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Ein Diktator, ein Attentatsplan und ein kleiner, frecher Junge - Robert Glancys Roman "Hotel Mirage oder wo man Elefanten nicht beim Schlafen stört" ist sowohl eine umwerfend komische Satire über einen fiktiven Unrechtsstaat und seine illustren Bewohner als auch ein warmherziger Roman über Gerüchte, Geheimnisse und verlorene Träume Große Aufregung im Hotel Mirage: Der Unabhängigkeitstag von Bwalo steht bevor! An diesem Tag wird der winzige Staat irgendwo im Süden Afrikas seinem gottgleichen Herrscher huldigen. Das etwas heruntergekommene Hotel Mirage soll Hauptschauplatz der Feierlichkeiten werden. Hier treibt sich inmitten schräger Gestalten auch der neunjährige Charlie herum. Leider bekommt der Sohn des Hotelmanagers dabei Dinge zu hören, die ganz und gar nicht für seine Ohren bestimmt sind: so soll auf den Diktator ein Attentat verübt werden. Ein Skandal! Und obendrein brandgefährlich. Nachrichten aus einem schönen Land, in dem so manches verboten ist: Fernsehen, Internet, Drogen, Homosexualität und natürlich Meinungsfreiheit
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Seitenzahl: 446
Veröffentlichungsjahr: 2016
Robert Glancy
Roman
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
EIN DIKTATOR,
EIN ATTENTATSPLAN
UND EIN VORWITZIGER JUNGE
Große Aufregung im Hotel Mirage: Der Unabhängigkeitstag von Bwalo steht bevor! An diesem Tag wird der winzige Staat irgendwo im Südosten Afrikas seinem gottgleichen Herrscher huldigen. Das etwas heruntergekommene Hotel Mirage soll Hauptschauplatz der Feierlichkeiten werden. Hier treibt sich inmitten schräger Gestalten auch der neunjährige Charlie herum. Leider bekommt der Sohn des Hotelmanagers dabei Dinge zu hören, die ganz und gar nicht für seine Ohren bestimmt sind: So soll auf den Diktator ein Attentat verübt werden.
Ein umwerfend komischer wie warmherziger Roman über die illustren Bewohner eines fiktiven Unrechtsstaats – und die Macht geheimer Träume.
Widmung
– I –
Radio Bwalo
Charlie
Hope
Sean
Josef
Jack
Charlie
Hope
Charlie
Josef
Charlie
Hope
Jack
Josef
Sean
Josef
Hope
Josef
Jack
– II –
Radio Bwalo
Charlie
Charlie
Jack
Charlie
Josef
Sean
Charlie
Josef
Charlie
Sean
Hope
Josef
Charlie
Charlie
Sean
Jack
Sean
Charlie
– III –
Radio Bwalo
Jack
Hope
Charlie
Josef
Jack
Josef
Sean
Josef
Sean
Jack
Josef
Sean
Josef
– IV –
Radio Bwalo
Charlie
Josef
Charlie
Hope
Sean
Charlie
Sean
Hope
Charlie
Hope
Charlie
Sean
Hope
Charlie
Hope
Charlie
Sean
Hope
Danksagung
Für Mum und Dad
Der Fuchs
Guten Morgen, ihr wunderschönen Menschen von Bwalo. Die Hähne krähen, die Sonne scheint, der Mais wächst, und DJ Cheeseandtoast ist hier am Mikro, um euch auf Bwalo-Art den Sprung in den Tag zu versüßen. Wenn ihr mich hört, dann seid ihr die glücklichsten Geschöpfe der Welt, ob Mann, Frau oder Ziege, weil ihr nämlich hier, in der sanften Seele Afrikas, lebt. Ha! Weiter geht’s mit unserem Countdown zum Glorreichen Tag unserer ruhmvollen Unabhängigkeit, wenn König Tafumo, Krieger der Krieger, König der Könige, zu seinem Volk spricht und wir mit einem Herzen und einer Stimme jubilieren, jubilieren – jubilieren! Zur Feier des Tages bietet unser wohlwollender Sponsor, Life-Zigaretten, in limitierter Auflage eine Packung mit fünf Gratiszigaretten zusätzlich an. Ja, ja! Life wird in Bwalo angebaut und hergestellt. Also, Leute, kauft Bwalo-Ware, raucht Life und denkt immer daran: Heiratet bloß keine Frau, die größere Füße hat als ihr. Ha! So, und jetzt kommt für euch ein wahrer Ohrenschmaus, der neue Song »Kwatscha!«, von unserem Bwalo-Duo Lost & Found. Der Ngwasi ist glorreich!
Er tauchte an dem Tag auf, als unser Hotel verschwand. Erwachsene redeten ständig davon, das Hotel wäre eine Fata Morgana. Was mir immer ein Rätsel war. Nach dem Königspalast war unser Hotel das größte Gebäude in der Stadt. Aber Dad sagte, es käme immer drauf an, wie man die Dinge betrachtete. Und als das Hotel einen neuen Anstrich bekommen hatte, verstand ich, was Dad meinte. Unter der knalldottergelben Sonne erstrahlte es nagelneu, und wenn ich die Augen zusammenkniff, löste es sich in Nebel auf, und das Schild schwebte in einem Dunstschleier: Hotel Mirage.
Es wurde frisch gestrichen, weil der wichtigste Tag des Jahres näher rückte, der Glorreiche Tag unserer ruhmvollen Unabhängigkeit. Den die meisten von uns kurz den Großen Tag nannten. Ein Tag, an dem der König zu seiner Nation sprach, ein Tag, an dem alle aus allen Winkeln des Landes kamen, um zu feiern, ein Tag, an dem die Menschen sangen, tanzten und ihre Haut mit Vaseline zum Glänzen brachten. Ein Tag, von dem Dad sagte, dass alle aus einem kleinen Spektakel ein großes Trara machten.
An diesem Tag wurde der Rausschmiss der Männer gefeiert, die Bwalo gestohlen hatten. Als ich Dad fragte, wie man denn ein ganzes Land stiehlt, sagte er, es gibt nichts, was ein Engländer nicht stehlen kann. Als ich ihn fragte, ob man uns auch rausschmeißen würde, sagte er, die Schotten würde keiner rausschmeißen, und Mum sagte, von wegen, und als ich fragte, wie sie das meinte, sagten beide, ich solle verdammt noch mal aufhören, sie mit Fragen zu löchern.
Ich stand mit Dad und Ed vor dem Hotel und sah zu, wie der Gast eintraf. Als das Taxi hielt, kam dessen Insasse herausgestolpert, und Dad flüsterte durch sein Lächeln hindurch: »Wappnet euch, Männer, der da hat’s in sich.«
Der Mann war von Kopf bis Fuß in Kaki getunkt, trug die UWA, wie Mum sie nannte, die Uniform des Weißen Afrika, was sie immer so aussprach, als würde sie einen Furz riechen: Uwwwa.
Mit dem vornehmen Tonfall, den Dad für Gäste anschlug, sagte er: »Willkommen im Mirage. Es ist uns eine Ehre, Sie in unserem Hause begrüßen zu dürfen und –« Der Mann fiel Dad ins Wort. »Ich hab ein Zimmer reserviert, hm.«
Die Leute hier beenden ihre Sätze gern mit hm. Ich hab das früher auch gemacht, aber Mum hat es mir ausgetrieben, hm.
»Ausgezeichnet«, sagte Dad. »Ich bin Stuart, der Hotelmanager, das ist unser Concierge, Ed, und mein Junge, Charlie, unser Hotelmaskottchen.«
Den Scherz machte Dad dauernd. Es war nicht witzig, aber Ed und Dad lachten jedes Mal. Und die Gäste auch. Dieser Mann nicht. Er starrte nur stumm, bis Dad sagte: »Und Sie sind?«
Zunächst antwortete der Mann nicht. Er stand bloß da, als hätte er seinen Namen vergessen, die Zeit zog sich wie Kaugummi, bis er schließlich sagte: »Willem.«
Willem bedeutet in Afrika William. Übersät mit kupferroten Sommersprossen und ausgestattet mit einem fülligen Körper, aber dünnen Beinen, hatte Willem eine Statur wie ein schlecht gebackener Lebkuchenmann. Ich folgte ihm in die Lobby und starrte derart gebannt auf den Schweißsee an seinem Rücken, dass ich ihn fast angerempelt hätte, als er stehen blieb, den Blick nach oben richtete, als wollte er sich die Deckenventilatoren ansehen, und dann glatt umkippte.
