Verlag: Coppenrath Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

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E-Book-Beschreibung Holundermond - Jutta Wilke

Wie verwunschen wirkt das alte Kloster im sanften Licht des Mondes. Doch Nele ahnt, dass hinter seinen dicken Mauern ein Geheimnis lauert, das eng mit dem plötzlichen Verschwinden ihres Vaters verknüpft ist. Entschlossen, das Rätsel zu lösen, stellt sie sich zusammen mit ihrem Freund Flavio den dunklen Kräften des Klosters entgegen.

Meinungen über das E-Book Holundermond - Jutta Wilke

E-Book-Leseprobe Holundermond - Jutta Wilke

ISBN 978-3-649-60963-6 (e-Book)

e-Book © 2011 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

ISBN 978-3-8157-5305-7 (Buch)

© 2011 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Text: Jutta Wilke,

vertreten durch: Literatur Agentur Hanauer, München

Covergestaltung: Hilden Design

Coverillustration: Iacopo Bruno

Satz: Sabine Conrad, Rosbach

Redaktion: Valerie Flakowski

www.coppenrath.de

Für meine Eltern,die mir das Tor zur Welt der Bücherund ihren Geschichten geöffnet haben.

Prolog

*

Einige nennen mich Mutter Holunder,

andere nennen mich Dryade,

aber eigentlich heiße ich

Erinnerung.

Hans Christian Andersen,

Mutter Holunder und andere Märchen

*

Kartause Mauerbach, ein Siechenhaus,im Juni 1783 n.Chr.

Es war dunkel geworden in dem alten Kloster.

Mit der Nacht kam die Kälte zurück, zog durch die Ritzen und kroch unter die Menschen, die eng aneinandergedrängt auf dem Boden kauerten. Nur die im Mondlicht blass schimmernden Glasfenster erinnerten daran, dass dieser Raum einmal zu einer Kirche gehört hatte. Es schien, als ob die weißen Dolden des Holunders, der draußen vor den Fenstern blühte, behutsam einen Schleier über diesen trostlosen Ort legen wollten.

Johanna wickelte das Laken enger um ihren kleinen Bruder. Sie streichelte seinen bebenden Körper und flüsterte ihm beruhigende Worte ins Ohr. So viele Nächte hatte sie an Samuels Lager gesessen, ihn gehalten und hin und her gewiegt. Ihr Rücken war schon steif und ihre Arme wurden immer schwerer.

Samuel glühte am ganzen Körper und Johanna wusste, dass sie ihm unbedingt etwas von dem Wasser einflößen musste, das sie am Brunnen geholt hatte. Sie versuchte, ihn aufzurichten und den Becher an seinen Mund zu setzen, aber sie hatte kaum noch Kraft. Schließlich tunkte sie einen Zipfel des Lakens in das Wasser und steckte ihn Samuel zwischen die Lippen.

Gierig begann ihr Bruder zu saugen. Immer wieder befeuchtete Johanna das Stückchen Stoff und schob es Samuel in den Mund.

Inzwischen schliefen fast alle Menschen um sie herum. Die wenigen, die noch wach waren, stöhnten leise auf ihren Lagern.

Das Kloster war ein feuchter, kalter Ort, selbst in Sommernächten wie dieser. Überall roch es nach Krankheit, nach Fäulnis und nach Tod.

Am liebsten wäre Johanna an die frische Luft gelaufen, aber hier drinnen lag Samuel, der einzige Mensch, der ihr noch geblieben war auf dieser Welt.

Und jetzt war auch er krank.

Samuel saugte noch ein paar Tropfen Wasser, dann fiel sein Kopf auf ihre Schulter. Sie strich ihm über die dunklen Locken und küsste seine heiße Stirn. Sie nahm ihn fester in die Arme und hielt ihn im Schlaf. Johanna war selbst müde, so müde, dass ihr die Augen zufallen wollten. Aber sie hatte Angst einzuschlafen.

»Lass mich nicht allein, Sami, bitte lass mich nicht allein«, flüsterte sie.

Tränen liefen ihr über das Gesicht. Wie sehr sehnte sie sich nach ihrer Mutter. Aber die war tot, genauso wie ihr Vater.

