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Expedition ins Tierreich Zwei Niederlagen an einem Tag – das hat sich Jungreporter Kretsche beim Aufstehen nicht träumen lassen: Freundin Jola macht Schluss, weil er nur an den Job denkt, und Chefin Carola hat einen ganz üblen Auftrag für ihn: Recherche auf Gran Canaria für eine Skandalreportage über Pauschalurlauber. Befehl ist Befehl. Aber Kretsche beschließt, Carola mit einer genialen Idee auszubooten: Er will das wüste Leben auf der Partyinsel beschreiben wie Heinz Sielmann die wilden Tiere der Serengeti. Und vor allem seinen Liebeskummer vergessen. Umgeben von feierwütigen Animateuren, philosophierenden Swingern und zupackenden Türstehern droht Kretsche allerdings auf ganzer Linie zu scheitern. Und was er nicht ahnt: Jola ist im Anflug! Carola auch! «Ein gedruckter Urlaub - extrem erholsam, übermütig, intelligent, komisch, spannend, libidinös anregend und voll auf den Gong. Herrlich ... ich will eine Zugabe!» (Michael Gantenberg)
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Seitenzahl: 378
Veröffentlichungsjahr: 2009
Mark Werner
Hölle, all inclusive
Roman
Das splitternackte Mädchen war höchstens zwölf Jahre alt, hatte pummelige Arme und einen arroganten Zug um die Mundwinkel. Es ging leicht in die Knie und nahm die bedrohliche Haltung eines Karatekas ein.
«Das ist der Punkt.» Die Kleine deutete auf das Becken ihres jüngeren, ebenso nackten Bruders. «Da laufen die Knochen zusammen. Die sind nur mit ein bisschen Gelee verbunden.»
Sie fuchtelte mit den Händen und nahm Augenmaß. «Das haut man kaputt – und Ende.» Sie drehte sich in der Hüfte Richtung Bruder, schob dabei einen Handballen ruckartig vor und bremste ihn auf einem Punkt unterhalb seines Bauchnabels ab.
«Zack!»
«Woher weißt du das?», fragte der Junge.
Dasselbe hatte sich Kretsche gerade gefragt. Er lag wenige Schritte von den beiden entfernt im Sand und konnte sehr gut nachvollziehen, warum der Junge seine Hände vor dem Bauch verschränkt hielt. Traue niemals älteren Schwestern!
Lauwarmes Meerwasser umspülte die Füße der Kinder, der Wind zauste ihre Haare und hinterließ wellenförmige Reliefmuster auf den Dünen im Hintergrund. Die Strandlandschaft Gran Canarias war tatsächlich ein Naturwunder, da hatten die Reisekataloge endlich mal nicht gelogen, nicht mal retuschiert. Die Nachmittagssonne tauchte die Küste in ein warmes Goldgelb. Die Geschwister straften die Behauptung Lügen, Rothaarige würden von der Sonne kaum braun. Ihre Haut war dunkel, nur an Schultern und Rücken von einer hellen Kruste aus Salz und Sand überzogen. Das Mädchen verschränkte nun die Arme, dass der Speck unter den Achseln Falten warf.
«Galileo, Pro7.»
Ihr Bruder stürzte sich unvermittelt auf sie und nahm sie in den Schwitzkasten.
«Smackdown, DSF!»
«Papa!», kreischte das Mädchen.
Ein ebenfalls splitternackter, im Gegensatz zu den Kindern aber krebsrot verbrannter Mann stapfte durch den Sand auf die beiden zu.
«Ruben, lass das, aber sofort! Und du prowezier nich immer deinen Bruder!» Er trennte die beiden und zerrte sie zum Strandlager der Familie zurück. Dabei kamen die drei an Kretsche vorbei, der im Sand an seinem Rucksack lehnte und sie unverhohlen anstarrte. Kretsche vergaß manchmal, dass er nicht unsichtbar war. Besonders wenn er einen Kater hatte und sich vor ihm Szenen abspielten wie diese: zwölfjährige Mädchen, die kurz davor waren, tödliche Schläge am eigenen Bruder auszuprobieren – tödliche Schläge aus einer Wissenschaftsshow! Vielleicht sollte er doch darüber nachdenken, ob sein Job beim Fernsehen das Richtige war.
«Gibt’s irgendwas zu glotzen?» Der nackte Krebs starrte bedrohlich auf ihn herab. Seine Augen bohrten sich in Kretsches Shorts.
«Äh, nee…», stammelte Kretsche.
«Ist auch besser so», zischte der Krebs. Er zog seine Kinder weiter zu einer Insel aus Strandmatten, in deren Mitte sich die rothaarige und wiederum tiefbraune Krebsgattin aufsetzte und die Sonnenbrille in die Haare schob. Ihre plattgelegene Frisur klebte am Kopf wie eine Badekappe.
«Ist das wieder ein Spanner, Jens?» Sie verschränkte die Arme vor ihren Brüsten.
Einige der in Hörweite liegenden Nudisten hoben die Köpfe. Kretsche hielt den Atem an. Aber zum Glück winkte Jens, der Krebs, nur unwirsch ab. Kretsche schnappte sich seinen Rucksack. Wahrscheinlich war es besser, zur nächsten Bar zu wandern und einen Café con leche zu trinken. Und definitiv war es besser, den Job zu wechseln. Er klopfte den Sand vom Rucksack, schlüpfte in seine alten Lederlatschen. Die Sohlen glühten, seine Schultern auch. Von wegen, Schwarzhaarige bekämen keinen Sonnenbrand! Dabei hatte Tante Zilly ihn immer «den kleinen Italiener» genannt. Abgesehen von den Haaren und den braunen Augen hatte Kretsche natürlich nichts von einem typischen Italiener: Statt eines römischen Zinkens zierte eine amerikanische Stupsnase sein schmales Gesicht, die Ohren muteten wegen ihrer Tulpenform holländisch an, seine Statur war die eines Schweizers, irgendwie neutral, und der leichte Bauchansatz, der würde noch zu einem richtig deutschen Prachtexemplar heranreifen, wenn er nicht endlich wieder mit Sport anfing. Aber mit einer festen Freundin und Fußballkumpels, die ihren Sport zunehmend in Premiere-Kneipen ausübten, fehlte einfach der Anreiz. Außerdem war er zu selten an Orten, an denen sein Bäuchlein auffiel. Orten wie diesem.
Kretsche ignorierte seine verbrannten Schultern genauso wie die feindseligen Blicke eines Dutzends FKKler und schlenderte am Meeressaum Richtung Promenade davon.
«Spanner!», rief ihm das Mädchen der Krebsfamilie hinterher.
«Wo?», rief Kretsche zurück.
Ruben warf eine Handvoll feuchten Sand, der auf Kretsches Arm klatschte.
Und Kretsche fragte sich wie schon unzählige Male in den vergangenen zwei Tagen: Wo bin ich hier bloß reingeraten? Er wischte sich den Dreck vom Arm und ging scheinbar ungerührt weiter. Hoffentlich hatte die Kamera im präparierten Rucksack keinen Sand abbekommen. Gut, dass keiner die Öffnung für die Linse bemerkt hatte. Das Gelee zwischen seinen Beckenknochen verkrampfte sich. Konnte aber auch Einbildung sein.
Deutschland im Juli. Es regnete. Wie auch schon den Monat davor. Jeder hätte für eine einzige Stunde Sonnenschein gemordet. Vor allem, wenn er den Arbeitstag in einer Umgebung verbringen musste, die mit dem Wort «trist» umfassend, treffend und auch farblich perfekt beschrieben war.
