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Der 33-jährige Alexander ist gefrustet. Beruflich hat er es bisher nicht weit gebracht. Zuhause warten seine Frau Julia und ihre gemeinsame Tochter, die vierjährige Mia. Von seiner Frau hat er sich im Laufe der Jahre immer weiter entfernt. Mit der Tochter konnte er bisher noch keine richtige Bindung aufbauen. In der Arbeit verliebt sich Alexander in den neuen Kollegen Tadzio. Auch Tadzio verliebt sich in Alexander. Im Sommerurlaub, mit Frau und Tochter, plant Alexander heimlich ein Treffen nach seiner Rückkehr mit Tadzio...
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Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Tom Hesse
Hörst du das Plätschern?
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Impressum neobooks
Hörst du das Plätschern?
von
Tom Hesse
Schwacher Mondschein schimmerte durch ein offenes Fenster eines Schlafzimmers. Es war bereits nach zwölf und eine frische Frühlingsbrise kühlte den Raum angenehm ab. Ein Mann stand vor dem Fenster. Er schloss es eilig und ließ die Jalousien zur Hälfte runter, damit noch etwas Licht hineinschien. Mit hektischen Schritten lief er zum Ehebett; seine Frau lag schon darin. Kritischen Blickes beugte er sich über die noch leere Bettseite, neigte sich in gewohnter Manier leicht hinunter, um sodann dem altbewährten Usus Folge zu leisten und das Spanntuch straff zu ziehen. Obwohl es nur geringfügig Falten warf, blieb dies dem geschulten Auge nicht verborgen. Da sich das Tuch noch immer nicht harmonisch in das Gesamtbild einfügte, sah sich der Gezwungene genötigt, weitere Anstrengungen gegen die vorherrschende Disharmonie in die Wege zu leiten. Seine Frau beobachtete ihn dabei. Diesen Kampf, zwischen ihm und dem Tuch, sah sie sich jede Nacht mit an. Sie war es inzwischen leid und äußerte ihren Unmut darüber mit einem gelangweilten: „Bist du dann mal fertig?“ Leise murmelnd entgegnete dieser: „Nun nerv doch nicht schon wieder. Hättest du die Betten heute Morgen gleich richtig hergerichtet, dann müsste ich jetzt nicht nachbessern.“ Darauf erwiderte die Frau in genüsslichem Ton: „Weißt du mein Lieber, wir haben im Wohnzimmer noch ein sehr gemütliches Sofa stehen, da hättest du dann auch nicht das Problem mit dem Tuch.“ Mit einem tiefen Knurren und grimmiger, aber nicht ganz ernstzunehmender Miene, blickte er zu seiner Frau hinüber. Mit den Lippen einen Kussmund formend, gab sie ihm ein: „Ich lieb dich auch“, zu verstehen, und drehte sich von ihm weg. Der Mann konnte noch immer nicht vom Tuch ablassen, zog und zerrte weiter unbeirrt daran. Als er schließlich die erwünschte Harmonie zum Vorschein brachte, setzte er sich auf das Bett und richtete seinen Blick auf das auf dem Nachttischchen liegende Smartphone. Er nahm es in die Hand, um noch einmal sein E-Mail-Postfach auf neue Mails zu überprüfen. Eine gleichermaßen unnötige und wenig erfolgversprechende Handlung wie der Spanntuchkrieg hatte er dies doch, unmittelbar bevor er das Fenster schloss, bereits getan und enttäuscht feststellen müssen, dass keine neuen Mails eingegangen waren. Seine Frau bemerkte das, richtete sich auf, räusperte sich und sagte zu ihm in unmissverständlichem Ton: „Musst du denn deine blöden E-Mails jeden Abend noch einmal kontrollieren? Das hat doch wohl bis Morgen Zeit!