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Nach dem dramatischen Tod von Mr First Cut liegt Juna Bucks Liebesleben brach. Erst mit Anfang 30 begibt sie sich wieder auf den Singlemarkt und lässt von Online Dating bis Speed Dating nichts aus. Traummänner und Psycho-Singles geben sich in ihrem Leben die Klinke in die Hand. Als sie dann auch noch in Raketengeschwindigkeit die Karriereleiter nach oben schießt und sie einen immer größer werdenden Kinderwunsch bekommt, ist das Chaos perfekt. In How I Met Your Dad erzählt sie später ihren Kindern, wie ihr - fast - jedes Date und jede Begegnung den Weg zum Glück gepflastert haben.
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Seitenzahl: 517
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Hannah Fink, geboren 1982, arbeitet als Lektorin in Stuttgart. Nach 102 Dates und als großer Fan der Serie How I Met Your Mother hat sie beschlossen, die Frage nach der angeblichen Beziehungsunfähigkeit ihrer Generation in einem Roman zu verarbeiten. Beziehungsstatus derzeit: glücklich vergeben, kinderlos. Und eigentlich weiß sie auch nur von ihrem 103. Date, dass in der Liebe (fast) alles erlaubt und nichts unmöglich ist.
HANNAH FINK
how i
met your
dad
roman
Informationen über den Verlag und sein Programm:www.buchmedia-publishing.de
Dezember 2018
© 2018 Buch&media GmbH, München
Umschlaggestaltung: Franziska Gumpp
Satz: Johanna Conrad
Gesetzt aus der Stone Informal und der Stone Sans von ITCPrinted in Germany
ISBN print 978-3-95780-146-3
ISBN epub 978-3-95780-147-0
ISBN PDF 978-3-95780-148-7
Buch&media GmbH
Merianstraße 24 · 80637 München
Telefon 089 13 92 90 46 · Mail [email protected]
Inhalt
Prolog
Dating 2044
Mr First Cut
Das Rätsel der Sphinx
Rette sich wer kann: Psychos im Netz
Ist der Erste womöglich gleich ein Volltreffer? Oder: Ahmet ist das alles zu sexuell
Suche Mutter mit Kind für gemeinsame Liebes-Website
Mr Hurts
Psychos im Netz Teil II
Wimpernklimpern mit Denis
Nett ist die kleine Schwester von Scheiße Oder: Das Leben ist kein Arzt-Roman
Krieg ist nicht nur in der Liebe
Fusseln im Mund und blau im Gesicht Oder: Wie Männer sich um Kopf und Kragen reden
Wie die Seele stumpf wird Oder: Ich war mir sicher, er steht auf mich!
Die Tomatenattacke Oder: Gemüse ist zum Essen da
Von nackten Piloten und Selbstbewusstseinsabstürzen
Jonny Depp: Der Klügere kippt nach – oder ergreift die Flucht
Miss Robinson und ihr einziges Leben
Vom Sternenschläfer zum Hardcore-Öko
Prinz Eisenherz
Ein ganz besonderer Pillenknick
Schwester, Schwester …
Mr Desperate und sein Sofa
Der Vorkokser
How I Met Your Dad
How I Met Your Mother
How We Got Married … With Children
Epilog
PROLOG
Vor 27 Jahren war Tilda ein kleines lilafarbenes Bündel, das mir nach einer heftigen aber schnellen Geburt auf die Brust gelegt wurde. Sie schnappte gierig nach Luft, nachdem man sie von der Nabelschnur, die sich um ihren Hals gewickelt hatte, befreit hatte. Dann nestelte sie sich dicht an mich, als wollte sie sagen: »Zum Glück bin ich jetzt hier.« Ich legte meine Hand auf ihren kleinen Rücken und dachte daran, was für ein langer Weg es war, bis ich sie hier liegen hatte.
Ihr frisch gebackener Papa saß da noch im Flugzeug, hibbelig und sich schwer beherrschend, niemanden anzupöbeln. Er muss fast geplatzt sein vor Ungeduld, so gefangen in einer Maschine auf dem Weg über den Atlantik, der einfach seine Zeit brauchte. Ich hatte gehofft, er würde rechtzeitig von der Beerdigung seiner Mutter zurück sein, aber Tilda war zu früh dran. Ich selbst durfte auf keinen Fall mehr fliegen und verpasste den Abschied von meiner Schwiegermutter – Matilda.
So lagen wir da, das neue Wesen Tilda und ich, beide erschöpft aber zufrieden, und warteten auf ihren Papa, meinen Ehemann.
»Ja wo bleibt denn Ihr Mann – der Vater meine ich?« Die neue Hebamme nach dem Schichtwechsel machte ein Gesicht, als würde sie denken: Die arme Frau hat sich aber ein besonderes Schwein von Mann ausgesucht – wenn der nicht mal zur Geburt aufkreuzt!
»Mein Ehemann sitzt gerade noch im Flugzeug. Morgen früh ist er da.«
»Na schade, dann verpasse ich ihn ja«, erwiderte sie, als würde sie mir kein Wort glauben.
Vielleicht hatte ich mir das ja auch nur eingebildet, denn ich konnte selbst kaum glauben, was für ein Glück ich hatte. Ehemann und lila Baby – was wollte ich mehr? Ich schaute auf Tildas behaarte Öhrchen, auf die klitzekleinen Nägelchen, die faltigen Augen, die hellbraunen, ungewöhnlich vollen Haare, das Gesicht, das langsam heller wurde … als vor meinem inneren Auge lauter Schnappschüsse aufzublitzen begannen. Von Männern, die ich einmal gekannt hatte oder kennenlernen wollte. Von unzähligen hoffnungsvollen, ja sehnsüchtigen Begegnungen. Sehnsucht danach, endlich meinen Mr Right zu treffen. Unvorstellbar, wie viele Dates ich hatte, bis ich Tildas Dad kennenlernen durfte.
Wie Tilda wohl aussehen würde, wenn sie ihr Papa geworden wären? Dann hätte sie jetzt vielleicht einen Wuschelkopf wie der Fusselmann, ein gephotoshoptes Gesicht wie Mr Yolo oder kleine Maulwurfaugen wie Mr Fischer hinter seiner Hipster-Hornbrille …
Ich musste ihr eines Tages unbedingt wie Ted Mosby aus How I Met Your Mother erzählen, wie es kam, dass sie auf der Welt ist.
Dann nickte ich ein und vergaß es über 27 meist glückliche Jahre.
DATING 2044
Die Haustür knallt, Tom und ich zucken zusammen. Mit bläulich schimmernder Zornesader kommt Tilda ins Wohnzimmer und wirft ihre Jacke auf den Boden. Unser Roboter wird sie aufheben, trotzdem: Muss das sein?
Wie immer, wenn Tilda wütend ist, finde ich sie gerade dann am hübschesten. Dann merkt man ihr das Temperament ihres Vaters richtig an. Sie gibt zischende Laute von sich wie Ahhhhchhz und grrrrrgggzzz, und dann, endlich verständlich: »Mir reicht es jetzt, ein für allemal!«
Tom schüttelt den Kopf: »Schttt jetzt, Nervschwester, wir schauen Alf!«
Alf – im Jahr 2044?! Ja, 2042 hat man begonnen, neue Folgen zu drehen, ein wie ich finde grandioses Remake. Mit mehr Spannung als im Original, zu Zeiten, als ich Kind und alles noch ziemlich harmlos war. Mein Sohn Tom und ich schauen das oft zusammen an, wenn er mal Pause von seiner Studenten-WG braucht. Und ja, er bringt auch seine Wäsche mit. Und nein, ich sage ihm nicht, dass er sich damit zum Teufel schweren soll, dass ich nicht Hotel Mama bin. Denn ich muss gestehen, dass ich diese Momente liebe: Wir gammeln auf dem Sofa, schauen Alf, lachen uns futsch – und warten auf meinen Ehemann, der freitagabends was zum Essen, meistens Pizza zu unserem Cheat Day, mitbringt.
Jetzt hoffe ich aber, dass er noch nicht gleich in der Tür steht, wenn Tilda hier mit geschwollener Stirnader mal Dampf ablässt. Das macht sie extrem selten, und wenn, dann eher unter uns Frauen. Und Tom, Alf-absorbiert, zählt in dem Moment nicht als Zuhörer. Ich reiße mich blitzschnell vom Fernseher los. Ich bin eben Mama – und für Mamas hat die Realität Vorrang, auch noch 27 Jahre postpartal.
»Was ist denn passiert?« Ich habe das Gefühl, Tilda schnappt gleich über.
»Sei froh! Sei so froh, Mama, dass du nie an solche gestörten Freaks geraten bist und Papa hast. Sei einfach nur froh!« Und nach einer Pause, in der sie aus dem Kopfschütteln kaum noch rauskommt: »Ich hatte das Horrordate meines Lebens. Es war entwürdigend! Ent-wüüüür-digend!«
Oh nein, jetzt fängt sie an zu heulen, und ich kann das bei ihr gar nicht sehen. Meinem kleinen lila Baby soll es nicht so schlecht gehen, ohneinohnein.
