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Der Außerirdische Humano II landet auf der Erde, um die Menschen auszukundschaften. Er kommt von einem Planeten der Milchstraße, dessen Bewohner seit Jahrzehnten die Menschen beobachten. Sie befürchten, dass die Menschheit ihren Planeten erorbern könnte. Auf seiner geheimen Erdmission lebt Humano II in ständiger Furcht, enttarnt zu werden. Viele seiner Begegnungen mit Menschen sind eher furchterregend. Durch einen glücklichen Zufall lernt er jedoch auch sehr freundliche und tolerante Menschen kennen, die ihn auf seiner Mission unterstützen. Widrige Umstände zwingen ihn allerdings vorzeitig die Mission abzubrechen, da die Gefahr besteht, entdeckt zu werden. Mit einer Vielzahl an Informationen macht er sich wieder zu seinem Heimatplaneten auf.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Der deutsche Astronaut Alexander Gerst (41) hat Zweifel, ob Außerirdische das Leben auf der Erde als intelligent einstufen würden. „Außerirdische würden aus dem All sehen, wie wir das Amazonasgebiet roden, uns bekriegen und die Meere überfischen und verpesten“, sagte Gerst. Er sei sich nicht sicher, ob der Außerirdische das „als intelligentes Leben einstufen“ würde (dpa-Meldung vom 13.09.2017).
Bericht des Gesandten Humano II zur Einschätzung des Bedrohungspotenzials durch die Erdbewohner der Spezies Mensch, an den Hohen Rat des Heimatplaneten PSII:
Zusammenfassung
Nach seinem Aufenthalt auf der Erde kommt der Gesandte Humano II, Mitglied des Hohen Rats, zu folgenden Einschätzungen:
Die Menschen lassen sich nur sehr schwer einschätzen. Sie stecken voller Widersprüche. Die folgenden Bewertungen sind deswegen diskussionswürdig. Es gibt ernstzunehmende Hinweise, dass sich die Menschen durchsetzen werden, die von Vorurteilen und einem unterentwickelten Verstand geleitet werden. Dieser Menschentyp wird von Hass gesteuert und neigt zu aggressivem Verhalten gegenüber Fremden und Andersdenkenden.Die technologischen Errungenschaften der Menschen bei der Erkundung des Weltalls sind bemerkenswert. Zwar konzentrieren sich die Ausflüge auf das eigene Sonnensystem und stützen sich auf einfache technische Hilfsmittel, wie unbemannte Sonden. Die Fortschritte beschleunigen sich jedoch erheblich, sodass die Überwindung größerer Distanzen auch mit bemannten Raumschiffen in einigen Jahrzehnten möglich erscheint.Die Notwendigkeit der Erforschung von Planeten außerhalb des erdnahen Sonnensystems wird für die Menschen in naher Zukunft immer dringender werden, da die Erde bis Ende des Jahrhunderts weitgehend unbewohnbar sein wird. Die Menschen plündern die Ressourcen ihres Planeten ohne einzuhalten. Zudem gefährden die hohen Emissionen ihres Wirkens ein gesundes Weiterleben auf der Erde. Ursachen sind im Wirtschaftsmodell sowie dem Lebens- und Konsumstil eines zunehmenden Teils der Menschheit zu sehen.Bemerkenswert sind ebenso die künstlerischen Fähigkeiten des Menschengeschlechts. Insbesondere die vielen Varianten in der Musik zeigen eine außerordentliche Begabung der Spezies Mensch, gerade bei den schönen Dingen des Lebens. Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Menschen ebenso schlechte Eigenschaften aufweisen. Insgesamt verfestigt sich der Eindruck, dass die Spezies Mensch ein äußerst widersprüchliches und labiles Wesen verkörpert.Das Wesen des Menschen lässt sich nur anhand einer tiefergehenden Analyse begreifen. Einige Menschen sind durchaus freundlich gesinnt, hilfsbereit und aufgeschlossen. Der weitaus größere Teil ist dagegen verschlossen, oberflächlich und Fremden gegenüber reserviert, ja zum großen Teil ablehnend und feindlich gesinnt. Auffällig ist der weit verbreitete Konformismus, der sich zum einen in Äußerlichkeiten widerspiegelt. Unmittelbar gefährlich werden die Menschen als „Herdentiere“, wenn es um diskriminierende politische Denkmuster geht. Der weit verbreitete Rassismus stellt eine solche Denkhaltung dar. Zur Gewaltanwendung ist es dann nicht mehr weit. Die verschiedenen Religionen haben es nicht geschafft, einen besseren Menschen zu kreieren. Im Gegenteil, dadurch werden Intoleranz und Ausgrenzung eher gefördert.Die Defizite des Menschengeschlechts liegen vorrangig im sozialen Bereich. Die wenigsten Menschen kümmern sich um die