»Steht nicht einfach da«, rief Dad. »Helft dem Mann, ruft Dr. Todd.« Doch Willem stöhnte vom Fußboden: »Keinen Arzt«, rappelte sich dann langsam wieder hoch, wackelig auf den Beinen wie ein neugeborenes Kalb.
Dad sagte: »Wir bringen Sie jetzt zu Ihrem Zimmer, ja?«, und half Willem zum Lift.
Während Ed das Gepäck aufsammelte, fragte ich: »Glaubst du, der ist ein Promi?«
»Kann sein«, sagte Ed. »Ich hab gehört, Promis sind oft schon morgens betrunken.«
Die ganze Stadt sprach über nichts anderes: Prominente. Die Erwachsenen sagten öfter, Bwalo wäre eine gebrochene Nation. Als ich Dad fragte, wie man denn eine ganze Nation brechen kann, sagte er, das wäre kompliziert, was er immer sagte, wenn er auf irgendwas keine Antwort wusste. Als ich sagte, ich würde die Frage dann in meinem Referat stellen, damit mein Lehrer das erklären könnte, meinte Dad, es wäre wahrscheinlich besser, das Thema nicht anzuschneiden. Aber worüber soll ich sonst schreiben? Hier passiert nichts. Willems Bauchlandung war das Einzige, was den ganzen langweiligen Sommer über passiert ist. Und seit der König angekündigt hatte, dass Prominente kommen würden, redete sogar keiner mehr über die Dürre oder die Sache mit der gebrochenen Nation; alle redeten nur noch über Prominente. Deshalb sagte ich, als Sean kam und wissen wollte, wer denn der aus den Latschen gekippte Riese war: »Ed meint, er ist ein Promi, weil er schon morgens betrunken ist«, und Sean sagte: »Dann wäre ich berühmter als Madonna«, und lachte sich schief, weil Sean seine eigenen Witze lustig fand.
»Ich hab mir gedacht, du könntest das hier gebrauchen«, sagte er und überreichte mir ein supertolles Diktafon.
»Das ist spitze, Sean! Kann ich das wirklich behalten?«
»Es gehört dir, Boss.« Dann ging er dahin, wo er auf der ganzen Welt am liebsten ist: in die Bar.
Als Dad durch die Lobby kam, lief ich ihm nach, um ihm das Diktafon zu zeigen. Doch ich blieb an der Bürotür stehen, als ich sah, dass Dad und Mr Horst sich vorbeugten und auf das Radio starrten, als wäre es ein Fernseher. Fernsehen war verboten, weil, wie Dad erklärt hatte, der König fürchtete, dass die Meinungsfreiheit sich ausbreiten würde wie ein Flächenbrand und die Menschen glauben lassen könnte, sie hätten Rechte. Auch das Internet war fast vollständig blockiert, so dass die meisten Suchanfragen null Ergebnisse brachten. Dad nannte Google Frugal, weil es so wenig hergab. Dem König gehörten sämtliche Medien, bis auf die BBC, die, wie Dad sagte, sich einschlich wie ein subversives Flüstern. Und Dad und Mr Horst lauschten dem Radio, als würde es genau das tun: ihnen Geheimnisse zuflüstern. Mr Horst trug die UWA: hochgezogene Wollsocken und Kakishorts, und aus seiner Brusttasche lugte eine goldene Packung Benson & Hedges. Und Dad in seinem anthrazitfarbenen Anzug wirkte wie Mr Horsts dünner Schatten. Er kratzte sich den Bart, was er immer machte, wenn er nachdachte, und Mr Horst kratzte sich die Eier, was er einfach ständig machte, während die BBC sagte: »Hier ist der BBC World Service …«
Die vornehme britische Stimme kam über Tausende von Meilen aus einem Land angereist, in dem Mum und Dad zur Welt gekommen waren, von dem sie aber nur selten mehr erzählten, als dass es da verdammt viel regnete. Ich war nie da gewesen, doch es hörte sich an wie ein Märchenland – das Vereinigte Königreich –, auch wenn Postkarten von da Punks zeigten, deren Klamotten von Sicherheitsnadeln zusammengehalten wurden. Normalerweise berichtete die BBC über britische Probleme wie Streiks, Steuern und schlechtes Wetter. Dinge, die einem Jungen, der in einem Land von schwarzen Menschen, Tee und Sonnenschein aufwuchs, wenig sagten. Aber heute meldete das Radio: »… angesichts des dubiosen Verschwindens von Finanzminister Patrick Goya verhängt die internationale Staatengemeinschaft Sanktionen gegen die ostafrikanische Nation Bwalo …«
Wie wichtig diese Nachricht war, merkte ich daran, dass Mr Horst sich ruckartig die Eier hochzog. Bwalo ist so klein, dass wir auf einer Karte fast nicht zu finden sind. Und dennoch waren wir der BBC eine Meldung wert. Das war aufregend, aber auch beängstigend, weil die BBC nur über schlechte Dinge berichtete. Ich machte ein Geräusch, und flink wie eine Eidechse schaltete Dad das Radio aus, während Mr Horst sich umdrehte und rief: »Charlie! Ach, du bist das bloß. Alles klar?« Aber ehe ich antworten konnte, wandte er sich wieder meinem Dad zu: »Sie haben recht, Stu, es wird Zeit, mein Hotel richtig bekannt zu machen, hm. Bringen Sie es mal ordentlich auf Vordermann.« Dann strich Mr Horst mit einem Finger über die Fensterbank, betrachtete ihn und sagte: »Staub. Das ist das Problem hier, überall Staub. Schlimmer als im verdammten Rhodesien.«
Mr Horst nannte Simbabwe noch immer Rhodesien, obwohl Rhodesien der alte Name ist. Dad meinte, Mr Horst würde weiter Rhodesien sagen, weil er hart dafür gekämpft hatte, dass es Rhodesien blieb, deshalb wäre es sein gutes Recht, es weiter so zu nennen, aber Mum sagte, Mr Horst wäre ganz einfach ein Arschloch.
Sobald wir das Klacken von Absätzen hörten, nahm Mr Horst ruckartig die Haltung eines Erdmännchens an. Mum sagte, Marlene würde glatt umkippen, wenn sie nicht in einer Hand eine Kippe und in der anderen einen Whisky hätte, um die Balance zu halten. Zum Glück hatte sie heute beides in Händen. Sie lehnte sich gegen die Tür und sagte: »Hallöchen, Jungs.«
Mr Horst zischte: »Wir haben heute den Hochkommissar im Haus, und du bist schon angeschickert.«
Angeschickert hieß so viel wie hackevoll. Marlene zuckte bloß die Achseln, riss die Augen irrsinnig weit auf, zeigte auf ein neues Gemälde von Horst an der Wand und kreischte: »Ist es das? Hast du dafür ein verdammtes Vermögen hingeblättert? Tagelang stumpfsinnig Modell gesessen? Meine Fresse, Eugene.«
»Was verstehst du schon von Kunst, Frau«, rief Mr Horst. »Und wie oft hab ich dir gesagt, du sollst keine Stöckelschuhe tragen, weil du Löcher ins Parkett machst. Das hat mich ein verdammtes Vermögen gekostet.«
»Rutsch mir den Buckel runter mit deinem Parkett«, höhnte Marlene und klackerte so laut davon, als würde sie die Absätze richtig fest in das weiche Holz drücken. Mr Horst wurde puterrot und lief dann hinter ihr her.
Dad schüttelte bloß den Kopf, und mir fiel auf, dass Mr Horst sein Bild höher gehängt hatte als das offizielle Porträt von König Tafumo: Das war verboten. Ich wollte Dad gerade warnen, dass Mr Horst großen Ärger kriegen würde, als Mum mit frischen Laken hereinkam, die gestapelt waren wie Pfannkuchen.