“ Pampig und genervt erwiderte dieser: „Ach, dir ist ja gar nicht bewusst, wie wichtig manche von diesen E-Mails sind. Weißt du, nur durch meine harte Arbeit können wir uns so ein tolles Haus und so eine schicke Einrichtung überhaupt erst leisten. Sei mal etwas dankbarer!“ Die Frau rümpfte die Nase und kehrte in ihre alte Liegeposition zurück. Der Mann platzierte das Smartphone auf seinen gewohnten Ort und legte sich, nicht ohne den Versuch zu starten mit einem: „Es tut mir leid. Ich habe das nicht so gemeint“, die Wogen zu glätten, ins Bett. „Schon gut. Ich kenne das ja mittlerweile“, entgegnete sie halb gereizt, halb versöhnlich. Die beiden lagen nur kurze Zeit still nebeneinander, als der Mann seine Frau fragte: „Hast du eigentlich den Herd abgeschaltet?“ „Ja, ich habe vorm Schlafengehen extra nochmal nachgeschaut“, antwortete diese, bemüht, nicht aus der Fassung zu geraten. Nur wenig später schaltete sich der umtriebige Geist des Mannes erneut ein, um sich über Folgendes zu erkundigen: „Und weißt du auch, ob ich die Haustür abgeschlossen habe?“ Zähneknirschend, mit dem Bedürfnis, ihrem Mann ein Kissen ins Gesicht zu drücken, erwiderte sie: „Ja, hast du. Ich habe dich gesehen, als du sie verschlossen hast. Und jetzt schalt endlich ab und schlaf!“ Der Mann blieb still im Bett liegen. Er dachte allerdings noch viel über den kommenden Tag nach, wie er es üblicherweise tat, wenn ein wichtiges Meeting anstand.
Erbarmungslos schellte der Wecker Alexander aus seinen Träumen. Mit verschlossenen Augen drückte er beherzt die Schlummer-Taste, um sich noch ein wenig den herrlichen Freuden des Müßiggangs hinzugeben. Eine angenehme Woge von Wärme und Geborgenheit umhüllte Alexanders Bewusstsein und zog ihn sanft zurück in die Welt des Schlafs. Nur sieben Minuten währte sein kleines Glück, ehe schrille Töne dem erneut ein jähes Ende bereiteten. Erzürnt über diese neuerliche Lärmbelästigung, schaltete Alexander den Wecker aus und warf mit knurrenden Lauten das Bettlaken zur Seite. Wach. Der erste bewusste Gedanke, das erste Wort, das ihm in den Sinn kam und welches ihm schon jetzt Kummer bereitete, wusste er doch, was ihm mal wieder bevorstand.
Behäbig, nur unmerklich der Schwerkraft trotzend, setzte er sich aufs Bett, um sodann den noch härteren Gang des Aufstehens zu wagen. Gemächlich machte er sich auf ins Badezimmer, nebenbei unermüdlich damit beschäftigt, die Müdigkeit aus seinem Körper zu gähnen. Wasser lassen. Zähne putzen. Gesicht waschen und rasieren. Haare kämmen. Routine pur. Vor einiger Zeit kam noch die tägliche Einnahme von Medikamenten hinzu. Rückkehr ins Schlafzimmer. Schlafanzug ausziehen, Socken, Jeans und T-Shirt anziehen. Armbanduhr überstreifen. Ein tiefer Seufzer der Verdrossenheit beendete dieses allmorgendliche Ritual dem er, nolens volens, beiwohnte.
