Treppe, die nach oben hin immer schmaler wurde, zu der Eingangstür hinauf. Diese bestand aus Glas, sie erinnerte mich an die automatischen Türen im Einkaufszentrum. Nur waren die Türen nicht elektrisch und schwangen nach außen auf, anstatt sich zur Seite wegzuschieben.

Vorsichtig, um nicht auszurutschen, schritt ich die vereisten Stufen nach oben.

Vor mir lagen große, breite Flure, die mit dem für Schulen typischen Linoleumboden verlegt waren. Allerdings war dieser Boden hier weiß und nicht blau, wie an meiner alten Schule. Wenn man das Gebäude betrat, zweigte der Flur, wie eine Kreuzung, in drei Richtungen ab. Es ging geradeaus, nach recht und links. Da sich rechts und links die großen Fenster an der Front befanden, standen auf der anderen Seite die Spinde für die Schüler. Geradeaus standen diese an beiden Seiten, unterbrochen von den Türen, die in irgendwelche Zimmer führten. Am Ende des Flures konnte ich eine schwer aussehende Tür ausmachen, die nach draußen führen musste. Auf den anderen beiden Seiten führten die Flure ums Eck und gingen dort weiter, wie ich durch die Fensterfronten sehen konnte. Vor den Abzweigungen befanden sich jeweils auf beiden Seiten noch breite Treppen, die in die nächste Etage führten. Dann machen wir uns mal auf die Suche nach dem Sekretariat.

Die erste Stunde hatte ich fast komplett verpasst, weil ich erst eine ganze Weile in diesem riesigen Schulgebäude umhergeirrt bin, bis ich endlich den Anmelderaum gefunden hatte, in dem mir dann mein Stundenplan überreicht wurde mit der Auskunft wo sich mein Klassenraum befand und in welchen Sonderräumen manche Stunden wie Chemie stattfanden. Den Rest der Zeit hatte ich damit verplempert, besagte Räumlichkeiten zu finden.

Mein Orientierungssinn war noch nie der Beste gewesen und ich fragte mich gerade ernsthaft, wie lange es wohl dauern würde, bis ich die ganzen Wege im Kopf hatte.

Schüchtern klopfte ich an der Tür zu dem Klassenzimmer, wo ich laut Plan Unterricht haben sollte. Am liebsten wäre ich wieder umgedreht und gegangen. Mitten im Unterricht reinzuplatzen und von allen Leuten angeglotzt zu werden, entsprach nicht gerade meiner Vorstellung von unauffällig in die Klasse eingliedern, die ich mir erhofft hatte.

Mit den Klamotten, in die deine Mutter dich steckt, ist das mit dem unauffällig eingliedern eh gegessen. Da musste ich meiner inneren Stimme recht geben. Denn meine Sachen stanken förmlich nach Geld und waren so eng, dass ich auch fast nackt hätte gehen können. Viel blieb vor den Blicken anderer auf jeden Fall nicht verborgen. Danke Mama. Nicht.

Es war mir einfach nur peinlich. Mal ganz davon abgesehen war das einfach nicht ich. Sie passten nicht zu meiner Persönlichkeit und ganz oft fühlte ich mich in diesen Fummeln einfach nur unwohl. Meine Mom würde einen halben Herzinfarkt bekommen, wenn sie wüsste, wie ich darüber dachte.

Ein freundliches ,,Herein” unterbrach mich bei meinen Gedankengängen und ließ mich tief einatmen. Komm schon Sophie, du packst das. Das ist nicht deine erste neue Klasse und wird wahrscheinlich auch nicht die letzte sein. Versuchte ich mir Mut zu machen.

Mit klopfendem Herzen öffnete ich die Tür. Es machte mich immer nervös, einen Raum mit so vielen Menschen zu betreten. Wobei das nicht ganz stimmte. Denn es war nicht nur ein Raum fremder Menschen, der mich nervös machte, sondern Menschen als solches, besonders in großen Massen.

Zirka zwanzig Schüler, die alle neben- und hintereinander saßen, je zwei an einem Tisch, starrten mich an. Man konnte auch ohne ein Kenner Auge sehen, dass sie alle unterschiedlichen Gesellschaftsschichten angehörten.

