Höllenkind - Veit Etzold - E-Book

Höllenkind E-Book

Veit Etzold

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9,99 €

Beschreibung

Alter römischer Adel, düstere Geheimnisse im Vatikan und ein unerbittlicher Rächer, der seine Feinde Dantes neun Kreise der Hölle durchschreiten lässt:
Im 8. Teil der Thriller-Reihe von Bestseller-Autor Veit Etzold ermittelt Patho-Psychologin Clara Vidalis in Rom.

Es ist ein einmaliges Ereignis für den Vatikan und ganz Rom: die Verbindung der alten römischen Adelsfamilien Sforza und Visconti durch eine prunkvolle Hochzeit in der Sixtinischen Kapelle.
Doch plötzlich krümmt sich die Braut vor Schmerz, und auf ihrem strahlend weißen Hochzeitskleid erblühen große rote Flecke. Bevor irgendjemand eingreifen kann, bricht sie tot zusammen.
Der zuständige Ermittler des Vatikans, Commendatore Adami, ahnt, dass es nicht bei diesem einen außergewöhnlichen Mord bleiben wird. Und dass er allein nicht weiterkommt. In Rom kursiert schon länger der Name einer Patho-Psychologin, die bereits in einen Fall von Satanismus involviert gewesen war: Clara Vidalis vom LKA Berlin…

Bestseller-Autor Veit Etzold schickt die toughe Patho-Psychologin Clara Vidalis in ihrem 8. Fall auf einen echten Höllen-Trip im Vatikan – eiskalter Nervenkitzel für alle Fans harter Thriller im US-Stil.

Die Thriller-Reihe mit Clara Vidalis ist in folgender Reihenfolge erschienen:
• Final Cut
• Seelenangst
• Todeswächter
• Der Totenzeichner
• Tränenbringer
• Schmerzmacher
• Blutgott
Höllenkind

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Seitenzahl: 359

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Veit Etzold

Höllenkind

Thriller

Knaur e-books

Über dieses Buch

Rom, Sixtinische Kapelle: Aurelia, Tochter der adeligen Diva Donatella Sforza heiratet Vincence Visconti - ein einzigartiges Ereignis im Vatikan. Plötzlich verzieht sich das Gesicht der Braut vor Schmerzen: An dem blütenweißen Kleid bilden sich große rote Flecken. Sie erbricht in einem Schwall schaumiges Blut auf den Boden der Sixtinischen Kapelle und bricht vor den Stufen des Altars, im Angesicht des Jüngsten Gerichts von Michelangelo, zusammen. Ein Privatarzt des Papstes, der sofort nach vorne stürzt, kann nur noch den Tod der Braut feststellen. Clara wird von Commendatore Adami, der für den Vatikan die landesweite Verantwortung für die Aufklärung der »Roten Hochzeit« übernommen hat, nach Rom eingeflogen. Man habe schon viel von ihr gehört. Zudem wisse man, dass Clara auch bei einem Fall in Rom, bei dem es um Exorzismus ging, schon einmal involviert gewesen sei. Denn um mindestens das scheint es hier zu gehen …

Uralte römische adelige Familien, dunklen Geheimnisse des Vatikans und ein Rächer, der seine Feinde unerbittlich die neun Höllenkreise aus Dantes Göttlicher Komödie durchschreiten lässt, um sie ihre Sünden zu lehren.

Bestseller-Autor Veit Etzold schickt die toughe Patho-Psychologin Clara Vidalis in ihrem 8. Fall auf einen echten Höllen-Trip im Vatikan.

Inhaltsübersicht

WidmungMottoPersonenverzeichnisPrologBuch 1Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Buch 2Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Buch 3Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Buch 4Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31EpilogDankwort
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Für Saskia

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Mille piacer non vagliono un tormento.

(Tausend Genüsse sind nicht eine Qual wert)

Petrarca

 

 

I must create a system or be enslaved by another man’s.

(Ich muss ein System erschaffen oder werde von dem eines anderen versklavt.)

William Blake

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Personen

Aurelia Sforza, Braut und Tochter von Donatella Sforza

Vicente Visconti, Bräutigam, Patensohn von Paolo Visconti, Sohn von Paolos Bruder Alessandro Visconti (Kunsthändler)

Carina Visconti, Tochter von Paolo Visconti

Donatella Sforza, zweite Frau von Paolo Visconti

Ottavio Sforza, Strippenzieher und Sohn von Donatella

Paolo Visconti, betagter Patriarch einer sehr alten Adelsfamilie

Laura Alberti, erste Frau von Paolo Visconti, verstorben

Vito Alberti, Vater von Laura Alberti und Großvater von Beatrice

Beatrice, das »Höllenkind«

Andrea de Lillo, Loco Lillo, ehemaliges Camorra-Mitglied

Marco, Cousin von Clara

Mauro Adami, Commendatore, Questura Florenz, Kriminaldirektor

Kardinal Julio Valera, Präfekt der Glaubenskongregation

Luca Turelli, Anwalt

Tobias Wehrli, Gardist der Schweizergarde

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Prolog

Sixtinische Kapelle, Vatikan, Rom, Italien

Kardinal Julio richtete seinen Blick auf die Braut in ihrem maßgeschneiderten Kleid aus weißer spanischer Seide und wusste: Hier handelte es sich um ein Ereignis, wie es nur alle zehn Jahre zu verzeichnen war. Denn das Brautkleid mit der meterlangen Schleppe, von Hand mit echten Perlen und antiker Spitze bestickt, hatte weit mehr gekostet, als ein durchschnittlicher römischer Angestellter im Jahr verdiente, und erinnerte in seinem Prunk an die Hochzeit von Königen. Und auch der Ort wäre einer königlichen Hochzeit mehr als würdig gewesen. Die Sixtinische Kapelle, in der sonst die Päpste gewählt wurden. Hier war 2005 Benedikt XVI. als zweiter Deutscher in der Geschichte der katholischen Kirche zum Papst gewählt worden. Ich möchte ein einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn sein, hatte er gesagt.

Julio sah nach oben.

Das Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle war 1512 zum Allerheiligenfest von Michelangelo fertiggestellt worden und galt als eines der größten Kunstwerke überhaupt. Die Erschaffung Adams, bei dem sich die Finger von Adam und Gott einander annäherten, hatte nicht nur das Bild von Gott als altem Mann mit Bart tief im kulturellen Gedächtnis verankert, sondern war bis nach Hollywood vorgedrungen.

Über zwanzig Jahre später hatte Michelangelo, damals bereits um die sechzig, damit begonnen, das Jüngste Gericht zu malen. Nach der Plünderung Roms durch deutsche Landsknechte 1527, was als Strafe Gottes für die sündige Stadt angesehen wurde, war dieses gigantische Gemälde eine Art Buße für die gesamte Stadt. Julio blickte zur Stirnseite der Kapelle und blickte auf Christus, der inmitten der unzähligen Gestalten, die das riesige Werk bevölkerten, die Erlösten von den Verdammten trennte. Es waren die Schrecken und die Erlösung gleichermaßen, die Michelangelo meisterhaft darstellte. Denn so wie Shakespeare alles hatte schreiben können, das wusste Julio, hatte Michelangelo, der eigentlich Bildhauer war, alles malen können. Die Hoffnung auf die Ewigkeit der Erlösten, die zitternde Erwartung der Verdammten, die hinabsanken in die ewigen Qualen. Zwei Zentren in diesem Bild, zwei Polaritäten, die die ganze Welt erklärten: Überwältigende Freude und vernichtender Schmerz, Himmel und Hölle, Gut und Böse.

