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Das Büchlein enthält eine Erzählung, die an eine lange koreanische Erzähltradition anschließt. Hong Gil Dong ist eine legendäre Gestalt wie Robin Hood und ein Name, den in Korea jeder kennt. Seine Geschichte ist ein beliebter Stoff für Filme, Fernsehserien, Comicbücher, Computerspiele und vieles mehr. Diese lange Reihe begann 1612 mit der Schrift "Die Legende von Hong Gil Dong". Der Verfasser Heo Gyun, damals ein liberaler Denker und Politiker, hatte für seine Geschichte den Namen Hong Gil Dong von einem Räuber und Dieb übernommen, dessen Existenz im 15. Jahrhundert historisch belegt ist. Seit dieser ersten Veröffentlichung ist der Name Hong Gil Dong in der koreanischen Volkskultur und im Herzen aller Koreaner unsterblich. Im vorliegenden Text verbindet Bodhi Satyam koreanische und deutsche Kultur- und Erzähltraditionen zu einem eigenen Stil. Sie stellt die wichtigsten Lebensstationen des Helden in filmschnittartigen Szenen und Dialogen dar, in denen sich große Emotionen und poetische Stimmungen abwechseln. Auf diese Weise eröffnen sie einen Einblick in Seele Koreas.
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Seitenzahl: 98
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Der Abschied
Die Flucht
Der Sumpf
Der Holzhacker
Der Halbmond
Das Lager im Tal
Zwölf Geschichten
Die Mutter
Der Vater
Die Legende
Lasst mich gehen!"
Hong Gil Dong bleibt vor seinem Vater knien.
"Du Narr, willst du wirklich gehen? Willst du das Haus verlassen? War es dir nicht von Anfang an klar, dass du nicht an der Staatsprüfung teilnehmen darfst. Niemals kannst du in den Staatsdienst aufgenommen werden. Warum dann die Staatsprüfung? Ja, ich habe bei dir sicher Fehler gemacht. Ein Adliger wird als Adliger geboren und wird als Adliger sterben. Ein Knecht wird als Knecht geboren und wird als Knecht sterben. Ein Bauer wird als Bauer geboren und wird als Bauer sterben. So hält sich die Welt in Ordnung. Ein jeder an seinem Platz. Das ist die Ordnung, die der weiseste Meister aller Zeiten, der große Konfuzius, lehrt. Wer sich in diese Ordnung fügt, ist in Harmonie mit sich selbst und mit der Welt. Und die Harmonie ist die oberste Moral, auf der alle Gesetze unseres Volkes beruhen. Die Verletzung dieser Standessordnung gilt daher als eines der schwersten Verbrechen, gleich nach dem Landesverrat, der, wie du weißt, mit der Todesstrafe durch Zerstückelung des Körpers bestraft wird. Deshalb sagt auch der Volksmund: "Eine Raupe des Pinien-Spinners soll Piniennadeln fressen. Wenn sie Laubblätter frisst, stirbt sie." Wenn du diese Ordnung der Welt beherzigst und fügsam bist, lebst du im Einklang mit der Welt."
"Ich bin doch auch Euer Sohn."
"Mein Blut fließt in deinen Adern. Du bist aber durch die Magd Chunsom zur Welt gekommen. Unser strenges Gesetz besagt: Der Kindesstand folgt dem Stand der Mutter. So gebührt dir der Stand des Leibeigenen und daran ist nichts zu ändern. Du durftest und darfst mich deshalb nicht "Vater" nennen. Das ist unser Gesetz und selbst ich, der Justizminister der Nation, kann nicht davon abweichen."
"Hier zu Hause bin ich ein Niemand und ein Nichts. Deshalb will ich in die weite Welt hinausgehen und etwas Sinnvolles aus mir machen."
"Was willst du denn aus dir machen? Was denkst du, dass du in der Welt machen kannst? Du kannst nichts machen. Du bist als Leibeigener geboren und das wirst du bis zu deinem letzten Atemzug bleiben. Ich weiß, dass du vielseitig begabt bist. Du hast schon mit fünf angefangen, die tausend Schriftzeichen zu lesen und zu schreiben. Und schon bald sah es so aus, dass du keine großen Schwierigkeiten hattest, Konfuzius und Menzius zu meistern. Sogar das I Ging, das Buch der Wandlungen, eines der schwierigsten Bücher, hast du gründlich studiert. Auch in den Kampfkünsten zeigst du Geschicklichkeit. Ich habe beobachtet, wie gut du mit Schwert und Bogen umgehst. Alle solche Wissenschaften und Kampfkünste sind aber für einen Sklaven, so wie du einer bist, eher eine Last als eine Ehre. Ich habe bei dir sicher Fehler gemacht. Ich hätte dir nie erlauben sollen, dass du solche hohen Künste lernst."
"All das habe ich begriffen und habe auch keine Absicht, mich dem Gesetz der Nation zu widersetzen. Ich will einfach nur gehen."
"Du hast noch nicht alles begriffen. Wohin willst du denn gehen? Du kannst nirgendwohin gehen. Eine solche Freiheit steht dir als einem Leibeigenen überhaupt nicht zu."