»Christian!«, rufe ich wutentbrannt, weil ich glaube, dass mir ein Licht aufgeht. Von dem hatte sie mir in ihrer letzten Nachricht geschrieben – ganz übler Typ, wenn sie mich fragen würde.
»Nein, schön wär’s!«, blafft sie mich an.
»Ronaldo?«, frage ich leicht verunsichert.
»Nein Mama, ein ganz Neuer, den ich über Street 44 kennengelernt hab.«
Sie schaut mich an, als müsste ich sofort kapieren, was und wen sie meint.
»Kenn ich nicht, was ist das schon wieder für ’ne happ?«
2044 gibt es nicht mehr einfach nur Apps, sondern unsere allPhones sind danach geordnet, was die Apps dem User bringen, z. B. einen »happy« zu machen, daher »happ«.
»Ach, da sind halt heutzutage fast alle Singles drin. Da sieht man zum Beispiel jemanden auf der Straße, der einem gefällt. Dann scannt man die Person unauffällig und schaut, ob derjenige zufällig auch als Single angemeldet ist.«
Ach stimmt, davon hab ich schon gehört. Dann kann man die Person virtuell anflirten und muss nur noch warten, ob derjenige zu einem rüberkommt. Oder man geht einfach hin, man weiß ja dann, dass derjenige auch auf der Suche ist. Oder, wenn man gerade fettige Haare hat, kann man auch später eine Nachricht schreiben.
»Hast du jemanden angesprochen und er mochte dich nicht?«
»Quatsch, Mama. Das machen eigentlich nur Männer. Wir Frauen klicken nur an, die Männer kommen dann auf uns zu.«
Aha, da hat sich seit »meiner Zeit« wohl nicht so viel oder genauer gesagt gar nichts geändert. Find ich jetzt nicht so gut. Aber an sich scheint Street 44 eine gute Sache zu sein. Man kann immer und überall auf der Welt erkennen, ob die Person, die einem gefällt, angibt, Single zu sein.
»Was war denn so schlimm?«
Tilda atmet tief durch und versucht, wieder in klaren Sätzen zu sprechen. »Ich hatte ein Date. Tristan, der Arsch! Dann haben ihn während wir im Café saßen gleich zwei andere Frauen auf dem 44-Radar gehabt und angeklickt. Und der sagt zu mir: ›Sorry, da muuuuss ich rübergehen!‹ Ok, die eine war hübsch, aber geht’s noch?!«
Ihre Stimme schnappt über und ich finde auch, dass wir in einer ganz verkehrten Welt leben. Kann sich ein Mann, also der Tristan-Arsch – wir wollen ja nicht verallgemeinern –, keine Stunde auf eine einzige Frau konzentrieren? Zumal auf meine wunderschöne, schlaue Tilda? Es scheint Wirklichkeit geworden zu sein, was früher diskutiert wurde, dass man sich, seit alles digital ist, nicht mehr richtig konzentrieren kann. Aber immer noch keine Normalität, sonst wäre meine Tochter nicht so tief gekränkt.
Ich schüttele fassungslos den Kopf. Da hilft nur eins: Verwöhnprogramm zu Hause! »Was machst du eigentlich hier, Schatz, Nase voll von Berlin?«
»Ja, ich hab zwei Wochen Urlaub. Hab mich nach dem ›Date‹ einfach in den nächsten Speed-CE gesetzt und wollte nur noch heim.«
Ich drücke sie fest und freue mich sogar ein bisschen über ihr vermasseltes Date, das mir ihren unverhofften Besuch beschert hat.
Da klingelt das Ceiling, und die Stimme meines Ehemannes ertönt im Wohnzimmer: »Juna-Schatz, ich schaff’s heute nicht mit der Pizza heim. Richtig blöd. Ich hab ein Meeting in London reinbekommen und sitz schon im Eurotunnel. Heute Nacht bin ich aber zurück!«
Wir seufzen alle enttäuscht an die Decke. Auch Tom scheint sich kurz von Alf loszureißen und ruft »Och schade Pappaaaa!« in das Tunnel-Rauschen, das wir so deutlich hören, als säßen wir selbst im Speed Car.
Die Situation löst etwas in mir aus. – Tilda lila im Gesicht, mein Ehemann weit weg … Thema Dating …
Als das Ceiling aus ist, sage ich ganz langsam, noch während ich in diesem seltsamen Déjà-vu feststecke: »Aber Tilda. Dass es zu meiner Zeit viel einfacher war mit der Suche nach dem Richtigen, das stimmt nicht. Oder wie man damals noch gesagt hat, die Suche nach ›der großen Liebe‹.«
Sie schaut mich mit großen Augen an, irritiert, wie ich ihr in ihrer Verzweiflung widersprechen kann. Wie in Trance fahre ich fort: »Ich wollte dir schon immer mal erzählen, wie das war, bevor ich eure Mama wurde.«
Ich höre den Abspann von Alf und nutze die Gunst der Stunde: »Tom, hör du auch mal zu. Wisst ihr eigentlich, wie ich Papa kennengelernt hab? Also so richtig?«
Beide zucken mit den Schultern. Nicht gerade vor Interesse sprühend, aber immerhin hat sich Tildas Stirn wieder etwas geglättet. Auf einmal ist alles wieder da. Das Gefühl nach Tildas Geburt … die Bilder von den vielen verschiedenen Männern … die Angst, ewig suchen zu müssen, bis Mr Right endlich da war …
»Also, ich erzähl euch mal, wie das war, bevor ich Papa kennengelernt hab. Das war damals auch nicht so ohne!«
Tilda nickt langsam, als würde der Groschen fallen. »Stimmt, ihr habt uns nie richtig erzählt, wie ihr euch eigentlich kennengelernt habt.«
»Das liegt daran, dass es nicht gerade das romantische Kennenlernen war, das man der Nachwelt erzählen will … Aber was davor passiert ist, damit könnte ich ganze Bücher füllen!« Ich lasse Mama-Taten folgen, klatsche dreimal in die Hände, höre, wie unsere Tee-Maschine anspringt und uns drei Chai rauslässt. Dann deaktiviere ich noch mit einem Schnips die Türklingel und stelle mein allPhone auf stumm.
»Kinder, wir schreiben das Jahr 2001. – Sorry, mit einer romantischen Millenniumsfeier-Story kann ich nicht dienen. Mein Liebesleben hat eigentlich erst danach richtig angefangen …«
Tom macht ein Spuckgesicht. Aber ich beachte es nicht. Denn ich bin jetzt wieder neunzehn, alles steht mir so deutlich vor Augen, als würde die Film-happ die Bilder an die Wand werfen. Mein Haar ist blondiert. Ich bin schlank um die Taille und so bauch- wie faltenfrei. Und ich trage eine Schlaghose, in der mein Hintern jeden Apfel vor Neid vom Baum plumpsen lässt …
MR FIRST CUT
The first cut is the deepest
Baby, I know the first cut is the deepest
But when it comes to being lucky he’s cursed
And when it comes to loving me he’s worst
(Version Sheryl Crow)
Ich stelle die Gläser der letzten Gäste in die Spülmaschine und wische routiniert die vielen Aschenbecher mit einem dicken Pinsel aus. Bevor ich als Bedienung gearbeitet habe, wusste ich gar nicht, dass es so einen Gegenstand überhaupt gibt und wie eklig volle Aschenbecher riechen. Aber statt mich über den Kneipengeruch in meinen langen Haaren und in jeder Faser meines Glitzer-Shirts aufzuregen, schaue ich alle paar Sekunden Richtung Eingangstür. Mitternacht, gleich wird er da sein, um mich von meiner Schicht abzuholen.
Kaum zu Ende gedacht schwingt die Tür auf und ein kleiner Mann mit schwarzen Haaren kommt zielstrebig auf mich zu. Er grinst mich mit seinen schiefen Zähnen an, sein deutlich älteres Gesicht legt sich in erste Falten und ich frage mich wie jedes Mal eine kurze Sekunde lang, was ich an ihm finde. Er umfasst meinen Rücken und zieht mich besitzergreifend an sich. Während wir uns küssen, weiß ich es wieder: Er ist einfach mein persönlicher Magnet, den ich so gut riechen kann, dass ich am liebsten dauerhaft wie ein Klammeräffchen an ihm hängen und an seinem Hals schnuppern würde. Und bei ihm komme ich zu mir. So merke ich jetzt in seinen Armen, wie müde ich nach der langen Schicht bin. Als wir uns voneinander lösen, sagt er prompt: »Du siehst müde aus. Lass und ’nen Burger und Fritten holen und ab nach Hause.«
Mit »nach Hause« meint er seine Wohnung, wo ich seit vier Wochen ziemlich viele Abende und Nächte verbringe. Als frisch gebackene Abiturientin auf Orientierungskurs habe ich Zeit, so oft bei ihm zu schlafen, wie er es möchte. Wenn es nach mir ginge, wäre das jede Nacht, aber er braucht irgendwie seinen Freiraum.
