Homunculus - Henning Mühlinghaus - E-Book

Homunculus E-Book

Henning Mühlinghaus

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Beschreibung

Die Kriegerin Raissell ist eine begnadete Schwertkämpferin und die grauhäutige Flit eine Messerwerferin, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Doch das Blatt wendet sich für die von Diebereien lebenden Frauen, als sie in die Kerker der Stadt Truscog geworfen werden. Unvermutet bekommen sie Fluchthilfe von einem geheimnisvollen Gefangenen. An diesem Mann, dessen Sinne die Jahre der Einkerkerung auf ein übermenschliches Maß geschärft haben, ist nicht nur der Name mehr als denkwürdig. Von nun an sind die drei Kampfgefährten gemeinsam auf der Flucht vor den Schergen Truscogs. Nur mit Mühe erreichen Flit, Raissell und Bombaabrabrioummug die im Nachbarreich gelegene Millionenstadt Eár Galion, um spurlos in dem Moloch unterzutauchen. Noch ahnen sie nicht, wie weit der Arm Truscogs tatsächlich reicht. Verfolgt und gejagt beschließen die drei Gefährten, sich dem schicksalhaften Kampf zu stellen. Mit Alchemie, Gift und Eisen kämpfen die »Drei wie Pech und Schwefel« in der labyrinthischen Metropole um ihr Überleben. Ein Fantasy-Roman über Freundschaft, Identität und haarsträubende Mahlzeiten, umwerfend komisch und mit überbordender Fantasie erzählt.

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EPUB
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Seitenzahl: 439

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Henning Mühlinghaus

Drei wie Pech und Schwefel:

Homunculus

www.tredition.de

© 2014 Heinrich Karl »Henning« Mühlinghaus

Autor: Henning Mühlinghaus

Umschlaggestaltung, Illustration: Chrissi Sommer

Lektorat, Korrektorat: Anette Schaumlöffel

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8495-7679-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Paul Ottersbach (1912-1982), der das Licht der Fantasie in mir entzündet hat – danke für die Liebe, Geduld und Zeit. Du fehlst.

Und für Bärbel Endter – in immerwährender Freundschaft.

http://wie-pech-und-schwefel.de

1 Weggefährten

Im lichtlosen Dunkel der dreizehnten Kerker-Ebene unter dem Palast des Duodecim-Dynasten Amnexosis von Truscog hatte Zeit keine Bedeutung. Manchmal erschien es ihm, als sei er hier, im Geviert dieser winzigen Zelle geboren worden, zu Bewusstsein gekommen, einzig, um in Vergessenheit zu verrotten. Lediglich dass man seinen Napf in loser Folge mit Küchenabfällen füllte, wies darauf hin, dass man seiner gedachte, ihn nicht gänzlich verhungern ließ. Aus den Wänden tretende Rinnsale, Filtrate aus den Etagen über ihm, waren ihm Trank. Einst hatte er nach Rache gesonnen, hatte er getobt, die Finsternis angeschrien. Doch diese machtvolle Abwesenheit von Licht und Leben war taub für seine Not. Endlose Gebete hatte er gestammelt, wie ein Mantra war es einst gewesen: Bei BOMBAA, geliebte Väter und Vorväter, erhört mein Flehen, bin ich doch nur noch der Schatten eines Schattens meiner selbst!

Nach und nach hatten seine Sinne sich verändert, er hatte gelernt, die Tiefe auszuloten. Seismische Schwingungen erreichten seine mittlerweile unnatürlich empfindlichen Ohren. Einst dumpf, nun mit ungekannter Klarheit hörte er die Geräusche in den zwölf Stockwerken oberhalb seines Gelasses, den drei weiteren unter sich.

Das Gehör war nicht der alleinige Sinn, der sich ihm in diesem übernatürlichen Maß geschärft hatte. Ein verendeter Nager erhellte mit dem kalten Leuchten der Lumineszenz seiner Zersetzung die Zelle des Mannes so grell wie tausend Kerzen einen Festsaal – so kam es ihm vor. Wollte er schlafen, musste er seine Augen mit dem mageren Arm bedecken.

Die Abgründe aus Zeit, die er in der Tiefe unter dem Palast des Duodecim-Dynasten verbracht hatte, hatten ihn nicht nur körperlich verändert. Die Finsternis, einst sein größter Feind, umschloss ihn mittlerweile wie ein Schoß, war ihm Heimstätte und Schutz, ein gnädiger Mantel.

Er hatte seit Jahren nicht mehr an eine Flucht, an ein Draußen gedacht.

In der Ebene unterhalb seiner Zelle gab es einzig zwei Gefangene: neu eingekerkerte Frauen, denen ein langer, entwürdigender Tod bevorstand, wenn er das erregte Flüstern der Wachen in den Korridoren richtig gedeutet hatte.

*

»Truscog!«, Flit spie diesen Städtenamen aus wie einen gallig schmeckenden Bissen und trat zum tausendsten Mal gegen die Wand.

Ihre Zelle war so dunkel, wie die Nacht am Boden eines Meeresgrabens. Es roch nach Staub und ihrer beider Notdurft, die sie wohl oder übel in der Ecke neben der Tür verrichtet hatten.

»Eisen und Blut! Es war nicht meine Idee, den betrunkenen Tölpel auszunehmen!«, Raissells Stimme kam von rechts aus der Düsternis, sie klang tief und bedrohlich wie das Knurren einer Raubkatze.

»Truscog!«, tobte Flit, schleuderte den Napf vor die Mauer, das Scheppern verriet es.

»Lass dich in Truscog und im ganzen Städtebund der Zwölf niemals dabei erwischen, dem Kommandeur der Stadtwache den Beutel zu schneiden – so sagt man, oder?«, knurrte Raissell die Kriegerin, dann weicher: »Wenn wir hier rauskommen, gehen wir nach Osten ins Land Galion, versprochen.«

»Bei den Göttern! Einen Dreck werden wir! Wir kommen hier nie mehr raus, das weißt du!«, schrie Flit, wenn sie sich aufregte, war ihr Lispeln stärker.

Die Kriegerin seufzte.

Die Lage war aussichtslos.

Natürlich hatten sie sich nach dem missglückten Diebstahl der Festnahme widersetzt. Dabei hatten sie dem – wie sie zu diesem Zeitpunkt nicht hatten ahnen können – Kommandeur der Stadtwache wiederholt in seine wertvollsten Teile getreten! Sie hatten ihn sich unmännlich im Morast windend und wie ein altes Weib winselnd zurückgelassen. Doch vorher hatte er noch durch scharfe Pfiffe Hilfe herbeigerufen. Dem einen Dutzend wild entschlossener Armbrustschützen hatten sie sich zuletzt ergeben.

Flit trat dieses Mal gegen die massive Eichentür. Johlend dichtete sie den Müttern der Wachen zweifelhafte Geschlechtskrankheiten an. Sie unterstellte hierbei Infektionswege, die selbst einen Eár Ssolioner beschämt hätten.

Raissell lernte noch einiges dazu.

Alles blieb still und dunkel. Die Echos, die sie außerhalb ihres Gelasses erzeugte, verhallten umgehend.

Die an diesem Ort geschwisterlich verbündeten Zustände Dunkelheit und Stille ignorierten sie, verhöhnten sie, umschlossen sie wie eine Gruft.

Raissell hörte das Weinen am anderen Ende der Zelle, doch sie war zu mutlos, hungrig und schwach, um zu ihrer Weggefährtin zu kriechen, ihr beizustehen.

Es war nur eine Frage der Zeit, wann die Stadtwachen ihren Spaß mit ihnen haben würden, allen voran Kommandeur Karem Iraad Grosz.

*

Beunruhigender Wandel trat ein.

Die ihm vertrauten seismischen Schwingungen veränderten sich schleichend, es war die Melodie selbst, die sich wandelte, als schlichen sich leiernde Misstöne ein. Leuchtende, scheinbar aus dem Nichts sich manifestierende, grelle Chiffren füllten sein gesamtes Gesichtsfeld aus!

Bei BOMBAA, wie es brennt!

Erstmals in meinem Leben eine Prophezeiung meiner Väter und Vorväter!

In schneller Folge: Symbole und Sigillen.

Dies verheißen sie mir, wenn ich die Zeichen richtig deute:

Nah, ein Aufbruch

Die Flucht wird Dreien gelingen

Lebenswege verknüpfen sich

Lange über das Entkommen hinaus

Über viele Grenzen hinweg

Gar den Tod

Als das grelle Leuchten verblasste, sein Körper sich aus der Starre löste, rollte er sich in die schützende Ecke, zitternd. Nach dieser ersten und einzigen Prophezeiung, die seine Väter und Vorväter ihm je die Gunst erwiesen hatten, zu sehen, brauchte er Stunden, um einzuschlafen.

Die Weissagung spricht von den Frauen unter mir! Doch nimmer werde ich die Sicherheit meiner Klause verlassen, das kann niemand von mir verlangen! Nicht einmal die geliebten Väter und Vorväter, bei allen Seelenvögeln!