Immer wieder quälten sie die Bilder, die besonders in der Nacht aus ihrem Versteck krochen, als hätten sie den ganzen Tag nur dagelegen wie ein hungriges Raubtier und auf den Moment gelauert, da sie nicht mehr die Kraft haben würde, sich gegen sie zu wehren. Für immer eingebrannt in ihre Erinnerung waren die Bilder der Männer, die erst ihren Vater in weiße Tücher gehüllt hatten. Dann hatte die Nachbarin auch über das geliebte Gesicht der Mutter helles Leinen gelegt, und die Männer hatten die toten Körper der Eltern aus der Stube geschafft wie alte Möbel, die keiner mehr brauchte.

In der Nacht nach dem Tod der Mutter hatte Samuel ebenfalls das schreckliche Fieber bekommen. Er wird sterben, hatte ein Nachbar gesagt. Ein anderer meinte, man solle die Hütte am besten gleich mit ihnen beiden anzünden, sie seien ohnehin verloren. Doch dann war die alte Hebamme gekommen, hatte sie mitgenommen und in das Kloster gebracht. Der Herrgott ist mit den Kindern, hatte sie gemurmelt und sie beide durch das große Tor geschoben.

Seitdem waren sie hier und Samuel wurde von Tag zu Tag schwächer. Johanna hielt ihn fest umklammert und lehnte sich an seinen kraftlosen Körper. Ihr Kopf wurde schwer, sie wollte sich hinlegen, nur für einen kurzen Moment die Augen schließen, nicht schlafen, nur ausruhen vom Tag.

Plötzlich schreckte sie hoch. Ihr war, als hätte ein Luftzug ihre Wange gestreift. Johanna lauschte.

Vereinzelt war leises Stöhnen zu hören, aber sonst war es still in der Kirche.

Dann sah sie den Fremden.

Hoch ragte er zwischen den Kranken auf, eine dunkle Gestalt in einer langen Kutte. Eine weit in die Stirn gezogene Kapuze verbarg das Gesicht. Johanna hielt die Luft an und machte sich ganz klein. Wer war dieser Mann und wie war er in die Kirche hereingekommen? Sie wusste, dass die schwere Eichentür des Klosters nachts abgeschlossen wurde.

So wollte man verhindern, dass die Menschen von ihren Lagern aufstanden und zurück in ihre Häuser flohen. Die Krankheit sollte nicht aus den Mauern hinaus in die Stadt getragen werden.

Was hatte der Fremde hier mitten in der Nacht zu suchen? Johanna reckte sich ein bisschen, um ihn besser sehen zu können. Er schaute nicht nach rechts und nicht nach links, interessierte sich nicht für die Menschen, die hier lagen. Mit langen Schritten eilte er durch den Gang.

In den Armen hielt er ein Bündel, das er fest an sich presste. Er bemerkte Johanna nicht, obwohl er so dicht an ihr vorbeilief, dass sie ihn hätte berühren können. Rasch drückte sie ihr Gesicht wieder tiefer in Samuels Locken und stellte sich schlafend.

Da ließ sie ein plötzliches Poltern zusammenzucken. Der Fremde war über einen der Kranken am Rand des Ganges gestolpert und hatte sein Päckchen fallen gelassen. Etwas Glänzendes rollte über den Steinboden auf Johanna zu.

Im sanften Licht des Vollmonds konnte sie einen goldenen Kelch erkennen, der genau vor ihr zum Liegen kam. Noch nie hatte sie etwas so Kostbares gesehen. Johanna schlug das Laken zurück. Sie musste den Kelch berühren. Sie musste wissen, wie er sich anfühlte. Langsam strich sie mit den Fingerkuppen über die glatten Steine, die in seinen Rand eingefasst waren, ertastete die feine Gravur, die sich wie eine Schlange darum wand.

Der Blick des Fremden traf sie. Er hob den rechten Arm und streckte ihr seine Hand entgegen. Johanna zögerte. Der Mann trat einen Schritt auf sie zu. Er sprach kein Wort, aber Johanna wusste auch so, dass er ohne den Kelch nicht wieder gehen würde. Behutsam bettete sie Samuel auf das Lager, erhob sich und bewegte sich zögernd auf den Fremden zu. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie groß er war. Viel größer als alle Männer, die ihr bisher begegnet waren. Fest umklammerte sie den Kelch und biss sich auf die Lippen. An der rechten Hand des Mannes fehlte ein Finger. Schnell reichte sie ihm das kostbare Gefäß.

Der Fremde drehte sich augenblicklich um und ging auf den Altar zu. Dort berührte er das große Gemälde hinter dem Marmortisch – und verschwand.

