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Band II der Reihe Homonoia versammelt eine Auswahl veröffentlichter Beiträge zu pädagogischen Fragestellungen. Im ersten Teil widmet sich der Band grundlegenden Aspekten der Lerntheorie. Es folgt ein spanischsprachiger Fachartikel zum Grammatikunterricht, ergänzt durch eine deutsche Zusammenfassung. Anschließend werden Ansätze Jean Piagets in ihrer Anwendbarkeit auf den Unterricht - insbesondere im Bereich des Sprachlernens - beleuchtet. Ein weiterer Beitrag vergleicht die Auswirkungen von Videofilmen und Hörbüchern auf den ungesteuerten Spracherwerb und zeigt, welche unterschiedlichen Kompetenzen durch die jeweiligen Medien gefördert werden. Ergänzt wird der Band durch pointierte, teils polemische Zeitungsartikel zur Plurilingualität sowie durch einen abschließenden kulturgeschichtlichen Essay.
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Seitenzahl: 158
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Streifzüge durch die Lernlandschaft
1. Lebenslanges Lernen .
2. Unser Gehirn ist faul
3. Schnelles und langsames Denken
4. Lernen mit allen Sinnen
5. Die Rolle des Hippocampus
6. Lernen und Gefühle
7. Lern-Leitsätze
8. Schlaf als Problemlöser
9. Musse
10. Die bindende Macht des Gedächtnisses
11. Kreativität
12. Schreiben
13. Verfrühter Grammatikunterricht
14. Fremdsprachen
15. Die Kunst des Lesens
16. Neurologische Korrelate der platonischen Körper
17. Vom Distress zum Eustress
18. Mehrsprachigkeit
19. Herausforderungen
20. Gehirnwellen Trainieren mit Neurofeedback
Hacia una linguodidáctica general
Homenaje a Ambrosio Rabanales BFUCh XXXI ( 19801981): 1031-1043.
Vom Nutzen logischer Grammatiken im Sprachunterricht
In Schweizer Schule, 1. Februar 1982, S. 2.
Aplicaciones de la Teoría de Jean Piaget en la sala de clases
Serie Nueva Paidea, año I N°3 Departamento de formación pedagógica Universidad de Chile. Santiago de Chile, Octubre de 1981.
Videofilme und Hörbücher: ihreunterschiedliche Auswirkung auf den ungesteuerten Fremdsprachenerwerb.
Moderne Sprachen (MSp)45/2 (2001). Zeitschrift des Verbandes der österreichischen Neuphilologen.
Juan Enrique Pestalozzi (1746-827)
Revista de educación. Ed. Ministerio de Educación, Centro de Perfecionamiento, Experimentatión e Inverstigaciones Pedagógicas, 1981/8, No 89.
Andres Bello
Schweizerische Lehrerzeitung, 38 (23.9.1982), S. 1524.
Vom Zugerberg ins Ägerital / From the Zugerberg to the Valley of Ägeri
Aus Zuger Panorama – Panorama of Canton Zug: Fotografische Streifzüge durch den Kanton Zug von Andreas Busslinger, 2013, S. 196-247.
Allgemeines Literaturverzeichnis
Biographisches
Veröffentlichungen
«Wenn wir den Menschen so nehmen, wie er ist, dann machen wir ihn schlechter. Wenn wir ihn aber so nehmen, wie er sein soll, dann machen wir ihn zu dem, der er werden kann.» (J.W. von Goethe)
Das menschliche Frontalhirn bildet bis zum Ende der Adoleszenz, also etwa bis zum 25. Lebensjahr, neue Hirnzellen. Doch damit ist die Reifung noch lange nicht abgeschlossen. So vergrössert sich das Volumen der weissen Substanz in den Frontallappen noch mindestens bis zum Alter von 44 Jahren und das der Schläfenlappen sogar bis zum Alter von 47 Jahren (Nehls 2022).