Wir bestellen am Drive-in-Schalter alles, worauf wir Lust haben, bis sein Auto riecht wie eine Fastfood-Bude. Dann drückt er aufs Gaspedal und wir fahren aus der Stadt raus, in Richtung seines Heimatdorfs.
»Ich fahr mal in die Weinberge hoch. Können wir gemütlich essen, bevor alles abkühlt. Und unterm Sternenhimmel«, grinst er.
Ich finde ja, er hat immer die besten Ideen. Es ist wunderschön in den Weinbergen, wir sehen den Mond vor uns wie auf einer Kinoleinwand, und die Sterne wirken wie extra für uns angeknipst. Wir rascheln uns durch unsere Fritten, Burger und Nuggets und seufzen uns glücklich an, als fast alles verdrückt ist. So könnte das ganze Leben sein. Schade eigentlich, dass ich nicht immer so leben kann wie jetzt, mit neunzehn.
Er beugt sich zu mir rüber und fasst mir unters Kinn, dreht mein Gesicht wie eine wertvolle Skulptur in seine Richtung. Schaut mich mit seinen dunkelbraunen undurchschaubaren Augen an und stellt in einem unpassend sachlichen Ton fest, als wäre es ihm gerade erst aufgefallen: »Ich bin ganz verrückt nach dir, Juna.« Dann wiederholt er meinen Namen und klingt auf einmal ganz weich. Ich merke, wie ich mich immer mehr entspanne. Dass Liebe tatsächlich so romantisch sein kann, hätte ich nie gedacht. Meine wenigen Erfahrungen mit Männern vor ihm waren ganz anders: Jeder einzelne hat sich bloß laut atmend wie ein Tier auf Beutefang auf mich gestürzt, mir seinen Mund auf die Lippen gepresst und sich plump auf und in mir bewegt, bis es gleich wieder vorbei war. Es war nie furchtbar schlecht, aber eben ein richtiger Einheitsbrei, ein bisschen zum Gähnen. Es lief praktisch immer gleich ab, als habe man den Männern ein Muster übergestülpt, eine Sex-Kappe. Wenn sie die aufhaben, sind sie alle gleich. Und es war dadurch auch immer das gleiche Gefühl. Ein Nicht-Gefühl eigentlich.
Ganz anders mit ihm, hier und jetzt. Jetzt. Jetzt. Es soll immer sein wie jetzt! Ich lasse mich so tief fallen in seinen Autositz, als würde ich bis zum heißen Erdkern durchsinken. Meine Gedanken sind nicht mehr zu greifen. Keine Ahnung, was ich denke. Eigentlich nichts, ich bin einfach nur noch. Ich bin der Moment mit ihm, wir sind der Moment.
Seine schiefen Schneidezähne schlagen auf meine, aber ich ziehe ihn noch fester an mich. Als er meine Jeans aufknöpft, streckt sich ihm mein fastfoodgefüllter Bauch entgegen. Alles egal. Er macht mich schamlos, weil er sich meinem Körper widmet, als sei er der heilige Gral. Eine unbestimmte Zeit, wahrscheinlich nur ein paar Minuten, macht er weiter, mit dem, was er da tut. Dann fühle ich das erste Mal, wie es sein kann. Und will immer mehr.
Zwei Wochen nach diesem für mich einschneidenden Erlebnis in den Weinbergen sind wir zum Kino verabredet, wo wir immer, wie wir es nennen, Schweinereien nebenbei machen. Wie immer holt er mich nicht bei meinen Eltern zu Hause ab, sondern wir treffen uns in einem Parkhaus in der Stadt. Meine Eltern wissen noch nichts von ihm, sie bekommen nur mit, dass ich viel unterwegs bin und morgens erst gegen vier Uhr nach Hause komme. Das kommt, weil mein Schatz – ja, wir sind schon beim Schatz angelangt – morgens um halb vier aufstehen muss, um in seiner Speditionsfirma die Touren des Tages zu disponieren. Was genau er da macht, habe ich noch nicht verstanden, aber es ist ganz praktisch, dass meine Eltern nicht mitkriegen, dass ich wo anders schlafe.
Ich steige in sein Auto und sehe sofort, dass sein Gesichtsausdruck anders ist als sonst. Verkrampft sieht er aus, um seinen Mund nur abgekämpfte Züge. So, als sei er nicht nur schlecht gelaunt, sondern als leide er unter irgendetwas. Irritiert sage ich erstmal nichts, küsse ihn, während er nur stillhält, und als nichts zurückkommt: »Also ich muss jetzt erstmal eine rauchen. Zu Hause hat mich irgendwie alles gestresst, meine Eltern hatten Zoff. In voller Lautstärke.«
»Muss das jetzt sein?«
»Was? Rauchen? Ich wusste nicht, dass dir das was ausmacht.«
»Klar macht mir das was aus, wenn du immer mein Auto vollqualmst.«
»Oh sorry, hättest doch was gesagt. Rauch ich halt kurz draußen. Ok?«
Er grummelt etwas Unverständliches und ich steige irritiert aus. Sind heute alle auf Streit gepolt, oder was?
Als ich wieder einsteige und sein Gesicht noch immer so abgekämpft aussieht, nehme ich innerlich Anlauf und frage: »Was ist los mit dir? Du bist ganz anders heute.«
»Ach nichts. Schlechte Laune.«
»Mehr nicht? – Und warum?«
»Einfach so.«
»Aha.«
»Ja, darf ich das nicht mal?«
»Doch klar. Ich hab nur gedacht, wir machen uns ’nen schönen Abend wie immer.«
»Immer nur schöne Abende. Suuuuuper. Wenn du’s wissen willst, ich hab mir Gedanken gemacht. Darüber, wo uns das alles hinführen soll.«
Ich schaue ihn irritiert an. »Es läuft doch alles super.«
»Ja aber Juna, ich bin bald 30«, schießt es aus ihm raus und ich merke, dass ihn das nicht erst seit gestern umtreibt. »Ich hab meine Exfreundin für dich verlassen! Mit der war immer klar, dass wir Kinder wollen. Aber für dich scheint das alles kein Thema zu sein.«
»Äh … ich bin neunzehn?! Ok, in ein paar Tagen 20«, sage ich, als würde ich ihn für verrückt halten.
»Willst du denn überhaupt Kinder?«
Auf einmal bin ich völlig überfordert. Alles dreht sich, als habe ich die Zigarette zu schnell geraucht oder als sei ich in einem Traum, in dem man nichts kapiert.
»Du weißt doch, dass ich studieren will. Da kann ich doch jetzt noch kein Kind kriegen.«
»Aber du willst auch irgendwie keine.«
Woher weiß er das denn? Merkt man mir das so an? Lügen hat offenbar keinen Zweck, und so antworte ich krächzend: »Eigentlich nicht.«
»Dann macht das alles für mich keinen Sinn. Ich will eine Familie gründen, und ich kann nicht warten, bis du mal vielleicht so weit bist! Ich meine, du hast ja noch nichtmal angefangen zu studieren. Dich noch nichtmal entschieden! Journalismus, Design, Psychologie! Ja was denn nun?«
Jetzt werd ich aber langsam stinkig. Kann ich was dafür, dass mich so viel interessiert? Es ist ja nicht gerade eine leichte Entscheidung, was man den Rest seines Lebens machen will. Also echt!
»Da bin ich ja ein Opa, bis das vielleicht was wird. Und du willst ja nicht mal! Sorry – für mich kommt keine Frau in Frage, die keine Kinder will.«
Auf einmal spüre ich, wie alles auseinanderfällt. Wir sind noch keine zwanzig Minuten hier und ich habe das Gefühl, auf einem Haufen Glasscherben zu sitzen. Die richtig fies wehtun und anders als Porzellanscherben kein Glück bringen. Alles, was ich bin, die letzten Monate war, wird gerade zerkratzt. Und ich weiß ja noch gar nicht so richtig, wer oder was ich bin, wohin ich will. Wie kann er mich auf einmal so unter Druck setzen, wo erst noch alles so traumhaft war?
»Das heißt, du machst Schluss?!«
»Ja, wenn du dabei bleibst, auf jeden Fall.«
Danke! Noch schneller hätte die Antwort nicht kommen können. Bin ich ihm auf einmal gar nichts mehr wert? Völlig überfordert schüttele ich den Kopf: »Ich geh jetzt besser.«
Totenstille. Als habe sich auch die Welt draußen abgeschaltet. Ich warte. Horche. Bis ich draußen von Weitem einen Wecker klingeln höre. Oder eine Küchenuhr. Unerklärlich, wo das jetzt herkommt. Den schrillen Ton werde ich nie mehr vergessen, das weiß ich schon jetzt.
Er schaut stur nach vorne, nichts an ihm ist greifbar. Was mach ich denn jetzt? Da ist gerade einfach kein Durchkommen, sein Gesicht von der Seite ist wie eine Mauer. Ich beschließe zu gehen, kann mir aber einen letzten Kuss auf seine Mauer nicht verkneifen. Währenddessen atme ich tief ein, um ihn womöglich ein letztes Mal zu riechen. Er zuckt kurz zusammen, bleibt aber in Beton-Haltung. Das ist ein anderer Mensch, den ich da sitzen habe. So muss es sein, wenn jemand stirbt und nur noch die Hülle da ist. Der Mann, den ich liebe, so unerklärlich liebe, ist irgendwo sonst, aber nicht in diesem Auto.
