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Eine Familie, zerrissen im Wandel der Zeiten: Der mitreißende Roman »Hongkong – Im Zeichen des Drachen« von Christopher New als eBook bei dotbooks. Im Jahr 1983 ist Hongkong eine schillernde Metropole voll Leben und kultureller Vielfalt ... doch auch von unterschwelliger Angst und Spannungen erfüllt, da die Zeit der Übergabe an China immer näher rückt. Auch der wohlhabende Michael Denton, Erbe einer britisch-asiatischen Familiendynastie, bekommt einen bitteren Vorgeschmack auf das, was die Stadt in Zukunft erwarten wird: Seine Schwester Lily, die als überzeugte Kommunistin einst nach China ging, ist nun eine Gefangene im eigenen Land. Sie bittet ihn in einer verzweifelten Nachricht, sie zu befreien und nach Hongkong zu holen. Doch um ihre Flucht zu arrangieren, muss Michael alles riskieren ... »Großartig, überzeugend und in höchstem Maße lesenswert. Ein Buch voller Spannung, Dramatik und Authentizität.« Sunday Telegraph Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der packende Großstadtroman »Hongkong – Im Zeichen des Drachen« von Christopher New ist der zweite Teil seiner großen China-Saga, die Fans von Edward Rutherfurd und Jeffrey Archer begeistern wird. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 773
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Über dieses Buch:
Im Jahr 1983 ist Hongkong eine schillernde Metropole voll Leben und kultureller Vielfalt ... doch auch von unterschwelliger Angst und Spannungen erfüllt, da die Zeit der Übergabe an China immer näher rückt. Auch der wohlhabende Michael Denton, Erbe einer britisch-asiatischen Familiendynastie, bekommt einen bitteren Vorgeschmack auf das, was die Stadt in Zukunft erwarten wird: Seine Schwester Lily, die als überzeugte Kommunistin einst nach China ging, ist nun eine Gefangene im eigenen Land. Sie bittet ihn in einer verzweifelten Nachricht, sie zu befreien und nach Hongkong zu holen. Doch um ihre Flucht zu arrangieren, muss Michael alles riskieren ...
»Großartig, überzeugend und in höchstem Maße lesenswert. Ein Buch voller Spannung, Dramatik und Authentizität.« Sunday Telegraph
Über den Autor:
Christopher New wurde in England geboren. Er studierte in England und Amerika, war viele Jahre lang Head of Philosophy an der Universität in Hongkong und fühlt sich in Ost und West gleichermaßen zu Hause. Seine Bücher sind international bekannt und mit »Shanghai – Die Stürme der Zeit« stand er viele Wochen lang auf der Bestsellerliste der New York Times.
Christopher New veröffentlichte bei dotbooks bereits »Shanghai – Die Stürme der Zeit«.
Die Website des Autors: christophernew.com/
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eBook-Neuausgabe November 2023
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1990 unter dem Originaltitel »A Change of Flag« bei Bantam Press A division of Transworld Publishers Ltd.
Copyright © der englischen Originalausgabe 1990 by Christopher New
Copyright © der deutschen Erstausgabe 1992 by Paul Zsolnay Verlag Gesellschaft m. b. H., Wien
Copyright © der Neuausgabe 2023 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/serazetdinov
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ae)
ISBN 978-3-98690-817-1
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In diesem eBook begegnen Sie möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. Diese Fiktion spiegelt nicht unbedingt die Überzeugungen des Verlags wider.
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Christopher New
Hongkong – Im Zeichen des Drachen
Roman: Die große China-Saga 2
Aus dem Englischen von Dietlind Kaiser
dotbooks.
Wir sind am Ende, wir habennicht mehr viel Sand in der Uhr.Die Götter sind längst begraben,von den Königen fehlt jede Spur.
A. E. Housman
Als die Motoren stotterten und das Flugzeug eindeutig nach unten kippte, drehte sich Rachel wie üblich voller Panik der Magen um. Sie schaute verkrampft aus dem Fenster, aber nein, sie sah nichts Beunruhigendes — aus der Tragfläche schlugen keine Flammen, sie wackelte nicht, brach nicht langsam ab. Und eine verbindliche Stimme versicherte ihr über den Lautsprecher, das sei erst der Anfang des Anflugs auf Hongkong. Rachels Finger lösten sich langsam von der Armstütze, sie lehnte sich zurück, holte das weiße Einreiseformular heraus, das die Stewardeß ihr gegeben hatte.
Sie wußte, was die Leute meinten, wenn sie vom Wunder des Fliegens sprachen. Nur eine Metallplatte zwischen den Fußsohlen und dem wogenden graublauen Meer in der schwindelerregenden Tiefe von zehntausend Metern, in dem es von Haien wimmelte. Ihre Zehen in den Turnschuhen zogen sich zusammen. Das Wunder des Fliegens, entgegen den Gesetzen der Schwerkraft oben zu bleiben, es war wirklich ein Wunder.
Ein Chinese im Gangsitz gegenüber von ihr rauchte. Rachel gab ihm ein Blicksignal, aber er erwiderte es verständnislos. Sie wollte sich nicht beschweren, das hätte rassistisch wirken können. Vielleicht kam eine Stewardeß vorbei und erinnerte ihn daran, daß er in der Nichtraucherabteilung saß.
Sie füllte das Formular aus und steckte es in ihren Paß, musterte dabei kurz die Fotoseite mit ihrem unhübschen, geschlechtslosen Gesicht. Dann suchte sie in ihrer Umhängetasche nach ihrem Adreßbuch. Michael und Grace Denton, Mount Kellett Road, The Peak, Hongkong. Und eine Telefonnummer. Sie hatte Michaels Brief an die Seite geklammert, zusammen mit dem alten Foto, das er ihr geschickt hatte. »Falls wir Sie aus irgendeinem Grund nicht abholen können, läuten Sie bitte diese Nummer an«, lautete das P. S. in säuberlicher schwarzer Tinte. Anläuten. Wer sagte heute noch anläuten? Anrufen, telefonieren — aber anläuten? Sie stellte sich Michael als einen äußerst würdevollen Briten vor, der wie die königliche Familie redete. Bis auf die Tatsache, daß er Halbchinese war. »Stinklangweilig«, hatte Jenny ihn in L.A. genannt. »Obwohl er mein Halbbruder ist.« Aber was Jenny stinklangweilig nannte, mochten normale Menschen normal nennen.
Rachel las den Brief noch einmal.
Liebe Rachel,
mit großem Interesse haben wir erfahren, daß Sie in Hongkong studieren wollen, vor allem deshalb, weil wir Sie noch nicht kennen. Selbstverständlich können Sie bei uns wohnen, bis Sie sich zurechtgefunden haben — auch länger, falls Sie es wünschen. Übrigens kennen wir beide Doktorväter, die Sie für Ihre Dissertation in Erwägung ziehen; nicht nur Patrick Denton — der, wie Sie wissen, mein Neffe ist —, sondern auch Dimitri Johnston, der ein alter Freund ist.
Wenn Sie Ihre Reise geplant haben, lassen Sie uns bitte wissen, mit welchem Flug Sie eintreffen; wir holen Sie dann am Flughafen ab. Vielleicht möchten Sie die beigefügte Fotografie Ihrer Stiefmutter zeigen. Sie kann Ihnen sagen, wer darauf abgebildet ist. Es ist die letzte Fotografie meiner Familie, die aufgenommen wurde, ehe die Japaner im Zweiten Weltkrieg Shanghai besetzten. Weil ich nur zwei Abzüge davon besitze (ein Negativ existiert nicht), hätte ich das Bild gelegentlich gern zurück.
Wir freuen uns darauf, Sie bald kennenzulernen.
Mit besten Grüßen
Michael Denton
Rachel schaute sich das zweiundvierzig Jahre alte Foto an (Fotografie — wer sagte das noch? Vermutlich nannte er ein Radio einen Rundfunkempfänger), säuberlich mit derselben korrekten Handschrift beschriftet: Shanghai 1941 (November?). Eine Zweierreihe aus westlichen und chinesischen Dentons stand steif und gerade vor der Kamera und blinzelte in die Sonne, ohne zu lächeln. Das Licht mußte dem Fotografen Schwierigkeiten gemacht haben — die chinesischen Gesichter wirkten ganz dunkel, die westlichen kalkweiß. Nur die beiden Eurasier hatten einen lebendigen Hautton. Da war die westliche Jenny, jetzt Rachels Stiefmutter, damals jung und hübsch und noch nicht verfettet. Michael war der junge Eurasier mit dem grüblerischen Blick, Jennys Halbbruder. Neben ihm Michaels eurasische Schwester Lily, ihren kleinen Sohn auf dem Arm.
»Gott weiß, was aus Lily geworden ist«, hatte Jenny achselzuckend gesagt. »Ist weggelaufen und hat sich den Roten angeschlossen. Ich bin nie besonders gut mit ihr ausgekommen. Und mit Michael auch nicht. Ehrlich gesagt, ich glaube, im Grunde haben wir uns gehaßt. Auch kein Wunder, wenn man bedenkt, daß sich mein Vater von meiner Mutter scheiden ließ und ihre heiratete. Das war damals eine Ungeheuerlichkeit in Shanghai, sich von einer Weißen scheiden zu lassen, um eine Chinesin zu heiraten — wir wurden alle wie Parias behandelt.«
Das Baby, das Lily auf dem Arm hatte, war Patrick Denton, der jetzt in Hongkong vielleicht Rachels Berater bei ihrer Doktorarbeit werden würde. Oder ihr Doktorvater, wie das dort offenbar hieß — machte das einen Unterschied?