*

Als er erwachte, erschien ihm die Luft seiner Gefängniszelle merkwürdig aufgeladen, wie an einem … Gewittertag! Lange hatte er solche Gedanken an ein Draußen nicht mehr gedacht! Erinnerung kehrte mit Macht zurück.

Er suhlte sich in ihr, die Augen geschlossen, mit dem Rücken lehnte er an der Wand.

Schlagartig sah er, fühlte er die machtvolle Chiffre für den Neubeginn, die stilisierte Kelchblüte der Nylomeara-Weide!

Ein Symbol, dem zu widersetzen ihm in keiner Weise zustand!

Er sank auf die Knie, witterte an der Luke, mittels derer der Austausch der Näpfe vonstattenging.

Nichts.

Er stand auf.

Als seien diese Hände nicht seine, ergriff die Linke die phosphoreszierende Ratte, die Rechte die Türe seiner Zelle und öffnete diese mit einem Ruck. Roststaub und Stücke korrodierten Metalls rieselten zu Boden, das Schloss zerbröselte.

Fast so, als wollten die Schergen Truscogs, dass ich fliehe!, kam es ihm in den Sinn.

Schwer atmend stand er im Türrahmen, spähte hinaus.

Mit seiner gleißenden Lichtquelle leuchtete er den niedrigen, staubigen Gang von einem Ende bis zum anderen aus. Sie warf tanzende Schatten auf die in grellem Grün erleuchteten Wände.

Zaudernd fügte er sich, nahm sein Schicksal an. Wer wäre er, dass er sich dem Willen seiner Väter und Vorväter entgegenstellte? Kurz hielt er inne, drehte sich um, betrachtete aus ungewohntem Blickwinkel seine Klause, seufzte. Jedes Detail war ihm vertraut wie seine eigene Handfläche.

Dann wankte er weiter, aufrechter jetzt. Die einzigen Geräusche waren seine Schritte, das Rascheln seines Gewandes, entferntes Tropfen. Langsam und leise tappte er an einer großen Anzahl leer stehender Zellen entlang, bis er die aus dem Fels gehauene Treppe erreichte. Er lauschte, witterte, sondierte seine Umgebung. Nirgends waren Wachen auszumachen. Er wandte sich nach unten, stieg die steinernen, wenig ausgetretenen Stufen hinab bis zur vierzehnten Kerkerebene. Die erste Gefängniszelle im Gang war sein Ziel, sie war mit einem Riegel verschlossen.

Es gab nicht viele Optionen.

Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal gesprochen hatte.

*

Geweckt wurden sie von einem Kratzen an der Tür. Die Frauen fuhren gleichzeitig aus ihrem Dämmerschlaf auf. Sie griffen reflexartig nach ihren Waffen, die sich jedoch nicht an ihrem gewohnten Ort befanden: Raissells Singende Schwerter ebenso wenig wie die Wurfmesser und Dolche Flits. Als der Riegel zurückgeschoben wurde und die Tür sich knarrend öffnete, hielten sie den Atem an. Kein Licht drang herein, aber auch keine Soldaten mit Fackeln, höhnischen Fratzen und üblen Absichten, die Wangen von Alkohol gerötet, voller Lust, ihnen Gewalt anzutun.

Da war ein krächzendes Flüstern, ein Keuchen, das den beiden einen Schauer über den Rücken laufen ließ.

Unwillkürlich rückten sie ab von der Tür, bis sich ihre Schultern berührten.

Die Kriegerin machte mit der Rechten das Zeichen gegen das Böse.

Ein Krächzen war hinter der – wie sie vermuteten – jetzt offen stehenden Tür zu vernehmen, ein Krächzen, dem man anmerkte, dass es dem Erzeuger viel abverlangte.

»Wer … ist da?«, rief Flit, ihre Stimme überschlug sich.

Wiederholt presste jemand – etwas? – Laute hervor, diesmal klangen sie fast wie gewisperte Worte.

»Eisen und Blut! Bei den Dämonen der Zeit der Alten, sprich! Was willst du?«, fragte Raissell knurrend, die Geste noch schützend vor sich.

»… fliehen …«, es war ein Flüstern, wie ein von einem Gespenst ausgestoßener Hauch, dann nach einer Weile angestrengten Atmens: »Ich … führe … euch.«

Die Hände der Freundinnen fanden einander, es war ein fast schmerzhafter Griff, aber auch eine Geste, die beiden etwas Mut und Kraft gab.

Die Frauen richteten sich auf. Es gab zu dieser grausigen Flucht einzig eine Alternative, und die bedeutete auf jeden Fall den Tod. Mit einer Hand an der Wand folgten sie mit rasenden Herzen dem Tapsen vor sich, tiefer und tiefer hinein in eine staubige Düsternis.

»Treppe!«, raunte der Geist vor ihnen, dann ging es tatsächlich treppab, anstatt wie von beiden erwartet, treppauf. Zahllose Stufen später stockte ihr geisterhafter Anführer, vielleicht an einem Durchgang, schien zu wittern.

»… keinesfalls tiefer, unter uns … Schädelgas von … Katakomben …« Das war nahezu ein Satz.

»Ah!«, flüsterte die Kriegerin, ohne zu verstehen.

Das Stirnrunzeln ihrer Weggefährtin war im Dunkel fast spürbar.

Schädelgas?

Ihr Weg zog sich dahin. Zur Orientierungslosigkeit verdammt, spielte ihnen das Zeitgefühl Streiche. Mal kam es ihnen vor, als seien sie erst wenige Momente unterwegs, dann waren es Stunden. Mal wurde ein Widerhall ihres Atmens direkt von den nahen Wänden reflektiert, dann wirkte es, als durchschritten sie Kavernen – gewaltige unterirdische Kammern, in denen ein von der Decke fallender Tropfen zehn menschliche Herzschläge benötigen würde, um auf dem unebenen Boden aufzuschlagen.

Sie bogen scharf rechts ab. Durch einen grob in den Stein gehauenen Tunnel ging es eine Zeit lang geradeaus, bis der sie anführende Schatten stockte, erneut witterte.

»Wo sind wir denn hier?«, erkundigte sich Flit, als sie innehielten, das Lispeln verriet ihre Aufgeregtheit.

»Unter … Festung … Duodecim-Dynast … des impotenten Amnexosis.«

Sie hörten die bittere Ironie aus der letzten Äußerung heraus. Der Sprecher bekam langsam Übung.

»Ihr seid Amnexosis begegnet?«, fragte Raissell.

»Hauptsächlich seiner Gattin, … Sem-Netokris«, raschelte der Schatten, »wir liebten uns.«

»Man sagt, Sem-Netokris sei eine Matrone von über 70 Jahren!«, Flit schnaubte ungläubig.

»Ja, jetzt vielleicht«, wisperte es wehmütig, »es ist lange her.«

Sie setzen sich in Bewegung. Das Schulterzucken der beiden Frauen blieb in der Finsternis ebenso ungesehen wie ihre gerunzelten Stirnen.

Die Wendeltreppe führte nach oben. Die Stufen waren dick mit Staub belegt. Wenn sie sich ungeschickt bewegten, wurde er aufgewirbelt und erschwerte das Atmen. Endlos schraubten sie sich hinauf, mechanisch schritten sie hinan, bis ihr Anführer abrupt anhielt.

»Schweigt!«, presste er hervor. Nach einer Weile des atemlosen Wartens, in dem er eine Wand abgetastet hatte, schwang lautlos ein Teil dieser Mauer zur Seite. Die Dunkelheit war nicht mehr absolut. Vor ihnen lag ein von Sternenlicht und fernen Fackeln beleuchteter, prachtvoller Garten innerhalb hoher Einfassungen.

Sie befanden sich in der Gartenanlage der Festung des Duodecim-Dynasten von Truscog!

Niemals zuvor in ihrem Leben waren die beiden Frauen einem Zentrum der Macht so nahe gewesen!

»Leise!« Seine Bewegung war ein Huschen, ein Rascheln.

Die Anlage war weitläufig und grandios. Im Schein des entfernten Feuers konnte man Soldaten patrouillieren sehen. Doch kehliges Knurren aus drei Richtungen kündete von unmittelbarer Gefahr.

Zwischen zwei Hecken war ein Durchlass, ihr Führer eilte hindurch, nach links, ein Stück geradeaus, zweimal nach rechts, links, rechts, geradeaus und … – ein Heckenlabyrinth! Ihre Flucht ging durch einen minutiös gestutzten Irrgarten, dessen Boden aus feinem, geharkten Quarzsand bestand, der das Sternenlicht glitzernd reflektierte. Alsbald war es wieder so dunkel, dass die Frauen die Hand vor Augen nicht sahen.

Endlich kamen sie zu einem kleinen Bauwerk. Es war ein CHIMERAII-Schrein. Ihr Anführer drückte gegen eine Reliefplatte, die wie eine Türe aufschwang.

Kalte, modrige Luft schlug ihnen entgegen.

»Schnell!« Sie hasteten hinein, die Tür wurde geschlossen, sperrte sie in ein winziges Geviert! Aus der Nähe roch dieser schattenhafte Führer wie trockenes Herbstlaub.

