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Lothar ist fast 10 Jahre älter als Olivia und mit seinem ruhigen Wesen ein guter Gegenpol zu seiner quirligen Partneriin. Am 10. Jahrestag ihrer Beziehung heiraten die Beiden. Da im Vorfeld der Hochzeit ein kleines Malheur passiert war, müssen die Beiden sich nach der Hochzeit um ein neues Ziel für die Flitterwochen kümmern. Sie haben Glück und ergattern ein spezielles "Honeymooner-Angebot". Auf geht's in einen ereignisreichen Urlaub nach Kenia.
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Seitenzahl: 141
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Ulrike Meiss
Honeymooner
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorher
Der VW-Bus
Die Hochzeit
Die Buchung
Letzte Vorbereitungen
Die Anreise
Ankunft in Afrika
Kuanza Beach Resort
Honeymooner-Special
Ausflug nach Malindi
Beim Friseur
Die Safari
Die letzten Tage
Ausgehoneymoont
Impressum neobooks
Pünktlich zum 10-jährigen Jubiläum sollte sie stattfinden, die Traumhochzeit.
Der 16. August ist ja auch ein herrlicher Tag zum Feiern. Alles war bis ins Detail geplant. Das Brautkleid, ein Traum aus weißer Spitze mit Puffärmeln und Stehkragen, hing schon seit Wochen gemeinsam mit den zwei Petticoats und dem sechs Meter langen Schleier bei Olivias Mutter im Gästezimmer, Lothar hatte sich einen Anzug besorgt und den in einer undurchsichtigen Hülle in den Kleiderschrank gehängt. Die Einladungen an die rund siebzig Gäste waren rechtzeitig rausgegangen und auch beantwortet worden. Die kirchliche Trauung war für vierzehn Uhr festgelegt und der Pfarrer war informiert, dass er alle Anwesenden zu Kaffee und Kuchen in die örtliche Waldhütte bitten sollte. Ein weiterer Raum war gemietet und geschmückt, dort sollten die geladenen Gäste die Hochzeit dann nach dem Abendessen vom Caterer bei Musik und Tanz weiter feiern.
Ganz traditionell waren Freunde, Verwandte und Arbeitskollegen am Donnerstagnachmittag zum Poltern erschienen. Das Wetter war prima, alle hatten sich wunschgemäß zurück gehalten und nur wenig Porzellan zerschmissen, es gab keinen unnötigen Dreck und man konnte auf den ausgeliehenen Festzeltgarnituren im Vorgarten sitzen. Lothar strahlte, niemand machte eine abfällige Bemerkung über seine Sparsamkeit und auch Olivia, genannt Oli, freute sich, dass alle zufrieden waren mit dem billigen Bier und den Würstchen, zu denen es nur trockene Brötchen gab. Die Stimmung war gut und der letzte Gast verabschiedete sich früh genug, so dass sie keine Angst haben mussten, zur Trauung verkatert zu erscheinen.
Lothar hatte entschieden, dass die Flitterwochen auf jeden Fall günstig sein sollten. Aber trotzdem sollte es ein unvergesslicher Urlaub werden. Was lag da näher, als den alten, zum Wohnmobil ausgebauten VW-Bus mit diesem Schnäppchenpreis zu kaufen und herzurichten, so dass man eine wunderbare Tour durch den Süden Europas machen könnte. Im August war das Wetter überall klasse und bei der Entscheidung für den Bus waren es noch über vier Wochen Zeit bis zur Hochzeit. Das würde locker ausreichen, hatte Lothar ihr versichert.
Wer hätte ahnen können, dass ein Austauschmotor nötig sein würde? Das festzustellen hatte kaum eine Woche gedauert, einen passenden Motor beim Schrotthändler aufzutreiben, eine weitere. Dann war aber alles klar, der Bus wurde in der Garageneinfahrt auf vier Böcke gestellt. Der neue Motor lag in der richtigen Position auf einem Rollbrett in der Garage bereit. Sobald der alte Motor ausgebaut war, müsste man den neuen nur unter den Bus schieben, mit dem Wagenheber hoch bocken und festschrauben. Peter, Lothars Trauzeuge und bester Freund war gekommen, um mit anzupacken. Beide Männer lagen unter dem Bus, um den Motor vorsichtig auf den bereitstehenden Wagenheber zu balancieren und abzulassen, wenn Lothar die letzte Schraube gelöst hatte. Olivia hatte die Aufgabe, sich von hinten durch die Heckklappe in den Motorraum zu beugen und den Motor in der Waage zu halten, damit sich die Schrauben nicht verkanten konnten und vor allem, damit der gelöste Motor nicht vom Wagenheber herunter rutschen würde. Der Plan war gut, Lothar hatte nur eine klitzekleine Kleinigkeit nicht bedacht, nämlich, dass die Einfahrt schräg war und der Bus deshalb nicht wirklich stabil auf den Stützen stand.