Und alle anderen waren tot, seit langem tot, hatte Jenny achselzuckend und gähnend hinzugefügt.
Auf dem Peak in Hongkong lehnte sich Jennys eurasischer Halbbruder Michael Denton von seinem strengen chinesischen Schreibtisch aus Ebenholz zurück und schaute durch die Glastür zur Terrasse seiner chinesischen Frau Grace zu. Er hatte immer noch den grüblerischen Ausdruck in den Augen, der Rachel auf dem alten Foto aufgefallen war, obwohl nachdenklich vielleicht das bessere Wort wäre, und er war nur eine Spur schwerer als damals; sein Haar wurde erst jetzt dünner und grau. Sein Alter verrieten die tiefer werdenden Falten in den teigigen Wangen und auf der Stirn, die bläulichen Säcke unter den Augen.
Er schaute Grace an, und Grace schaute auf den Garten, hinaus auf das Meer, einen abgeschnittenen Zweig lila Bougainvillea vergessen — das wußte er — in der Hand. Sie drehte ihm den Rücken zu, aber er wußte auch, daß sie nichts Bestimmtes anschaute — weder den Rasen noch die Blumen noch die Büsche, auch nicht das zweihundert Meter tiefer gelegene Meer, nicht einmal die riesige, leuchtende Sonnenscheibe, die von Augenblick zu Augenblick tiefer sank, hinter die dunklen, gedrungenen Hügel der Insel Lantau. Nein, das alles war ihr wohl kaum bewußt; ihr Blick war bestimmt ruhig und verschwommen, nach innen gerichtet.
Sie trug einen blaßlila Cheong-sam. Heutzutage trugen nicht viele Chinesinnen einen Cheong-sam, dachte Michael. Und die meisten — in ihrem Alter und in ihrer Gesellschaftsschicht — hätten sich das Haar gefärbt, damit es schwarz und glänzend blieb. Aber Grace hatte sich nie um Äußerlichkeiten gekümmert. Schon gar nicht mehr nach der Geschichte mit Paul. Ihr Haar war jetzt grauer als seines. Das schien ihre distanzierte Haltung zu betonen — die Tatsache, daß sie sich nicht die Mühe machte, ihr Haar zu färben, meinte er damit.
Über das leise Summen und gelegentliche Brummen der Klimaanlage hinweg hörte er, wie seine Tochter San San übte, immer wieder in derselben Phrasierung innehielt, sie wieder und wieder spielte. Während er den Geigentönen zuhörte, die zwischen Höhe und Tiefe changierten, fiel ihm auf, daß er den Stumpf seines kleinen Fingers massierte, das verstümmelte Glied streichelte und drückte. Wie glatt und rein sah die Haut doch aus, fast so, als ob der Finger so gewachsen wäre — bis auf die stumpfe, mißbildete Form. Der Finger schmerzte ihn mehr, während er älter wurde, vor allem bei diesem heißen, klammen Wetter. Bald würde das besser werden, wenn die Luft trockener und kühler wurde, als ob man einen Schalter betätigt hätte, und fast einem vollkommenen englischen Sommer glich. Höchstens noch vier bis fünf Wochen.
Er regte sich auf dem dicken Kissen, das ihm auf dem Schreibtischstuhl ermöglichte, mit seinen immer weitsichtiger werdenden Augen ohne Brille zu lesen. Er lehnte den Kopf zurück, schaute an der Nase entlang und überprüfte die Notizen, die er eben geschrieben hatte.
San San erschien auf der Schwelle — sie hatte von jeher geräuschlos Türen öffnen können —, Geige und Bogen in der Hand. »Wann kommt diese Amerikanerin an? Ich muß doch nicht mit zum Flughafen, oder?«
Sie sah wie ihre Mutter aus, aber es gab einen Unterschied: sie hatte nichts an sich von der Distanziertheit ihrer Mutter, auch nichts von der Zerbrechlichkeit, die ihn in Shanghai vor vierzig Jahren gefangengenommen hatte. Sie waren jedoch beide gelassen — er konnte sich nicht daran erinnern, daß San San je jähzornig geworden wäre, nicht einmal als Kind, und der Gedanke, daß Grace der Jähzorn packte, war ohnehin absurd —, aber Graces Gelassenheit kam daher, daß sie sich niemals stritt, San Sans Gelassenheit daher, daß sie sich nie zu streiten brauchte. San San hatte alles, was sie wollte, und zwar kampflos. Bis jetzt. Natürlich war Geld eine Hilfe dabei gewesen. Sie war nicht eigentlich verwöhnt, aber —
»Wann ...?« fing sie wieder an und kam weiter ins Zimmer.
»Zwanzig vor acht.«
»Aus Amerika?«
»Aus Bangkok. Offenbar war sie ein paar Wochen in Thailand unterwegs. Nein, es ist nicht nötig, daß du mitkommst. Bleib doch hier und übe.«
Nein, nicht verwöhnt, machte er sich klar. Nur jung und unverletzt. Bis jetzt hatte ihr noch nie etwas weh getan. So hatte er es haben wollen. Seit zweiundzwanzig Jahren hatte ihr nie etwas weh getan. Aber er nahm an, jetzt könne es nicht mehr lange dauern, bis ihr irgend etwas weh tat.
»Was war denn das in den Nachrichten?« fragte San San. »Ich habe nur den Schluß mitbekommen. Irgend etwas darüber, daß die Gespräche über Hongkong keine Fortschritte machen.«
»China wirft Großbritannien vor, Schwierigkeiten zu machen. Was vermutlich heißt, daß die Briten den Chinesen nicht alles gegeben haben, was sie wollen.« Noch nicht, fügte er im Geiste hinzu.
»Sie können also weiter miteinander reden?«
»Aber in der Zwischenzeit kämpfen die Menschen darum, ihr Geld hinauszuschaffen. Als nächstes werden sie sich selbst in Sicherheit bringen wollen. Der Hongkongdollar fällt ins Bodenlose.«
Sie senkte die Geige und schaute wieder aus dem Fenster. »Es wäre scheußlich, wenn der ganze Ort einfach weg wäre«, sagte sie langsam. Sie hatte keinen Augenblick lang ernsthaft darüber nachgedacht, ihr Geld könne weg sein; ihr Vater war in Sicherheit, das verstand sich von selbst.
»Es geht weniger um den Ort«, korrigierte er. »Es geht um die Menschen. Um so viele, wie nur verschwinden können.« Er dachte an das Ende von Shanghai, das Ende von Saigon, das Ende von Phnom Penh. Die letzten Flugzeuge, die abflogen, verzweifelte Gesichter, sich festklammernde Hände, Aufstände in den Straßen, Schüsse, Plünderer. Das Ende von Hongkong?
Er dachte an seine kommunistische Schwester Lily und an ihren Brief in seiner Tasche, den ersten seit siebzehn Jahren.
»Aber am Ende wird doch alles gut werden?« sagte San San, die nicht glauben wollte, es könne anders kommen.
Er gab keine Antwort.
Während sie miteinander sprachen, sank die Sonne hinter den höchsten Hügel, und der Himmel über ihnen war aus ersterbender Glut.
Sie schauten beide zu, wie Grace sich umdrehte und über den Rasen ging wie jemand, der eben aufgewacht ist, den Bougainvilleazweig immer noch vergessen in der Hand.
»Dann bleibe ich hier und übe«, sagte San San einen Augenblick später. »Am Tag, nach dem ich in die Staaten zurückkomme, habe ich eine Stunde. Vielleicht rede ich auch kurz mit Paul.«
»Ja, du fehlst ihm, wenn du fort bist.«
Sie spürten beide, daß seine Stimme schwer wurde.
»Ich fände es sowieso scheußlich, wenn sich gleich die ganze Horde auf mich stürzen würde«, fuhr San San schnell fort. »An ihrer Stelle. Wie heißt sie? Rachel?«
»Rachel, ja.«
Grace ging an der Glastür vorbei, ohne die beiden zu bemerken, Richtung Küche. Michael schaltete die Lampe ein.
Er schrieb wieder, den Kopf steif zurückgelehnt, als Grace hereinkam. Sie hatte die Bougainvillea in eine Vase gesteckt, die sie sorgfältig auf die Schreibtischecke stellte.
»Ah Choi möchte wissen, wann er das Auto bringen soll«, sagte sie geistesabwesend. »Er macht es jetzt sauber.«
»Er macht es immerzu sauber. Zwanzig nach sieben müßte reichen, oder? Übrigens macht er es nicht eigentlich sauber; er putzt es heraus wie ein Pferd.«
Graces Hand zog sich von der Vase zurück, als streichle sie sie zum Abschied. So ging sie oft mit leblosen Dingen um, als wären sie lebendig. Sie trug niemals Ringe, bis auf den Trauring. Die Hand war mit sechzig immer noch schön, nicht fleckig, nicht von dicken Adern entstellt. Er dachte mit bösen Vorahnungen an den Brief seiner Schwester Lily in seiner Tasche und sagte Graces Namen auf shanghainesisch, wo er ebenfalls Grazie und Anmut bedeutete, und sie hielt inne.