Nöte der anderen, außer es handelt sich um ein Familienmitglied. Und auch das ist nicht immer zu erwarten. Der einzelne Mensch denkt und handelt häufig ichbezogen. Es fehlt an Mitgefühl. Das Zusammenleben gestaltet sich im Großen wie im Kleinen häufig problembehaftet. Sicherlich gibt es Ausnahmen. Die Masse der Spezies Mensch scheint irgendwie von niederen Instinkten gesteuert zu sein. Diese können durch diverse Massenveranstaltungen, in denen das Konkurrenzprinzip ausgelebt wird, weitgehend in akzeptable Bahnen gelenkt zu werden, brechen jedoch immer wieder hervor. Sehr beliebt sind dabei Fußballspiele. Zudem muss die große Masse der Menschen als geistig beschränkt angesehen werden. Sie folgen ohne darüber nachzudenken problembehafteten Lebensstilen und Ansichten. Auf die Zerstörung der natürlichen Umwelt und eine irrationale Fremdenfeindlichkeit wurde schon hingewiesen.Der angestrebte und zum Teil auch verwirklichte Lebensstil des Menschen in den dominierenden Ländern der Erde weist große Unterschiede zur Denk- und Lebensweise auf PSII auf: Kennzeichnend sind Kurzfristorientierung, auf metrische Rangordnungen fixiertes Konkurrenz- und Statusdenken, mangelndes Mitgefühl, fehlendes vernetztes Denken und eine suchtbehaftete Fixierung auf materielle Güter.Die selbst ernannte Bezeichnung des Menschen als „homo sapiens“, der weise Mensch, erscheint unter diesen Umständen mehr als anmaßend. Notwendige Auseinandersetzungen werden oft nicht im kooperativen Sinne gelöst. Vielmehr werden aggressive Formen bevorzugt. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass in der gesamten Menschheitsgeschichte kriegerische Konflikte keine Ausnahmeerscheinung darstellen. Das festzustellende hohe Aggressionspotenzial des Menschen kann auch unserer Spezies durchaus gefährlich werden. Wir würden von den meisten Menschen als fremd und allein schon wegen der Körpergröße und unseres Aussehens wegen als minderwertig eingestuft werden. Unterdrückung, Ausbeutung und Übergriffe wären damit unabwendbar.Eine auf Kooperation mit den Menschen ausgerichtete Strategie, wie eine Alternative des Hohen Rats vorschlägt, scheint deswegen kaum Erfolg zu versprechen. Da eine kriegerische Auseinandersetzung aus verschiedenen Gründen nicht in Frage kommt, bleibt die Alternative auf einen neuen Planeten, weit weg von der Erde, zu übersiedeln die sicherste Option. Dazu bleiben noch einige Jahrzehnte Zeit.Ausführliche Erläuterungen finden sich in dem beiliegenden detaillierten Bericht. Der engere Kontakt zu einigen wenigen Erdbewohnern hat sich dabei als sehr hilfreich erwiesen. Es war bis kurz vor der Beendigung der Mission sichergestellt, dass hierdurch keine Gefährdung der Mission befürchtet werden muss. Erst mit Hilfe dieser Kontakte konnten die Denk- und Verhaltensweisen der Spezies Mensch näher analysiert werden. Der unbeabsichtigte Kontakt zu einem Mitarbeiter des Geheimdienstes, ein Nachbar, hat den Aufenthalt zu gefährlich werden lassen. Ein Abbruch der Mission wurde dadurch unausweichlich.Mitten in der Nacht weckt ihn Lärm, der vom Treppenhaus der Pension zu kommen scheint. Mehrere Männer rumpeln laut grölend die Treppe hinauf. Gut, dass der Lärm bald schwächer wird, denn er ist sehr müde. Dennoch kann Humano II nicht gleich einschlafen. Er denkt über seine ersten Begegnungen mit richtigen Menschen nach. Die beiden Männer kurz nach seiner Landung waren zwar letztendlich hilfsbereit gewesen. Ihr Gelächter und ihre Bemerkungen hatten ihn aber irgendwie verwirrt. Es verfestigt sich bei ihm der Eindruck, dass die Männer ihn nicht als gleichwertig ansahen. Offensichtlich ist es sein Erscheinungsbild: Die Körpergröße, das Alter? Auf seinem Heimatplaneten spielen Äußerlichkeiten keine entscheidende Rolle. Den Kontakt zu den beiden Frauen stufte er unwillkürlich unterschiedlich ein. Die junge Frau in der Bank flößte ihm etwas Angst ein, zumindest Unsicherheit. Er weiß nicht, wie er solchen Situationen begegnen sollte. Am besten meiden, kommt ihm in den Sinn. Die ältere Frau in der Pension hat in ihm keine derartigen Gefühle ausgelöst. Er würde sie sogar als vertrauenswürdig einstufen. Der ältere Mann in der Bank hatte dagegen bald eine erhöhte Vorsicht in ihm wachgerufen. Pass auf, der will nicht das Beste für dich.