Die Büros von Primus TV befanden sich zum Leidwesen aller Angestellten nicht in der Stadtmitte von Köln, sondern im Industriegebiet der angrenzenden wie aufstrebenden Kleinstadt Hürth, genauer gesagt: in Hürth-Kalscheuren. Kal-scheu-ren! Da sah man die qualmenden Schornsteine, Verladebahnhöfe und Schlachthöfe doch schon vor sich. Oder Fernsehstudios. Das Einzige, was die vielen hundert Menschen in den Hürther Studiobauten mit ihrem Quartier versöhnte, waren die Sonnenuntergänge. Rötere, facettenreichere und romantischere gab es nur am zugekoksten Ruhrgebietshimmel. Die Hürther Sonnenuntergänge waren ausnahmslos phantastisch – so man denn ein Bürofenster Richtung Westen hatte. Alle anderen mussten mit ihren Kaffeetassen rechtzeitig zu den glücklicher platzierten Kollegen hinüberwandern. Aber sie konnten sich mit dem Gedanken trösten, dass es diesen Kollegen während der übrigen acht bis zweiundzwanzig Arbeitsstunden nicht besserging: Sie alle waren gefangen in einer riesigen TV-Fabrik am Rande der bewohnten Welt.
Primus TV produzierte im Auftrag der wichtigsten Privatsender Film- und Fernsehbeiträge. Ob Spielshows, Magazin- und Nachrichtensendungen, Serien oder abendfüllende Spielfilme, für jedes Genre gab es eine Abteilung. Kretsche gehörte zu den «Magazinern».
«Team-Meeting!», brüllte Lothar über den Flur. Sein übergroßer Adamsapfel hüpfte dabei aus dem Hemdkragen wie ein Tennisball über die Netzkante. Lothar Grebe war seit fünf Jahren Assistent der Geschäftsführung und hatte es verlernt, Ansagen in Zimmerlautstärke zu machen. Zu oft hatte er die Erfahrung gemacht, dass die Kollegen die Dringlichkeit unterschätzten und zu spät kamen. Und wer bekam den Anschiss…?
«Übers Intranet geht so was leiser.» Carola kam mit einem schicken Lederfilofax unterm Arm aus ihrem Büro gestöckelt.
Lothar verschanzte sich wieder hinter seinem Monitor. Durch die geöffnete Vorzimmertür hatte er alle, die zum Konfi gingen, im Blickfeld. «Und ich weiß auch, wer die Erste ist, die Mails aus dem Chefbüro ignoriert.»
«Nur wenn sie von dir kommen», murmelte Carola.
«Das hab ich gehört.» Lothar hasste Carola.
«Solltest du auch.»
Carola hatte die Beine, die Brüste, die glänzend brünette Perfektfrisur und die makellose Haut, um so etwas zu sagen. Frauen wie Carola waren von klein auf daran gewöhnt, dass man ihnen alles verzieh. Als Mädchen waren sie zu süß und als erwachsene Frauen zu scharf, um wirklich Probleme zu bekommen. Das Erste, was sie beherrschten, war ein kokettes Lächeln, das Männer jeden Alters entwaffnete. Und dann stachen sie mit der Schnelligkeit eines Skorpions ein zweites Mal zu. Frauen wie Carola waren giftspritzende, tödliche und herrlich anzuschauende Monster.
«Bitch», zischte Lothar. Er hatte eine Schwäche für amerikanisches Soap-Vokabular.
«Meine Güte, wie die Mädchen!» Kretsche balancierte eine randvolle Kaffeetasse aus Carolas Redakteursbüro. Er saß dort an einem winzigen, ins Eck eingepassten Schreibtisch, der gerade mal Platz für ein Telefon, ein Laptop und ein Quäntchen Zweifel an der Berufswahl bot. Fürs Fernsehen zu arbeiten bedeutete, sich täglich aufs Neue schwermütige Gedanken über den Sinn des Lebens zu machen. Es sei denn, man war zwanzig, kannte Tageszeitungen nur aus den Erzählungen des Großvaters und wollte «unbedingt irgendwas mit Medien» machen.
Die Zwergenschreibtische waren den Redaktionsassistenten vorbehalten. Wobei es auch eine Redaktionsassistentin mit normalem Arbeitsplatz gab. Deren zuständiger Redakteur war gerade fünfzig geworden, hatte sämtliche Profilneurosen hinter sich und achtete aufs Büroklima. Carola dagegen war Mitte dreißig und auf dem Höhepunkt ihres Ehrgeizes. Sie hielt Ellbogen für Werkzeuge, ihre Stutenbissigkeit für kühlen Charme und ihren Verstand ebenso wie ihren Körper für Ausnahmeerscheinungen. Alle anderen Frauen bei Primus TV hassten sie. Die Männer eigentlich auch, sie ließen sich nur von Carolas Sexappeal blenden. Ausgenommen Lothar.
Aber der benahm sich ja auch wie eine Frau, dachte Kretsche, als er den Konfi betrat.
Einmal täglich trafen sich alle Abteilungen am runden Tisch, der nicht rund war, sondern oval, dafür aber groß. Ein raumfüllender schwarzpolierter Koloss. Ansonsten war der Konferenzraum ebenso wie die Flure und Büros von beinahe farbloser Eleganz: die Möbel eine schlichte Mischung aus Chrom und Leder, das Weiß der Wände exakt einmal pro Wand von den Pastelltönen eines Kunstdrucks gebrochen. Offenbar hatte der Künstler beim Mischen dieser Langeweile-Farben unter Beruhigungsmitteln gestanden; vielleicht hatte er sich auch einfach in den Eimer erbrochen und Grundierung eingerührt.
Im Konfi verriet nichts, um welche Art von Geschäften es sich handelte, die hier besprochen, beschlossen oder beendet wurden. Nur im Kreativflur, dort, wo die Redakteure und Autoren untergebracht waren, hingen drei Filmplakate zwischen den Bildern: Star Wars IV–VI. Die Spende zweier Praktikanten, deren Namen sich niemand gemerkt hatte. Mittlerweile machten sie bei RTL «irgendwas mit Medien».
Ein hagerer Mann, dessen Rücken gleich mehrere Fragezeichen formte, stakste hinter Kretsche in den Raum. Seine grauen Haare hatte er mit einem Gummiband zum Pferdeschwanz gebunden.: «Morgen… zusammen…», tröpfelte es dünn aus seinem schmallippigen Mund.
Carola drehte sich zu Kretsche um und klopfte auf den Stuhl neben sich. Als wäre der Stuhl ein Bett, in das er hüpfen solle. Oder ein Körbchen. Er schluckte seinen Widerwillen hinunter, tief hinab in die Regionen, wo er zu einem prächtigen Magengeschwür heranreifen konnte, und «machte Platz». Gegenüber zog Lars, ebenfalls Redaktionsassistent, eine Schnute, wie Frauen sie machen, wenn sie ein Hündchen oder ein Baby besonders süß finden. Andere Kollegen, die das bemerkten, schmunzelten. Aber im Grunde hatten alle Mitleid mit Kretsche. Ihnen war völlig klar, dass er das einzig Richtige tat, wenn er die Klappe hielt und Carolas Fiffi spielte.
Mindestens ein halbes Jahr standen Redaktionsassistenten unter der Fuchtel ihres zuständigen Redakteurs. Erst danach durfte das Hündchen kleine Schritte in die Selbständigkeit unternehmen. An sich kein schlechtes System, nur hingen Lernmöglichkeiten und Lebensfreude des Assistenten stark vom Redakteur ab. Kretsche hatte Glück und Pech zugleich. Carola galt als eine der besten Reporterinnen der Branche – und sie galt als gefährlich. Sie war eine arrogante, selbstgefällige Tussi, aber sie war auch ein Schlüssel. Sein Schlüssel! Ein Schlüssel in hautengem schwarzem Rock, Designer-Blazer und hochhackigen Pumps, der ihm die Tür zu seinem Erfolg aufschließen würde. Nur deswegen erwiderte er Carolas kumpelhaftes Grinsen, als der Zopfmann mit rheumatischem Ächzen auf seinen Stuhl sank.