Gerade als sich Lothar so richtig ins Zeug legte und die letzte, festsitzende Schraube lösen wollte, geriet der Bus kurz ins Schwanken und stürzte von den hinteren zwei Stützen herunter. Nicht tief, die Räder waren ja montiert und fingen den Bus ab. Aber Oli kam es, mit dem Oberkörper in den Motorraum gebeugt, so vor, als hätte sie den gesamten Bus auf den Kopf bekommen.
„Gehirnerschütterung und eine gestauchte Wirbelsäule“ war die Diagnose im Krankenhaus und die Anweisung des netten Arztes lautete, die nächsten Tage absolute Ruhe und ungefähr vier Wochen Halskrause.
Es war nicht ganz so einfach, sich die Schmerzen nicht anmerken zu lassen und jedes Mal tapfer zu lächeln, wenn wieder ein Witzbold darauf hinwies, dass es wohl kaum ein deutlicheres Zeichen gäbe, das geplante Leben als Ehepaar lieber sein zu lassen, als wenn der Bräutigam seiner Braut ein ganzes Auto auf den Kopf schmeißt. Aber Olivia trug es mit Fassung. Auf keinen Fall sollte Lothar schlechte Laune bekommen und sich vielleicht überlegen, die ganze Hochzeit abzusagen. Schließlich hatte sie auch bei dem letzten großen Streit im Januar klein beigegeben und wieder mal festgestellt, dass er mit seinen sieben Jahren mehr an Lebenserfahrung einfach immer die besseren Entscheidungen traf.
Sie liebte ihn so sehr.
Zwar stand sie mit ihren sechsundzwanzig Jahren fest im Berufsleben und auch während ihres Mathematikstudiums war ihr nichts geschenkt worden, aber ein Leben ohne Lothar wollte sie sich gar nicht mehr vorstellen. Und sie war sich ganz sicher, dass er es tief in seinem Inneren genauso sah, auch wenn er es nicht immer zeigen konnte.
Leider hatte Lothar es in den zwei Wochen nicht mehr geschafft, den VW-Bus startklar zu bekommen. Den Motor hatte er zwar noch gewechselt, diverse andere Kleinigkeiten hatten sich aber dann ohne Olivias helfende Hände doch aufwändiger als erwartet herausgestellt und schließlich hatten sich die beiden Mittwochs darauf geeinigt, direkt am Montag nach Frankfurt zu fahren, um dort eine ganz besondere (aber trotzdem nicht so teure) Pauschalreise für die Flitterwochen zu buchen. Der Urlaub in beiden Firmen war ja schon eingetragen und Olivia wollte auch von dem romantischen Gedanken, typische Flitterwochen direkt nach der Hochzeit zu erleben, nicht ablassen. Ein gutes Argument war außerdem, dass Last-Minute-Buchungen erheblich günstiger waren, als reguläre und es bestand ja die Möglichkeit, ein echtes Schnäppchen zu ergattern.
Zum Glück war das Geld für den VW-Bus auch nicht verloren, denn sie hatten sich vorgenommen, noch viele andere Urlaube mit diesem Schätzchen zu machen.
Olivia schaute in den Spiegel und sah, dass sie lächelte. Gleich das Standesamt, nach der Trauung mit den Trauzeugen und Müttern nett Essen gehen und dann die Tasche packen und zu Mutti fahren. Diese Nacht würden sie getrennt verbringen, damit die Begegnung vor der Kirche für beide eine echte Überraschung wird.
Samstagmorgen, 5:37 Uhr.