Die Forschung sagt uns auch, dass im Gyrus dentatus, der Hirnstruktur im Eingangsbereich des Hippocampus, lebenslang und tagtäglich neue Ort- und Zeitneurone entstehen, also eine lebenslange Neurogenese wirkt, die das Gehirn wieder aufladen und seine Kapazität nicht nur erhalten, sondern sogar steigern kann (Nehls 2022).
Was für einen Schluss können wir aus diesen neurologischen Informationen ziehen?
Wir sind von Natur aus dazu prädestiniert, ein Leben lang zu lernen. Der Prozess der Selbstbildung ist demnach ein unabschliessbares Unterfangen. Wir verfügen also über die Fähigkeit, uns ein ganzes Leben lang zu beobachten, die Grenzen der eigenen Vernunft zu erkennen wie auch die Täuschungen der Sinne zu durchschauen.
Das Selbstverständliche, das im Alltag nie Hinterfragte und Bezweifelte, können wir ins Bewusstsein rücken und vor seinem Hintergrund reflektieren. Leben wir sinnvoll und verantwortungsbewusst? Prägen Empathie und Mitmenschlichkeit unsere Beziehungen? In Analogie dazu können wir unseren Gebrauch der Sprache hinterfragen. Wie viel davon ist „gedankenlos“ Gedachtes oder Ausgesprochenes?
Das Entstehen neuer Hirnzellen bis zum 25. Lebensjahr ist insbesondere für die Pädagogik relevant. Was in jungen Jahren an Bedeutungsvollem geistig erworben wird, bleibt ein Leben lang im Gedächtnis erhalten. Refluitque fluitque - das Früherworbene erscheint immer wieder im Leben in zyklischen Mustern gewandelt und bereichert.
Es lassen sich so bereits in jungen Jahren kognitive und affektive Reserven bilden, Eigenschaften, die die Widerstandsfähigkeit und die Resilienz des Individuums bis ins hohe Alter gewährleisten. Voraussetzung dazu ist lebenslanges Lernen. Nachgewiesen wurde das in der berühmten Nonnenstudie (Snowdon 2002).
Um sich zu entwickeln, braucht die Anlage von kognitiven und affektiven Reserven Zeit. Denn die eigenen Gedanken gehen durch einen Reifeprozess wie das gesamte Netzwerk, aus dem sie zuvor und zugleich entstehen. Der Jugendliche kann deshalb keine Etappen seiner geistigen Entwicklung überspringen.
Die Anlage von individuellen kognitiven und affektiven Reserven bereits in der Schule und die Förderung von lebenslangem Lernen erhält im Lichte der erwähnten neurologischen Befunde eine neue Dringlichkeit. Mit Recht hat sie in den letzten Jahrzehnten steigende Aufmerksamkeit erfahren sowie Einzug in viele bildungspolitische Forderungen und Konzepte (Curricula) gefunden.
«Uns aber, wo wir Eines meinen, ganz, ist schon des andern Aufwand fühlbar./ Feindschaft ist uns das Nächste.» (R.M. Rilke)
Unser Gehirn ist faul, überschätzt das eigene Beurteilungsvermögen und trifft irrationale Entscheidungen. Kognitive Verzerrungen führen dazu, dass wir sowohl im Privat- als auch im Berufsleben täglich gefühlsgeleiteten und irrationalen Denkmustern folgen.
Wir verfallen zum Beispiel immer wieder in eine naive, mit Vorurteilen behaftete Sicht der Wirklichkeit. Sie ist uns am vertrautesten und entspricht unserem natürlichen Wahrnehmungsverhalten.
Eine weitere Versuchung beim spontanen Schliessen ist der Monokausalismus: die Angewohnheit, alles auf eine einzige Ursache zurückzuführen - weil es dem Menschen schwerfällt, sich mehrere Erklärungen für ein Phänomen gleichzeitig vor seinem geistigen Auge vorzustellen.