Alle Kollegen rückten die Notizblöcke zurecht, knipsten eifrig mit den Kugelschreibern, und die Redaktionskonferenz begann.
Kretsche hatte den Job bei Primus TV ohne Beziehungen oder Schmiergelder bekommen. Andreas Kreschinski hatte diese Qualitätsbastion des Privatfernsehens völlig im Alleingang erobert. Gut, hinter ihm lagen elf Semester Uni, abends und an den Wochenenden Kabeltragen in TV-Studios, Lokalzeitungsartikel schreiben und Reportagen drehen fürs Stadtfernsehen. Alles mit dem Ziel vor Augen, Deutschlands nächster Peter Scholl-Latour zu werden, und zwar bitte schön in der Tagesschau. Was Kretsche nach all der Plackerei noch benötigte, waren die geeignete Firma und ein engagierter Karrierehelfer. Carola Langenscheit war die personifizierte Karriere. Natürlich hatte sie alles andere im Kopf als Kretsches berufliche Zukunft, aber da der sich für schlauer hielt als seine Vorgesetzte, sah er darin kein Problem. Carola saß im Zug nach ganz oben, und Kretsche sicherte sich einen Platz in der Lokomotive.
Er ließ seinen Blick über die abendliche Runde der Primus TV-Mitarbeiter schweifen (auf den Einladungen zur Weihnachtsparty auch Primaten genannt – eine seltene Selbstironie der Kegelbrüder aus dem Marketing). Chefredakteur und Geschäftsführer Rüdiger Goldmann saß mit Zopf und gekrümmtem Rücken am einen Kopfende des Tisches, der Firmenjurist Ekkehard von Eberswalde ihm gegenüber. Alle anderen verteilten sich auf die Längsseiten. Die meisten Männer trugen, wie Kretsche selbst, die Achtziger-Jahre-Kombi Jeans/Hemd/Turnschuhe. Die Frauen legten die in Kreativberufen übliche Vielfalt an den Tag: Ihre Palette reichte von Minirock mit Knallengtop bis zum Businessanzug oder einer barbierosa Trainingsjacke (Ilka vom Marketing, optisch ebenfalls eine Primatin, aber nicht im Kegelclub). In der Tischmitte standen Wasserflaschen und ein Kaffeespender. Um diese Uhrzeit und angesichts der Regenschleier, die über die Fensterfront wischten, wäre den meisten ein Bier lieber gewesen.
In der Redaktionskonferenz wurde üblicherweise zunächst die Marktlage analysiert – was machte die Konkurrenz, welcher Fernsehsender vergab welche Aufträge, wo lohnte es sich, Angebote zu erstellen? Anschließend berichteten die Redakteure von ihren laufenden Projekten, stellten neue vor oder bekamen von der Chefredaktion Themen zugeteilt. Es sei denn, sie waren Redaktionsassistenten wie Kretsche. Die gehörten zu den Weder-noch-Leuten im Konferenzraum: Weder durften sie den Mund aufmachen, noch interessierte irgendjemanden ihre Meinung.
Bei schlechter Auftragslage herrschte in der Runde die gedrückte Stimmung einer Schulklasse vor den großen Zeugnissen. Wenn die Auftragslage gut war, ebenfalls. Das lag an Rüdiger, der seine Depression wie ein aufdringliches Aftershave verströmte. Niemand wusste genau, was mit ihm los war, aber er hatte Rückenprobleme und kam deswegen immer häufiger zu spät ins Büro. Es schien, als gäbe es eine Korrelation zwischen seiner wachsenden Blässe, der Krümmung seines Rückens und der Häufigkeit seiner Verspätungen.
«Also, was haben wir denn?» Rüdiger räusperte sich. «Die neue Gesichts-OP von der Ferres… FDP-Kohle auf Kiez versteckt… Kind verschluckt Kanarienvogel… Mhm, pfeift’s jetzt ‹La Paloma›, oder was?… Sonst?» Rüdiger blätterte in seinen Unterlagen. «Sender? Neuigkeiten? Ah ja, Pro7 entlässt alle Fiction-Redakteure… Prima… RTL sucht Ersatz für den Millionär … Hm, mal wieder… Sat.1 plant neues Profil… Hatten die denn jemals eins?…»
Während Rüdiger lustlos seine Themenliste herunterleierte, starrte Kretsche noch lustloser aus dem Fenster auf die verregneten Hürther Schornsteine und Containerwüsten. An seinem ersten Tag bei Primus TV hatte er alles spannend gefunden, sogar die Aussicht. Sogar Rüdigers Konferenzen und Lothars Tratschgeschichten.
«In der Sekunde, in der du glaubst, Carola mag dich oder ihr könntet vielleicht sogar Freunde werden, in dieser Sekunde bist du bereits tot», hatte Lothar ihm zum Einstand erklärt. Ganz vertraulich natürlich, in der säuerlich nach Milch müffelnden Kaffeeküche. Kretsche musste vorher schwören, nicht ein Wort über die Begegnung in dem schmalen Kabuff mit Spüle und Putzmittelschrank zu verlieren.
«So sei es, Klekih-petra», sagte Kretsche und hob feierlich die Hand.
Lothar strich sich verwirrt eine blondierte Haarsträhne aus der Stirn.
«Der weiße Vater», half Kretsche ihm auf die Sprünge. Nichts.
«Winnetou I?»
Lothar verdrehte die Augen wie eine amerikanische Serienschauspielerin. «Erzähl’s einfach nicht weiter, okay?»
Selbst augenrollend sah Lothar noch gut aus. Ein bisschen zu viel Solariumsbräune vielleicht, aber dennoch gut. Das musste sogar Kretsche als eindeutig und mit Leib und Seele Frauen zugewandter Mann zugeben. Unbegreiflich, dass Lothar nicht schwul war. Er sah besser aus als der Durchschnittshetero und hatte sämtliche Allüren, die das Klischee Schwulen zusprach. Er spreizte zum Beispiel beim Trinken den kleinen Finger ab, auch beim geselligen Dosenbiersaufen. Diese Kollegenabende verließ er regelmäßig als Einziger im aufrechten Gang. Außerdem war Lothar seit drei Jahren mit einer entzückenden Bankkauffrau verheiratet. Die beiden erwarteten in einem Monat ihr erstes Kind. Und den kurzen Rock oder die tief ausgeschnittene Bluse einer Kollegin wusste er durchaus zu schätzen.
«Olaf Prinz…» Lothar warf einen Blick auf den Flur und schloss dann lautlos die Küchentür. «Olaf Prinz war unser Chefredakteur, bevor Rüdiger kam. Der hat Carola in die Firma geholt. Vorher war sie bei RTL in der Unterhaltung. Olaf hatte wegen einer Reality mit ihr zu tun und sich piffpaff verknallt. Und sie hat–»
Lothar brach ab. Die Tür wurde zaghaft aufgeschoben. Die winzige Marion aus der Buchhaltung kam rein.
«Stör ich?»
«Ist eine Tanne grün?», fragte Lothar finster.
«In der Regel schon», piepste Marion, «aber es gibt auch Blauta…» Lothar hielt ihr demonstrativ die Tür auf. Ohne ein weiteres Wort huschte sie wieder hinaus. Lothar schloss die Tür, als sei nichts gewesen. Welche Macht der Chefsekretär in dieser Firma besaß, hatte Kretsche schon öfters beobachten können (weshalb man ihn unter keinen Umständen «Sekretär» nennen durfte, er war «Assistent der Geschäftsführung»). Lothar hob die Brauen:
«Dafür hat die Schlampe mit Olaf gevögelt.»
So viel hatte sich Kretsche denken können. «Und?»
«Und Olaf ist verheiratet und hat drei Kinder!»
«Oh.»
«Eben – oh! Carola hat ihm dann ordentlich Feuer unterm Hintern gemacht.»