»Tschüss, mach’s gut.«
Er nickt nicht einmal mehr.
In dieser Nacht bringe ich kein Auge zu. Sage meiner Freundin Tony für den nächsten Tag ab, weil alles so schlimm ist. Weil er mit mir Schluss gemacht hat. Ich merke ihrer Antwort an, dass sie schon immer fand, dass mit ihm was nicht stimmt. Tatsächlich war er bei den beiden Malen, als er ihr begegnet ist, eiskalt. Fast wie heute Abend zu mir im Auto. Schon seltsam der Mann, irgendwie unergründlich. Aber ich kann nichts machen, ich wünsche mir nichts mehr als jetzt von ihm eine SMS zu bekommen. Dass er mich sehen will. Und dann soll er mich in den Arm nehmen und trösten.
Aber er meldet sich erst am nächsten Morgen nach seiner Schicht. Zittrig öffne ich die SMS, habe Mühe, die Tasten zu treffen, und lese: »Du bist toll. Sorry für gestern, das war mein zweites Gesicht.«
What?! Was denn für ein zweites Gesicht? Und was heißt das jetzt für mich, für uns?
»Heißt das, du wolltest gar nicht Schluss machen?«
»Ich bin verrückt nach dir. Aber ich will wirklich bald Kinder. Ich weiß auch nicht.«
Damit zündet er einen Hoffnungsfunken in mir. Dass noch nicht alles zu spät ist. Dass wir uns nicht sofort trennen müssen. Auch wenn ich zugeben muss, dass er recht hat. Wenn sein Lebensplan nicht zu meinem passt, müssen wir unsere Konsequenzen ziehen. Aber bitte noch nicht jetzt. Irgendwann ok, aber bitte: jetzt nicht trennen. Bitte nicht. Ich muss ihn sehen. Berühren. Alles. Sonst sterbe ich. Ganz sicher. Ich gehe ein wie ein Primel im Winter, wenn ich jetzt auf ihn verzichten muss.
»Wir können uns doch trotzdem treffen. So lang es eben gut geht.«
»Du meinst, bis du zum Studieren wegziehst und ich eine andere Frau kennenlerne, die zu meinem Leben passt?«
Es sticht und tut weh, aber ja, das ist es, was ich meine.
Danach krame ich meine eingestaubte Nähmaschine aus dem Schrank und schneidere mir meinen ersten selbst ausgedachten Rock. Ich brauche Ablenkung. Sonst drehe ich durch. Mein Schatz eine andere kennenlernen! Die Vorstellung ekelt mich. Dass er eine andere womöglich so berührt wie mich. Albtraum. Weg mit dem Gedanken. Ran an den Stoff.
Es wirkt. Der Rock gefällt mir richtig gut, ein Kleid und eine Hose folgen, und zwei Wochen später bewerbe ich mich fürs Design-Studium.
Ganze zehn Monate treffen wir uns, als sei nie etwas vorgefallen. Über die Zukunft verlieren wir kein Wort, wir genießen nur noch. Ich habe eine WG nahe der Uni gefunden und im Oktober geht es los. Dass uns über 200 Kilometer trennen werden, verdrängen wir. So what, ich komm am Wochenende einfach heim. Zu meiner Familie. Und zu ihm. Seine Wohnung ist irgendwie auch zu meinem Zuhause geworden. Nirgends habe ich je so friedlich geschlafen wie dort, von ihm gehalten, als sei er das Klammeräffchen.
Aber er ist der Überzeugung: »Wenn du erstmal angefangen hast zu studieren, lernst du so viele Leute kennen, dass du dich automatisch von allem hier entfernst.«
Das werden wir ja sehen!
Keine zwei Monate vor Beginn meines neuen Studentenlebens komme ich in sein Büro reingeschneit. Alle Kollegen sind schon ausgeflogen und er wirkt nachdenklich. Aber nicht unzufrieden. Anders irgendwie.
»Ich muss dir was sagen.«
»Was Schlimmes?«, frage ich, sofort alarmiert.
»Na wie man’s nimmt. Eigentlich was Gutes. Ich dachte, ich sag’s dir besser so früh wie möglich.«
Die Ahnung legt sich über mich wie die plötzliche Dunkelheit vor einem alles erschütternden Gewitter.
»Ich, also ich hab jetzt ’ne Frau … kennengelernt. Es könnte was Ernstes werden.«
Aha. Was Ernstes. Ja genau! So sagt er es auch. Todernst. Ich sehe gar kein verliebtes Funkeln in seinen Augen, kein Lächeln, nichts. Höchstens ein bisschen Stolz, dass er es geschafft hat, seinem Ziel näherzukommen.
»Wo hast du sie kennengelernt? Wer ist sie?« Ich brauche Informationen! Es ist noch nicht zu spät. Er sieht nicht gerade verliebt aus und schließlich hat er gerade meine Hände in seinen und nicht ihre!
»Ich hab sie ganz ähnlich kennengelernt wie dich. Ruta. Sie arbeitet da, wo ich oft mittags esse, und wir sind halt immer mehr ins Gespräch gekommen, haben uns getroffen … Sie ist aus Lettland und wohnt in einer WG. Für sie ist das alles kein Dauerzustand, aber sie ist halt noch neu hier …«
Na super! Eine Kneipenfrau aus Lettland – ›Suche Mann mit Geld.‹ Ganz tolle Wahl! Ruta, was für ein bescheuerter Name, als würde sie gleich die Rute schwingen.
»Sorry, aber die klingt total billig! Arbeitet als Bedienung, klar, um dort Geschäftsmänner abzuchecken. So billig und durchschaubar, echt!«
»Was ist denn mit dir los? Du hast doch sonst keine solche Vorurteile – so oberflächlich kenn ich dich gar nicht!«
»Frag dich mal, wer hier oberflächlich ist!«
Er schüttelt den Kopf, und auch ich schnaube ein paar Mal wütend. Werde ich ersetzt durch so eine! Aber er wird schon noch sehen, wo die ihn hinführt. Bin ich überzeugt von!
Bei unseren nächsten Treffen schweige ich die Frau beziehungsweise die Rute, wie ich sie in Gedanken nenne, tot. Ich will sie nicht wahrhaben und er erzählt mir auch nichts, wirkt eigentlich wie immer. Hat auch immer Zeit, wenn ich ihn frage, ob wir uns sehen. Nur fragt er jetzt nicht mehr von sich aus.
So auch diese Nacht. Diese schöne Nacht. Auch wie immer. Es ist einfach entspannt mit ihm. Außer das frühe Aufstehen. Morgens um vier ächze ich aus seinem Bett, ziehe mich an und drehe mich nochmal zur Matratze um, um die Decke ordentlich zurückzuschlagen. Da fällt mein Blick auf ein langes, dickes dunkles Haar. Ich greife wie paralysiert danach, schaue erst das Haar ausführlich an, dann ihn. Meine Augen sind vermutlich groß wie Teller, denn auch seine werden riesengroß.
»Das ist dein Haar!«, sagt er eilig, nach unseren gemeinsamen Schrecksekunden.
Ich greife mir wie ein Depp an den Kopf und weiß nicht, ob ich erleichtert sein soll, als mir einfällt, dass ich ja seit zwei Wochen wieder braune Haare habe! Ich habe mich noch immer nicht daran gewöhnt, wieder meine Naturfarbe zu tragen. Und am Hinterkopf habe ich tatsächlich relativ dicke Haare.
»Oh, äh, stimmt ja.« Ich fühle mich auf einmal ganz dumm.
Er greift nach meiner Hand und zieht mich wortlos vom Bett weg. Nimmt meine Übernachtungstasche und wir verlassen seine Wohnung nach draußen in die Kälte.
Als ich zu Hause in meinem Bett liege, sehe ich seine Augen immer wieder vor mir, wie sie größer wurden, als ich ihn groß angeschaut habe. Das Haar auf dem Laken. Das Haar in meiner Hand. Wie Stroh. Wie ein Strohhalm, an dem ich mich nicht festhalten möchte.
Widerwillig, so unglücklich einzuschlafen, bin ich plötzlich trotzdem weg und sehe im Traum, wie er seine Hand nach meinen Haaren ausstreckt, sie streichelt. Aber auf einmal bin ich nicht mehr ich, sondern Ruta. Die Haare sind nicht mehr braun, sondern pechschwarz. Und hart und spitz wie Draht.
Mit nassgeschwitztem Nacken wache ich auf und weiß: Egal, ob es mein Haar war oder nicht, sie hat in seinem Bett geschlafen. Sie war da. Und ich werde nie mehr in diesem Bett schlafen.
Tilda schaut mich traurig an, als ich eine Pause mache, und deckt sich auf dem Sofa selbstfürsorglich zu. Tom sieht eher gelangweilt aus und greift nach seinem allPhone.