»Mum, guck mal, was Sean mir geschenkt hat. Cool, was? Kann ich euch zwei interviewen?«
Ehe sie nein sagen konnten, drückte ich auf Aufnahme – Klick! – und fragte: »Also, Mum und Dad, die BBC hat gesagt, Patrick Soundso ist verschwunden, heißt das, er ist verschwunden wie unser Hotel?«
Dad murmelte: »Das ist kompliziert«, aber Mum sagte: »Ich hab eine schöne Geschichte für dich, Schätzchen. Als Innocence dich das erste Mal badete, hat sie dich anschließend dick mit Vaseline eingeschmiert. Du warst so glitschig wie eine kleine Robbe. Ich hab ihr erklärt, weiße Kinder bräuchten keine Vaseline. Du warst so süß.«
»Mum!«
Ich wischte ihm den verschlossenen Anus ab. Das nutzlose Loch hatte seit Jahren nicht geschissen, aber er kriegt es jedes Mal der Form halber abgewischt. Um den Schein zu wahren, schätze ich. Für wen wir den Schein wahren, weiß ich nicht. Ich könnte nicht mal sagen, ob er darum gebeten hat, dass ich ihm den Hintern abwische, oder ob ich es mir einfach zur Gewohnheit gemacht habe. Gewohnheiten halten uns aufrecht. Dann entsorgte ich die richtigen Exkremente, tauschte seinen Kolostomiebeutel aus, leerte seinen Urinbeutel, während er sich die ganze Zeit im Spiegel bewunderte. Die Eitelkeit stirbt zuletzt.
Obwohl er nirgendwohin ging, zog ich ihn im Schlafzimmer an. Half ihm in einen Anzug, der ihm gepasst hatte, als er noch ein wohlbeleibter Mann war, ihm jetzt aber um den Körper schlottert. Seine Schränke waren voll mit Klamotten, die wie angegossen passten, reihenweise schwarze und weiße Anzüge, die da hingen wie gebügelte Zebras, daher flüsterte ich: »Wieso wollen Sie unbedingt dieses weite alte Ding tragen?«
Augen ausdruckslos wie Knöpfe. Ich sollte nicht so mit ihm reden, aber wenn er weg ist, in seiner eigenen Welt, tue ich das zu meiner Unterhaltung. Ich half ihm wieder ins Bett. Steckte eine Nadel in einen Arm, der so eingefallen war, dass es aussah, als würde der dicke Tropf ihn aussaugen. Damit kenne ich mich aus. Früher dachte ich an mich. Jetzt bin ich die leere Hülle, die nur an andere denkt. Zusammengestutzt. Kaum vorstellbar: Es gab mal eine Zeit, da hätte ich bereitwillig mein Herz für dich geopfert.
Vom Fenster aus beobachtete ich heimlich das Mirage, und dessen Pool starrte zu mir zurück. Mit dem frischen Anstrich strahlte das Hotel so hell wie am allerersten Großen Tag. Damals, während der überschäumenden Feier, war in der neuen Nation ein Name in aller Munde: Tafumo. Der Held, der unsere Unterdrücker vernichtet und uns Frieden gebracht hatte. Und an jenem Tag, während rings um uns getanzt und gesungen wurde, der Duft von gebratenem Fleisch schwer in der Luft hing, da ging mein Josef vor mir auf die Knie, mit einem kleinen Ring in der zitternden Hand, und unsere Liebe fand ihren Widerhall im Jubel der Nation.
Alles fügte sich zusammen: Unsere Nation war geboren, Porträts von Tafumo wurden in Läden und Häusern aufgehängt, damit er sein Volk behütete und bewachte. Ich wurde Tafumos Krankenpflegerin, und Josef wurde zum Leiter seiner Fakultät ernannt, der jüngste Mann, der diese Position je bekleidet hatte.
Wir verbrachten unsere Flitterwochen im Mirage. Ungewöhnlich für Einheimische, dort abzusteigen, wo hauptsächlich Expats und Touristen wohnten. Es war teils Country Club, teils Hotel, eine Welt in unserer Welt, sattes Fruchtfleisch in der Kokosnuss, mit seinen träge kreisenden Ventilatoren und den livrierten Mitarbeitern. Wir müssen total deplaziert gewirkt haben. Josef in seinem einzigen Anzug, mit leichtem Hosenschlag; ich in meinem besten Kleid. Wir hatten die Präsidentensuite, die früher The Livingstone hieß, aber in The Tafumo umgetauft worden war. Über dem Himmelbett schwang ein Moskitonetz leicht in der Brise, die durch das Fenster mit Blick auf die Hauptstadt hereinsäuselte: auf schmuddelige Märkte entlang der Victoria Avenue, die sich hinauf zu Tafumos neuem Palast auf dem Hügel wand. Wir verließen nur selten das Zimmer, weil wir uns genierten, schätze ich. Wir fürchteten, man würde uns für Dienstpersonal halten.
Ein unbedachter Blick auf mein Spiegelbild – Wer ist die alte Frau? – riss mich vor Schreck zurück in die Gegenwart. Ich wandte mich von der Närrin in der Fensterscheibe ab und schaltete das Radio ein, um das triste Echo eines einst strahlenden Tages zu hören: »… und zum allerersten Mal werden Prominente den Feierlichkeiten anlässlich unseres Großen Tages beiwohnen. Superstar Truth fliegt extra aus den Vereinigten Staaten von Amerika ein. Ja, ja! Er wird hier in Bwalo sein, der sanften Seele Afrikas, um mit uns zusammen den großartigsten Unabhängigkeitstag zu feiern. Glorreicher Ngwasi …«
Der glorreiche Ngwasi schnarchte. Er war heute schwach, aber ich ließ mich nicht täuschen. Er konnte mir nichts vormachen. Er war noch nicht am Ende. Afrikanische Herrscher werden oft mit Löwen verglichen, aber Tafumo war ein Krokodil, rührte sich wochenlang nicht, eine gespannte Falle, und lud seinen Zorn wieder auf. Ich fühlte ihm den Puls und sah nach, ob der Tropf auch tropfte. Dann setzte ich mich, lauschte den Grillen und Klimaanlagen, die das Lied verschwendeter Zeit summten, bis eine Krankenschwester mich ablöste.
Ich ging vorsichtig den holprigen Korridor der Personalunterkunft hinunter. Dieser einst prächtige Flügel war dem Verfall überlassen worden. Er war zu dicht neben einem Affenbrotbaum gebaut worden, und dessen Wurzeln warfen die Fußböden zu sanften Wellen auf, während der Stamm sachte gegen das Mauerwerk drückte und es allmählich zum Einsturz brachte. In meinem Zimmer angekommen, tauschte ich meine Arbeitsschuhe gegen Sportschuhe aus und legte eine Diamanthalskette um, ein Geschenk aus einer Zeit, als Tafumo seine Bediensteten noch mit Geschenken überschüttete.
Meine Sportschuhe quietschten, als ich durch den Korridor ins grelle Licht der Küche ging, wo Chef, wie der Küchenchef kurz genannt wurde, mein Frühstück schon in eine Tüte gepackt hatte. »Heute gibt’s frische Guaven, Hope.« Er musste über das Geklapper und Geschepper in der Küche hinweg schreien, dem unermüdlichen Motor des Palastes, diesem Edelstahlraum, wo Kupfertöpfe baumelten wie deformierte Früchte. Mitten in all dem bleichen Metall stand ein schäbiger Holztisch, an dem Essop und Chef Tee tranken. Sie gaben ein seltsames Paar ab. Chef in seiner gestärkten weißen Kluft, mit einer Kochmütze, die sich wie eine Rauchwolke erhob; Essop in seinem zerknitterten Anzug, die Halbglatze von grauem Haar umkränzt. Die ganze Woche war im Palast über Patricks Verschwinden getuschelt worden. Ich konnte Essop an den Augen ansehen, dass er an ihn dachte, doch bei dem Gewusel des Küchenpersonals um uns herum lächelten wir einander bloß zu und hielten den Mund.
Ich dankte Chef und ging aus der Küche, durch die Palasttore, bog dann von der Straße auf einen Weg, der wie ein schmutziges Band zu meinem Baum führte. Ich setzte mich in den Schatten und aß, beobachtete, wie die gespiegelten Lichtpunkte von meiner Halskette auf der Erde tanzten. Ich drückte die Tüte zusammen, kratzte mit meinem Messer eine Kerbe in die Rinde, stopfte die Tüte in das Baumloch und ging zurück, um meine nächste Schicht anzutreten.
Vom durchdringenden Klingeln eines Telefons in einem weit entfernten Zimmer wurde ich wach. Ich durchforschte mein schmerzendes Hirn nach einer Erinnerung an den Vorabend, förderte aber nichts zutage. Das Telefon verstummte. Dem Himmel sei Dank. Ehe ich mich rührte, ermittelte ich meine Verfassung: Sie war nicht gut. Ich lag ausgestreckt auf dem Wohnzimmerboden, mit dem Gesicht auf kühlem Beton, während Scharen von Ameisen sich an irgendeiner klebrigen Leckerei gütlich taten, die meine Hand überzog. Unter Aufbietung all meiner Kraft stand ich auf und betete, dass eine Dusche den Horror wegspülen möge. Während das Wasser sein mildes Wunder wirkte, griff ich mit hängendem Kopf nach der Seife. Sie fühlte sich seltsam an, irgendwie weich, und da, auf meinem Handteller, hockte eine Kröte. Missmutig, als hätte ich sie aus einem wohligen Schlaf geweckt. Tja, das Gefühl kenne ich, Kumpel. Eine Kröte. Menschenskind. Das erste schlechte Zeichen des Tages.