Unschlüssig blieb ich neben der Tür, die bereits wieder zugefallen war, nachdem ich sie losgelassen hatte, stehen. Die Lehrerin kam lächelnd auf mich zu.

>> Hallo, du musst Sophie sein? Ich bin deine neue Klassenlehrerin und heiße Frau Faber<<, begrüßte sie mich freundlich. Ich erwiderte ihr Lächeln und bestätigte ihr meinen Namen. Zum Glück musste ich mich nicht der Klasse vorstellen, weil Frau Faber mir das mit einem kurzen „Das ist Sophie Maribell Beck, eure neue Mitschülerin.“ abnahm und mir meinen Platz zuwies. Frau Faber schien nett zu sein und ich mochte sie schon jetzt. Mit einem schnellen Gang lief ich zwischen den Sitzreihen bis zur vorletzten Reihe durch, um mich auf den einzigen, noch freien Platz zu setzen.

Dadurch, dass ich meine Schultasche Zuhause vergessen hatte, konnte ich den Unterricht nur mitverfolgen und mir dabei so viel wie möglich merken. Aber da ich die erste Stunde auch schon verpasst hatte, kam ich nicht wirklich mit.

Ich bekam von der Reihe hinter mir ein Papierknöllchen an den Kopf geworfen, das vor mir auf dem Tisch landete. Verärgert sah ich es an, wollte demjenigen, der es geworfen hatte, aber nicht die Genugtuung geben und ignorierte es einfach. Meine Sitznachbarin hatte es ebenfalls bemerkt und grinste mich vielsagend an. >>Was steht drin? Lasse versucht immer alles aufzureißen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist <<, kicherte sie. >>Da wollte mich nur Jemand ärgern<<, flüsterte ich zurück. Faltete das Papier aber trotzdem auseinander.

Lust auf ein Stück Pizza gleich in der Kantine? Ich lade dich ein ;).

Ungläubig zog ich die Augenbrauen hoch und sah meine Klassenkameradin an. >> Ist das sein Ernst? <<, wollte ich wissen. >> Fürchte schon <<, erwiderte sie achselzuckend.

Ich drehte das Papier um und kritzelte meine Antwort darauf.

Kein Interesse, aber Danke für die Einladung. :)

Das Papier mit meiner Antwort darauf zerknüllte ich ebenfalls und warf es, als Frau Faber vorne der Tafel zugewandt stand, zu dem Jungen zurück, der mich zuvor abgeworfen hatte. Zu gerne hätte ich es ihm ebenfalls an den Kopf geworfen, aber leider waren meine Wurf-Künste dafür zu schlecht.

Hinter mir ertönte ein leises Lachen, bei dem mir ein angenehmer Schauer über den Rücken lief.

>> Bist wohl doch nicht so unwiderstehlich, wie du denkst <<, sagte die Person, der das Lachen gehören musste. Diese Stimme kannte ich. Langsam drehte ich mich um. Da saß er.

>>Ernsthaft jetzt? <<, fragte ich ungläubig. Der Junge, der Lasse sein musste, sah zwischen mir und seinem Freund hin und her. >> Ihr kennt euch? <<, wollte er wissen, doch ich schüttelte den Kopf. >> Nicht wirklich <<, antwortete ich.

>> Wir sind uns heute nur schon mal über den Weg gelaufen <<, fügte der Typ von heute Morgen an. >> Uhh <<, machte Lasse vielsagend und plusterte die Wangen auf. >>Dann bin ich wohl raus. Die Protagonistin verliebt sich meistens in den mysteriösen Kerl, der ihr plötzlich ständig über den Weg läuft<<, lachte Lasse sarkastisch und bekam von seinem Sitznachbar dafür eine auf den Hinterkopf. Irritiert runzelte ich die Stirn. Was stimmte den mit diesem Lasse nicht? >> Du liest wohl zu viele von deinen Schnulzen, mein Lieber <<, höhnte er. >> Außerdem, wer sagt, dass ich auf Männer stehe? <<, neckte ich. Lasse und das Mädchen neben mir starrten mich an. >> Tust du nicht? <<, hörte ich Lasse fragen.

