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Er war auserkoren, das Königreich zu regieren. Nun herrscht er über das grausamste Gefängnis der Fantasy.
Am Gipfel eines verschneiten Berges gelegen, inmitten einer todbringenden Einöde, liegt die Höllenfeste – ein unmenschliches Gefängnis, in dem die schlimmsten Verbrecher der Welt in lebenslanger Haft eingekerkert sind. Doch es sind nicht die Wachen, die die Macht über das Gefängnis in den Händen halten. Es ist der geheimnisvolle Höllenkönig, der die rivalisierenden Häftlinge kontrolliert. Was niemand weiß: Höllenkönig Xavier ist der einzige Verbrecher, der sich freiwillig in Ketten legen ließ. Welches entsetzliche Geheimnis hütet er – und was steht in der geheimen Botschaft, die den Höllenkönig plötzlich seine Ketten sprengen lässt?
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Seitenzahl: 704
Veröffentlichungsjahr: 2018
Buch
Am Gipfel eines verschneiten Berges gelegen, inmitten einer todbringenden Einöde, liegt die Höllenfeste – ein unmenschliches Gefängnis, in dem die schlimmsten Verbrecher der Welt in lebenslanger Haft eingekerkert sind. Doch es sind nicht die Wachen, die die Macht über das Gefängnis in den Händen halten. Es ist der geheimnisvolle Höllenkönig, der die rivalisierenden Häftlinge kontrolliert. Was niemand weiß: Höllenkönig Xavir ist der einzige Verbrecher, der sich freiwillig in Ketten legen ließ. Welches entsetzliche Geheimnis hütet er – und was steht in der geheimen Botschaft, die den Höllenkönig plötzlich seine Ketten sprengen lässt?
Autor
James Abbott ist das Pseudonym eines erfolgreichen englischen Autors, der 1981 geboren wurde. Nach einem naturwissenschaftlichen Studium arbeitete er als Buchhändler und Verlagslektor, bis er seinen ersten Roman bei einem großen Verlag unterbrachte. Er lebt und arbeitet in Nottingham.
James Abbott
Höllenkönig
Roman
Deutsch von Ole Johan Christiansen
Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel » The Never King« bei Pan Books, an imprint of Pan Macmillan, a division of Macmillan Publishers International Limited, London.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.1. Auflage
Copyright der Originalausgabe © James Abbott 2017
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2018 by Penhaligon in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Friedel Wahren
Umschlaggestaltung und -illustration: Max Meinzold, München unter Verwendung eines Motivs von Shutterstock.com (Volodymyr Tverdokhlib)
BL · Herstellung: sam
Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN 978-3-641-21873-7V001www.penhaligon.de
Für Tobias
INHALT
Das Neunte Zeitalter126. Jahr
Das Neunte Zeitalter131. Jahr
Die Tore der Hölle
Der Höllenkönig
Das Schmieden eines Friedens
Jarratox
Ein dunkles Gesicht
Elysia
Landrils Maskerade
Landril
Die Hexen
Sonderbare Geräusche
Die Rast
Das tote Tier
Die Wolfskönigin
Ein königliches Treffen
Der lange Marsch
Alte Haut
Die Speisen des Waldes
Nachtkampf
Aufbruch von Jarratox
Das Bluthaus
Eine weitere Nacht voller Träume
Der Stille See
Das Gefolge
Flüchtlinge
Schreie
Keine Zeit für Güte
Erdformen
Der Scheiterhaufen
Erinnerungen
Die Entschlüsselung
Eine zweite Flucht
Sonnenaufgang
Zeit für den Angriff
Albträume
Das Hauptquartier
Ein taktisches Manöver
Die Straße zur Golaxbastei
Ein Abend in der Taverne
Verblassende Träume
Zurück auf der Straße
Die Meuchelkunst
Im Stillen Falken
Ein Fest
Zerschlagene Magie
Das große Schmieden
Die Ankunft
Nachgang
Fragen
Das Warten ist vorüber
Der Geruch
Die Flut des Krieges
Die Speerspitze
Im Untergrund
Kriegslärm
Die Wahl
Die Erlösung
Eine unerledigte Aufgabe
Getümmel
Zurück in der Wirklichkeit
Danksagungen
PROLOG
DAS NEUNTE ZEITALTER
126. JAHR
Kleidet euch wie Tiere! Verhaltet euch wie Tiere! Beim Donner der Göttin, dachte Jorund. Redet sogar wie Tiere! Nur mit Barbarei ließ sich Barbarei bekämpfen.
So hatten die Befehle eines Boten von König Cedius gelautet. Benehmt euch wie Barbaren, bis die Legion des Königs eintrifft, um den Grenzlanden beizustehen! Vor gerade einmal drei Monaten war Jorund in diese Siedlung verlegt worden und musste sich erst noch beweisen. Er war jedoch ein schlauer Wachmann und dachte nicht daran, einen Befehl von Cedius dem Weisen höchstpersönlich zu missachten, obwohl er nicht einsah, was an solchen Taktiken klug sein sollte.
In den beengten Verhältnissen seines Wachhauses strich sich Jorund Waid ins Gesicht und dachte über seine düstere Lage nach. Wer zu jung oder zu alt war, um an der bevorstehenden Schlacht teilzunehmen, wurde in die nahe gelegenen Höhlen gebracht – darunter auch Carmissa, Jorunds schwangere junge Frau. Wer zurückblieb, war ein entschlossener Kämpfer und zur Verteidigung seiner Heimat bereit.
In der gesamten Ortschaft wurden Clanabzeichen heruntergerissen und an ihrer Stelle rohe Tiertotems errichtet. Und der Grund für diese Täuschungsmanöver? Eine finstere Flut von Barbarenstämmen aus dem Norden näherte sich und fiel in die Mica-Ebene ein. Von dort strömten ihre Streitkräfte in die nördlichen Ausläufer von Stravimon. Dies bot dem König Anlass zur Sorge. Wenn die Stämme sich zu Tausenden zusammenfänden, würden sie ein grässliches Gemetzel in den Ortschaften und Städten noch weit jenseits von Baradiumsfall anrichten.
Deshalb hatten die nördlichsten Siedlungen die seltsame Anweisung erhalten, sich als Barbarendörfer zu tarnen. Man hoffte, die eindringenden Heere würden diese Orte für das Territorium ihres Volkes halten und sie einfach umgehen, um anderswo nach reicherer Beute zu suchen. Jorund wertete dies als Wunschdenken, obwohl die gleiche Maßnahme vor zwei Jahrzehnten schon einmal Erfolg gezeigt hatte. Trotzdem hoffte er, dass der Plan erneut aufging oder den Dörflern zumindest ausreichend Zeit bot, bis ihre Retter eintrafen. Cedius’ Erster Legion eilten die besten Krieger des Königreichs voraus – die Sonnenkohorte. Leibhaftige Legenden würden an diesen Ort kommen. Jorunds Herz pochte schon wild beim bloßen Gedanken an große Namen wie Xavir, Dimarius, Felyos und Gatrok.
Jorund warf sich seine Felle über, packte seine Axt und trat in die nebelige, kalte Luft hinaus. Von der obersten Stufe der Wachhaustreppe aus spähte er die breite Straße entlang. Über das Lärmen der Dörfler hinweg hörte er das Getöse der Baradiumsfälle und nahm trotz des Waids, der ihm auf dem Gesicht trocknete, ihren stechenden Geruch wahr. Mehr als tausend wilde Krieger blickten ihm erwartungsvoll entgegen.
Ein Grinsen stahl sich auf Jorunds Lippen. Es wird gelingen. »Nun gut. Macht Lärm, ihr hässlichen Gestalten! Ihr sollt doch Wilde sein.«
Da brüllten die Männer von Baradiumsfall auf wie die Kreaturen der Wälder.
Hunderte von Dörflern, die sich als gänzlich andere ausgaben, stapften durch die ersten Baumreihen jenseits von Baradiumsfall. Belgrosia, die nächste Siedlung zwei Meilen im Osten, hatte angeblich sogar eine doppelt so große Heerschar ausgehoben. Eine lange Nacht lag vor ihnen. Mit etwas Glück würde die List aufgehen …
Blauer Nebel leuchtete zart im Licht des Dreiviertelmondes.
In der Düsternis wirkten die Menschen wie Geister. Männer und Frauen, Jung und Alt waren mit Schlamm, Waid und Fellen bedeckt. Kaum einen von ihnen erkannte Jorund wieder.
Um herauszufinden, wo die Nordbarbaren zuzuschlagen gedachten, hatte er Späher ausgesandt. Beim ersten Anzeichen von Ärger sollten sie Meldung erstatten. Der Marsch der Krieger ging in einen Trott über. Jorund wurde immer angespannter. In bleichen Schwaden stieg der Atem vor ihm auf. Irgendetwas stimmte nicht. Die Späher waren noch nicht zurückgekehrt, und das beunruhigte ihn. In der Ferne heulte ein Wolf.
Wölfe wagen sich doch nicht so weit nach Westen, dachte er. Dann grollte plötzlich lauter Donner durch den Wald, und der Boden erbebte sichtbar. Eilig nahmen die Kämpfer aus Baradiumsfall Aufstellung und schlugen mit den flachen Klingen gegen ihre Rüstungen, ganz so, wie ihre barbarischen Feinde es getan hätten. So würden sie für deren eigene Krieger gehalten werden. Zumindest hofften sie, diesen Eindruck zu erwecken. Hastig untersuchte Jorund die Baumstämme auf irgendwelche Hinweise, dass der Feind bis zu ihnen in den Wald vorgedrungen war. Schreie erhoben sich in einiger Entfernung über die Baumwipfel hinweg. Ihm pochte das Herz.
»Reiter!«, schrie jemand in der Finsternis.
»Die Männer des Königs!«
»Die Sonnenkohorte!«
Der Göttin sei Dank, dachte Jorund. Wenn sie nun angegriffen wurden, war Hilfe nicht mehr fern.
