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Marlene hat ihr ganzes Leben zurückgelassen und beginnt noch einmal von vorne. Eine fremde Stadt, ein neuer Job und selbstauferlegte Einsamkeit. Zu groß ist die Angst vor ihrer Vergangenheit. Die Angst, wieder die abhängige und schwache Frau von früher zu werden. Sie will ihr Leben neu beginnen, unabhängig und frei. Doch alle guten Vorsätze sind dahin, als sie auf Ben trifft und sich Hals über Kopf in ihn verliebt... Ben lebt für den Blau Weiß GE. Zusammen mit weiteren Hardcore-Fans gehört er den Ultras der Szene an. Gewalt, Alkohol und der Verein bestimmen sein Leben. Eine Beziehung für ihn: undenkbar. Frauen haben in seiner Gruppe nichts zu suchen und sind für ihn nur Zeitvertreib. Doch das ändert sich schlagartig, als er auf Marlene trifft
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Sieben
Kapitel Acht
Kapitel Neun
Kapitel Zehn
Kapitel Elf
Kapitel Zwölf
Kapitel Dreizehn
Kapitel Vierzehn
Kapitel Fünfzehn
Kapitel Sechzehn
Kapitel Siebzehn
Kapitel Achtzehn
Kapitel Neunzehn
Kapitel Zwanzig
Kapitel Einundzwanzig
Kapitel Zweiundzwanzig
Epilog
Prolog
Kapitel 1
Happy Birthday Ava
Prolog
Kaylie Morgan
Hooligan Liebe
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Caro König
Druffelsweg 84
48653 Coesfeld
Cover: Dream Design - Cover and Art
Für meine Mama
Ich bin geboren, um dich zu lieben
Schon vor Jahrhunderten und – wenn man Wikipedia glauben darf – sogar schon lange vor Christus wurde diese Sportart betrieben. Ein Sport, der nicht nur die zweiundzwanzig Spieler auf dem Platz vereint, sondern auch Tausende von Fans ins Stadion holt. Alles dreht sich um einen Ball, der den Zweck erfüllen soll, in eines der beiden Tore am Ende des Spielfeldes versenkt zu werden. So viel hat sich aus dieser simplen Idee entwickelt. Mannschaften in allen möglichen Städten der Welt wurden gegründet, Ligen von Amateur bis Profis hervorgerufen, Arbeitsplätze geschaffen, Weltmeisterschaften werden veranstaltet, die regelmäßig den Zuschauer dazu bringen, den Atem anzuhalten oder vollkommen Wildfremden in die Arme zu fallen. Dieses Spiel hat Freundschaften geschaffen und auch wieder zerstört. Dieses Spiel hat die Menschen näher zusammengebracht. Fanclubs haben sich gegründet, Anhänger einander gefunden und Stimmen haben sich Gehör verschafft. All das wegen eines einzigen Spiels, das wir heute Fußball nennen.
Doch so positiv es auch klingt, so hat dieses Spiel auch seine negativen Seiten. Wetten zerstören Leben, Verlierer werden gedemütigt und Gewalt hat eine Plattform gefunden. Für eine kleine Gruppe hat sich damit ein Lebensinhalt neu definiert.
Angefangen hatte alles mit fanatischen Fans. Sie haben mit ihrem Verein gefeiert, geweint, Fanartikel entworfen und verkauft, Hymnen geschrieben, sie im Stadion gesungen und das Spiel gelebt. Diese Gruppe gibt es immer noch und wird »Ultras« genannt – eine positiv gestimmte Gruppe, die für den Verein lebt.
Doch ein geringer Prozentsatz spaltete sich ab. Sie wurden gewalttätig, suchten die Auseinandersetzung und prügelten sich bis aufs Blut. Nur um sich gegenseitig Gewalt anzutun, wurden Verabredungen getroffen. Das Spiel rückte in den Hintergrund. Umgangssprachlich nennt man sie »Hooligans«.
Manchmal ist es ein schmaler Grat zwischen diesen beiden Gruppen. Ein Mitglied der Ultras zu sein, bedeutet jedoch nicht automatisch auch ein Hooligan zu sein. Die Ultras leben und lieben den Verein. Die Hooligans haben diese Ansicht größtenteils verloren und die Prioritäten anders geordnet. Eine kleine Gruppe, die den Sinn hinter alldem verloren hat.