Der Blick des Kardinals fiel erneut auf Christus. Aber Christus erwiderte den Blick nicht. Christus hatte nur Augen für einen: den heiligen Bartholomäus, der im persischen Teil von Syrien gehäutet worden war. Sie hatten ihm die Haut abgezogen, auch von seinem Gesicht. Und die Züge der Haut, die der Heilige mit sich trug, während er ins Paradies ging, trugen die Züge des Künstlers Michelangelo selbst. Als wollte sich Michelangelo, als Begleitung von Bartholomäus, ebenfalls den Einzug ins Paradies sichern. Sollte er einmal Papst werden, dachte Julio, dann würde er sich den Namen Bartholomäus geben.

Die Gäste nahmen all das nicht wahr, nicht das imposante Deckengemälde und auch nicht das riesige Kunstwerk des Jüngsten Gerichts an der Stirnseite der Kapelle. Denn alle Augen waren auf die Braut gerichtet, die soeben zu den Klängen von Pachelbels Kanon in D-Dur am Arm ihres Stiefvaters einzog. Der Kanon wurde von einem Streichquartett gespielt, untermalt von der Orgel der Kapelle, die erst im Jahr 2002 eingebaut worden war. Aurelia Sforza, Tochter der adeligen Donatella Sforza, würde Vicente Visconti heiraten, den Patensohn ihres Stiefvaters Paolo Visconti. Paolo Visconti war mittlerweile achtzig Jahre alt und hatte sehr spät noch einmal geheiratet, die dreißig Jahre jüngere Donatella. Vicente war für ihn wie ein zweiter Sohn geworden, Aurelia wie eine eigene Tochter. Denn seine einzige Tochter Carina war vor zehn Jahren spurlos verschwunden. Das jedenfalls erzählte man sich unter vorgehaltener Hand. In Florenz, so sagte man, hatten die Wände nicht nur Ohren, sondern auch Münder.

Die Visconti kamen ursprünglich aus Mailand und lebten inzwischen in Florenz. Der Mailänder Dom wäre ebenfalls eine ausgesprochen würdige Adresse gewesen (und eine Statue des gehäuteten Bartholomäus gab es dort auch), doch die Hochzeit musste in Rom stattfinden, im Herzen des Vatikans, in der Sixtinischen Kapelle, um die Gläubigkeit, aber ganz besonders die Macht der Familie zu demonstrieren. Wenn man schon keinen Bartholomäus hatte, der einen, wie Michelangelo, ins Paradies mitnahm, musste halt die Kulisse des Vatikans dafür herhalten.

Der alte Visconti setzte bedächtig einen Fuß vor den anderen, während Aurelia seine Hand hielt und aus Rücksicht auf den Mann, der ihr zweiter Vater geworden war, ebenfalls langsam voranschritt.

Die Braut war ganz in Weiß, unschuldig, wunderschön.

Und gleich würde der größte Moment in ihrem Leben gekommen sein. Die Hochzeit war eines der sieben Sakramente der katholischen Kirche, neben der Taufe, der Firmung, der Eucharistie, der Krankensalbung, der Priesterweihe und der Buße. Die Hochzeit, das sagte schon Aristoteles, war die Vereinigung von zwei Körpern in einer Seele. So wie in der Eucharistie der Leib Christi mit dem der Gläubigen verbunden war, wurden die Eheleute nun, wie es im Alten Testament stand, ein Fleisch. Es war der Ehebund, der erst zwischen Gott und dem Volk Israel geschlossen wurde, dann zwischen Christus und der Kirche.

Julio richtete seinen Blick noch einmal auf das Jüngste Gericht. Eigentlich ein passendes Gemälde, denn die Apokalypse war die Vermählung von Christus mit der Kirche. Hieß doch Apocalypsis auf Griechisch nichts anderes als Entschleierung. Und bei einer Vermählung spielte die Entschleierung der Braut eine wichtige Rolle.

Auch Aurelia trug einen Schleier, hinter dem ihr ebenmäßiges Gesicht nur schemenhaft zu sehen war.

Die großen Kerzen auf dem Altar flackerten, als sich Braut und Brautvater langsam nach vorne bewegten, während der Kanon der Streicher die hohe Halle erfüllte. Vorne würde das Paar gleich niederknien und Kardinal Julio würde nach vorne treten und die Frage aller Fragen aus dem Rituale stellen. Das alte Buch war aufgeschlagen, der Titel des Kapitels lautete De Sacramento Matrimonii – Vom Sakrament der Ehe. Julio ging die Worte, die er ablesen würde, noch einmal im Kopf durch. Er konnte sie auswendig, aber er wiederholte sie noch einmal.

 

Vis accipere hic praesentem in tuam legitimam uxorem juxta ritum sanctae matris Ecclesiae?

Voglio …

Ja, ich will.

 

Vis accipere hic praesentem in tuum legitimum maritum juxta ritum sanctae matris Ecclesiae?

Voglio …

Ja, ich will.

 

Ego conjugo vos in matrimonium. In nomine Patris, et Filii et Spiritus Sancti. Amen.

Ich vermähle euch zu Mann und Frau. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Für einen Moment wurde sein Blick nach oben gezogen.

Auf der einen Seite im Gemälde die Toten, die auferstanden waren, die Auferstehung des Fleisches am Jüngsten Tag, die Toten, die sich hervorarbeiteten, die aus der Erde krochen und sich mit den Armen abstützten, bis sie zu schweben begannen, der Ewigkeit entgegen. Die Verdammten hingegen wurden mit schmerzverzerrten Gesichtern ins Jenseits gezogen.

In dem Moment passierte es. Julio spürte sofort, dass etwas nicht stimmte, als hätte jemand der feierlichen Stimmung einen Schlag versetzt, als hätte jemand dem Universum einen Schaden zugefügt.

Kardinal Julio schaute wieder nach vorn. Brautvater und Braut hatten ihren Schritt verlangsamt. Aber es lag nicht an dem alten Visconti. Es war die Braut, die plötzlich innehielt. Ihr Gesicht verzog sich unter dem Schleier zu einer Grimasse.

Julios Blick flog kurz zurück zu Charon auf dem Gemälde, dem Fährmann, der die Verdammten über den Hades führte und sein Boot der verlorenen Seelen ausschüttete, als handelte es sich um einen Bottich Fische. Als hätte Michelangelo beim Malen die Worte von Dantes Inferno gehört: Ihr, die ihr eintretet, lasst alle Hoffnung fahren.

Jetzt sah es Julio noch deutlicher. Aurelia blieb stehen, ihr Gesicht schmerzverzerrt. Auch Visconti, der merkte, dass auf einmal er es war, der schneller ging als die Braut, blieb stehen und blickte seiner Ziehtochter voller Entsetzen ins Gesicht. Ein Raunen ging durch die Gemeinde im Kirchenschiff, Rufe wurden laut, Menschen standen auf. Das, was geschah, konnte nicht real sein, es konnte sich nur um eine Illusion handeln, die ihm, Julio, vom Teufel geschickt wurde.