»Ahs’sk-all!«, war plötzlich eine normale Männerstimme zu vernehmen, sodass die Frauen nach all der Heimlichkeit zusammenzuckten. Wie von Geisterhand setzte sich der Raum in Bewegung. Es ging in die Tiefe.

»Zauberei!«, flüsterte Flit enthusiastisch, ihr begeistertes Strahlen war deutlich spürbar.

»Eisen und Blut! Ich hasse verdammte Artefaktemagie«, knurrte Raissell, spuckte aus, vermutlich traf sie in der Enge jemanden, dann: »Was waren das für Tiere im Garten?«, fragte sie in die Düsternis.

»Leoparden«, ein Raunen.

»Man wird unsere Spuren im geharkten Sand leicht verfolgen können!«

»Ja, natürlich«, erwiderte er gedämpft.

Dann, nach einer Weile, die es weiterhin gemächlich hinabging, kam von der Kriegerin knapp: »Du kennst dich gut hier aus.«

»Einst ging ich hier ein und aus, … doch es musste diskret geschehen, … wenn ihr versteht was ich meine«, sein stimmloses Flüstern schien ihn weniger anzustrengen.

Sie verstanden.

Die Abwärtsbewegung endete mit einem Ruck. Die Dunkelheit war absolut.

»Welches Jahr schreiben wir?«, erkundigte sich ihr schattenhafter Anführer überraschend.

»Nach welcher Zeitrechnung?«, stellte Flit ihre berechtigte Gegenfrage hinein in eine stygische Finsternis.

»Als Jahr nach der Großen Zeitenwende«, kam es gepresst zur Antwort.

»Anno 1214«, informierte sie den Frager.

Ihr Führer verfiel nach dieser Auskunft in brütendes Schweigen. Ein Vakuum zeigte an, in welche Richtung er sich entfernte. Sie hatten Übung bekommen, ihm zu folgen.

Nach einer Ewigkeit, die sie stetig geradeaus gegangen waren, Raissell hatte unglaubliche 12.000 Schritte gezählt, konnte sie nicht mehr an sich halten: »Bei meinem Herzblut! Wir müssen die Stadt längst hinter uns gelassen haben!« Die Echos ihrer Stimme wisperten endlos davon.

»Genau das«, flüsterte es.

*

Sie rasteten in einem Hain von Sykomoren.

Unweit verlief die Straße, eine der Nebenrouten zwischen Truscog und Nicuena, sie mäanderte durch ausgedehnte Weinberge.

Es war stockfinstere Nacht gewesen, als sie an die Oberfläche gekommen waren. Raissell war aufgefallen, dass die Augen ihres Anführers – sie war sich mittlerweile sicher, dass es sich um einen Mann handelte – das Sternenlicht nicht reflektierten. Bei Licht betrachtet würde sich dieser Umstand schon klären. Die Frauen hatten unruhig und kurz geschlafen, ihr Fluchthelfer derweil Wache gehalten. Zuerst erwachte Flit, sie weckte ihre Freundin und Weggefährtin. Sie fühlten sich erschöpft, hungrig und ausgelaugt. An einem Bachlauf hatten sie sich nacheinander ausgiebig waschen können und getrunken, jetzt begann die Morgendämmerung.

Als sie zu ihrem improvisierten Lager zurückkamen, hatten sie erstmalig die Gelegenheit, ihren Retter zu betrachten. Der kleine Mann, mager wie der Tod, stand in der Deckung einer Sykomore und bewegte den Kopf, als beobachte er den Verkehr auf der Straße. Aber seine Augen waren mit einer Bahn Stoff verbunden, als wäre er blind! Seine fahlweiße Haut leuchtete hell wie der Bauch eines Fisches. Sein Haar, rabenschwarz, glatt und lang führte hinten hinein in die Halsöffnung des Gewandes. Er hatte keinerlei Bartwuchs. Drei an seiner Unterlippe befestigte, schwarze Edelsteine brachen das frühe Licht. Von diesen Steinen ging jeweils eine tätowierte Linie über das Kinn und den Hals, sie verschwanden wie das Haar im Halsausschnitt des silbrigen Kleidungsstückes. Dieses hing lose an ihm herunter, als sei es ursprünglich für einen Fettwanst von der Statur eines Fasses geschneidert worden. Es sah aus wie ein metallischer Ballon mit Ärmeln und Beinen. Die Öffnungen für Füße, Hände und Hals sowie eine Naht an der Vorderseite bis zum Schritt waren schwarz paspeliert. Das ungewöhnliche Gewebe glitzerte. Entgegen seiner Äußerungen in Bezug auf Sem-Netokris sah das hagere Männlein keinen Tag älter aus als 30 Jahre. Ihr seltsamer Führer wirkte verloren und unglücklich, als sei er lieber in seiner Zelle als hier draußen in Freiheit.

Sicherlich irrten sie.

Er verließ seine Deckung, um sich vorzustellen.

»Gestatten die Damen? Mein Name lautet Bombaabrabrioummug.«

»Auwei! Am Stück?«, Flits kornblumenblaue Augen klimperten ungläubig. Mithilfe dieses Wortungetüms schien das Eis zwischen ihnen gebrochen.

»Je nun!«, gab der Mann vage von sich, er machte eine entschuldigende Geste mit der Rechten.

»Ich heiße Raissell«, die Kriegerin reichte ihm die Hand.

»Flit mein Name. Eine Silbe. Kurz und bündig. … Bist du blind?«, kam sie ohne große Umschweife zur Sache.

»Nein, empfindlich.«

Er zeigte ihnen auch seine Ohrenstopfen.

»Wie viele Finger siehst du?«, fragte Flit, die inklusive Daumen vier Finger an jeder ihrer zartgliedrigen Hände hatte.

»Sapperlot, nur vier!«, keuchte Bombaabrabrioummug.

Die Frau nickte. Sie war die Größte von den Dreien, es fehlte wenig und sie wäre ganze zwei Stab groß gewesen. Sie hatte die schlanke und sehnige Figur einer Elfin. Doch um als »echte Elfin« durchzugehen, hätten die Ohren anders sein müssen, auch ihre Haut, denn die war hellgrau. Eine Strähne ihres silberweißen, knabenhaft geschnittenen Haars fiel ihr über ein Auge, sie linste effektvoll hindurch, blies die Haarsträhne fort. Einen Arm hatte sie in die Hüfte gestemmt und lächelte. Ihre einfache, zurzeit schmutzige Kleidung bestand aus einem wollfarbenen Hemd und schwarzer Kniebundhose mit hellen Kniestrümpfen, als versuchte sie, ihre offensichtliche Andersartigkeit damit wettzumachen. Sie war Anfang dreißig.

Raissell räusperte sich. Die muskulöse Weggefährtin Flits änderte im Stehen ihren Körperschwerpunkt, was entweder ihren Waffenrock oder ihren Brustpanzer knarren ließ, beide waren aus gehärtetem Leder. Unter dem Rüstteil trug sie ein schlichtes Wams und wo man ihrer Haut ansichtig werden konnte, war sie gebräunt und vernarbt. Sie grinste, was ihr offenes Gesicht mit den hohen Wangenknochen, braunen Augen und dem breiten, sommersprossigen Nasenrücken positiv zur Geltung brachte. Mit der Hand kämmte sie ihr lockiges, kastanienfarbenes Haar, fasste es achtlos mit einem Lederband im Nacken zusammen. Sie zählte knapp über 40 Lenze, schätzte der Mann.

»Eisen und Blut, wir brauchen Waffen!«, knurrte sie, ein Klassiker bei einer dem ALASTORM, dem Söldnergott geweihten Kriegerin.

»Um wohin zu kommen?«, fragte das magere Männlein im Silbergewand.

»Nach Osten ins Land Galion«, gab sie zurück.

Sie wurden sich einig, bei Einbruch der Dunkelheit gemeinsam weiter zu ziehen. Mit Sicherheit wurden sie mittlerweile im ganzen Städtebund gesucht. Es würde bezeichnenderweise lediglich den Flug einer Brieftaube benötigen, damit sie alle drei vogelfrei waren.

Bombaabrabrioummug ergänzte kryptisch, der gesamte Westen habe ihm ohnehin kein rechtes Glück gebracht. Soweit Raissell es wusste, erstreckte sich der Urkontinent Hepleuchut von hier aus gesehen über 500 Tagereisen nach Westen. Die bloße Dimension dieser Aussage machte sie frösteln.

Der Städtebund der Zwölf, mit seinen zu einer Handelsgemeinschaft zusammengeschlossenen Städten war nicht zimperlich bei der Wahrung seiner Interessen. Wer in einer der Städte ein Problem bekam, hatte es bald in allen: Acessum, Ambrion, Aphesud, Chassop, Cleuphe, Eblehor, Ellucus, Icophai, Jeribon, Nicuena, Phottor, und Truscog – dafür sorgte die Herrschaft der zwölf Duodecim-Dynasten, wie Amnexosis hier in Truscog.

»Hat jemand etwas Geld?«, fragte Flit.

»Nicht einen Roten!«, sagten die Angesprochenen wie aus einem Mund.