»Aber es sind jetzt nicht alle Geschichten so traurig, die du uns erzählst?«, fragt Tilda vorsichtig.
Ohgott! Eigentlich wollte ich ja das Gegenteil erreichen. Sie aufmuntern. Ihr zeigen, dass sie nicht die einzige ist, bei der die Liebe nicht so glatt läuft.
»Eigentlich war das sogar der schöne Teil von dieser Geschichte«, murmle ich etwas verlegen, dass der Start von How I Met Your Dad so traurig ist.
»Ohgott Mama, vielleicht sollten wir das lassen.« Sie deckt sich wieder auf und auch Tom sieht aus, als wollte er sich vom Sofa aufschwingen.
»Halt, wartet! Ich meine, das ist doch nichts Schlimmes. Diese erste Liebe hat mich eben für immer geprägt, so blöd die Umstände auch waren. Wäre er nicht gewesen, wäre einiges anders gelaufen. Es klingt verrückt, aber ich hab angefangen, alle Männer durch eine Brille zu sehen: Ob sie mich irgendwie an ihn erinnern.«
Das scheint die beiden ein bisschen zu überzeugen, zumindest machen sie es sich wieder bequem.
»Weißt du, wie es weitergegangen ist mit ihm und dieser Ruta? Habt ihr euch nochmal gesehen?« Tom blickt immerhin von seinem allPhone hoch.
Ich lasse mir etwas Zeit mit der Antwort, überlege, ob ich es wirklich erzählen soll. »Ja. Aber jetzt wird es richtig traurig, Kinder. Ich versuch’s kurz und schmerzlos zu halten, ok?«
»Nee, erzähl doch lieber so, wie es war, meine Stimmung ist eh schon am Arsch.« Tilda kuschelt sich wieder in die Decke, als würde sie sie schützen.
Auch Tom nickt, ohne von seiner technischen Armverlängerung aufzuschauen. Sein allPhone scheint mit ihm verwachsen zu sein.
»Ok, wir schreiben das Jahr 2007, sechs Jahre später. Ich hatte in der Zwischenzeit sage und schreibe null Dates. Mein Studium hatte Vorrang. Hab ich mir eingeredet. Darin ging ich auf, das war jetzt mein ganzes Leben. Wobei ich nicht verschweigen darf, dass ich oft an ihn gedacht habe. Eigentlich jeden Tag, alle paar Minuten. Immer hab ich mich gefragt, wie es ihm wohl geht, mit seiner Ruta, ob er inzwischen Kinder hat. Einmal bin ich sogar an seiner alten Wohnung vorbeigefahren. Da stand eine schlanke Frau mit Pagenfrisur am Fenster und hat gerade irgendwas aufgeräumt. Sah ganz nach sexy Hausfrau aus, die alles im Griff hat. Da hab ich aufs Gaspedal gedrückt und bin abgedüst. Noch im Auto habe ich mir laut geschworen, dass ich das nie mehr mache. Wie eine Stalkerin nachts seine Familie beschatten, geht’s noch? Er hatte, was er immer wollte. Da hatte ich mich nicht einzumischen. – Und daran hab ich mich dann auch gehalten. Bis plötzlich … er sich in mein Leben zurückgemischt hat!«
Mein Studium frisst richtig viel Geld. Auch wenn ich kaum auf Partys gehe und mir praktisch nichts gönne, habe ich enorme Ausgaben mit dem Arbeitsmaterial. Und ich brauche Übung. Leider bin ich besonders beim Nähen alles andere als ein Naturtalent. Deshalb hatte ich eine Idee, die mein Studium nicht ausbremst, im Gegenteil, und ein bisschen Geld in die Kasse spült: Ich habe begonnen, freiberuflich als Änderungsschneiderin zu arbeiten. Dafür habe ich mir sogar eine richtig schöne Website gebaut und schon ein paar Aufträge bekommen. Ist zwar etwas peinlich, die Kunden in meiner Studenten-WG zu empfangen, aber bis jetzt hat sich keiner beschwert.
Mehrmals am Tag checke ich aufgeregt meine Mails, ob neue Kunden auf mich aufmerksam geworden sind. Es läuft immer besser, heute hab ich sogar zwei Termine! Als erstes kommt eine junge Frau mit einem alten Brautkleid – das wird schwierig, ob ich das schon kann? –, und als zweites hat sich ein gewisser Jens angekündigt, der seinen Nachnamen irgendwie hinterm Berg gehalten hat. Na mal sehen, was das für einer ist. Unter Menschen namens Jens konnte ich mir ja noch nie was vorstellen. Das klingt wie Mustermann.
Schnell den WG-Flur und mein Zimmer nach dem Brautkleid-Besuch aufgeräumt, klingelt es auch schon wieder an der Tür: Das muss der Jens Mustermann sein. Ein zaghaftes Zzzrrh, als hätte der Mann Angst, mit seinem Klingeln jemanden aufzuwecken. Wobei, in einer Studenten-WG ist der Gedanke nicht unberechtigt.
Gespannt drücke ich auf den Türöffner und höre, wie die Schritte auf den vielen Stufen hoch immer lauter werden. Obwohl sie genauso zögerlich wie das Klingeln erscheinen.
Aufmunternd rufe ich: »Durchhalten, Sie haben es gleich geschafft! Immerhin sind wir nicht ganz unterm Dach …«
Keine Antwort, die Schritte werden vielmehr langsamer. Schleppen sich regelrecht hoch. Wie schüchtern kann man denn sein, bitte? Oder vielleicht ist es ein ganz Alter? Oje, hoffentlich müffelt der mir nicht mein Zimmer voll. Wie gemein von mir, dieser Gedanke. Aber ich finde ja, dass alte Menschen oft ein bisschen bis sehr stark müffeln, besonders, wenn sie ihre Kleider zum Maße nehmen teilweise ablegen. Uhh! Ich hab mich immer gefragt, ob es im menschlichen Körper eine eingebaute Zeitschaltuhr gibt, die ab einem gewissen Alter das Signal gibt: Jetzt riechst du bitte nach alten Putzlappen. Oder: Du riechst jetzt nach staubigem Büffelfell. Oder: Jetzt ist es Zeit für Tilsiter-Geruch. Und morgens riecht dein Schlafzimmer ab jetzt ganz doll abgestanden nach Schlaf, Hokuspokus Fidibus!
Meine Mutter hat mir schon als Kind, als ich sie mit meiner empfindlichen Nase danach gefragt habe, erklärt, dass das an den Mottenkugeln liege. Alte Menschen würden sich das in den Schrank legen und deshalb verströmten sie den Muff-Geruch. Das mag damals vielleicht ein bisschen gestimmt haben, aber ich glaube, dass Mottenkugeln inzwischen selbst bei alten Menschen out sind. Ich hatte noch nie eine einzige Motte in meinen Kleidern. Oder werden die von dem Muff-Geruch in den Opa-Klamotten erst angezogen?
Wie auch immer, ich kann hier im Treppenhaus mit meinem empfindlichen Riechorgan keinen unangenehmen Geruch feststellen. Es riecht sogar sehr angenehm. Ich kann es nicht einordnen wie, aber auf einmal fühle ich mich wohl.
Bis ich plötzlich weiß, nach was es hier riecht!
»Juna, hallo!«, steht er vor mir, vor Aufregung und vom Treppenlaufen ganz weiß im Gesicht und atemlos.
Ich kann mich nicht rühren. Er sich offenbar auch nicht. Wir stehen im Treppenflur vor der WG und starren uns sprachlos an. Ich trete sogar einen Schritt zurück, um ihn genauer betrachten zu können. Er hat zugenommen, was ihm aber seltsamerweise richtig gut steht. Kocht seine lettische Frau also gut. Perfect Housewife. Bei dem Gedanken werde ich wütend, so dass ich meine Sprache wiederfinde: »Du bist also der Jens? Na dann Jens, was kann ich für dich tun?«
»Juna, jetzt sei doch nicht so.« Dann schweigt er wieder. Als habe er seine Zunge verschluckt. Vermutlich hat er einfach Angst, was Falsches zu sagen. Dann kommt er aber zögerlich auf mich zu und nimmt mich in den Arm. Hüllt mich ein in einer Wolke aus sich. So dass ich nicht anders kann und ihn auch drücke.
So stehen wir bestimmt fünf Minuten da, drücken uns und atmen um die Wette.
»Komm rein!«, fordere ich ihn auf, als mir bewusst wird, wie eigenartig wir hier draußen im Flur aussehen müssen. Und dass es eigentlich wie ein Traum ist: Ich habe mir immer gewünscht, wieder mit ihm reden zu können, zu hören und zu sehen, wie es ihm geht. Von ihm war nie eine SMS gekommen, nichts. Jetzt kann ich endlich alles fragen. So viel fragen!
»Aaaaah, wie hab ich das vermisst«, seufzt er, als er sich an mich kuschelt, genau wie früher.