"…"
"..."
"..."
"Wenn du das alles eingesehen hast, gehe ins Bett. Es ist schon spät in der Nacht."
Hong Gil Dong steht ohne ein Wort auf, kniet aber erneut nieder, legt die Handflächen auf den Boden vor die Knie und beugt sich so tief nach vorne, dass die Stirn die Handrücken berührt. Das sieht aus wie die Große Verbeugung, die man bei einem langen Abschied macht. Der Vater schließt die Augen.
Hong Gil Dong erhebt sich vom Boden, macht ein paar Schritte rückwärts, öffnet die Schiebetür mit beiden Händen, geht aus dem Zimmer hinaus und schiebt die Tür vorsichtig zu. Dann macht er einige Schritte auf der hölzernen Daechong-Terrasse. Der alte Holzboden knarrt an diesem Abend besonders laut. Hong Gil Dong setzt sich an den Rand der Terrasse, zieht seine Lederschuhe an, steht auf und steigt die drei Steinstufen in den Hof hinunter.
In der Mitte des Hofes steht noch der Pyongsang-Freisitz, den man im Sommer draußen aufgestellt hat, um die kühlen Schatten der großen Bäume zu genießen. Er setzt sich auf den Freisitz und lässt seinen Blick über den Hof schweifen.
Den Hof umgibt eine mächtige Außenmauer, die jeden ungebetenen Eindringling fernhalten kann. Dagegen sind die Innenhofmauern so niedrig, dass man über sie hinweg in die anderen Höfe schauen kann. In diesen Mauern sind kleine Zwischentore eingelassen, durch die man leicht zu den anderen Höfen des Hauses gelangt. Direkt neben dem Freisitz ragen die Kaki- und Maronenbäume hoch und dunkel in den klaren Nachthimmel. Zahlreiche Kakifrüchte glänzen an den Bäumen im hellen Schein des Mondes. Gerade bricht eine Marone aus ihrem stacheligen Gehäuse heraus.
Als ob ihm die Marone ein Zeichen gegeben hätte, steht Hong Gil Dong vom Freisitz auf und geht langsam zum offenen Zwischentor. Der Mond und die großen Bäume erzeugen ein Licht- und Schattenspiel, das ihn bis zum Zwischentor begleitet.
Er tritt über die hohe Torschwelle. Es wird plötzlich hell. Es gibt keine Bäume und der Mondschein fällt ungehindert in den Hof. Dem Zwischentor gegenüber ragt das prächtige Haustor empor. Es hat ein geschwungenes Dach mit Giwa-Ziegeln und sieht aus wie ein richtiges Wohnhaus, allerdings ohne Wohnräume. Es besteht nur aus zwei Wänden, die Torflügel aus massivem Holz tragen. Links und rechts des Haustors erstreckt sich eine Reihe von niedrigen Häusern.
Hong Gil Dong wirft einen kurzen Blick auf das Haustor. Es ist schon verriegelt. Dann geht er zu einem Eckzimmer eines der niedrigen Häuser und steht eine Weile einfach nur so davor.
"Wer ist da draußen?"
"Ich bin es, Mutter."
Hong Gil Dong steigt die niedrige und schmale Stufe hinauf, greift den schwarzen Eisenring, zieht ihn nach außen und öffnet so die Tür. Die dünne Flamme einer kleinen Öllampe flackert. Er zieht stehend die Schuhe aus, tritt über die schmale Terrasse und die hohe Schwelle ins Zimmer und zieht schnell die Tür hinter sich zu. Die Flamme der Lampe beruhigt sich.
"Bub, was machst du hier so spät in der Nacht?"
Hong Gil Dong geht auf seine Mutter zu, die dicht an der Lampe auf dem Boden kauert und ein Kleidungsstück und eine Nähnadel in der Hand hat. Sie schaut zu ihm auf. Es scheint, als wolle sie gerade eine Schleife an eine Jacke annähen. Er kniet vor ihr nieder.
"Verzeiht mir, Mutter, dass ich Eure Nachtruhe störe."
Die Mutter legt das Nähzeug beiseite und schaut ihn besorgt an.
"Ist alles in Ordnung mit dir?"
Ihre Stimme zittert ein wenig.
"Mutter, ich werde das Haus verlassen."
Hong Gil Dong sieht, dass sich die Augen der Mutter mit Tränen füllen.
"Wegen heute? Hast du dich deswegen dazu entschlossen?"