*

Der Tag war lichtdurchflutet. Es roch nach Erde, Laub und warmen Harz. Die Sonne malte gesprenkeltes Licht mit den großen, glattrandigen Blättern der Sykomoren. Diese auch Maulbeer- oder Eselsfeigenbaum genannten Obst- und Schattenbäume mit ihren dicken Stämmen und den ausladenden Kronen boten einen ausgezeichneten Blickschutz.

Schmetterlinge gaukelten herum, Hummeln verfolgten energisch ihren Weg zwischen den Baumstämmen hindurch. Aufmerksam beobachtete der klapperdürre Mann den Verkehr der Straße. Als gemächlich der grell bemalte Wagen einer Wanderhure vorbeizog, sprang er auf, als hätte ihn ein Glasskorpion gestochen. Er bat die Frauen inständig, auf ihn zu warten und hastete dem Gefährt hinterher, das er in einiger Entfernung anhielt.

»Mannsbilder! Unfassbar!«, zischte Flit, das Kornblumenblau ihrer Augen wurde dunkel, sie spuckte aus. »Bei den Göttern! Wir sind auf der Flucht, nicht auf einer Lustreise!«

Raissell schüttelte ungläubig den Kopf.

»Er hat gesagt, er habe kein Geld!«, sagte sie.

Ja, sie waren Bombaabrabrioummug zu Dank verpflichtet. Allerdings war dies eindeutig nicht die passende Situation, seinen Trieben zu folgen! Egal, wie lange er eingesperrt gewesen sein mochte! Dann das alles in der Anwesenheit von Damen!

Die beiden starrten auf den Wagen, der mittlerweile bedenklich schwankte. Vereinzelt trugen Böen sich steigerndes Gekreische an ihr Ohr. Mit rollenden Augen blickten sie sich an, schauten wieder zur Straße. Nach einer Stunde verließ ihr Fluchthelfer das Fahrzeug, die Hure winkte ihm noch einige Zeit hinterher, warf Kusshändchen und kicherte albern.

»Was war denn das?«, fragte Flit verwirrt.

»Je nun! Ich habe uns ein paar Münzen verdient«, in seiner offenen Hand lagen fünf Gulden. Er roch meilenweit gegen den Wind nach billigem Parfüm.

»Irgendetwas habe ich hier nicht mitbekommen«, sagte die Kriegerin, bedeckte ihr Gesicht mit der Hand und ließ sich nach hinten sinken.

»Ich krieg die Motten!«, wisperte die Grauhäutige mit undeutbarem Blick.

Später am Tag hielt Raissell als Unauffälligste der Weggefährten einen fahrenden Händler an, der so ziemlich alles feilbot außer Waffen, wie sie enttäuscht feststellte. Sie kaufte die für die anstehende Reise dringend benötigte Grundausstattung. Sie erstand Matten, Decken, Rucksäcke, Kräutersäckchen, Wasserbeutel, Messer, Schleifstein, Zunder- und Köderdosen, Angelhaken und -schnur, Löffel, Näpfe, Becher, Salz und Seil. Für Bombaabrabrioummug kaufte sie das, wie er es bald zehnmal betont hatte, absolut wichtigste Utensil: einen riesigen Kochkessel von mindestens einer Elle Höhe, ebenso groß im Durchmesser und für die Fortbewegung zu Fuß schwachsinnig schwer, wie die Frauen fanden.

Sobald er des Kupferkessels ansichtig wurde, verfiel der Mann in hektische Aktivität und begann, Kräuter, Rinde, Beeren, Nüsse und Pilze hineinzusammeln. Er grub mit der Klinge geschickt nach Wurzeln und Knollen, als habe er jahrzehntelange Übung darin. Er holte Wasser, ließ seine Weggefährtinnen ein rauchloses Feuer entfachen, putzte derweil, raspelte, schnitt und würfelte, dass das Auge kaum zu folgen vermochte.

»Zuerst einen Tee«, bestimmte er.

»Gibt’s auch was zu essen?«, fragten Flit und Raissell unisono.

»Meiner Treu! Nach dem Tee!«

Im Kessel befand sich ein übel riechender Sud, den er gerecht auf drei Trinkgefäße aufteilte.

»Bäh!«, spuckte die Grauhäutige.

»Bitte! Trinkt das! Euch zuliebe! Der Tee enthält wichtige Substanzen, die euren Körper stärken werden, bei BOMBAA!«

Die Frauen zwangen sich den Inhalt ihrer Becher hinunter.

»Würg!« Die Kriegerin schüttelte sich.

»Auwei!«, sagte Flit. »Ich fürchte mich vor dem Essen.« Derweil warf der Mann im silbrigen Gewand händeweise Vorbereitetes in den Kochkessel und fuhrwerkte darin herum, merkwürdige Weisen summend.

Die beiden bekamen – wie sie vermuteten – vom Tee einen leichten Ausschlag, den sie wortreich mit den siebenundsiebzig Stigmata der GIMRICitischen Heiligen Sankta Barras verglichen. Der emsige Koch brummte Augen rollend ob der Lamentos. Er gab zu bedenken, ihm selber ginge es gut und auch er habe den Sud zu sich genommen.

Im Handumdrehen war ein Eintopf bereitet, dessen köstlicher Geruch die Kritikerinnen zum Verstummen brachte. Ein paar Prisen Salz, eine Handvoll wilder Petersilie obenauf, dann dampfte delikate Speise in den Essgeschirren.

Flit schaffte eineinhalb Schalen, Raissell zweieinhalb und Bombaabrabrioummug aß den Rest: elf Näpfe. Die Frauen starrten den glückseligen Esser wie eine Erscheinung an, enthielten sich aber jeden Kommentars.

Als der Mann eingeschlafen war, spekulierten die beiden noch lange angeregt darüber, was ein Freier anstellen musste, um von einer Dirne Geld zu bekommen. Sie kamen zu keinem Ergebnis, außer der Gewissheit, dass sie auf keinen Fall fragen wollten. Ebenso wenig wie nach einer Erklärung dafür, dass ihr neuer Weggefährte keinen Tag älter aussah als 30, obwohl er behauptete, vor 40 Jahren mit der jungen Sem-Netokris ein Verhältnis gehabt zu haben.

Mit Einbruch der Dunkelheit verließen sie gerüstet ihr Versteck und brachen in Richtung Osten auf, Straßen und Ansiedlungen meidend.

*

Käuzchen riefen, nachtaktive Tiere raschelten, Wind rauschte in den im Finsteren verborgenen Kronen der Bäume.

Mit seiner ungewöhnlichen Wahrnehmung war für Bombaabrabrioummug die Nacht wie für die anderen der Tag. Selbst wenn Raissell und Flit kaum die Hand vor Augen sehen konnten, war es für ihn noch hell genug, dass er die Augenbinde nicht abnahm. Sie kamen gut voran – solange sie auf ihrem Weg nicht einer Baumgruppe der hochgiftigen Nylomeara-Weiden begegneten. Dann errichtete ihr Führer einen kleinen Altar aus Steinen und Ästen, betete oder meditierte eine Weile, küsste sein Amulett, das ihm das Allerheiligste war.

Das hielt auf, war indes offenbar nicht zu ändern.

Dass Bombaabrabrioummug mit bloßen Fingern eine der Kelchblüten der Weide abzupfte und in ein Fach seines Kräutersäckchens steckte, fiel den Frauen erst in der vierten Nacht auf, obwohl ihre Augen gut an die Dunkelheit angepasst waren. Gerade so, als sei die Berührung der weißen Blütenkelche nicht auf der Stelle tödlich, wie jedem Kind landauf, landab eingetrichtert wurde.

Die Tage verliefen ähnlich: Sie rasteten tagsüber und wanderten bei Dunkelheit. Es gab scheußlichen Tee mit viel Lamento darum und anschließend ein köstliches Essen, von dem der Koch den Löwenanteil verschlang, als sei er bodenlos. Der Mann hatte in den wenigen Tagen seit ihrer ersten Begegnung kräftig Gewicht zugelegt, ein Ende war nicht in Sicht.

»Wo hast du gelernt so gut zu kochen?«, fragte die Kriegerin, sich unbefangen mit einem Stöckchen in den Zähnen stochernd.

»Je nun!«, begann er. Die Frauen lauschten, amüsiert über seine umständliche Art. »Es liegt lange zurück. Es war im Westen. Wrisgothland, falls ihr einmal davon gehört haben solltet«, sagte er. Die beiden schüttelten mit dem Kopf.

»Grüne Hügel und schlechtes Wetter, ihr habt nichts verpasst. Nun denn, auf meinen Reisen kam ich fast verhungert in ein Dorf, es war eine Ansammlung von schiefen Häusern und Katen. Ich stolperte blind vor Entkräftung in ein Gebäude, in dem man tatsächlich Reisende bewirtete und ihnen Quartier bot. Eine Vettel mit pockennarbiger Haut, die unter einer arg urwüchsigen Form von Meteorismus litt und keinen Hehl daraus machte, stellte sich als Wirtin heraus.«

»Meteorismus?«, fragte Raissell.