Augenblicklich löste sich Johanna aus ihrer Starre und rieb sich die Augen. Zuerst glaubte sie, das sich in den Kirchenfenstern brechende Mondlicht habe ihr einen Streich gespielt. Sie lief zum Altar und erwartete, den Fremden noch zu sehen. Aber es war, als hätte er sich in Luft aufgelöst. Mit klopfendem Herzen erklomm Johanna die Stufen zu dem heiligen Tisch. Ehrfürchtig betrachtete sie das riesige Bild, befühlte vorsichtig das bemalte Leinen und tauchte ein in ein schwarzes Nichts.

1

Deutschland, Gegenwart

Es war Sommer, als Jan die Tür hinter sich ins Schloss zog und das Haus für immer verließ.

Wie ein Dieb schlich er sich schon im Morgengrauen aus ihrem gemeinsamen Leben.

Im Kirschbaum stritten sich die Spatzen lauthals um die besten Plätze, die Sonne hatte eben erst begonnen, den Tau auf den Blättern zu trocknen.

Nele legte die Stirn an die Fensterscheibe und blickte auf die Straße. Sie würde nie wieder Kirschen essen können, ohne an diesen Morgen zu denken.

Unten vor ihrem Fenster stand Jan, ihr Vater. Sie sagte schon lange nicht mehr Mama und Papa zu ihren Eltern. Irgendwann war aus ihnen Lilli und Jan geworden.

Jan schaute zu ihr hoch und winkte zum Abschied. Dann stieg er in seinen alten blauen Bus und fuhr davon.

Nele fror. Es fühlte sich an, als ob nicht nur Jans Möbel, seine Bücher und Kleider mit dem Bus um die Ecke bogen, nein, es war, als ob auch ein Stück von ihr in Kisten verpackt worden wäre und sich nun immer weiter von ihr entfernte.

»Bis bald«, hatte Jan gesagt und sie noch einmal in den Arm genommen. Bis bald. So, als ob er nur eben auf eine Dienstreise ginge oder auf seinen jährlichen Angeltrip. Aber sie wusste, dass Jan niemals zurückkommen würde. Nicht in dieses Haus, in dem sie so viele Jahre glücklich zusammengelebt hatten.

Auch sie würde bald ausziehen. Lilli hatte eine kleinere Wohnung für sie beide gemietet.

Nele zog sich die Kapuze des riesigen grauen Sweatshirts über den Kopf.

Es war Jans Pullover. Sie hatte ihn heimlich aus einer der gepackten Kisten herausgenommen und unter ihrem Bett versteckt. Heute Morgen hatte sie ihn hervorgezogen und sich darin verkrochen. Wenn sie die Kapuze tief ins Gesicht schob und die Nase vorne in den Ausschnitt steckte, dann roch es nach Jan. Aber der Geruch würde verfliegen, sie konnte die Vergangenheit nicht festhalten.

»Nele, bitte mach doch endlich die Tür auf!«

Schon zum zweiten Mal stand Lilli heute vor ihrem Zimmer.

Nele antwortete nicht. Was hätte sie auch sagen sollen?

»Nele, bitte! So geht das nicht weiter. Wir müssen reden!«

Lilli klopfte schon wieder.

»Verdammt, lass mich endlich in Ruhe. Ich will nicht mit dir reden!«

Nele wandte sich vom Fenster ab und warf sich aufs Bett. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Wütend schlug sie mit den Fäusten auf das Kissen. Nur so konnte sie den Schmerz tief in sich drin aushalten.

Dieser Tag war auf sie zugerollt wie eine Lawine. Am Anfang hatte sie noch geglaubt, dass ihre Eltern sich bald wieder vertragen würden. Aber dann hatte Jan angefangen, Zeitungsannoncen auszuschneiden und auf Wohnungssuche zu gehen. Schließlich war er fündig geworden und hatte begonnen, seine Sachen in Umzugskisten zu packen.

Jeden Tag war das Haus ein bisschen leerer geworden, mit jeder gepackten Kiste hatte es sein Gesicht ein wenig mehr verändert. Da, wo Jans Sachen fehlten, wirkten die Räume wie ein Bild, in dem jemand herumradiert hatte.

Nele ließ ihren Blick durch ihr Zimmer schweifen. Bald würde hier ein anderes Kind wohnen. Ob es Geschwister mitbrachte? Ob seine Eltern sich besser vertragen würden als Lilli und Jan?