Etwas heulte auf wie der Schrei einer Todesfee, und in der Ferne erlosch das Licht eines Fackelträgers.
Dort musste sich der Feind aufhalten. Mit einem lauten Ruf befahl Jorund seinen Truppen den Sturmangriff. Mit hocherhobenem Langschwert schritt er durch das Farnkraut zwischen den turmhoch aufragenden Eichen. Mondlicht fiel auf eine Lichtung und erhellte den Boden vor ihm. Als er auf die Fläche hinaustrat, sah er nur aufgeschlitzte Leiber im Morast liegen. Leiber von Männern, die er aus Baradiumsfall kannte.
Wo sind die Angreifer? Barbaren legen keine Hinterhalte – ihnen fehlt schlicht der Feinsinn dafür. Auch mit den Wunden stimmte etwas nicht. Sie waren zu sauber, von geübter Hand zugefügt …
»Wachmann!«, schrie jemand. »Da, jenseits der Lichtung …«
»Beeilt euch!«, schrie Jorund.
Er erkannte nur Schemen, die von ihren Pferden stiegen, und war verwirrt über diese weitere Unstimmigkeit. Seit wann reiten Barbaren auf Pferden? Er konnte sich einfach nicht zusammenreimen, wer diese Krieger waren. Sechs Gestalten in Schwarz schnitten wie Dämonen aus einer anderen Welt eine Schneise zwischen den Bewohnern von Baradiumsfall hindurch. Die Schreie waren ohrenbetäubend. Jorund warf sich nach vorn in Richtung der Schlachtenreihe, doch dann hielt er voller Grauen inne. Auf den schwarzen Wappenröcken der Krieger prangten zinnenbewehrte Türme und eine aufgehende Sonne. Die Sonnenkohorte.
Das kann nicht sein.
»Hört auf!«, schrie er. »Wir sind Stravirer! Wir stehen auf der gleichen Seite!«
Doch im Wahnsinn des Gemetzels wurde seine Stimme vom Kampfeslärm erstickt.
Aufblitzende Klingen zerschnitten die Luft, während sie Gliedmaßen und Köpfe abtrennten. Binnen weniger kurzer Augenblicke wurden Hunderte dahingemetzelt. Von nur sechs Streitern, wahrlich leibhaftigen Legenden. Jorund fiel auf die Knie, als die Angreifer drohend näher rückten. Das Schwert glitt ihm aus den Händen. Eilig streifte er seine Felle ab, riss sich die Knochenketten und Stammestotems vom Leib und deutete auf die einfache Lederbrustplatte mit dem Wachturm, die er darunter trug.
»Ich bin ein Stravirer!«, schluchzte er und starrte voller Pein auf die unschuldigen Dörfler ringsum, die ein derartig grausiges Ende gefunden hatten. »Wir sind alle Stravirer …«
Elegant steckte einer der Krieger zwei gewaltige Krummschwerter in die Scheiden auf seinen breiten Schultern und schritt über die Leichen hinweg auf ihn zu. Sein schmales Gesicht glänzte im Mondlicht vor Blut.
»Sprich, Mann!«
»Wir sind Stravirer. Wir alle. Wir sind keine Nordländer. Wir sind keine Barbaren.« Er wies auf die Toten. »Sie stammten aus Baradiumsfall.«
Der Hochgewachsene blickte rasch zu den anderen hinüber. »Dimarius?«
Mit verwirrtem Gesichtsausdruck trat eine blonde Gestalt heran. »Warum habt ihr euch als Barbaren verkleidet?«
»Es war ein Befehl des Königs«, murmelte Jorund.
Dimarius schüttelte den Kopf und verneigte sich leicht vor dem hochgewachsenen Krieger, der die Toten ringsum voller Grauen und Trauer anstarrte.
Jorund fuhr zusammen, als er sah, wie Wut und Scham das Antlitz des Soldaten verzerrten. »Was haben wir getan?«, fragte jener voller Bitterkeit.
Niemand hatte eine Antwort für ihn. Der Blick des Wachmanns war voller Tränen. In der Nähe schrie jemand vor Trauer laut auf.
DAS NEUNTE ZEITALTER
131. JAHR
Die Tore der Hölle
»Falls ihr Glück habt, werdet ihr hier sterben.«
Ein Windstoß fegte über den breiten Innenhof und blies Landril die Schneeflocken aus den Bergen ins Gesicht. Damit er sich so richtig elend fühlte, schien sich wie alles andere auch das Wetter gegen ihn verschworen zu haben.
Die Eiseskälte und Landrils Lage waren schon schlimm genug, doch auf ihrem Weg über die schmutzverkrusteten Steinplatten wurden die Gefangenen auf Schritt und Tritt auch noch unerbittlich gequält. Die Wächter verspotteten die Neuankömmlinge, spuckten ihnen ins Gesicht oder griffen sie tätlich an. Landril fragte sich, welch widernatürliches Vergnügen die Halunken an solchem Verhalten fanden. Wie armselig ihr Treiben auch sein mochte, die Gefangenen fühlten sich dadurch noch elender als ohnehin schon, nachdem das Schicksal sie an diesen Ort verschlagen hatte.
»Setzt euch in Bewegung, ihr Missgeburten!«, grunzte ein Wächter und stieß heftig mit dem Speer in Richtung all jener, die seiner Meinung nach nicht schnell genug über den Hof marschierten. »Eure Mütter müssen es mit Yaks getrieben haben, damit sie solche Lahmärsche wie euch gebären konnten.«
Der alte Mann mit Halbglatze vor Landril zuckte vor Schmerz zusammen und spuckte seinem Quälgeist trotzig vor die Füße.
Narr. Genau das wollen sie doch.
Eine Regung. Einen Anlass. Eine Gelegenheit, ihr kindisches Spiel in blutigen Ernst zu verwandeln.
Der Wärter näherte sich rasch und schleuderte den Alten zu Boden, während Landril jeden noch so leisen Anflug von Hilfsbereitschaft in sich niederrang. Die übrigen Häftlinge sahen tatenlos zu, äußerlich völlig ungerührt. Hier kämpfte jeder nur für sich. Die Wächter schlugen den Mann, schleiften ihn über den Stein und zurück in die weiße Weite. Es eilte ihnen offenbar nicht, ihre Taten zu Ende zu bringen, und sie stellten ihre Gewalt ungerührt zur Schau. Vielleicht als Warnung an die Zuschauer.
Landril behielt den Kopf unten und konnte daher nur verstohlen beobachten, wie die vier Wächter immer wieder auf den zusammengekauerten Häftling eintraten. Ein letzter grober Tritt ins Gesicht des Mannes schleuderte dessen Kopf mit einem Knirschen nach hinten. Blut spritzte, und Zähne schlugen auf Stein. Das Opfer brach im Schnee zusammen, während die Kerle sich lachend auf die Schultern klopften. Den Alten ließen sie einfach liegen. Landril war sich nicht sicher, ob er tot war oder noch lebte. Einen Moment lang konnte er den Blick nicht von dem zusammengesunkenen Leib lösen. Sollte dies auch sein Schicksal werden? Er nahm seine Umgebung näher in Augenschein. Wände aus gewaltigen Granitplatten und eine Reihe von Toren, die mehrere Innenhöfe unterteilten, eigens dazu angelegt, das Vorankommen aufständischer Häftlinge zu behindern. Habe ich das Richtige getan?, fragte er sich.
»Willkommen in der Höllenfeste!«, feixte einer der Wächter und winkte die Neuankömmlinge durch.
Kopf nach unten! Niemandem in die Augen sehen!
Die Höllenfeste. Ein passender Name. Viel passender als die offizielle Bezeichnung Zitadelle sechsunddreißig. Die hohen grauen Wände im Stil einer Festung waren auf dem dritthöchsten Gipfel der Seidenspitzberge errichtet worden, sechshundert Schritt über den vor Langem aufgegebenen Handelsrouten aus den Ostkönigreichen. Fernab der heimeligen Annehmlichkeiten von Stravimon. Dies war ein Ort, an dem die abgebrühtesten und schlimmsten Verbrecher verwahrt wurden. Alle jene, die zu gefährlich waren, um in ein gewöhnliches Gefängnis gesteckt zu werden, zugleich aber so wichtig oder gar nützlich, dass sie nicht hingerichtet wurden. Niemand war je von hier entkommen.
Weniger das Maß an Sicherheit machte die Anlage so unverwundbar als vielmehr ihre Lage – die Eiseskälte der Berghänge und die mangelnde Sicht durch den Schnee. Windumtoste, felsige und rutschige Pfade, die man ins dornige Gestrüpp gehauen hatte. Und die Hexen am Fuß des Berges.
Prüfend betrachtete Landril die fünfzehn stravirischen Soldaten in purpurnen Uniformen samt Bronzehelmen, die als Begleitung dienten. Es gab vier Dutzend weitere Männer im eigentlichen Gefängnis, die wahrscheinlich an Kohlefeuern hockten und ihr Pech verfluchten, an den Arsch der Welt versetzt worden zu sein. Sie waren hier genauso gefangen wie die Häftlinge.
Als sein Trupp in den innersten Teil des Gefängnisses eskortiert wurde, drang ihm der Gestank von Scheiße und ungewaschenen Leibern in die Nase. Ob des widerlichen Geruchs musste er fast würgen, war er doch eher an Weihrauch, Raumdüfte und das luxuriöse Stadtleben gewöhnt.
Der Ruf eines Horns hallte von den Wänden wider, und das gigantische Eisentor vor ihnen kreischte dämonisch, während es sich öffnete. Landril warf einen letzten zögernden Blick auf die Freiheit, bevor er mit den anderen Gefangenen durch das Tor zur Hölle gestoßen wurde.