Du hast einen passenden Namen bekommen, hatte er sagen wollen, und vielleicht noch mehr, aber als es soweit war, ließ der Impuls ihn im Stich. Er wäre sich wie ein Narr vorgekommen, als ob er niedergekniet wäre. Er schüttelte den Kopf, tat so, als hätte er es vergessen, und sie lächelte und wandte sich ab.
»Ach, übrigens«, sagte er, »sollten wir nicht Patrick anrufen, um ihn daran zu erinnern, daß sie heute abend ankommt? Damit er Rachel kennenlernt?«
»Wollte er denn heute nicht nach Macao fahren? Vielleicht ist er noch nicht zurück.«
Selbst ihre Sprechweise wirkte distanziert, als wäre ihr Kopf schon, während sie sprach, weit weg, bei etwas anderem, das sie stärker beschäftigte. Wenn er mit ihr redete, schien sie die meiste Zeit gleichzeitig einem anderen zuzuhören, etwas anderes zu hören. Und trotzdem hörte sie ihm immer zu. Und was sie antwortete, war völlig schlüssig. Jedenfalls so schlüssig wie das, was jeder andere sagte.
»Gut, ich versuch’s kurz, bevor wir abfahren.« Er steckte den Füller in die Tasche und spürte wieder Lilys Brief. Lily, Patricks Mutter.
Sie fuhren um zwanzig nach sieben ab. Die Lichter der Stadt blinkten immer wieder durch die Bäume hindurch unter ihnen auf, als der Wagen in lässigen Schlangenlinien den Peak hinunterfuhr. Jede Kurve bot einen anderen Ausblick, einen neuen Schrägblick nach unten wie ein geschütteltes Kaleidoskop, bis sie allmählich in das Muster eintauchten, das sie beobachtet hatten. Michael wartete, bis Ah Choi an der Küste entlangfuhr, ehe er den Umschlag aus der Tasche holte. »Das ist offenbar von Lily«, sagte er und reichte ihn Grace.
»Lily?«
»Offenbar. Er ist gestern gekommen.«
Sie drehte ihn um, befingerte die aufgerissene Klappe. »Woher? Wo ist sie?«
»Das ist das Seltsame. Er ist in Kaulun aufgegeben worden.«
»Lily ist da drüben?« Sie schaute ungläubig über den Hafen hinweg auf die Bienenwaben aus Lichtern, auf das riesige, neonbeleuchtete, übervölkerte Kaulun.
»Nein, er ist dort aufgegeben worden. Jemand muß ihn aus China herausgeschmuggelt haben. Falls er tatsächlich von ihr ist.«
Grace schaute im trüben Licht des Wagens auf den rechteckigen Umschlag. Die Straßenlampen gossen Tümpel aus leblosem Licht auf die großen, unbeholfenen chinesischen Schriftzeichen, eindeutig nicht Lilys gebildete Handschrift. Sie zog das rauhe Blatt mit einem Gefühl des Widerwillens heraus, als ob sie schon wüßte, daß es nur Ärger bedeuten konnte, und faltete es langsam auseinander.
Es war eng auf englisch beschrieben. Sie konnte es im wechselhaften Licht nicht lesen, aber sie schüttelte den Kopf, als Michael anbot, die Leselampe einzuschalten. Wie immer war es ihr lieber, den Augenblick hinauszuschieben. »Er ist gestern gekommen?« fragte sie und schob den Brief zurück.
Er nickte. »Ich habe darüber nachgedacht.«
Sie war nicht überrascht. Es war typisch für ihn, daß er es bis jetzt für sich behalten hatte. Vor allem dann, wenn es Sorgen mit sich brachte.
»Sie schreibt, daß sie heraus will, sie möchte, daß wir ihr dabei helfen«, sagte Michael, als sie nichts fragte. »Das heißt, falls der Brief echt ist. Ich nehme an, er ist es. Es sieht nach ihrer Schrift aus. Und es ist eindeutig ihr Stil.«
»Streng«, meinte Grace, als sie in den Hafentunnel einfuhren.
»Fast diktatorisch. Offenbar ist sie jetzt wieder in Shanghai. Ein Zimmer in unserem alten Haus, so unglaublich das klingt. Ich hatte nicht erwartet, je wieder etwas von ihr zu hören.«
»Ich frage mich, was Patrick davon halten wird. Es ist unwahrscheinlich, daß er seine Mutter jetzt wieder haben will, nachdem er sein ganzes Leben ohne sie verbracht hat.«
Der Mann rauchte immer noch. Die Anzeige No smoking leuchtete seit mindestens fünf Minuten auf, aber er hatte nicht die mindeste Notiz davon genommen. Rachel sah die Schlagzeile von morgen vor sich: Zigarette verursacht Brand bei Flugzeuglandung. Die Angst gewann schließlich die Oberhand über ihre schwächer werdende Zurückhaltung, und sie beugte sich zu ihm hinüber.
»Das Nichtraucherzeichen leuchtet auf«, sagte sie in dem angespannten Mandarin, das sie im Kopf geübt hatte, und lächelte bittend, machte auf ihrem Aschenbecher Ausdrückbewegungen.
Das Gesicht des Mannes war ein Brett. Er starrte direkt durch sie hindurch, an ihr vorbei, dann wandte er sich ab. Er hätte eine kahle Wand nicht mit weniger Interesse anschauen können.
Einen Augenblick später waren sie über der überfüllten Stadt, Millionen von Lichtern trieben von beiden Seiten auf sie zu. Sie glaubte, sie seien mit etwas zusammengestoßen, als das Fahrgestell unter ihr ausgeklinkt wurde, und ihr drehte sich vor Verzweiflung wieder der Magen um, aber nein, es war noch nichts passiert. Ihre Fäuste ballten sich, als die Gebäude ihnen unnachgiebig entgegenkamen. Sie konnte Busse sehen, Autos, Menschen auf den erleuchteten Straßen, und sie hielt den Atem an, als sie dicht über ein Dach hinwegflogen. Dann tauchte plötzlich ein paar Meter unter ihr die Landebahn auf, schwarz, gerade und sicher. Sie spürte das Aufsetzen kaum.
Während sie in ihrer Tasche nach dem Paß und den Reiseschecks schaute, unter dem Sitz nachsah und in der Sitztasche wühlte, um sich zu vergewissern, daß sie nichts liegengelassen hatte, stand der Chinese auf und ging an der protestierenden Stewardeß vorbei in den hinteren Teil des Flugzeugs. Er setzte sich auf einen leeren Sitz hinter einen rothaarigen jungen Touristen mit Sonnenbrand, der seinen Rucksack auf den Knien hielt. Als der Tourist aufstand, folgte ihm der Chinese.
Der junge Tourist trug an den bloßen Füßen die üblichen Sandalen, ausgefranste Blue jeans und ein kariertes Hemd. Der Chinese, der einen hellgrauen Anzug und auf Hochglanz polierte schwarze Schuhe trug, schaute ihn von Zeit zu Zeit mit hölzerner Verachtung an. Der Tourist schien weder das noch den Chinesen zu bemerken.
Bei der Paßkontrolle stellte sich der Chinese in die Schlange vor dem Abfertigungstresen für Einwohner von Hongkong, während der Tourist vor dem Schalter für andere Nationalitäten anstand.
Der Chinese legte seinen Paß auf den glatten weißen Kunststofftresen. Eine mollige junge Beamtin warf einen Blick auf den Namen — Yau Yin Hong —, blätterte durch die Seiten und konsultierte dann das schwarze Ringbuch, das aufrecht an der Schreibtischkante stand. Der Paß lag auf der Fotoseite aufgeschlagen da, und Yin Hong betrachtete verdrossen sein auf dem Kopf stehendes Gesicht. Das Foto war jetzt fünf Jahre alt, aber es zeigte einen Mann, der schon in die Jahre kam. Er trommelte mit den Fingern auf den Tresen und beugte sich hinüber, um zu beobachten, wie der Stift der Frau die gedruckte Namensliste entlangwanderte, zögerte, dann weiterglitt.
»Treten Sie bitte weiter zurück«, sagte sie auf kantonesisch, ohne aufzuschauen.
Yin Hong zog sich ein winziges Stück zurück. »Sie haben wohl Angst, daß ich Ihnen in die Bluse schaue?« murmelte er in die Luft über ihrem Kopf. Er hatte eine kratzige Stimme, wie Sand, der von einer Schaufel rutscht.
Ihre Nasenflügel blähten sich leicht, und sie wurde unter der olivfarbenen Haut rot, als sie ihm schweigend seinen Paß reichte und dem nächsten Passagier zunickte.
In der Zollabfertigungshalle tat Yin Hong, als benutze er eines der gebührenfreien Telefone an der entgegengesetzten Wand, während er beobachtete, wie der rothaarige Ausländerteufel den Rucksack auf den Tresen legte. Der Zollbeamte wühlte nachdenklich darin herum, prüfte und wog ab, den Kopf mit dem abschätzenden Blick des Kenners halb abgewandt, während der Ausländerteufel dastand und Sorglosigkeit demonstrierte, sich unschuldig umschaute; dann winkte der Beamte ihn durch.
Yin Hong folgte ihm. Er hatte nur eine flotte, billige Reisetasche aus Nylon.
Der Ausländerteufel warf sich den Rucksack über die Schulter und ging, erst zögernd, dann den Pfeilen folgend direkt zur Bushaltestelle des Flughafens. Ein junger Chinese mit prallem, frisch tätowiertem Bizeps, der ein weißes T-Shirt mit dem Aufdruck Hell’s Angels trug, lungerte an der Schiebetür herum. Sein Blick begegnete dem Yin Hongs, und Yin Hong nickte kaum merklich. Der junge Mann stellte sich direkt hinter dem Ausländerteufel in die Schlange.