>> Wer weiß <<, meine ich nur und zwinkert vielsagend. Meine Nachbarin kicherte und berührte mich am Arm. Erschrocken zuckte ich zurück, weil ich die Berührung nicht hatte kommen sehen, weil es knapp über dem Schandfleck war, den mein Vater mir vor kurzem zugefügt hatte. Vor allem aber, weil Berührungen mich nervös machten, wenn sie nicht von mir ausgingen. Meistens hatte ich das im Griff, aber es gab Situationen, die mich vollkommen aus der Bahn warfen. Diese hier war glücklicherweise keine davon. Erleichtert stellte ich fest, dass niemand mein Zusammenzucken bemerkt zu haben schien. >> Vielleicht liest du einfach zu wenig davon <<, griff Lasse den Kommentar des Fremden wieder auf, was den anderen Typ zum Schnauben brachte. >> Und dich werde ich schon noch bekehren <<, versprach er mir dann, ebenfalls zwinkernd. Na klar. Bekehren, als wäre das wirklich möglich, wenn ich tatsächlich auf Frauen stehen würde. So ein Schwachsinn.

>> Ich bin übrigens Melina <<, stellte das Mädchen neben mir sich vor. >> Freut mich sehr, Melina. Ich bin Sophie, aber wahrscheinlich hast du das schon mitbekommen.<< In diesem Moment räusperte Frau Faber sich vorne. >>Ich weiß, es ist immer aufregend neue Schüler und Klassenkameraden begrüßen zu dürfen, aber es wäre schön, wenn sie sich jetzt wieder auf den Unterricht konzentrieren würden.<< Ertappt sah ich auf die Tischplatte vor mir und nickte stumm. Mein Gesicht glühte vor Scham und ich konnte nur hoffen, dass sie es nicht gleich meinem Paps erzählte. Den Rest der Stunde verbrachten wir schweigend.

Der Pausengong erklang und noch bevor ich von meinem Stuhl aufstehen konnte, war die Hälfte der Klasse bereits beim Ausgang, während Frau Faber darüber schimpfte und die Hausaufgaben in den Raum rief. Schnell tippte ich sie in meine Handynotizen ein, um es nicht zu vergessen, ehe ich den Klassenraum verließ, gefolgt von Lasse, ihm, wie auch immer sein Name lautet, und Melina. Im Schulflur gingen wir dann in der Masse an Schülern unter und ich ließ mich einfach von Melina mitziehen, da ich mich hier ja eh nicht auskannte.

Am Ausgang spalteten sich die Schüler Massen, die einen gingen geradeaus weiter in die Mensa und der andere Teil, dem wir folgten, bog nach links auf den Pausenhof ab. Die Jungs hatten wir unterwegs schon verloren, was mir nur recht war.

Da der Pausenhof so groß war und zusätzlich noch nach hinten weiterging, wirkten die Schüler Massen, die sich eben noch durch die Eingangstüren gequetscht hatten, viel weniger. Kleine Grüppchen hatten sich gebildet und verteilten sich über den ganzen Hof.

Gedankenverloren schlenderte ich über den Schulhof, betrachtete die Schüler, während Melina sich in der Mensa noch etwas zu essen holte, und lief dabei prompt in Jemanden rein.

>>Pass doch auf!<<, knurrte eine mir bekannte Stimme. Wütend über mich selbst stöhnte ich auf, wieso immer er? Er sah mich von oben herab an und hob fragend eine Augenbraue. >>Na, vermisst du etwa schon meine Gesellschaft?<<, fragte er in einem arroganten Tonfall.

>> Na klar<<, säuselte ich. >>Aber leider muss ich jetzt weiter <<, verabschiedete ich mich mit immer noch zuckersüßer Stimme, die nur vor Sarkasmus triefte und ignorierte dabei mein überhitztes Gesicht. >> Was bist du denn so unhöflich, Hunter? Gesell dich doch zu uns, Süße <<, bot Lasse mir lasziv grinsend an. Hunter also. Dieser verdrehte gerade die Augen. Fast fühlte ich mich versucht, Lasses Angebot anzunehmen. Einfach nur um Hunter damit richtig auf die Nerven zu gehen, dafür, dass er so ein Arsch war. Da ich allerdings noch nichts gegessen hatte, lehnte ich ab. >> Nein, danke <<, höflich lächelte ich Lasse entgegen.