»Blähungen!«, sagte Bombaabrabrioummug mit grotesk aufgeblasenen Wangen und kreisrunden Augen, dann fuhr er fort: »Also: Den Laib zwischen ihre Brüste gepresst, schnitt sie eine Scheibe Brot ab, die sie in einen Holzteller legte und heißes Wasser darüber goss – die Suppe! Es fehlte dem Ganzen indes die Würzung, dem Mahl hätte es an Geschmack gemangelt. Die Alte steckte sich also eine rohe Zwiebel und eine Zehe Knoblauch ins Maul, kaute diese zu einem Brei und rotzte mir das Gemenge in den Teller.«

Er blickte in angewiderte Gesichter.

»Wäre das in der Abgeschiedenheit einer Küche geschehen, ich hätte vielleicht ein Dutzend Mahlzeiten gegessen! Nicht vorzustellen!« Dem Mann stellten sich noch bei der Erinnerung die Haare an den Armen auf, er schüttelte sich. »Ich zog es an diesem Tag vor, mich von Bucheckern zu ernähren und unter freiem Himmel zu nächtigen. Des Weiteren beschloss ich, mir das vermaledeite Kochen selbst beizubringen.«

»Verständlich!«, bestätigte die Grauhäutige mit einem nach wie vor angeekelten Zug.

»Aufgrund meiner Kenntnisse, sowohl auf dem Sektor der Botanik, als auch auf dem Gebiet der Substanzen und ihrer Wechselwirkungen war es nur ein kleiner Schritt, ein mehr als nur passabler Koch zu werden! Nehmen wir also zum Exempel …«, schwafelte der Mann munter weiter.

Die Frauen starrten in die Flammen und hingen schaudernd ihren eigenen Gedanken nach, während der Redeschwall über sie hinwegging wie ein Sommergewitter.

Nachdem er geendet hatte, schwieg er eine Weile.

»Denkt ihr, dass Kommandeur Grosz euch beide überhaupt noch verfolgt?«, fragte er dann.

Raissell zuckte fragend mit den Schultern, Flit blickte betroffen, räusperte sich.

»Nun, es war eine etwas unglückliche Begegnung und wir haben dummerweise alles daran gelegt, dass er es wirklich persönlich nimmt. Was soll ich sagen? Ich denke, er wird somit alles daran setzen, uns zu kriegen, nur um seine Rache zu bekommen«, sagte die graue Frau niedergeschlagen.

»Hmm. Der Duodecim-Dynast Amnexosis wird eine hohe Belohnung aussetzen, wenn er erfährt, dass ich geflohen bin. Vielleicht jagt man euch nicht mehr, aber mich wird man jagen – notfalls bis ans Ende der Welt. Nun, ich fürchte, dass ihr ohne mich besser dran seid«, behauptete der Mann traurig.

»Bei ALASTORMS eisernen Hallen! Du hattest eine Affäre mit seiner Gemahlin, er hat euch erwischt und dich verdammte 40 Jahre eingekerkert und in Vergessenheit verrotten lassen wie ein Ding. Irgendwann reicht es doch einmal?«, schrie die Kriegerin erzürnt.

Sie gaben ihr recht.

*

Es war die sechste Tagesrast, die sie dösend auf einer versteckten Lichtung verbrachten. Im hellen Sonnenschein sahen die auf erratischen Bahnen umherfliegenden Insekten wie Sternschnuppen aus. Ganz gegen seine Gewohnheit wirkte es, als trödele Bombaabrabrioummug herum. Wie ein Künstler warf er noch eine Prise von diesem und jenem Kraut hinein, summte atonal vor sich hin. Endlich schien das Gericht fertig zu sein.

Der Duft der Mahlzeit war über die Maße köstlich, so als habe sich der Koch heute übertroffen.

Den Frauen knurrten die Mägen vernehmlich.

Flit kostete gerade von dem großen Löffel, als Raissell ein nahes Rascheln vernahm.

Gerade, als sich ihre lauernde Pose wieder entspannte, knackte laut ein Ast in nächster Nähe.

»Das nenne ich interessante Weggefährten!«, brüllte der mit vier Soldaten auftauchende Kommandeur Karem Iraad Grosz, er wirkte außer sich vor Freude. Hochmut troff ihm aus jeder Pore, eine Überheblichkeit, die diesem von seinem Wesen her kleinen Mann in keiner Weise zustand. Dieser Umstand stach schmerzhaft deutlich für alle Anwesenden hervor, sie schämten sich stellvertretend für ihn.

Wie ein Schauspieler, der nicht spielen kann und darum immer nur sich selber spielt, dachte Flit.

Gegen die bewaffnete Übermacht konnten die drei nicht viel ausrichten. Sie wurden nach einer kurzen Rangelei, die Raissell ein blaues Auge und eine geprellte Rippe einbrachte, an Bäume gefesselt. Dann kniete sich der uniformierte Anführer vor der Kriegerin nieder, drehte mit Zwang ihr Gesicht, dass sie ihn ansehen musste. Seine Hände und Nägel waren schmutzig, er stank nach Schweiß.

»Wie man so hört, lässt euer bleicher Begleiter in Dingen körperlicher Liebe die Frauenherzen höher schlagen?«, Grosz’ Stimme troff vor Herablassung, »Kannst du mir vielleicht erklären, wie ein solcher Kretin dazu in der Lage sein sollte?«

Raissell grinste unverschämt.

»Nun, ich will dir nicht zu nahe treten, aber ich würde mal die Vermutung aufstellen, die Bestückung mit einem Gemächt allgemein könnte schon in die richtige Richtung weisen.«

Des Hauptmanns Spießgesellen kicherten.

Die Ohrfeige schallte über die Lichtung.

»Euch allen hier wird das Lachen noch so gründlich vergehen, dass ihr allesamt wünschtet, ihr wärt jetzt und hier auf der Stelle gestorben!«, schrie der Kommandeur mit dem markanten Kinn, bei seinem grausamen Grinsen zeigte er Unmengen von Zähnen. »Nachdem wir gesättigt sind, werden wir uns den hoffentlich widerspenstigen Nachtisch einige Male schmecken lassen und euer neuer Freund hier darf zusehen! Als Inspiration für die nächsten Dekaden Kerkerhaft! Dann lassen wir euch für die wilden Tiere zurück, während der Kretin im Verlies verrottet! Stellt euch vor: 250 Alte Imperial ist seine blasse Haut wert – haha!«

Karem Iraad Grosz und seine ungepflegten Soldaten strahlten, ihre Blicke huschten über die Körper Flits und Raissells, in ihrer Vorstellung schändeten sie sie schon jetzt.

Der Anführer winkte seine Spießgesellen herbei, gemeinsam setzten sie sich ums Feuer. Ohne Umschweife begannen sie gierig, den duftenden Inhalt des Kessels unter sich aufzuteilen, hinunterzuschlingen, anerkennend zu schmatzen und zu rülpsen.

Der laue Wind trug den köstlichen Essensgeruch, Gebrabbel und Wohllaute der Männer zu den Gefangenen.

Die gefesselten Frauen zerrten an ihren Fesseln, Bombaabrabrioummug schien unbeteiligt am Geschehen zu meditieren.

»He!«, flüsterte die Grauhäutige verärgert in seine Richtung.

Er wandte ihr betont langsam das Gesicht zu.

»Tu was!«, sagte sie, am liebsten hätte sie angefangen zu weinen.

»Je nun. Alles ist getan«, sagte er mit normaler Stimme, dann legte er den Hnterkopf an den Stamm und schloss die Augen, als warte er gelassen ab.

»Bei den Göttern!«, zischte Flit.

Weniger als 50 Atemzüge später war ihre Gefangenschaft beendet.

Ihre fünf Verfolger am Lagerfeuer sanken zeitgleich zu Boden, die Körper verkrampften sich, als bekäme niemand mehr Luft zum Atmen. Schaum trat in großen Mengen aus Mündern und Nasen. Die Augen zeigten Augenweiß. Köpfe bogen sich in die Nacken, dass es krachte. Eine Zeit lang zuckten sie noch, dann wich schlagartig alle Spannung aus den Leibern.

Bombaabrabrioummug nahm die Hände nach vorne, als habe er den Baum zum Spaß umfasst, zur Entspannung des Rückens, und nicht, weil er gefesselt gewesen war.

»Deine Fesseln?«, fragte Flit, ungläubig.

»Erbärmliche Knoten! Das war lediglich ein doppelter Albaxen …«, bemerkte der Mann rätselhaft. Er gähnte ausgiebig, kratzte sich den Wanst, holte ein Messer und schnitt die Frauen los. Betont lässig schlenderte er zu den Leichnamen zurück.

»Es wird nicht nötig sein, sie zu begraben, sie werden sich von selbst zersetzen«, sagte er. Er stieß einen der Toten mit der Fußspitze an, dann begann er, die Leichen auf brauchbare Ausrüstungsgegenstände hin zu untersuchen.

Die beiden glotzten ihn an.

»Ja, sapperlot, was denkt ihr denn, warum ihr ständig diesen abscheulichen Tee trinken musstet?«, fragte Bombaabrabrioummug, während er einem Soldaten die Taschen abklopfte und ein hübsches Fischhäutemesser zutage förderte.

Flit dämmerte es.