Erschöpft von dererlei verwirrenden Gedanken schläft Humano II bald wieder ein. Durch das Zimmerfenster kitzelt das hereinbrechende Licht seine unbedeckte Haut, als er wieder aufwacht. „Was ist zu tun?“, ist sein erster Gedanke. Es muss ihm irgendwie gelingen, näheren Kontakt zu vertrauenswürdigen Menschen aufzubauen. Wie sollte er sonst zu einer realistischen Einschätzung der Spezies Mensch gelangen. Er muss auch ein neues Zeitgefühl entwickeln. Auf seinem Heimatplaneten ist der Tag nicht so zerstückelt, wie die ausgewerteten Dokumente von Humano I den Ablauf auf der Erde zeigten. Beschäftigungsphasen wechseln sich immer wieder mit Phasen der Muße ab: „Gibt es sowas auf der Erde auch?“ Die Dauer der Beschäftigung mit einer Aufgabe auf PSII ist auch bei weitem nicht so umfangreich, wie es den Menschen zugemutet wird. Diesen und andere Unterschiede muss er unbedingt klären. Er muss sich also einen tragbaren Zeitanzeiger besorgen. Neben seinem Bett steht auf einem kleinen Kasten ein flaches Gerät, das anscheinend die Zeit in Ziffern anzeigt. Auf PSII hatte er in der Vorbereitung die Zeitmessung der Menschen als eine der ersten Lerneinheiten kennengelernt, was ihm jetzt zugutekommt. Der Zeitmesser zeigt gerade 10.11 Uhr. Er spürt, dass er Flüssigkeit zu sich nehmen muss. Feste Nahrung muss er nur in Form von Kapseln zu sich nehmen. In seinem Rucksack hat er etliche Schachteln davon verstaut, die ihm für einige Zeit reichen werden. Er beschließt sich mit dem Rollator auf den Weg zu machen, um die nähere Umgebung zu erkunden. Die Bedienung des Lifts hat er der älteren Frau abgeschaut. Unten angekommen, entdeckt er hinter der Theke eine viel jüngere Frau, die sich angeregt mit einem etwa ebenso alten Mann unterhält. Eigentlich wollte er nach einer Flasche Wasser fragen, aber es beschleicht ihn erneut dasselbe unsichere Gefühl wie in der Bank. Er will sich gerade unbemerkt an den Beiden vorbeidrücken, als die junge Frau laut aufschreit und hektisch mit dem einen Arm auf ihn deutet. Der Mann dreht sich um und sperrt den Mund weit auf. „Ja, wen haben wir denn da“? entfährt es der Frau und „Sind Sie Mieter hier“? Humano II zuckt zusammen. Fliehen ist aufgrund seiner eingeschränkten Mobilität unmöglich und auch nicht sinnvoll, also reißt er sich zusammen und holt schnell sein Display aus der Manteltasche. „Mieter“ hat er verstanden. Er tippt so schnell es geht „Ja, Mieter, Herr Wammsler“ ein und schiebt demonstrativ seinen Arm mit der gelben Binde vor. Beide wechseln schnell ihren Blick von der Binde zum Display. Die junge Frau stammelt etwas wie „ Das wusste ich nicht“ und macht sich an ihrem Monitor zu schaffen. Nach kurzer Zeit kommt eine Stakkato-Sorry-Folge über ihre Lippen sowie ein unüberhörbares Durchschnaufen. Herr Wammsler begibt sich derweil für seine Verhältnisse schnell zur Ausgangstür und schnauft ebenfalls etwas lauter als sonst durch.
Vor der Pension sondiert der glücklich Entkommene erst einmal die Lage. Auf der anderen Straßenseite kann er die Aufschrift „Supermarkt“ auf einem Gebäude erkennen, in das immer wieder Menschen hinein- und hinausgehen. Auf der Straße ist ein reges Hin- und Her, von diesen Kisten mit Menschen darin, im Gange. Er kann sich vage erinnern, in den Dokumenten diese Fahrzeuge des Öfteren gesehen zu haben. Sie spielen offensichtlich eine größere Rolle im Leben der Menschen. Aber wie heißen sie doch gleich? Am Rand des befahrenen Weges stehen viele dieser Kisten in unterschiedlichen Größen und Farben herum. Egal, er muss irgendwie auf die andere Seite kommen. Auf einmal sieht er eine ältere Frau kurz vor ihm, kaum größer als er, die ebenfalls einen Rollator vor sich her schiebt. Er beschließt ihr zu folgen. An einer Stange mit Leuchtzeichen bleibt die Frau plötzlich stehen. Als ein kleiner grüner Mensch auf der Leuchtanzeige aufleuchtet, schiebt die Frau ihren Rollator auf die Straße. Humano II versucht ihr zu folgen, wird dabei von anderen Menschen überholt. Am anderen Ende der Straße blinkt nach kurzer Zeit ein kleiner roter Mensch an der Stange auf. Die alte Frau und er haben noch einige Meter zurückzulegen, als ein Fahrzeug laute ungeduldige Geräusche von sich gibt. Die Frau zieht ihren Kopf noch weiter ein und wirkt damit noch kleiner als zuvor. Auch Humano II, der fast auf ihrer Höhe angelangt ist, merkt, dass ihn ein ungutes Gefühl beschleicht. Mit einer besonderen Kraftanstrengung schafft er es auf die andere Straßenseite zu kommen. Die Frau folgt in kurzem Abstand. Einige Menschen sind stehen geblieben und lachen wieder dieses Lachen, das er schon einmal vernommen hat. Andere schütteln den Kopf oder kümmern sich nicht weiter darum. Wichtig ist zunächst einmal, dass er den Supermarkt ohne bleibenden Schaden erreicht hat.