Von Natur aus ist der Geist träge, die Nervenzellen wollen möglichst energiesparend feuern, jedes neue Erleben muss zunächst eine innere Hysterese überwinden, eine verzögerte Reaktion des rezeptiven Ichs, mit dem wir es uns eigentlich bequem machen wollen. Dies ist sinnvoll für die Bewältigung des Alltags, aber abträglich für ein adäquates Problemlöseverhalten.
«Der Mensch will Eintracht; aber die Natur weiss besser, was für seine Gattung gut ist: sie will Zwietracht. Er will gemächlich und vergnügt leben; die Natur will aber, er soll aus der Lässigkeit und untätigen Genügsamkeit hinaus sich in Arbeit und Mühseligkeiten stürzen, um dagegen auch Mittel auszufinden, sich klüglich wiederum aus den letzteren heraus zu ziehen.» (Kant)
In seinem Buch Schnelles Denken, langsames Denken unterscheidet Daniel Kahneman (2012) zwischen zwei verschiedenen Denksystemen: dem intuitiven System 1 und dem objektiven System 2. Eine ähnliche Differenzierung macht Nicholas Carr. Er unterscheidet zwischen «shallow thinking» und «deep thinking» (2020):
System 1 ist der Autopilot unseres Gehirns. Es steuert uns unbewusst durchs Leben, indem es ständig vorausberechnet, wie die Zukunft aussehen könnte. Es wählt automatisch den Weg des geringsten Widerstands, um den energetischen Aufwand zu minimieren und so effizient wie möglich zu arbeiten Es ist von Emotionen und Intuitionen geleitet, ständig aktiv und braucht sehr wenig mentale Energie. Dabei fällt es Entscheidungen «aus dem Bauch» heraus und nutzt das fluide, instabile Kurzzeitgedächtnis.
Das zweite System, ein vertieftes Denken, ist auf «Stand-by» und wird nur dann aktiv, wenn wir es bewusst einschalten. Es geht bei der Entscheidungsfindung systematisch, logisch und rational vor. Dabei ist es langsamer als System 1, akribischer, nutzt fluides aber vor allem das kristalline, stabile Langzeitgedächtnis. Es nutzt insbesondere das episodische Gedächtnis, das einen roten Faden durch unser Dasein spinnt und unserem Selbst das Gefühl der Kontinuität vermittelt.
«Das Lernen ist die Liebe des Lebens zu sich selbst.» (Roy Vasanta)
Ob und wie leicht wir uns eine Information merken, wird auch dadurch beeinflusst, über welchen Sinneskanal wir sie aufnehmen. Denn jeder Mensch ist für bestimmte Sinnesreize empfänglicher als für andere. Man spricht in diesem Zusammenhang von unterschiedlichen Lerntypen. Hier sind einige Beispiele (nach Turecek 2011):
Der visuelle Lerntyp speichert Informationen am besten, wenn er sie über die Augen aufnimmt: durch Lesen oder durch das Betrachten von Bildern und Tabellen.
Demgegenüber lernt der auditive Typ am leichtesten durch Hören. Den Inhalt von Vorträgen, Gesprächen und Lernkassetten kann er sich gut merken. Beim Auswendiglernen hilft es ihm, den Stoff laut vor sich hin zu sagen.
Der kommunikative Typ schätzt es, wenn er sich mit anderen Menschen austauschen kann, zum Beispiel indem er Fragen stellt oder selbst etwas erklärt. Er lernt besonders gut durch die Teilnahme an Gesprächen, Diskussionen, Arbeitsgruppen oder Rollenspielen.
Der motorische Typ kann den Lernprozess durch Bewegung unterstützen. Ihm hilft es, beim Lernen im Zimmer auf und ab zugehen, beim Lesen Textstellen anzustreichen und die wichtigsten Informationen herauszuschreiben.