Sie seufzte. Ihr war kalt. Sie nahm die Wolldecke vom Bett und wickelte sich darin ein.

Dann drehte sie den Schlüssel im Schloss, öffnete die Tür und ging nach unten.

Lilli saß in der Küche und umklammerte mit beiden Händen eine Tasse. Ihre Mutter sah blass aus.

»Na, Große, möchtest du mit mir frühstücken?«

Nele griff nach einem Glas und goss Milch hinein.

»Das ist Jans Platz!«, fauchte sie ihre Mutter an.

Lilli hob erschrocken den Kopf. Ohne ein Wort zu sagen, stand sie auf, schob ihre Tasse ein Stückchen weiter und setzte sich auf den nächsten Stuhl.

Nele ließ sich ihr gegenüber nieder und nippte an ihrer Milch. Sie wusste, dass sie gemein war. Aber sie konnte nicht anders.

»Du siehst gemütlich aus mit deiner Decke.«

Nele verdrehte die Augen. Sie hasste es, wenn Erwachsene auch in Momenten, in denen es gar nichts zu sagen gab, irgendwas daherreden mussten.

»Ich weiß, dass es dir nicht gut geht. Aber schau, schon in einer Woche holt Jan dich ab und du lernst seine neue Wohnung kennen.« Lilli trank einen Schluck Kaffee.

Nele wusste nichts darauf zu sagen. So hatten sie es vereinbart, ja. Jan würde ausziehen, sich ein paar Tage lang in seiner neuen Wohnung einrichten und dann würde sie ihn besuchen. Schließlich waren Sommerferien. Und Nele wollte doch sicher sehen, wie Jan jetzt lebte.

Wollte sie das wirklich? Sie starrte auf den Platz, auf dem er beim Frühstück immer gesessen hatte. Sie wollte, dass er wieder hier wohnte, dass er da saß, wo er immer gesessen hatte. Sonst nichts.

Das Telefon klingelte.

Nele nippte wieder an ihrer Milch und wartete. Lilli starrte in ihren Kaffee. Aber das Telefon klingelte unbeeindruckt weiter, sodass Lilli schließlich fluchend ihre Tasse absetzte und in den Flur ging.

»Ja bitte?«

Pause.

»Was soll das heißen, du musst weg? Wie lange denn? Und warum konntest du das nicht schon vorhin sagen?« Lillis Stimme wurde lauter. »Was ist mit Nele?«

Als sie ihren Namen hörte, stand Nele auf und ging langsam in Richtung Flur.

»Soll ich dir mal was sagen? All die Jahre hindurch war dir dein Beruf wichtiger als alles andere. Nun hast du einmal die Chance, mit deiner Tochter zwei Wochen allein Urlaub zu machen, und schon wieder soll sie hinter deinem Job zurückstehen?« Lilli schrie jetzt und Nele zuckte zusammen. »Komm her und sag es ihr selbst. Wenigstens so viel Mumm solltest du haben, findest du nicht?« Lilli knallte das Telefon auf die Kommode und drehte sich um. Nele stand in der offenen Küchentür und starrte sie an.

»Was ist los?«

»Nichts, gar nichts.« Ihre Mutter strich sich durch die Haare und wich ihrem Blick aus.

»Ihr habt euch wieder gestritten. Ihr habt wegen mir gestritten. Was ist passiert?«

»Es ist nichts, Nele. Wirklich nicht.« Lilli wandte sich ab und lief ins Bad.

»Gar nichts?« Nele folgte ihr. Vor der verschlossenen Badezimmertür blieb sie stehen. »Was soll er mir selbst sagen? Und was ist mit seinem Job?«

Sie hörte, wie im Bad die Dusche anging. Ihre Mutter antwortete ihr nicht. Wütend trat Nele gegen die Tür. Sie musste hier raus. Sie stürzte den Flur entlang und wischte im Vorbeirennen das Telefon von der Kommode, das krachend auf den Fliesen aufschlug.

Sie riss die Tür auf und trat in den Garten. Der Morgen war noch kühl, irgendwo zwitscherte eine Amsel. Sie kannte die Stimmen der heimischen Vögel, Jan hatte sie ihr bei ihren langen gemeinsamen Spaziergängen durch den Wald immer wieder erklärt.

Nele seufzte. Der Garten schien ihr so unwirklich, die Stille so friedlich und vollkommen.