>> Ich werde mir jetzt nämlich erstmal etwas zu Essen holen. << Und das tat ich dann auch. In der Kantine holte ich mir dann ein völlig überteuertes Stück Pizza, das ich dann nur zur Hälfte schaffte, ehe mich der Hunger wieder verließ und ich den Rest in die Serviette einpackte für später. Ich mochte es nicht, essen wegzuschmeißen, weil ich immer daran denken musste, wie privilegiert wir hier waren. Und an die Ressourcenknappheit auf der Erde.

Der restliche Schultag verlief ereignislos. Lasse und Melina hatten mich, ob freiwillig oder nicht, unter ihre Fittiche genommen. Hunter schien sowas wie eine Freundschaft mit Lasse zu verbinden, sicher war ich mir allerdings nicht, da er nicht nur mir gegenüber so abweisend war, wie ich ihn kennengelernt hatte. Fast hatte ich den Eindruck, dass er Lasse einfach nur duldete, aber eigentlich lieber für sich gewesen wäre. Keine Ahnung warum meine Gedanken so oft um ihn kreisten. Er war mir nicht ganz geheuer und obwohl ich eigentlich eine ganz gute Menschenkenntnis besaß, schwieg sie bei ihm eisern. Was ihn für mich irgendwie interessant machte und eigentlich ein Grund mehr war, ihm aus dem Weg zu gehen. Wahrscheinlich war er einfach nur ein arroganter Mistkerl, der meint, sich alles erlauben zu können. Wie auch immer.

Nachdenklich stand ich vor unserer Haustür, den Schlüssel in der Hand und war noch nicht bereit dazu, meine persönliche Hölle zu betreten. gerade noch spielte ich mit dem Gedanken mich umzudrehen und davon zu rennen, ein Szenario, dass ich immer wieder in meinen Gedanken durchspielte, als die Tür aufgerissen wurde und mir mein Vater wütend entgegen blickte. Ohoh. Vielleicht solltest du jetzt wirklich besser weglaufen? Riet meine innere Stimme und ich hätte ihr am liebsten nachgegeben. >>H..Hey, Dad.<< Stotterte ich ängstlich und versuchte es mit einem Lächeln, welches leider eher schüchtern ausfiel. Wenn mein Dad etwas nicht mochte, war das Schüchternheit. Naja und ganz viele andere Dinge, die in irgendeiner Art und Weise Schwäche verkörpern könnten. Er verengte die Augen zu Schlitzen. >> Willst du nicht eintreten? Was sollen denn die Nachbarn denken, wenn du so unentschlossen vor der Haustür stehst?<< fragte er in einem gespielt freundlichem Tonfall. Aber ich wusste, dass es nur Show war, sein Ansehen in der Gesellschaft war ihm sehr wichtig. Er packte mich am Arm und zog mich hinein, ehe er die Tür krachend ins Schloss fallen ließ.

>>Was fällt dir eigentlich ein, Sophie Maribell Beck!?<<, donnert mein Vater, aber ich verstand nicht worum es ging. Natürlich bin ich davon ausgegangen, dass er nicht begeistert sein würde, wenn er mitbekäme, dass ich meine Tasche Zuhause vergessen hatte, aber mit einer solch heftigen Reaktion hatte ich dann doch nicht gerechnet. Es bedeutete nie etwas Gutes, wenn er meinen vollen Namen aussprach. Wobei ausspie besser passen würde.