Auf dem blütenweißen Kleid der Braut bildeten sich rote Flecken. Erst dort, wo das Kleid sich besonders eng an den Körper der Braut schmiegte, doch dann auch an ihrem Bauch, an ihren Beinen, an ihren Armen.

Blut lief an ihrem Körper herunter, während Aurelia zitternd und voller Panik an sich herunterblickte und schließlich mit einem knackenden Geräusch auf die Knie sank. Der greise Visconti, der versuchte, die Braut zu halten, sank ebenfalls zu Boden, Panik und abgrundtiefes Entsetzen in den Augen.

Das Kleid der Braut wechselte die Farbe, von Weiß zu Rot, überall trat Blut hervor und verwandelte die weiße, engelhafte Braut in einen roten Blutdämon, das Gesicht vor Schmerz und Entsetzen verzerrt. Aurelia kippte nach vorn. In einem fürchterlichen Schwall erbrach sie schaumiges Blut auf ihr Kleid, auf den alten Visconti und auf den Boden der Sixtinischen Kapelle, während ihr weißes Kleid nun nahezu komplett rot war und sie im Angesicht des Jüngsten Gerichts würgend und keuchend zusammenbrach.

Aurelia, in Blut gebadet und Blut spuckend, wand sich in zuckenden Krämpfen vor dem Altar und lag schließlich still.

Julios Hände lösten sich von dem Geländer, an dem er gestanden hatte, und er sank ohnmächtig zu Boden.

Der Privatarzt des Papstes, der sofort hinzustürzte, konnte nur noch den Tod der Braut feststellen.

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Buch 1

Styx

Die Hölle, das ist die Wahrheit, die man zu spät erkennt.

Thomas Hobbes

Kapitel 1

LKA113, Tempelhofer Damm, Berlin

Clara Vidalis, Hauptkommissarin und Expertin für Pathopsychologie, saß in ihrem alten Audi und hupte, doch die Journalisten wollten keinen Platz machen. Sie hörte die Fragen durch die geschlossene Scheibe hindurch.

Was war Ihre Rolle bei der Jagd nach dem Blutgott?[1]

Ist Marie durch Ihre Idee zu einer Killerin geworden?

Was sind die Konsequenzen für Ihre Karriere?

Finden Sie Ihre Maßnahmen nach wie vor richtig?

Sind Sie die erste Kommissarin, die eine Killerin geschaffen hat?

Sie hupte wieder und fuhr langsam nach vorne, näherte sich dem Tor an der hinteren Zufahrt, die zu dem großen LKA-Gebäude am Tempelhofer Damm führte, in dem sich auch Claras Abteilung befand. Das LKA113.

Zwei Kollegen sprinteten nach vorne und hielten die Journalisten in Schach. Der Schlagbaum hob sich. Clara fuhr hindurch und parkte. Die Pressemeute stand am Schlagbaum und diskutierte mit den Polizisten. Sie behindern die Arbeit der Medien, sagte einer mit einem Block und einer Kamera, was die Beamten aber keineswegs daran hinderte, die Arbeit der Medien weiter zu behindern.

Clara stieg aus. Die Worte hallten in ihrem Kopf. Was sind die Konsequenzen für Ihre Karriere? Tja, dachte sie, die ist vielleicht beendet, aber das werde ich gleich von Winterfeld erfahren. Kriminaldirektor Winterfeld war ihr direkter Vorgesetzter. Auch er stand in der Kritik, denn er hatte ihre Idee abgesegnet. Genauso wie Alexander Bellmann, der Chef des LKA, der jetzt davon allerdings nichts mehr wissen wollte.

Sie stieg aus.

Nachdem der »Blutgott«, ein unheimlicher Puppenspieler, der über das Dark Web Jugendliche zu Gemeinschafts- und Serienmorden aufforderte, das ganze Land terrorisiert hatte, war den Ermittlern nichts mehr eingefallen, außer dem Blutgott ein trojanisches Pferd zu liefern – in Form der sechzehnjährigen Marie, um ihn auf diese Weise zu schnappen. Sie hatten ihn so auch fast geschnappt. In letzter Sekunde war er jedoch entkommen. Und Marie war eine Killerbraut für ihn geworden, die ihn jetzt bei seinen Mordplänen unterstützte. Eine Art Killer Groupie nannte man das wohl. Wo die beiden waren, der Blutgott und Marie, wusste keiner, es waren nur diverse Bekennervideos im Dark Web aufgetaucht, die zeigten, dass beide nach wie vor unterwegs waren und bereits neue grauenhafte Morde planten. Für die Eltern von Marie war die Sache die größte denkbare Katastrophe. Der Vater konnte durch einen Burn-out seinen Managerjob nicht mehr ausüben, die Mutter hatte versucht, sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben zu nehmen. Das Ganze war ein absolutes Desaster.

Clara nickte den Polizisten zu, um sich für die schnelle Hilfe beim Durchkommen durch die Pressemeute zu bedanken, und eilte ins Innere des Gebäudes.

Sie schaute auf ihr Smartphone. Keine Mails. Schon seit zwei Tagen bekam sie keine dienstlichen Mails mehr. Offenbar hatte jemand ihr E-Mail-Konto der Polizei eingefroren. An ihrem Smartphone konnte es nicht liegen, denn telefonieren konnte sie noch und private E-Mails bekam sie auch. Schließlich war es ihr Privathandy, das sie nutzte. Eine Absurdität, die im öffentlichen Dienst von Berlin in Zeiten dauerhaft knapper Kassen keine Seltenheit war. Berlin: Vom Anything goes zum Nichts-geht-mehr hatte eine Zeitung treffend über Berlin geschrieben. Irgendwie passt es dazu, dass vor Kurzem ein Einwohner Berlins von der Verwaltung für tot erklärt worden war und der arme Mann von Pontius zu Pilatus rennen musste, um sich wieder als lebend klassifizieren zu lassen. Was umso interessanter war, da das Finanzamt bei diesem »Toten« weiterhin munter Geld abbuchte.

Clara spurtete drei Treppenfluchten nach oben und fand sich auf dem Flur des LKA113 wieder. Bevor sie irgendetwas in ihr Büro brachte, ging sie zunächst in die Kaffeeküche. Dort stand die rumpelnde, dampfende Kaffeemaschine und daneben der neue Espressoautomat. Clara schenkte sich trotzdem einen großen Becher schwarzen Kaffee aus der altmodischen Maschine ein und blickte sich um. Sie erwartete, Winterfeld zu treffen, aber er war nicht hier. Oft kam er in die Kaffeeküche, nahm sich einen Kaffee, meistens den letzten, der noch in der Kanne war, ohne anschließend neuen Kaffee zu kochen. Danach ging er meist zum Fenster, um einen Zigarillo nach draußen zu rauchen, wie er es immer nannte.

Clara musste mit ihrem Chef sprechen.