Olivia öffnete die Augen und war glücklich. Sie war schon früh ins Bett gegangen und fühlte sich vollkommen ausgeschlafen und entspannt. Vorsichtig drehte sie den Kopf nach rechts und nach links, dann legte sie ihn in den Nacken und auf die Brust. Zufrieden stellte sie fest, dass sie keine Schmerzen hatte. Es hatte sich also gelohnt, die Halskrause konsequent zu tragen und an diesem wichtigen Tag würde sie darauf verzichten können. Sie öffnete das Fenster, atmete die frische Luft tief ein und verkroch sich nochmal unter die kuschelige Decke. Bis dass der Wecker um acht Uhr klingeln würde, könnte sie ja noch etwas träumen, dachte sie sich und schlief wieder ein.
Das Klopfen an der Tür passte so überhaupt nicht zu den Klängen von Nana Mouskouris „Guten Morgen, guten Morgen, guten Morgen Sonnenschein“, das fröhlich aus dem Musikwecker dudelte. Olivia rieb sich die Augen und murmelte: „Jahaa, ich bin wach“ in Richtung Tür.
„Frühstück ist fertig, duschen kannst du hinterher“, flötete ihre Mutter durch die geschlossene Tür und Olivia fühlte sich wie an ihrem zehnten oder elften Geburtstag.
Wie schön war das, sich zuhause bei Mutti so geborgen zu fühlen. Schnell schaltete sie den Wecker aus, in dem die griechische Sängerin zum wiederholten Male die Sonne aufforderte, nicht traurig darüber zu sein, dass ihr die Nacht verborgen bleiben würde. Nachdem sie sich die Zähne oberflächlich geputzt und mir der Haarbürste noch eben durch ihre Locken gefahren war, huschte Olivia ins Esszimmer, setzte sich in ihrem übergroßen T-Shirt an den Tisch und strahlte ihre Mutter an. Die beiden Frauen genossen das ruhige Frühstück und besprachen gerade den Ablauf der nächsten Stunden, als das Telefon klingelte.
„Geh ruhig dran“, grinste ihre Mutter sie an und Oli nahm den Hörer ab.
„Olivia Bärg bei Marlies Kösse“, meldete sie sich.
„Musstest du überlegen oder hast du heute Nacht geübt?“, lachte Lothar. „Ich wollte mal hören, ob meine Frau sehr aufgeregt ist.“
„Nö, aufgeregt bin ich noch nicht. Und üben musste ich auch nicht, schließlich habe ich schon lang genug darauf gewartet, eine Ehefrau zu sein. Und heute Nachmittag ist es perfekt!“, jubelte Olivia in den Hörer. Mit dem Hinweis auf all die Dinge, die noch erledigt werden müssten, wimmelte Olivia ihren Lothar dann ziemlich knapp ab. Sie hauchte noch einen Kuss ins Telefon und trank dann gut gelaunt ihren Kaffee aus.
Während Olivia sich unter der Dusche aalte, räumte Marlies den Frühstückstisch ab und bereitete alles vor, um später einige Brötchen zu belegen. Sie hatten sich überlegt, dass so ein schneller Snack zwischendurch allen, die vor der Trauung ins Haus kommen würden, als Mittagessen genügen sollte. Eigentlich waren bis auf einige Helfer ohnehin alle Gäste zur Trauung um vierzehn Uhr in der Kirche eingeladen.
Die erste, die eintraf, war Christa, eine Freundin von Marlies, die für Olivia schon immer wie eine Tante war. Die drei Frauen waren sich schnell einig, dass es angesichts der Tagestemperatur wohl am Günstigsten sei, wenn man die Brötchen nur aufschneiden und mit Butter bestreichen würde. Auf zwei großen Tabletts konnten die dann im kühlen Keller lagern, Wurst und Käse würde Christa dann erst darauf legen, wenn sie serviert würden.