Bei der Gnade der Göttin! Dieser Mistkerl ist hoffentlich noch am Leben, denn sonst bin ich verloren …
Durch Geflüster, durch Blicke und verborgene Gesten konnte jemand mit Landrils Erfahrung rasch nützliches Wissen sammeln. Nach nur wenigen Stunden in Gefangenschaft hatte er einen verschlagen aussehenden Mann von etwa fünfzig Sommern aufgetrieben, der sich äußerst dankbar für ein Päckchen von Landrils eingeschmuggelten Kräutern zeigte.
Sein Name lautete Krund, ein drahtiger Kerl mit ungepflegtem Bart und fettigem grauem Haar, das ihm auf die Schultern herabhing. Er war einer von drei Gefangenen, mit denen sich Landril die Zelle teilen musste. Alle Männer trugen die gleiche Kleidung, dicke graue Tuniken, die kratzten und juckten wie der Ausschlag einer Hafenhure.
»Eins verstehe ich nicht«, sagte Landril und gab den ahnungslosen Neuling.
»Was meinst du?«, seufzte Krund.
»Warum töten sie uns nicht und lassen es damit gut sein?«
»Tja, hier landen nur ganz bestimmte Männer«, raunte Krund. »Einem Dieb wird die Hand abgeschlagen. Ein gewöhnlicher Mörder wird geköpft. Aber wir? Wir sind irgendwem dort draußen noch etwas wert. Also spart man sich unseren Tod auf.«
»Gibt es hier denn auch Berühmtheiten? Bekannte Namen vom Hof?«
Krund warf ihm einen listigen Blick zu. »Woher soll ich das wissen? Hier drinnen ist jeder ein Niemand.«
Mit Mühe hielt Landril seine Enttäuschung im Zaum. Um sicherzugehen, würde er das Gesicht jedes einzelnen Insassen betrachten müssen. Und irgendwann würde er in die kalten, harten Augen des Mannes starren, den er suchte – den Helden der Zwölf Täler, der Qualebene und so gut wie sämtlicher Feldzüge unter der Herrschaft des alten Cedius.
»Wie bist du hier gelandet?«, fragte Krund mit kaum verhohlener Gleichgültigkeit. »Du hast keinen Akzent. Du siehst nicht aus wie einer, der sich mit dem Führen von Klingen auskennt.«
Wissen war Macht, das wusste Landril besser als jeder andere. Er lächelte geheimnisvoll.
»Es handelte sich … sagen wir mal … um eine politische Angelegenheit.«
Krund gluckste, und seine Züge wurden weicher. Sein Hauptaugenmerk galt jedoch noch immer dem Kräuterpäckchen, das Landril ihm gegeben hatte.
»Und du? Was hat dich hierher verschlagen, Krund?«
»Ich war Anwalt in den Diensten eines stravirischen Herzogs. Belassen wir es dabei, dass ich in Vorgänge verwickelt wurde, in die ich nicht hätte verwickelt sein sollen. Doch das Leben ist grausam. Deshalb zu grollen lohnt sich kaum, stimmt’s? Ich habe mich mit meinem Los abgefunden. Und ich lebe noch, nicht wahr? Aber nun bin ich müde, Fremder. Ich könnte etwas Ruhe und Zeit mit deiner milden Gabe gebrauchen.«
Landril ließ Krund in seiner Ecke sitzen und wusste, dass der Mann ihm zur rechten Zeit noch als nützlicher Informant dienen würde. Er sah zu, wie die Tür seiner Zelle mit jäher Endgültigkeit verriegelt wurde. Wenig später erfolgte ein hallendes Gerumpel nach dem anderen, als die übrigen Insassen in ihre Zellen eingeschlossen wurden, die eher an Grüfte erinnerten. Der schmale Lichtstreifen, der durch eine Ritze im Stein hindurchfiel, erhellte den Raum nur wenig. Steinerne Liegen mit schmutzigen Decken, die kaum Wärme boten. Irgendjemand hatte behauptet, die Decken seien Spenden eines benachbarten Klosters. Landril konnte nur hoffen, dass sie noch nicht völlig flohverseucht waren. Ansonsten gab es in diesem Raum nichts als bekritzelte klamme Wände, einen Eimer für die Notdurft und die Gesellschaft elender, hoffnungsloser Gestalten.
Das war es dann also. Landril Devallios, Meisterspion, verreckt hier neben einem Eimer voller Pisse.
Er richtete seine Gedanken auf die vor ihm liegende Aufgabe. Morgen würde er mit der Suche nach dem Mann beginnen, der ihn aus diesem Verlies befreien konnte, und ihm eine Nachricht überbringen. Einige Tage später wären sie nicht mehr hier, falls die Gerüchte zutrafen, die über jenen Mann kursierten. Falls nicht, blieb er bis ans Ende seiner Tage in diesem grässlichen Rattenloch eingekerkert. Dann war der Tod die deutlich bessere Wahl.
Selbst bei einem Mann wie Landril, der sonst gern auf Zeit spielte, sorgten die Bedingungen in der Höllenfeste für Anspannung und Ungeduld. Sie ließen sich mit nichts vergleichen, was ihm je widerfahren war. Und von seiner Beute fehlte noch immer jede Spur. Ein Tag verlief wie der andere.
Sein Leben bemaß sich nur noch in kleinen Qualen – den Rückenschmerzen von den harten Steinplatten, der ständigen Kälte, dem ungenießbaren Fraß, den er zu jeder Mahlzeit mühsam hinunterwürgte. Seine Suche wurde immer verzweifelter. Man ließ die Insassen nur einmal am Tag aus ihren Zellen, sodass Landril nur ein kleines Zeitfenster blieb, um sein Ziel zu finden. Doch die finster dreinblickenden Häftlinge sahen alle gleich aus, unrasiert und verwahrlost. Vielleicht konnte die Körperform als erster Hinweis dienen. Manche Männer waren hager und hatten kaum Fleisch auf den Knochen, wohingegen andere trotz ihres Aufenthalts in dieser Hölle irgendwie ihre Muskeln behalten hatten. Ob der Mann, dessentwegen er hier war, noch genauso stark war wie früher? Er war zwar schon seit Jahren verschwunden, doch zumindest sollte er nicht geschrumpft sein. In den nächsten Tagen schlenderte Landril von Häftling zu Häftling, sorgsam darauf bedacht, seine Suche nicht allzu auffällig zu gestalten. Allzu große Neugier konnte sich in dieser Umgebung als tödlich erweisen. Geschickt horchte er Krund über die anderen Häftlinge aus, doch sein Zellenkamerad wusste kaum etwas über die anderen Gefangenen. Keiner sprach über seine Vergangenheit.
Landril belauschte Gespräche und knüpfte rasch ein Netz aus Insassen, die ihm allesamt Meldung erstatteten. Ironischerweise unterschied sich der Aufbau des Zusammenlebens in diesem Gefängnis nicht sonderlich stark von den höfischen Ränken, wie er sie kannte. Die von ihm eingeschmuggelten Drogen erkauften ihm Augen und Ohren in den dunkleren Ecken des Kerkers, ganz so wie vor einem Jahr, als er noch rings um den Seufzerhof von Stravimon auf der Jagd nach Mördern gewesen war. Doch die Berichte in diesen Kerkern verrieten ihm nichts, was er nicht mit eigenen Augen sehen konnte – finstere Kerle, die gelangweilt und doch stets gewaltbereit herumlungerten. Das übliche Verhalten in einem Gefängnis.
Wie überall sonst existierte auch hier eine Hierarchie. Banden hatten sich gebildet, ganz so, als ob selbst abgebrühteste Kerle eine gewisse Struktur brauchten, die ihnen Halt und Sicherheit bot. Seine Informanten erzählten Landril vom Höllenkönig, den Blutspielern und den Kettenleichen. Die Banden hatten das Gefängnis unter sich aufgeteilt und sorgten dafür, dass für alle genügend verbotene Geschäfte und fragwürdige Gefälligkeiten abfielen, ohne dass sie sich gegenseitig ins Gehege kamen. Landril gelangte zu folgender Erkenntnis: Wenn er überhaupt irgendetwas über den gesuchten Mann herausfinden wollte, hatte er womöglich keine andere Wahl, als sich einer dieser Banden anzuschließen.
Landrils Einschätzung nach stellten die Schergen des Höllenkönigs die mächtigste Fraktion. Wie er hörte, war ihr Anführer ein nachdenklicher, ernster Mann, der im gleichen Maß Strafen und Gnade walten ließ, meist mit raschen und oft blutigen Folgen. Sein Ruf war beängstigend, vermutlich wohl auch deshalb, weil ihn kaum einer je zu Gesicht bekam. Kein Informant aus seinem in aller Eile gespannten Netz konnte Landril eine genaue Beschreibung des Mannes liefern oder beim Hofgang gar verstohlen auf ihn deuten. Es schien fast so, als sei der Höllenkönig alles andere als leicht zu finden. Leider galt dies umgekehrt nicht für Landril.
Der Höllenkönig
Zwei Tage lang hatte der hochgewachsene Häftling den verschlagenen kleinen Neuankömmling beobachtet wie ein hungriger Adler das nichts ahnende Kaninchen. Anfangs hielt er ihn nur für einen weiteren gedungenen Mörder, dem man seinen wahren Namen genannt hatte und der ihm nun unbedingt den Garaus machen wollte. Wie schon bei den gescheiterten Versuchen zuvor fände auch dieser Möchtegernmeuchler ohne jeden Zweifel ein trauriges Ende.
Doch dann erkannte er ihn aus längst vergangenen Tagen wieder. Und er fragte sich, warum er hier gelandet war. Fernab jenes ausschweifenden Lebensstils, den sie beide früher genossen hatten. Weit entfernt von der Stadt. Weit entfernt von allem. Nach der langen Zeit in diesem Gefängnis konnte er sich kaum noch an seine Ankunft erinnern. In ihrer Gleichförmigkeit flossen die Tage ineinander, und seinem eigenen Gedächtnis traute er längst nicht mehr. Jene Erinnerungen jedoch, denen er tatsächlich trauen konnte, gefielen ihm nicht.