«Damit er sich von seiner Frau trennt.»
«Quatsch, damit er auf ihre Vertragsbedingungen eingeht.» Lothars Stimme senkte sich trotz geschlossener Tür zu einem Flüstern. «Ich sag dir, in Carolas Vertrag sind mehr Sonderklauseln als normale Absätze. Das ist eine Art Freifahrtschein; die kann hier abziehen, was sie will. Die verhandelt sogar ohne Rüdiger mit den Sendern. Carola ist unantastbar.»
«Wieso eigentlich Rüdiger? Was ist aus Olaf geworden?»
Lothar kräuselte die Lippen. «Total verknallt. Der konnte die Finger nicht bei sich lassen.»
«Und da hat sie ihn…?» Kretsche mochte es kaum glauben, aber Lothar nickte.
«Entweder freiwilliger Abflug und Diskretion oder Anzeige wegen Vergewaltigung.»
Kretsche pfiff durch die Zähne.
«Was für ’ne Sau!»
«Jetzt hat er’s, der Gute!» Lothar klopfte ihm auf die Schulter. «Sieh einfach zu, dass du das halbe Jahr überstehst, und wechsle dann zu Markus oder Stefan! Und noch was…»
«Ich weiß, lass sie nie nass werden, setze sie nie dem Sonnenlicht aus und füttere sie nicht nach Mitternacht!»
Lothar schaute Kretsche wieder wie ein kaputtes Auto an.
«Gremlins.»
Nichts.
«Vergiss es!»
Offenbar bedeutete die Tatsache, beim Fernsehen zu arbeiten, nicht automatisch, dass man sich unter Filmfans befand. Doch ehe Kretsche sich darüber weiter Gedanken machen konnte, flog die Tür auf. Carola steckte den Kopf herein.
«Oh, eine kleine Verschwörung?»
Lothar lief puterrot an.
«Quatsch. Kaffeedurst.» Er drückte sich an ihr vorbei und flüchtete.
Carola legte den Arm um Kretsches Schulter und deutete auf die Kaffeemaschine mit dem gelben Post-it: Defekt!
«Ohne Kaffee?»
«Deswegen ja der Durst.»
Kretsche griff nach der Türklinke, aber Carolas eiserner Griff hielt ihn zurück.
«Heute ist dein zweiter Tag, stimmt’s?»
«Stimmt.»
«Und morgen dein erster als mein Redaktionsassi.»
«Stimmt auch.»
«Wenn ein zweiter folgen soll, lass künftig die Türen auf, wenn du mit Kollegen lästerst!»
«Wir haben gar nicht…», stammelte Kretsche.
«Ab morgen bist du mein Sklave. Und Sklaven haben keine Geheimnisse, geschweige denn geschlossene Türen. Angekommen?!»
Kretsche war sprachlos. In diesem Moment lockerte Carola den Griff um seine Schulter. Unvermittelt schlug sie einen Plauderton an.
«Kleiner Scherz. Aber weißt du, wir beide müssen doch zusammenhalten. Wir sind jetzt ein Team für die nächsten sechs Monate. Mit allem Drum und Dran.»
Sie lächelte ihn mit einem kumpelhaften Augenaufschlag an. Kumpelhaft und irgendwie… süß.
Ihm fiel ein, was Lothar erzählt hatte. Vorsicht! Die spielt nur das kleine Mädchen.
Er nickte und ging betont entspannt aus der Küche.
«Kretsche!»
Er fuhr herum. Carola hielt ihm eine kleine grüne Flasche hin.
«Probier mal! Multivitaminsaft, superlecker.» Sie deutete auf ein Regal, auf dessen oberstem Brett eine ganze Palette dieser Fläschchen stand. «Aus meinem Privatvorrat. Darfst dich ruhig bedienen.»
Er nahm den Saft. Carola schob sich an ihm vorbei. Dichter als notwendig, ihre Bluse knisterte an seinem Arm. Eine Fliegenfalle, dachte Kretsche. Eine verdammte fleischfressende Fliegenfalle!
Weiß Gott, er hatte den Ärger, den ihm diese Frau verursachen würde, schon damals gerochen.
Nach der Konferenz schloss Kretsche im Kollegen-Gewusel hektisch zur davoneilenden Carola auf.
«Carola, ich–» Ihm schossen unvermittelt Tränen in die Augen.
In Höhe der Toiletten roch es streng nach Desinfektionsmitteln. Die Putzfrau verschwand soeben mit ihrem klappernden Wagen im Aufzug. Kretsche atmete nur durch den Mund. Das war gar nicht so einfach, wenn man stinksauer war. Stinksauer und nicht bereit, länger die Klappe zu halten.
«Alle anderen kriegen geile Themen wie Drogenkartelle aufm Kiez oder Politiker mit Schwarzgeldkonten, und ich soll eine beschissene Urlaubsreportage machen?»
«Nicht machen, Schätzchen. Vorbereiten. Der Macher bin ich.»
Carola hatte die Gabe, unvermittelt von Topjournalistin auf Kindergärtnerin umzuschalten. Das wirkte umso arroganter und brachte Kretsche schier zur Weißglut. Er hatte englische und deutsche Literatur studiert, sein Examen mit eins Komma zwei absolviert, er hatte jahrelang in sämtlichen Bereichen des Berufsfelds «Journalismus» gearbeitet, außerdem wissenschaftliche Aufsätze veröffentlicht und eine Doktorandenstelle angeboten bekommen. Carola dagegen hatte ihr Englischstudium nach vier Semestern abgebrochen (eine Info von Lothar, topsecret). Dass er mehr auf dem Kasten hatte als diese blöde Kuh, war wohl klar. Aber sie war trotzdem seine Vorgesetzte. Und sie hatte den journalistischen Killerinstinkt, eine lässige Schreibe und ein Ausnahmetalent zum Klüngeln. Kretsche konnte eine Menge von ihr lernen. Aus diesem Grund riss er sich normalerweise zusammen. Normalerweise.
«Gran Canaria ist die Hölle, Carola!»
«Und schon haben wir einen Titel: Urlaubshölle Gran Canaria.» Carola warf ihren Filofax auf den Schreibtisch und schaltete den Rechner ein.
«Ganz toll. Aber ich–»
Sie schleuderte Kretsche eine mit Papieren vollgestopfte Klarsichthülle auf den Tisch. «Ticket, Hotelvoucher und so weiter. Alles gebucht wie für einen Durchschnittstouri. Benimm dich auch so!»
«Sag mal, was denkst–!»
«Ich komme in einer Woche nach zum Drehen. Waschzettel habe ich dir reingelegt, Themenliste, welche Interviewpartner ich brauche, was für Motive, bla, bla, bla, weißt ja. Der Flug geht um fünf – und wenn ich fünf Uhr sage, meine ich nicht siebzehn Uhr.»
Er starrte auf die Unterlagen, dann wieder auf Carola. Sie beantwortete bereits eine E-Mail. Die hatte vielleicht Nerven.
«Du konntest doch gar nicht wissen, ob Rüdiger das Thema überhaupt will!»
«Schätzchen, ich will es, das reicht doch!»
Sein Blick fiel auf das himmelblaue NeuTour-Logoin der Klarsichthülle. Sofort kochte die Wut wieder in ihm hoch. NeuTour war das Synonym für Pauschalreisen, Holzklasse, billiger ging’s nicht.
«Ich soll mit denen fliegen? Ich mache nie solche Urlaube. Das… das ist Scheiße! Carola, ernsthaft, so billige Urlaubsdokus mit Sangria saufenden Prolltouris laufen jeden Abend auf irgend ’nem Kanal. Am Ende ziehen sich alle gegenseitig die Hosen runter und kotzen auf den Strand. Das ist doch unter deinem Niveau.»
«Stimmt.»
«Wie, stimmt?»
«Diese Dokus sind unter meinem Niveau. Du musst dir dein Niveau noch erarbeiten. Du fliegst hin und machst die Vorrecherche.»