>>Was zur Hölle hattest du in diesem stinkenden Gossenviertel zu suchen?!<< Er spuckte das Wort „Gossenviertel“ förmlich aus und Tröpfchen flogen beim sprechen aus seinem Mund. Sein Gesicht lief bereits puterrot an, obwohl ich noch kein Wort gesagt hatte. Ehe ich überhaupt zu einer Antwort hätte ansetzen können, holte er aus und schlug mir mit der flachen Hand ins Gesicht. Dabei erwischte er mein Ohr und für einen Moment fühlte ich mich wie benebelt. Das schrille Piepen in meinem Ohr machte es nicht besser, hielt aber glücklicherweise nicht sehr lange an. Geschockt hielt ich meine Wange. Eigentlich hätte ich nicht überrascht sein dürfen, aber normalerweise kamen die Schläge erst später. >>Nicht nur unser Ruf, sondern auch deine Noten sind dir offensichtlich egal. Warst du überhaupt in der Schule!? Ohne deine Schultasche wirst du wohl nichts mitgeschrieben haben, habe ich recht? Wage es ja nicht, mit schlechten Noten nach Hause zu kommen.<< Immer noch ein bisschen benommen, sah ich hoch zu meinem Vater, der sich bedrohlich vor mir aufgebaut hatte. Er musterte mich unter zu Schlitzen verengten Augen. Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen und meine Atmung beschleunigte sich, glich sich dem schnellen Takt meines Herzens an. >>Hast du dazu nichts zu sagen?<< Bohrte er weiter nach, während ich versuchte die aufkommende Panikattacke zu unterdrücken. Bitte, nicht jetzt. Es ist alles gut. Ich werde nicht sterben, ich bekomme genug Luft. Es ist nur Angst. Mir war bewusst, dass er eigentlich keine Antwort haben wollte. Es machte die Sache nicht besser für mich, eher schlimmer, wenn ich versuchte, mich zu erklären. Doch selbst wenn ich gewollt hätte, war es mir in diesem Moment unmöglich, etwas zu erwidern.

Als von mir keine Antwort kam, packte mein Vater mich an den Haaren und zog mich die Treppe hinauf, bis wir schließlich vor meinem Zimmer zum halten kamen. Unfähig mich dagegen zu unternehmen, ließ ich ihn gewähren. >>Ich hoffe, dass wird nicht mehr vorkommen, Fräulein. Ansonsten lernst du mich noch ganz anders kennen.<<

Mit diesen Worten schubste er mich in mein Zimmer, wo ich zu Boden fiel und die Tür hinter mir krachend ins Schloß fiel. Es dauerte eine ganze Weile bis die Panik und das darauffolgende Zittern nachließen. Danach war ich wie immer sehr erschöpft. Also blieb ich einfach nur still auf dem Boden liegen, starrte an die Decke und flüchtete mich in meine Tagträume. Meine eigene, kleine Gedankenwelt, wo niemand mir wehtat.

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Verwundert blickte ich auf mein Handy, welches nur noch dreiundvierzig Prozent Akku besaß. Es war gerade mal fünf Uhr und ich hätte noch locker ein bis zwei Stunden schlafen können. Doch es war der Tatsache geschuldet, dass ich noch immer auf dem harten Boden lag, auf dem ich gestern eingeschlafen sein musste und in meinem Mund ein widerlicher Geschmack war, dass ich beschloss aufzustehen.

Mein Make-up war komplett verschmiert und auf der Wange bildeten sich zwei kleine Pickel auf meiner sonst eher reinen Haut, weil ich mich gestern nicht abgeschminkt hatte. Vielleicht aber auch, weil ich bald meine Periode bekommen würde. Sie verlief bei mir zwar meist eher schwach und schmerzfrei, brachte mir aber dennoch immer ein paar Pickelchen mit. Mama rümpfte immer die Nase, wenn sie einen an mir entdeckte, als wäre es meine Schuld. Dabei konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie in ihrem Leben nie welche gehabt haben sollte. Egal. Ich drehte die Dusche auf und ließ das Wasser warm werden, ehe ich mir meine Zahnbürste schnappte und mich unter den warmen Strahl stellte.

Nachdem ich wieder wie ein Mensch aussah, machte ich mich auf den Weg nach unten. Abrupt blieb ich auf der unteren Treppenstufe stehen, als ich meinen Vater auf einem der Küchenhocker sitzen sah. Er ließ sein Handy sinken und legte es in diesem Moment auf der Kücheninsel ab. Was machte er hier? Normalerweise wäre er schon lange auf der Arbeit. Er hob den Kopf und sah mich an, als ich langsam die Küche betrat. >> Guten Morgen <<, begrüßte ich ihn, als wäre das gestern nicht passiert. Als würde mir nicht noch die Wange schmerzen, oder die Seele.