Jedes Individuum verfügt über eine Konfiguration von Lernverfahren, die durch Veranlagung und Erziehung bestimmt sind. Deshalb bevorzugen Individuen bestimmte Sinneskanäle, haben also kognitive Präferenzen.
Doch Letztere sind keine statischen Grössen. Weniger genutzte Sinneskanäle können durchaus trainiert werden.
Wenn ein Schüler oder eine Schülerin an einem Thema Interesse hat, findet er in der Regel die richtigen Lernstrategien wie von selbst.
Auf jeden Fall ist es sinnvoll, das Wissen je nach Art der Lerninhalte über möglichst viele Eingangskanäle aufzunehmen.
Lage des Hippocampus 1
In jedem Kubikmillimeter grauer Substanz stecken vier Kilometer neuronale Netzwerkverbindungen.» (Seth 2018) Der Hippocampus ist eine Struktur, die zum limbischen System gehört und vor allem an der Gedächtnisbildung beteiligt ist.
Sobald Wahrnehmungsinhalte mit körperlichen Aktivitäten oder emotionalem Erleben verknüpft werden, interessiert sich der Hippocampus dafür.
Synapsen des Hippocampus lassen sich besonders gut durch Langzeitpotenzierung (Erhöhung der Synapsenstärke) verändern - im Gegensatz zu den langsamen Synapsen des motorischen Gedächtnisses.
Die Erhöhung der Synapsenstärke durch Langzeitpotenzierung, also das Erinnern, erfolgt im Hippocampus mithilfe von Glutamat. Glutamat, ein Neurotransmitter, aktiviert bei neuen Erlebnissen oder Gedanken die hippocampalen Synapsen. Dadurch verändern sie ihre Leitfähig keit, was dem Speichern dieser Erlebnisse oder Gedanken entspricht.
Sobald Wahrnehmungsinhalte mit körperlichen Aktivitäten oder emotionalem Erleben verknüpft werden, interessiert sich der Hippocampus dafür.
Damit neue Erinnerungen tatsächlich über freie Synapsen abgespeichert werden und keine früheren «überschrieben» und gelöscht werden, hemmt durch Glutamat freigesetztes β-Amyloid die weitere Freisetzung von Glutamat an schon genutzten Synapsen. Auf diese Weise wird die nochmalige Langzeitpotenzierung derselben Zelle verhindert und die Erinnerung geschützt. Andere freie Synapsen stehen dann zur Verfügung (nach Nehls 2022).
Durch intensive mentale Arbeit reduziert sich die vorhandene Speicherkapazität der vorhandenen Synapsen. Ohne freie Synapsen für weitere Gedanken, die zu speichern wären, ist das Ego depletiert. Dann sind nur noch Routinegedanken beziehungsweise Routinehandlungen möglich, die nicht erinnert werden müssen. Doch sobald wir schlafen, kommt die mentale Energie auf wundersame Weise wieder zurück. (siehe Abschnitt Schlaf) (nach Nehls 2022).
Gefühle haben einen enormen Einfluss auf den Lernvorgang. Für das Lernen gilt: Negative Gefühle wie Angst, Unlust und Sorge beeinträchtigen das Einprägen des Lernstoffs. Auch Lernen unter Stress mindert den Erfolg. Hingegen wird der Stoff besonders gut aufgenommen, wenn er mit positiven Gefühlen verbunden wird. Daher ist es wichtig, gut motiviert in einen Lernvorgang hineinzugehen.
Der Hippocampus, der unsere Erinnerungen verwaltet, hat nämlich einen genialen Filter. Nur Erlebnisse und Gedanken, die uns auf irgendeine Weise berühren, werden gespeichert.
Die Gefühle entstehen in einem Teil des Gehirns, der limbisches System genannt wird. Er hat die Aufgabe, Informationen zu bewerten, ihre Relevanz zu prüfen und somit eine adäquate Reaktion auf den entsprechenden Reiz sicherzustellen. Mit dieser Bewertung ist eine emotionale Einfärbung der Informationen verbunden.