Die wichtigste Botschaft ist doch: Egal welcher Verein dein Herz berührt, welcher Nationalität du angehörst, welches Geschlecht du hast oder an welchen Gott du glaubst – das Spiel verbindet dich mit so vielen Menschen auf der ganzen Welt. Wir alle haben diese eine Liebe. Die Liebe zum Fußball. Hier haben Gewalt und Terror keine Plattform.
Marlene
»Das wäre geschafft.«
Ich atmete die kühle Luft ein, spürte den Windhauch um meine Nase. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, endlich wieder frei atmen zu können. Die letzten acht Stunden hatte ich in einem nach Desinfektionsmittel riechenden Operationssaal verbracht. Mein Körper war eingehüllt in keineswegs Figur schmeichelnde OP-Kleidung, meine Haare verdeckt mit einer grünen Haube und die Hälfte meines Gesichts bedeckte ein Mundschutz.
Immer wieder wischte ich meine beschlagene Brille frei. Meine Brille tragenden Kollegen schienen damit keine Probleme zu haben. Mir würde es nie gelingen, einen ganzen Tag lang freie Sicht zu behalten. Das war klar. Seit vier Wochen arbeitete ich bereits im St. Marien-Hospital und noch immer wollte mir niemand diesen Trick verraten, mit dem meine Brille klar blieb. Schien, ein zu großes Geheimnis zu sein.
Noch einmal atmete ich tief ein und wieder aus.
»Noch länger hätte ich es auch heute nicht ausgehalten. Gerade zum Ende der Woche merkt man, wie gereizt alle werden.«
Ich drehte mich zu der Stimme um, die hinter mir erklang. Olivia war ins Freie getreten. Sie öffnete ihre langen braunen Haare und lächelte mich an. Mit flinken Bewegungen zog sie eine Schachtel Zigaretten aus der Jackentasche und hielt sie mir hin.
Dankbar nahm ich eine Zigarette aus der Schachtel und zündete sie mir an. Nach zwei genüsslichen Zügen sah ich ihr wieder in ihre blauen, leuchtenden Augen. Olivia strahlte eigentlich immer, wenn man sie sah. Ich liebte ihre offene und herzliche Art. Sie war mein Lichtblick auf der Arbeit.
Als ich vor knapp einem Monat meinen neuen Job in diesem Krankenhaus angetreten hatte, war ich mächtig aufgeregt gewesen. Meine Selbstzweifel, nicht gut genug für die Aufgabe als OP-Schwester zu sein oder auch von niemanden gemocht zu werden, nagten an mir. An diesem Tag besonders. Ich war schon mit einem zweifelnden Gefühl aufgewacht.
Wie bescheuert musste man auch sein? Innerhalb von wenigen Tagen hatte ich mein gesamtes Leben vollständig umgekrempelt. Ich hatte einen tollen Job in einer Privatklinik gehabt, ein richtig gutes Gehalt, eine schöne Wohnung. Nur war mein Leben das vollkommene Chaos gewesen. Ein Fehler hatte mich zudem abstürzen lassen. Und dann hätte ich den Absprung fast nicht mehr geschafft und wäre mit dem Gesicht zuerst auf dem Boden aufgeschlagen. Als ich dann durch Zufall auf die Stellenanzeige gestoßen war, überkam mich eine plötzliche Erleuchtung. Noch am selben Tag hatte ich meinen Job aufgegeben, meine Wohnung gekündigt und meine Sachen gepackt. Den rettenden Fallschirm hatte ich dankbar angenommen und war mehr als fünfhundert Kilometer weiter in dieses kleine Dorf am Rand des Ruhrgebiets gezogen. Aus Berlin wurde Heiden. Aus Millionen Nachbarn wurden ein paar Tausend.
Jetzt hatte ich hier meine Zelte neu aufgeschlagen. Noch einmal ganz von vorne anfangen. Alle Altlasten, Fehler und Menschen hatte ich zurückgelassen. Kein schlechtes Gefühl wollte ich mitnehmen, keine Erinnerung mehr an mich ranlassen. Es war wie Musik in meinen Ohren.
Doch an dem Morgen meines ersten Arbeitstages verfluchte ich mich für meinen spontanen Impuls. Mit zusammengesunkenen Schultern war ich im OP aufgetaucht. Die Oberschwester hatte mir meinen Spind zugewiesen, mich mit ausreichend Informationen versorgt und dann ins eiskalte Wasser geworfen. Niemand hatte mir Beachtung geschenkt. Bis Olivia an meine Seite getreten war.