Die Frau mit dem Rollator nähert sich ihm von Seite und schaut ihn traurig an. „Schlimm, wenn man alt ist“, meint sie mit brüchiger Stimme. „Alt“ ist Humano II geläufig. Er nickt und will gerade in den Supermarkt weitergehen als die Frau weiterspricht: “Kann ich Ihnen helfen?“, fragt sie als sie seine gelbe Binde wahrgenommen hat. Humano II dreht sich um, auch „helfen“ gehört zu seinem Wortschatz, und holt sein Display hervor. „Ich brauche Wasser“ ist auf seinem Display zu lesen. „Gut, bitte folgen Sie mir“ sagt die Frau und geht voraus in den Supermarkt. Zielgerichtet steuert sie die Getränkeabteilung an und weist mit einer Hand auf verschiedene Angebote an Wasser. Etwas unschlüssig betrachtet Humano II die Wasserflaschen in den Boxen. Andere Flaschen sind in Folie verschweißt. Seine Begleiterin deutet auf sechs in Folie befindliche Flaschen mit einem weiß-blauen Aufkleber und meint, „Die schmecken ganz gut“. Humano II steckt die Wasserflaschen in den Korb auf seinem Rollator. Die Rollator-Frau schiebt derweilen ihr Gefährt weiter zwischen zwei Regale mit vielen bunten Schachteln und entnimmt einige davon. Dann deutet sie mit einem Arm auf eine Ansammlung von Menschen, oberhalb blinkt „Kasse“ auf. Humano II stellt sich hinter die hilfsbereite ältere Frau und beobachtet die Menschen vor ihm, die ihre Schachteln, Tüten und allerlei andere Gegenstände aus den Einkaufswagen entnehmen und auf ein sich bewegendes Band stellen. Am anderen Ende des Bandes sitzt eine junge Frau und nimmt die Gegenstände vom Band, um sie kurz über eine Art Display zu halten. Regelmäßig ertönt ein leises Piepsen. Nach dem Display schmeißen die Menschen ihre Schachteln und das andere Zeug wieder in den Einkaufswagen. Die Frau am Display sagt dann einen numerischen Betrag, der auch auf einem kleinen Monitor aufleuchtet. Daraufhin wird der Frau eine kleine Karte oder Geld gereicht. Das ist also Kassieren, denkt Humano II bei sich, wie umständlich. Auf seinem Heimatplaneten werden die benötigten Dinge von zu Hause aus mit Hilfe der Displays bestellt und in kürzester Zeit geliefert. Die Bezahlung erfolgt automatisch. Nach kurzer Zeit ist Humano II an der Reihe, er kennt sich jetzt schon aus. Er reicht der Frau an der Kasse einen Geldschein und bekommt Münzgeld zurück. Dass die junge Frau irgendwie merkwürdig schaut, nimmt er zwar wahr, es beschäftigt ihn aber nicht mehr. Auch das komische Gefühl in der Nähe von jungen Frauen ist kaum mehr zu spüren. Er bewegt sich mit dem Rollator zum Ausgang, wo die ältere Frau auf ihn wartet.
Humano II spürt, dass ein näherer Kontakt zu der Frau mit dem Rollator ihn weiterbringen könnte, nicht nur im Hinblick auf seine Mission, sondern auch in persönlicher Hinsicht. Bloß, wie soll er es anfangen? Die ältere Frau kommt ihm dankenswerter Weise zuvor. Sie sagt: „Ich wohne gleich in der Nähe. Mein Name ist übrigens Auguste Meir. Ich könnte Kaffee für uns zubereiten.“ Humano II schaut auf sein Display. „Name“ und „wohnen“ hat er bereits vorher verstanden. Das Übersetzungssystem bestätigt seine Annahmen. Er nickt der Frau zu und gibt seinen Namen „Manfred Wammsler aus Bukarest“ in das Display ein und „kann wenig Deutsch“. Frau Meir nickt verständnisvoll. Dann tippeln sie nebeneinander den Gehweg entlang. Wenig später deutet seine Begleiterin auf die andere Straßenseite, als sie an einer Stange mit den leuchtenden kleinen Männchen angekommen sind. Diesmal ist die Überquerung der Straße einfacher. Drüben angekommen, steuert seine Begleiterin auf ein mehrstöckiges Haus zu. Der Hauseingang ist ebenerdig und sie betreten einen großen Raum mit Sitzen und kleinen Tischen. Auf der Seite befindet sich ein Aufzug, wie in seiner Pension. Die ältere Frau tritt in den offenen Aufzug, dicht gefolgt von ihrem Gast. Im dritten Stockwerk öffnet sich die Aufzugtür wieder. Die Frau schiebt ihren Rollator hinaus und wartet auf ihn. Nach wenigen Schritten stehen sie vor der Tür mit der Nummer 303. Seine Begleiterin sperrt die Tür mit einem Schlüssel auf und sagt: „Bitte treten Sie ein“.
Sie betreten einen schmalen länglichen Raum, in dem an beiden Seiten Türen zu anderen Räumen führen. Die ältere Frau hängt ihren Mantel an eine Art Haken und zieht ihre Schuhe aus. Den Rollator legt sie zusammen und stellt ihn an die Wand. Humano II, jetzt Herr Wammsler, tut es ihr gleich, behält aber Mütze, Sonnenbrille, Handschuhe und Schal an. Frau Meir zeigt auf den Eingang zu einem Raum und sagt: „Hier wollen wir es uns gemütlich machen“. „Gemütlich“ ist Humano II nicht geläufig. Auch sein Übersetzungssystem kann keine Erklärung dazu liefern. Es wird schon nichts Schlimmes sein, denkt er sich. Etwas verunsichert folgt er der Frau, die sich auf einem breiten Sessel niederlässt und ihn auf eine gegenüberliegende, wesentlich breitere Sitzgelegenheit verweist. „Dann mache ich mal den Kaffee“. „Was wird das wohl sein?“, denkt er. Aber er will trotz seiner Handicaps möglichst unauffällig wirken, und außerdem benötigt er ja unbedingt nähere Informationen über die menschliche Spezies.