Über das Geschnatter und die Brötchen-Bestreicherei war es für die Braut Zeit geworden, sich fertig zu machen. Mit Hingabe knetete und föhnte sie ihre Lockenpracht in Form. Dann wurde fast zeremoniell die schicke Spitzenunterwäsche angelegt. Das blaue Strumpfband fand sie zwar etwas albern, aber sie selbst hatte sich nun mal diese Traumhochzeit mit allem Pipapo gewünscht. Sie stieg in den ersten Petticoat und schloss den Reißverschluss. Bereits jetzt fühlte sie sich, wie eine Prinzessin. Mit Mutters Hilfe wurde der zweite Petticoat über den Kopf angezogen. Die Verkäuferin im Laden für Brautmoden hatte ihnen empfohlen, es so zu machen, damit das Kleid dann auch richtig schön fällt. Gemeinsam mit ihrer Freundin Christa raffte Marlies dann das Brautkleid zusammen und stülpte es der wartenden Olivia über den Kopf. Während sie sich ihre Haare wieder zurecht wuschelte, steckte ihre Mutter jeden einzelnen der fünfundzwanzig kleinen Kugelknöpfe von der Taille bis hinauf an den Stehkragen durch die entsprechende Schlaufe und Christa zupfte den weiten Rock in Form. Vorsichtig stieg Olivia in die weißen Pumps und lief ins Schlafzimmer, um sich entzückt vor dem Spiegel zu drehen.
„Wow, du siehst phantastisch aus!“ Peter stand in der Tür und war offensichtlich völlig ergriffen. Olivia lachte, drehte sich nochmal übermütig im Kreis und fragte ihn dann, wieso er überhaupt da sei. Eigentlich sollte er doch bei Lothar sein und aufpassen, dass dieser rechtzeitig an der Kirche wäre. Ganz vorsichtig umarmte Peter die Freundin und erklärte ihr, dass er Steve begleitet habe, um ihm den Weg zu zeigen.
Steve war ein guter Freund von Peter und Lothar. Ein kleiner, dicker, immer lächelnder Mann Mitte vierzig. Er hatte amerikanische Wurzeln und war sehr stolz darauf, etwas Besonderes zu sein. Sein langes, graues Haar fiel ihm in weichen Wellen auf die Schultern und der viele Schmuck, den er trug, gab ihm ein verwegenes Aussehen. Er hatte seine uralte, liebevoll gepflegte, dunkelblaue Mercedes-Limousine als Brautauto angeboten und das verliebte Paar hatte ihn dann gleich zum Chauffeur ernannt.
Dafür hatte sich Steve auch extra schick gemacht: Er trug einen cremefarbenen Nadelstreifenanzug mit einem schwarzen Hemd. Die breiten, goldenen Ketten machten eine Krawatte überflüssig. Dazu hatte er sich für ehemals weiße, mittlerweile eher hellgraue Cowboystiefel und einen hellen Al Capone Hut mit schwarzem Band entschieden. Olivia musste sich richtig anstrengen, um ihrer Mutter glaubhaft zu erklären, dass Steve ein gewöhnlicher, hoch anständiger LKW-Fahrer und kein Zuhälter war.
Der beauftragte Florist hatte ein wunderschönes Bouquet auf der Motorhaube des Mercedes befestigt und Steve den dazu passenden Brautstrauß (wie gewünscht aus tief violetten Orchideen und füllendem Grün) direkt mitgegeben. Etwas unbeholfen stand Steve nun im Flur, und war sichtlich erleichtert, den Strauß an Olivia weitergeben zu können. Für die wurde es Zeit, sich den Schleier aufstecken zu lassen. Sie legte den Brautstrauß auf den Tisch, nickte Steve noch einmal lächelnd zu und verschwand nach einer flüchtigen Umarmung von Peter im Schlafzimmer.
Sie konnte deshalb nicht hören, dass ihre Mutter Steve mit zwei belegten Brötchen versorgte und ihn dann gemeinsam mit Peter zur Kirche schickte. Marlies war froh, dass alles so klappte, wie sie es sich vorgestellt hatte, schließlich hatte sie noch eine Überraschung für ihre Tochter.
Lautes Stimmengewirr ließ Olivia unruhig werden und sie war erleichtert, dass das mit einem Myrrhe-Zweig besteckte, am Schleier angenähte Krönchen, das schon ihre Mutter zur Hochzeit getragen hatte, endlich mit unzähligen Haarnadeln auf ihrem Kopf befestigt war. Sie legte sich die sechs Meter Tüllstoff in den Arm und trat in den Flur. Dominik, ihr fünfjähriges Patenkind und seine vierjährige Schwester Myriam waren von ihren Eltern gebracht worden, damit sie gemeinsam mit der Braut zur Kirche fahren konnten, wo sie den Schleier tragen sollten. Die beiden Kleinen sahen sie an und sofort entbrannte ein Streit darüber, ob ihre liebe Oli wie eine Prinzessin oder doch eher wie eine Puppe aussah. Olivia begrüßte die Kinder und versuchte halbherzig, den Streit zu schlichten.