Ich warf die Kröte aus dem Fenster, zog mich an und entdeckte im Medizinschränkchen, wo ich nach Panadol kramte, das zweite schlechte Zeichen. Stellas Pillenpackung, zwei Tage ungeöffnet, starrte mich mit bösem Blick an. Mein Herz flatterte kurz. Keine Kinder, bloß nicht! Keinen Sex zu haben hatte zumindest den Vorteil, dass Stella, eine Unbefleckte Empfängnis mal ausgeschlossen, nicht schwanger sein konnte. Jedenfalls nicht von mir. Ein schwacher Trost für meine schmerzenden Eier. Zwei schlechte Zeichen, aber aller schlechten Dinge sind drei. Ich steckte die Pillen als Munition für später ein, fand dann richtige Medizin: einen Joint, das einzige Mittel gegen einen Kater dieser Größenordnung. Als ich das Medizinschränkchen schloss, zuckte ich beim Blick in den Spiegel zusammen – geplatzte Äderchen, teigige Wangen und allgemeine Verwahrlosung – und machte mich auf die Suche nach Kaffee.
Die Küche war ein einziger Saustall. Oberflächen dick mit Staub bedeckt, verdorbene Essensreste, an denen sich Fliegen weideten. Stella hatte den Koch gefeuert, weil er angeblich patzig war. Sie war die Königin der Patzigkeit, und ich vermutete, wenn jemand ein Gespür dafür hatte … Ich machte mir Kaffee, setzte mich draußen auf die Treppe vor der Küchentür, nahm einen Zug von dem Joint, und gerade als der süße Rausch sich anbahnte, riss das Telefon ihn wieder weg.
Auf der Suche nach dem Apparat ging ich die Möglichkeiten durch: Stella, mal wieder festgenommen; Stella, mal wieder in einem Straßengraben gefunden; Stella, die mich mal wieder daran erinnern wollte, dass sie mich hasste. Daher war es eine Überraschung, als ich hörte: »Sean? Gav vom Telegraph. Erinnern Sie sich an mich?«
»Der Mann, der Semikolons nicht ausstehen kann.«
»Genau der. Kennen Sie Truth? Popsänger, der auf diesem Event am Großen Tag auftritt.«
»Nein. Aber seinen Namen finde ich jetzt schon bescheuert.«
»Könnten Sie einen Artikel drüber schreiben? So in der Richtung, große Stars nehmen dicke Schecks von bösen Männern? Er wohnt in einem Hotel namens Mirage.«
Jahre zuvor hatte ich angefangen, solchen Typen wie Gav konsequent eine Abfuhr zu erteilen, weil ich mich mit meinem übersteigerten Ego für etwas Besseres hielt als einen Zeitungsfritzen. Ich war immerhin Schriftsteller! Und mein nächstes Buch war so gut wie fertig; es musste bloß noch geschrieben werden, woran es dann aber leider haperte. Mit der Zeit lichtete sich der Nebel meiner Überheblichkeit gerade ausreichend, um zu erkennen, dass derlei Anrufe bald ausbleiben würden. Und was war ich dann? Weder Schriftsteller noch Zeitungsfritze, bloß irgendein bekiffter Lehrer in einem Land, das man nicht mal als vergessen bezeichnen konnte, weil kein Schwein je davon gehört hatte. Also sagte ich: »Klar, Mr Semikolon, wird erledigt«, notierte mir die Einzelheiten und legte auf.
Als ich mich wieder auf die Küchentreppe setzte, begrüßte mich die aufgehende Sonne. Prachtvoll. Die Wissenschaft behauptet, dass nur eine einzige Sonne die Erde bescheint, aber der Poet in mir findet die Sonne hier anders als andere Sonnen. Wie könnte der blasse Klecks am nordischen Himmel identisch sein mit dem majestätischen Sonnenball Afrikas? Die Sonne stand niedrig, rollte die Einfahrt hoch auf mich zu, ein wildes Auge, das durch den Drahtzaun spähte, den kargen Rasen und das wuchernde Unkraut erglühen ließ. Stella hatte den Gärtner entlassen, weil er angeblich faul war. Aber als die Jacarandasamenschoten im Wind rasselten, wusste ich, dass diese dunklen Zungen das Ende meines Friedens einläuteten. Denn das dritte und letzte Übel nahte.
Sie kam aus der Sonne getorkelt, zunächst als Silhouette, nahm aber beim Näherkommen Gestalt an, verdeckte das Licht, wurde dicker, die Hüften schwollen an, die Haare breiteten sich aus wie ein Sturm, und da war sie: meine Stella, mit dem einzigen Vorsatz, mir das Leben zur Hölle zu machen, aus dem Kern der Sonne gesprengt. Wir machten genauso weiter, wie wir aufgehört hatten: gehässig und laut.
»Wo zum Teufel hast du gesteckt?«, fragte ich. Sie höhnte: »Geh mir aus dem Weg, alter Mann«, und drängte sich an mir vorbei, als wäre ich ein räudiger Hund.
Ich hielt ihre Pillen hoch und brüllte: »Und was ist das hier?« Am liebsten hätte ich noch ein Ha! angehängt.
Als sie schrie: »Das geht dich gar nichts an!«, blaffte ich: »Und ob mich das was angeht! Wir waren uns schließlich einig, dass wir keine Kinder in dieses heillose Chaos setzen, das wir uns selbst eingebrockt haben.«
Sie sah mich an, als würde sie sich eine Verwünschung ausdenken. Ich machte mich auf markerschütternde Schreie gefasst, auf Bienenschwärme aus ihrem aufgerissenen Mund – die Grillen erreichten eine dramatische Tonhöhe –, aber es kamen keine Bienen, keine markerschütternden Schreie. Sie sah einfach durch mich hindurch, als wäre ich es nicht mal wert, beschimpft zu werden, sog zischend Luft durch die Zähne – tss! – und stürmte ins Schlafzimmer, wo sie das Radio so laut aufdrehte, dass die Götter davon wach wurden. »Heute bedachte der König unser Fußball-Team, die Tafumo Tigers, mit neuen Bata-Bata-Fußballschuhen …«
Stella brauchte nie lange, um jegliches Gift auszuschlafen, mit dem sie sich in der Nacht zuvor bestraft hatte. Dann würde sie das Haus mit ihrer Laune verpesten. Also ging ich in mein Arbeitszimmer und nahm das neue Diktafon, das ich mit der vagen Idee im Kopf gekauft hatte, Zeitzeugen aufzunehmen, um ein Buch über Bwalos Geschichte zu schreiben, noch so ein Buch, das ich nie schreiben würde. Schon seit einer Ewigkeit hatte ich das Ding Charlie versprochen, und jetzt, genau in diesem Moment und keine Sekunde später, war die Zeit gekommen, das Versprechen einzulösen. Und sobald ich das getan hatte, würde ich mir vielleicht, wo ich schon mal dort war, ein winziges Schlückchen zur Stärkung gönnen, um den Tag zu überstehen.
Stella zu entkommen war wie immer großartig. Ich fuhr durch den frischen Morgen, während zerplatzende Insekten mein Visier besprenkelten, und sah das hell gestrichene Mirage vor mir aufragen wie die süße Hoffnung, dass ein schlechter Tag doch noch gut werden würde.
Als ich die Lobby betrat, spielte sich vor meinen Augen eine echte Szene ab: Ein Mann lag ausgestreckt auf dem Zebrafell, als hätte er das Tier platt gedrückt, und ein paar Leute tänzelten hektisch um ihn herum. Meine Güte, da war jemand in einer noch schlechteren Verfassung als ich. Er stand benommen auf, hängte einen Arm über Stu, und die beiden wankten davon wie Betrunkene. Als ich Charlie das Diktafon gab, fragte ich ihn nach dem umgekippten Mann, und Charlie versicherte mir, der sei ein Promi. Und tatsächlich, irgendwie kam mir der Bursche bekannt vor.