»Na, du musst die Neue und somit unsere langersehnte Verstärkung sein. Ich bin Olivia. Ich sage dir, wir werden noch gute Freunde.« Sie legte mir ihre Hand auf meine Schulter. »Mach dir nichts aus den anderen hier. Wir leben in einem Dorf, und alle sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Wenn da mal jemand neu dazukommt, schlägt der Westfale bei ihnen durch. Stur wie ein Esel. Das wird sich aber legen, glaub mir.«
Olivia verschwendete keine Minute und zog mich mit sich in die Tiefen des OP. Sie erklärte mir die Geräte und auch die Abläufe. Ich hatte das Gefühl, sie würde nicht einen Moment Luft holen und jeden Moment im Redeschwall ersticken. Wie konnte ein Mensch nur so unglaublich viel reden? Ich wusste nicht, ob ich genervt oder gerührt über ihre Art sein sollte. Doch ich war nicht in der Position, wählerisch zu sein, was Freunde betraf. Das hörte sich an, als wäre ich eine eingebildete Kuh. Doch vollkommen fremd in einem Dorf zu sein, in dem man von allen Seiten schräg angesehen wurde, machte einem klar, dass jeder soziale Kontakt wertvoll war.
Erst als mich Olivia in eine kleine Küche schob und sich mit einem dramatischen Seufzer auf einem Stuhl niederließ, hatte ich die Chance, ihre nicht enden wollende Rede zu unterbrechen.
»Ich heiße übrigens Marlene. Schön dich kennenzulernen.«
Olivias Augen wurden groß und plötzlich sah sie mich entsetzt an. Mit einem lauten Klatschen schlug sie sich die Hand auf die Stirn.
»Ich habe es schon wieder getan. Entschuldige. Manchmal rede ich einfach drauflos. Ich war nur so aufgeregt. Endlich bekommen wir frischen Wind in diesen Laden. Schön dich kennenzulernen, Marlene.«
Sie fischte zwei Tassen vom Regal und füllte diese bis oben hin mit frischem, schwarzem Kaffee. Von diesem Moment an wusste ich, dass ich meine erste Freundin gefunden hatte.
Das war jetzt genau vier Wochen her. Heute war Freitag und das ganze freie Wochenende stand vor der Tür. Treu gemäß unserer Tradition, die wir vom ersten Tag an festgelegt hatten, standen Olivia und ich neben dem Krankenhaus und rauchten eine Feierabend- Zigarette. Dabei ließen wir uns über unsere Kollegen oder anstrengende Patienten aus.
»Marly, was machst du eigentlich am Wochenende?«
Genüsslich zog sie an ihrer Zigarette und schaute mich erwartungsvoll an.
Eigentlich müsste sie meine Antwort längst kennen. So gab ich ihr mit monotoner Stimme meine Standardantwort.
»Ich werde gleich meinen viel zu großen Kühlschrank füllen und mich nach einem ausgiebigen Bad ...«
»... aufs Sofa legen und ein Buch lesen. Ich weiß.«
»Wenn du meine Antwort schon kennst, wieso fragst du mich dann überhaupt?« Gespielt verärgert schlug ich ihr gegen die Schulter.
»Ich hatte gehofft, du würdest endlich mal etwas anderes antworten. Wenn ich dich aber jetzt frage, ob du mit mir heute Abend um die Häuser ziehst, sagst du mir wieder ab, oder?«
Olivia versuchte mich immer wieder zu überreden, mit ihr die Clubs unsicher zu machen oder auch ins Stadion zu fahren. Sie war ein leidenschaftlicher Fußballfan und besuchte so gut wie jedes Spiel ihres Vereins. Blau Weiß GE war ihr Leben. Das hatte sie von Anfang an klargestellt. So war es für sie auch keine Frage, dass sie nicht nur Mitglied im Fanclub unseres Dorfes, sondern auch noch im Vorstand tätig war. Ich persönlich konnte mit Fußball überhaupt nichts anfangen und zog mein Sofa jedem Stadionbesuch vor.
»Huhu! Erde an Marlene! Was ist denn nun? Ich habe eine Karte für morgen und würde mich wirklich unheimlich freuen, dich mitzunehmen. Wir treffen uns heute Abend mit meinen Leuten in der Schänke. So kannst du alle kennenlernen, und morgen geht es dann mit dem Bus nach Frankfurt. Das ist eine der genialsten Auswärtstouren und für dich die beste Gelegenheit einzusteigen. Das wird ein Wahnsinnsspiel. Es wird dir guttun, auch mal andere Menschen zu treffen.«
Olivia schob ihre Unterlippe vor und warf mir einen unglaublich süßen Dackelblick zu. Doch auch der konnte meine Meinung nicht ändern. Meine Pläne standen fest, daran gab es nichts zu rütteln.