»Du hast uns die ganze Zeit mit Gift gefüttert, in Mengen, mit denen man ein halbes Dutzend Brokarras hätte töten können?«, flüsterte sie fast, sie sammelte sich ein wenig. »Und der Tee … der war ein starkes Antidoton, ein Gegengift?«, fragte sie, ihre blauen Augen waren rund vor Unglauben.

»Ja, bei BOMBAA, was denn sonst? So ein Gebräu trinkt man doch nicht zum Spaß! Niemals würde ich etwas so grausam Schmeckendes freiwillig einnehmen, oder etwa ihr?«

Raissell schnaubte fassungslos durch die Nase.

»Sag mal, Kerl, welcher Rasse gehörst du eigentlich an?«, fragte Flit nach einer Weile, die Hände in die Seiten gestemmt, »Oder, um alles in der Welt, von wo kommst du?«

Statt zu antworten, lächelte er angelegentlich. Er roch an einem Weinschlauch, den die Männer mit sich geführt hatten und leckte sich die Lippen. Er gab sich Mühe den Anschein zu erwecken, als habe er nichts gehört.

Flit warf flammende, blaue Blicke.

»Und du?«, stellte die Kriegerin mit harmlosen, braunen Augen eine ebenso berechtigte Frage in die Richtung ihrer Freundin.

Diese schrie zornig und stampfte auf.

Flits Zorn galt nun all ihren Weggefährten.

Raissell grinste, ging zu den Toten, nahm zwei der Schwerter bei den Griffteilen. Sie machte eine rasche Bewegung der offenen Handflächen, sodass die beiden Hiebwaffen zueinander gegenläufig um ihre Längsachse rotierend in der Luft schwebten. Sie griff die fallenden Klingen, ließ sie übergangslos wie eine Windmühle rotieren. Nach einer rasanten Wendung steckten sie in den Scheiden am bislang leeren Gurt ihres Waffenrocks.

»Jou!«, jauchzte sie glücklich, endlich war sie gewappnet!

Sie war nun einmal eine dem ALASTORM, dem Söldnergott Geweihte.

*

Auch wenn ihre Verfolger tot waren, so wollten sie – solange sie sich noch im Städtebund der Zwölf befanden, keinesfalls auffallen. Potenziellen weiteren Verfolgern sollte die Arbeit nicht zu leicht gemacht werden. Doch dies waren letzten Meilen, die sie versteckt zurücklegen würden.

Seit einer Weile beobachteten Flit und Raissell, wie ihr Weggefährte von Tag zu Tag aufblühte, täglich schien er mehrere Stein an Gewicht zuzulegen. Aus dem klapperdürren Männlein war in der kurzen Zeit ihres gemeinsamen Weges aufgrund seiner einzigartigen Diät ein Mann geworden, dem das Untersetzte gut stand. Man konnte ihn schon jetzt ohne schlechtes Gewissen als fett bezeichnen und sein silbriges Gewand bot noch Platz für mehr.

Als Nebeneffekt entpuppte er sich als waschechter Exzentriker. Er hatte aus dem Saft des Leim-Wegerichs eine Pomade gewonnen und sein langes Haar damit behandelt. Er trug es nun in zwei asymmetrisch vom Kopf abstehenden, schneckenhausartigen Kegeln, die nach Basilikum rochen. An die Augenbinde und Ohrenstopfen hatten sich die Frauen gewöhnt, doch diese Frisur war der Gipfel!

»Blut und Eisen! Mit dieser Haartracht wirst du sogar in Eár Galion für einiges Aufsehen sorgen«, sagte Raissell zu Bombaabrabrioummug.

»Gut«, antwortete er grinsend.

*

Sie hatten die Grenzsteine des Landes Galion vor einer Weile passiert.

Es galt von nun an eine andere Zeitrechnung: das Jahr 1214 n. GZ. – nach der Großen Zeitenwende – war hier im GIMRICitischen Land Galion das Jahr 1401 n. G.: nach Gimric. Vierzehnhundert und ein Jahr nach dem Tode des Heilands am Marterrad der Nekh-Mhâ-Kultisten.

Sie wanderten in aller Öffentlichkeit die Straße entlang. Wieder waren sie einer fahrenden Hure begegnet und Bombaabrabrioummug hatte stolze sieben Gulden verdient, die Frauen schauten neidisch. Er begründete seinen gestiegenen Erfolg damit, dass er hinreichend gestärkt sei und die Preise nahe der Hauptstadt eines Reiches natürlich höher waren. Die Weggefährtinnen fragten nicht weiter.

Zusammen mit dem Geld, das sie Grosz und seinen Spießgesellen abgenommen hatten, sahen sie sich in der Lage, ihre Ausrüstung zu vervollständigen. Flit war wie ehedem ein Versteck für 23 Wurfmesser. Raissell hatte die Waffen der Soldaten Truscogs von einem Schmied mit den entsprechenden Modifikationen versehen lassen, sodass sie endlich wieder Singende Schwerter trug.

Bombaabrabrioummug, mittlerweile ein menschliches Fass, führte seine mumifizierte Ratte weiterhin mit sich. Man könne nicht wissen, wann man das nächste Mal in Katakomben herumtappe und eine helle Lampe benötige, so sein Kommentar.

Die beiden zogen ihn damit gutmütig auf.

»Wenigstens stinkt sie nicht«, bemerkte die Grauhäutige und spähte mit ihren kornblumenblauen Augen durch eine Strähne, die sie kurzum fortblies.

»Sie riecht nach Zuhause«, wisperte der Mann unhörbar.

*

Es war ein anderer Tag, eine andere Lichtung.

Flit schlief, ihr silberweißer Schopf lugte aus der Decke hervor. Raissell und Bombaabrabrioummug starrten noch in die Flammen. Die Kriegerin flocht ihr lockiges, kastanienbraunes Haar zu Zöpfen, die sie morgens vor dem Aufbruch auflöste.

»Sag mal Bombaa, du wusstest, dass sie kommen, oder?«, fragte sie mit wachsamem Blick.

»Hmm.«

»Blut und Eisen! Du wusstest auch, wann genau sie kommen würden, oder?«

»Hmm«, sagte er leicht nickend, zeigte mit einem fleischigen Finger, dessen Nagel er mittlerweile schwarz lackiert hatte, auf eines seiner Ohren mit den wächsernen Ohrstopfen. Er schien zu überlegen, ob er die Frau einweihen sollte, dann flüsterte er, als lauerten Spione hinter jedem Stamm.

»Je nun. Reichlich Wasserschierling, Hundspetersilie und …«, er kramte sein Kräuterbeutelchen hervor und öffnete es.

Das Fach mit den sechs hochgiftigen Kelchblüten der Nylomeara-Weide war leer.

*

Es war trocken, die Luft schmeckte staubig.

Seine mittlerweile mit Beerensaft schwarz gefärbten Lippen zitterten ebenso wie sein gewaltiges Doppelkinn. Die drei Edelsteine in seiner Unterlippe warfen das Licht der Sonne mit ihren Facetten zurück.

»Oh, bei BOMBAA!«, beklagte er sich.

Flit zuckte mit den Schultern und warf eine Braue zu Raissell herüber, die zurückgrinste.

»Meiner Treu! Ist es zuviel verlangt, wenn wenigstens die geneigten Weggefährtinnen einen mit vollem Namen anreden?«, fragte er eigensinnig, zog einen Flunsch wie ein trotziges Kind.

»Ja-haa«, antworteten die Frauen gleichzeitig und kicherten über diesen Umstand wie Novizinnen.

»Oh, bei BOMBAA!«, jammerte der Mann.

»Was soll denn das mit diesem Bombaa, was du da immer vor dich hinmurmelst?«, fragte die Grauhäutige.

»BOMBAA ist … mein Gott«, erklärte er stolz.

Die beiden schauten sich an.

»Dein Gott heißt also genauso wie du?«, fragte die Kriegerin.

Der fassförmige, kleine Mann ächzte schwer.

»Nein. Ich heiße Bombaabrabrioummug«, sagte er in einem Ton, als seien seine Mitreisenden nicht allzu helle.

Die Frauen seufzten unisono.

»Und wieso heißt dein Gott wie du?«, hakte Flit mit einem diebischen Grinsen nach.

Raissell stieß sie mit dem Ellbogen an, mit Not konnte die graue Frau ein Gackern unterdrücken.

Der Mann tat einen tiefen Atemzug.

»Ich bete zu dem Astralleib meines verstorbenen Vaters Bombaaumphesbraensi. Der hält bei dem Astralleib seines Vaters Bombaaumbraensifer Fürsprache für mich, dieser wiederum bei seinem Vater Bombaabramiummtra. So geht das hinauf zu den vielen Tausend Astralleibern der Väter der Urväter. Die länger im Jenseits verweilenden Astralleiber sind mächtiger als die Jüngeren – sie verwenden sich für mich und lassen ihr Wohlwollen erstrahlen über mir. Die gesamte männliche Linie meiner Vorfahren waren BOMBAA. Deshalb bete ich zu BOMBAA. Deshalb bin ich nicht Bombaa, sondern Bombaabrabrioummug, versteht doch, bitte!«, flehte er.

»Dürfen wir Bombaa zu dir sagen? Büttö!«, fragte Flit verschlagen.