«Vorrecherche», schnaubte Kretsche. «Und wo? Diskotheken und Strandbars?»
«Und Clubs und Hotels und verschwiegene Buchten – einfach überall, wo man Spaß hat, säuft und Sex macht. Ich hab schon ein paar Locations rausgesucht. Und wenn ich nachkomme, will ich einen Drehplan, mit dem ich eine Reportage mache, die besser ist als alle, die du bisher gesehen hast. Ganz einfach.»
Sie klickte auf senden und lehnte sich in ihrem Lederdrehstuhl zurück. Dabei lockerte sie die Rückenmuskulatur, indem sie die Arme im Nacken verschränkte und das Kreuz durchbog. Kretsche zwang sich, nicht hinzusehen. Carola wusste genau, was einem Mann bei dieser Pose durch den Kopf schoss.
«Klar, ich mach wieder die Drecksarbeit», murmelte er.
Carolas Hand donnerte auf die Schreibtischplatte.
«Jetzt geh mir nicht auf die Nerven! Drecksarbeit, das ist dein Job. Du bist Assi, du willst hier was werden, und ich geb dir die Chance dazu. Jammer nicht rum wie so ein kleines Mädchen beim Gummitwingo – pack lieber deinen Koffer!»
«Twist», sagte Kretsche.
«Was?»
«Es heißt Gummitwist.» Er griff ungestüm nach den Reiseunterlagen. «Und die hier», er näherte sich ihrem Schreibtisch, «die kannst du–»
«Sag’s lieber nicht!», zischte Carola. «Es tät dir in einer Minute so was von leid.»
Kretsche hielt inne, weil er wusste, wie recht sie hatte. Er warf die Unterlagen auf den Sessel in ihrer kleinen Besprechungsecke und stürmte aus dem Büro.
«Guten Flug!», rief ihm Carola hinterher.
* * *
Kretsches erster Studentenjob war eine Anstellung als Fahrradkurier gewesen. Nach zwei Wochen war er geflogen. Er hatte dem von Bluthochdruck geplagten Disponenten Herrn Dinger erklärt, die Verspätungen lägen an dessen Routenplanung und nicht an Kretsches mangelnder Kondition. Der erklärte wiederum Kretsche, eigentlich würde er ihm lieber das Maul stopfen, als sich so eine Studentenscheiße anzuhören.
Hätte dieser Herr Dinger Kretsche nun über die Kölner Ringe flitzen sehen, er hätte ihn auf Knien angebettelt, wieder für ihn zu fahren. Kretsche keuchte so laut, dass die Passanten sich schon nach ihm umdrehten, wenn er noch eine ganze Straßenecke entfernt war. Sein Herz hämmerte wild gegen den dünnen Pulli; seine Beine waren stählerne Pleuel, die Pedale seines Trekkingbikes verwischten zu einer grauen, sirrenden Scheibe; Schweiß troff in Bächen seinen Rücken und die Schläfen hinab. Kretsche war stinksauer, und zwischen ihm und dem einzigen Trost, den er sich für diesen Tag versprach, lag noch exakt eine Ampelkreuzung.
In seiner Zweizimmerwohnung wartete die Frau, an deren Brust er sich seit sieben Jahren ausweinen durfte: Jola. Die würde sich erst mal die ganze Geschichte anhören und ihm dann bestätigen, dass er alles richtig gemacht hatte und man sich nichts gefallen lassen durfte von dieser Gucci-Schlampe!
Er verlangsamte sein Tempo erst kurz vor der Haustür. Ein Großteil seiner Wut war schon beim bloßen Gedanken an seine Freundin verraucht. Jola war eben immer für ihn da.
Wahrscheinlich hätte Kretsche dem Blumenladen im Erdgeschoss noch einen Besuch abgestattet, wenn er geahnt hätte, dass seine Freundin sich ausgerechnet für diesen Abend vorgenommen hatte, diesen Zustand radikal zu ändern.
Jola kam ihm aus dem Bad entgegen, angezogen, aber mit noch feuchten Haaren. Er sah es ihr sofort an. Bevor sie es aussprach, wusste er, was sie sagen würde.
«Wir müssen reden.»
Als es in ihrer Beziehung diesen Satz noch nicht gegeben hatte, war Jola Seineinundalles – in einem einzigen Wort. Sie lachten über dieselben Witze, hatten zur selben Zeit Lust auf Currywurst mit Fritten, lasen sich abends gegenseitig vor, fanden jeden Zentimeter des anderen sexuell erregend. Sie liebten sich so oft und heftig, als bekämen sie Geld dafür, konnten aber auch nächtelang über den Sinn des Lebens oder die Probleme beim 1.FC Köln reden (wobei Kretsche zugegebenermaßen der aktivere Gesprächsteilnehmer war). Es war alles wie bei Schmalzgesicht Ryan O’Neal und Ali MacGraw in Love Story. Und als sich das später auf ottonormal eingepegelt hatte, waren sie immer noch verliebt.
Kretsche stand jeden Morgen mit Jola im Bad und konnte sein Glück kaum fassen: Dieser sich leicht im Rhythmus des Zähneputzens wiegende, wundervolle Po gehörte ihm, er durfte mit seinen Händen jederzeit ihre weichen Brüste umfassen, er konnte sein Gesicht in roten, nach Honigshampoo duftenden Haaren vergraben, und Jolas Lippen waren ein in Samt eingeschlagenes Geschenk, das er, nur ER, küssen durfte.
Bei aller Schwärmerei war ihm völlig klar, dass Jola kein Topmodel war. Seine besten Kumpels Motte und Tanti hatten sie anfangs sogar eine «gefährliche Emanze» genannt – und zwar eine «mit rasierten Beinen, also die ganz gefährliche Sorte». Das war, kurz bevor Jola und Kretsche ein Paar wurden. Kretsche aber sah über ihre eine Spur zu muskulösen Beine hinweg, ihren Hang zu grellen Farben und uralten Wildlederjacken, ihre Segelöhrchen, die zum Vorschein kamen, wenn sie einen Pferdeschwanz trug, und auch alles andere, was eine Germany’s next Topmodel-Jury bemängelt und als Ausschlusskriterium gesehen hätte. Ihre sanften Grübchen beim Lachen, das Blitzen ihrer Augen und die immer kalten Füße, die nachts unter Verrenkungen seine wärmenden Kniekehlen aufsuchten, wogen jeden Makel auf. Das nannte man wohl Liebe.
Mit den Jahren war allerdings etwas Irritierendes zu diesem soliden Grundgefühl hinzugekommen. Was das genau war, konnte Kretsche nicht ausmachen. Aber es hatte diese Sätze in ihre Beziehung gebracht. Sätze wie:
«Wir müssen reden.»
Sein Magen rumorte, sein Rücken versteifte, sein Nacken begann zu jucken. Nicht wegen dieses Satzes, er konnte mit diesem Satz umgehen. Der Mann Andreas Kreschinski war tatsächlich in der Lage, ein Beziehungsgespräch zu führen, auch wenn der Zeitgeist, Frauenzeitschriften und dämliche Weiberromane tausendmal das Gegenteil beschworen. Manchmal fing er sogar von sich aus ein Beziehungsgespräch an. Macht ein Mann das freiwillig, bringt das so viele Bonuspunkte, dass die Frau sich einen gewaltigen Highscore erarbeiten muss, bevor sie selbst wieder eins anfängt. Und warum? Weil ihr das diese dämlichen Frauenzeitschriften einredeten. Seit seiner Zeit in einer gemischten WG, während der er ausgiebig Gelegenheit hatte, von der Freundin über die Petra bis hin zur Cosmopolitan die ganze Bandbreite des Sex & the City-Schwachsinns zu erforschen, hielt Kretsche Frauenzeitschriften für eine der größten Erfindungen des Druckgewerbes.