Er begab sich hinunter in die Küche. Ein wohltuender Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee umschmeichelte seine Nase und ließ Anlass zu hoffen, der Tag könnte mehr bringen, als erwartet. Mit einem lustlosen „Morgen“, betrat Alexander die Küche, seine Frau Julia damit begrüßend. „Was ist morgen?“, fragte Julia. „Das Ende aller Tage, wenn ich Glück hab“, entgegnete er. „Aber das hast du ja meistens nicht, stimmt´s?“ „Stimmt.“ Alexander holte eine Tasse aus dem Küchenschrank, goss Kaffee ein und setzte sich ihr gegenüber an den Küchentisch. Julia, nebenbei damit beschäftigt eine Scheibe Toast mit Butter zu bestreichen, sagte: „Du verblüffst mich wirklich immer wieder mit deinem strahlenden Optimismus. Du solltest Lebensberater werden.“ Mit zusammengekniffenen Augen und einem angriffslustigen Lächeln auf den Lippen, fixierte Alexander Julia. Schweigend sahen sie sich einen Moment an. „Dir fällt nichts Schlagfertiges mehr ein, was? Warst auch schon mal besser“, zog sie ihn auf. „Bin nur etwas aus dem Training“, beendete Alexander das Gespräch, trank einen Schluck heißen Kaffee, verbrannte seine Zunge, jammerte und widmete sich der auf dem Küchentisch liegenden Tageszeitung. Versunken in den weiteren Entwicklungen des derzeit alles beherrschenden Themas driftete sein Geist langsam ab in andere Welten.
Sicher, man war sich bewusst, dass so etwas früher oder später kommen würde, und dennoch bildet sich der Mensch stets ein, Herr der Lage zu sein. Dieser Hochmut kannte bis zu jenem Tage, als sich das Unheil auf der ganzen Welt verbreitete, keine Grenzen. Schon jetzt, zu Beginn des Frühlings, gibt es viele Verluste zu beklagen und die Experten befürchten noch Schlimmeres, sprechen von einer zweiten Welle im Herbst.
„Welcher Tag ist heute?“ Julias Stimme zog Alexander zurück aus seiner Gedankenwelt in die Küche. Fragenden Blickes betrachtete er Julia. Diese wiederholte: „Welcher Tag ist heute?“ Alexander überlegte. Mit den Fingern ungeduldig auf dem Tisch trommelnd fixierte sie ihn. Er grübelte weiter. Grübelte stirnrunzelnd und öffnete langsam seinen Mund: „Fr...“ „Wenn du jetzt sagst, es ist Freitag, dann scheuer ich dir eine.“ Alexander geriet ins Schwitzen. Seine Augen kreisten nachdenklich umher. Julia riss der Geduldsfaden. „Heute ist unser 8. Hochzeitstag, Armleuchter.“ Julia stand genervt auf und verließ die Küche. „Alles Liebe zum Hochzeitstag!“, schrie er ihr hinterher. „Du kannst mich mal!“, schallte es aus dem Flur zurück. Alexander seufzte laut auf, lehnte seinen Kopf zurück und schloss für einen Moment die Augen. Dann widmete er sich wieder der Zeitung. Schon kurz darauf legte er sie zur Seite, um Block und Stift zu holen. Fieberhaft kritzelte er drauf los. So etwas passierte ihm öfter. Er schrieb gerne, doch wie vieles andere auch nur halbherzig. Zu wenig Zeit, zu wenig Lust, zu wenig Geist, zu viel Frust. Ab und zu allerdings, wenn er überwältigt wurde von seinen Gefühlen, durfte er sich am Kuss der Muse erfreuen. Ebensolcher Kuss veranlasste Alexander dieses kurze Gedicht niederzuschreiben:
Dunkler Morgen, schwarzes Herz,
tiefe Trauer, blanker Schmerz.
Hoffnung für immer verloren,
als Toter wiedergeboren.
Schreie in der Nacht,
ziehen in die letzte Schlacht.
Lassen zurück ein blutend´ Herz
und auf ewig reinen Schmerz.