>> Ob der Morgen so gut ist, wird sich noch zeigen <<, war seine Antwort. Was auch immer das wieder bedeuten mochte. Ich fragte erst gar nicht nach. Wahrscheinlich würde ich es ohnehin bald herausfinden, ob ich es nun wollte oder nicht. >> Ich habe vorhin mit deiner Lehrerin, Frau Faber, telefoniert <<, hörte ich ihn sagen. Das konnte schon nichts Gutes bedeuten. Im Geiste ging ich den gestrigen Schultag noch einmal durch, fand aber, bis auf die vergessene Schultasche, nichts, was ich angestellt haben könnte. Oder hatte sie ihm doch von der Plauderei im Unterricht erzählt? >> Wir sind der Meinung, dass dir ein paar Nachhilfestunden gut tun würden. Nur solange du den bisher verpassten Stoff aufgearbeitet hast, da du mitten im Schuljahr gewechselt bist und deine alte Schule nicht auf demselben Lernstand war wie deine jetzige. << Es klang plausibel und würde mir beim Lernen einiges erleichtern. Außerdem hatte ich so eine Möglichkeit, länger weg zu bleiben. Vorausgesetzt, die Nachhilfestunden würden nicht bei mir Zuhause stattfinden. So oder so hatte ich kein Mitspracherecht, wenn mein Vater das bereits entschieden hatte, allerdings hatte ich auch nichts dagegen. >> Okay. Das klingt logisch. Danke Dad <<, entgegnete ich daher nur. >> Frau Faber wird im Laufe des Schultages auf dich zukommen, bezüglich weiterer Infos für die Nachhilfestunden. << Er nickte mir zu. Ein Zeichen dafür, dass ich jetzt entlassen war und mich auf dem Weg zur Schule machen konnte. Obwohl ich noch locker eine Stunde Zeit gehabt hätte, ehe ich los musste, kam ich dieser Aufforderung nach.

Von der Kälte waren meine Finger bereits ganz rot und steif gefroren, aber das war mir egal. Die Handschuhe neben mir auf der Bank liegend, kritzelte ich mit einem Bleistift auf meinem DINA5 Zeichenblock herum, der auf meinen angewinkelten Knien lag. Es war ein düsteres Bild, eines, das meine Gefühle zum Ausdruck brachte. Untermalt mit Musik, die mir manchmal die Tränen in die Augen schießen ließ, wenn ich zu sehr auf den Text achtete. Es passierte meistens ganz plötzlich, ohne Vorwarnung. Als würde man einen Schalter umlegen, prasselten manchmal die verschiedensten Emotionen auf mich ein, die von Traurigkeit bis zur Verzweiflung reichten, ohne ersichtlichen Grund. Das Zeichnen half mir, mit diesen Emotionen umzugehen. Oft waren meine Bilder auch bunt und fröhlich, das Gegenteil von mir. Doch konnte ich so ein bisschen Farbe in mein Leben holen, knallige bunte Farben, wo sonst nur Pastelltöne herrschten. An den guten Tagen.

Ein Schatten fiel über das Blatt. >> Ganz schön düster <<, bemerkte eine freche, weibliche Stimme hinter mir. Als ich mich ihr zuwandte, bemerkte ich, dass ihr Blick noch immer auf dem Bild lag. Ein zusammengekauertes Kind, das von seinem Schatten verschluckt wurde, war darauf zu sehen. Schnell klappte ich den Block zu und barg ihn an meiner Brust, als könnte ich ihn so vor ihren Blicken verstecken, obwohl sie es schon längst gesehen hatte. >> Du kannst das wirklich gut <<, merkte das Mädchen an und streckte mir dann ihre Hand entgegen. >> Ich bin übrigens Jess und du? <<

Zögernd nahm ich ihre Hand, >> Sophie. << Sie grinste mich breit an. >> Freut mich dich kennenzulernen, Sophie. << Als ich über ihre Schulter blickte, bemerkte ich, dass nach und nach die anderen Schüler eintrudelten. >> Ich muss jetzt los. Wir werden uns hier bestimmt nochmal über den Weg laufen. Machs gut, Sophie, bis zum nächsten Mal <<, verabschiedete Jess sich und wank mir beim gehen zu, ehe sie im Gebäude verschwand. Ihre flippige Art brachte mich dazu, sie auf Anhieb zu mögen und ich freute mich schon auf unsere nächste Begegnung. Sie glich meine ruhige Art aus. Für einen kurzen Moment hatte ich sogar das Gefühl, dass ihr Licht meine Schatten zurückgedrängt hatte.