Gefühle, die mit den Erlebnissen einhergehen, werden in den Mandelkernen (Amygdalae) gespeichert. Und sobald man sich in einer ähnlichen Situation befindet, lösen die Amygdalae blitzschnell die passende Reaktion aus. Eine positive emotionale Besetzung des Lernstoffes ist deshalb für das Behalten wichtig!
Unser Gehirn erkennt nicht bloss Muster, sondern generiert unaufhörlich Annahmen über den zu erwartenden Input. Beteiligt sind hier Prozesse höherer Ordnung, sogenannte “Top-down”-Prozesse, die dann auf die “Bottom-up”-Prozesse der Sinneswahrnehmung einwirken. Hier klingt Kant durch, der erklärt: «Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.» Denn das Gehirn versucht Zusammenhänge in der Aussenwelt mit generativen Modellen ursächlich zu verstehen und abzubilden. Zweck dieser Modellierung ist es, immer bessere Voraussagen über künftige Ereignisse zu gewinnen.
Aus neurologischer Perspektive sind zum Beispiel Kants «a priori» immer «Top down»-Prozesse (erwartungsgesteuert), die auf «Bottom up»-Prozesse (reizgesteuert) der Sinneswahrnehmungen einwirken. Ein neurologischer Indikator (Biomarker) für einen Konflikt zwischen Input und Erwartung ist die N400-Komponente, die bei der Gewinnung von evozierten Potenzialen (Potenzialunterschiede im Elektroenzephalogramm) entsteht. Die N400 Komponente ist nach 400 Millisekunden als Ausschlag im Elektroenzephalogramm (EEG) sichtbar, wenn das Gehirn seine Annahmen anpassen muss (nach Roth 2011, S. 247 - 250). Ein solcher Ausschlag im EEG ist also kennzeichnend für einen Lernprozess.
Diese Funktion des Gehirns nennt der Neurologe Karl Friston «Predictive Coding». Er beschreibt sie mithilfe des Bayes-Theorems der bedingten Wahrscheinlichkeit. Bayes Satz berechnet die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von bestimmten Ereignissen auf der Grundlage von anderen bereits bekannten Phänomenen. Er beschreibt, wie das Gehirn Annahmen bezüglich der Verhältnisse in der Welt macht, indem es alle bekannten Informationen berücksichtigt und dabei seine Prognosen anpasst. Das Theorem spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz.
Mit Begriffen der Thermodynamik erklärt, widersteht das Gehirn der Entropie oder Unordnung, indem es sich selbst kontinuierlich reorganisiert. Diese Reorganisation folgt dem Prinzip der Homöostase, dem Erhalt von physikalischen und chemischen Prozessen in lebenden Organismen, und sichert deren Bestehen, so dass diese nicht zerfallen (Entropie). Wir haben hier somit eine Variante des universellen Prinzips der biologischen Selbstorganisation, das dem Drang der Natur zur Unordnung entgegenwirkt - womit wir wieder beim allgemeinen Zweck des Lernens sind.
Aus den beschriebenen biologischen Grundlagen des Lernens lassen sich zusammenfassend folgende Leitsätze formulieren:
1. Lernstoff, der gut strukturiert ist, lässt sich besser aufnehmen. Diese Strukturierung erreichen wir durch die Aktivierung des vertieften Denkens.
2. Wiederholungen sind wichtig, damit die synaptischen Bahnen (Engramme) so stabil werden, dass sie jederzeit aktiviert und damit die gespeicherten Informationen erinnert werden können.
3. Durch Kenntnis des eigenen Lernprofils lässt sich das Lernen optimieren. Es fällt zudem leichter, wenn mehrere Sinne daran beteiligt werden.
4. Negative Gefühle behindern das Lernen. Eine positive emotionale Besetzung des Lernstoffs hingegen fördert seine Speicherung im Gedächtnis.