Zuvor ist Frau Meir zu einem halbhohen Kasten gegangen und hatte noch eine dunkle Scheibe aus einer Hülle genommen und auf ein Gerät gelegt. Nachdem sie eine Art Hebel vorsichtig auf die Scheibe positioniert und eine Taste gedrückt hat, ist ein kurzes Knacken zu vernehmen. Sofort folgt ein hörbares, wundervolles Schwingen, das Humano II schon kennengelernt hat. Er erinnert sich an die Auswertung der Dokumente von Humano I. Darin waren ähnliche zusammenhängende Töne entdeckt worden. Die Menschen nennen dies Musik. Sein Team und auch er waren regelrecht entzückt gewesen. Auf seinem Heimatplaneten gibt es ebenfalls Instrumente, die Töne hervorbringen können. Die Stimmen der Bewohner von PSII sind dazu wenig geeignet. Sie klingen kratzig. Die Musik der Menschen war jedoch unvergleichlich viel schöner und berührte die erstaunten Zuhörer auf unerklärliche Weise. Immer wieder hatten sie außerhalb der eigentlichen Vorbereitung auf die Mission diesen unbeschreiblich wundervollen Klängen gelauscht. Frau Meir bemerkt wie ihr Gast gebannt zu dem Plattenspieler blickt und sagt: „Die Musik hat Johann Sebastian Bach schon vor langer Zeit geschrieben, ein deutscher Komponist“, und seufzt. Herr Wammsler nickt und versinkt augenblicklich wieder in einen wohligen Zustand.
Erst als Frau Meir nach einiger Zeit ein Tablett mit einer Kanne und Tassen klappernd auf den kleinen Tisch stellt, wird Humano II wieder in die Realität zurückversetzt. Etwas Essbares befindet sich ebenfalls dabei. Frau Meir gießt eine dunkle Flüssigkeit in die Tassen und fragt: „Wollen Sie Zucker und Milch?“ Herr Wammsler nickt, ohne zu wissen, auf was er sich da einlassen wird. Die Frau gießt aus einem kleineren Gefäß eine weiße Flüssigkeit in die Tasse und reicht ihm eine Schale mit glänzenden weißen Würfeln und einer Zange. Er versucht mit der Zange ein Stück dieser Würfel zu fassen, was ihm mehrere Male misslingt, woraufhin Frau Meir die Zange sanft an sich nimmt und einen Würfel in seine Tasse gleiten lässt. Sie belässt ihre Tasse mit der dunklen Flüssigkeit ohne weitere Beigaben und hebt diese ihm zunickend an den Mund. Herr Wammsler zupft seinen Schal etwas nach unten und tut dasselbe, muss jedoch nach dem ersten Schluck heftig husten. Von der schwer verdaulichen Flüssigkeit spritzen ein paar Tropfen auf den Tisch. Frau Meir macht ein erschrockenes Gesicht, fängt sich aber gleich wieder und wischt die Tropfen mit einem Taschentuch vom Tisch. Humano II erkennt sofort, dass etwas schiefzulaufen scheint. Dummerweise befindet sich sein Display in der Umhängetasche neben seinem Mantel im Eingangsbereich. Seine Gastgeberin weiß jedoch sofort Rat und nimmt seine Tasse vom Tisch, um in der Küche ein Glas Wasser zu holen. Derweil hört er im Hintergrund nun wieder leise die wunderbare Musik, die auf Humano II sogleich beruhigend wirkt. Frau Meir stellt vor ihm ein Glas Wasser auf den Tisch und lächelt ihn dabei an. Er scheut sich jedoch das Glas zu nehmen, um daraus zu trinken. Im Zimmer in seiner Pension wird er dies üben müssen.
So sitzen sie sich Minute um Minute gegenüber und lauschen der Musik von Bach. Schließlich hört die Musik auf und Frau Meir fragt: „Soll ich eine weitere Schallplatte auflegen, diesmal etwas beschwingtere Musik von Johannes Brahms, ebenfalls ein deutscher Komponist?“ Humano II nickt, obwohl er ihre Frage ohne Translater nicht ganz verstanden hat. Er beobachtet die Frau, wie sie die Scheibe von dem Gerät nimmt, in die Hülle steckt und diese in einen Ständer zu den anderen Scheiben schiebt. Sogleich hat sie eine neue Hülle in der Hand und wiederholt die Prozedur von vorher. Die neue Musik ist lebendiger als die vorige, wirkt auf ihn aber genauso berauschend. Musik ist also eine Gemeinsamkeit zwischen ihnen, wie schön.
Schließlich traut er sich das Glas Wasser zum Mund zu führen und nimmt vorsichtig einen kleinen Schluck. Diesmal klappt es ohne Probleme. Frau Meir hat ihn dabei genau beobachtet und ein erstauntes Gesicht aufgesetzt. War es seine Art zu trinken? Oder eher sein breiter Mund? Vermutlich beides, denkt sich Humano II und beschließt noch aufmerksamer vorzugehen. Er muss auf jeden Fall weitere Informationen über die menschliche Spezies gewinnen. Als hätte Frau Meir seine Gedanken gelesen, fragt sie plötzlich: „Wo wohnen Sie denn, Herr Wammsler?“ Humano II hat die Frage verstanden, vermisst aber sein Eingabegerät. Er deutet auf die Tür und bewegt sich mühsam aus seiner weichen Sitzgelegenheit – drei Versuche mit Anlauf sind nötig - um sein Display zu holen. Langsam schlurft er zur Tür. An der Tür sieht er gleich gegenüber seinen Mantel. Er will die Umhängetasche vom Haken nehmen, verheddert sich aber, sodass er ins Straucheln gerät. Gerade noch kann er sich am Mantel festhalten, der jedoch keine stabile Stütze abgeben kann. Keuchend fällt er zu Boden und verliert seine Sonnenbrille. Die Mütze hat sich halb vom Kopf gelöst, als Frau Meir erschrocken an der Tür die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und „Mein Gott“ stammelt. Humano II rappelt sich auf allen Vieren auf und verharrt wie gelähmt in dieser Stellung. Sogleich schießt ihm der Gedanke durch den halb entblößten Kopf, jetzt ist alles verloren. Nicht einmal annähernd solange wie sein Vorgänger hat er seine wahre Identität verschleiern können. Er hat, befürchtet er, die gesamte Mission an die Wand gefahren, ohne brauchbare Ergebnisse zu liefern.