Ich schäme mich plötzlich, dass ich ihn anders als immer gedacht nicht ausgefragt habe, sondern wir, sobald die Tür zu war, übereinander hergefallen sind wie Tiere. Mein Kopf ist auf einmal so leer. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, etwas zu meiner Verteidigung sagen zu müssen. Etwas in die Richtung, dass ich normalerweise nicht mit verheirateten Männern ins Bett steige. Und schon gar nicht in den ersten zehn Minuten. Gleichzeitig will ich einfach nur wie früher in seinen Armen liegen und nichts denken. Außer wie schön es ist.
Er lacht, irgendwie befreit: »Du hast dich gar nicht verändert, Juna. Ich hatte keine Ahnung, wie du inzwischen so drauf bist. Ob du ’nen Freund hast und mich vielleicht zum Teufel jagst. – Hast du?«
Ich schüttele traurig den Kopf. »Aber du. Bist du noch verheiratet?«
»Ja klar!«, verkündet er gut gelaunt und ich könnte ihm eine reinhauen. »Und halt dich fest, ich hab sogar eine dreijährige Tochter. Und wir leben immer noch in dem Haus von damals, nur eben im ganzen Haus statt nur unterm Dach. Es läuft richtig gut.«
Wie bitte? Wie gut kann es denn laufen, wenn er sich bei mir einschleicht, nervös wie sonstnochwas, und dann über mich herfällt, als hätte er die ganzen sechs Jahren lang keinen Sex mehr gehabt?
»Schön für dich!«, sage ich eingeschnappt.
»Ja, sorry, was soll ich sagen.«
Ja, was soll er auch sagen. Er war ja immer schon ein Freund der Wahrheit.
»Aber eins kann ich dir sagen: Es ist komisch … So zufrieden ich auch bin, wie soll ich sagen … trotz Frau und Tochter – ich hab immer an dich gedacht.«
Ich drehe mich weg, die Tränen schießen mir in die Augen. So plötzlich, als hätte er direkt auf die Drüse gedrückt und befohlen: Sturzflut, bis ihr ganzes Gesicht unter Wasser steht!
»Am besten, du gehst jetzt«, presse ich mit tiefer Kloßstimme hervor und fische neben dem Bett nach meinem BH. Ohne BH fühle ich mich ganz wehrlos. Als hätte ich meine Rüstung abgelegt. Schnell lege ich sie samt Höschen und Kleid wieder an und verschwinde in der Küche. Wasser! Ich brauche Wasser! Jede Sekunde zählt auf einmal, ich hatte noch nie so einen schlimmen Durst. Der Wasserhahn! Ich hänge mich direkt unter ihn, als sei ich am Verdursten.
Dort hänge ich noch, als er angezogen die Küchentür aufschiebt und geistreich sagt: »Also, ich geh dann jetzt.«
»Mmmhm, oheee«, gurgle ich in seine Richtung und winke ihm energisch zu. Er versteht den Wink: Du findest den Weg raus. Geh. Geh mit Gott. Geh mit allem, was du willst, aber bitte geh!
Als ich die Tür ins Schloss fallen höre, tauche ich wieder aus dem Spülbecken auf. Laufe wie in Trance zum Spiegel und schaue mich an. Ob noch alles da ist. Ob alles real ist. Die verlaufene Wimperntusche und die zitternde Unterlippe sehen jedenfalls verdammt real aus. Ich bin da, derangiert, aber klar und deutlich. Und er war da. Mein durchwühltes Bett ist Zeuge.
Als ich später meine Bettdecke ausgeschüttelt habe, als sei sie aus Porzellan, ist ein Zettel auf den Boden gefallen, auf dem er mir seine Handynummer notiert hat. »Meld dich, wenn was ist«, steht darauf. Der Zettel liegt jetzt in meinem Nachttisch. Seit fast zwei Jahren. Mein Studium ist bald geschafft, alles läuft gut, außer, dass mich die Männerwelt irgendwie noch immer kalt lässt. Ich hole den Zettel regelmäßig aus der Schublade und bin in Versuchung. Ob er überhaupt noch diese Nummer hat, nach der langen Zeit? Er hätte sich ja auch nochmal bei mir melden können, meine Mailadresse hat er ja. Aber er ist ja so happy und alles läuft bestens.
Trotzdem, ich bin neugierig. Jedes Mal, wenn ich den Zettel anschaue, wird die Versuchung größer. Auf einmal ist der Drang so stark, dass ich nur noch denke: Ich muss rausfinden, ob er unter der Nummer überhaupt noch erreichbar wäre. Ist ja nichts dabei. Eine unverfängliche Nachricht, was soll’s.
Gedacht, getan: »Hey, ich bin’s, Juna. Bist du noch unter dieser Nummer erreichbar?«
Abgeschickt, kurzer Prozess. Ohgott, warum hab ich mich denn so förmlich ausgedrückt, ich klinge ja wie vom Finanzamt!
Keine fünf Minuten später regt sich mein Handy: »Juna! Ja, bin ich! Wie schön, geht es dir gut?«
»Ja, alles bestens. War nur neugierig. Und bei dir?«
Nicht zu fassen. Da warte ich fast zwei Jahre, und dann klappt das so einfach. Kein spannungsvolles Warten, ob er antwortet, alles ganz ungeschminkt und ohne Spielchen.
»Na es geht so. Schön, dass du ok bist.«
»Was heißt geht so? Bist du krank?«
»Das auch. Hab die Grippe, aber das ist mein kleinstes Problem.«
»Oh. Was ist noch?«, frage ich, die Grippe interessiert mich nicht sonderlich in dem Moment.
»Ach ich hab Depris. Meine Frau hat mich verlassen und meine Kleine fehlt mir.«
»Oh. Deine Tochter ist bei ihr?«
»Ja, in Lettland. Einfach weg. Es ist furchtbar.«
Ich verkneife es mir, nochmal »Oh« zu schreiben. Aber das ist wirklich »Oh«. Ich kann mir vorstellen, dass ihn das fast umbringt, dass seine Tochter so weit weg von ihm ist. Er war ja immer sehr emotional, wenn es um das Thema Kinder ging, und seine Augen haben geleuchtet, als er stolz seine Tochter erwähnt hat. Anders, als wenn es kurz um Ruta ging. Obwohl wir ja nicht viel geredet haben das letzte Mal. Bei dem Gedanken werde ich noch immer rot. Was schreib ich denn jetzt?
»Kommt sie wieder?«, frage ich und hoffe ehrlich auf einen Lichtblick für ihn.
»Keine Ahnung. Ich bin einfach nur platt. Die Scheidung hat sie auch schon eingereicht.«
»Ja hast du irgendwas Schlimmes gemacht, ist was passiert?«
»Ich hatte halt ’ne schlechte Phase, arbeitslos und so, und irgendwie lief alles Scheiße. Da muss ich sie so genervt haben, dass sie halt keinen Bock mehr hatte.«
Na das passt ins Bild! Aber ich will ja nichts sagen. Ruta!
»Wie lange seid ihr schon getrennt?«
»Zwei Monate. Aber das wird nichts mehr. Da sind Sätze gefallen, die kann man nie mehr zurücknehmen. Es war furchtbar.«
Wie verrückt, dass ich ausgerechnet jetzt die Eingebung hatte, mich bei ihm zu melden.
»Ich wünschte, ich könnte was tun«, schreibe ich ehrlich voller Mitleid. Ich kann fühlen, wie unglücklich er ist.
»Danke. Ich muss jetzt erstmal wieder gesund werden.«
Mit Gute-Besserungswünschen beende ich den Schock des Tages und muss erstmal vor die Tür. An den Rhein. Frische Luft, um nicht vor Sorgen zu ersticken.
Zwei Wochen später rede ich mir ein, dass es unhöflich wäre, ihn nicht zu fragen, ob es ihm besser geht. Immerhin verbindet uns die schöne Zeit von damals, und ich sollte zumindest ein bisschen für meinen alten Freund da sein, wenn es ihm schlecht geht. Oder?
Seine Antwort erschreckt mich dann tatsächlich so, dass ich froh bin, gefragt zu haben: »Richtig schlecht. Ich bin immer noch krank. War beim Doc. Lungenentzündung. Aber irgendwie hilft Antibiotika nicht, ich kann nur noch arbeiten und schlafen.«
»Arbeiten?! Du musst dich schonen!«
»Wie denn? Ich hab hier die neue Arbeit angefangen und kann das nicht gleich wieder aufgeben.«
»Was heißt hier? Wo bist du?«
»In Krähenbach, neue Zweigstelle aufgemacht. Wohn jetzt hier im Hotel.«
Ich muss schnell im Internet schauen, wo das liegt. Nochmal 100 Kilometer von hier! Auch das noch. Krank, Frau und Kind weg und in einer fremden Stadt, ohne Wohnung.