In all diesen Blättern waren Männer grenzdebile Halbaffen und Frauen eine Mischung aus Versorgerin und Verführerin. Ihnen wurde beigebracht, wie man das Mann bekocht, das Mann mit kurzen Röcken und knappen Dessous paarungsbereit macht und das Mann in schlechten Ehejahren wieder von der Beziehung überzeugt, indem man «auch mal über den Schatten springt» und ihm «zur Sportschau ein Bier an die Couch bringt». All das hatte Kretsche in diesen Zeitschriften gelesen. Statt sich zu wundern, warum angeblich so moderne Frauen auf diesen Quatsch reinfielen, hatte er Jola zu ihrem zweiten Jahrestag ein Abo geschenkt.
Diesmal war alles anders. Schlimmer. Deswegen reagierte Kretsche sofort psychosomatisch. Jola hatte zwar gerade geduscht, aber ihre Augen waren ganz sicher nicht vom Shampoo gerötet. Sie hatte geweint. Und sie wollte offensichtlich ausgehen. Warum sonst hatte sie diesen eleganten Fummel an?
«Willst du noch weg?»
«Mit Dietmar.»
Er stöhnte laut. Zu laut, zu abfällig. MÖÖÖP-MÖÖP! Fehler!
«Klar. Und deshalb müssen wir jetzt ganz schnell reden, damit–»
«Schsch! Er ist in der Küche», zischte Jola wütend. Sie huschte zurück ins Bad.
Kretsche gab sich keine Mühe, leiser zu reden. «Wo auch sonst. Ich denk, der Typ ist Pilot! Warum fliegt er dann nie? Der sitzt immer nur bei uns in der Küche, wenn ich gerne mal einen Abend nur mit dir hätte.»
Jola funkelte ihn an. «Womit wir auch gleich beim Thema wären.»
Sie zerrte ihn ins Bad und kickte die Tür mit dem Absatz zu. Kretsche versuchte, die Situation mit einem verspäteten Begrüßungskuss zu entschärfen, aber Jola drehte sich weg, und seine Lippen landeten auf dem Kosmetikspiegel. Die Heftigkeit, mit der sie ihre Haare trocken rubbelte, erstickte alle Hoffnung auf Frieden. Um Zeit zu gewinnen, klaubte er ein paar alte Unterhosen vom Boden auf und stopfte sie ordnungsgemäß in die Wäschebox. Was hatte er für einen Fehler gemacht? Er hatte weder Geburtstag noch Jahrestag noch irgendeine wichtige Verabredung vergessen. Und ihr Uni-Job ging seines Wissens erst in einem Monat los. Ihr Uni-Job. O Gott, das war es:
Er hatte den Umschlag nicht eingeworfen.
Jola schmiss ihr Handtuch in die Badewanne. Zum Glück konnten Handtücher nicht knallen. «In den letzten Wochen, nee, Monaten habe ich dir von nix anderem erzählt. Du wusstest genau, wie wichtig das ist. Und du latschst einfach raus. Und warum? Weil du dich bloß für dich selbst interessierst. Ist dir scheißegal, ob ich den Job kriege oder nicht.»
«Jola, tut mir echt leid, ich…»
«Ist ja okay, dass du mich monatelang nicht gefragt hast, ob ich mein Examen überhaupt packe. Dass dich nicht interessiert, ob ich danach einen Job kriege. Und dass es dir am Arsch vorbeigeht, wenn mein Prof mir eine Stelle an der Uni anbietet. Ich rechne ja gar nicht mehr damit, dass aus dir noch so was wie ein aufmerksamer Mann wird. Aber dass du mich jetzt auch noch aktiv sabotierst!»
«Ich hab doch nur den Umschlag vergessen.»
«Nur?»
Warum musste sie aus seinen Sätzen immer einzelne Wörter rauspicken und auf eine Art und Weise betonen, dass er sich schäbig und schmutzig vorkam?
«Ich hab interne Konkurrenz, Kretsche. Jobst wartet nur drauf, dass ich ’nen Fehler mache. Der Umschlag war eine offizielle Bewerbung, ohne diese offizielle Bewerbung gibt es keine inoffizielle Bevorzugung, ohne den Umschlag also keine Stelle bei Professor Kern. Und der Umschlag muss bis–»
«Morgen früh in der Uni vorliegen. Ich weiß doch. Hör zu, ich bring ihn jetzt hin. Persönlich, direkt zur Sekretärin und–»
«Da ist keiner mehr. Außerdem waren wir schon da. Zum Glück hat Dietmar ein schnelles Auto.»
Sie wusste ganz gut, wie sie ihm wehtun konnte.
«Ach, stehen wir neuerdings auf schnelle Autos?»
Und er hatte ein ausgeprägtes Talent zur Eskalation.
Jola schimpfte, Jola schluchzte, Jola fluchte – endlose zehn Minuten, aber wenigstens gedämpft. Dietmar saß ja in der Küche. Aber trotz Lautstärkefilter flogen Kretsche die Vorwürfe wie Fleischerbeile um die Ohren:
Sieben Jahre lang hat sie ihn jobben, studieren und feiern lassen, die Wohnung geputzt, sogar als sie noch gar nicht mit darin gewohnt hat und obwohl er im Gegenzug nie daran gedacht hat, auch mal in ihrer Winzbude den Spüllappen in die Hand zu nehmen. Nicht einmal, wenn sie vorher stundenlang für ihn gekocht hat. Außerdem hat sie seinen Bankrott verhindert, den Freundeskreis aufrechterhalten – und damit meint sie nicht Motte und Tanti und diesen Dings, den mit den Asi-Bartstoppeln, denn das sind alles keine Freunde, das sind Altlasten aus dem Sandkasten, die jeder normale Mensch irgendwann entsorgt oder beim Therapeuten auf der Couch lässt. Sie hat die Geburtstagsgeschenke für Familienfeiern besorgt – seiner Familie wohlgemerkt – und sie hat…
(hier holte Jola, wie ihm schien, zum ersten Mal richtig Luft)
… dabei selbst auch noch studiert. Bislang hat er ihr nicht ein einziges Mal eine Massage verpasst, wenn sie sich den Rücken krumm gelernt hat. Im Gegenteil, er hat doch tatsächlich verlangt, von ihr massiert zu werden, nachdem er vom Bolzen mit seinen Idioten zurückkam. Und nachdem sie fünf Stunden lang Genetikphilosophie gepaukt hatte.
Kretsche versuchte, die Lücke zu nutzen. «Wie, Idioten? Ich dachte, du magst meine Freunde?»
Aber Jola wischte den lächerlichen Versuch mit einer Hand weg. Nach all dem Rückenfreihalten und Nie-an-sich-Denken wollte sie jetzt mehr. Mehr Zeit, mehr Spaß…
«Und endlich mal wieder zu zweit ins Kino gehen!» Sie stand vor ihm, die Bürste wie einen Dirigentenstab in der Hand, der ihm den Einsatz geben sollte.
Kretsche brauchte jetzt nur ja zu sagen. Einfach nur ja. Aber er konnte nicht widerstehen. «Wozu ist denn dann Dietmar noch nütze?»
Es gibt Fehler und es gibt tödliche Fehler.
Jola hielt ihm die Bürste unter die Nase. «Ich hab die Schnauze voll, Kretsche. So kann unsere Beziehung nicht weitergehen!»
Endlich ein Satz, mit dem jeder erfahrene Mann umgehen konnte. Zweiundsiebzigtausend Liebesfilme hatten die angemessene Reaktion vorgeführt und sie den meisten Männern in Fleisch und Blut übergehen lassen, so auch Kretsche: Einsicht zeigen.
«Hm», machte er und senkte betroffen den Kopf.