Sie wählte auf dem Handy seine Nummer. Winterfeld meldete sich nach dem ersten Klingeln.

»Na, Señora, sind Sie da?«

»Ja, in der Kaffeeküche.«

»Kommen Sie doch nach oben aufs Dach. Da rauche ich gerade eine.«

»Rauchen Sie nicht mehr von der Kaffeeküche aus nach draußen?«

»Heute nicht. Am besten, Sie nehmen den Fahrstuhl, dann begegnen Sie weniger Leuten.«

Clara hängte sich ihre Tasche über die Schulter, nahm die Kaffeetasse, blickte sich um, als würde sie etwas Verbotenes tun und schlüpfte dann schnell in den Fahrstuhl.

Auf dem Dach des LKA, das man eigentlich nicht betreten sollte, stand Walter Winterfeld, ebenfalls einen Becher Kaffee in der Hand, und paffte in die Morgenluft. Eine einsame Silhouette vor dem früheren Flughafen Tempelhof, der damals, als die Nazis ihn gebaut hatten, das größte Gebäude der Welt war. Weiter nördlich sah sie die Hochhäuser des Potsdamer Platzes und den Bahntower. Winterfeld stellte seinen Kaffee auf einer fauchenden Lüftungsbox ab und schaute in sein Smartphone, das er sich jetzt ebenfalls gekauft hatte, nachdem er sich lange diesem neumodischen Schnickschnack, der einen nur zum Online-Junkie macht, verweigert hatte.

»Wie geht’s, Señora?«, fragte Winterfeld.

»Geht so«, sagte sie. »Und wie geht es Ihnen?«

Winterfeld schnaufte und blickte auf sein Handy. »Meine Tochter aus der früheren Ehe in Hamburg«, sagte er. »Hat mir sogar mal eine Mail geschrieben.«

»Und?«

»Sie will Bestatterin werden.«

»Wenn sie mit uns zusammenarbeitet, hat sie immer was zu tun.« Clara trank von ihrem Kaffee. »Aber wie kommen junge Menschen darauf, unbedingt Bestatter werden zu wollen?«

»Tja«, sagte Winterfeld, »das geht wohl gerade voll durch die Decke. Laut Bundesverband deutscher Bestatter steigen die Zahlen seit Jahren. Ist natürlich krisensicher, gestorben wird immer.«

»Ich dachte, die jungen Leute wollen alle Influencer werden. Oder irgendwas mit Instagram?«

»Das geht hier auch«, sagte Winterfeld und blickte in das Handy. »Neuerdings kann man eigene Särge entwickeln und sich machen lassen, create my own coffin und so ein Blödsinn. YouTube ist wohl voll davon. Und dann lernt man da auch noch, wie man Bagger fährt und Gräber aushebt. In welchem Job hat man das schon? YouTube-Kampagnen und Baggerfahren in einem. Und die Angehörigen sind einem total dankbar.«

»Dankbarkeit gibt’s hier ja weniger.«

»Tja, Señora«, sagte Winterfeld, »da haben wir beim Blutgott und Marie ordentlich danebengegriffen. Wir alle.«

»Und jetzt?«

»Wir stecken alle drin. Wir alle haben das ja zugelassen. Bellmann übrigens auch. Selbst wenn er jetzt nichts mehr davon wissen will. Die Presse könnte eigentlich ein Zeltlager in seinem Vorzimmer errichten, so oft wie die bei ihm anrufen. Frau Bories hat schon gedroht, dass sie sich zwei Wochen krankschreiben lässt.«

Frau Bories war Bellmanns dauerhaft schlecht gelaunte Sekretärin, deren Job im Moment daraus bestand, Call Center für Presse- und TV-Anrufe zu spielen und Anfragen abzuwimmeln.

»Der Blutgott«, fuhr Winterfeld fort, »ist jetzt angeblich in Polen aktiv. Andere sagen in Frankreich. Scheinbar will er das Ganze globalisieren.«

»Was kommt nun?«, fragte Clara. »Werden wir suspendiert?«

»Bei Ihnen kann ich ja ehrlich sein«, sagte Winterfeld, »wir zwei wohl schon. Also nicht gefeuert, sondern zwangsbeurlaubt. Hermann brauchen sie, weil die IT sonst zusammenbricht. Der ist systemrelevant, wie man so sagt.«

»Und MacDeath?«

Winterfeld kniff die Augen zusammen. »Er arbeitet ja zu fünfzig Prozent für das BKA. Das könnte ihm den Arsch retten. Ist er nicht gerade bei denen in Wiesbaden?«

Clara nickte. »Er kommt morgen wieder.« Clara trank von ihrem Kaffee.

»Und wie geht’s weiter?«

Winterfeld pustete Rauch in die Morgenluft und warf den Stummel auf den Boden. »Bellmann wird uns einbestellen, wenn er die Medienmeute abgewimmelt hat. Er ist jetzt gerade beim Innensenator. Sogar der Innenminister hat schon Fragen gestellt. Alles sehr unangenehm.«

»Wann?«

»Heute oder morgen, je nachdem, wie viel Stress er noch hat.«

»Was machen Sie dann?«, fragte Clara. »Familie und Freunde in Hamburg besuchen?«

»Warum nicht. Vielleicht sollte man diese Stadt ganz verlassen. Zieht es Sie manchmal nach Bremen?«

Claras Familie kam zu einem Teil aus Bremen, während ein anderer Teil aus Italien und Spanien stammte. Manchmal, dachte sie, waren Bremen und Berlin sehr ähnlich. Beides Stadtstaaten, beide hoch verschuldet und beide schlecht gemanagt. Bremen war aber noch etwas besser organisiert als Berlin. Aus Berlin und Bremen sollst du keinen nehmen, war dennoch ein geflügeltes Wort von Gerichten bei der Auswahl von Jurastudenten.

»Manchmal ja. Ich weiß allerdings nicht, wo es mich jetzt gerade hinzieht.«

Ihr Handy klingelte. Sie blickte auf das Display.

»Das ist MacDeath«, sagte sie, »darf ich kurz?«

»Aber klar. So habe ich einen Grund, noch eine zu rauchen.« Er zog eine weitere La Paz aus der Packung.

»Martin«, sagte Clara. In ernsten Situationen nannte sie ihn Martin, nicht MacDeath. »Was gibt’s?«

»Schlechtes«, sagte MacDeath, »und Gutes.«

Kapitel 2

LKA113, Tempelhofer Damm, Berlin

Clara hielt das Handy wegen des Windes näher an ihr Ohr und ging ein paar Meter zum Rand des Dachs. Rechts war der Parkplatz, den die Kollegen mit dem Schlagbaum gegen die Journalisten abgeschirmt hatten. Einige von ihnen standen noch immer dort und ahnten wohl nicht, dass die einsame Figur auf dem Dach des LKA Clara Vidalis war. Falls sie sie überhaupt wahrnahmen. Weiter hinten waren der frühere Flughafen und irgendwo hinter der Weite des Tempelhofer Feldes lag Neukölln.