Yin Hong schaute zu, bis sie in den Bus stiegen.
Michael und Grace warteten neben einer runden Säule, abgesondert von der erwartungsvollen, geduldigen Menge, die sich an der Absperrung drängte. Michael beobachtete die Passagiere, wie sie durch die Schiebetür kamen, als wären sie auf dem Weg auf eine völlig unvertraute Bühne. Verwirrt, ängstlich, hoffnungsvoll, müde blieben sie stehen, um die verschwommenen Gesichter unter ihnen zu mustern wie Amateurschauspieler, die das Rampenlicht blendet, dann schoben sie die Gepäckwagen die Rampe hinunter und strahlten jede Art von Gefühl aus, vom Entzücken bis zur Niedergeschlagenheit. Es erinnerte ihn an heimkehrende Kriegsgefangene, an Flüchtlinge, an Exilierte, an Waisenkinder. Es erinnerte ihn an seine Schwester Lily, die aus China herauswollte.
»Das muß sie sein«, sagte Grace, und einen Augenblick lang glaubte er, sie meine Lily. Dann sah er eine schmale, strohblonde junge Frau, die mit einem fragenden Lächeln, von dem sie Fältchen um die Augen bekam, auf sie zuging.
»Rachel?«
»Ja«, sagte sie mit einer tiefen Stimme. Dann: »Hi.«
Etwa sechsundzwanzig, dachte er, als er ihr die Hand schüttelte. Und eine alte Jungfer.
»Ich habe von dem Foto her gedacht, das müssen Sie sein«, sagte Rachel.
Er lächelte in schweigender Ungläubigkeit. »Das ist meine Frau, Grace.«
Grace legte ihre schlaffe, zarte Hand in Rachels festen amerikanischen Griff und erwiderte ihr offenes Lächeln vage.
»Hi«, sagte Rachel noch einmal mit ihrer tiefen Stimme. »Wie nett, daß Sie mich abholen.«
Sie schauten alle auf den Gepäckwagen hinunter, den sie geschoben hatte, auf dem über drei Segeltuchtaschen und einem Koffer ein Rucksack balancierte.
»Der Wagen ist dort drüben.« Michael legte eine lenkende Hand auf den Gepäckwagen, und sie schoben ihn linkisch gemeinsam.
»Hatten Sie einen guten Flug?«
»Es war okay, glaub’ ich. Das Fliegen ist für mich wie Seekrankheit. Ich bin einfach froh, wenn es vorbei ist und ich noch am Leben bin.«
»Oh, wird Ihnen beim Fliegen schlecht?« fragte Grace mit höflicher Besorgtheit.
»Äh, eigentlich nicht. Im Grund überhaupt nicht.«
Sie machten eine erwartungsvolle Pause, aber zum Glück mußte sie es nicht erklären, denn eben da berührte jemand Michael vertraulich an der Schulter. Es war der uneinsichtige Raucher aus dem Flugzeug. Und er rauchte schon wieder. Michael wandte sich um.
Der Mann grinste, ein Mund voll schiefer, gelber Zähne, murmelte etwas mit einer kratzigen Stimme und ging dann mit falscher Munterkeit weiter. Wie eine alternde Nutte, dachte Rachel. Aber was konnte sie schon darüber wissen?
Michael und Grace wechselten sprechende Blicke.
»War das ein Freund von Ihnen?« fragte Rachel, überzeugt davon, daß er das nicht war. »Er hat im Flugzeug in meiner Nähe gesessen.«
»Wir kennen uns«, räumte Michael ein. »Seit langer Zeit.«
Was der Mann gesprochen hatte, hatte nicht nach Mandarin geklungen. »Ich hoffe, ich kann hier etwas kantonesisch lernen«, sagte Rachel tapfer in das gedankenverlorene Schweigen hinein, das sich wie jäher Frost über ihre Gastgeber gelegt hatte.
»Das war shanghainesisch«, sagte Michael geistesabwesend. »Nicht kantonesisch.«
Grace hatte es auch gehört. »Haben Sie Lilys Brief bekommen?« hatte Yin Hong gefragt.
Sie gingen hinaus in die Hitze der Nacht, so feucht wie warmer Flanell, getränkt mit Benzingeruch.
»Wir haben übrigens ein paar Leute zum Abendessen eingeladen«, sagte Michael und blieb am Straßenrand stehen. »Ich hoffe, Sie sind nicht zu müde.«
»O nein, müde bin ich nicht«, sagte Rachel, als gebe es einen anderen Einwand. Sie dachte ängstlich an ihre zerknitterten Kleider — sie war jetzt seit sechs Wochen unterwegs.
»Außer uns nur Patrick und Dimitri Johnston.«
»Dimitri ...?«
»Dimitri Johnston. Der zweite Ihrer möglichen Doktorväter. Und Dimitris Familie. Sie sind alte Freunde.«
Ein glänzendschwarzer, aber alter Wagen hielt neben ihnen, eckig, hoch und gediegen. Der chinesische Chauffeur, in dunklen Hosen und in einem makellosen, unverschwitzten weißen Hemd, stieg aus, um ihr Gepäck zu nehmen. Er war klein, kleiner als sie, aber kompakt, und bewegte sich schneidig auf den leichten O-Beinen.
Rachel meinte, sie solle die beiden lieber warnen. »Ich habe leider nichts Förmliches anzuziehen.«
»Oh, bei uns geht es nie förmlich zu«, sagte Michael, als der Chauffeur ihnen die Tür aufhielt.
Rachel fragte sich, was er unter förmlich verstand.
Der Fahrer schloß mit einem soliden, klangvollen Metallgeräusch die Tür.
»Das ist doch nicht etwa ein Rolls-Royce, oder?« fragte Rachel. »Ich bin noch nie in einem gefahren.«
»Ich habe ihn gebraucht gekauft«, sagte Michael.
Yin Hong fand in der Abflughalle ein Telefon und wählte eine Nummer in Wanchai. Lai Yings Stimme meldete sich fast sofort.
Er stellte sich ihre juwelenbesetzte Brille und beringten Finger vor.
»Er ist unterwegs«, sagte Yin Hong und zog tief an der Zigarette. »Ah Keung hat ihn eben übernommen.«
»Okay«, sagte sie knapp. »Bis morgen, Yin Hong.«
»Er war genau der Typ, den der Zoll gern hochnimmt«, fügte er schnell hinzu, ehe sie auflegen konnte. »Du solltest denen da drüben sagen, daß sie vorsichtiger sein müssen. Sie suchen sich die falsche Sorte von Ausländerteufeln aus. Ich weiß nicht, wie er durch den Zoll gekommen ist.«
Einen Augenblick herrschte Schweigen, als hätte ihr das einen leichten Dämpfer aufgesetzt, aber dann antwortete sie so scharf und anmaßend wie eh und je: »Es gibt eine Menge Dinge, die du nicht weißt, Ah Hong. Und du brauchst sie auch nicht zu wissen.«
Er hörte, wie sie glucksend mit jemandem sprach, wiederholte, was er gesagt hatte, dann klickte ihm der Hörer ins Ohr. Er bekam steife Wangen, als er langsam auflegte. Jetzt war er also Ah Hong, und im Gespräch mit ihm wurde einfach aufgelegt? Ah Hong! Als ob er ein junger Spund wäre, der die blaue Laterne eben erst aufgehängt, den Triadeneid eben erst geschworen hat, und nicht ... Und sie machte sich bei ihren Kumpeln auch noch über ihn lustig! Er spürte, daß seine Augen brannten und heiß wurden. So war das also, nach den vielen Jahren? Er hustete etwas Schleim aus der Kehle los, aber weil er nie in geschlossenen Räumen spuckte, hielt er sich zurück, bis er draußen war. Dann spuckte er heftig in eine orangefarbene Abfalltonne, in die auf englisch und chinesisch eingestanzt war Nicht spucken, und stellte sich vor, die Tonne sei Lai Yings Gesicht.
Rachel saß unbehaglich in dem kühlen, stillen Auto, mit ihren kühlen, stillen Gastgebern und dem zurückhaltenden, aber lauschenden Chauffeur, dessen sauberer, runder Kopf kaum über das Lenkrad ragte. Der Rolls rauschte königlich auf Überführungen, die sich wie starre Arme über die erstaunten Gesichter angeschlagener Wohnblocks zogen, durch den hellen, aseptischen Schlauch eines Tunnels — »wir unterqueren jetzt den Hafen«, bemerkte Michael — und in ein Netz aus Schnellstraßen auf der Insel Hongkong, das Rachel an eine Miniaturausgabe von New York erinnerte. Erst als sie eine Straße erreicht hatten, die steil in eine kahle Bergmasse hinaufzuführen schien, fragte Michael nach Jenny. »Wie geht es Ihrer ... Ihrer Stiefmutter, wie ich sie wohl nennen sollte?«
»Es geht ihr bestens.« Rachel legte Jennys kurzes, blaugespültes Haar und von den Falten befreites Gesicht über die Gesteinsformationen und die zerstreuten Lichtergalaxien, die auf den tieferen Abhängen des Berges glitzerten. »Ich nenne sie übrigens Jenny.«
Michael nickte, als sei das zu erwarten gewesen, wenn er es auch nicht billigen könne. »Es muß dreizehn Jahre her sein, seit wir sie gesehen haben. Kurz bevor sie Ihren Vater geheiratet hat.«
»Dann ist es vierzehn Jahre her«, sagte Rachel bestimmt.