Nachdem er damals im Gefängnis angekommen war, hatte er seinen Namen nicht genannt und auch mit niemandem gesprochen. Er hatte sich nicht um die Machtspielchen der Banden geschert und wollte auch in keiner Weise an ihnen beteiligt sein. Doch man ließ ihm keine Wahl – Mollos war schon seit Jahren der Anführer einer der Banden gewesen. Der ehemalige Soldat hatte seinen Tätowierungen am Hals zufolge eine recht beachtliche Dienstzeit hinter sich gebracht und wollte nur seine Dominanz gegenüber dem Neuling unter Beweis stellen. Sie beide waren ähnlich groß und muskelbepackt unter den weiten grauen Tuniken. Die Jahre im Feld hatten ihre Körper bis zur Vervollkommnung gestählt, und sie trugen ausreichend Narben, um zu beweisen, dass sie sich in einem Kampf zu behaupten wussten. Als der bärtige Bandenführer schließlich ein scharfes Stück Feuerstein zog und es dem Neuankömmling in die Schulter rammen wollte, sah dieser den Stoß kommen. Er beobachtete, wie die Wächter nickten und damit zu verstehen gaben, dass sie nicht einzugreifen gedachten. Er beobachtete, wie die anderen zur Seite wichen, um Mollos in dem engen Steinkorridor Platz zu machen. In einer blitzschnellen Bewegung packte er Mollos’ Handgelenk und drosch es so hart gegen den Fels, dass der Feuerstein klirrend zu Boden fiel. Dann versetzte er seinem Angreifer einen Kopfstoß und rammte ihm anschließend das Gesicht gegen die Wand. Mollos sank in sich zusammen, und der Neuankömmling packte ihn mit einer Hand an der Kehle.
Er hätte Mollos’ Leben auf der Stelle ein Ende bereiten können. Beide wussten das, und die grölenden Zuschauer wussten es auch. Doch er entschied sich dagegen. Im Lauf seines Lebens hatte er schon viel zu viel Blut gesehen und stieß Mollos einfach weg. Ehrfürchtig verstummten alle, denn niemand hatte Mollos im Kampf bisher besiegen können. Dieser Neuankömmling hatte dafür nur wenige Herzschläge gebraucht. An jenem Tag hatte er einen Namen erhalten: Höllenkönig. So begann seine Herrschaft in der Höllenfeste.
Letzten Endes beschloss der Höllenkönig, lieber selbst mit dem Spion zu sprechen, bevor dieser noch einem anderen in die Hände fiel. Er befahl seinen Männern, auf der anderen Seite des Hofs für Ablenkung zu sorgen. Und während sie die Aufmerksamkeit der Wächter auf sich lenkten, trat er an den Meisterspion heran.
»Landril«, murmelte der Höllenkönig. »Du bist fernab der Heimat. Und wenn du nicht achtgibst, beendet ein Messer deine Neugier in einer dunklen Ecke.« Er nickte in Richtung einer Gruppe von Blutspielern, die die beiden beäugten.
Landril starrte sein Gegenüber zunächst überrascht an, doch seine Verblüffung wich rasch offener Erleichterung, die er allerdings gleich zu zügeln wusste. »Xavir Argentum. Der Göttin sei Dank. Du bist wirklich noch am Leben.«
»Du hast ein Händchen dafür, das Offensichtliche zu bemerken, Spion.« Sie sprachen mit gesenkten Stimmen. Xavir war sich bewusst, dass man sie dennoch beobachtete und belauschte. Nicht einmal seine eigenen Anhänger ahnten etwas von seiner Vergangenheit, und so sollte es auch bleiben. »Hier drinnen lautet mein Name Höllenkönig«, fuhr er fort. »Am besten benutzt du keinen anderen.«
Landril lächelte. »Ich bin gekommen, um dich zu finden.«
»Das ist dir gelungen«, erwiderte Xavir. »Warum?«
»Ich muss mit dir über eine dringende Angelegenheit sprechen.«
»Mit der Welt dort draußen habe ich nichts mehr zu schaffen.«
»Tja, aber verdammt! Sie will durchaus etwas mit dir zu tun haben.«
Xavir funkelte Landril an. »Der Mann, der ich war, ist dort draußen gestorben. Schon vor Jahren. Meine Schwerter wurden mir genommen. An meinen Händen klebt das Blut Unschuldiger. Deswegen hat man mich hergeschickt, und das war nur rechtens. Für meine Taten gibt es keine Vergebung.«
»Da irrst du dich.« Landrils Worte mochten mutig klingen, doch seine Stimme bebte vor Angst. »Du warst Teil der Sonnenkohorte. Und jetzt lebst du unter Tieren.«
»Es sind ganz gewöhnliche Leute, Spion. Genau wie du. Manche waren früher einmal gute Männer.«
»Es sind Gefängnisratten«, knurrte Landril abschätzig. »Die Niedrigsten der Niedrigen.«
»Das glaubst du nicht ernsthaft. Viele der Häftlinge stammen aus guten Familien. Ein Mann deines Formats dürfte das an ihrem Zungenschlag bemerken. Und du bist schließlich auch hier, oder etwa nicht?«
»Ach ja«, erwiderte Landril. »Allerdings habe ich kein Verbrechen begangen.«
Xavir lächelte kalt und straffte die Schultern. »Alle hier würden etwas ganz Ähnliches behaupten.«
»Aber bei mir verhält es sich anders.«
»Natürlich. Hör zu, Spion! Wer immer du dort draußen warst …« Xavir deutete mit dem Finger gen Westen. »… hier drinnen bist du einen Hundedreck wert.«
»Genau genommen heißt es … Meisterspion. Wie dem auch sei. Du sollst erfahren, was ich zu sagen habe. Du bist nun schon über fünf Jahre hier, Xavir. In dieser Zeit hat sich vieles verändert.«
»Dass die Welt sich ändert, dürfte wohl das einzig Unveränderliche an ihr sein. Bist du hergekommen, um mir Laienphilosophie schmackhaft zu machen?«
Verkrampft rang Landril die Hände. »Lass mich ausreden, verdammt! Vor fünf Jahren hat er dich hier wegsperren lassen. Mardonius und seine Spießgesellen.«
Xavir gab keine Antwort.
»Ein Jahr später wurde er König, musst du wissen«, fuhr Landril fort. »Sobald Cedius verfault war.«
»Dann ist er also tatsächlich tot«, entgegnete Xavir. »Ich hatte das Gerücht gehört, aber glauben mochte ich es nicht.«
»So ist es leider«, bestätigte Landril. »Der Alte war ohne dich und die Sechserlegion nicht mehr derselbe. Dann begann Mardonius mit seiner Kriegstreiberei. Er weitete die Clansgebiete immer mehr aus, und die Herzogtümer wuchsen und wuchsen. Das Volk war glücklich. Die Metallhändler waren glücklich. Die Städte und die Dörfer an den Grenzen verleibte man sich ein, und Stravimon ist heute größer als damals, als du sein Heer geführt hast.«
»Länder sind wie Lungen, Meisterspion. Sie dehnen sich aus und ziehen sich wieder zusammen. Daran ist nichts neu, insbesondere dann nicht, wenn es um die Clans geht. Wir sind ein Volk, das zum Kämpfen geboren wurde. Aber du willst mir wohl kaum erzählen, wie prächtig die Welt ist.«
»Nein, das habe ich nicht vor«, räumte Landril ein. »Mardonius führt einen Feldzug, um unser Land von jenen zu säubern, die die Göttin und andere Götter verehren.«
»Ich bin kein frommer Mann.«
Landril schüttelte den Kopf. »Du verstehst mich nicht. Er begeht einen Völkermord. Tausende unserer eigenen Leute wurden schon getötet. Gute Stravirer wurden ausgelöscht.«
»Wie kann das sein?«
»Ganz einfach! Erst verlangte er höhere Steuern von allen Clans, die sich der Göttin zugehörig fühlten, und danach von jenen, die Göttern wie Balax, Jarinus, Kalladorium und dem Großen Auge huldigten. Plötzlich verfolgte man von den Stützpunkten der königlichen Legion aus die Anhänger sämtlicher Glaubensrichtungen. Wer die Göttin anbetete, den traf es am härtesten, und ihre Verehrer wurden wie Abschaum behandelt. Einige wenige Familien verbargen ihren Glauben, aber der Großteil – viele Zehntausende – bekannte sich weiterhin dazu. Als die Menschen sich weigerten, ihre Häuser zu verlassen, wurden immer mehr Truppen in ihrer Nähe zusammengezogen, und dann verschwanden die Familien nach und nach. Von den dreißig Clans ist nur noch die Hälfte übrig – und von denen stehen fast alle auf seiner Seite.«
Xavir bedachte die Worte des Meisterspions. »Wie lange ist das her?«
»Die grausamsten Säuberungen begannen im letzten Sommer – während der Erntefeste und der Opferungen für die Göttin, doch die Saat wurde schon lange davor ausgebracht.«
»Die Gläubigen an ihren Feiertagen zu töten ist ein uraltes Vorgehen.«
»Dies ist nur ein Teil meiner Neuigkeiten, Xavir. Die Burgen deiner Familie an der Ostgrenze der Herzogtümer wurden gebrandschatzt. Nur die Festung in Gol Parrak ist erhalten geblieben, aber niemand steht an ihrer Seite.«
»Warum nicht?« Xavir ballte die Fäuste.
Landril trat vorsichtig einen Schritt zurück. »Weil die Clans rings um Gol Parrak während der letzten fünf Jahre bestochen wurden. Sie kämpfen inzwischen für ihn.«
»Hat meine Familie überlebt?« Seit Jahren hatte Xavir nicht an seinen Vater und seine Schwester gedacht. Für zu groß hielt er die Schande, dass er sich in diesem Gefängnis aufhielt.