Alexander hörte auf zu schreiben. Er las sich seinen geistigen Erguss noch einmal durch und legte dann, mit befriedigtem Lächeln den Stift weg. „Und auf ewig reinen Schmerz“, murmelte Julia die letzte Zeile des Gedichts leise vor sich hin, um auf sich aufmerksam zu machen. Diese hatte sich unbemerkt hinter Alexander gestellt und dabei das Gedicht gelesen. Alexander, der sich allein wähnte, fuhr erschrocken zusammen. „Dass du dich jetzt aber bitte nicht ins Buttermesser stürzt“, witzelte Julia in versöhnlichem Ton. „Klingt ziemlich düster“, bemerkte sie, nun leicht Besorgnis erregt. Mit ernster Miene zu ihr heraufblickend entgegnete er fest überzeugt: „Ich beschreibe damit nur das Leben. Zumindest das, das nicht vom Blick des Optimisten getrübt ist.“ Julia, die über die Worte ihres Mannes nachdachte, kam kurzerhand zu folgender Erkenntnis: „Lieber trüben Blickes Optimist sein, als klaren Blickes Pessimist.“ Er schenkte ihr ein zaghaftes Lächeln gefolgt von einer stetig ernster werdenden bis zuletzt versteinerten Miene. Julia kannte diesen Ausdruck in seinem Gesicht. Ein in den letzten Jahren zur Routine gewordener Ausdruck der Hoffnungslosigkeit und Leere. Ein Blick, den Julia verabscheute. Ein Blick, der ihr gleichermaßen Sorge, weil er ihr bewusstmachte, dass er unglücklich war, wie Angst bereitete, weil sie nicht wusste warum. „Nur, um das nochmal klarzustellen, lieber Alex. Ich bin deine Frau und du mein Mann.“ Nach diesen Worten küsste sie ihn auf die Wange und verließ die Küche wieder. Alexanders Miene blieb starr.
„Guten Morgen, Paaapaaa!“, dröhnte es kurze Zeit später laut vom Kücheneingang. „Guten Morgen, Mia“, antwortete dieser energielos. Mia war Julias und Alexanders Tochter. Ein Wirbelwind von vier Jahren. Schwungvoll betrat sie die Küche, marschierte selbstsicher zu ihren Vater, kletterte auf seinem Bein hinauf und platzierte ihr kleines Hinterteil souverän auf dessen Schoß. „Was hast du denn da geschrieben?“, fragte Mia neugierig. „Dafür bist du noch zu jung.“ „Dann will ich´s gar nicht wissen, weil das meistens eh langweilig ist. Ich mag nur Geschichten mit Drachen. Willst du mal mein neues Bild sehen? Da sind auch Drachen drauf. Und ein paar Ritter und eine Prinzessin. Aber die Prinzessin ist mir nicht gelungen. Ist aber auch egal, weil Prinzessinnen eh langweilig sind.“ „Ich seh´s mir später an.“ „Also gar nicht.“ Geknickt glitt Mia vom Schoß hinunter und trollte sich zurück in ihr Zimmer.
Alexander trank den letzten Schluck Kaffee, stand auf, verließ die Küche, durchlief den Flur zur Garderobe, zog sich dort seine Schuhe an, schnappte sich Schlüsselbund und Aktenkoffer, rief: „Tschüss“, öffnete die Haustür, durchschritt diese, schloss sie, machte sich auf zu seinem Wagen, öffnete die Fahrertür, setzte sich hinein, schloss die Tür, atmete kurz durch und ließ seinen Tränen freien Lauf.
Tick, tack ... Was tu ich hier? Tick, tack ... Kommt da noch mehr? Tick, tack ... Langeweile, du hast einen Namen. Tick, tack, tick tack ... Alexander starrte auf die Wanduhr. Es war 09:03 Uhr. Eine Stunde und drei Minuten waren schon überstanden. Folgten noch sechs Stunden und 57 Minuten. Dummerweise war er heute zur Abwechslung pünktlich (nicht mal mehr auf Stau konnte man sich verlassen) und musste so die vollen acht Stunden absitzen. Einen Moment ruhte sein Blick auf dem deprimierenden Bild, das unter der Wanduhr hing, der einzige Farbklecks in diesem Zimmer, dann seufzte er und sah sich in seinem Büro um. Derselbe Anblick wie immer. Derselbe Mief wie immer. Und wie immer dasselbe Gefühl, fehl am Platz zu sein.