Jemand war an meinem Schreibtisch gewesen. Ich spürte es, ehe ich es sah, ehe ich mich hinsetzte, ehe ich es nachprüfte. Keine Fingerabdrücke auf der polierten Oberfläche, aber wie beim ersten Grummeln einer Magenverstimmung wusste ich, dass irgendwas nicht stimmte. Patrick hatte gesagt, in seinem Büro habe sich jemand zu schaffen gemacht. Mein Terminkalender lag noch in der Mitte, daneben drei Stifte wie leuchtende Ausrufezeichen – schwarz, rot, blau –, und meine Lampe war tief nach unten zu der aufgeschlagenen Seite gebogen, als würde sie mit ihrem staubigen Glasauge lesen. Ich öffnete die Schublade, drückte gegen den falschen Boden, und da – in der Schublade in der Schublade – lag meine Mappe.
Ich schlug Levis Seite auf, bibeldünn aus einer Zeit, als noch mit Kohledurchschlägen gearbeitet wurde – alles in zweifacher Ausfertigung –, diese öligen Blätter, schwarz wie die Rückseite eines Spiegels, auf denen unsere Stifte graue Wörter eingeprägt hatten. Levis Originalseite war verbrannt, aber ich hatte die Kopie aufbewahrt. Mit einer Heftklammer, rostig rot wie die Mandibeln einer Ameise, war Levis Foto an dem zarten Papier befestigt. Er sah aus wie ein Knabe, so jung und vor so langer Zeit von uns gegangen, dass meine Erinnerung immerzu versuchte, ihn unter alte Geschichte abzuspeichern. Ich legte die Mappe zurück in die Schublade.
Wir alle hatten gedacht, dass Tafumos Demokratieversprechen aufrichtig war. Selbst Tafumo hatte – bevor der Duft der Verherrlichung ihn berauschte, bevor er aus dem Flugzeug stieg und wie ein Gott begrüßt wurde – sein eigenes Versprechen geglaubt. Levi hatte versucht, ihn daran zu erinnern. Es war das erste Mal, dass wir Tafumos Zorn erlebten, nicht laut oder offensichtlich, sondern herablassend, wie ein enttäuschter Vater: »Mein Volk ist noch nicht bereit für Demokratie. Zu naiv. Und solange das so ist, gilt: Alles, was ich sage, ist Gesetz.«
Verschwinden ist inzwischen schwieriger. Digitale Geister sind nicht so einfach zu löschen wie Papiergeister. Es gab eine Zeit, da konnten sie die Existenz eines Mannes spurlos tilgen, alles verbrennen, exportieren, eliminieren, Freunde, Familie, Besitz, sogar seinen Geist. Die sing’anga sagen, Geister können nur dann überleben, wenn jemand sich ihrer erinnert. Ich erinnere mich an dich, Levi.
Die Klinge war zu breit, um sie in das schiefe Lächeln des Schlüssellochs einzuführen, und als ich das Messer als Hebel ansetzte, rutschte es ab und schnitt mir einen winzigen Hautlappen vom Daumen auf. Sally sagte immer, wenn ich irgendwas vermasselt hätte, würde ich anschließend zurückkommen, ungläubig den Kopf schütteln und jedes Mal das Gleiche sagen. Wie konnte das passieren? Sie meinte, sie würde es auf meinen Grabstein schreiben lassen: Wie konnte das passieren? Und wenn sie wüsste, wo ich jetzt gerade war, würde sie mich eigenhändig ins Grab befördern. Warum also? Warum hatte ich, obwohl sich mir die Eingeweide wanden wie ein Sack voll Schlangen, gesagt: »Klar, ich bin dabei«? Die Sache stimmte vorne und hinten nicht. Selbst die Bezahlung war höher als normal, und obwohl mich das hätte abschrecken sollen, verlockte es mich noch mehr. Alles an der Sache stank zum Himmel. Er hatte völlig überraschend angerufen. Und gestern Nacht war ich zu der Bar gegangen. Er war nicht zu übersehen; der einzige Weiße in einer Schwarzenbar. Ich hatte schon öfter als Kurier für ihn gearbeitet: Kleinscheiß, Gras, Dokumente, Schwarzgeld, damals, als ich in Bwalo lebte. Er war in den vergangenen Jahren schwer gealtert, blass, fett geworden. Der Morgen dämmerte schon fast, doch in der Bar war noch richtig was los, Typen, denen der Arsch aus der zerschlissenen Hose hing, tranken kartonweise dunkles einheimisches Bier.
Eine Frau machte sich an uns heran, und er winkte sie weg. »Verpiss dich, Männer bei der Arbeit.« Dann flüsterte er: »Halt dich von den Mädels fern, Jack. Die sind bis oben hin voll mit AIDS. Der teuerste Fick, den du je haben wirst. Kostet dich das Leben, aber eh du stirbst, fällt dir der Schwanz ab.« Als er mit Lachen fertig war, fragte er: »Also, Jack, was weißt du über Gold?«
»Ich weiß, dass Sally nicht genug davon kriegen kann.«
»Tja. Also ich will Gold gewinnen. Aber in Bwalo gibt es beschissene Verordnungen, die es mir untersagen, dabei Kaliumzyanid einzusetzen.«
»Zyanid? Ich dachte, ich soll Dokumente befördern.«
»Immer mit der Ruhe. Nicht Zyanid: Kaliumzyanid. Was völlig anderes. Keine Sorge, das Zeug ist inaktiv, absolut sicher. Schlimmstenfalls verpassen sie dir eine Geldstrafe, die ich dann übernehme. Alles nur leicht illegal. Und ich hab den besten Guide, der weicht dir nicht von der Seite.«
»Wieso lässt du das Zeug dann nicht gleich von ihm befördern?«
»Weil man einen Kaffer nicht mit dem Job eines Weißen betrauen kann.«
Genau das wäre der Moment gewesen, um aufzustehen, zu lächeln, mich zu verabschieden, aber ich sagte: »Klar, ich bin dabei.« Er reichte mir einen Aktenkoffer und einen Briefumschlag und sagte: »Erste Rate und eine Landkarte. Ablieferung erfolgt an einer Safari-Lodge. Aufbruch um acht Uhr ab hier. Vermassel es nicht, hm. Ich vertrau dir.«
Als ich zurückkam, war mein Guide da. Die Bar war zu, und überall lagen durchweichte Chibuku-Kartons herum. Mein Guide sagte, sein Name sei »Fantastic«. Ich lächelte. Er lächelte nicht zurück, sondern musterte mich von oben bis unten, taxierte meine Fitness, schätzte ab, ob ich in der Lage wäre mitzuhalten, dann glitten seine Augen über meinen Rucksack, und er sagte: »Gehen wir.«
Als wir durch den Busch gingen, wanderten meine Gedanken zurück zu der Bar, und mir wurde klar, dass die Menge nicht stimmte. Ich hatte höchstens ein paar Unzen dabei. Ich kannte Leute, die im Copperbelt mit chemischer Kupfergewinnung zu tun hatten, industriemäßig, und da wurde das Zeug fässerweise mit Bedford-Lastern angekarrt.
Sobald Fantastic sagte, er müsste ein Stück vorgehen, um die Gegend auszukundschaften, und seine Schritte verklungen waren, holte ich den Aktenkoffer raus und drückte die Nase dagegen. Zyanid würde nach Mandeln riechen. Aber ich roch nichts, bloß den trockenen Staub: den Geruch Afrikas.
Daraufhin nahm ich mein Messer, stocherte, wie erwähnt, mit der Klingenspitze in den billigen Schnappschlössern herum und schnitt mir bei dem Versuch, sie aufzuhebeln, in den Daumen. Ich fing an, mit dem Messergriff auf die Schlösser einzuhämmern, wieder und wieder, bis das erste aufsprang. Das zweite gab gleich darauf nach. Als ich das Knirschen von Schritten immer lauter und näher hörte, riss ich den Koffer auf und sah hinein: Er war leer.
Klick!
»Mrs Horst, wussten Sie, dass ein Flusspferd beim Kacken den Schwanz wie einen Propeller dreht, damit die Kacke sich im Kreis verteilt? Ist das nicht irre?«
»Was willst du, Charlie?«
»Mum hat gesagt, ich soll Sie interviewen, weil Sie faszinierend sind.«
»Das hat Fiona gesagt? Im Ernst? Okay. Aber mach fix.«
»Was machen Sie beruflich, Mrs Horst?«
»Ich studiere, Saufen im Hauptfach, Rauchen im Nebenfach.«
»Und wie waren Sie als Kind?«
»Ich war Prinzessin. Vor Generationen waren wir Angehörige des Königshauses, Blaublüter. Mein Vater, Gott hab ihn selig, war stinkreich, Diamantenhändler in Südafrika. Wir hatten haufenweise Bedienstete, mein Streitwagen war ein Mercedes, mein Haus eine Burg, in die kein Gesindel reinkam.«
»Und was halten Sie von dem Großen Tag?«
»Der Große Tag ist nur ein weiterer beschissener Tag in diesem ausgebrannten jämmerlichen Möchtegernstaat … Bamboo! Alias! Hey, Whisky! Ohne Eis! Und zwar dalli!«
Klick!