Landrils Miene verfinsterte sich. »Dein Vater starb bei der Verteidigung Gol Parraks zusammen mit einer Reihe deiner anderen Verwandten. Deine Schwester konnte mit ihren Kindern entkommen.«
Landril wandte sich zu den drei Wächtern um, die an ihnen vorbeimarschierten, ohne dass einer von ihnen Xavir in die Augen geblickt hätte.
»Um mir davon zu berichten, hast du also den weiten Weg zurückgelegt«, murmelte Xavir. »Hast dein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt und musstest dich wahrscheinlich auch brandmarken lassen, oder?«
Ein sanftes Nicken. Landril zog den Ärmel hoch und zeigte ein erhabenes X auf dem Oberarm. Das dauerhafte Mal eines Häftlings.
»Du hast Mut, Meisterspion. Das gestehe ich dir gern zu.«
»Zugegebenermaßen habe ich ein Elixier zu mir genommen, bevor man mir das Eisen auf die Haut drückte«, räumte Landril mit einem schiefen Lächeln ein. »Ich habe nichts gespürt, aber ich konnte verdammt noch mal riechen, wie mein eigenes Fleisch gebraten wurde.«
Xavir schüttelte den Kopf. »Warum hast du das alles auf dich genommen? Warum bist du gekommen?«
»Habe ich es denn nicht schon mehrmals gesagt?«, fragte Landril leicht verzweifelt.
»Warum wolltest du mich finden, Spion? Du arbeitest doch stets im Auftrag anderer. Also – wer hat dich geschickt?«, wollte Xavir wissen.
Ein Windstoß fuhr heulend an den Mauern der Festung entlang, und Landril erschauerte.
»Lupara. Die Wolfskönigin.«
Das Schmieden eines Friedens
Davlor, ein lästiger Kerl von zwanzig Sommern mit schütterem braunem Haar, rattenhaften Zügen und kleinen Augen, schlurfte in der abgedunkelten Zelle auf Xavir zu. Der lag auf jener kahlen Steinplatte, die ihm als Bett diente. Auch wenn das Kloster erst an diesem Tag Decken gespendet hatte, achtete Xavir darauf, solche Bequemlichkeiten stets erst als Letzter zu bekommen.
Er war schon eine Weile wach, nachdem ihn ein Albtraum geplagt hatte. Eine Erinnerung. Je härter sich der Stein unter ihm anfühlte, desto schneller konnte er aus dem Schlaf in die Wirklichkeit zurückkehren. Wenn er in diesen Tagen überhaupt Schlaf fand …
Davlor stand mit blutiger Nase neben ihm und wartete.
»Was ist geschehen?«, fragte Xavir.
»Irgendjemand meinte, ein Hexenstein sei hereingeschmuggelt worden, und ich wollte ihn mir holen.«
»Und wozu sollte der dienen?«, erkundigte sich Xavir. »Ein Hexenstein unter lauter Männern?«
Davlor hob die Schultern. »Ich dachte mir, er könnte irgendwie hilfreich sein, Herr.«
Verglichen mit den Neuigkeiten, die Landril über die Verbrechen in der weiten Welt jenseits der Kerkermauern mitgebracht hatte, hörte sich diese Aussage nur umso belangloser und lächerlicher an.
Xavir seufzte. »Und wer ist verantwortlich für den Stein und deine Nase?«
»Gallus von den Kettenleichen«, knurrte Davlor.
»Valderons Männer. Wie üblich. Ich treffe mich mit ihm.«
»Keine Rache?«, fragte Davlor überrascht.
»Nein, Junge.« Xavir ächzte. »Keine Rache. Sie sind immer noch stinkwütend, weil Jedral vor zehn Tagen Fellir die Augen aus den Höhlen gequetscht hat.«
»Aber … meine Nase …«, murmelte Davlor.
»Sieht viel besser aus als vorher«, unterbrach ihn Xavir ruhig. »Du solltest keinen Streit wegen unnötiger Kleinigkeiten anfangen.«
»Trotzdem sollte einer dem Gallus die Nase brechen!«
»Spar dir deinen Eifer für echte Kämpfe auf, Davlor! Du bist erst wenige Monate hier, und nicht nur deine Nase kann noch verstümmelt werden. Gewöhn dich also lieber an die Umstände oder reiß dich am Riemen! Sei immer schön wachsam und halt die Klappe, es sei denn, es geht nicht anders. Befindest du dich in einer Zelle mit Kerlen, denen du nicht über den Weg traust, dann konzentrierst du dich. Hörst zu. Erspürst die Bewegungen. Aber du hältst deine verdammte Klappe. Beherrschst deine Wut. Setzt sie taktisch ein. Falls du immer noch Zeit zu verschwenden hast, dann lauschst du Tylos’ Gedichten.«
In der Nähe lachte jemand laut auf. Es mochte sogar Tylos gewesen sein.
»Du redest immer wie ein Krieger, nie wie ein Häftling.« Davlor musterte Xavir mit beinahe schon kindlicher Begeisterung für den vermeintlichen Ruhm des Soldatenlebens.
Xavir verscheuchte ihn mit einem Wink.
In ihrer gemeinsamen Zelle waren fünf Männer untergebracht, und trotzdem war sie noch geräumig. Im Austausch für diesen ganz besonderen Aufenthaltsort hatte Xavir eine kleine Vereinbarung mit einem der Wärter getroffen.
Er hörte Davlor immer noch Flüche über Gallus murmeln. Als verhältnismäßig neuer Insasse konnte Davlor nicht einmal erahnen, welche Anstrengungen es kostete, den Frieden zwischen den Banden ansatzweise zu bewahren. Andernfalls wäre jeden Tag Blut geflossen.
Politik.
Wie ironisch, dass es auch hier Hierarchien, Verhandlungen und Absprachen gab! Wäre es in der Welt dort draußen anders gewesen?, fragte sich Xavir. Dies war nun sein Königreich, während ihm früher einmal fast ein anderes gehört hatte. Aber auch dort hätte es Politik gegeben. Nur wäre sie eben in feinerer Kleidung gemacht worden.
Das Gespräch mit Landril hatte einen alten Funken in Xavir neu angefacht. In ihm loderte eine Glut, die er so lange unterdrückt hatte, bis sie ihm erst zur Gewohnheit und dann zu einem Teil seines innersten Wesens geworden war. Nach dem ersten Jahr war ihm kein einziges Mal der Gedanke gekommen, die Höllenfeste verlassen zu wollen. Er hatte eine eigene Umgangsform mit seiner Lage gefunden und empfand eine persönliche Befriedigung, wenn er andere verlorene Männer vor dem völligen Absturz bewahrte. Seine Bande war zu einem Ersatz für seinen Clan geworden, und das gefiel ihm gut.
Aber … nun da Landril ihm eine neue Vision vorgegeben hatte, lagen die Dinge anders. Die Welt dort draußen – die Herzogtümer und Stravimon – steckte in einer Krise. Die Menschen starben. Ausgerechnet Lupara war in Landrils Ränke verstrickt. Das deutete auf wirklich schlimme Zeiten hin. In gewisser Weise war die Höllenfeste keine Strafe mehr, sondern eher eine sichere Zuflucht vor dem wütenden Sturm.
Bei dem Gedanken lachte Xavir unwillkürlich auf.
»Was ist denn so lustig, Herr?«, rief Davlor aus der Finsternis.
»Die Welt bricht in sich zusammen«, murmelte Xavir. »Und wir sind am sichersten Ort, der sich nur vorstellen lässt.«
»Hört ihr das? Mir scheint fast, als weile er schon nicht mehr gänzlich unter uns«, stellte Tylos mit einem Lächeln fest. Wie gewohnt klang der geschliffene Tonfall des Schwarzen eher nach einem Kompliment als nach einer Beleidigung. Tylos saß im Kerker, weil er ein Dieb mit teurem Geschmack war. Xavir schätzte seine Gesellschaft und seine südländische Philosophie.
»Der Wichser war schon immer irre«, sagte Jedral. »Das geht schließlich jedem von uns irgendwann so.« Der wild aussehende Glatzkopf scherzte gern darüber, dass er seine Eltern wegen seines Erbes umgebracht hatte. Aber er war ein notorischer Lügner, und die Gründe für seine Inhaftierung wurden mit jeder neuen Erzählung ungeheuerlicher. Doch Jedral hatte Xavir schon mehr als einmal den Rücken gestärkt, und das genügte dem Höllenkönig.
Die anderen glucksten düster, ein Geräusch das bald vom heulenden Wind in den alten Steinfluren verdrängt wurde.
»Dann haltet ihr mich mit Sicherheit für verrückt, sobald ihr erfahren habt, was ich euch vorschlage«, verkündete Xavir.
Jarratox
Vögel flogen in weitem Bogen in Richtung Sonne und sammelten sich in einem dicht gedrängten Schwarm, der am orange-blauen Himmel an die Kapuze einer alten Vettel erinnerte. Das merkwürdige Haupt pendelte erst noch leicht hin und her, bevor die Vögel schließlich wieder auseinanderstoben. Mit gerunzelter Stirn betrachtete Elysia das Schauspiel vom Fenster ihres Schlafgemachs aus. Eine Brise umspielte ihre Wangen, während sie darüber nachdachte, ob sie wohl gerade Zeugin eines Omens geworden war.
Manchmal kam es ihr so vor, als hinterfrage sie den Sinn in restlos allem.
Sie lugte zwischen den alten Steintürmen hindurch zu der Spitze jener Leere hinüber, welche die Grenzen der Insel markierte. Knapp siebzig Schritt entfernt jenseits der Steilwand gab es wieder festen Boden, der allerdings nur über eine von drei steinernen Brücken zu erreichen war – oder schwebend, sofern sich jemand mit den richtigen Methoden auskannte. Das allerdings traf auf Elysia nicht zu. Diese Fähigkeiten lehrten die Schwestern erst gegen Ende der Ausbildung einer jungen Hexe.