Seit Ende der Ausbildung vor 13 Jahren war er nun schon mit der gleichen Arbeit beschäftigt. Ebenso unverändert blieb sein Büro, dessen Tür er, um sich nicht gänzlich in Gefangenschaft zu fühlen, stets offen hielt. Und es langweilte ihn. Es langweilte ihn, schon morgens beim Öffnen der Bürotür das miefig-verstaubte Aroma dieses Tristesse verströmenden Kabuffs einzuatmen. Es langweilte ihn, acht Stunden täglich diesem faden, kreativlosen Ort der Belanglosigkeit seine Aufwartung zu machen. Und es langweilte ihn über alle Maßen, beständig daran erinnert zu werden, dass er mehr aus seinem Leben hätte machen können.
Widerwillig begann Alexander mit der Arbeit. Nur schleppend vergingen die ersten Stunden. Die Uhr zeigte sich auch heute mal wieder nicht von ihrer besten Seite. Es war zum Verzweifeln. Alexander kämpfte dennoch tapfer weiter. Daten in den Computer eintippen. Blick auf die Uhr. Akte aus dem Aktenordner holen. Blick auf die Uhr. Akte durchschauen. Blick auf die Uhr. Akte in den Aktenordner zurücklegen. Blick auf die Uhr. Laut aufseufzen und mit trägem Blick die Augen durchs Büro umherschweifen lassen. Blick auf die Uhr. Erneuter Blick auf die Uhr und erfreut feststellen, dass es Zeit war für eine Kaffeepause.
Gemächlichen Schrittes kam er in der Cafeteria an. Ein reger Verkehr erschloss sich vor Alexanders Augen und ließ das ansonsten karg wirkende Ambiente des in die Jahre gekommenen Pausenraums zum Leben erwecken. Dank dieser wenig einladenden Atmosphäre war es auch nicht weiter tragisch, dass dort, aufgrund des Unheils, seit letzter Woche keine Speisen und Getränke mehr zu sich genommen werden durften. So langsam machte sich der Hunger breit. Er trat an die Auslage und sah sich um. So viele unterschiedliche Leckereien, von herzhaft bis süß war alles vertreten. Am Ende entschied er sich, wie immer, für einen Blaubeermuffin. Nachdem Muffin und Kaffee bezahlt waren, wollte er zurück in sein Büro, als er von Tadzio angerempelt wurde.
Tadzio, der sein Büro in derselben Etage, nur weiter hinten, wie Alexander hatte, arbeitete hier erst seit einigen Wochen. Alexander konnte ihn gut leiden. Mit ihm pflegte er, zumindest für eine kurze Zeit, Kontakt, was ihn innerhalb der Kollegschaft zur Ausnahme machte.
„Entschuldige bitte, Alex. War grad in Gedanken“, sagte Tadzio verlegen lächelnd, mit sanfter Röte auf den Wangen. „Schon gut. Passiert“, erwiderte Alexander in verständnisvollem Ton. „Du magst Blaubeeren?“, fragte Tadzio, nun etwas selbstsicherer. „Ich liebe Blaubeeren“, antwortete dieser grinsend, schob ein lässiges, „also, man sieht sich“, hinterher, winkte ihm zum Abschied und begab sich zurück in sein Büro.
Für den Moment mit sich und der Welt im Reinen, biss Alexander genussvoll in die fruchtig-süße Sünde und genehmigte sich einen ordentlichen Schluck des schwarzen Goldes. Mit der nötigen Dosis Zucker und Koffein so langsam in Fahrt gekommen, glitt er geschwind, gleichsam einem Pianisten auf seinem Instrument, über die Tastatur.
So verging ein wenig Zeit, produktiv und ohne Blick auf die Wanduhr, als sich flott von rechts unten kommend eine E-Mail ankündigte. Eine Mail vom Chef. Vom Maestro höchstpersönlich. Selten von ihm Post zu erhalten, noch seltener ihn zu sehen und quasi ein Ding der Unmöglichkeit mit ihm ins Gespräch zu kommen, erhielt dieses Wesen von der Belegschaft fast schon mythischen Charakter. Alexander öffnete die Mail. Es war ein Rundschreiben an alle, gewohnt autoritär und kurz gehalten, frei von jeglichem albernen Schnickschnack wie Anrede oder Schlussformel und hatte Folgendes zum Inhalt:
Ab kommenden Montag werden alle Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten!