»Ein anderes Mal, Olivia. Heute ist mein Abend schon verplant. Und du weißt, dass Fußball nicht mein Ding ist.«
»Fußball? Hier geht es um Blau Weiß GE oder BWGE, wie wir es gerne abkürzen.«
Um ihrer Aussage mehr Dramatik zu verleihen, fuchtelte sie wie wild mit ihren Armen vor meinem Gesicht herum. Das Ganze erinnerte mich an eine typische Schnipp-Bewegung aus Grease. Vorsichtig ging ich einen Schritt zurück, um nicht aus Versehen von ihr eine verpasst zu bekommen.
Ich wusste, wenn ich mich nicht schnell verabschiedete, würde sie mich höchstpersönlich in die Vereinsschänke schleppen. Mein Wochenende konnte ich mir aber wirklich besser vorstellen, als in einer Kneipe Bier zu trinken, das ich ohnehin nicht mochte, oder in einem überfüllten Stadion zu stehen, wo mich nichts und niemand interessierte – und wo nun mal auch Bier getrunken wurde. Nein, ein gutes Glas Wein und eine romantische Geschichte auf echtem Papier waren mir tausendmal lieber.
»Es ist schon spät, Olivia. Ich muss wirklich los. Melde mich am Wochenende bei dir. Versprochen.«
»Ich weiß, wie sich eine Abfuhr anhört, und das war definitiv eine ganz schlechte. Aber warte nur ab: Eines Tages wirst du neben mir im Stadion stehen.« Wir umarmten uns zum Abschied. Doch sie ließ mich nicht ohne einen kleinen Rat nach Hause gehen.
»Komm aus deinem Schneckenhaus. Das Leben ist dafür zu schön, Marly«, flüsterte mir Olivia ins Ohr. Irgendwie berührten ihre Worte mein Herz. Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen, flüsterte einen leisen Dank und ließ sie vor dem Eingang des Krankenhauses stehen.
***
Ben
»Hey, Ben. Reich mir doch bitte nochmal ein Bier.«
»Du hast zwei gesunde Beine, Leon. Also beweg dich«, antwortete ich schlagfertig und gab ihm damit schon zum zweiten Mal einen Korb. Er antwortete mit einem Schnauben und verzog sich in die Küche. Meine Küche. Wieder einmal ein typischer Freitagabend mit meinen Jungs. Bier, das neuste Fifa und niveaulose Unterhaltungen. Ich liebte diese Freitagsrituale.
Kein Geld der Welt konnte man mir bieten, damit ich diesen Haufen Jungs aufgab. Schon seit dem Kindergarten an gehörten Tim, Marcel, Christian und Leon zu meinen besten Freunden. Schon früh haben wir erkannt, dass wir alle eine Leidenschaft teilen. Die Liebe zum Verein Blau Weiß GE. Mit gerade einmal sieben Jahren hatten wir gemeinsam unsere Eltern überredet, uns im örtlichen Fanclub anzumelden. Stadionbesuche und regelmäßige Fußball-Abende gehörten zu unserem Leben.
So wurden wir unzertrennlich. Zusammen gründeten wir eine kleine aber sehr aktive Fangruppe. Die Ultras des BWGE. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Typen dazu und so wuchsen wir immer weiter. Unser Bekanntheitsgrad stieg, und sehr schnell wurde unsere Gruppe zu einer Institution, die auch von Seiten des Vereins nicht mehr wegzudenken war.
Doch der Grundkern blieb immer der gleiche. Wir fünf. Jeder von uns war einzigartig. Marcel und Christian, die chaotischen Brüder, die nur Unsinn im Kopf hatten. Ihre verrückten Ideen hatten uns das eine oder andere Mal schon echt in Bedrängnis gebracht. Leon, der uns mit seinem künstlerischen Talent die schönsten und kreativsten Fahnen und Banner malte. Und zu guter Letzt: Tim. Mein bester Kumpel. Er war von Grund auf ehrlich und kümmerte sich um Preisverhandlungen mit Geschäften und um andere organisatorische Dinge. Ich war die Stimme unserer Gruppe. Was ich sagte, zählte, und darüber wurde nicht diskutiert. Diesen Stand hatte ich mir hart erkämpft und verteidigte ihn mit meinem Leben.