»Büttö!«, flötete auch die Kriegerin, konnte sich daraufhin ein Lachen nicht verkneifen.

Der Mann stapfte stumm vor sich hin, in Abständen schaute er gen Himmel, bewegte die wulstigen Lippen zu einem lautlosen »Oh, bei BOMBAA!«

Die Reise nach Osten begann, Spaß zu machen.

»Was bei den Göttern ist eigentlich Schädelgas?«, fragte Flit.

2 Moloch

Das Wetter war angenehm, es ging ein leichter Wind, die Wolken verteilten sich am Himmel wie eine Herde Schafe.

Nichts und niemand bereiteten einen Fremden auf diese Stadt vor.

Jeder Sinn wurde überfordert, die Eindrücke waren ein Taumel.

Nachdem die Weggefährten das Stadttor durchschritten hatten, war Eár Galion ihnen über ihren Köpfen zusammengeschlagen. Sie ließen sich von dem Strudel aus Menschen und Elfen aller erdenklichen Hautfarben, Religionen, Kulturen und Kleidungsstile mitreißen. Hierhin und dorthin wendeten sie den Blick, ertappten sich, dass sie wie Idioten Maulaffen feilhielten.

Alles schien beseelt vom Lärm, vom Gewimmel, von all der Aktivität.

Durch die Vielzahl der Ablenkungen und die verschlungenen Pfade hatten sie bald die Orientierung verloren.

Links von ihrer Position wälzte sich blubbernd und starrend vor Dreck der breite Strom Anaskimander in Richtung Meer. Wie ein Schnitt teilte der Fluss die Metropole in zwei Hälften: die Weststadt mit Kathedrale und Burghügel und die Oststadt auf der anderen Seite. Er führte die Abwässer, den ganzen Kot und Unrat dieser Stadt mit sich und verseuchte noch auf viele Meilen hinaus den Ozean.

Vereinzelte grün gewandete Ruderer transportierten zahlende Fahrgäste. Binnenschiffer stakten mit Stangen unter den elf Brücken herum, sangen, pöbelten, stießen schrille Pfiffe aus, um sich untereinander zu verständigen. Mit ihren Flachbodenbooten verfrachteten sie hauptsächlich Waren, seltener auch Passagiere, die sich wegen des üblen Geruchs des Flusswassers Tücher um Mund und Nase gebunden hatten.

Eine Kuh trieb langsam flussabwärts, die Hufe gen Himmel gerichtet.

Die Drei irrlichterten weiter durch die glitschigen Gassen voller Kot, Kehricht, Spülwasser, Schlamm, Pfützen und huschenden Getiers. Die Luft waberte. Sie trug als Fracht die Pestilenz eines allzeit brachialen Gestanks mit sich, der mit Windrichtung und Ort laufend Qualität und Quantität änderte, jedoch nie verschwand.

Viele der vornehmen Damen und Herren umgaben sich mit einer Duftwolke, trugen Bisamäpfel um den Hals. Sie rochen gegen die Ausdünstungen der Stadt unentwegt daran, auch, um sich vor Krankheiten zu schützen, die die schlechte Luft übertragen mochte. Die duftenden Behältnisse, die auch Balsam-Äpfel, Ambra-Äpfel, Pomander, oder Riechäpfel genannt wurden, waren teilweise so groß wie ein Kinderkopf. Die Form reichte von Granatäpfeln, zapfenoder reliquiarförmigen Anhängern. Viele der Exemplare waren ornamental durchbrochen und diejenigen aus Edelmetall zusätzlich mit Edelsteinen oder Perlen geschmückt. Wertvoller als die Gefäße war jedoch zumeist ihr Inhalt: ein Gemenge aus den verschiedensten Duftstoffen wie Ambra, Dufthölzern, Gewürznelken, Labdanum, Moschus, Muskatnuss, Rosenblättern, Styrax und etlichen mehr.

Einige Nigromanten, die behangen mit ihren Symbolen des Weges kamen, rempelten unsanft die Umhergehenden an, spien ihnen fluchend und züngelnd blaues Sekret aufs Wams.

Bettelleute, die einen grotesk verwachsen, entstellt und verkrüppelt, die anderen mit Schienen, Polstern und Ruß wie solche zurechtgemacht, gingen ihrer Profession nach. Fliegende Händler vertrieben in der Nähe der Bordelle wirkungslose Salben und Talismane gegen die gefürchtetsten Geschlechtskrankheiten. Mystiker, die sich auf magische Heilung verstanden, fanden sich für fürstliches Honorar bereit, Impotenz zu kurieren.

Die Drei schlenderten – unbewusst, wie Millionen Pilger und Besucher vor ihnen – dem Mittelpunkt Eár Galions entgegen. Es war das Zentrum der kirchlichen und der weltlichen Macht, das alle anzog, als sei es magnetisch. Die höchste Erhebung der Metropole, der Palastberg, war der Anziehungspunkt dieser Stadt. Hier ballten sich der Palast des Herrschers – dem elfischen Potentaten Ptalaric VIII, die beiden Bastionen und der große Markt.

Es ging permanent leicht bergauf.

Nachdem sie eine Weile zu ihrer Rechten einer zyklopischen Mauer ohne offenkundige Funktion gefolgt waren, bogen sie das eine ums andere Mal zufällig ab. Sie folgten dem Trubel auf – wie sie glaubten – wahllosen Wegen durch Gassen und Durchlässe. Im Inneren einer Ummauerung des Stadtkerns stiegen sie eine steile, lange Treppe hinauf. Es war, als klettere man ein spitzes Schneckenhaus empor. Nach der schattigen Kühle eines kleinen, umfassten Platzes erreichten sie eine weitere Ringmauer. Sie ließen sich vom wogenden Volk durch ein Tor tragen und als die hohen Einfassungen endlich den Blick freigaben, stockte ihnen der Atem.

Ein gewaltiges, mit Sicherheit sakrales Bauwerk türmte sich vor ihnen auf, krustig von Gerüsten und Handwerkern. Es musste das höchste, jemals von Menschen- oder Elfenhand geschaffene Bauwerk sein! Lärm drang von Hunderten von Handwerksbetrieben zu ihnen herüber. Ein riesiger Markt dehnte sich dazwischen aus.

Immense repräsentative Bauten erhoben sich vor ihnen. Dies mussten die Bastionen der Inquisition und die des Großen Exarchen Harmandir I sein, oberster Hirte, Inhaber des höchsten Amtes der Geschwisterlichen GIMRICitischen Kirche. Die Mauer des Gebäudes war mit Efeu bewachsen, was ihr die Schwere nahm. An dem Eingangstor standen in der karmesinroten Rüstung der Garde Wachen mit überkreuzten Hellebarden. Über einen Vorhof ging es zum Portal im pompösen Säulenportikus auf der Freitreppe.

Die Ringmauer lenkte das Auge zuletzt auf den Palast, der im Hintergrund auf seinem ebenfalls ummauerten, uneinnehmbaren Burghügel thronte, der Sitz des Elfenherrschers Ptalaric. Der Herrschersitz mit seinen Dutzenden Türmen und Riesenmengen von Erkern und Zinnen war eine an architektonischen Stilen überreiche Ansammlung. Der Grundstein dieses Gemäuers sei älter als die Stadt, munkelte man.

Den Ortsunkundigen war es unmöglich, all das in ein Gesamtbild zu überführen.

In der Oberstadt, dem Zentrum aller Macht des Landes Galion am nächsten, war der Trubel noch größer als in der Unterstadt.

Hier standen rauchende Scheiterhaufen, dort trieben Soldaten der GIMRICiten einen Delinquenten zum Verhör. Kreischende Kinder warfen mit faulem Obst nach den Angeprangerten, für die guten Treffer gab es Gejohle von den umstehenden Herumtreibern.

Es war ein reges Treiben von kirchlichen und weltlichen Dienern, Boten und Würdenträgern. Farbig gewandete Priester, Mönche und Adepten der Kirche wuselten herum. Aussätzige versuchten noch den Ablass für ihre Sünden zu erbetteln, bevor sie starben.

In dieses Getümmel und Gewimmel stürzten sich singend und in religiöser Verzückung Scharen von Pilgern und Gläubigen, die Diebesvolk, fliegende Händler, Trickbetrüger und Devotionalienhändler anzogen. Verkaufsschlager für die vom Glauben Verzückten waren grünspanige, kupferne Nägel – natürlich von den 77 Nägeln aus dem Leib des Heilands Gimric – ebenso wie – selbstredend echte – Splitter vom Marterrad, an das der Heiland einst vor über 1.400 Jahren angeschlagen worden war.

Dann – als sei dies alles nicht genug – der große Kathedralbau.

All die Bautätigkeit erzeugte ein ständiges Klopfen, Sägen, Rufen, Lärmen, ein Drängen und Schieben aus Wagen, Kutschen, Reitern und Lasttieren zeugte von reger Bautätigkeit. Es wirkte, als risse der Strom der Steine und Materialien nie ab. Heere von Handwerkern, Bauleuten, Polieren und Steinmetzen erkämpften sich einen Weg von oder zur Kathedrale, deren Errichtung ihre Familien seit Generationen nährte.