«Schlaf ist der Motor des kulturellen Schaffens.» (Nehls 2020)
Während des Slow Wave Sleeps (SWS) in der ersten Nachthälfte teilt der Hippocampus dem Neokortex sämtliche Gedanken und Eindrücke so oft mit, bis sie dort gefestigt abgespeichert sind.
Das Einzige, was im Hippocampus zurückbleibt, sind die «Postadressen», also die Informationen, mit deren Hilfe die Erinnerungen später wiederzufinden sind. Im Hippocampus verbleibt auch die Information für Raum und Zeit erhalten, während die Erlebnisinhalte nur noch im Neokortex zu finden sind.
Eine der wichtigen Aufgaben des Schlafs besteht darin, nachdem die Erinnerungen während des Slow Wave Sleeps (SWS) auf die neokortikale Festplatte hochgeladen worden sind, β-Amyloid abzubauen. Nur auf diese Weise ist der Hippocampus am nächsten Morgen wieder aufnahmebereit.
Die hippocampale Neurogenese kann nur stattfinden, wenn der Hippocampus «offline» und nicht mit dem Abspeichern neuer Erinnerungen beschäftigt ist.
In der zweiten Nachthälfte (REM-Schlaf) werden die frisch in den Neokortex hochgeladenen Erinnerungsinhalte mit früheren in Beziehung gebracht: Wir träumen. Unser Gehirn arbeitet alle unsere emotional bedeutsamen Erlebnisse und Gedanken des Vortages auf und verwebt sie mit früheren Erinnerungen zu individuellen Erkenntnissen. Träume wirken lange nach und dienen zur Zukunftsbewältigung. Viele Berufungen haben ihre Wurzeln in Kindheitsträumen.
Das Lernen, das im Schlaf stattfindet, ist tiefgründig, komplex und zugleich grundlegend für die sehr wahrscheinlich einzigartige Fähigkeit des Menschen, jegliches Erleben im Kontext eines grösseren Ganzen zu sehen, Schlüsse zu ziehen sowie sich selbst und sein Umfeld zu verändern.
Während des REM-Schlafes (also nachdem die Daten hochgeladen und damit gesichert worden sind) wird das β-Amyloid aus dem Hippocampus und letztendlich aus dem ganzen Gehirn «ausgewaschen» (nach Nehls 2022).
«Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann; alles ist Austragen - und dann gebären...» (R.M. Rilke).
Im hektischen Alltag brauchen wir oft Momente der Ruhe, damit unsere Gedanken, die immer unserem Tun nachhinken, aufholen können. Wenn sie dann wieder eine Weile mit uns Schritt halten, finden wir zu uns zurück.
Das Gehirn ist stets rege und kreativ. Doch diese Kreativität braucht Zeit, um ihre Schöpfungen zur Entfaltung zu bringen, und ein ruhiges Umfeld, wie es die Natur bietet.
Sich ständig den Reizen der visuellen und auditiven Medien auszusetzen, lähmt die autogenen kreativen Kräfte und führt zu einer Verarmung und Verödung der geistigen Fähigkeiten.
In unserer Erziehung wird die Rolle der Musse unterschätzt. Jugendliche brauchen unterrichtsfreie Zeit, damit ihre Seele ihr Potenzial frei entfalten kann und sie dabei auch affektive Reserven aufbauen können. In der Regel sollten Jugendlichen doppelt so viele unstrukturierte Momente zur Verfügung gestellt werden wie strukturierte.
«Was man an seinen Muskeln versäumt hat, holt sich später noch nach; der Aufschwung zum Geistigen, die innere Griffkraft der Seele dagegen, übt sich einzig in jenen entscheidenden Jahren der Formung, und nur wer früh seine Seele weit auszuspannen gelernt, vermag später die ganze Welt in sich zu fassen.» (Stefan Zweig)
«Wie generiert das Wasser im Gehirn den Wein des Bewusstseins? Keiner weiss es … noch nicht.» (Seth 2018).