»Schlechtes und Gutes«, fragte Clara, »was soll das heißen? Bist du nicht beim BKA?«

»Doch, bei der Herbsttagung«, sagte MacDeath. Er stand vor dem Haupteingang des BKA am Neroberg, das Handy in der Hand und einen Bluetooth-Hörer im Ohr. Vor ihm der gläserne Verbindungsgang, der zwei Gebäudekomplexe miteinander verband und den man BKA-intern »Beamtenlaufbahn« nannte. »Gerade hatten wir hier eine Expertin für forensische Pollenanalyse.«

»Für was?« Clara glaubte, nicht richtig zu hören. Sie musste sich existenzielle Gedanken über ihre künftige Karriere machen und ihr Mann kam mit irgendwelchen Botanikthemen um die Ecke.

»Pollenanalyse bei der Tatortarbeit«, erklärte MacDeath. »Die kann unterschiedliche Pollen auf Opfer und Täter zuordnen und damit auf Tatzeit, Ort und so weiter schließen. Dann war da noch der Fall mit dem Bankräuber, der YouTube-Videos aus seiner Knastzelle sendet.«

»Also in allen Gefängnissen in Deutschland gibt es Internet? Wahrscheinlich schon mit 5G?«

»Deutschland ist ja eher Dritte-Welt-Land, was Internet angeht, aber im Knast scheint das gut zu funktionieren.«

Clara schaute kurz zu Winterfeld hinüber, der einsam in der Mitte des Dachs vor sich hin qualmte und ratlos auf sein Smartphone blickte, so als wollte er sagen: Bestatterin will meine Tochter jetzt also werden? YouTube-Kampagnen für den selbst gemachten Sarg und gleichzeitig mit dem Bagger Gräber ausheben. Und alle sind happy …

»Jetzt wirst du mir gleich noch erzählen, welchen Vortrag du gehalten hast?«

»Aber gerne.« Sie hörte die Freude in MacDeaths Stimme. »Ich habe über die Rolle der Todesstrafe in der Geschichte der Menschheit als domestizierendes Element gesprochen.« Clara glaubte erneut, ihren Ohren nicht zu trauen. Der erzählte doch tatsächlich von seinem Vortrag, als wäre das das wichtigste Thema überhaupt. Männer, dachte sie, haben ein Taktgefühl wie ein Kotelettklopfer. MacDeath war voll in seinem Element: »Die Todesstrafe hat dafür gesorgt, dass die kräftigsten und brutalsten Männer ausgemerzt worden sind und sich Zivilisation entwickeln konnte. Regeln, die für alle galten, nicht nur für die stärksten. Damit entstanden Kultur, Zivilisation, Wissenschaften.«

»Was du nicht sagst.«

»Als ich gestern nach Frankfurt geflogen bin, war das ewige Schlangestehen am Gate total nervig. Wenn man das mit Schimpansen machen würde und die dann noch in ein Flugzeug stopft, die würden sich gegenseitig umbringen.«

»Männer«, schnaubte Clara, »kapieren aber auch nichts!«

»Nein, ich habe aber von Affen gesprochen.«

»Das ist dasselbe.«

MacDeath schien jetzt zu merken, dass Clara ein Problem hatte. »Was ist denn mit dir los? Habe ich irgendetwas Falsches gesagt?«

»Was los ist?«, fragte Clara und spürte Tränen in ihren Augen. »Ich verliere vielleicht meinen Job und du kommst mir mit deinen Psychologievorträgen.« Sie schluckte kurz. »Ich dachte, du weißt etwas und rufst mich deswegen an – und zwar sofort, nachdem du etwas erfahren hast, und nicht erst nach drei Vorträgen!«

»Okay«, sagte MacDeath, »wenn du es so formulierst, könnte es wirklich sein, dass mein Verhalten nicht so sehr, nennen wir es mal, empathisch war.«

Clara schnaubte. »Allerdings. Was ist denn nun wirklich neu und wichtig?«

»Also«, sagte MacDeath, »ich konnte heute Morgen Gespräche führen und es kann sein, dass du für eine Zeit lang raus bist, bis sich das mediale Interesse gelegt hat. Das ist die gute Nachricht.«

»Wie bitte? Das ist die gute Nachricht? Mit wem hast du überhaupt darüber gesprochen?«

»Ich habe mit Eisenstein gesprochen. Dem BKA-Chef«, fügte er dann hinzu.

»Ich weiß, wer Eisenstein ist. Und was sagt der genau?«

»Dass Bellmann selbst mit drinhängt. Daher kann er dich nicht entlassen, sondern nur eine Zeit lang beurlauben.«

»Bellmann hat aber ja nichts unterschrieben. Die Sache mit Marie hat er nur mündlich abgenickt. Laut den Akten ist er also nicht beteiligt.«

»Klar, so blöd ist er nicht. Aber du sagst es: Er hat es mündlich abgenickt. Wir zwei waren dabei und Winterfeld. Mit von Weinstein hat er danach auch dazu telefoniert, weil der die Leichen für den Film besorgen sollte. Wenn es auf einen Prozess ankommt, wird er es nicht auf seine Aussage gegen unsere vier Aussagen ankommen lassen.«

»Und Frau Bories?«

»Glaubst du, die sagt für ihn aus? Die ist doch froh, wenn sie den alten Stinkstiefel los ist.«

»Ich glaube, die ist froh, wenn sie jeden los ist.« Clara trank von ihrem Kaffee, der in der frühherbstlichen Luft auf dem Dach schon kalt geworden war. Die Bitterkeit des schwarzen Gebräus zog angenehm an ihrem Gaumen. »Aber wieso ist es eine gute Nachricht, wenn ich raus bin?«

»Weil du dann endlich mal rauskommst. Du bist kurz vorm Burn-out. Ich hab mir die ganze Zeit schon Sorgen gemacht.«

»Als ob du weniger arbeiten würdest.«

»Ja, aber ich meditiere jeden Morgen.«

Clara schnaubte. »Das müsste ich auch, wenn ich abends noch Horrorfilme schauen würde, so wie du!«

»Das mache ich ja über Kopfhörer.«

»Das erwarte ich allerdings. Wir haben eine kleine Tochter.«

»Wie auch immer«, sagte MacDeath, »jetzt kannst du endlich Urlaub machen, ohne Urlaub zu nehmen. Vergütung und Beihilfe gibt’s ja weiterhin.«

»Na toll, ich wusste gar nicht, dass du so ein Beamtenarsch bist, der nur an die Beihilfe denkt.«

»Ich bin aber nun mal Beamter. Und du ebenfalls. Sorry, Beamtin, wir sind ja Gender-korrekt.«

»Und was soll ich jetzt machen?« Sie überlegte kurz. »Ah ja, wie wäre es mit Urlaub? Wir wollten doch mal nach Florenz?«

»Nein, das ist die schlechte Nachricht. Denn ich kann nicht mit.«

»Du wirst nicht beurlaubt?«

»Nein. Eisenstein hat schon gesagt: Wenn Bellmann versucht, mich rauszukanten, wringt er Bellmann so zusammen, dass er in eine Kugelschreibermine passt.«

»Das hat er gesagt?«

»Du kennst doch Eisenstein.«

»Nicht so gut wie du.« Sie trank ihren Kaffee aus. »Also noch mal Klartext: Du gehst davon aus, dass er mich beurlaubt?«