Neben meinem Security-Job im Illusion lebte ich für die Ultra-Gruppe. Mein ganzer Stolz. Diese Leute waren mein Leben und nichts auf dieser Welt würde das ändern. Gar nichts.
Die Gruppe saß in meinem Wohnzimmer, alle lachten und freuten sich auf das erste Spiel der Saison am nächsten Morgen. Wir würden an diesem Samstag mit unserem kleinen Transporter nach Frankfurt fahren und den Verein unterstützen. Doch am meisten freute ich mich auf die Fans der gegnerischen Mannschaft. Ich wusste aus den Saisons der letzten Jahre, dass die sich nicht zu schade waren, ihren Verein zu verteidigen. Morgen würden sich beide Seiten wieder kraftvoll miteinander messen, auf dem Spielfeld und abseits davon. Gedankenverloren rieb ich meine Fingerknöchel und freute mich. Freute mich auf den Tag, auf das Adrenalin und auf den Schmerz, der mir jedes Mal aufs Neue einen Kick versetzte. Einen Kick, der mich süchtig machte. Ja. Mein Leben war perfekt, voll und ganz.
Marlene
Vollbepackt, wie nach jedem Besuch im Supermarkt um die Ecke, schleppte ich mich und die Tüten nach oben in den zweiten Stock. Für meine Verhältnisse war es dieses Mal schon ein Großeinkauf gewesen und doch würden die Lebensmittel in Wahrheit nur ungefähr drei Tage reichen. Das hieß nicht, dass ich alles sofort in mich reinstopfte. Die Tatsache, dass ich kein Auto besaß, mein Fahrrad seit meinem Umzug mit zwei platten Reifen und einer fiesen Spinne unter dem Sattel im Hof stand und ich so auf meine beiden Füße angewiesen war, war schuld daran, dass ich nur immer das einkaufen konnte, was sich auch zu Fuß nach Hause transportieren ließ.
So war ein Einkaufen ohne Plan so gut wie unmöglich. Schnell hatte ich mir angewöhnt, meine Tragetaschen schon im Supermarkt zu füllen und auf einen Einkaufswagen zu verzichten. So war die Gefahr, zu viel zu kaufen, so gut wie gebannt.
Trotz meiner gut durchdachten Strategie jonglierte ich auch heute wieder die Flaschen in meinen Armen, während ich gleichzeitig versuchte, meinen Schlüssel aus der Jacke zu ziehen, um damit meine Haustür zu öffnen.
Die Eingangstür im Erdgeschoss ließ sich – Gott sei Dank – ohne Schlüssel öffnen. Was nur daran lag, dass das Schloss defekt war und eigentlich vom Vermieter repariert werden sollte. Ich wusste, es würde noch Wochen dauern, bis das ausgetauscht werden würde. Mein Vermieter war nicht gerade eine dieser Personen, die ich als zuverlässig bezeichnen würde. Wir, als Bewohner des Hauses dazu, hatten uns dazu entschlossen, einfach den Klicker rauszunehmen. So ließ sich die Tür ohne Probleme aufdrücken. Wir wussten, dass es nicht die beste Lösung war, doch andere Möglichkeiten gab es nicht.
So bewahrte sie mich davor, meinen Einkauf auf dem Bürgersteig ablegen zu müssen, um die Tür zu öffnen.
Nach einem kurzen Kampf und nur einer verlorenen PET-Flasche, schaffte ich es, meine Wohnungstür zu öffnen, und lud meine Lebensmittel in der Küche auf der Anrichte ab.
Meine Küche war nicht sehr groß, aber gemütlich. Das Beste war jedoch, dass alle Schränke auf meine Größe ausgerichtet waren. Da ich nur einssechsundsechzig groß war, hatte ich darauf bestanden, dass die Handwerker die Schränke tiefer aufhängten. Nichts war schlimmer, als sich in seiner eigenen Wohnung einen Stuhl holen zu müssen, nur weil man ein Glas oder einen Teller aus dem Schrank benötigte.
Mit routinierten Bewegungen verstaute ich meine Lebensmittel im Kühlschrank und meine Getränke in dem kleinen weißen Regal unter dem Küchenfenster. Mein Blick fiel auf den großen Parkplatz vor meinem Haus. Wie jeden Tag um diese Zeit war jeder Platz belegt und erinnerte mich daran, wie das Leben dort draußen pulsierte, während ich wie immer alleine und ruhig in meiner Wohnung saß.