Nahebei vor ihnen, innerhalb dieser hohen Mauern, erstreckte sich der Kathedralmarkt. Am Rande des Platzes gaben Schausteller und fahrendes Volk ihr Stelldichein: Ein zahnloser Wundertätiger erschuf eine nach verwesendem Fisch stinkende, rote Wolke und verschwand darin, die Umstehenden husteten und spuckten, ein paar Schwachsinnige spendeten grölend Beifall.

Flit war trotz des Gestanks begeistert.

»Magie!«, hauchte sie, die Züge beseelt wie die eines Kindes, das zum Namenstag ein Pony geschenkt bekommt.

Da waren Feuerspucker, Gaukler, Schlangenbeschwörer und Yogis, die sich gegen Entgelt Nägel durch die Hoden stachen. Da waren ambulante Wahrsagerinnen und fette Huren mit grell bemalten Gesichtern und aus Dekolletés hervorquellenden, im Gehen wallenden Brüsten. Eine Gruppe schwarzer Südelfen, bekleidet mit Knochenschmuck und Lendenschurzen, führte einen Regen- oder Fruchtbarkeitstanz auf. Ein Thaumaturg kreierte aus Eselsmist winzige, menschenähnliche Geschöpfe. Diese fielen sofort geil übereinander her und brachten dem Wundertätigen vom gaffenden Volk viel Anerkennung ein. Die, die dem Schauspiel mit starken Lupen beiwohnen durften, sparten nicht mit klingender Münze.

Sie mussten Flit von dort fortziehen.

Bald kamen sie an einem Menschenauflauf vorbei, einer Phalanx aus menschlichen Rücken. Es ging um Wetteinsätze und Kampf, soviel stand fest. Sie sahen an dem Blick der Kriegerin, dass hier ein Spektakulum nach ihrem Zuschnitt stattfand. Sie zwängte sich in das Rund und war entschwunden.

Bombaabrabrioummug spähte auf die Wand aus Leibern. Es waren Männer, die in der Rechten Papierchen hielten und durcheinander brüllten, ansonsten war aber nichts auszumachen. Das Gezeter von Geflügel war zu vernehmen, dann und wann zeigte sich eine in die Luft fliegende, schwarze Feder – ein Hahnenkampf!

Flit verdrehte die Augen.

Die zurückgelassenen Weggefährten schauten in der Gegend herum, wippten auf den Füßen vor und zurück. Sie blähten die Wangen auf, prüften den Sonnenstand – Raissell indes blieb verschwunden.

Sie warteten eine lange Weile, zunehmend entnervt.

»Sapperlot! Ich hole sie!«, sagte der Fassförmige entschlossen.

»Pffft!«, blies die Grauhäutige.

»Was ›pffft‹?«, fragte er irritiert.

»Schau mal«, sie wies mit dem Finger, »dazu müsstest du dich durch diese dicht gedrängte Menschenmenge zwängen – nichts für ungut, aber ich kenne niemanden, der weniger geeignet scheint als du. Nicht einmal nackt und eingefettet …«

»Pffft!«, äffte Bombaabrabrioummug sie nach und schob schmollend die schwarz gefärbte Unterlippe vor. Mit den Armen über seinem prächtigen Wanst verschränkt drehte er sich von ihr fort.

»Ich sammle sie ein!«, bestimmte Flit.

»Meiner Treu! Und ich bleibe, kugelrund wie ich bin, genau hier stehen, versuche nicht fortzurollen und lasse an meiner Statt der geneigten Stabheuschrecke den Vortritt!«, mopperte er beleidigt mit einer angedeuteten höfischen Verbeugung.

»Ja-haa!«, sang die Grauhäutige und schlüpfte in den Kordon der Körper. Sie verschwand von einem Augenblick zum Nächsten wie ein Sperling in der Hecke, soviel musste der Mann neidlos anerkennen.

Nackt und eingefettet – Schnickschnack!

»Pffft!«, wiederholte er, die Augen theatralisch zum Himmel gerichtet.

Dann passierte länger nichts von Bedeutung.

Der übrig gebliebene Weggefährte schaute in der Gegend herum, wippte auf den Füßen vor und zurück. Er blies die Wangen auf, prüfte den Sonnenstand – die beiden Frauen indes blieben verschwunden.

Schlagartig löste sich die undurchdringliche Arena der Leiber auf. Menschen strömten in alle Himmelsrichtungen davon, drei davon mit grob gezimmerten Hahnenkäfigen auf dem Rücken. Eine rotwangige Raissell und Flit, die Arme in die Hüften gestützt, kamen zum Vorschein.

»Hee!«, rief die Kriegerin zu Bombaabrabrioummug herüber und winkte.

»Pffft!«, pustete der Mann noch einmal, seine Unterlippe signalisierte sein Aufbegehren, er setzte sich zögernd in Bewegung.

Der Boden war bedeckt mit Federn.

Raissell grinste, sie hielt ihm die Handfläche mit acht Silbernen hin.

»Sie betrügen – natürlich! Man muss einfach nur in jeder neuen Runde auf den scheinbar schwächeren Hahn setzen, allerhöchstens ein Silber, dann funktioniert es ganz gut!«, erklärte sie.

»Bei den Göttern, weißt du, wie lange wir auf dich gewartet haben?«, fragte Flit.

»Nein!«, strahlte die Kriegerin und machte sich auf den Weg in Richtung Markt.

Die beiden anderen folgten, sich schicksalsergebene Blicke zuwerfend.

Sie traten auf den Marktplatz.

Unter dem prachtvollen Licht des Tages lagen hunderte Stände, eher wackelige Bretterbuden, die wirkten wie dahingewürfelt. Angeboten wurde von Grundnahrungsmitteln über Lebendvieh, Schmuck und Wirkwaren, Schnitzereien, Talismanen, Gewürzen und Heilmitteln über Duftstoffe und Räucherwerk bis hin zu Exotika alles Erdenkliche. Die Gänge waren überfüllt von Menschen, das Gedränge war schier unglaublich, die Massen quollen wie eine Flüssigkeit mit niedriger Viskosität durch die Lücken. Nicht minder brachial als in der Unterstadt waren hier die Gerüche, wenngleich die Qualität viel rascher wechselte als dort.

Das Gebrüll der Marktschreier war allgegenwärtig, der Chor der Lasttiere und des zum Verkauf stehenden Viehs hielt dagegen. Das Gemurmel und Gefeilsche der potenziellen Kunden erzeugte ein beständiges Hintergrundsummen zur Unterfütterung dieser Geräuschkulisse. Allem zum Trotz spielten Spielmänner auf, von denen sich die Drehleierspieler am lautesten hervortaten.

Brüllen und Geschrei drangen von links zu ihnen herüber. Ein Brokarra – ein großes, felliges Lastenfaultier – schwer beladen mit Gütern, war in Panik ausgebrochen und trampelte auf seine behäbige Art die Marktstände nieder. Das Tier verdrehte die Augen im flachen Schädel. Die Händler tobten und gestikulierten, während der Reiter, ein kleiner, Turban tragender Mann mit einem Spitzbart mit hochrotem Kopf auf sein sechsbeiniges Lasttier einzeterte. Kinder tollten herum und stahlen die rollenden Äpfel, Feigen, Nüsse und Okraschoten. Stadtwachen eilten herbei und drohten, mit ihren Armbrüsten das Brokarra zu erschießen. Taschendiebe nutzten die Achtlosigkeit des gaffenden Volkes.

*

An einem Stand mit gebrauchten Büchern erstand Bombaabrabrioummug nach einer Weile des Herumsuchens in frommen und frömmelnden Werken ein schiefes Bändchen.

Das Gefeilsche mit dem extrem großnasigen Händler strengte an. Indes war das wohl lebensnotwendig an einem Ort, an dem man Ware ausschließlich auf diese Art und Weise zu einem annährend reellen Preis erwerben konnte.

Sie zogen weiter.

Nach einem Stück des Weges trafen sie unvermittelt auf eine leere, hölzerne Sitzbank, die ein gewiefter Geschäftsmann an Ermüdete vermietete. Sie zahlten ihm sechs Rote für eine drittel Stunde und setzen sich. Ihr Vermieter drehte strahlend die Sanduhr um.

Das Sitzen tat gut.

Sie beobachteten die vorbeiströmenden Massen.

Jeder Eár Galioner schien gleich viel wert zu sein: Ob männlich oder weiblich, Mensch oder Elf, bedeutungslos die Hautfarbe, einerlei das Bekenntnis, solange es um die vier gemäßigteren Götter des Pantheons der Sieben ging: GIMRIC, CHIMERAII, NABUKAT und ALASTORM. Sie sahen gemischtrassige – somit kinderlose – Paare aus Menschen und Elfen, wobei weder Rasse noch Farbe der Haut eine Rolle zu spielen schienen.

»Was ist das für ein Buch?«, fragte Flit interessiert und legte den Kopf mit geschlossenen Augen nach hinten, um die Sonne zu genießen.

»Es ist von einem Chronisten und Biografen namens Skolia. Es heißt Heimstätte des Glaubens und handelt von dieser Stadt