Damals hatte sich Jenny das Haar braun gefärbt. Und sie war noch nicht geliftet gewesen. Rachel hoffte, Michael wolle nicht länger über sie sprechen, auch wenn sie seine Halbschwester war.
Offenbar hatte er das nicht vor. Nachdem er Rachel einen forschenden Blick zugeworfen hatte, nickte er kurz nach rechts. »Das dort hinten ist Government House.«
»Oh.« Sie verrenkte sich den Hals und sah ein großes, mit Flutlicht angestrahltes weißes Gebäude, aus dem sich ein merkwürdiger, unproportionierter eckiger Turm erhob, mit Zinnen bestückt wie ein Märchenschloß.
»Das ist die offizielle Residenz des Gouverneurs«, fügte Michael hinzu — überflüssigerweise, dachte Rachel.
Sie stellte sich darin einen gereizten kleinen Mann mit drolligem Straußenfedernhut und einer weißen Uniform vor, der mit einem Spielzeugschwert kraftlose Kolonialrituale zelebrierte.
Lange würde das nicht mehr dauern. »Ich nehme an, seine Tage sind gezählt«, meinte sie.
»Gezählt?«
»Ich meine, jetzt wo darüber verhandelt wird, Hongkong an China zurückzugeben.«
Michael starrte sekundenlang grüblerisch vor sich hin. »Ich nehme an, die Tage aller sind gezählt«, äußerte er schließlich bedächtig.
Der Wagen glitt eine lange, sich schlängelnde Straße hinauf, auf die Bäume herunterhingen. Etwa alle fünfzig Meter tauchten alte, laternenförmige Straßenlampen zwischen den Zweigen auf, die ein trübes, grünliches Licht durch das Laub abgaben. So stellte sich Rachel eine englische Landstraße vor, aber die Straße hier war eingeschnitten in die felsige Seite eines subtropischen Berges, von der aus sie jähe schwindelerregende Ausblicke auf Lichter, das Meer und die Schiffe unter ihr aufnahm.
Sie musterte heimlich Michaels Gesicht. Wie chinesisch er aussah, fast so chinesisch wie seine rein chinesische Frau. Vielleicht waren seine Augen etwas runder, vielleicht war seine Nase länger, war der Nasenrücken etwas deutlicher ausgebildet, aber trotzdem war es schwer zu glauben, daß Jenny und er in Shanghai denselben Vater gehabt haben sollten.
Sie fragte sich manchmal, ob die weit hergeholte Beziehung über Jenny sie vielleicht dazu veranlaßt habe, auf dem College Chinesisch zu studieren. Ziemlich unwahrscheinlich, dachte sie jetzt, während sie Michael — und Grace — anschaute und begriff, wie weit hergeholt die Beziehung tatsächlich war.
Der Wagen bog ruhig von der Straße in eine lange, steile, von Gebüsch gesäumte Auffahrt ein und hielt vor einem großen Haus, das auf einem Felssims zu hocken schien — hinter den dunklen Umrissen der Büsche war nichts außer dem leeren Himmel und dem darunter glitzernden Meer. Zwei schwarze Chow-Chows stürmten aufgeregt bellend um den Wagen herum.
»Ich weiß es wirklich zu schätzen, daß ich eine Zeitlang bei Ihnen wohnen darf«, sagte sie, als ihr der Chauffeur die Tür aufhielt. »Vor allem, weil ich ja gar keine richtige Verwandte bin.«
»Bleiben Sie, so lange Sie mögen.« Grace lächelte, mehr an ihr vorbei als ihr direkt ins Gesicht.
»Und gewissermaßen sind Sie ja fast eine Verwandte«, fügte Michael skeptisch hinzu, als hätte er nach etwas zu ihren Gunsten gesucht.
Sie standen da und schauten dem Chauffeur zu, der ihr Gepäck aus dem Wagen holte, während sich seine Bewegungen verschattet im schimmernden Lack widerspiegelten. Die Hunde beschnüffelten Rachel, dann das Gepäck, dann setzten sie sich auf die Hinterbeine, schauten mit schiefgelegten Köpfen und heraushängenden blauen Zungen zu.
Rachel zermarterte sich den Kopf nach etwas, das sie sagen konnte, und wandte sich wieder dem Rolls zu.
»Ein ausgefallener Wagen, nicht wahr?« brachte sie heraus, dachte aber tatsächlich, er sehe wie ein Leichenwagen aus. »Haben Sie ihn schon lange?«
»Ich habe ihn vor achtzehn Jahren gekauft«, sagte Michael, »in der Hoffnung, daß er mich aushält. Es sieht auch danach aus, als ob er das schafft. Mein Vater hatte in Shanghai dreißig Jahre lang einen Rolls. Er hat solche Autos für Kunstwerke gehalten. Das hat Jenny Ihnen bestimmt erzählt.«
»Äh, nein, hat sie nicht.« Jenny erzählte ihr selten etwas, wobei es nicht um Jenny ging.
»Könnten wir in etwa einer Stunde essen?« fügte Michael schnell hinzu, als ob er meine, die Konversation habe lange genug gedauert oder werde vielleicht zu persönlich. »Falls Sie das nicht unter Druck setzt.«
»Ihr Zimmer liegt da drüben«, sagte Grace. »Ich habe gedacht, Sie möchten vielleicht gern aufs Meer hinausschauen. Ah Yee trägt Ihre Sachen.«
Eine kleine, mollige, in eine weiße Jacke gekleidete Amah, die »Missy« zu ihr sagte, schleppte Rachels schwere Taschen offenbar mühelos, ihrer Körpergröße und Rachels Gleichberechtigungsgedanken zum Trotz.
Rachel folgte Grace Treppen hinauf und über Treppenabsätze, die mit Schriftrollen und Bildern überzogen waren. Sie hatte keine Zeit, die Kunstwerke zu mustern, aber sie sagte langsam und sorgfältig auf Mandarin zur Amah: »Das ist eine ganz besonders schöne Villa.«
Die Amah kicherte in höflicher Verständnislosigkeit, und auch Grace, die sich halb umdrehte, wirkte zunächst verwirrt.
Dann antwortete sie auf englisch: »Leider kann Ah Yee nur kantonesisch. Und mein Mandarin ist ziemlich schlecht, wie das von Michael. Selbstverständlich sprechen es Patrick und Dimitri Johnston gut. Haben Sie die Sprache lange gelernt?«
»Vier Jahre, mit Unterbrechungen.«
Graces Blick schweifte schon ab. »Mit Unterbrechungen?« wiederholte sie, als hätte sie vergessen, worüber sie gesprochen hatten.
Sie machte eine Tür auf und drückte auf den Lichtschalter, zeigte ein geräumiges Zimmer mit schweren blauen Samtvorhängen und warmen Teppichen auf dem Boden.
»Oh«, sagte Rachel und ging hinein, »das ist wunderbar.«
Die Amah stellte das Gepäck ab und machte eine kleinere Tür auf, gestikulierte und ließ ein breites, goldzähniges Lächeln sehen.
»Ja, das ist das Bad«, sagte Grace vage.
»Wer wird denn sonst noch bei den Dentons sein?« fragte Elena Johnston ihren Vater, während sie sich vor dem Dielenspiegel das lange blonde Haar flocht.
»Soweit ich weiß, nur Patrick«, sagte Dimitri. »Einer von uns soll der Doktorvater bei der Dissertation dieser Amerikanerin sein. Oder wir beide.«
»Das arme Mädchen. Was für eine Auswahl: ein Mann, der ihr Vater sein könnte, oder ein eingefleischter Schwuli.«
Die Johnstons wohnten an der Südküste von Hongkong, in einem alten Haus zwischen einem christlichen chinesischen Friedhof und einem Fischmarkt. Das Haus hatte Blick auf das Meer und war umgeben von vernachlässigten Bambus- und Bauhiniabäumen, deren Zweige gegen die Fenster peitschten oder sich zwischen das Mauerwerk der Veranden im Erdgeschoß und im ersten Stock quetschten.
»Ich hätte nicht gedacht, daß es eine Rolle spielt, wer ihr Doktorvater ist«, sagte Dimitri. »Falls sie keine Nymphomanin ist. Es wäre mir übrigens lieber, wenn Patrick ihr Doktorvater wäre. Ich habe keine große Lust, noch mal für jemanden den Doktorvater zu spielen.«
Elena, die das Gesicht im Spiegel hin und her wandte, erinnerte ihn mit einem schwachen, dumpfen Schock plötzlich an ihre tote Mutter Helen, als sie jung gewesen war. Wie jung? Das wußte er nicht mehr, aber er kannte die Geste von Helen. War das gewesen, ehe er sie geheiratet hatte? War es möglich, daß Helen einmal so unbekümmert gewesen war wie ihre Tochter Elena jetzt?
»Willst du in diesem Hemd gehen?« fragte Dimitris zweite Frau Mila, als sie die Treppe herunterkam.