Die Datenmenge, die die Sinnesorgane an das Gehirn liefert, ist gigantisch. Nur ein kleiner Teil davon benötigt der Mensch, um sich in seiner Umgebung zurechtzufinden. Würden alle eintreffenden Informationen vom Gedächtnis verarbeitet und auf Dauer gespeichert, könnte er sich nicht mehr orientieren.
An vielen verschiedenen Stellen des Gehirns sind Gedächtnisinhalte gespeichert. So befinden sich sprachliche Informationen in einem anderen Bereich als visuelle usw. Dies bedeutet, dass unser Wissen über einen Gegenstand, beispielsweise über eine Rose, nicht an demselben Ort abgespeichert, sondern über unser Gehirn verteilt abgelegt worden ist. Bei Bedarf - also wenn wir uns an die Rose erinnern - werden die vielen Einzelinformationen (Form, Bezeichnung, Geruch usw.) wieder zusammengefügt. Bildlich gesprochen: Die Informationen werden im Gedächtnis «ungezippt» abgespeichert und erst beim Abruf wieder «gezippt» (Yewbrey et a. 2023). Ohne die bindende Macht des Gedächtnisses zerfiele unser Bewusstsein in so viele Splitter, wie es Augenblicke zählt.
Im autobiografischen Gedächtnis (auch episodisches Gedächtnis genannt) liegen unsere Erinnerungen an Dinge, die wir erlebt haben.
Im prozeduralen Gedächtnis speichern wir erlernte Bewegungsabläufe oder Handlungsstrategien ab: Auto fahren, Ski laufen, Skat spielen, Fahrrad fahren oder Klavier spielen zum Beispiel. Da dies auf vergleichsweise langsam lernenden Synapsen basiert, benötigt es in der Regel viele Wiederholungen, um bestimmte Bewegungsmuster wie etwa Jonglieren oder Klavierspielen zu erlernen.
Das semantische und das episodische Gedächtnis (Faktengedächtnis) sind für das Abrufen von Informationen (z.B. Schul- und Allgemeinwissen) zuständig.
Die verschiedenen Gedächtnissysteme sind stets miteinander verbunden. Ein Beispiel für das Zusammenwirken verschiedener Gedächtnisformen ist das Sprechen. Um den kompletten Stimmapparat zu koordinieren, benötigen wir das prozedurale Gedächtnis. Für die Beherrschung der Sprache sind das semantische Gedächtnis und die Zentren Broca, Wernicke und ihre Faserverbindungen relevant. Und erst dank des Hippocampus bekommen wir ein Gefühl für Raum und Zeit.
Mit Priming-System bezeichnen Gedächtnisforscher das Phänomen, dass ein Sinneseindruck wieder erkannt wird, auch wenn der neue Reiz dem alten lediglich ähnlich oder sogar unvollständig ist.
Das Priming-System nutzt unser Vorwissen und passt die eingehende Information diesem Vorwissen an.
Der Hippocampus wird mit Kreativität und Vorstellungskraft in Verbindung gebracht. Denn Vorstellungskraft bedeutet, dass man die Dinge, die man im Gedächtnis hat, auf eine neue Weise zusammensetzt. Kreative Intelligenz ist somit die Fähigkeit, neue Zusammenhänge zu erkennen und sie in einem sinnvollen Kontext langfristig zu behalten und zu nutzen. Dafür ist der Hippocampus prädestiniert. Er ermöglicht uns das schnelle Erlernen komplexer, emotional bedeutsamer Zusammenhänge. Man bezeichnet dies auch als assoziatives Lernen (nach Nehls 2022).
Leibniz, Kant und Goethe prägten den Begriff der Apperzeption - der Fähigkeit, Erfahrungen (Perzeption) sinnvoll zu verbinden, mit Fantasie anzureichern und mit dem Intellekt zu durchdringen, kurz die Fähigkeit originell und einzigartig zu sein.