Während ich google, kommt eine neue Nachricht: »Magst du vorbeikommen?«
Vorbeikommen? Zu ihm? Ins Hotel? Ich sehe wie in einem Karussell abwechselnd ihn und meine Prüfungen, Schnittmuster und Aufträge vor mir, alles, was ich mir für die nächsten Tage und Wochen vorgenommen habe. Aber ich kann ihn doch so nicht allein lassen? Andererseits: Ich war ihm doch auch scheißegal. Trotzdem. Er klingt furchtbar. Er braucht jemanden. Er braucht mich …
Bevor ich meine Gedanken beruhigen und logisch ordnen kann, schreibe ich: »Sag mir die Adresse. Morgen früh fahr ich los.«
Das Hotel ist von der schäbigsten Sorte, die ich je gesehen habe. Ich bin nicht anspruchsvoll und habe ein Faible für Kneipen und einfache Hotels, das richtige Leben. Keine Ahnung warum, vielleicht, weil es mich an die 80er Jahre, meine Kindheit, erinnert. Aber die Kneipe in diesem Hotel, die ich unter neugierigen Blicken passieren muss, um zu den Zimmern zu gelangen, ist die Hölle auf Erden: dunkel wie ein Loch, es riecht nach ranzigem Fett und Schimmel an den Tapeten, und die Fliesen sehen aus, als hätte man sie seit Jahren nicht geputzt, alles voller gelber Kleckse.
Als ich endlich in dem schmalen, dunklen Flur vor seinem Zimmer stehe – ein Licht habe ich nicht gefunden und das Fenster ist ganz am Ende des Flurs –, schaudert es mich: Hoffentlich ist es in seinem Zimmer schöner, sonst ist das keine Umgebung, um gesund zu werden.
Nochmal schnell stickige Luft geholt, klopfe ich entschlossen an die pappdünn klingende Tür. Nach ein paar Sekunden drückt er die Türklinke langsam, ohne Energie runter und macht mir die Tür auf, als sei es das normalste auf der Welt, dass wir uns hier wiedersehen. Erneut Jahre später. In der letzten Kaschemme.
Seine Schultern hängen tief nach unten und er ist grünweiß im Gesicht. Jegliche Attraktivität, die er früher durch seine Ausstrahlung hatte, ist verflogen.
Geschockt weiß ich auf einmal nicht, wohin mit meinen Händen. Soll ich den kranken, eingefallenen Mann umarmen? Ihm einen Begrüßungskuss geben? Keine Ahnung. Also gehe ich direkt in das Zimmer und wuchte meine Tasche auf den Boden, bevor er sie mir abnehmen kann.
»Hier bin ich!«, versuche ich ein gut gelauntes Lächeln.
»Schön.«
»Leg dich wieder hin«, sage ich, denn ich bin mir sicher, dass er nichts anderes kann als Liegen. Wie ein kleines Kind gehorcht er, geht ins Bett und schläft schneller ein, als ich meine Tasche auspacken kann.
Zwei Wochen sind vergangen, in denen jeder Tag gleich abgelaufen ist: Um vier Uhr morgens steht er auf, schleppt sich aus dem Hotel zur Arbeit, kommt am frühen Nachmittag zurück, isst, was ich ihm möglichst Gesundes gekauft habe, und wir legen uns ins Bett. Wenn wir zwischendurch aufwachen, schauen wir fern. Und irgendwann haben wir angefangen, uns wie früher aneinanderzukuscheln.
»Willst du im Hotel wohnen bleiben?«, frage ich ihn, als es ihm etwas besser geht. Was für ein deprimierendes Leben im Hotel. Das wünsche ich mir nicht für ihn. Auch wenn ich immer noch enttäuscht bin, wie er mich damals abgeschrieben hat.
»Ist doch eh alles egal. Ist doch eh immer nur Arbeiten und Schlafen.«
Ein paar Tage später, ich werde schon ganz verrückt vor Langeweile, habe ich fünf Wohnungen notiert, die er besichtigen könnte. Irgendwie habe ich das Gefühl, nicht gehen zu können, bevor er dieses Hotel verlassen oder zumindest eine Wohnung in Aussicht hat. Er hustet zwar nicht mehr andauernd und hat wieder etwas Farbe im Gesicht, aber ich glaube nicht, dass er sich alleine aufraffen kann, eine Wohnung zu suchen.
Nach der Arbeit schaut er sich meinen Zettel mit den Wohnungen an, lächelt und meint: »Ok. Machst du Termine?«
In Krähenbach scheint es keine Wohnungsnot zu geben; für alle fünf Wohnungen bekommen wir Einzelbesichtigungstermine. Ich freue mich richtig, mit ihm gemeinsam was Schönes auszusuchen, damit er sein neues Leben besser starten kann. Und ich in mein Leben zurückkann. Und vielleicht kann ich ihn ab und zu besuchen und wir machen es uns dann schön in der neuen Wohnung. Ich sehe mich schon in seiner Küche stehen und uns was Gesundes kochen, damit er nicht wieder so krank wird. Kochen? Ich? Jetzt geht es aber mit mir durch!
»Lass mich noch kurz duschen, sonst krieg ich nie ’ne Wohnung«, meint er, als er am nächsten Abend abgehetzt zurück ins Hotel kommt. Eigentlich sind wir schon fast zu spät dran für die erste Wohnung.
»Muss das sein? Du riechst traumhaft!«, schnüffle ich lachend an ihm, aber er glaubt mir nicht. Also mache ich ihm Feuer unterm Hintern, so dass er wie Speedy Gonzales ins Bad rennt.
Gottseidank, nach gefühlt nichtmal drei Minuten höre ich, wie er schon das Wasser abdreht und die Duschkabine dröhnend aufschiebt.
Ich schminke mir gerade die Lippen, als ich auf einmal einen seltsam dumpfen Knall höre, den ich nicht einordnen kann. Eine Schrecksekunde lang bleibe ich sitzen und habe plötzlich ein schreckliches Gefühl.
Als ich die Tür, die nach innen ins Bad aufgeht, öffnen will, stößt sie krachend an etwas an. An was, um Himmels Willen?!
Da sehe ich, dass er auf den grünen Fliesen liegt und sich nicht rührt. Ein Bild, das sich mir einbrennt wie ein Feuermal. Ich kriege die Tür nicht weiter auf, ohne ihn zu quetschen. Er ist zwischen Dusche und Tür eingeklemmt.
Ich fange an, hysterisch seinen Namen zu schreien. Besinne mich, dass er sehr empfindliche Ohren hat. Was soll ich tun?
Keine paar Sekunden später hämmert der Besitzer des Hotels an die Tür.
Als er wie ich auch feststellt, dass er die Badtür nicht weiter aufmachen kann, ohne meinen Ex-Freund zu verletzen, holt er sein Handy raus und schreit seine Adresse hinein.
Ich halte meine Hand durch den Türschlitz und greife nach Mr First Cuts Gesicht. Erwische schließlich seinen Hals und taste nach dem Puls. Ist das die richtige Stelle? Ich kann es nicht sehen, orientiere mich aber am Kinn. Nein, das kann nicht die richtige Stelle sein. Ich bin so dumm! Zu dumm, seinen Puls zu fühlen. Ohgott, wie ich mich dafür hasse.
Tilda und mittlerweile auch Tom schauen mich geschockt an. Das war wohl alles andere als ein lockerer Einstieg in die Storys, wie ich ihren Dad kennengelernt habe. Aber wie sonst könnte ich ihnen erklären, dass ich nach dem Tod von Mr First Cut jahrelang keine Lust auf Dates und ehrlichgesagt einen Hau weg hatte? Dass ich erst mit Anfang, fast Mitte 30 realisiert habe, dass ich nicht für immer allein bleiben kann?
»Ist er gestorben?«, fragt Tilda tonlos.
»Herzmuskelentzündung. Herzstillstand. Es muss ganz schnell gegangen sein. Es war nichts mehr zu machen. Und ich hab dann auch nichts mehr gemacht. Außer von der Pathologie aus mit seinem Handy Ruta angerufen. Sie klang genau so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Im Hintergrund ganz seltsam ein schriller Wecker … – Dann bin ich zur Post, hab ihr sein Handy und seine paar Sachen geschickt und mich nie mehr gemeldet. Mit deren Leben wollte ich nichts zu tun haben. Und mit meinem eigenen auch erstmal nichts mehr. Ich hab mich richtig am Ende gefühlt. Meine Wunde hat ewig gebraucht zum Heilen. Die Narbe ist bis heute noch ziemlich wetterfühlig, und wenn ich mal in einem schäbigen Hotel bin, reißt sie mich. Aber nur durch all das konnte ich zur richtigen Zeit euren Dad kennenlernen.«
DAS RÄTSEL DER SPHINX
»Kinder, jetzt müssen wir kurz noch weiter zurück in die Vergangenheit. In die Zeit der coolen Oversize-Hip-Hop-Hosen und der bauchfreien Spaghettiträger-Tops. In die Zeit, als das neue Millennium in großen Schritten näher gerückt ist. Die 1990er – das muss euch ja vorkommen wie aus einem Geschichtsbuch: das vorige Jahrtausend.«
Tatsächlich sitzen die beiden da, als müssten sie gleich eine Doppelstunde Geschichtsunterricht über sich ergehen lassen.