»Ich hatte es vor«, sagte Dimitri. »Tut dir der Rücken weh?«
»Warum?«
»So wie du gehst.«
»Ein bißchen steif, das ist alles. Du willst doch nicht wirklich in diesem Hemd gehen?« Sie sprach nach all den Jahren immer noch deutlich getrenntes Englisch ohne Elision oder Verschleifungen, das ihn an Kiesel erinnerte, die nacheinander in einen Teich geworfen werden. Und durch die sachliche chinesische Intonation war es schwer zu sagen, ob sie mit ihm schimpfte oder nur eine Frage stellte.
»Nicht gut genug für die Dentons?«
»Nicht gut genug für mich.«
Er warf einen ironischen Blick auf Milas Kleid, einen jener Säcke, die Tänzerinnen schlicht und einfach deshalb gern tragen, weil andere Frauen darin noch scheußlicher aussehen — obwohl Mila jetzt mit dem Tanzen aufgehört hatte. Sie hatte sich auch das Haar kurz schneiden lassen, behauptete, sie sei zu alt, es noch lang zu tragen — sie war sechsunddreißig. Aber mit ihrem immer noch schlanken Körper, dem erhobenen Kopf und den hohen chinesischen Wangenknochen, die ihre Haut straff hielten, sah sie kaum sechs Jahre älter aus als Elena, deren Tänzerinnenkarriere eben erst angefangen hatte.
»Ich habe dir das blaue herausgelegt«, sagte sie. »Es paßt zu deinen Socken. Fährt Alex allein hin?«
»Wetten, daß er schon dort ist«, sagte Elena, »und San San anhimmelt. Was ist mein Bruder doch für ein Schlappschwanz. Warum in aller Welt kommt er denn nicht einfach zur Sache und vernascht sie? Schließlich will sie das doch, und außerdem hat sie jede Menge Kohle. Manchmal schäme ich mich für ihn.«
Mila hob schweigend die Augenbrauen, dann senkte sie schweigend die Lider.
Elenas rotgelbe Katze glitt die Küchentreppe herauf und sprang mit einem einzigen Miauen auf das Telefontischchen, blieb dort sitzen und beobachtete Elena, eine weiße Pfote anmutig gehoben.
Elena nahm das Tier in die Arme, drückte das Gesicht in das lange, flauschige Fell am Bauch. »Hoffentlich taugt das Essen was. Ich bin am Verhungern.«
»Das Essen ist meistens gut«, sagte Dimitri und ging die Treppe hinauf. »Die Konversation macht mir Sorgen.«
»Ich hab’ gedacht, Michael Denton ist einer deiner besten Freunde?«
»Ich habe ihn mir aber nicht wegen seiner Konversation bei Tisch ausgesucht. Im Grunde habe ich ihn mir überhaupt nicht ausgesucht.«
Michael hatte ihn ausgesucht. Bei einem Volkshochschulkurs, den er kurz nach Helens Tod an der Universität gehalten hatte. Er erinnerte sich noch gut an den tristen Hörsaal — jetzt war er etwas freundlicher — mit den klotzigen braunen Tischen und klotzigen braunen Stühlen, besetzt mit britischen Hausfrauen in mittleren Jahren und schüchternen jungen chinesischen Lehrern. Michael war zu spät gekommen, wie er sich erinnerte, und hatte eine Frage gestellt, die ihn aus dem Konzept brachte (er hatte keine Ahnung mehr, was für eine Frage das gewesen war), und hinterher hatte er sich vorgestellt und entschuldigt, hatte erwähnt, daß seine Tochter in dieselbe Ballettklasse ging wie Elena. In die Klasse, die Mila unterrichtete.
Er schaute über die Veranda hinweg hinaus. Ein Öltanker fuhr auf den westlichen Ankerplatz zu. Die Luft war so ruhig und still, daß er das tiefe Dröhnen der Tankermotoren hören konnte. Die glitzernde Spiegelung der Lichter schwamm wie ein friedliches Gespenst neben dem Tanker her. Wenn Dimitris Gespenster nur alle friedlich gewesen wären.
Er zog das blaue Hemd an.
Als er nach unten kam, beklagte seine treue, perverse und tyrannische Amah Ah Wong Mila und Elena gegenüber lautstark den Verfall des Hongkongdollar mit großen, entrüsteten Augen. Ihr Radio auf dem Tisch neben ihr brachte die Nachrichten und trug zu dem Lärm bei. »Reiche Leute bringen ihr Geld weg, arme Leute bezahlen dafür«, wiederholte sie immer wieder auf kantonesisch. »Bald ist unser Geld wertlos; dann können wir damit nicht einmal mehr eine Tüte Reis kaufen.«
Dimitri beobachtete, wie ihr milchiggrünes Jadearmband bebte, während sie gestikulierte. Sie drehte sich um und wandte sich an ihn, schüttelte den Kopf mit dem glänzenden schwarzen Haarkranz. »Reiche Leute bringen ihr Geld weg, arme Leute bezahlen dafür — stimmt’s?«
Er zuckte die Achseln, als wisse er es nicht, sagte aber gleichzeitig: »Ja, stimmt.« Seine übliche Ausweichtaktik.
Sie gingen durch die schwüle Luft zur Garage, begleitet vom schrillen Zirpen der Zikaden.
»Ich hab’ gedacht, sie gibt den Roten die Schuld an allem, was schiefläuft, und nicht den Kapitalisten?« fragte Elena.
»Sie schließt sich beiden Theorien an«, sagte Dimitri und machte das Maschendrahttor auf. »Allerdings nicht gleichzeitig. Natürlich haben beide Ansichten etwas Plausibles.«
»Und welche ist richtig?«
Er spürte, daß Mila ihn aufmerksam musterte. »Abwarten«, sagte er und wich wieder aus. »Ich nehme an, daß wir das Urteil in ein paar Monaten kennen werden, wenn die Verhandlungen abgeschlossen sind.«
»Ich hätte gedacht, daß die Verhandlungen nur eine Formsache sind«, sagte Mila mit gefaßter Resignation, als sie in das rostige, ungepflegte japanische Auto stieg. »Was China anlangt, ist das Urteil bestimmt schon besiegelt, und wir müssen nur noch auf die Vollstreckung warten.«
San San hörte zu spielen auf. Pauls Gesicht war wieder zugegangen; er hörte nicht mehr zu.
»Jemand wohnt ab heute bei uns, Paul«, sagte sie langsam und legte die Geige auf die Knie. »Eine Art Verwandte aus Amerika.«
Falls er überhaupt etwas verstand, dann den Ton ihrer Stimme, natürlich nicht die Worte. Wenn er in der richtigen Stimmung war, hörte er aufmerksam zu, behielt ihr Gesicht im Auge wie ein Hund oder ein kleines Kind, rätselnd, fragend. Nur war Paul kein kleines Kind; er war siebenundzwanzig. Dieses Mal ließ er jedoch weiter die Schultern hängen, mit unbewegtem, totem Blick. Er saß einfach zusammengesackt da, ein gut gekleideter, gut versorgter Sack mit leerem Mondgesicht.
»Nein, geh nicht wieder fort«, bettelte sie. »Zeichne ein Bild. Zeichne das hier.« Sie hielt die Geige vor ihm hoch und machte mit dem Bogen weit ausholende Zeichenbewegungen, deutete ermunternd auf seine vielen Zeichnungen und Gemälde an den Wänden.
Kein Funke. Er starrte nur an ihr vorbei, mit schlaffem, offenem Mund, einen stumpfen, unveränderlichen Schimmer in den Augen
»Ach, komm schon, Paul.« Sie schlug sein Zeichenbuch auf dem Tisch auf und lockte ihn, einen grünen Zeichenstift in die Hand zu nehmen, schloß seine Finger darum.
Dann, langsam, regte er sich endlich, etwas blitzte hinter den glatten, leeren Scheiben seiner Augen auf. Er beugte sich vor. Sein Mund ging zu, und er lächelte, ein Lächeln der Vorfreude. Er rollte den Stift zwischen den Fingern und dem Daumen, wie San San manchmal vor dem Spielen den Bogen rollte.
»Fang an«, ermunterte sie ihn und hielt die Geige senkrecht auf dem Knie. »Fang an, zeichne sie.«
Allmählich wurde sein Blick lebendiger, konzentrierter. Mit einer Hand strich er über das Papier auf dem Tisch, streichelte es liebevoll, während er mit der anderen den Stift befingerte. Sekundenlang blieb er reglos, starrte gierig die Geige an, als wolle er sie durch die Augen in sich aufnehmen. Dann fing er endlich zu zeichnen an, ohne zu zögern, mit festen, großzügigen Linien, die Stirn vor Konzentration gerunzelt. Gelegentlich stieß er kleine Grunzlaute aus wie »nein« oder »mm«, und als ihr Arm müde wurde und die Geige sich leicht verschob, schüttelte er ungeduldig den Kopf. »Nein, nein, nein!« Er sagte nie mehr als das, niemals.
San San hörte die Hunde bellen, dann Alex Johnston nach ihr fragen, dann seinen Schritt vor der halboffenen Tür.
»Komm herein, Alex«, sagte sie, ohne den Kopf zu wenden. »Ich hab’ gewußt, daß du es bist.«
Alex stand schweigend hinter ihr, schaute Paul zu, schaute aber vor allem sie an.
»Ich frage mich, warum er nur Dinge zeichnet?« fragte San San. »Nie Menschen.«
»Das ist mir noch gar nicht aufgefallen.« Alex schaute sich an den Wänden um. Es stimmte. Jedes Bild zeigte einen Gegenstand, fest, stark und voller Leben — aber Menschen kamen nicht vor.