»Ja. Wird er.«

»Und wann?«

»Wahrscheinlich morgen.«

»Wann kommst du wieder?«

»Auch morgen. Morgen Abend. Der Frankfurter Flieger geht so um 18 Uhr rum. Muss ich noch mal nachschauen.«

»Tja«, sagte Clara, »es ist, wie es ist. Urlaub mache ich trotzdem.Ich wollte schon immer mal nach Florenz.«

»Willst du da alleine hin?«

»Mr. Perfect wird ja nicht beurlaubt. Dann kann er auch nicht mit. Aber alleine fliegen ist auch doof.«

»Und wen willst du stattdessen mitnehmen? Einen anderen Noch Mehr Mr. Perfect?«

»Sehr witzig! Sophie vielleicht? Ich frage sie mal.«

»Und Victoria?«

»Die nehme ich natürlich nicht mit. Wir fahren über Bremen, bringen Victoria zu meinen Eltern. Und die Kleine verbringt dann zwei Wochen dort. Victoria fragt ja eh schon, wann sie wieder bei Oma und Opa ohne uns schlafen kann, weil sie weiß, dass meine Eltern sie dann nach Strich und Faden verwöhnen und sie alles bekommt, was sie bei uns nicht kriegt.«

»Und ihr lasst es euch auch gut gehen?«

»Genau! Victoria lässt es sich bei Oma und Opa gut gehen, während wir Mädels in Florenz die Boutiquen und Museen unsicher machen.«

»Klingt nach Mädchentagen«, sagte MacDeath.

»Das klingt nicht nur so.«

»Dann bin ich allein in Berlin?«

»Tja, du kannst auf dem Hin- und Rückweg die Koffer schleppen. Wir hören uns später.«

Clara beendete das Gespräch und wusste nicht so recht, ob sie traurig oder erleichtert sein sollte. Wütend oder entspannt. Winterfelds zweiter Zigarillostummel lag noch qualmend auf dem Boden, ihr Chef selber war schon gegangen. Sie griff noch einmal zum Handy und rief Sophie an.

Kapitel 3

Haus von Walter Winterfeld, Grunewald, Berlin

Hermann zog ratlos an den Kordeln seines Kapuzenpullis und schaute seinen Chef entgeistert an. »Hier ist ja noch nichts eingerichtet!«, rief er entsetzt.

In Winterfelds Keller hingen verschiedene Fotos von seiner Polizeikarriere an den Wänden, außerdem gab es ein Regal mit kriminologischen Büchern und eine Gitarre, auf der früher seine Tochter gespielt hatte. Ansonsten handelte es sich um einen typischen Partykeller im Stil der Neunzigerjahre, komplett mit hässlicher Theke und Zapfanlage.

»Wieso, was soll denn noch eingerichtet sein?« Winterfeld trank von einem Bier, zog an seinem Zigarillo und schaute Hermann genervt an. »Mehr Möbel passen hier beim besten Willen nicht rein!«

Hermann verdrehte die Augen. »Ich meine doch keine Möbel, sondern Accounts!«

»Was denn für Accounts?«

»Na ja, ich dachte, du hättest schon irgendein Netflix-Account oder so was?«

»Ich dachte, das kannst du mir einrichten?«

»Ich hatte dich so verstanden, dass der Smart TV hier steht und ich das Ganze dann nur noch zusammenstecken muss.«

»Ist ja auch so.«

»Ist nicht so. Erst mal müssen wir dir einen Netflix-Account einrichten, wenn du Netflix darüber gucken willst.«

»Okay. Dann mal los.«

»Hast du deinen Laptop hier?«

Winterfeld schüttelte den Kopf. »Ich habe ein kleines iPad. Und sonst den Rechner vom Amt. Aber der ist am T-Damm im LKA.«

»Mein Gott, das ist ja echt technische Steinzeit hier.« Hermann trank ebenfalls von dem Bier, das Winterfeld auf dem Rückweg an der Tankstelle besorgt hatte. Er hatte Hermann mitgenommen, der ungefähr zehn Minuten zu Fuß von Winterfeld entfernt wohnte. Es gab Pizza vom Lieferservice, Dosenbier und La-Paz-Zigarillos – Letztere aber nur für Winterfeld. Hermann rauchte gar nicht. Er sagte immer, seine Droge seien Egoshooter-Spiele und Warhammer.

»Okay.« Hermann wühlte in seinem Rucksack und holte seinen Laptop hervor. »Dann wollen wir mal …« Er blickte auf. »Wie heißt dein WLAN-Passwort?«

»Ich dachte, du kannst so was knacken?«

»Bei meinem Chef wohl kaum.«

»Warte, ich hol es. Liegt oben beim Telefon.«

Kurze Zeit später kam Winterfeld zurück und gab Hermann einen vollgekritzelten Zettel.

»Erinnert mich irgendwie an Weihnachten«, sagte Hermann, »das, was man den Kindern da immer sagt.«

»Ihr Kinderlein kommet?«

»Ja, ihr Kinderlein kommet und löst die IT-Probleme eurer Eltern.«

»Frechheit.« Winterfeld hob einen kleinen Karton in die Höhe. »Wieso brauchen wir eigentlich diesen Amazon-Stick? Ich will doch nur Netflix schauen und nicht Amazon.«

»Ist auch so. Aber wir können den Stick nutzen, um darüber Netflix zu schauen. Hast du Amazon Prime? Oder Apple TV? Da reicht nur die Hardware.«

Winterfeld schüttelte den Kopf.

Hermann schnaubte. »Okay, wird wohl auch so gehen.«

»Amazon für Netflix?«, hakte Winterfeld noch einmal nach. »Ich dachte, Netflix ist Netflix. Ist ja wie der blöde Witz bei Asterix mit den Ostgoten.«

»Wie geht der denn?« Hermann gab mit verzerrtem Gesicht das hieroglyphisch hingekritzelte WLAN-Passwort in seinen Laptop ein.

»Da sagt Asterix zu Obelix, dass sie jetzt zu den Westgoten nach Osten gehen. Obelix fragt: Die Westgoten leben im Osten? Asterix sagt: Die Westgoten leben im Westen. Die Westgoten leben aber von uns aus gesehen im Osten. Verstanden? Und Obelix sagt: Nein. Und Asterix ist sauer.«

»Ich bin auch sauer«, knurrte Hermann. »Was ist das hier? Eine Sieben? Oder ein Ypsilon?«

»Wie kann man eine Sieben mit einem Ypsilon verwechseln?«

»Wenn man so schreibt wie du, ist das kein Problem.«

»Zeig mal! Das ist eine Sieben!«

»Okay.« Hermann atmete aus. »Dann haben wir’s. Probieren wir mal.« Sie schauten auf den leuchtenden Rechner wie die Hirten auf das Jesuskind in einem Anbetungsgemälde. Nichts passierte. Hermann blickte auf.

»Und?«, fragte Winterfeld.