Auf der anderen Seite erkannte sie, wie Edelsteine im sanften Licht des Nachmittags die gesamte Felswand zum Funkeln brachten. Das waren die Hexensteine, Quellen der Hexenkraft, deren verschiedene Farben bei unterschiedlichen Zaubern Anwendung fanden. Abgebaut wurden sie von den jüngeren Mädchen, die sich, geschützt von zahlreichen Zaubern, zu den Vorkommen abseilten.
An diesem Tag war der blaue Himmel lediglich von feinen Wolkenfetzen durchzogen. Grüne Hügel glänzten in der sanften Wärme, hier und dort erhoben sich Eichenhaine und Häuser. Im Westen lagen die waldbestandenen Berge, wo Elysia bei Nacht gelegentlich Magie aufblitzen sah. Bei Tagesanbruch allerdings blieb keinerlei Spur mehr davon, was sie wohl verursacht haben mochte.
Eine Diele knarrte draußen im Korridor, und einen Augenblick später klopfte es an der Tür.
»Es ist Zeit für deinen Unterricht!«, rief eine Stimme. Es war die Tutorin Yvindris.
Elysias Herz wurde schwer. Sie hatte gehofft, an diesem Tag von Birgitta unterrichtet zu werden. Zusammen mit ihr machten die Stunden wenigstens Spaß.
Seufzend streifte Elysia ihre einfache Tunika im Braun der Novizinnen über. Am Spiegel hielt sie inne und vergewisserte sich, dass ihr schwarzes Haar sauber weggesteckt war – nach hinten rechts, wie es der Brauch verlangte. Zwischen Bücherstapeln und Pergamenten hindurch tänzelte sie zur Tür und fasste sich in Geduld, dass ein weiterer sinnloser Vortrag auf sie wartete.
Die junge Novizin und die alte Lehrerin in blauem Gewand bewegten sich schweigend über den Flur. Yvindris humpelte leicht und berichtete der gelangweilten Elysia in allen Einzelheiten vom hartnäckigen Schmerz im linken Bein. Dies war ein üblicher Gesprächsstoff unter den älteren Tutorinnen, die sich mehr Gedanken über ihre Gesundheit als über Magie zu machen schienen. Selbst ihre Unterhaltungen über Magie fielen bisweilen eher öde aus. Elysia war daher nur umso entschlossener, noch mehr Zeit auf körperliche Ertüchtigung zu verwenden, damit sie am Ende nicht so wurde wie Yvindris.
Während ihre Sohlen leise über den uralten Stein schabten, drang aus verborgenen Alkoven, wo man betete oder arkane Texte vorlas, das Gemurmel weiblicher Stimmen. Wissen wurde von einer Generation von Schwestern an die nächste weitergegeben. Das Lernen aus Büchern mochte Elysia am wenigsten. Am liebsten hielt sie sich zusammen mit Birgitta draußen in den Wäldern auf. Dies führte natürlich unweigerlich dazu, dass viele der anderen Schwestern sie für dumm hielten.
Gemeinsam betraten Elysia und Yvindris einen weiten Innenhof mit einem wunderschönen Garten samt Brunnen in der Mitte. Liguster wuchs kaum kniehoch in kunstvollen Spiralen und unterteilte die verschiedenen bunten Blumenbeete. Statuen ehemaliger Matriarchinnen säumten den Weg vor der Tutorin und der Novizin. Am Rand des Innenhofs erhoben sich efeuumrankte Säulen. Ein halbes Dutzend Krähen hatte sich auf der Mauerkrone niedergelassen. Inzwischen war es ein heiterer Tag geworden, und die verwitterten Steine fühlten sich sonnenwarm an. Drei junge Frauen saßen still und gedankenversunken auf einer Steinbank. Zwei von ihnen blickten kurz abschätzig von den Schriftrollen auf, in denen sie gerade lasen. Elysia fiel es schwer, Freundinnen zu finden, selbst unter den anderen braun gewandeten Novizinnen ihres Alters.
Im Vorübergehen wandte eine der Pflanzen Elysia ihre schwarze Blüte zu – das Gewächs beobachtete sie. Genauer gesagt, wandten die alten Weiber diesen Zauber an, um ihrer Novizin aus der Ferne nachzuspionieren. Elysia verirrte sich nur selten in den Garten, gerade weil sie wusste, dass dort immer irgendwer von irgendwoher jeden ihrer Schritte überwachte.
Yvindris hielt in der Mitte am Brunnen inne. Die alte Frau war etwas kleiner als Elysia, die trotz ihrer nur siebzehn Sommer die meisten anderen Schwestern inzwischen überragte. Ein weiterer Grund, warum sie sich so anders fühlte, nicht nur in geistiger, sondern auch in körperlicher Hinsicht. Yvindris’ faltiges blasses Gesicht verbarg sich unter einer Kapuze, und das schmuckvolle blaue Tuch schirmte mit seinem Schatten auch ihre Augen ab. Eins dieser Augen war durch einen roten Hexenstein ersetzt worden, und Elysia hatte nie erfahren, welche Eigenschaften er Yvindris verlieh.
Die Alte zog nun einen blassblauen Hexenstein aus dem Ärmel und reichte ihn Elysia, bevor sie mit einem krummen Finger auf den Brunnen wies. »Ich möchte, dass du mit diesem Elementar den Fluss des Wassers unterbindest. Verwende ihn zu nichts anderem! Halt ihn einfach nur auf! Dann bleibt abzuwarten, ob du dich noch an den Inhalt des gestrigen Textes erinnerst.«
Elysia seufzte, trat an den verzierten Brunnenrand und blickte in das leicht gekräuselte Wasser. Ungefähr zwei Schritte entfernt, erhob sich in der Mitte ein steinerner Fisch, aus dessen Maul klares Wasser hervorsprudelte. Abgesehen von ihren Stimmen und gelegentlichen schrillen Vogelrufen, war das Blubbern der Fontäne das einzige Geräusch, das sie wahrnahm.
Mit der rechten Hand umklammerte Elysia den Stein, der sich überraschend schwer und hart anfühlte. Dann verlangsamte sie ihren Herzschlag.
Yvindris schaute ihr über die Schulter. »Hoffentlich kannst du dich an die Formel erinnern«, zischte sie. In ihrer Stimme lag mehr als nur ein Hauch Schadenfreude. »Du hast bereits zweimal versagt. Dein Ruf als Versagerin wird dich zu einem armen Clan verurteilen, und die Zeit deiner Zuordnung steht kurz bevor. Ein armer Clan macht einer Schwester das Leben schwer. Das kann ich dir flüstern.«
Weil ich dann als einäugige Vettel wieder hier lande? Elysia behielt den Gedanken lieber für sich. Es gehörte zu den ungeschriebenen Gesetzen, dass viele der unglückseligeren Schwestern als Tutorinnen auf die Insel zurückkehrten.
Elysia umklammerte den Stein und murmelte den gebotenen Zauberspruch in einer uralten Sprache des Vierten Zeitalters. Sie gab ihr Bestes, um sich die Form von Worten zu vergegenwärtigen, die jenseits der Brücken von Jarratox niemand mehr verwendete. Den Atem der alten Schwester im Nacken suchte sie nach den richtigen Ausdrücken. Glühende Hitze breitete sich in ihrem Körper aus, die Brust wurde ihr eng …
»Zwei der Worte sind nicht korrekt«, blaffte Yvindris. »Runde deine Vokale ab und sprich die Endungen deutlicher aus!«
Das Wasser im Becken geriet ins Blubbern, statt still zu werden, und träger Dampf stieg von der Oberfläche auf. Der steinerne Fisch schwankte wie wild.
Yvindris legte Elysia eine Hand auf die Schulter, damit sie verstummte, und ihr Wortstrom versiegte.
Elysia war außer Atem. Ihre Beine fühlten sich schwach an.
»Du bist wütend«, grantelte Yvindris.
Ist das ein Wunder, wenn du mir immer so dicht auf den Pelz rückst?
Elysia zuckte nur leicht mit den Schultern. Sie gab den blauen Stein zurück und richtete ihre volle Aufmerksamkeit wieder auf den hellen Innenhof. Sie musste blinzeln, als wäre sie aus tiefem Schlaf erwacht.
In der Nähe gaben sich die anderen Mädchen keine große Mühe, ihr Gelächter über Elysias abermaliges Scheitern zu unterdrücken.
»Warum kann eine Schwester mit einer so weit fortgeschrittenen Ausbildung eine derart einfache Aufgabe nicht erfüllen?« Yvindris’ Worte klangen weder sanft noch hart, sondern erfolgten mit der gleichen monotonen Ungerührtheit wie bei den gleichaltrigen Matronen. Nur bei Birgitta war es anders.
»Vielleicht werde ich einfach nicht gut«, murrte Elysia. »Vielleicht werde ich die Schwesternschaft sogar enttäuschen.«
»Es gehört nicht zu deinen Aufgaben, dies vorherzusehen«, gab Yvindris zurück. »Die Matriarchin war im Umgang mit dir schon immer sehr auf der Hut. Es ist kein Mangel an Macht, der dich behindert, o nein. Du bist durchaus mächtig. Es ist vielmehr deine Einstellung. Du begreifst den Sinn unseres Tuns nicht. Es kümmert dich nicht genug, um es richtig zu machen.«
Elysia seufzte. »Sollen wir denn nicht infrage stellen, was man uns zeigt? Ist die Welt nicht nur eine Illusion? Zumindest wird uns das doch ständig beigebracht. Das sind die Worte über den Torbogen, wenn wir das Vergessene Viereck betreten.«
»Den Wegen der Schwesternschaft darfst du vertrauen«, fuhr Yvindris fort. »Wir entspringen der Erde. Wir sind Teil dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Für uns gibt es keine Illusionen.«
Elysia starrte auf die glatten Steinplatten unter ihren Füßen. Wenn sie etwas infrage stellte, bekam sie als Antwort nur einen weiteren Vortrag. Es war immer das Gleiche, und inzwischen wusste sie, dass sie besser keine Fragen stellte und sich lieber zu gegebener Zeit eigene Antworten suchte.