»Ich nehme an, bei Dingen weiß er, woran er ist«, meinte San San und versuchte, selbst so reglos wie ein Gegenstand zu bleiben. »Die Menschen müssen ihm ziemlich unheimlich und unberechenbar vorkommen.«
»Wem nicht?« sagte Alex.
Nachdem sie den Dreck und Schweiß von Bangkok weggeduscht hatte, zog Rachel ihr am wenigsten zerknittertes Kleid an und schaute sich im Zimmer um, während sie das widerspenstige blonde Haar mit der Bürste attackierte. An den Wänden hingen Drucke in blassen Farben, und auf einem chinesischen Ebenholztisch stand eine große Statue der Göttin Kuan Yin in ihrer üblichen geschwungenen Pose. Rachel wurde bewußt, daß sie aus dem Stoßzahn eines Elefanten geschnitzt war, und sie wandte sich ab.
Die Drucke schienen das frühe Hongkong zu zeigen; es mußte mindestens hundert Jahre her sein. Segelschiffe mit riesigen britischen Flaggen, Dschunken, Soldaten in roten Röcken, überfüllte Dörfer, eindrucksvolle Kolonialgebäude und schmale, ungepflasterte Straßen. Englische Damen mit zerbrechlichen Sonnenschirmen schlenderten in Reifröcken entlang, während bezopfte chinesische Kulis barfuß unter den schweren Lasten dahintrotteten, die an den Bambustragestangen schaukelten. Sie sahen bourgeois aus, dachte Rachel. Selbstgefällige, arrogante Kolonialdamen. Aber das war schließlich nicht anders zu erwarten.
Der gelackte Teakboden glänzte vom Bohnern wie schimmernder Honig. Die Teppiche waren weich und tief, mit üppigen Farbtönen; persisch oder afghanisch, vermutete sie. Vom Fenster aus sah sie einen trüben schwarzen Schatten, das Grundstück, das zum Haus gehörte; dann, weit unten am Ufer, eine wellige Kette aus glitzernden bläulichen Lichtern, wie ein nachlässig auf weichen schwarzen Samt geworfenes Saphirhalsband.
Sie strich ihr Kleid glatt und ging ängstlich hinunter, um die anderen kennenzulernen. Wenigstens konnte es nicht schlimmer sein als das Fliegen.
Aber als Grace sie hineinführte, dachte sie, es könne doch schlimmer sein. Ein ganzes Zimmer, das laut plaudernde Stimmen gefüllt hatten, wurde plötzlich still, und sie spürte, wie ein Dutzend Augenpaare kühl jeden Zentimeter von ihr abschätzten, während sie herumgeführt und mit jedem einzelnen bekannt gemacht wurde — Chinesen, Engländer, Eurasier. Sie wußte, daß sie gründlich bewertet und etikettiert sein würde, wenn das Händeschütteln (schlaffer chinesischer, fester englischer Händedruck) und die kühlen Begrüßungsfloskeln vorbei waren, während sie Mühe hatte, sich auch nur einen einzigen Namen zu merken.
»Patrick ist noch nicht da«, sagte Grace, als sie Rachel reihum präsentiert hatte. »Er ist leider nicht besonders zuverlässig.«
Rachel stellte sich vage einen zerstreuten Professor mit kahlem Kopf und einem verwirrten Stirnrunzeln vor, als ihr auffiel, daß Grace noch nicht von Paul gesprochen hatte, von dem sie wußte, daß er geistig behindert war — »eine Art Zombie«, hatte Jenny zu ihr gesagt. »Sie sprechen nicht über ihn.«
Die Vorstellung der Dentons von einer zwanglosen Mahlzeit schien aus drei Amahs in schwarzen Hosen und weißen Kitteln zu bestehen, die auf einem makellos gedeckten Tisch mit Kerzen und Blumen ein chinesisches Gericht nach dem anderen und Flaschen mit französischem Wein servierten.
»Oh, Kerzen!« sagte Rachel unvorsichtigerweise, als sie sich setzten. »Hat jemand Geburtstag?«
Grace schaute sie verblüfft an. »Wir haben immer Kerzen«, sagte sie, in einem Ton, der fragte: Ist das nicht bei allen so?
Wenigstens trug niemand Abendgarderobe. Nur Sommerkleider und Hemden mit offenem Kragen, wenn auch allesamt sehr teuer — bis auf die Johnstons, wie Rachel bemerkte, was ihr dabei half, sie am Ende des Essens vom eleganten Denton-Clan zu unterscheiden. Es wäre sonst nicht ganz einfach gewesen: einer von Michaels Söhnen war mit einer blonden Engländerin verheiratet, aber eine zweite blonde Engländerin war Dimitri Johnstons Tochter, und Rachel war sich nicht sicher, wer welche war. Andererseits war Dimitri Johnstons Frau Chinesin, aber die Frau von Michaels zweitem Sohn war auch Chinesin, und Rachel war sich auch hier nicht sicher, wer welche war. Und wenn Dimitris Frau Chinesin war, warum waren dann sein Sohn und seine Tochter durch und durch englisch? Und warum sprachen alle so makelloses britisches Englisch, daß sie mit geschlossenen Augen nie hätte erraten können, ob der Sprecher Engländer, Chinese oder Eurasier war? Waren sie alle in Oxford oder Cambridge gewesen?
Sie gab es auf und konzentrierte sich darauf, den Fleischstücken auf ihrem Teller auszuweichen. Sie wollte ihnen nicht sagen, daß sie Vegetarierin war; es hätte wie eine Beschwerde klingen können. Die Finger taten ihr weh, während sie mit den Stäbchen hantierte. Wie schwierig war es, schlüpfrige Pilze damit hochzuheben, ohne den Reis fallenzulassen! Sie sagte wenig, zog es vor, zu beobachten und zuzuhören; später würde sie alles in ihr Tagebuch schreiben. Freilich nur, wenn sie die richtigen Namen mit den Gesichtern in Verbindung bringen konnte.
Dann kam Patrick Denton doch noch.
»Hallo, alle miteinander. Tut mir leid, daß ich zu spät komme«, intonierte eine Stimme auf der Schwelle hinter Rachel. »Schlicht und einfach eine grauenhafte Taxischlange; da war weder für Geld noch für Liebe eins zu kriegen.«
Sie wußte, daß er um die Vierzig sein mußte, aber bis auf die Falten um die Augen und die leicht verfärbten Schatten darunter sah Patrick Denton kaum wie dreißig aus. Er hatte ein schmales, ziemlich kantiges, chinesisch wirkendes Gesicht, war äußerst schlank und trug einen marineblauen Blazer mit einem Halstuch und einem passenden Einstecktuch in der Brusttasche. Er war fröhlich, adrett und munter und sprach mit dem ausgeprägtesten britischen Akzent von allen, laut, klangvoll und kultiviert. Rachel versuchte, sein Gesicht mit den gelehrten Artikeln in Verbindung zu bringen, die seinen Namen trugen, und scheiterte. Er sah interessanter aus als der zerstreute Professor, den sie sich vorgestellt hatte, aber auch viel exotischer. Wenn er sich bewegte, tat er es schwungvoll, wie Fred Astaire in der Rolle von Oscar Wilde.
»Also bin ich zu einem Blumenstand gegangen und habe eine Rose für dich besorgt.« Er überreichte Grace die geschlossene rosa Knospe mit einer kunstvollen Geste. »Leider war die Taxischlange mindestens zweimal so lang, als ich zurückkam.« Er schlüpfte auf den leeren Stuhl zwischen Mila und Dimitri, Rachel gegenüber. »Mila, meine Liebe, du siehst wie immer einfach göttlich aus. Dimitri, wie steht’s denn heute mit der Leichtigkeit des Seins, mein Lieber?« (Der Leichtigkeit von was? fragte sich Rachel — oder spielte er auf den Roman von dem Ungarn mit dem unaussprechlichen Namen an, der ihr ein bißchen zu schlau vorgekommen war, als sie ihn vor einem oder zwei Jahren gelesen hatte?) »Nein, nichts, was dick macht, nur etwas von diesem köstlichen Fisch, wenn ich darf. Haltet ihr es für möglich? Ich habe in Macao beim Fantan sechstausend Dollar gewonnen. Wenn das so weitergeht, bekomme ich noch Hausverbot in allen Kasinos. Ich muß sagen, dieser Wein ist äußerst erfrischend.« Dann, während alle zuschauten, schien er Rachel zum ersten Mal zur Kenntnis zu nehmen — in Wahrheit waren sich ihre Blicke fast sofort begegnet, als er hereingekommen war. »Und Sie müssen Rachel Martin sein, deren Doktorarbeit beratend zu begleiten Dimitri oder ich die Ehre haben werden. Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen.« Er stand auf und verbeugte sich mit übertriebener Höflichkeit.
Die Amahs schienen ihn zu mögen, lächelten und nickten, als sie das Essen näher an seinen Teller stellten. Er sagte zu einer etwas auf kantonesisch, das sie zum Lachen brachte, und die anderen Amahs auch, als sie es ihnen gegenüber wiederholte. Dann wandte er sich wieder Rachel zu, strich sich mit einem anmutigen Schnippen des Mittelfingers eine Locke des ziemlich langen Haars von der Schläfe zurück.
Ihr fiel auf, wie rot seine Wangen unter der glatten, reinen Haut waren. Und ihr fiel auch auf, oder sie glaubte, es falle ihr auf, daß in seinen dunklen Augen ein ängstlicher, ausweichender Funke aufglomm, ehe er weitersprach.