"…"
"Ja, ich habe gehört, dass du heute beim Prüfungsamt warst. Dort hat man dich sicher ausgelacht oder gar verprügelt. Wie das abläuft, das braucht man nicht gesehen zu haben. Es ist alles meine Schuld! Meine Schuld ist so groß! Ich hätte dich nie zur Welt bringen dürfen. Oh, mein armes Kind! Eine adlige Frau hätte deine Mutter sein sollen, nicht ich, nicht diese Wertlose, diese niedere Magd. Selbst als Sohn einer Königin hättest du alles, was man für einen Prinzen braucht. In deinem Gesicht sei etwas Höheres, etwas Königliches zu lesen. Das hat der buddhistische Mönch, der Meister der Astrologie vom Do Son Sa Tempel, gesagt. Deine leuchtenden Augen, deine schön geformte Nase, deine breite Stirn, deine vollen Lippen, diese Gesichtszüge würden auf etwas Erhabenes hindeuten, sagte er. Es war dein erster Geburtstag, als dich der Meister in meinem Arm sah. Dich umgibt eine goldene Aura, die Aura eines Herrschers. Vor dir hätte man aus Ehrfurcht fast eine große Verbeugung machen müssen. So einer bist du. Nur deswegen, weil du durch mich, durch diese niedrige Magd, geboren bist, ist die Gnade des Himmels für dich zu einer Qual auf der Erde geworden. Es ist alles meine Schuld! Ich bin an all deinem Elend schuld!"
"…"
"Ja! Ich habe immer gedacht, dass so ein Tag wie heute kommen muss. Das habe ich schon lange geahnt. Du bist viel zu intelligent und begabt und dein Leid ist zu groß, als dass du es hier für immer aushalten könntest. Oh mein armes Kind, ich erinnere mich noch lebhaft an all die Demütigungen, die du hast erleiden müssen."
"…"
"Weißt du noch? Es war, als du fünf Jahre alt warst. Ich erinnere mich, als geschähe das alles gerade vor meinen Augen. Als Kleinkind warst du gerne dabei, wenn der junge Herr, dein Halbbruder, unterrichtet wurde oder wenn er etwas las. Um dabei bleiben zu dürfen, hast du auch alles getan, was er dir befohlen hat. Wenn er zum Beispiel Lust auf Süßigkeiten hatte… Er mochte ja besonders die Leckereien, die es im chinesischen Laden auf dem Markt gab. Wenn er sie mal haben wollte, musstest du sie herbeischaffen. Egal wie. Kaufen? Klar, wenn du Geld gehabt hättest. Woher solltest du aber das Geld nehmen? Vielleicht um Geld bitten? Aber wer würde auf deine Bitte hören? Wenn das nicht geht, dann betteln. Wenn du damit auch keinen Erfolg hast, dann stehlen, lügen, täuschen, betrügen... Ach, wie viele Geschichten habe ich über deine Taten und Untaten hören müssen. Das war aber nicht alles, was der junge Herr von dir verlangt hat. Er befahl dir auch, die frischen Vogeleier aus dem Nest zu holen. Dann musstest du ohne Wenn und Aber auf die hohen Bäume klettern. Er hatte auch oft schlechte Laune, dann hat er dich ohne jeden Grund einfach so verprügelt. Es passierte auch nicht selten, dass du wie ein Hund auf allen Vieren kriechen und dabei bellen musstest, damit er etwas zum Lachen hatte. Alle solche Erniedrigungen, Beleidigungen und Schläge hast du verkraftet. Das hat mich am meisten an dir erstaunt, sogar noch mehr als deine vielen Begabungen. Du hast ja eine außergewöhnliche Fähigkeit, alles, was du einmal gesehen oder gehört hast, auswendig hersagen zu können. So konntest du schon mit fünf vor dem alten Herrn, deinem Vater, eine Zeile chinesischer Schriftzeichen lesen und ihre Bedeutung angeben, was der junge Herr nicht konnte. Und dann... Was dann passiert ist... Oh je! An diesem Nachmittag, da hatte er dich auf eine Vase geschubst, die dadurch in Brüche ging. Das war die Vase, die die Herrin am meisten liebte. Und dann sagte er, dass du sie absichtlich umgestoßen hättest. Oh mein armes Kind! Da wurdest du so geschlagen, dass du eine Woche lang nicht mehr aufstehen konntest. Danach hast du nie wieder ein Buch in seiner Anwesenheit gelesen."
"…"
"Und deine Kampfkünste! Ein Schwert von drei Pfund fliegt in deiner Hand wie ein Schmetterling. Pfeile treffen das Zentrum, als hättest du den Kreis darum gemalt, nachdem du sie abgeschossen hast. Und dann… Und dann ist wieder etwas passiert. Das war im vorletzten Winter. Nicht?"
"…"
"Doch, es stimmt. Bei einer Schwertübung warst du dem jungen Herrn überlegen und hast ihn am Finger verletzt. Oh, was er dir dann angetan hat? In dieser Nacht kamst du nicht nach Hause. Auch nicht am nächsten Tag. Ich habe dich überall gesucht. Keine Spur von dir. Niemand hatte dich irgendwo gesehen. Wie groß meine Angst war! Ich hatte eine solche Angst um dich. Ich habe gedacht, du bist tot. Nach drei Tagen hat dich ein Jäger nach Hause gebracht. Du sahst aus wie ein Geist. Du konntest nicht einmal mehr aufrecht stehen. Der Jäger sagte, dass man dir, wie einem gefangenen Wildschwein, die Hände und Füße zusammengeschnürt hatte und dich so an einer Klippe aufgehängt hat. So hingst du frei in der Luft und