Frau Meir scheint sofort die verzweifelte Lage ihres Gastes erkannt zu haben. Sie hebt die Sonnenbrille auf und schiebt sie Herrn Wammsler über seine kleine Nase hoch bis vor seine übergroßen, dunklen Augen, rückt die Mütze zurecht und bemüht sich seinen Rollator auseinanderzuklappen, was ihr auf Anhieb nicht gelingen will. Herr Wammsler sitzt derweil regungslos am Boden und lässt alles über sich ergehen. Um die äußerst peinliche Situation zu beenden, platziert sie ihren stabilen Rollator neben ihren Gast und greift mit beiden Armen beherzt unter seine Achseln. Schließlich hat sie ja ein Kind groß gezogen. Mit vereinten Kräften und lautem Gestöhne schaffen sie es ihn wieder in eine aufrechte Position zu hieven. Mit der Gehhilfe und der Hängetasche im Einkaufskorb schlurfen sie gemeinsam erneut ins Wohnzimmer. Frau Meir lässt sich erschöpft in ihren Sessel fallen, nachdem sie ihren Gast behutsam auf die Couch bugsiert hat. Plötzlich kann sie nicht mehr an sich halten und fängt an laut zu lachen, wobei sie sich auf und ab in ihrem Sessel bewegt. Ebenso abrupt macht sie ein ernstes Gesicht, um ihren Gast zu fragen: „Haben Sie sich weh getan?“ Humano II weiß nicht mehr woran er ist. Wieder dieses Lachen, aber doch irgendwie anders. Er schaltet sein Display ein und gibt „we getan“ ein. Sofort kommt die Übersetzung für „Schmerzen haben“. Er schüttelt den Kopf und ist erleichtert, dass die Frau offensichtlich besorgt ist.
Er nutzt sein Display und gibt etwas ein, das der Translater mit „Sorry, ich muss in meine Pension“ übersetzt. Frau Meir nickt und sagt entschieden „Ich komme mit“. Eigentlich passt das Humano II überhaupt nicht. Die Frau hat sich aber schon aus ihrem Sessel erhoben und macht Anstalten ihrem Gast wieder unter die Arme zu greifen. Humano II lässt sie gewähren, er will nicht noch einmal ein solches Desaster wie vorher erleben. Die Hilfestellung erweist sich dann als unkompliziert und bringt beide schneller als vermutet auf die Straße. Der Orientierungssinn von Humano II ist angeboren gut ausgeprägt, sodass sie sich bald vor der Eingangstür der Pension einfinden. Er nimmt sein Eingabegerät in die Hand und schreibt, ohne übersetzen zu müssen: „Danke“. Frau Meir´s Augen beginnen erkennbar zu leuchten. „Wenn Sie wollen, kann ich Sie Morgen abholen?“ sagt sie. Das Übersetzungsgerät von Humano II hat angesichts der deutlichen Sprechweise von Frau Meir kein Problem, dies in Humanos Sprache wiederzugeben. Humano II nickt und versucht mit seinem eingebundenen Arm unauffällig zu winken, als seine Begleiterin sich anschickt zu gehen.
Auf dem kurzen Nachhauseweg kommt Frau Meir eine Fülle an Eindrücken wieder in den Sinn, die sie seit ihrer kurzen Begegnung aufgenommen hat. Was sie am meisten beschäftigt, ist das merkwürdige Aussehen ihres Gastes, insbesondere sein Gesicht, macht ihr zu schaffen. Mundpartie, Nase und vor die großen dunklen Augen, erinnern eher an einen Außerirdischen. E.T. hat in dem gleichnamigen Film genauso ausgesehen, fällt ihr ein. Mit wem soll sie darüber reden. Soll sie sich überhaupt mit Jemandem darüber austauschen? Ihre Kartenspielrunde mit etwa gleichaltrigen Damen kommt dafür nicht in Frage. Ihre Tochter im fernen Australien will sie auch nicht einweihen. Schon gar nicht per Telefon. Kathy hat anscheinend genug familiäre Probleme. Ihr Neffe Markus kommt ebenfalls nicht in Frage. In ihrer Wohnung angekommen, beschließt sie ihr Geheimnis für sich zu behalten. Herr Wammsler hat keinen gefährlichen Eindruck bei ihr hinterlassen. Eher wirkte er hilfsbedürftig und allein gelassen. Mit sich im Reinen schläft sie nach diesem ereignisreichen Tag bald ein.
Humano II dagegen sinniert noch lange in seinem Bett über die Erlebnisse des vergangenen Tages. Seine Befürchtung, er habe die Mission vermasselt, scheint zu vorschnell hochgekommen zu sein. Die Frau könnte für ihn vielleicht ein wichtiger Schlüssel werden, um an die erwünschten Informationen zu kommen. Überhaupt verkörpert Frau Meir ein anderes Frauenbild als das, welches er in seiner Vorbereitung auf die Erdmission mitbekommen hat. Sie entspricht eher einer menschlichen Mutter, die sich um ihr Kind kümmert. Bei der Vorstellung er sei das Kind, muss er unweigerlich schmunzeln. Mit diesem Gedanken schläft er erschöpft ein.