Als sie ein Geräusch vernahm, blickte sie auf. Auf der anderen Seite des Gartens öffnete jemand so grob eine Tür, dass sie gegen die nächste Mauer krachte. Ein Dutzend Gestalten in goldgelben Gewändern durchschritt den Innenhof. Schweigen begleitete sie. Die älteren Schwestern waren nur selten in größeren Gruppen unterwegs, und ganz sicher erweckten sie dabei nie den Eindruck solcher Eile.
»Du wirkst besorgt«, sagte Elysia und betrachtete Yvindris mit prüfendem Blick.
»Das bin ich, Kind.«
Kind?! Ist es denn verwunderlich, dass ich so schnell wütend werde, wenn man mich mit siebzehn Sommern immer noch Kind nennt?
»Was bereitet dir denn Sorgen?«, erkundigte sich Elysia.
»Unsere Zukunft. Die Zukunft der Welt.«
»Die Zukunft wird niemals geschehen«, zitierte Elysia Faraclyes, einen Mystiker des Achten Zeitalters.
»Ich merke schon, dass du doch etwas gelernt hast«, murmelte Yvindris.
Eine Glocke läutete, ein Klang, den Elysia während ihrer ganzen Zeit an diesem Ort noch nie gehört hatte.
»Ich muss gehen«, entfuhr es Yvindris. »Kehr in dein Quartier zurück!«
Die alte Frau raffte ihre Gewänder und huschte aus dem Innenhof. Elysia spähte zu den anderen Novizinnen hinüber und bemerkte, dass diese das Lachen eingestellt hatten. Und auch die sonderbar wachsamen Blumen hielten die Köpfe gesenkt und rührten sich nicht mehr.
Ein dunkles Gesicht
Männer raunten in finsteren Ecken. Nachrichten wurden ausgetauscht. Schon bald war ein Treffen vereinbart.
Zwei Tage später dann stand Xavir Valderon, dem Anführer der Kettenleichen, in einem abgelegenen Teil der Feste gegenüber. Niemand sonst hielt sich auch nur in der Nähe dieser Kammern auf. Zwei Wächter hatten das Treffen zugelassen und dafür Landrils geschmuggelte Kräuter erhalten. Die Wächter waren allerdings so klug, nicht mit in die Zelle gekommen zu sein, um die Anführer der Banden im Auge zu behalten. Vielleicht hofften sie einfach nur, dass sich die beiden gegenseitig umbringen würden.
»Was willst du von mir, Bandenkopf?«, fragte Valderon. Er weigerte sich, Xavir als Höllenkönig zu bezeichnen. Mit dem Titel eines Königs ging einfach zu viel einher, und das verabscheute Valderon zutiefst.
»Gallus hat Davlor ins Gesicht geschlagen«, erzählte ihm Xavir. »Tylos kann es bezeugen.«
»Der Schwarze ist zweifelsohne verlässlich.« Valderon seufzte. Seine Augen funkelten vor Anspannung. Er war ein großer Mann, der sich vor Xavir nicht verstecken musste. Seine Schultern waren immer noch unfassbar breit, obwohl die Nahrung im Gefängnis fast nur aus Haferbrei bestand. In seiner dunklen Mähne war noch kein graues Haar zu entdecken. »Kleine Streitigkeiten unter Halbwüchsigen«, brummte Valderon. »Deshalb hast du mich hergerufen?«
»Nein.« Xavir achtete auf jede von Valderons Bewegungen. Bei ihrer letzten Begegnung im Hof waren sie von ihren eigenen Leuten umringt gewesen, und nahezu sämtliche Wächter hatten sie genauestens beobachtet und mit Speeren und Pfeilspitzen in ihre Richtung gewiesen.
»Was willst du dann?«, fragte Valderon und rieb sich den zerzausten Bart.
»Dass alles ein Ende hat«, erklärte Xavir. »Dass diese sinnlosen Prügeleien um Schutz und Rache ein für alle Male vorüber sind. Dass wir aufhören, um nichts zu kämpfen, sondern für etwas.«
Valderon erhob sich und ließ die Knöchel knacken.
»Beruhige dich!« Xavir winkte ab. Dabei achtete er genau darauf, dass die Geste nicht abfällig wirkte. »Ich bin nicht gekommen, um mit dir zu kämpfen!«
»Wie wollen wir es dann zu Ende bringen, wie du es nennst? Sprich!«
»Hast du hier Frieden gefunden?«, fragte Xavir.
»Was bedeutet denn das nun wieder?«, erkundigte sich Valderon abschätzig.
»Soll das hier alles sein? Ich weiß nicht, welchen Rang du einmal innehattest, vermute aber, dass du bei den Streitkräften gedient hast. Ich weiß auch nicht, warum du hier gelandet bist, aber willst du hier für den Rest deines Lebens ausharren? Willst du in einem Kerker am abgeschiedensten Ende des Kontinents sterben?«
Valderon musterte sein Gegenüber. »So schlimm ist es hier nicht. Das weißt du selbst. Schließlich warst du früher auch einmal Soldat. Ganz sicher hast du an Feldzügen teilgenommen. Im Vergleich dazu genießt du hier ein süßes Leben. Regelmäßiges Essen. Keine Sorge um den Schlafplatz. Kein Druck, der auf dir lastet, weil du für das Leben von so vielen Männern verantwortlich bist. Nun, zumindest sind die Herausforderungen nicht mehr so groß. Hier kann ein Mann durchaus seinen Frieden finden.«
»Hier kann ein Mann aber auch den Verstand verlieren«, wandte Xavir ein und dachte an seine eigenen Albträume.
»Wenn er Glück hat«, antwortete Valderon mit grimmigem Lächeln.
Der Anführer der Kettenleichen trat in den schwachen Lichtschein unterhalb eines vergitterten Fensters. Auf seiner Wange zeichnete sich über dem dichten schwarzen Bart eine verblasste Narbe ab. Diese Wunde musste noch aus seiner Zeit vor der Höllenfeste stammen. Es wurde gemunkelt, Valderon habe einst der Ersten Legion angehört, einer von Cedius’ besten Einheiten, zu der auch Fußtruppen zählten.
»Ich muss die Höllenfeste verlassen«, verkündete Xavir.
Valderon stieß ein raues, kehliges Lachen aus. »Natürlich. Tja, am besten marschierst du einfach durch die Vordertür nach draußen.«
»Ich meine es ernst«, erwiderte Xavir. »Ich muss gehen.«
Valderon musterte ihn stirnrunzelnd. »Warum gerade jetzt?«
»Es hat sich einiges dort draußen ereignet, und meine Hilfe wird gebraucht.« Mehr wollte Xavir zu dieser Angelegenheit nicht sagen.
»Wie du meinst …«, bemerkte Valderon. »Hast du eine Ahnung, wie viele Wächter zwischen dir und der Freiheit stehen?«
»Zweihundertvier«, entgegnete Xavir. »Nach meiner letzten Schätzung, und alle sind bewaffnet. Ganz zu schweigen von vierzehn versperrten und verriegelten Toren sowie den Hexen am Fuß des Berghangs. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass der Koch irgendwo in seiner Waffenkammer auch noch ein stumpfes Messer hat.«
Darüber musste Valderon erneut ein wenig lächeln, und langsam löste sich die Spannung. »Wie genau willst du von hier entkommen?«, fragte er.
»Mit deiner Hilfe.« Xavir erkannte sofort, dass er nun die Neugier seines Gegenübers geweckt hatte. »Wir brechen gemeinsam auf. Wir beide. Zusammen. Und wir nehmen möglichst viele unserer Männer mit.«
Ein Moment des Schweigens folgte. Dann lachte Valderon lauthals auf, verstummte aber sofort, als er den Ernst in Xavirs Miene erkannte. »Na, dann spuck es aus, Höllenkerl! Das will ich hören.«
Es war nicht einfach gewesen, Valderon von dem Plan zu überzeugen. Der Umstand, dass das Gelingen des Plans zu großen Teilen von Landril abhing, hatte die Sache nicht einfacher gemacht. Schließlich wirkte der Mann nicht sonderlich tüchtig. Doch dann hatte Xavir erzählt, dass es dem Meisterspion gelungen war, sich in die Höllenfeste einzuschleusen. Und das nur, um gewisse Neuigkeiten zu überbringen und Xavir aus dem Kerker herauszuholen. Davon hatte Valderon sich beeindruckt gezeigt.
»Ich mag keine Spione – die Göttin möge ihre leisen Sohlen verfluchen. Aber dieser Kerl scheint Mumm in den Knochen zu haben«, musste Valderon zugeben.
»Die Höllenfeste«, erklärte Xavir, »braucht ihre festen Abläufe. Doch feste Abläufe lassen sich ausnutzen, und genau darauf beruht unser Plan.«
»Wenn es so einfach ist, warum machst du dich dann nicht allein ans Werk?«, fragte Valderon.
»Ich habe nie behauptet, dass es einfach ist«, murmelte Xavir.
Valderon nickte. »Wenigstens wird es nicht schwierig, für Ablenkung zu sorgen.«
»Wie bei jedem Krieg geht es hierbei um die Ströme der Männer. Darum, wo sie sich zu jedem bestimmten Zeitpunkt der Schlacht aufhalten. Die schiere Zahl ist zweitrangig. Die Wachen sind uns überlegen, und zwar mindestens zwei zu eins. Und sie sind bewaffnet. Wir nicht. Aber sie können nicht überall gleichzeitig sein, und sobald sie nicht mehr leben, nehmen wir ihnen einfach die Waffen ab. Mir ist nicht entgangen, wer hier in letzter Zeit den Dienst angetreten hat, und diese Burschen sind wahrlich nicht mehr aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre Kameraden früher. Die guten Soldaten werden anderswo gebraucht.«
»Du bist ein Krieger«, sagte Valderon mit durchdringendem Blick. »Das war mir schon klar.«
Xavir antwortete nicht.