»Das frage ich dich.«

»Wieso?«

»Hast du überprüft, ob du im Keller Internet hast?«

»Ja, WLAN.«

»Und das Signal reicht?«

»Bisher schon.«

»Bisher schon? Was hast du denn bisher hier mit Internet gemacht?«

»Na ja, DVDs geschaut. Und wenn mal Leute zu Besuch waren, an der Bar Bier gezapft. Jetzt ist das Bier allerdings alle, daher das Dosenbier.«

»Und für DVDs und Bier zapfen braucht man Internet?«

»Äh, wohl nicht, wenn du so fragst …«

»Lieber Freund Walter«, sagte Hermann, stand auf und reckte sich. »Du brauchst einen WLAN-Verstärker. Oder gleich ein LAN-Kabel. Hast du einen Anschluss?«

»Da!«

»Das ist der Kabelanschluss. Und daneben eine Steckdose. Ich meine, einen Anschluss für ein Internetkabel.«

»Wenn du keinen siehst, dann wohl nicht.«

»Okay.« Hermann schüttelte ein wenig den Kopf, aber nicht so stark, dass er komplett respektlos wirkte. »Dann hat sich das hier erst mal erledigt. Wenn du keinen Riesenaufwand mit Handwerkern willst, die dir hier einen LAN-Anschluss legen …«

»… will ich nicht«, knurrte Winterfeld knapp und knüllte seine Bierdose zusammen.

»Dachte ich mir. Dann müssen wir los und einen WLAN-Verstärker kaufen. Im Media Markt oder so.«

»Echt? So umständlich?«

»Wir können auch hierbleiben und Bier trinken. Ich muss aber in einer Stunde los. Habe versprochen, dass ich noch mit dem Hund rausgehe.«

»Typisch«, sagte Winterfeld. »Da holt man sich einen Techie ins Haus und hat danach mehr Probleme als vorher. IT-Leute lösen Probleme, die es ohne sie gar nicht gäbe.«

»Du kannst dir auch weiter ohne Netflix deine Schwarzwaldklinik-DVDs angucken.«

»Ich hab keine Schwarzwaldklinik-DVDs. Aber wo du’s erwähnst: Klausjürgen Wussow alias Professor Brinkmann wäre ja fast in Berlin obduziert worden. War dann aber in Potsdam, weil er in Brandenburg gestorben ist. Das wäre ja sonst ein Fest für von Weinstein gewesen. Er hätte sagen können: Ich habe Professor Brinkmann obduziert!«

»Obduktion hin oder her«, sagte Hermann, »was machen wir jetzt? Zum Media Markt fahren, solange du noch fahren kannst, oder hier hocken und weitertrinken? Mir ist beides recht.«

»Letzteres wahrscheinlich noch mehr.«

»Kann schon sein.«

»Tja …« Winterfeld schaute unentschlossen auf die leere, zerknüllte Bierdose. »Ich könnte …« Sein Handy piepte. Er griff nach dem Smartphone. Eine SMS.

»Clara«, sagte er.

Hermann hob den Kopf. »Und?«

Winterfeld las die SMS und blinzelte mit den Augen. »Morgen hat sie eine Vorladung bei Bellmann.« Er stand auf. »Ich rufe sie mal kurz an wegen eines Schlachtplans für morgen. Und bis dahin verschieben wir unsere strategische Entscheidung.«

Hermann lächelte, nahm sich sein Bier und ließ sich wieder auf den Sessel fallen. »Was immer du sagst, Boss.«

Kapitel 4

LKA113, Tempelhofer Damm, Berlin

Es war eine Situation, wie es sie schon so oft gegeben hatte. Frau Bories, die Sekretärin von Alexander Bellmann, Leiter des LKA Berlin, stellte das Tablett mit den zwei Kaffeetassen auf den Tisch. Bellmann rührte nichts an. Clara hatte am Abend zuvor mit Winterfeld telefoniert, der dasselbe Gespräch mit Bellmann schon gestern tagsüber geführt hatte. Normalerweise wäre es so gewesen, dass Winterfeld als Claras direkter Vorgesetzter Clara diese Botschaft hätte überbringen müssen. Aber offenbar war es Bellmann wichtig, das selbst zu tun.

»Frau Vidalis«, sagte er, faltete ein Blatt Papier zusammen, rückte einen Stift und sein Smartphone parallel zur Tischkante und räusperte sich, »ich mache es kurz.« Auf Bellmanns Tisch war alles rechtwinklig angeordnet. Wahrscheinlich hätte man, genauso wie das Urmeter in Paris im Museum lag, hier den perfekten 90-Grad-Winkel messen können. Immerhin, dachte Clara, machte es Bellmann wirklich kurz, wenn er es kurz machte. Er sprach weiter. »Die Situation, gerade im Hinblick auf die Medien, zwingt mich dazu, sowohl Ihren Vorgesetzten Walter Winterfeld als auch Sie auf unbestimmte Zeit zu beurlauben.«

Clara sagte nichts.

»Ich nehme an«, fuhr Bellmann fort, »dass Sie Ähnliches bereits vermutet haben.«

»Vermutet schon«, sagte sie. »Dass Sie aber, der diese ungewöhnliche Idee mit dem Einsatz von Marie ebenfalls mitgetragen haben, nun auf einmal davon nichts mehr wissen wollen, schafft nicht gerade Vertrauen.« Clara hatte sich etwas vorgewagt und, wie zu erwarten, ins Wespennest gestochen.

»Wie bitte?« Bellmanns Kopf zuckte nach vorne, als wäre er tatsächlich gestochen worden.

»Wir waren an jenem Abend bei Ihnen«, sagte Clara, »Kriminaldirektor Winterfeld, Martin Friedrich und ich. Danach haben Sie dazu sogar mit von Weinstein telefoniert. Sie waren über alles unterrichtet.«

»Wollen Sie mir drohen?«

»Nein, aber klarstellen, dass Sie nicht so unschuldig sind, wie Sie sich darstellen.«

Ein paar Sekunden sagte Bellmann nichts. Er schien ein wenig zerknirscht zu sein. »Die Presse macht ständig Druck. Der Senat auch, bis hin zum Innenministerium.«

Mit anderen Worten, dachte Clara, er muss denen irgendeinen Kopf servieren. Und das wird natürlich nicht Bellmanns eigener sein.

»Ich muss Sie also bitten, nach diesem Gespräch Dienstwaffe und Ausweis bei mir abzugeben.«

Clara nickte. Argumentieren half hier nichts. Bis auf eine Sache. »Eines frage ich mich«, sagte sie, »warum haben Sie nicht gleich gesagt, wie Sie die Idee finden?«

Bellmann zuckte die Schultern. Selten hatte ihn Clara so gesehen. »Zeitdruck, Verzweiflung, ich weiß es nicht. Wir und Sie hätten es anders machen können: Die Jugendlichen interviewen, die Hintermänner identifizieren, so vorgehen, wie richtige Ermittler vorgehen. Genau das wirft uns die Presse vor und das wirft die Presse uns nicht ganz zu Unrecht vor. Statt es kriminologisch richtig zu machen, haben wir ein junges Mädchen für einen Horrorfilm inszeniert und sie dazu gebracht, ein Killer-Groupie zu werden. Die Mutter hat einen Selbstmordversuch hinter sich! Sie werden verstehen, dass ich da weitreichende Konsequenzen ziehen muss.«

»Beurlaubung von Winterfeld und mir.«

»Und von Dr. Friedrich.«

»Der auch?«

»Der auch! Ich muss es so direkt sagen, aber die ganze Gruppe, die das ausgeheckt hat, muss für eine Zeit lang aus dem Verkehr, bis Ruhe ist.«

»Wie lange?«

Bellmann zuckte die Schultern. »Erst einmal vier Wochen.«

»Was ist mit von Weinstein?«

»Wollen Sie jetzt aufrechnen, wer geht und wer nicht?«

»Ich frage mich nur, wer wie behandelt wird.«

»Von Weinstein hat die Leichen besorgt, war aber kein Ideengeber. Irgendwo muss ich die Linie ziehen.«

Heißt auf gut Deutsch, dachte Clara, ich kann nicht alle kaltstellen. Wir haben sowieso schon Personalknappheit. Und wenn womöglich auch Hermann fliegt, würde hier die ganze marode IT noch mehr zusammenzubrechen als ohnehin schon.