Dieses Grab hast du dir selbst geschaufelt, schimpfte ich mit mir selbst. Diesen Gedanken sollte ich schleunigst wieder aus meinem Kopf bekommen. Jetzt in Tränen auszubrechen und die Fassung zu verlieren, konnte ich mir nicht leisten. Ich musste funktionieren. Ich wäre meine längste Zeit auf meiner Arbeitsstelle gewesen, wenn ich dort nicht fit war. Nein, ich würde mich nicht in eine tiefe Depression werfen.
Daher ging ich in mein Wohnzimmer. Beige- und türkisfarbene Tapete, gemütliches Sofa und das über Eck verlaufende Bücherregel, auf das ich so unendlich lange gespart hatte, ließen es gemütlich und einladend wirken. Im Vorbeigehen strich ich über einige Schätze darin, zog eines heraus und nahm es mit ins Bad.
»Wir beide haben gleich noch ein Date«, flüsterte ich dem Buch zu und gab ihm einen Schmatzer.
Ja, ich werde eindeutig verrückt, schoss es mir durch den Kopf, während ich das Wasser anstellte, um die Wanne zu füllen. Ich fange tatsächlich an, mit meinen Büchern zu sprechen. Als Nächstes werde ich mir vierzig Katzen kaufen und in einem rosa Bademantel vom Balkon aus meine Nachbarn beobachten. Das sind tolle Aussichten für eine glückliche Zukunft.
Diese Aussicht hatte aber auch einen positiven Aspekt. Schließlich konnte ich froh sein, dass ich überhaupt noch ein Leben und eine Zukunft hatte. Noch vor ein paar Wochen war es undenkbar gewesen. Zu der Zeit war ich dem Tod näher als dem Leben.
Ich streifte mir in Gedanken versunken die Kleider vom Körper und stieg in die Wanne. Dabei fiel mein Blick auf die Narbe neben meinem Bauchnabel. Auch sie war eine Erinnerung an meine Vergangenheit. Mit schnellen Bewegungen schob ich den Badeschaum darüber. Ganz nach dem Motto; aus den Augen aus dem Sinn.
Meinen Kopf lehnte ich an die vom Wasser erwärmten Fließen hinter mir und wartete auf die Entspannung, die sich für gewöhnlich einstellte. Doch das Gefühl blieb aus. Die Unruhe in meiner Brust blieb und schien von Minute zu Minute zu wachsen. Das Gefühl, mir würde jemand die Luft aus den Lungen pressen, nahm immer mehr zu.
Mit einem Mal war das Wasser viel zu warm. Die Luft wurde stickig. Ich kämpfte mich aus der Wanne, schlug mir das Handtuch um meinen noch nassen Körper und rannte aus dem Bad. Frische Luft war der einzige Gedanke, der in meinem Kopf Platz fand, und so riss ich die Fenster zum Balkon auf. In diesem Moment war es mir scheißegal, ob mich alle nur mit meinem Handtuch bekleidet sahen. Ich stand vor einer Panikattacke und musste sie verhindern. Komme, was wolle. Also ließ ich mich auf den Boden sinken, hielt meinen Kopf zwischen den Knien.
Wieder eine dieser Attacken. Nach und nach beruhigte sich mein Atem, und die Welt um mich herum wurde wieder klarer. Ich hatte es geschafft, die Attacke ohne fremde Hilfe zu überwinden. Die Uhr an der Wand sagte, dass es bereits nach halb acht war. Fast zwei Stunden hatte mir der Boden Halt gegeben. Meine Beine waren inzwischen steif und kalt. Mit viel Mühe schaffte ich es aber dennoch ins Schlafzimmer. Der Anblick im Spiegel erschreckte mich. Er zeigte mir mein Gesicht, das so blass war, dass es sich von der weißen Tapete dahinter kaum abhob.
Meine Haare klebten mir an der Haut. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich behauptet, ich sähe aus wie der Tod. Doch das Gesicht des Todes war mir nur allzu vertraut. Nein, das Gesicht des Todes konnte man nicht beschreiben. Es war das schlimmste, das ich je gesehen hatte. Mein Handy piepste und sagte mir so, dass eine Whats- App Nachricht eingegangen sei. Das Geräusch riss mich aus meinen Gedanken. Froh, wieder in der Realität zu sein, nahm ich es von meinem Nachttisch. Eine Nachricht von Olivia.
Absender: Olivia Austermann
Schreib endlich deine eigene Geschichte und versink
nicht nur in den Geschichten anderer!