Verrückt, wo sie doch nur ein paar kurze Worte mit mir gewechselt hatte, aber sie hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck.

Immer noch in Gedanken vertieft, packte ich meinen Block zurück in die Tasche und machte mich auf den Weg zu den Unterrichtsräumen.

Bevor ich den Klassenraum betreten konnte, fing Frau Faber mich allerdings ab. >>Guten Morgen, Sophie<<, begrüßte sie mich freundlich wie immer. >>Ich würde gerne kurz mit dir sprechen.<< Die anderen Schüler strömten an uns vorbei durch die Tür, während wir daneben standen und abwarteten, bis alle drin waren. >>Also, ich gehe davon aus, dass dein Vater dich bereits über das Nachhilfeangebot informiert hat?<<, fragte sie. >>Ja, das hat er<<, bestätigte ich. >>Super. Wäre es für dich in Ordnung, heute schon mit der ersten Stunde zu beginnen? An dem eigentlich vorgesehenen Tag klappt es leider nicht, um dich aber so schnell wie möglich für die Klausuren fit zu bekommen, sollten wir zeitnah starten<<, erklärte sie und ich nickte leicht. >>Das wäre kein Problem für mich<<, bestätigte ich ihre Frage, woraufhin sie mich anstrahlte. >>Perfekt. Dann bringe ich dich nach der letzten Stunde zu dem Raum, wo die Nachhilfe stattfinden wird und ihr überlegt euch dann, an welchen Tagen ihr zusammen lernen werdet.<< Nachdem alles geklärt war, betraten wir den Raum und sie begann mit dem Unterricht, nachdem ich mich gesetzt hatte.

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HUNTER

Meine Schultasche stand neben dem Stuhl, auf dem ich saß, die Unterlagen vor mir auf dem Tisch ausgebreitet. Gegenüber von mir stand ein noch leerer Stuhl.

Wie immer war ich ein bisschen zu früh da, weil es mich nervös machte, zu spät zu sein. Denn es passierten meistens schlimme Dinge, wenn ich zu spät kam. Eine der Lektionen, die mir das Leben mir auf die harte Tour beigebracht hatte.

Meine Finger drehten den Bleistift in meiner rechten Hand hin und her, während ich nach draußen sah und den Vögeln, die im Winter nicht gen Süden zogen, beobachtete. Sie hüpften über den Schnee, zu leicht, um darin einzusinken, zu schwer, um keine Spuren zu hinterlassen, und suchten nach etwas Essbaren.

Es brachte mir einen unerklärlichen Frieden, den Tieren bei ihrem Treiben zuzusehen. Es fühlte sich an, als würde meine Seele dabei ein bisschen heilen, die Welt einen Moment zum Stillstand bringen, bis da nur noch ich und diese friedliche Atmosphäre war, die meinen ganzen Geist einnahm.

Das Geräusch der aufschwingenden Tür holte mich aus meinem Schwebezustand zurück in die Realität und ließ mich zum Eingang des Klassenzimmers schauen, als jemand den Raum betrat.

>> Du!? <<, hörte ich die Person in der gleichen Sekunde sagen, als ich >> Das ist doch ein Scherz! <<, ausrief. Vor mir stand das aufmüpfige Mädel von gestern. Ungläubig starrte sie mich an und ich ebenso fassungslos zurück. Irgendwer da oben hatte wirklich einen schrägen Sinn für Humor. >> Bitte sag mir, dass du nicht der Einzige bist, der Nachhilfe in Mathe, Physik und Englisch gibt <<, flehte sie nahezu.