Natürlich glaubte er in diesem Moment, das Schlimmste hinter sich zu haben. Immerhin war der Umschlag abgegeben, die Uni-Chose gerettet. In Gedanken blätterte Kretsche bereits in der Fernsehzeitung und öffnete sich ein Bierchen. Doch etwas trieb ihn, das Beziehungsgesprächs-Spiel noch mit einer eleganten Volte zu seinen Gunsten zu entscheiden. Auch wenn zweiundsiebzigtausend Liebesfilme lehrten, dass es besser war, betroffen zu nicken und die Schnauze zu halten.
«Ich dachte ja auch, heute hätten wir mal einen Abend für uns gehabt. Wirklich mal ins Kino gehen. Oder einfach nur zusammen sein und so. Schick doch einfach den Schleimer nach Hause und–»
«Du dachtest? DU dachtest?!» Jola warf die Haare in den Nacken und kam bedrohlich näher. Dabei ging das eigentlich kaum noch auf vier Quadratmetern.
Wenn Jola diesen Ton anschlug, zerbröselten Diamanten zu winzigen Kohlestoffpartikeln, und Kretsches Rückgrat verkrampfte, bis jeder Wirbel einzeln um Gnade flehte. Ihm dämmerte, dass er bisher nur die Ouvertüre erlebt hatte. Und das Finale würde grausam sein.
* * *
Der Kriegsschauplatz hatte sich in einem großen Bogen um die Küche herum durchs Wohnzimmer auf den Balkon verlagert. Das war wegen Kretsches und Jolas Angewohnheit, bei Streitigkeiten jeden verfügbaren Quadratmeter zu bespielen. Meist landeten sie am Ende im Schlafzimmer und versöhnten sich. Diese Option war heute Abend unwahrscheinlich. Nicht nur wegen Dietmar, so gerne Kretsche ihm den Schwarzen Peter zugeschoben hätte. Diesmal war alles anders, existenzieller. Jola hatte geweint, sie hatte Kleinigkeiten ausgegraben, die mindestens drei Jahre zurücklagen, und nicht mal vor Klischeevorwürfen zurückgeschreckt.
«Du bringst nie Blumen mit. Und wir haben den Laden sogar im Haus!»
Er hatte gekontert, dass sie nicht mehr in den fünfziger Jahren lebten, aber das hatte sie mit links ausgehebelt: «Schade, da haben Männer noch Verantwortung übernommen.» Jola hatte seine Liebesfähigkeit in Frage gestellt: Ob er wohl jemals einen anderen Menschen als sich selbst glücklich machen könne. Und wolle.
Das war alles verdammt tiefgreifend und gefährlich, ein emotionaler Dschungelkrieg mit Minen, Napalm und Schüssen aus dem Hinterhalt. Und in der demilitarisierten Zone des Balkontürrahmens lehnte Dietmar und lächelte.
Das Lächeln war das Präsenteste an Dietmar. Es war mit einem sanften Schwung in sein Gesicht gegraben. Kretsche konnte sich nur an wenige Situationen erinnern, in denen Dietmar nicht diese überlegene Miene aufgesetzt hatte. Eine davon hatte mit einem Fußballspiel und einem schmerzhaften Volleyschuss in die Eier zu tun. Aber das war erstens Motte gewesen und zweitens verdient. Dietmar Wayne war einer dieser Typen, die auf Anhieb von allen Männern einer Partygesellschaft gehasst werden. Denn jedem war sofort klar, auf solche Spackos stehen alle Frauen.
Er war Pilot, nein, zum Glück nur Kopilot. Und er hieß tatsächlich Wayne. Sein Vater war ein hohes Tier bei der Army, er schaukelte seine Orden auf einem Büroposten irgendwo in der Eifel. Ein Mann, der zu dämlich war, seinen Sohn Bruce zu taufen, hatte Tanti gelästert. Bruce Wayne, Bruce Willis, das hatte Klang und Format. Dietmar, das war sicher die Wahl seiner Mutter gewesen. Alles an Dietmar hätte die Wahl seiner Mutter sein können: das in blonden Wellen an den Denkerkopf geschmiegte Haar, die breiten Schultern, die glänzenden Lederslipper und dieser Grundverständnisblick in den Dackelaugen.
Dietmar war der perfekte Mann, Schwiegersohn und Freund in Personalunion. Ob er auch einen hochbekam, bezweifelten Motte und Tanti. Kretsche nicht. Warum sollte Dietmar «No Bruce» Wayne so beharrlich und ausschließlich die Gegenwart von Frauen suchen, wenn er nicht auch zum Schuss kommen wollte? Schwul war er nicht, sosehr die Jungs sich das wünschten. Dietmar hatte sich seit seiner Trennung von einer schrecklich lauten Liliane so ziemlich an jedem Rockzipfel ihres Freundeskreises ausgeheult (wer zum Teufel hatte ihn eigentlich jemals angeschleppt?) und war bei der herzensguten Jola hängengeblieben. Sie mochte seine verständnisvolle Art, sein Talent, zuzuhören und im richtigen Moment den passenden Rat zu geben, seine Sprach- und Kulturkenntnisse, seine guten Manieren und dass er so anders war als Kretsche und seine Jungs.
«Und seine beschissene Angeberei?», hatte Kretsche Jola nach einer Party gefragt. Er lag betrunken und bewegungsunfähig auf dem Bett.
«Tut mir leid, dass er den Beruf ausübt, von dem ihr als Jüngelchen immer geträumt habt», hatte Jola geantwortet und ihm dabei die Jeans ausgezogen.
Er hatte entgegnet, kein Junge wolle nur Kopilot werden, schon gar nicht in einem verkackten Urlaubsflieger von Air Alemannia. Aber das war sinnlos. Dietmar hatte es in den vergangenen Monaten unzweifelhaft zu einer Art «beste Freundin» von Jola gebracht. Kretsche konnte damit leben. Im Vergleich mit Jolas Freundin Dani war Dietmar das geringere Übel. Es gab allerdings Momente, in denen Dietmar Wayne störte, und zwar gewaltig. Momente wie dieser.
«Entschuldigung, aber wir streiten hier gerade!», raunzte Kretsche.
Dietmar löste seine beneidenswert muskulöse Schulter vom Rahmen der Balkontür. «Ich find’s gut, dass ihr euch aussprecht, aber ich find’s gar nicht gut, wie aggressiv du Jola gegenüber bist.» Er blickte Jola besorgt an. «Alles klar bei dir?»
«Ist schon okay. Lass mal!», antwortete Jola. Ihr Brustkorb hob und senkte sich heftig vor Wut. Die rote Mähne glänzte von dem Besserbürstbar-Spray, das sie immer vor dem Föhnen auftrug.
Kretsche war fassungslos. «Verpiss dich, Dietmar, okay? Verpiss dich!»
Jola wirbelte herum. «Hör auf rumzustänkern! Dietmar bleibt.»
Und Dietmar blieb. Er lehnte sich wieder wie ein Bodyguard an den Türrahmen. Ein Meter neunzig schrägstehende Arschloch-Autorität. Fehlte nur noch seine dämliche Pilotenkappe.
Würziger Rauch stieg Kretsche in die Nase. Eschbach, der Mieter aus der Wohnung unter ihnen, qualmte eine seiner fetten Zigarren auf dem Balkon. Das machte er mit Vorliebe, wenn Jola und Kretsche auf dem Balkon saßen und quatschten oder Freunde zu Besuch hatten. Kretsche überlegte, ob er Jola ins Schlafzimmer schleppen sollte. Nicht nur wegen Dietmar. Er gönnte auch Eschbach nicht, dass er seine Niederlage mit anhörte. Dass es eine Niederlage werden würde, daran hegte Kretsche längst keinen Zweifel mehr. Es ging nur noch um Schadensbegrenzung.