Ich kannte Olivia erst seit ein paar Wochen, aber sie war mir vertrauter als viele andere Menschen, die mir in meinem Leben begegnet waren. Ich stand bereits wieder im Wohnzimmer und blickte zwischen Sofa und Handy hin und her. In meinem Kopf herrschte ein Gedankenkrieg. Soll ich gehen oder doch lieber auf meinem Sofa einen Chilligen einlegen?
Die Pro- und Contra-Liste, die ich in solchen Fällen gedanklich notierte, nahm immer mehr Gestalt an. Ein Lachen ließ mich erzittern. Wie dämlich ich war. Mit fast sechsundzwanzig Jahren stand ich kaum bekleidet in meinem Wohnzimmer und überlegte ernsthaft, ob ich rausgehen, um mein Leben zu erleben, oder lieber auf meinem Sofa bleiben sollte, um dort zu versauern. Ich wusste, wenn ich es jetzt nicht wagte, dann würde ich es niemals tun.
So zeigte ich meinem Sofa einen Stinkefinger. Ja, auch nicht sehr erwachsen, schon klar. Dann ging ich ins Schlafzimmer und öffnete meinen Kleiderschrank. Nach kurzer Suche entschied ich mich für eine schwarze, enganliegende Hose und ein weißes Shirt. Dazu meine bequemen Sneakers. Ich hatte keine Ahnung, was man in einer Kneipe so trug, aber diese Kombination hielt ich für die ungefährlichste.
Im Bad föhnte und glättete ich meine schulterlangen, braunen Haare, band sie zu einem hohen Zopf. Leichtes Make-up sollte meinem bleichen Gesicht ein wenig Leben einhauchen. Nach nur fünfzehn Minuten war ich fertig. Alle Handgriffe waren irgendwie routiniert und so ganz anders als früher. Damals hätte ich dafür Stunden gebraucht. Ich wäre um diese Uhrzeit auch nicht nüchtern genug gewesen, um mich schneller zu schminken. Auch mein Outfit wäre gar nicht okay gewesen. Früher ...
Doch jetzt war jetzt. Mein altes Ich gab es nicht mehr und würde es auch nie wiedergeben. Niemals mehr.
Ich nahm meine Tasche von der Garderobe, ließ meinen Schlüssel und meinen Geldbeutel hineingleiten und war bereit für die Welt dort draußen. Zumindest versuchte ich, es mir immer wieder einzureden.
Vor der Haustür zückte ich mein Handy, gab die Adresse in die Navi-App ein und wollte der blauen Linie folgen. Ohne die App wäre ich schon mehrfach viele Kilometer in dieser für mich noch neuen Stadt zu viel gelaufen.
Heute schien mich die Technik jedoch im Stich zu lassen. Ich wechselte die App, verglich die Adresse, die ich ohnehin per Kopierfunktion übertragen hatte noch einmal durch Augenabgleich mit der Nachricht von Olivia – als ob man beim Kopieren Buchstaben oder Zahlen verlieren könnte. Es bestand allerdings kein Zweifel: Die beiden Adressen stimmten überein. Doch wenn ich Google Maps glauben konnte, lag die Schänke nur achtzig Meter von meiner Wohnung entfernt. Das musste ein Irrtum sein.
Ich folgte der blauen Linie und stand tatsächlich nach nur wenigen Schritten vor einer alten Holztür. Über dem Rahmen war ein großes Schild angebracht worden. Vereinsschänke – Heimat der BWGE Fans stand darauf. Das musste Schicksal sein, dass sich die Kneipe, in der sich Olivia aufhielt, direkt um die Ecke befand. Das hätte ich vermutlich auch eher herausfinden können, wenn ich häufiger vor die Tür gegangen wäre.
Mein Zuhause war mein Heiligtum. Mein geschützter Ort. Der Gedanke, jemanden in meiner Wohnung zu haben ... Doch auch das würde ich irgendwann ändern müssen.
Das heute war mein Neuanfang. Ich musste nicht mehr Marlene von früher sein. Das hier war mein Schritt auf dem richtigen Weg. Noch einmal das Leben neu schreiben. Wer wünscht sich das nicht?
Marlene
Ich atmete tief durch und hörte in mich hinein. Alles fühlte sich richtig an. Kein enges Gefühl in der Brust, kein kalter Schweiß. Nein, ich würde es schaffen, da war ich mir sicher. So selbstbewusst, wie es mir irgendwie möglich war, öffnete ich mit Schwung die massive Holztür, die mich von der Kneipe trennte.