Im hinteren Teil des Gartens stand noch die kleine Hütte, die Jan ihr gebaut hatte und die ihr Schloss, ihr Wigwam oder ihre Höhle gewesen war. Auf dem Dach saß die Amsel und schaute sie neugierig an.

Nele schlüpfte unter das Dach, kauerte sich an die Wand und schlang die Arme um die Knie. Wenn man die Zeit nur zurückdrehen könnte. Oft hatte sie sich gewünscht, endlich erwachsen zu sein. Doch heute fühlte sie sich so klein wie schon lange nicht mehr und alles an ihr kam ihr zu groß vor. Ihre Beine waren schrecklich lang, sie konnte in der Hütte nicht mehr stehen, ohne sich den Kopf anzustoßen. Ihre Arme waren so gewachsen, dass sie sie nur auszustrecken brauchte, um die Wände rechts und links gleichzeitig zu berühren. Nele schloss die Augen und stellte sich vor, nicht sie sei größer geworden, sondern die Hütte sei geschrumpft. So musste Alice sich im Kaninchenbau gefühlt haben, bevor sie den Zaubersaft getrunken hatte.

»Hier steckst du also! Ich habe dich schon überall gesucht.«

Die Sonne stand hoch am Himmel, als Nele wach wurde. Die Amsel war längst verstummt. Nele rieb sich die Augen und wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht.

Unter der Wolldecke war es heiß geworden, die Haare klebten ihr nass am Kopf und ihr Sweatshirt war ganz verschwitzt.

Vor der Hütte stand Jan. »Willst du nicht rauskommen, oder möchtest du weiterschmoren, bis du gar bist?«

Nele hatte nicht damit gerechnet, ihren Vater so schnell wiederzusehen. Im ersten Moment wusste sie nicht, ob sie sich über sein Erscheinen freuen oder ärgern sollte.

Sie krabbelte aus der Hütte und reckte sich. »Was willst du hier?« Unschlüssig sah sie ihren Vater an, wie er da vor ihr stand, die Hände in den Taschen vergraben.

Das Telefongespräch fiel ihr wieder ein. Komm her und sag es ihr selbst, hatte ihre Mutter geschrien.

Er brauchte nichts zu sagen. Sein schuldbewusster Blick war deutlich genug. Nele betrachtete die Biene, die zu ihren Füßen tief in den blühenden Klee krabbelte.

»Komm mal her!« Jan setzte sich auf die Bank, die neben ihrer Kinderhütte unter der alten Fichte stand, und zog sie an seine Seite, so wie er es früher oft getan hatte. »Wie alt bist du jetzt?«, fragte er leise.

Natürlich wusste er genau, wie alt sie war. Was sollte das? »Zwölf«, brummte Nele.

»Zwölf? Meine kleine Prinzessin ist schon zwölf Jahre alt?«

»Warum bist du hier?«

Jan seufzte.

»Du bist genauso hartnäckig wie deine Mutter«, sagte er, ohne sie anzusehen. »Ich bin gekommen, um mich zu verabschieden.«

»Du hast dich heute Morgen verabschiedet.«

»Nele, ich muss weg. Ich weiß es seit gestern Abend, aber ich wusste nicht, wie ich es dir sagen sollte. Deine Mutter hat recht, ich bin ein Feigling.«

Ein Tannenzapfen landete vor ihren Füßen. Jan kickte ihn weg.

»Ich habe einen Anruf aus Österreich bekommen. Aus Wien. Es geht um ein paar wertvolle Gegenstände, die aus Kirchen gestohlen wurden.« Seine Stimme klang fast flehend.

Nele starrte auf den Tannenzapfen im Gras. Daher also wehte der Wind. Ihr Vater arbeitete in einem Museum. Er war Historiker und Kirchengeschichte sein Spezialgebiet.

»Wann musst du fahren?« Sie flüsterte.

»Heute noch. Sie erwarten mich morgen früh in Wien.«

Heute noch. Vor wenigen Stunden erst war er ausgezogen.

»Bitte, Jan! Du musst mich mitnehmen!«

Er schüttelte den Kopf.