»Ihre Bezüge und Beihilfe«, sagte Bellmann und machte eine Geste, als sähe er das Gespräch als beendet an, »bekommen Sie weiterhin. Ich darf dann um die Waffe und den Ausweis bitten.«

Clara legte Ausweis und Glock auf den Tisch. Sie hatte eine Glock statt der klassischen Sig Sauer der Berliner Polizei. Die Mündung zur Seite, weder auf Bellmann noch auf sie gerichtet.

»Erinnert mich an die Sache mit Nancy«, sagte Clara, »ich wurde ja schon mal suspendiert.«

»Damals«, sagte Bellmann, »ging es um eine junge Frau, die gemordet hat. Heute …«, er hielt kurz inne, »… geht es um eine junge Frau, die durch eine Idee der Polizei zur Mörderin geworden ist.«

Clara merkte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.

»Ich nehme an«, sagte Bellmann, »Sie verstehen, dass das hier noch deutlich schlimmer ist.«

Clara nickte. »Dann sind wir durch?«

Bellmann nickte.

Clara stand auf, ließ Glock und Ausweis auf dem Tisch liegen. Sie eilte auf die Toilette und weinte zehn Minuten.

Kapitel 5

Bundeskriminalamt, BKA, Wiesbaden

Das Telefon auf dem riesigen Schreibtisch von Victor Eisenstein, Präsident des Bundeskriminalamtes, klingelte. Er kannte die Berliner Nummer und er wusste, wer sich dort meldete. Er strich sich kurz über die kurzen grauen Haare und sah an sich herunter. Er war schon mal besser in Form gewesen, damals, als er noch bei der GSG9 war und Übungsmanöver mit der israelischen Armee in der Negev-Wüste hatte.

»Eisenstein.«

»Bellmann hier, guten Tag, Herr Kollege. Ihr Büro sagt, es passt kurz bei Ihnen?«

»Kurz, ja.«

»Hören Sie, lieber Kollege«, Bellmann schien sich einen Moment zu sammeln, »es geht um unseren gemeinsamen Mitarbeiter Dr. Friedrich.«

»Martin Friedrich?«

»Richtig.«

»Worum geht es denn?« Auch wenn Eisenstein es natürlich wusste, wollte er Bellmann ein wenig zappeln lassen.

»Der Fall Marie mit dem sogenannten Blutgott. Dr. Friedrich hat ebenfalls bei dem Plan geholfen, aus einer jungen Frau eine Mörderin zu machen.«

»Wissen wir, ob sie jemanden umgebracht hat?«

»Bei dem Lkw-Fahrer auf dem Rastplatz nahe Teltow war sie sicher involviert.«

»Das ist eine Mutmaßung, aber wie auch immer: Die Tat hat doch besagte Marie begangen, nicht Dr. Friedrich.«

»Aber Dr. Friedrich hat die besagte Idee unterstützt.«

»Hat er den Plan nicht mit Ihnen abgestimmt, Herr Dr. Bellmann?«

»In gewisser Weise.« Falls Bellmann merkte, dachte Eisenstein, dass ihm das Gespräch entglitt, dann war das gut so.

»In gewisser Weise? Und warum beschuldigen Sie dann andere für etwas, was Sie selbst durchgewinkt haben? Denn Sie haben ja nicht ernsthaft bei mir angerufen, um mit mir Sherlock Holmes zu spielen und zu mutmaßen, wen diese Marie wohl umgebracht haben könnte.«

»Herr Kollege, ich sag es ganz ehrlich: Wir brauchen ein Statement. Drei Personen müssen in Zwangsurlaub, sonst folgt uns die Presse sogar bis aufs Klo. Und das sind: Walter Winterfeld, Clara Vidalis …«

»Haben Sie die nicht bereits in Urlaub geschickt?«

»Richtig.«

»Und der Dritte ist Dr. Friedrich?«

»Richtig.«

»Und dazu brauchen Sie mein Okay, weil er zu fünfzig Prozent dem BKA gehört.«

»Richtig.«

»Und dieses Okay kriegen Sie nicht.«

Kurze Stille in der Leitung. Dann muckste sich Bellmann wieder. »Wie bitte?«

»Hören Sie schlecht? Sie bekommen mein Okay dafür nicht.«

»Herr Eisenstein«, begann Bellmann, »wir stehen vor dem Berliner Senat sehr schlecht da.«

»… die Lokalpolitik ist Ihr Problem! Sie sind das Landeskriminalamt!«

»Auch die Bundespolitik mischt sich ein. Der Innenminister …«

»Den überlassen Sie mal mir. Wir sind nämlich das Bundeskriminalamt!«

Bellmann sagte zunächst nichts. »Das heißt, Sie weigern sich, reinen Tisch zu machen?«, fragte er dann. »Dann sehe ich mich leider gezwungen zu sagen, wer es verhindert, reinen Tisch zu machen, falls jemand fragen sollte.«

Eisenstein stand auf. »Tatsächlich, das werden Sie? Dann werde ich Ihnen mal Folgendes sagen: Beziehungsweise wir werden Ihnen und Ihrer verkorksten, pseudocoolen Drecksstadt demnächst gar nichts mehr sagen! Keine Vorwarnungen über Anschläge, die auch die Regierung betreffen,und die wir vom NSA bekommen, keine Unterstützung durch die Bundesermittler, keine weitere Hilfe. Sie wollen Krieg? Den können Sie haben!«

Bellmann fehlten die Worte.

Dafür sprach Eisenstein weiter. »Dr. Friedrich gehört zu fünfzig Prozent zu uns. Er bleibt im Dienst. Das ist mein letztes Wort. Wenn Ihnen das nicht passt, schreiben Sie dem Innenminister.« Er fletschte die Zähne. »Dann werde ich aber auch einen dritten Namen vorschlagen, um die Presse endgültig ruhig zu kriegen. Ahnen Sie, welchen Namen ich meine? Erraten! Ihren!« Eisenstein legte auf und blickte zur Seite. »Tja, Kollege«, sagte er. »Italienurlaub mit Frau wird nichts!«

MacDeath stand im Türrahmen. Mit einem Gesicht, als wollte er sagen: Den will man nicht zum Feind haben.

Kapitel 6