Am nächsten Morgen wechselt er zunächst seine Kleidung, zieht sie aber gleich wieder aus, um sich zu reinigen. Dazu muss er auch seine Verbände abnehmen, ein mühsames Unterfangen. Im Bad befindet sich eine große Wanne. Er setzt sich hinein und schließlich, nach mehreren Versuchen, läuft warmes Wasser über seinen Körper. Mit seiner von PSII mitgebrachten Reinigungslotion schmiert er sich gründlich ein, um dann wieder Wasser über seinen kleinen Körper laufen zu lassen. Er darf auf keinen Fall übelriechend Kontakt mit Menschen aufnehmen. Sonst bestünde das Risiko, dass sein Gegenüber sofort das Weite suchen würde. Das hat ihm das Vorbereitungsteam immer wieder zu vermitteln versucht. Dazu ist jeden Tag eine gründliche Reinigung seines Körpers erforderlich. Auch die Kleidung muss sauber gehalten werden. Er wird dazu die Wanne nutzen, aber alle paar Tage mussten reichen. Er trocknet sich ohne Eile ab und legt wieder seine Verbände und Kleidungsstücke an. Heute will er seine Umgebung weiter erkunden.
Nachdem er eine Kapsel voller Nährstoffe und etwas Flüssigkeit zu sich genommen hat, gibt ein kleines Gerät neben seinem Bett wiederholt schrille Töne von sich. Er kann spüren, wie das Gerät vibriert. Nach kurzer Zeit hört das unangenehme laute Geräusch auf. Er will gerade zur Tür gehen, als die Stimme von Frau Meir ertönt. Humano II zuckt zusammen und dreht sich um. Frau Meir ist nicht zu sehen, aber aus dem merkwürdigen Gerät neben dem Bett ist sie eindeutig zu hören. Unpersönliche Kommunikation gibt es schon seit langem auf seinem Heimatplaneten. Allerdings wird dies visuell abgewickelt, ohne dass derartige störende Geräusche notwendig sind. Die Stimme, so kann er bruchstückhaft verstehen, kündigt an, dass Frau Meir um 10 Uhr in die Pension kommen wird, um mit ihm …? Auf dem Gerät neben dem Bett blinkt auch eine Zeitanzeige. 9.33 Uhr kann er erkennen. Soviel hat er schon gelernt, nach 9 kommt bei den Menschen 10, eine für ihn unverständliche Ziffernfolge. Aber muss er sich nicht an die Regeln auf der Erde halten und sie nicht in Frage stellen? Sonst ist überhaupt keine Annäherung möglich, also wartet er. Was wird der neue Tag wohl für Überraschungen bringen?
Nach einiger Zeit schießt ihm ein beunruhigender Gedanke durch den Kopf. Was wäre, wenn sich Frau Meir seine Behausung näher anschauen wollte? Seine wenigen Habseligkeiten könnten einen falschen Eindruck erwecken. Er beschließt, sogleich das Zimmer zu verlassen und am Eingang auf Frau Meir zu warten. Gerade als er aus dem Aufzug mit seinem Rollator heraustritt, sieht er sie schon, wie sie sich mit der älteren Frau am Empfang unterhält. Ihre Unterhaltung stoppt abrupt, als die beiden Frauen Herrn Wammsler gewahr wurden. Beide nicken sich freundlich zu und Frau Meir bewegt sich zu ihm, ebenfalls mit einem Rollator. Etwas umständlich versucht sie Herrn Wammsler zu umkurven, um ihn zu begrüßen. Humano II hat schon vorsorglich seinen Translater mit Display eingeschaltet, als Frau Meir laut „Guten Morgen, Herr Wammsler“ von sich gibt und eine Hand ausstreckt. Er nickt erkennbar und hält ihr ebenfalls eine Hand entgegen. Er hat in den Dokumenten der ersten Erdmission viele Male diese unsinnige Begrüßungsgeste der Menschen gesehen. Die Berührung der beiden Gliedmaßen empfindet er als weniger unangenehm als erwartet und sie dauert auch nur einen kurzen Moment. „Wollen wir mit dem Taxi in das Einkaufszentrum fahren“? fragt sie mit deutlicher Stimme. Sein Display zeigt ihm sofort eine verständliche Übersetzung an. Er nickt und Frau Meir wendet daraufhin ihren Rollator in Richtung Ausgang. Humano II folgt ihr prompt.
Draußen angekommen, schieben beide ihr Gefährt eine Weile nebeneinander, bis seine Begleiterin auf einmal wild gestikulierend einer dieser fahrenden Kisten zuwinkt. Beinahe hätte sie dabei das Gleichgewicht verloren und wäre auf ihn gestürzt. Das schwarze Fahrzeug hält tatsächlich nach einer kurzen Strecke an. Heraussteigt ein bulliger, etwas jüngerer Mann, der erkennbar erstaunt die beiden Alten betrachtet. Besonders Humano II scheint seine Aufmerksamkeit zu fesseln, bis er schließlich auf die andere Seite des Fahrzeugs geht und einen Deckel öffnet, der in die Höhe schnellt. Für Humano II und seinen Translater vollkommen unverständlich stößt der junge Mann ein paar Laute hervor, die wie eine Frage klingen. Frau Meir kann anscheinend etwas damit anfangen, denn sie sagt: „Zum Einkaufszentrum bitte“. Der junge Mann überlegt kurz und führt dann die ältere Frau zu einer Tür im hinteren Teil des Fahrzeugs, wo er sie bemüht vorsichtig auf eine Sitzgelegenheit hebt. Den Rollator stellt er in das Fahrzeug unter den geöffneten Deckel. Humano II kommt gar nicht zum Überlegen, geschweige denn zu einer Abwehrreaktion. Schon ist der kräftige Mann an seiner Seite und führt ihn ebenfalls zum hinteren Teil des Fahrzeugs, allerdings auf die andere Seite, wo sich ebenfalls eine Tür befindet. Er will seinen Fahrgast gerade auf den Sitz heben, als dieser Anstalten macht, es selbst zu versuchen. Dies gelingt jedoch nur sehr unzulänglich, sodass sich der Taxifahrer nach einer Weile genötigt sieht, ihn doch noch auf den Sitz zu heben. Dabei erkennt er erst in diesem Moment die Aufschrift der gelben Binde und lässt Humano II etwas unsanft auf den Sitz plumpsen. Frau Meir gibt einen wehklagenden Ton von sich, fängt sich aber sogleich wieder, als sie bemerkt, dass sich ihr Begleiter anscheinend nicht aufregt.