Sie blickte suchend umher und wurde nervös, weil sie Steve nirgends entdecken konnte. Wo war der Kerl denn abgeblieben? Hatte er es etwa gewagt, nochmal eben zum Kiosk zu fahren, um Zigaretten zu holen? War der eigentlich total bescheuert?
Die Aufregung, die sie nun doch gepackt hatte, ließ sie zornig werden.
„Ich habe ihn zur Kirche geschickt“, erklärte Marlies ihrer Tochter. Olivia war kurz davor, ihre Fassung zu verlieren.
„Aber... wie soll ich denn...“, fing sie an zu stottern. Wortlos schob Marlies sie sanft zur offenen Haustür.
Olivia war überwältigt.
Heimlich hatte ihre Mutter eine weiße Kutsche, gezogen von zwei wunderbaren, stolzen Schimmeln, organisiert. Aufgeregt sprang Dominik um die Pferde herum.
„Schau mal Oli, wie im Märchen“, rief er. Myriam hatte Angst vor den großen Tieren, sie presste sich dicht an Olivias Beine.
Die gesamte Nachbarschaft hatte sich auf der Straße versammelt.
„So, hopp hopp, rein in die Kutsche, nicht dass es dem Bräutigam langweilig wird.“ Marlies klatschte fröhlich in die Hände und begann, die Kinder in die Kutsche zu heben. Christa drückte Olivia den Brautstrauß in die Hand und vier Hände halfen mit, die Unmengen Stoff und Spitze im Inneren der Kutsche zu platzieren. Die kleine Tür wurde geschlossen und Olivia beobachtete, wie ihre Mutter und Christa zu Christas Wagen eilten. Die Nachbarn machten murrend Platz, um direkt nachdem das Auto um die Ecke verschwunden war, gespannt auf die Abfahrt der Kutsche zu warten. Einen Moment später ließ der Kutscher die Peitsche schnalzen, grüßte noch einmal mit seinem Zylinder in die Runde und die Pferde liefen los.
Der direkte Weg wäre wohl zu kurz gewesen, die gewählte Route gab jedenfalls der halben Ortschaft die Gelegenheit, festzustellen, dass Olivia übers ganze Gesicht grinste. Hätte sie keine Ohren, würden sich wohl ihre Mundwinkel am Hinterkopf getroffen haben.
Alle drei hatten einen Heidenspaß dabei, den Passanten an der Strecke zuzuwinken. Sie hätten noch stundenlang weiter durch den Ort fahren können, aber die Kutsche bog in die Kirchstraße ein. Der Kutscher zog die Zügel an, so dass die Pferde genau vor dem Hauptportal der Kirche zum Stehen kamen. Mit einem gekonnten Satz sprang der Kutscher von seinem Sitz, öffnete die Tür und reichte Olivia die Hand. So elegant es ihr mit dem weiten Rock aus Tüll und Spitze möglich war, trat Olivia über die wackelige Treppe aus der Kutsche. Strahlend schaute sie in die Menge.
Wer war da alles gekommen. Mitschüler, Vereinskameraden, Freunde aus der Jugend, die sie längst aus den Augen verloren hatte. Ehemalige Arbeitskollegen von Lothar, seine Nachbarn von früher, alle drängten sich gemeinsam mit den geladenen Gästen um Lothar, der mit seinem Trauzeugen Peter ungeduldig auf die Ankunft seiner Frau gewartet hatte.
Inzwischen war Dominik aus der Kutsche geklettert und der freundliche Kutscher hatte Myriam auf die Straße gehoben. Die beiden Kinder waren so stolz, den langen Schleier tragen zu dürfen, dass sie alles, was ihnen gesagt wurde, widerspruchslos taten.
Während der Pfarrer das Brautpaar begrüßte, nahmen alle Gäste ihre Plätze in der Kirche ein. Olivia hatte sich gewünscht, nicht in eine leere Kirche einziehen zu müssen. Nun war alles so, wie sie es sich schon in Kindertagen vorgestellt hatte.