Die warme und stickige Luft prallte wie eine Wand gegen mich. Der Geruch von Bier lag schwer in der Luft. Ein Geruch der Erinnerungen wachrief. Ein beklemmendes Gefühl erfüllte sofort meinen Körper, Bilder meiner Vergangenheit erschienen vor meinen Augen.
Nein, nicht hier und nicht jetzt, mahnte ich mich selbst. Heute Abend würde ich keinen weiteren Gedanken daran verschwenden. Ich würde neue Erfahrungen machen und so versuchen, die schlechten aus meinem Kopf zu vertreiben.
Vorsichtig ließ ich meinen Blick durch den Raum gleiten. Die Wände waren mit dunklem Holz überzogen. Reihenweise Schilder, Urkunden und Bilder waren dort angebracht. Ein riesiges Blau Weiß GE-Emblem zierte die einzige weiße Wand. Kein Platz an der Theke war frei, und auch an den hellen Holztischen saßen eine Menge Gäste. Die ausgelassene Stimmung ergriff sofort Besitz von mir. Gelächter hallte durch den Raum. Ich weiß zwar nicht genau, warum, doch mit einem Schlag fühlte ich mich wohl. Es war eine Art Magie. Ich hatte diesen Ort noch nie zuvor betreten und doch fühlte es sich wie Heimat an. Als würde ich nach einer langen Reise endlich wieder zu Hause sein. Doch keine Spur von Olivia. Ich wusste, dass sie hier irgendwo sein würde, und so lief ich, in der Hoffnung, nicht zu sehr aufzufallen, durch den Schankraum. Doch meine Anwesenheit blieb nicht unentdeckt.
»Ein weibliches uns noch unbekanntes Wesen hat soeben den Raum betreten.«
Ich wusste nicht, wer diesen Satz gesagt hatte, doch sofort richteten sich alle Blicke auf mich. Ein Arm legte sich um meine Schulter und ließ mich zusammenzucken. Verwirrt und auch sauer über diese ungebetene Berührung warf ich dem Kerl einen strengen Blick zu.
Jegliche Bemühung, mich von ihm zu lösen, schien aber hoffnungslos. Das Blut stieg mir in die Wangen, und ich war mir sicher, dass mein Gesicht die Farbe einer Tomate angenommen hatte. Erst die Stimme der Person, die ich suchte, erlöste mich aus dieser mehr als peinlichen Situation.
»Lukas, du willst es anscheinend nicht lernen. Mit solchen Sprüchen wirst du niemals Erfolg bei den Frauen haben. Also finde dich schon mal damit ab, für immer und ewig der beste Freund für die Frauen zu sein.« Mit strengem Blick stand Oliva jetzt genau vor mir. »Dürfte ich jetzt meine beste Freundin wiederhaben?«
»Wer sagt, dass sie deine Freundin ist? Ich habe sie zuerst entdeckt. Außerdem bin ich ja wohl der bessere Liebhaber.« Er zwinkerte mir frech zu. Dieser Kerl war entweder ziemlich selbstverliebt oder einfach ein Idiot. Ich tippte auf eine Mischung von beidem.
»Mit wem ich meine Zeit verbringe, ist zum Glück immer noch meine Entscheidung«, sagte ich. »Deine Hände kannst du also bei dir behalten. Benutz sie lieber für die Taschentücher, die du brauchst, wenn du abends alleine und weinend auf dem Sofa liegst.« Der hatte gesessen, das sah ich daran, wie seine Mimik vollkommen entglitt. Ich hatte also meine Schlagfertigkeit noch nicht verloren. Mit herzhaftem Lachen hielt mir Olivia ihre Hand für ein High Five hin. Auch ich konnte mir das Lachen nicht mehr verkneifen und wir tauchten kichernd in der Menge der Kneipe unter. Olivia führte mich zu einer der kleinen Nischen.
»Was machst du hier, Marly? Ich meine, ich freue mich so unglaublich, dass du es endlich in meine Welt geschafft hast. Aber du wolltest doch eigentlich nicht kommen. Ach, egal. Ich wusste, du passt hier perfekt rein. Allein deine schlagfertige Antwort – fabelhaft. Was willst du trinken?«
»Gibt es hier eine Getränkekarte?«
Irgendetwas an meinen Worten musste falsch gewesen sein, so wie Olivia mich daraufhin ansah. Jedenfalls war sie kurz davor, in schallendes Gelächter auszubrechen.
»Okay. Marlene, schau dich bitte ganz genau um.