>> Du hast Geschichte und Erdkunde vergessen <<, witzelte ich, obwohl mir gar nicht zum Lachen zumute war. Genervt verdrehte sie die Augen. >> Na, das kann ja lustig werden <<, stöhnte sie. >> Du kannst gerne wieder gehen, wenn es dir nicht passt <<, bot ich ihr, nicht weil ich so selbstlos war, an. Leider erfolglos, wie mir schien. >> Das würde ich wirklich gerne, aber ich kann nicht. << Sie sah zur Seite und ließ die, eben noch verkrampften, Schultern sinken, als hätte sie alle Kraft verlassen. Fragend legte ich den Kopf schief. Irgendwie sah sie traurig aus oder bildete ich mir das nur ein? Ehe ich sie darauf ansprechen konnte, setzte sie sich auf den freistehenden Stuhl und kramte ihre Unterlagen hervor. >> Okay, wir müssen uns ja nicht mögen, lass uns das einfach wie zwei erwachsene Menschen regeln <<, schlug sie vor. >> Das werden wir ja wohl hinbekommen. << Nickend stimmte ich ihr zu und beugte mich über den Tisch.

>> Womit sollen wir starten? Frau Faber meinte, du müsstest den Stoff der letzten Monate aufholen, weil du mitten im Schuljahr gewechselt hast. << Sie verzog das Gesicht. Es sollte wohl ein Lächeln darstellen, wirkte aber eher gequält. >> Ja. Vielleicht mit Mathematik? Dort habe ich die meisten Defizite, auch ohne, dass mir der Stoff der letzten Monate fehlt. << Sie machte ein zerknirschtes Gesicht, als würde es ihr nicht leicht fallen, das vor mir zuzugeben. >> Okay, machen wir <<, bestätigte ich um die Situation nicht noch unangenehmer zu machen. >> Dann hol deine Matheaufgaben raus, wir kümmern uns direkt um die Hausaufgaben und schauen, wo deine Schwierigkeiten liegen. Dann sehen wir auch, wie weit wir zurückgehen müssen vom Stoff her. <<

Abwesend betrachtete ich Sophie, die gerade über ihrem Schulheft gebeugt war und versuchte, die Aufgaben zu lösen. Ja, sie hatte noch ein richtiges Schulheft, wie damals in der Grundschule. Die Meisten, mich eingeschlossen, hatten nur noch zwei verschiedene Collegeblöcke, einmal liniert, einmal kariert, wo alles rein kam. Neben Sophie allerdings lagen noch drei weitere Hefte mit der Aufschrift „Physik“, „Englisch“, und „Geschichte“. Von Frau Faber wusste ich, dass Sophie eigentlich keine Probleme in Englisch und Geschichte hatte, ihren Eltern die Fächer aber sehr wichtig wären, genau wie Erdkunde. Allerdings sah Frau Faber keinen Bedarf „dem armen Mädchen“ (ihre Worte, nicht meine) auch noch Erdkunde aufzubrummen, weil Sophie da bisher keine Probleme hatte. Immerhin ein Fach, das wir uns sparen konnten. Ob sie wohl noch in anderen Fächern Nachhilfe bekam? Zwar war ich recht gut in der Schule, aber alles konnte ich auch nicht.

Sophie war so auf das Lösen der Rechnungen konzentriert, dass sie mich komplett ausgeblendet hatte. Jedenfalls machte es den Anschein. Seit gut zwanzig Minuten hatte sie kein Wort mehr gesagt, zwischendurch tippte sie auf ihrem Taschenrechner etwas ein. Es war das einzige Geräusch, welches die Stille durchbrach. Es war keine unangenehme Stille, tatsächlich war sie so ziemlich das freundlichste, was Sophie und ich uns zu „sagen“ hatten. Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum und bewegte beim Rechnen ihren Mund, als würde sie hören wollen, wie die Lösung sich anhörte, wenn man sie laut aussprach. Nur, dass dabei kein Wort über ihre Lippen kam. Schmunzelnd lehnte ich mich zurück, wobei die Lehne des unbequemen Holzstuhls knartschte.

>> Fertig! <<, rief Sophie nach weiteren zehn Minuten, die ich aus dem Fenster gestarrt hatte, ohne viel zu sehen, da es bereits dämmerte. Ohne etwas zu erwidern, zog ich ihr Heft zu mir rüber und kontrollierte ihre Lösungswege und Ergebnisse. Sie hatte eine schöne und geordnete Schrift, was es mir leicht machte, ihre Gedankengänge nachzuvollziehen. >> Sehr gut <<, sagte ich schließlich, weil sie begriffen hatte, wie es funktionierte. Nur beim Formel Umstellen schien sie noch Schwierigkeiten zu haben.