Nachdem ich seinen Puls genommen und seine Temperatur gemessen hatte, setzte ich mich hin und wartete. Warten ist unsere Hauptbeschäftigung. Wir haben den Palast seit fast einem Jahr nicht mehr verlassen. Während ich ihm beim Schlafen zuschaute, sah ich, dass ich ihm wieder den Schädel rasieren musste: Nach einer Woche hatte sich eine graue Patina gebildet, die an eine Schicht Puderzucker erinnerte. Wir sind zusammen alt geworden. Als wäre es im Handumdrehen geschehen. Jahre, die sich anfühlen wie Tage, zusammengedrängte Zeit, gepaart mit unsichtbarer Wut, Erinnerungen, glitschig wie Schlamm. Doch wie tiefe Schnitzereien bleiben manche Erinnerungen so deutlich wie an dem Tag, an dem sie eingeschnitten wurden.
Nach der Unabhängigkeit, als der Palast im Bau war und Männer wie Ameisen über Gerüste krabbelten, heirateten Josef und ich. Wir waren gerade in unser erstes Haus auf dem Campus der Universität eingezogen. Stundenlang suchte ich auf dem Markt nach Teppichen, in die das Grün und Gold unserer neuen Flagge eingearbeitet war. Das war wichtig: Mein Nationalstolz zeigte sich sogar im Gewebe meiner Teppiche. Normalerweise dauerte es Jahre, bis einem ein Haus auf dem Campus bewilligt wurde, aber auf uns ruhte Segen. Ich war überzeugt, dass Jesus uns dieses Geschenk gemacht hatte. Wir waren gute Menschen, gläubige Menschen, und Gott hatte Wohlgefallen an uns. Jetzt ist mir klar, dass Unschuld eine Form von Blindheit ist.
Ich vermute, schon da wusste ich, dass wir unser Glück zum Teil Josef zu verdanken hatten. Er hatte eine kleine Rolle bei unserer Unabhängigkeit gespielt, als junges Mitglied der uMunthu-Partei. Gemeinsam mit seinen Universitätskollegen Essop, Boma, Patrick und Levi hatte er sich engagiert, demonstriert und Tafumo an die Macht gebracht.
Doch vor der Hochzeit war Josef nervös. Liebte er mich schon nicht mehr? Er reagierte gereizt, als ich ihn fragte, ob der Missionar, der ihn unterrichtet hatte, ein Mann, von dem er mit großer Ehrfurcht sprach, uns trauen sollte. Josef und ich hatten uns in der Kirche kennengelernt, deshalb hielt ich es für eine gute Idee, seinen Lehrer und Mentor darum zu bitten, doch Josef sagte vehement: »Nein.«
Die Freude über den Tag war ein zerbrechlich Ding, immer eine Fingerspitze weit weg, so dass ich es nie ganz erreichen konnte. Das hing irgendwie mit Josefs Verhalten zusammen, seinem gequälten Lächeln. Den ganzen Morgen hatte ich gegen eine merkwürdige Distanziertheit angekämpft, stand dermaßen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, dass ich das Gefühl hatte, ich würde von außerhalb zuschauen. Deshalb war ich ebenso erleichtert wie begeistert, als es dann passierte. Der Grund für Josefs Nervosität hatte nichts mit unserer Liebe zu tun, sondern mit der Überraschung, die er arrangiert hatte. Die Ankunft der Braut war auf meiner Hochzeit nicht das Hauptereignis.
Wir traten aus der kühlen Kirche in die Hitze des Tages, aufgeregt plaudernd, endlich befreit von der Förmlichkeit der Trauungszeremonie, schweißglänzend und strahlend vor Glück, als plötzlich alle verstummten. Ein Rolls-Royce glitt die silbrige Straße herunter auf uns zu. Und neben mir hatte Josef sein typisches wissendes Lächeln aufgesetzt. Sein kleines Geheimnis war gelüftet. Der Grund für seine Unruhe offensichtlich geworden. Der König kam zu unserer Hochzeit. Solche Märchen können doch nicht wahr sein, dachte ich, als Tafumo mir einen Kuss gab und ein Geschenk überreichte: eine Ebenholzschnitzerei, schwarz wie Rauch, eine Darstellung von Mutter, Vater und Kind, wunderschön ineinander verschlungen. Sobald Tafumo von Gästen umringt wurde, ging ich zu Josef und küsste ihn. »Also deshalb haben Sie sich die ganze Zeit so seltsam verhalten, Mr Songa«, und er erwiderte grinsend: »Ich stecke voller kleiner Geheimnisse, Mrs Songa.«
Nach dem Scheitern unserer Ehe dachte ich zurück an jenen Tag, an den Anfang, die Hochzeit. Die böse Saat, schon so lange gesät, vielleicht schon viel früher, als ich je wissen werde. Mein Verstand beschäftigte sich unablässig mit diesem Tag, durchforstete alles bis hin zu diesem einen Bild, einem Sekundenbruchteil-Moment, der wieder und wieder zurückkam und nie richtig war. An dem Tag selbst war dieses Unbehagen natürlich überdeckt von einer Art manischem Glück. Ein Rausch aus Small Talk und großen Reden, runtergespült mit Essen und Wein im Überfluss. Ich war so stolz auf unser neues Haus, dass ich darauf bestanden hatte, dort zu feiern, obwohl ich wusste, dass es viel zu klein war. Wie bei den meisten Hochzeiten in Bwalo kamen mehr Leute, als eingeladen waren.
Die Anzahl von Josefs Gästen war überschaubar, und das hätte mich stärker beunruhigen sollen, als es der Fall war. Als Waise hatte er keine Angehörigen. Er hatte Kollegen, uMunthu-Parteifreunde, aber es war niemand erschienen, den er aus der Zeit kannte, bevor er in die Hauptstadt kam, niemand aus dem Leben, das er davor geführt hatte. Die meisten Gäste kamen aus meiner großen, lauten Familie, und meine eitle Mutter scharwenzelte um den König herum. Tafumo selbst – hatte er bemerkt, dass meine Teppiche in den Farben unserer neuen Flagge leuchteten? – saß in meinem Haus und wirkte nachdenklich. Kein strahlender oder selbstherrlicher König, sondern eine zurückhaltende Erscheinung, umschwärmt von knallbunten chitenges, ein grün-goldener Sturm, der das Epizentrum im dunklen Anzug umtoste. Ich hatte gerade erst im Palast angefangen, war nur eine von vielen Krankenschwestern und ihm noch nie begegnet. Er war vierzig und bei guter Gesundheit, hatte kaum Bedarf an Pflegekräften. Also tat ich wie alle anderen so, als würde ich den Gott an meinem Tisch nicht anstarren. Er verhielt sich wie ein Mensch, plauderte höflich mit allen, die sich trauten, ihn anzusprechen, ließ meine peinliche Mutter gekonnt abblitzen. Und ich kam mir ehrlich so vor, als wäre ich am Mittelpunkt der Welt, weil ich im Palast arbeitete, weil ich mit einem der mutigen Männer verheiratet war, die ihr Leben für die Befreiung unserer Nation aufs Spiel gesetzt hatten. Da saß ich, am Kopfende des Tisches, nur ein Stück entfernt vom König, mitten im Herzen der Geschichte. Hochmut vor dem Fall.
Aber damals glaubten wir, an vorderster Front des Lebens und der Gesellschaft zu stehen, und wenn ich an das einzige übrig gebliebene Foto denke, das Essop machte, schäme ich mich, weil wir kindisch, rückständig und irgendwie hausbacken wirkten und die Erwachsenen spielten, die wir noch nicht geworden waren. Mein Outfit war eine unvorteilhafte grelle Achtziger-Jahre-Monstrosität, eine Sahneschnitte von einem Kleid, aus dessen zahllosen Schichten mein Gesicht und meine Hände herauslugten wie Rosinen. Und obwohl es Anfang der Achtziger war, steckten Josef und seine Freunde noch tief in der Mode der Siebziger, einer Dekade, von der Afrika sich nach wie vor nicht verabschieden möchte. Josefs Hals wird von einer breiten rosa Krawatte eingeschnürt, die wie eine Zunge an seinem senfgelben Hemd herunterhängt. Essop trägt einen karierten Anzug mit Schlaghose, und der junge Boma hat offenbar einen Strohcowboyhut auf dem Kopf.