»Wann sollen wir anfangen?«
»Sofern du dem Plan zustimmst, geht es in drei Tagen im Innenhof los. Landril hat die Formel ausgerechnet, nach der die Wächter den Hofgang der Gefangenen bestimmen. Aus offensichtlichen Gründen lässt man uns beide nur selten zur gleichen Zeit auf den Hof. In drei Tagen jedoch sind Landril und ich dort. Außerdem eine gute Anzahl deiner Männer. Du musst nur zustimmen und ihnen entsprechende Anweisungen erteilen.«
»Woher weiß ich, dass du mich nicht in den Zellen verrotten lässt?«
Eine berechtigte Frage, mit der Xavir indes gerechnet hatte. »Vertrauen bedeutet hier natürlich nur wenig. Aber du weißt selbst, dass ich ohne einen Mann deines Schlags nicht entkommen kann. Wir müssen dir rasch eine Waffe beschaffen und dich an die Spitze deiner Truppen stellen, ganz so, als wolltest du wieder in den Krieg ziehen. Wie ich schon sagte – entweder wir gehen beide, oder wir sterben beide in diesem Verlies.«
»Was ist mit den Blutspielern?«
Xavir hob die Schultern. »Sie haben nur zehn Männer, unsere beiden Banden zusammen zweiundvierzig. Gemeinsam bilden wir die klare Mehrheit. Ich hätte nichts gegen ihre Hilfe, aber fürs Erste ist es besser, wenn sie nichts davon wissen. Vor zwei Jahren gab es einen Fluchtversuch. Wahrscheinlich wäre er geglückt, hätten die Blutspieler nicht die Wächter in Kenntnis gesetzt. Du verstehst hoffentlich, warum ich sie nicht in den Plan einweihe.«
Valderon schwieg.
»Wir werden sehr schnell zu Gejagten werden«, gab Valderon mit ernster Miene zu bedenken.
»Aber immerhin werden wir spüren, dass wir noch lebendig sind.«
Wieder bogen sich Valderons Mundwinkel leicht nach oben. Xavir streckte Valderon den Arm entgegen. Der andere umschloss Xavirs Handgelenk mit festem Griff und schüttelte es kräftig. Dies war eine zwanglose Geste, weit verbreitet unter den Kriegern, die in den Heeren von Cedius dem Weisen gedient hatten. Der Augenblick bedurfte keiner Worte. Beide Männer erkannten auch ohne Worte, dass sie mehr gemeinsam hatten, als ihnen bislang bewusst gewesen war.
Elysia
Atemlos stürmte Birgitta in Elysias Zimmer. »Sie haben etwas vor!«, rief sie.
»Wer?«, fragte Elysia. Sie erhob sich von ihrem Bett, auf dem sie sich ausgestreckt hatte. Wieder einmal hatte sie versucht, eine Schriftrolle auswendig zu lernen. Bei der nächsten Wiederholung ihrer letzten Lektion wollte sie nicht noch einmal versagen.
»Die Schwestern«, erklärte Birgitta. »Bei der Quelle! War das der Grund, weshalb die Glocke läutete? Du hast es doch gehört, nicht wahr? Viele der älteren Schwestern sind schon von den Clans zurückgerufen worden. Sie trafen im Lauf der Nacht oder heute Morgen hier ein.«
»Warum bist du nicht bei ihnen?«
»Weil ich als einfache Tutorin keine entsprechende Einladung erhalten habe.« In gespielter Kränkung verschränkte Birgitta die Arme vor der Brust. Sie trug ein langes blaues Gewand und darunter eine Tunika in dunklerem Blau. Auf der Brust und am Hals gab es schöne, aber dezente Stickereien – ein zaghafter Akt der Rebellion, denn derlei Zierde war eigentlich verpönt. Birgitta sah aus, als habe sie vierzig oder fünfzig Sommer erlebt, und damit war sie jung für eine Schwesterntutorin. Ihr leicht widerspenstiges hellblondes Haar wies allerdings einen silbrigen Glanz auf und deutete an, dass sie womöglich um einiges älter war. Ihre Augen waren so klein, Nase und Mund so zierlich, dass ihre Züge im richtigen Licht wie die einer Puppe wirkten. Verborgen unter ihrem Gewand war sie von drahtigem, jugendlichem Wuchs. Einer der Gründe, weshalb Elysia sie so sehr mochte, war Birgittas Weigerung, so gebrechlich und schwach zu werden wie viele ihrer Mitschwestern. Letztere waren der Auffassung, körperliche Ertüchtigung sei unter ihrer Würde. Birgitta sah das anders.
»Was haben sie vor?«, fragte Elysia. »Was ist nur los?«
»Wir sehen es uns an.« Birgitta streckte die Hand aus. »Nun komm!«
»Was sehen wir uns an?«
»Das weiß ich noch nicht, kleine Schwester. Aber wir finden es heraus.«
Die beiden Schwestern traten auf den Flur hinaus. Birgitta übernahm die Führung, und so stiegen sie die Treppe zum großen Hauptflur hinunter. Weit und breit war niemand zu sehen, und das war für den späten Morgen eher ungewöhnlich. Zu dieser Zeit war der frühe Unterricht beendet, und die Schwestern hatten ein wenig Freizeit, bevor die stille Studierzeit am Nachmittag begann.
Plötzlich hielt Birgitta inne und wandte sich zu einer alten Kalksteinwand um. Elysia war ihr zum Glück nicht in die Fersen getreten und wollte gerade fragen, warum sie nicht weiterging. Da holte die Tutorin einen schwarzen Hexenstein aus der Tasche und legte ihn in eine Vertiefung, die Elysia kaum erkennen konnte.
Ruckelnd baute sich wie aus dem Nichts eine Türöffnung vor ihnen auf.
»Schnell hinein mit dir!«, raunte Birgitta.
Elysia trat vorsichtig in die Leere, während Birgitta den Stein wieder an sich nahm. Einen Augenblick später standen sie in völliger Finsternis, umgeben vom Geruch nach Staub und Schimmel. Birgitta murmelte etwas Unverständliches, bis nach und nach ein Stein nach dem anderen aufleuchtete. Eine Kaskade aus weißem Licht breitete sich vor ihnen aus und erhellte einen langen, schmalen Korridor.
»Wo sind wir?«, fragte Elysia. »Dürfen wir uns überhaupt hier aufhalten?«
»Bei der Quelle, dir fehlt es wirklich an Mut! Habe ich dir denn nichts beigebracht? Wer nichts wagt, endet genau wie alle anderen. Du solltest begeistert sein, dass wir uns in einem Geheimgang befinden.«
»Also, irgendwie bin ich ja auch irgendwie … Aber wo sind wir?«
»Innerhalb der Mauern. Durch diese Gänge gelangen die Schwestern schnell und unbemerkt von einem Teil von Jarratox in einen anderen.«
»Warum müssen sie das im Geheimen tun?«
»Die Schwestern mögen Begriffe wie geheim nicht. Sie sind stolz darauf, offen und ehrlich zu sein. Zumindest behaupten sie das stets und allen gegenüber. Was ich dir zeigen will, wird dir beweisen, dass dies eine Lüge ist.«
»Solltest du mir so etwas zeigen?«
»Du bist alt genug, um eigene Entscheidungen zu treffen«, sagte Birgitta. »Nun komm schon!«
Eine Weile folgten sie weiter den leuchtenden Steinen, und Elysia hörte schwach gedämpfte und hastig geführte Gespräche.
»Verläuft dieser Gang unter den Gemächern der Schwestern entlang?«, fragte sie.
»Für diesen Teil trifft das tatsächlich zu«, sagte Birgitta und blieb stehen. Offenbar musste sie sich neu orientieren. Elysia stellte fest, dass sie an einer Kreuzung angelangt waren, und das Licht vor ihnen wurde schwächer. Ihr kam es so vor, als würde seine Kraft sich langsam verflüchtigen.
Birgitta vollführte eine Geste nach rechts, und eine weitere Steinreihe leuchtete auf.
»Wie hast du das zustande gebracht?«, fragte Elysia.
»Der Stein«, antwortete Birgitta und zeigte ihr denselben schwarzen Stein, den sie zuvor in die Vertiefung in der Wand gelegt hatte. »Der Stein kennt mein Ziel.«
»Das glaube ich dir nicht.«
»Gut«, räumte Birgitta ein. »Von jetzt an solltest du nur noch flüstern«, fügte sie mit geheimnisvoller Stimme hinzu.
Elysia nickte und folgte der älteren Schwester. Das Stimmengewirr wurde erst etwas schwächer und dann, nachdem sie eine Wendeltreppe hinaufgestiegen waren, wieder sehr viel lauter.
Schließlich traten die beiden Frauen in einen Korridor mit niedriger Decke. In der Wand befand sich ein schmuckvolles kleines Eisengitter. Von draußen fiel ein Streifen Sonnenlicht herein, das sich in Staubteilchen und Spinnweben verfing. Einige Schritte den Gang entlang gab es links ein weiteres Gitter, das sich zu einem schwach erhellten Saal hin öffnete.
»Ein Konklave der Schwestern«, flüsterte Birgitta, die mit leichten Schritten über die Dielen eilte. »Seit über zehn Jahren das erste.«
Mit einer Handbewegung lotste sie Elysia zum Gitter. Nebeneinander setzten sich beide auf den Boden und drückten die Gesichter gegen die Eisenstäbe.