«Weißt du, vielleicht lässt du es einfach mal zu, drüber nachzudenken», sagte Jola. «Du nimmst alles als gegeben hin, und das wird immer schlimmer. Aber wir sind zwei–»
«Drei», warf Kretsche mit Seitenblick auf Dietmar ein. Es war wie ein Zwang, eine Krankheit: Er konnte keine Chance zum Klugscheißern ungenutzt liegenlassen, selbst wenn ihm gar nicht danach war, sie zu benutzen.
«Du bist ein scheiß Arschloch.»
«Beschissenes Arschloch. Scheiß ist ein Substantiv.»
Jola knallte ihm eine. Dietmar grinste. Kretsche konnte sich nicht mehr beherrschen; er machte einen Satz auf Dietmar zu.
«Raus! Raus hier, du Penner!»
Dietmar wich zurück. Kretsche setzte nach, Jola erwischte ihn am Hemd, sie landeten beide auf dem Wohnzimmerboden. Jola rappelte sich als Erste wieder auf.
«Ist wohl besser, du gehst jetzt!»
«Ich? Ich wohne hier.»
«So benimmst du dich aber nicht.»
«Ach, nein?» Er stand auf. «Muss ich auch nicht. Ich weiß trotzdem, dass ich hier wohne. Das ist mein Sofa, da ist mein Tisch, und da drinnen steht mein Bett, okay, dein Kleiderschrank, aber neben meinem Spiegel und–»
«Halt den Mund!» Jola schubste ihn von sich. «Halt den Mund!»
Sie begann zu weinen. Dietmar hatte sich fluchtbereit in den Flur zurückgezogen, das Lächeln war ihm ausnahmsweise vergangen. Ebenso wie Kretsche war ihm klar, hier würden gleich entscheidende Sätze fallen.
«Ich hab so die Schnauze voll von dir, weißt du das?» In Jolas Augen schwammen Tränen.
Kretsches Herz krampfte sich zusammen. Er hielt es nicht aus, wenn Jola weinte. Das schmerzte. Sie war nämlich keine dieser typischen weiblichen Heulsusen. Sie weinte nie. Nur wenn es echt hart auf hart ging oder körperlich wehtat. So wie jetzt.
«Warum bist du so?» Sie wischte eine Träne von der Wange.
«Wie?»
«So gemein.»
«Ich wollte nicht gemein sein, ehrlich nicht», sagte Kretsche sanft. Sein Blick fiel auf Dietmar. «Herrgott, kann der nicht endlich abhauen?»
«Kretsche!» Jola stampfte auf.
«Ja, was? Oder hast du was mit ihm?» Er wusste selbst nicht, warum er Dietmar die Genugtuung gab, diese Frage vor ihm zu stellen. Und er wusste, dass diese Frage nicht deeskalierend sein würde.
«Warum nicht, Dietmar hat wenigstens Zeit für mich.»
Jolas Satz hing bleischwer in der Luft. Kretsche fühlte sich wie auf einer riesigen Schiffsschaukel, auf dem höchsten Punkt, kurz bevor sie in die Tiefe donnerte.
«Aha», krächzte er. «Und was kommt jetzt noch? Vögelt ihr seit ’nem halben Jahr hinter meinem Rücken?»
Die zweite Ohrfeige an diesem Abend tat wirklich weh. Jola hatte exakt dieselbe Stelle wie beim ersten Mal getroffen. Der eigentliche Hammer aber folgte, der K.-o.-Schlag, die Massenvernichtungswaffe.
«Wir vögeln ständig. Und bei ihm habe ich sogar einen Orgasmus. Das ist übrigens noch lange nicht der einzige Unterschied zu dir!»
Kretsche blickte sie an, ihren bis in die letzte Faser gespannten Körper, ihre blitzenden grünen Augen, er sah die Brüste, die sich unter dem hautengen Top abzeichneten, den Po, den er als sein Eigentum betrachtet hatte, bemerkte die vollen rotgeschminkten Lippen, röter noch als sonst – und all das hatte Dietmar gehabt? Er musste würgen. Nicht metaphorisch. In echt.
«Das hat doch alles keinen Sinn.» Jola stieß ihn beiseite und verschwand schluchzend im Flur.
Auch Dietmar war verschwunden. Aber Dietmar war egal. Und sieben Jahre eine Lüge.
Die Wohnungstür knallte. Kretsche brauchte weniger als fünf Minuten, um seinen schwarzen Samsonite-Koffer zu packen, Geld und Papiere in seine Taschen zu stopfen und die Wohnung ebenfalls zu verlassen.
Unten im Hausflur stolperte er im Halbdunkel über eine Mülltonne. Er las die weißgepinselte Aufschrift Eschbach, 1.OG und trat die Tonne mit Schmackes aus dem Weg. Joghurtbecher und leere Milchtüten spritzten mit Zigarrenstumpen, Asche und Gemüseresten über den Boden. Der feine Herr Eschbach trennte also keinen Müll, die Sau. Kretsche schloss sein Fahrrad auf, schnallte den Koffer auf den Gepäckträger und schob es über matschige Bananenschalen auf die Straße.
Ein sanfter Hauch Abendluft kühlte seine brennende Wange. Wie hatte es Bruce Willis im Meisterwerk The Last Boy Scout so treffend gesagt? «Das Wasser ist nass, der Himmel ist blau, und Frauen haben Geheimnisse.» Kretsche ließ die Haustür hinter sich zufallen und fuhr, ohne sich noch einmal umzusehen, zur Redaktion.
* * *
«Wenn ich dich nich kennen würd–»
«Dann hätte ich jetzt einen Teleskopschlagstock zwischen den Zähnen und beide Arme gebrochen. Komm, mach auf, Tolga!»
Kretsche riss sich zusammen, um dem Wachmann nicht an den Hals zu springen. Aber daran hätte ihn zweifellos die zentimeterdicke Tür aus Sicherheitsglas gehindert, die den Eingangsbereich des Primus TV-Stockwerks vom Treppenhaus abschirmte. Nur mittels einer Chipkarte kam man in die Büroflure. Kretsche hatte sich einiges in die Taschen gestopft, das rote Schlüsselband mit der Karte nicht. Tolga, der gerade die erste Runde seiner Nachtschicht drehte, hatte ein Stockwerk höher sein Fluchen gehört und ihn kurz darauf mit dem Strahl seiner Maglite zu Tode erschreckt.
Kretsche hielt die Hände schützend vors Gesicht. «Jetzt nimm die verkackte Taschenlampe runter! Ich bin gleich blind.»
Tolga hatte die Stablampe wie ein amerikanischer Streifenpolizist genau auf seine Augen gerichtet. Er knipste die Lampe aus und schaltete die Deckenfluter an. Der Türke mit dem Albatroskreuz und der Rückenaufschrift SecuWatch auf seiner schwarzen Goretex-Jacke grinste breit.
«Was is los, Alter? Willste arbeiten oder klauen, oder was?!»
«Wäre echt geil, wenn ich dir das drinnen erklären könnte.»
Tolga öffnete, drückte ihm aber die Taschenlampe auf die Brust.
«Also, arbeiten oder klauen?»
«Klauen, du Arschloch!»
Tolga grinste. «Gut, sonst hätte ich die Klapse angerufen.» Er trat beiseite. «Selber Arschloch.»
Kretsche klopfte ihm dankbar auf die Schulter und eilte über den blauen, mit Kaffeeflecken übersäten Flurteppich zu seinem Büro. Carolas Büro. Scheißegal. Wie so vieles.
JOLA UND DIETMAR, JOLA UND DIETMAR!
Er schüttelte den Kopf. Nicht dran denken!
JOLA UND…
Kretsche wollte die Bürotür aufreißen, doch sie war verschlossen.
«Verfluchte Scheiße!»
«Ey, willste dich selber beklauen, oder was?» Tolga war geräuschlos dazugetreten und hielt seine Karte vor das graue Kästchen neben dem Türrahmen. Es piepste, und die Tür war offen. «Bist du ’n Penner, oder was?»