»Warum nicht?«

»Ich habe dort keine Zeit für dich. Ich bin den ganzen Tag unterwegs, kann mich nicht um dich kümmern. Versteh das doch. Wir holen deinen Besuch nach. Versprochen. Spätestens in den Herbstferien. Mir fällt das auch nicht leicht, aber du weißt, wie schwer es in meinem Beruf ist, sich einen Namen zu machen. Ich muss diesen Auftrag annehmen. Ich würde meinen Sommer auch viel lieber mit dir verbringen, bitte glaub mir das.«

»Es wäre mir egal, den ganzen Tag allein zu sein. Ich könnte lesen. Oder meine Schulbücher mitnehmen und lernen.«

»Aber …«

»Hier bin ich auch allein. Alle meine Freunde verreisen. Es ist niemand da.«

»Deine Mutter ist zu Hause.«

»Ich will aber nicht hierbleiben zwischen all den doofen Umzugskisten. Bitte nimm mich mit! Ich bin kein kleines Kind mehr, auf das du den ganzen Tag aufpassen musst.«

»Nein, das bist du wirklich nicht mehr. Aber es geht nicht, Nele. Sei doch vernünftig!«

Tränen schossen ihr in die Augen. Vernünftig! Dieses Wort hatte sie in letzter Zeit viel zu oft gehört.

»Ich will aber nicht vernünftig sein!« Sie schob seinen Arm von ihrer Schulter und rannte zum Haus. Auf der Terrasse stand Lilli und sah ihr besorgt entgegen.

»Nele!«

»Lass mich in Ruhe!« Sie stürmte an Lilli vorbei und stolperte die Stufen zu ihrem Zimmer hinauf. Schluchzend schloss sie die Tür hinter sich. Sie hatte es so satt, dauernd wie ein kleines Kind behandelt zu werden! Nie fragte sie jemand nach ihrer Meinung! Nele packte ihr Kissen und schleuderte es quer durchs Zimmer. Sie würde nicht mehr vernünftig sein! Nie mehr! Sie würde mit Jan nach Wien fahren. Ob er das wollte oder nicht.

Nele zerrte ihren Rucksack vom Schrank und fing an, wahllos Sachen hineinzustopfen. Jeans, ihren Kapuzenpulli, Wäsche, zwei T-Shirts, Strümpfe, einen Notizblock, ihr Handy. Fast hätte sie ihren Glücksstein vergessen, den Jan ihr geschenkt hatte, als sie noch ganz klein war. Glatt und rund lag er in ihrer Hand und schimmerte goldbraun. »Tigerauge«, hatte Jan ihn genannt.

Nele steckte den kleinen Stein in die Tasche ihrer Jeans.

Geld, sie brauchte Geld! Achtlos warf sie die Blechdose mit ihrem Gesparten zu den anderen Dingen. Ihr Lieblingsbuch und ihren Plüschhasen durfte sie auch nicht vergessen. Aber der Rucksack war voll. Behutsam setzte sie den Plüschhasen zurück auf ihr Bett und deckte ihn zu. Sie war kein kleines Kind mehr. Er musste hierbleiben. Nele sah sich noch einmal im Zimmer um. Dann nahm sie den Rucksack, drückte leise die Türklinke herunter und lauschte. Nichts war zu hören. Ihre Eltern mussten noch im Garten sein.

Vorsichtig schlich sie die Treppe hinunter, öffnete die Haustür und schlüpfte aus dem Haus. Jans Bus glänzte blau in der Sonne. Erleichtert registrierte sie, dass er ihn nicht abgeschlossen hatte. Sie öffnete die Schiebetür, kletterte hinein und zog die Tür leise wieder zu. Schnell krabbelte sie nach hinten und kroch unter die letzte Bank. Hier konnte ihr Vater sie nicht so ohne Weiteres sehen. Sie griff nach ihrem Rucksack und stellte sich auf eine lange Autofahrt ein.

2

»Wenn du sie gefunden hast, dann sag ihr, dass ich sie lieb habe.« Jan schlug die Autotür zu und startete den Motor.

Nele atmete aus. Er hatte sie nicht entdeckt, aber offensichtlich hatte er nach ihr gesucht. Geschah ihm recht, dass er losfahren musste, ohne sich verabschieden zu können. Sollte er ruhig mal spüren, wie es war, wenn einem der Schmerz unter die Haut zog.

Nele schloss die Augen und kroch noch ein bisschen tiefer in ihr Versteck. Es kam ihr so vor, als ließe sie nicht nur Lilli und das Haus hinter sich, sondern ihr ganzes bisheriges Leben. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr zwei Tränen übers Gesicht liefen.

Der Bus beschleunigte, sie waren wohl schon auf der Autobahn.

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