Doch damals hielten wir alle uns für Vorreiter in Sachen Mode, Gesellschaft, Politik und sogar Geschichte. Und im Überschwang des Tages merkte ich erst, als wir zum Hochzeitsdinner Platz genommen hatten, dass Levi fehlte. Zickige Braut, die ich war, packte ich Josef und fragte: »Wo ist Levi?«
Ich hatte mit Levi viele Dinner veranstaltet, für unzählige Treffen der uMunthu gekocht, während sie Tafumos Rückkehr vorbereiteten. Sogar der König höchstselbst war gekommen. Ich bestand darauf, dass Josef Levi anrief und eine Erklärung von ihm verlangte. Das Esszimmer war laut und verräuchert, Boma hatte sein Hemd durchgeschwitzt und sang irgendein albernes Lied, Essop lachte, aber durch den Lärm und den Rauch und den Raum schwebte Josefs Gesicht auf mich zu, wie er mit gesenkten Augen auf das Telefon starrte. Als er zurückkam, fragte ich: »Und? Was hat er gesagt?«, und Josef murmelte: »Er ist nicht drangegangen.« Ich blieb verärgert, gekränkt, weil Levi nicht erschienen war, nicht mal den Anstand besessen hatte, anzurufen.
Sehr spät an dem Abend, nachdem der König längst gegangen war und auch die meisten anderen Gäste sich verabschiedet hatten, saßen Josef und ich noch mit seinen engsten Freunden zusammen. Während wir unseren Wein tranken, wurde mir klar, dass wir das erste Mal seit der Unabhängigkeit wieder zusammensaßen, alle, bis auf Levi. In den Monaten vor Tafumos Rückkehr hatten die anderen sich an den meisten Abenden an diesem Korbtisch versammelt, um Proteste zu planen und den Sturz der Briten vorzubereiten. Doch seit Tafumo an der Macht war, hatten diese Männer sich noch nicht getroffen, um ihre Beteiligung an der Befreiung unseres Landes zu feiern. Deshalb hob ich, als Boma aufgehört hatte zu singen und kurzes Schweigen eintrat, mein Glas, schaute jeden Einzelnen einen Moment lang an – Essop, Boma, Patrick und Josef – und sagte: »Ich trinke auf euch, meine tapferen uMunthu-Männer.« Lässig in ihren Sesseln ausgestreckt, warfen die vier sich Blicke zu und erwachten aus ihrer Trägheit.
Essop sprang auf und zwang alle, sich so nebeneinander hinzusetzen, wie wir einst für ein Foto posiert hatten, das er auf dem letzten uMunthu-Treffen vor der Unabhängigkeit aufgenommen hatte. Er bugsierte uns in die entsprechende Position, »Los, los, das ist eine historische Wiedervereinigung«, balancierte seine Kamera auf einem Stuhl aus, stellte den Selbstauslöser ein und hastete zurück ins Bild. Josef umfasste meine Taille, so fest, dass es fast schon verzweifelt wirkte, Boma hob seine Flasche, und wir alle riefen: »Kwatscha!«
Und kurz darauf sah ich Josef und Essop zusammenstehen. Noch heute habe ich das Bild ganz deutlich vor Augen: die beiden unter dem Jacarandabaum, Josef so groß neben Essop, eine Hand auf dessen Rücken, als würde er ein Kind trösten.
Klick …
»Mr Horst, wussten Sie, dass Marabus sich selbst auf die Beine pinkeln, um sich abzukühlen?«
»Charlie, ich hab wirklich wahnsinnig viel zu tun, deshalb …«
»Mum hat gesagt, es wäre richtig interessant, mit Ihnen zu reden.«
»Das hat sie gesagt? Im Ernst? Okay, na gut, wenn Fiona das gesagt hat.«
»Mr Horst, wie war Ihr Dad so?«
»Bösartig. Er hat uns Jungs wie Vieh aufgezogen. Wenn ich zu langsam war, hab ich einen Tritt in den Hintern gekriegt. Und wenn ich dann weinen musste, hat er mir noch einen Tritt in den Hintern verpasst, weil ich keine Memme sein sollte.«
»Hört sich ziemlich schlimm an.«
»Nein, nein. Er hat aus mir gemacht, was ich heute bin.«
»Was sind Sie heute?«
»Ich bin erfolgreich, Charlie, verdammt erfolgreich.«
»Und was denken Sie über den Großen Tag?«
»Ich denke, er wird aus mir einen sehr reichen Mann machen.«
Klick …
Ich schlug Patricks Seite in meiner Mappe auf. Sie war aus festem Papier. Sein Foto nicht wie das von Levi angeheftet, sondern auf die Seite gedruckt. Als er letzte Woche verschwand, erhielten wir Anweisung, Patricks Unterlagen zu vernichten, doch wie immer behielt ich eine Seite. Eine Seite pro Person. Patrick wusste es. Wieder und wieder hatte er gefragt: Steh ich auf der schwarzen Liste? Minister glaubten an eine schwarze Liste von Leuten, die in Ungnade gefallen waren. Eine naive Vorstellung. Das Problem war nicht, auf einer Liste zu stehen, das Problem war, auf keiner Liste mehr zu stehen.
Ich bückte mich, legte die Mappe zurück in die unterste Schublade und schob den doppelten Boden darüber, und als ich mich wieder aufrichtete, spürte ich, wie das Blut mir ins Zahnfleisch lief, und ich zuckte zusammen. Seit Tagen baute sich ein Pulsieren auf, ein unaufhörlicher Summton, mit dem mein verfaulter Zahn eine kindliche Melodie spielte. Und ehe ich mich bremsen konnte, drückte meine Zunge auf den wunden Punkt, und ich verzog das Gesicht, während ich darauf wartete, dass der stechende Schmerz nachließ.
Ich verließ mein Büro und fragte meine Sekretärin: »Beatrice, war jemand hier, der mich sprechen wollte?« Sie erwiderte: »Mr Jeko«, und ich fauchte: »Warum haben Sie mir das nicht gesagt?«
Die Angst in ihrem Gesicht genügte mir als Antwort. Jeko hatte sie angewiesen, mir nichts zu sagen. Als ich fragte, ob er eine Nachricht hinterlassen hatte, zuckte sie hilflos die Achseln. Jeko hinterließ keine Nachrichten. Ich vermutete, er war Analphabet. Er kleidete sich wie ein Buchhalter und leitete Tafumos Geheimpolizei, die Jungen Pioniere, mit beängstigender Effizienz. Er war hellhäutiger als ich, sein Glatzkopf blassbraun wie ein Avocadokern. Sein fast konturloses Gesicht verkörperte das System, das er leitete. Er war nicht nur kahlköpfig, er hatte auch weder Augenbrauen noch Wimpern, als wären selbst die überflüssig. Für einen Moment überkam mich das Bild, wie Jeko mit einer behandschuhten Hand über meinen Schreibtisch wischte und dabei die Nasenflügel aufblähte.
Auf dem kurzen Fußweg zum Ministerium für Kommunikation, Rundfunk und Tourismus flogen Flugzeuge über mich hinweg; die Welt trudelte nach und nach ein. Die Passagiere würden diesen grauen Kasten kaum wahrnehmen. Fünf Stockwerke über und – wie ein dunkles Spiegelbild – fünf unter der Erde. Wenn man das Gebäude betrat, hatte man das Gefühl, von einer staubigen afrikanischen Uni in einen glänzenden Züricher Konzern gebeamt zu werden. Mit Ledersesseln und massenweise silbernen Servern war es erstaunlich modern. So war es nicht immer gewesen. Es hatte amateurhaft angefangen. Ein paar Frauen saßen an riesigen hölzernen Telefonanlagen und stöpselten Stecker ein und aus. Sie zeichneten nichts auf. Hörten nur mit. Und wenn kritische Worte über die Leitung gingen, zogen sie den Stecker raus. Damals, in den einfacheren Zeiten, wusste ich nicht, dass Levi verschwinden würde, als ich ihn denunzierte. Ich war naiv.