Für Humano II ist die Fahrt zum Einkaufszentrum natürlich sehr aufregend. Die Fahrkünste des jungen Fahrers sind für ihn weniger interessant – er ist ja schon mit einem größeren Fahrzeug nach seiner Landung mitgefahren und hat bereits dort eingehend die Fahrtechnik studiert. Die vielen Gebäude und vorbeiflitzenden Kisten erregen mehr seine Aufmerksamkeit. Er ist eine solche Hektik von seinem Heimatplaneten nicht gewohnt. Dennoch scheint das ganze Treiben zu funktionieren. Zwar werden die Fahrzeuge manchmal langsamer, ja sie müssen sogar zeitweise anhalten. Entweder sind wiederum Leuchten an hohen Stangen daran schuld oder auf einmal tun sich kreisförmige Verläufe der Straße auf, an denen das Fahrzeug zunächst stoppen muss. Die Zeit vergeht wie im Fluge, als plötzlich das Fahrzeug an die Seite fährt und anhält. Frau Meir reicht dem jungen Mann einen Schein und dieser bedankt sich überschwänglich. Der Ausstieg aus der Kiste klappt reibungsloser als der Einstieg, dank der Mithilfe des Fahrers. Und als sie endlich ihre Rollatoren wieder griffbereit vor sich haben, steuert Frau Meir ein riesiges Gebäude mit der Anschrift „Shopping Center“ an. Humano II denkt zunächst: „Wir waren doch schon in einem Supermarkt“. Aber als sie die automatische Eingangstür passieren, öffnet sich eine hell beleuchtete Halle mit bunten Schildern, unterschiedlichen Geschäften mit beladenen Tischen und Regalen sowie unüberschaubar vielen Menschen, die sich schnell durch das Gebäude bewegen oder sich um einzelne Warenstände scharen. In der Mitte der Halle entdeckt er laufende Bänder, voll mit großen und kleinen Menschen, die in die Höhe oder nach unten fahren.
Humano II weiß nicht wo er zuerst hinschauen soll. Überall herrscht ein regelrechtes Getümmel. Vor allem Frauen, zum Teil mit Kindern, nehmen Kleidungsstücke oder Schuhe oder irgendetwas, was er aus der Ferne nicht identifizieren kann, von den Tischen und Regalen, um es meist wieder zurückzustellen. Manche verschwinden in kleinen, mit Tüchern verdeckten Räumen, andere setzen sich hin. Und das alles mit einer unglaublichen Geschwindigkeit. Seine Begleiterin hat sich ebenfalls mit zwei kleinen Boxen hingesetzt und winkt ihm, er solle neben ihr Platz nehmen. Er tut, was ihm befohlen und beobachtet seine Begleiterin wie sie mit glänzenden Augen einen Schuh aus einer der Boxen herausnimmt, ihn dreht und wendet. Danach entledigt sie sich ihres eigenen Schuhs mit einer Geschwindigkeit, die er der alten Frau nicht zugetraut hätte. Es stört sie auch nicht, dass der Schuh umgekippt, unter den Sitz kullert, ihre Aufmerksamkeit gilt von nun an nur noch dem neuen Schuh. Das Anziehen des Schuhs erfolgt bedächtig, ja, er muss überlegen, „wie eigentlich, ist es mehr? Wie ein Ritual? Wie die liebevolle Zuwendung zu einem Kind? Wie ein Glücksmoment? Läuft dabei ein leichter Schauer über den Rücken?“ Er wendet sich ab, er darf nicht stören. Aber wohin er blickt, er bemerkt ähnliche unerklärliche Szenen. Gegenüber stehen Tische und Stühle. Eine junge Frau flitzt hin und her und bringt den Gästen Getränke. An einem Tisch sitzen sechs junge Leute, Frauen und Männer. Jeder starrt in ein kleines handliches Gerät und bewegt nervös dabei die Finger über das Gerät. Keiner der Menschen schaut den anderen an, redet ein paar Worte, nur das kleine Ding scheint interessant zu sein. Heimlich benutzt er sein Display, um das hektische Treiben festzuhalten. Auf seinem Heimatplaneten gibt es solche prunkvollen Einkaufshallen nicht. Schuhe und Kleider werden erneuert, wenn sie ihre Funktion nicht mehr uneingeschränkt erfüllen können. Der Bedürftige sucht dann einen Spezialisten auf, der diese Waren produziert, besser noch ausbessert. Die menschenähnlichen Bewohner von PSII unterscheiden sich deswegen in ihrer Bekleidung kaum voneinander. Es ist auch gar kein Wunsch danach spürbar. Zugegeben, Humano II hat Reservestücke mitbekommen. Dies ist jedoch, aus der Notwendigkeit heraus, gemeinsam so entschieden worden.