Du hättest fast deinen Text vergessen, nicht wahr? dachte sie.
Yin Hong aß sein abendliches Reisgericht in einem der Teehäuser, die von den Triadenbrüdern kontrolliert wurden. Er hätte die Rechnung bezahlt — er wußte, daß die Inhaber immer pünktlich zahlten, und solchen Leuten tat er gern einen Gefallen —, aber Lam, der Besitzer, wollte ihm Respekterweisen und wies das Geld mit Verneigungen und Gesten immer wieder zurück.
»Na gut«, sagte Yin Hong schließlich. »Wie geht es den Kindern?« Lams Frau lächelte und nickte ihm von der Kasse aus dankbar zu. Nach dem Telefongespräch mit diesem Miststück Lai Ying tat ihm das gut. Etliche Leute respektierten sein Gesicht wenigstens noch.
Er schlenderte durch den Markt auf der Temple Street, rülpste wohlig und stocherte in den Zähnen. Die Stände, vollgepackt unter den hellen, grellen Lampen, waren immer noch umlagert; die Händler schwitzten in den Unterhemden, während sie feilschten, einpackten und Wechselgeld herausgaben. Die größeren Kinder halfen; die kleineren hockten auf Schemeln und machten auf dem Schoß Schularbeiten oder schliefen einfach auf den verschränkten Armen, die Schulbücher offen neben sich. Yin Hong mochte Kinder. Manchmal hätte er gern gewußt, was aus seinen geworden war. Aber er hatte sie vor Jahren verlassen; jetzt war es zu spät.
Er war auch gern auf der Temple Street. Er mochte den Lärm, die Nähe von Menschen, die dampfenden Gerüche von den Ständen mit warmem Essen, die Lieder der Opernsänger am Rinnstein und die blinden Musikanten, sogar das tote Lächeln der alten Nutten, die am Park herumlungerten. Hierher gehörte er, hier war er jemand, und die Leute wußten es. Auf der Straße gefiel es ihm immer, und hier ganz besonders, weil es ihn an die alten Zeiten in Shanghai erinnerte, als er jung gewesen war und alles noch vor sich hatte. Damals war alles besser gewesen. Es war nie wieder so geworden, seit er nach Hongkong gekommen war — jedenfalls schon lange nicht mehr. Er spürte eine jähe Aufwallung von Bitterkeit und Selbstmitleid, als er an jene Zeiten dachte. Es war alles so lange her, und er wurde alt. Und arbeitete auch noch ausgerechnet für eine Frau. Er verabscheute das und ganz besonders Lai Ying. Die glaubte, sie kenne alle Antworten, und nannte ihn jetzt Ah Hong. Ah Hong! Wie ein Kind, einen Dienstboten! Die glaubte bloß, sie sei mit allen Wassern gewaschen. Eine Frau, halb so alt wie er, die sein Gesicht nicht respektierte!
Eine Busladung von touristischen Ausländerteufeln mit roter, sich schälender Haut und Bäuchen, die ihnen über die knalligen Shorts hingen, bei Männlein wie Weiblein gleichermaßen, watschelte in den Markt. Sie hatten alle runde Namensschilder aus Plastik an den bunten Hemden, wie Kindergartenkinder, und trugen um die fleischigen rosa Hälse japanische Kameras. Die Reiseführerin, ein junges Mädchen, lehnte am Bus und unterhielt sich mit dem Fahrer. Ihre Blicke begegneten dem Yin Hongs, und eine Sekunde lang teilten alle drei ihre Verachtung für die linkischen, gackernden, saublöden Ausländerteufel, die ein kleines Vermögen für Schund bezahlten, und es auch noch genossen.
Als er an den Wahrsagern vorbeikam, dachte er daran, sich von dem alten Mann, der alle Karten neben sich auf dem Pflaster ausgebreitet hatte, aus der Hand lesen zu lassen, aber er wurde müde, und außerdem mußte er in der ummauerten Stadt noch etliches erledigen. Zum Beispiel Michael Denton, er mußte ihn anrufen. Dem mußte er etwas einheizen. Das war eine Glückssträhne, das mit Lily. Lily Denton, nach diesen vielen Jahren. Allein der Gedanke, daß er im selben Haus wie sie aufgewachsen war, wenn auch in einer Dienstbotenwohnung. Wie klein die Welt war. Aus dieser Geschichte würde er etwas herausholen; in seinem Alter mußte er das. Manchmal, wenn er an die Zukunft dachte, auch nur ein halbes Jahr voraus, von einem ganzen Jahr zu schweigen, sah sie wie ein schwarzes Loch aus, er konnte dort überhaupt nichts sehen, und er hatte das Gefühl, daß er langsam hineinrutschte. Das Alter, er kam in die Jahre. Er brauchte etwas Sicherheit, er verdiente nicht mehr genug Geld. Manchmal erschauerte er vor diesem schwarzen Loch, wachte nachts auf und dachte darüber nach.
Er schnippte den Zahnstocher in die Gosse und ging weiter in die Kansu Street, winkte ein Taxi heran.
An der Treppe hinunter in die schmierigen, engen Gassen der ummauerten Stadt stand ein Grüppchen japanischer Geschäftsleute in mittleren Jahren um Limpy Ng herum und hörte sich seine Anreißerei für die Sexshow an, die er propagierte. Sie sahen ziemlich skeptisch aus, und Limpy versuchte, ihnen einzureden, daß sie bei ihm so sicher aufgehoben waren wie bei einer Polizeistreife. »Stimmt das etwa nicht?« rief er. »Sag’s du ihnen, Yin Hong.«
»Klar, sicherer als bei der Polizei«, murmelte Yin Hong schroff. Er hatte nichts dagegen, Limpy zu helfen, aber ihm gefiel die ölige Weise nicht, auf die er versuchte, als sein Freund und Gleichgestellter aufzutreten. Wer war der schon außer einem dreckigen, verkrüppelten kleinen Zuhälter, nichts als ein Abstauber?
Die Brillen der Japse drehten sich von Limpys Gesicht zu seinem und wieder zurück. Sie sahen immer noch nicht besonders überzeugt aus, aber Limpy war zufrieden.
»Danke, Bruder«, rief Limpy ihm nach. »Ich habe einen Tip für das Rennen, falls du einen brauchen kannst.«
Yin Hong ignorierte ihn. Bruder! Das war ein Gefühl, als ob der lahme Zwerg den Arm um seine Schulter gelegt hätte. Er tat es achselzuckend ab, als er in das dunkle Labyrinth aus feuchten, meterbreiten Gassen hineinging. Vorbei an den Heroinhöhlen, wo ausgemergelte Männer benommen auf Brettern lagen, vorbei an den Kulibordellen mit den durchhängenden Vorhängen zwischen den Sperrholzkabinen, vorbei an den Schneidern, die neben den stinkenden offenen Abflüssen Hemden nähten, vorbei an den Herstellern von Plastikblumen und den Sandalensohlenschneidern, vorbei an den Sackgassen mit moderndem Abfall, wo quietschende Ratten wie Katzen oder Hunde nach Futter wühlten.
Er ging geistesabwesend an dem allen vorbei bis zum engen Eingang zu seinem Wohnblock. Ah Keung war schon da, lungerte auf der Schwelle herum, befingerte die neue, noch brennende Tätowierung auf seinem Bizeps, den schönen Drachen in Orange und Blau, der Yin Hong auf dem Flughafen aufgefallen war.
»Alles gutgegangen, nicht wahr?«
Ah Keung nickte. »Der Stoff ist jetzt unterwegs.«
»Das ist ein hübscher Drache.«
Ah Keung schaute auf seinen Arm. »Auf der Brust hab’ ich auch einen.«
»Wirklich? Das wird ihr gefallen.«
»Wem?«
»Wem schon? Derjenigen, die ihn über sich kriegt. Wie heißt sie? Eine Hübsche, was?«
»Ling Kwan.«
»Ling Kwan, stimmt.« Er ging die Betontreppe hinauf. »Hier ist alles in Ordnung, ja?«
Ah Keung nickte wieder.
Yin Hong streifte einen Zehndollarschein von seinem Geldbündel und gab ihn Ah Keung. »Besorg ein Bier, ja?« Er trottete die Treppe hinauf. »Tsing Tao, in der Flasche. Das Zeug aus der Dose schmeckt wie Pferdepisse. Und frag Limpy Ng, was er für einen Renntip hat. Hat mir eben gesagt, er hat einen Tip.«
Sieben Treppen, steil und hoch. Das wurde auch nicht leichter, wenn man älter wurde. Auf jedem schmuddeligen Absatz waren die Metalltüren abgeschlossen, und in den Ecken lehnten Plastiktüten voller Abfall.
Er schloß die eigene Gittertür auf, schwer atmend, dann die Tür und machte Licht. Das Zimmer roch schimmlig von der abgestandenen, eingesperrten Hitze. Er machte das schmale Fenster auf, langte durch die rostigen Gitterstäbe hindurch. Wenn er den Arm ausstreckte, konnte er die schmierige graue Mauer gegenüber berühren. Draußen war es wie in einem Schwitzkasten, aber trotz aller Gerüche war die Luft kühler und frischer als hier drin. Yin Hong fiel auf, daß sein zweites Paar Schuhe, das säuberlich unter dem Fenster stand, schon wieder mit gräulichem Schimmel überzogen war, nach erst einer halben Woche.