Was, so fragte ich mich, war jetzt meine Entschuldigung? Nach Levi übernahm ich seinen Posten als Universitätsdekan und kämpfte, zumindest am Anfang, mit allen Mitteln um Fördergelder, die ich selten erhielt. Aber als ich Ende der achtziger Jahre zum Minister für Kommunikation ernannt worden war, wurde natürlich nie ein Finanzierungsantrag abgelehnt. Tafumo hatte kein Interesse an der Bildung seines Volkes, nur an dessen Überwachung: Er wollte der intellektuelle Vater schlichter Kinder sein und bleiben. Als ich Minister wurde, war dieses Gebäude leer; wir hatten keine Opposition, keinen Feind. Ich hätte nie gedacht, dass wir es füllen würden. Jedenfalls nicht zu meinen Lebzeiten. Doch als ich jetzt durch die Flure ging, die mit meilenweise Aktenordnern voller Geheimnisse und Lügen gesäumt waren, lauschte ich dem hypnotischen Rhythmus meiner Schritte, und jemand rief: »Sefu?«
Ich stolperte vorwärts, konnte mich gerade noch mit den Händen an der Wand abstützen und versuchte, wieder Luft in die Lunge zu bekommen. Sefu. Ein alter Name. Kleines Schwert. Wie wenn man ein winziges Unkrautpflänzchen jäten will und plötzlich ein dickes Gewirr von Wurzeln rausreißt, zog der Name viele Erinnerungen hinter sich her. Vor langer Zeit verbarg ich Sefu in der Hülle von Josef. Jetzt, so schien es, stülpte die Zeit mich nach außen.
Ich rief: »Hallo?«, und schreckte zusammen, als das Wort zurückkam: »Hallo?« Angst vor meinem eigenen Echo. Ich schlurfte über den Boden, so dass meine Schuhe quietschten: Sefu? Ich versuchte zu lächeln, das Ganze abzutun, fand meine Nonchalance jedoch selbst nicht überzeugend. Mein Arzt diagnostizierte Panikattacken und verschrieb mir nutzlose Tabletten. Aber das hier war keine Panik. Ich wurde von Schwäche überwältigt, fühlte mich nach diesen Episoden, als hätte ich brutale Strapazen durchgemacht. Zum Glück gab meine sing’anga mir richtiges muti. Und wenn ich aus der Flasche trank, belebten die dunklen Tropfen mich neu. Ich bewegte mich langsam Richtung Abhörraum. Die alte Telefonanlage war längst durch Arbeitskabinen ersetzt worden, in denen Männer mit Kopfhörern saßen. Das Ganze sah so trist aus wie ein Callcenter. Nur dass hier niemand redete. Alle hörten bloß zu und schrieben unsere inoffizielle Geschichte mit.
Ich setzte mich in den Besprechungsraum und blickte an der Reihe identischer Kabinen entlang, riesige Zellen, die sich im gesamten Stockwerk vervielfachten. Ich schloss die Augen und lauschte dem leisen Klappern von Tastaturen. So vieles von dem, was wir hörten, war wertlos, Klatsch und Lügen, endlose Ströme von Geplapper, das wir durchsieben mussten. Was wir hörten, war selten von Belang, wichtig war das Getuschel, das uns entging. In den Neunzigern hatte sich mein Amtstitel erweitert zu Minister für Kommunikation, Rundfunk, Bildung und Tourismus. Afrikanische Regierungen sind Spezialisten für lange Amtstitel, und in Bwalo witzelten die Leute, je länger dein Titel, desto größer dein Mercedes. Ich stellte mir meinen Titel als Schlange vor, die Ministerien fraß. Ein so langer Titel, dass er kaum noch auf meine Visitenkarte passte. Hinter meinem Rücken nannten andere Minister mich den Minister für Alles, aber in Wahrheit fühlte ich mich immer eher wie der Minister für Nichts. Die eigentliche Arbeit in den Bereichen Tourismus, Bildung und Rundfunk wurde an meine Stellvertreter delegiert, und ich selbst tat im Grunde nichts anderes als zuhören. Ich war der Minister für Geflüster und Lügen, lauschte den Geheimnissen der Nation, lauschte auf das, was Tafumos einfache Bürger über ihn sagten.
Ich erinnerte mich an meinen ersten britischen Hochkommissar. Sie kamen und gingen, diese gelangweilten Männer, die wie unerwünschte Briefe durchs Empire verschickt wurden. Es gab durchaus Unterschiede zwischen ihnen – einige waren fetter als andere; einige vertrugen keinen Gin –, aber keiner von ihnen, kein einziger, durchschaute, wie Bwalo funktionierte. Mein erster Hochkommissar war ebenso hässlich wie stumpfsinnig. Und wenn der Gin ihm die Zunge löste, sagte er: »Ich weiß, wer Sie wirklich sind, Josef. Man nennt Sie Minister für Alles oder Gott. Sie sehen alles, hören alles und so weiter. Zweitältestes Gewerbe, das älteste ist ja bekanntlich die Hurerei. Spione und Flittchen regieren die Welt. Aber unsere MI5-Fuzzis haben mich gebrieft, und die sagen, Ihre Behörde hat viel zu wenig Technologie und Erfahrung. Dass sie unserem imposanten britischen Geheimdienst nicht das Wasser reichen kann.«
Der Trottel hatte nicht begriffen, dass unsere Behörde menschlich war, aus Fleisch und Seelen bestand statt aus Drähten und Mikrochips. Dass der Diener, der ihm das Glas füllte, während er dasaß und mich herablassend behandelte, für mich arbeitete, und die Dienstmädchen, die seine Sachen durchsuchten, ebenso, und dass sie alle nur einen winzigen Teil der treu ergebenen Armee bildeten, die in Bwalo und darüber hinaus am Werk war. Natürlich bekamen sie aus seinem Munde nie irgendwas Interessantes zu hören. In dieser Hinsicht war er ein perfekter Botschafter: Er sagte nichts, was es wert gewesen wäre, wiederholt zu werden.
Sein MI5-Briefing ließ einen weiteren wichtigen Punkt außer Acht: Unsere Behörde war eine Kopie der seinen. Aus einem einfachen Grund: Den Bwalo-Geheimdienst hatten eigentlich die Briten erschaffen. Nachdem wir die Unabhängigkeit erlangt hatten, fürchteten die Briten nichts mehr als ein Übergreifen des Kommunismus. Wir waren eingekeilt – eingequetscht – zwischen kommunistischen Staaten. Mit Sambia im Westen und Mosambik im Osten waren wir der letzte Dominostein – der letzte Stützpunkt –, der fallen konnte. Und deshalb kamen tatsächlich Leute vom MI5 zu uns und schulten uns. Sie bildeten uns aus, lieferten uns geheime Informationen und Ausrüstung. Der MI5 war die Hebamme des Bwalo-Geheimdienstes. Wie eine übereifrige Kinderfrau, die nicht akzeptieren will, dass ihre Schützlinge erwachsen geworden sind, konnten die Briten ihr verlorenes Empire einfach nicht in Ruhe lassen.
Am Ende zwinkerte der Hochkommissar, wie um ein Gentleman’s Agreement zu besiegeln: »Wir werden gut zusammenarbeiten. Wir wollen das Gleiche, mein Bester.« Dieser Mann glaubte tatsächlich, dass wir gleich waren: dass wir das Gleiche dachten, fühlten und wünschten. Er ging davon aus, dass sein Empire nicht nur Syphilis verbreitet hatte, sondern auch seine Seele. Doch die Distanz zwischen uns – ein Meter Mahagonischreibtisch – hätte genauso gut Meilen betragen können. Denn wer glaubt, dass alle Menschen gleich sind, kennt Bwalo noch nicht. Sein zerbröselnder, von Gin durchtränkter Empire-Verstand konnte nicht erfassen, was für eine unerfahrene Nation wir waren. Wie viele für Tafumo sterben würden, ihn für Gott hielten, wie sehr wir Prinzipien hochhielten, die er schon längst belächelte.
Ein Klopfen an der Tür riss mich aus meinen Erinnerungen. Und als ob meine Gedanken über Fanatismus sich in Fleisch und Blut verwandelt hätten, kam David hereingehumpelt. Er gab sich alle Mühe, seine gekrümmte Wirbelsäule – die Folge einer Polioerkrankung – zu kaschieren, indem er den Knick unter entsetzlichen Schmerzen streckte, eine Qual, die Spuren in seinem jungen Gesicht hinterließ. Heute trug er seinen schwarzen Anzug; er besaß anscheinend nur zwei, und ich vermutete, das war Ausdruck einer selbst auferlegten Sparsamkeit.