Bezüglich des VPN-Zugangs wenden Sie sich an die EDV.
Für alle weiteren Fragen steht die Personalabteilung zur Verfügung.
gez.
Nikolo
Alexander dachte sich schon, dass so etwas bald kommen würde. Das Unheil hatte aufs Neue zugeschlagen und sich ein weiteres Stück Alltag einverleibt. Ihm kam das eigentlich ganz gelegen, denn so musste er wenigstens nicht in seinem miefigen Büro vor sich hin vegetieren. Freudig haute er wieder in die Tasten. Nach dem Kaffee greifend, den Blick dabei nicht vom Bildschirm wendend, stoß er diesen um. Eine Flut schwarzer Suppe ergoss sich über den halben Tisch und ließ ihn zum HB-Männchen werden.
Nachdem Alexander die Sauerei weggewischt und er sich wieder beruhigt hatte, wollte er weiterarbeiten. Doch der Flow war weg. Trübseliges Gedankengut vernebelte seinen Verstand und ließ ihn die eigentliche Nutzlosigkeit dieses Tages aufs Neue verspüren. Träge wanderten seine Augen auf dem Schreibtisch umher. Sie machten halt, als sie den Tacker erspähten. Er nahm ihn in die Hand und dazu ein paar leere Blatt Papier. Und dann tackerte er. Er tackerte nur so. Dann tackerte er mit dem Ehrgeiz, ein Muster zu tackern. Dann merkte er, dass daraus nichts wurde, und tackerte wieder nur so. Er tackerte und sah auf die Wanduhr. Er sah auf die Wanduhr und tackerte. Er tackerte, bis keine Heftklammern mehr im Tacker waren. Dann öffnete er die Schublade seines Schreibtisches, holte sich die Packung mit den Heftklammern heraus, befüllte den Tacker und tackerte weiter.
„Alarm, Alarm, der Drache kommt! 100 Jahre hat er geschlafen und jetzt ist er wieder wach. Und er ist so schrecklich wütend, dass man ihn geweckt hat. Er will alles zerstören, wo Menschen leben. Sagt den Menschen, sie sollen sich in Sicherheit bringen!“ - „Mäuschen komm, wir gehen einkaufen!“ Mia kehrte, noch verzaubert von ihrem Ausflug ins Abenteuerland, zurück in die Realität. Sie legte ihren Spielzeugdrachen beiseite, machte sich fix aus ihrem Zimmer und tappte eilig die Treppe hinunter.
Während sich Alexander so durch seinen Vormittag im Büro schlug, vertrieben sich Julia und Mia anderweitig die Zeit. Die beiden verbrachten, unheilbedingt, seit einer Weile den ganzen Tag miteinander, da sämtliche Schulen sowie Kindergärten geschlossen hatten. Für Julia war das glücklicherweise kein Problem, da sie seit der Geburt von Mia, nicht mehr als Architektin tätig war und erst zur Einschulung wieder damit beginnen wollte.
Vielmehr aus Zeitvertreib, denn aus Notwendigkeit, weshalb auf das Auto auch verzichtet werden konnte, liefen die beiden, Hand in Hand, zum nächstgelegenen Supermarkt. Ihr Weg führte durch verwaiste Straßen und Gassen. Nur vereinzelt huschten hie und da beunruhigte Gestalten über den Asphalt. Leere Geschäfte, leere Restaurants. Vor Kurzem noch, Hort wilden lebendigen Treibens, fand diese Szenerie ein jähes Ende. Zurück blieben ein Bild der Trauer und das Bewusstsein über die Vergänglichkeit des Glücks. Mit Wehmut blickte Julia auf das geschlossene italienische Restaurant, in dem sie und Alexander gelegentlich aßen. Obwohl sie schon lange nicht mehr dort eingekehrt waren, betrübte es Julia trotzdem, das Restaurant so verlassen vorzufinden.