»Mir kommt das auch vor wie eine ganz andere Zeit, ganz weit weg. Wenn ich so zurückdenke, fühlt es sich an, als sei das damals eine andere Welt, ein anderes Leben gewesen … Ich kann gar nicht fassen, was sich seitdem alles verändert hat, was alles passiert ist: das Internet, alles wurde digitalisiert, die Terroranschläge, Völkerwanderungen … Die ganze Menschheit hat sich in diesen Jahrzehnten rasant neu geordnet. Hin- und hergerissen zwischen Ängsten vor den vielen Veränderungen und Weltoffenheit waren wir … Jedenfalls, in den letzten Jahren meiner Schulzeit war meine Welt noch klein. Ich hatte kein Handy und mein Leben bestand aus Schule, Mittagessen mit eurer Oma und Onkel Conny, danach schnell Hausaufgaben machen und dann mit Freundinnen in die Stadt fahren, die Zeit verbummeln, über Jungs quatschen, über Mitschülerinnen lästern … Und dann aufs Abi büffeln. Aber da war man damals noch nicht so verbissen. Über mein Zweier-Abi haben wir uns sogar richtig gefreut …«
»Komm zum Punkt, Mama«, schaut Tom ungeduldig auf seine all Watch, »ich muss nämlich auch noch lernen und mir reicht ’ne Zwei nicht!«
»Ich kann auch noch früher in der Geschichte ansetzen!«, lache ich. »Nämlich als Mr Sphinx und ich noch Kinder waren! Im Ernst: Ich mach’s kurz.«
»Du hast eine Sandkastenliebe, Mama?«, fragt Tilda gerührt.
»Nein, leider nicht. Mr Sphinx war ein sehr komisches Kind. Er und euer Onkel Conny haben noch nie viel von Sandkästen oder vom draußen Spielen gehalten. Die beiden saßen Nachmittag für Nachmittag, stundenlang, im abgedunkelten Zimmer und haben Computerspiele der ersten Stunde gezockt. Mr Sphinx war ein Nerd wie aus dem Bilderbuch: ein dünnes Klappergerüst, das sich unkoordiniert bewegt und dessen blassgrünes Gesicht im Dunkeln leuchtet. Und seine sozialen Fähigkeiten gingen gen Null. Immer, wenn er zu uns ins Haus kam, war er zu schüchtern, eure Oma oder mich zu begrüßen. Nachdem Conny auf den Türöffner gedrückt hatte, ist Mr Sphinx wie der Blitz auf seinen linkischen dünnen Beinen nach oben gerannt. Schnurstracks in Connys Zimmer. Es hätte nicht mehr viel gefehlt, und er hätte Connys Zimmertür laut zugeknallt, vor lauter Erleichterung, niemandem begegnet zu sein.«
»Jetzt sind wir doch in der Zeit gelandet, wo du ein Kind warst und noch kein Teenager in Hip-Hop-Hosen?«
»Stimmt. Aber im Grunde hat sich das Szenario auch bis Ende der 90er nicht verändert. Mr Sphinx ging bei uns wie in einer Endlosschleife ein und aus. Aber so richtig oft haben Oma und ich ihn nicht zu Gesicht bekommen. Was sein fluchtartiges Treppengerenne vielleicht erklärt: Mr Sphinx hat stark gestottert. Er war das unsicherste Kind, dem ich je begegnet bin. Ich war selber etwas verschüchtert, aber er hat mich um Längen geschlagen. Daran hat sich eigentlich unsere ganze Kindheit und Jugend über nichts geändert. Deshalb hätte ich nie damit gerechnet, was dann passiert ist. Als ich ungefähr sechzehn war und er so langsam volljährig wurde … Da hat mich euer Onkel eines Tages zur Seite genommen und gefragt, wie ich eigentlich den Mr Sphinx fände. Der Conny hat dabei ein ganz ernstes Gesicht gemacht, als habe er Angst, den Plan, den die beiden ausgeheckt haben, falsch umzusetzen. Entsprechend musste ich lachen – und was soll ich sagen, ich hab die Sache im Keim erstickt: ›Warum fragst du? Den find ich wirklich gar nicht toll. Gaaaar nicht.‹ ›Na weil er dich gut findet‹, meinte Conny, als loyaler Freund noch immer nicht mitlachend. ›Aber ok, dann sag ich ihm halt, dass du momentan nicht interessiert bist.‹ Momentan, dachte ich damals belustigt. Aber Kinder, da hat euer Onkel hellseherische Fähigkeiten bewiesen, ohne es zu merken.«
»Warum? Fandst du den Nerd plötzlich doch toll?«
»Naja, gute acht Jahre später dann! Als wir beide nicht mehr zu Hause gewohnt haben, war natürlich auch Mr Sphinx nicht mehr präsent in meinem Leben. Aber ich sollte ihn wiedersehen. Auf der Hochzeit von Onkel Conny und Tante Marika. Inzwischen sind wir auch im neuen Millennium angelangt, die Uhren haben die Umstellung auf die große Zwei vorne geschafft und die Kernkraftwerke sind wie gewohnt weitergelaufen … Aber nicht vom Thema abkommen, zurück zur Hochzeit von eurem Onkel. Wo natürlich auch sein treuer Freund Mr Sphinx nicht fehlen durfte …«
Wie ärgerlich, dass mich die viele Prüfungs-Nervennahrung bei meinem Hochzeitsoutfit eine ganze Größe mehr kostet! Aber nun gut, ich sehe trotzdem ganz passabel aus in meinem coolen Hosenanzug und mit den kunstvoll hochgesteckten Haaren. Das Brautpaar lässt noch auf sich warten und ich werde langsam ganz aufgeregt. Mein Bruder heiratet! Hoffentlich das einzige Mal in seinem Leben. Mit Marika verstehe ich mich ganz gut, aber ob sie die richtige Frau für sein ganzes Leben ist, weiß natürlich keiner. Außer meinem Bruderherz selbst, er meint es zum Glück zu wissen. Er sieht in ihr »das gesamte Paket«, wie er mal meinte, was so viel heißt wie »alles, was eine Frau haben sollte, ist da«: bodenständig, intelligent, aber nicht schlauer als er, gleiche Einstellungen, gleiche Ziele, aus guter Familie, versteht Spaß, will Kinder … Passt anscheinend alles. Und das passende Baby ist auch schon unterwegs. Darüber freue ich mich ganz besonders. Habe ich doch glatt am Telefon losgeheult, als Marika mich damit überrascht hat. Wenn ich schon keine Mama werden will, werde ich mich dafür als Tante richtig ins Zeug legen. Dann hab ich quasi auch ein Kind, nur ohne Dauerverantwortung, Windeln wechseln, Gebrüll, Erziehungszoff, Hängebrüste, hormonellen Haarausfall und Kesselbauch …
Langsam trudeln mehr und mehr Gäste ein und auf einmal auch eine Traube von Connys Freunden und deren Freundinnen: der Laszlo, der Gabriel, der Rudolf … alle mit ihren 0815-Freundinnen am Arm. Und noch einer allein, ohne Standardfrau angehängt, den ich nicht kenne. Oder doch! Na klar!!! Das muss Mr Sphinx sein!
»Junaschatz, mein Kind, wie schön, dass du auch da bist!«, reißt mich Oma aus meinen Gedanken. – Klar, wer hätte gedacht, dass ich »auch« auf der Hochzeit meines Bruders bin, lache ich in mich hinein, verkneife mir aber den Kommentar und umarme sie zur Begrüßung.
Sie verwickelt mich in ein Gespräch über ihre heutige Kleiderwahl, das schöne Wetter und ihren gemeingefährlichen Lockenstab – während Mr Sphinx wieder aus meinem Blickfeld gerät.
Nach der Trauung fällt er mir wieder ein, soll ich doch von Grüppchen zu Grüppchen gehen und für das Brautpaar Erinnerungsfotos schießen.
»Hallo Mr Sphinx«, sage ich, als ich bei ihm und Connys Clique angelangt bin. Und werde auf einmal rot, als er mir mit seinen dunkelbraunen Augen lieb zuzwinkert. Fange fast an zu stottern, als ich ihn um ein Foto bitte. Ich muss gestehen, selten so schöne Augen gesehen zu haben. Oder bilde ich mir das jetzt ein, weil um mich herum das Hochzeitsfieber tobt? Aber sein ganzes Gesicht gefällt mir auf einmal. Seine Haut ist inzwischen nicht mehr weißgrün, sondern sexy gebräunt. Und diese Stimme, zum Dahinschmelzen, als er meint: »Hallo Juna! Ja klar, gerne komm ich mit aufs Foto für den guten alten Conn!« Conn, stimmt, so hat er meinen Bruder schon zu Nerd-Zeiten genannt. Warum ist mir nie aufgefallen, was für eine schöne Stimme er hat? Er klingt irgendwie so männlich und vernünftig. Ja stimmt – weil er früher gestottert hat! Da wirkte das alles ganz anders. Tut er das vielleicht immer noch und ich habe es nur überhört? Irgendwie muss ich ihn zum Reden bringen, das will ich jetzt wissen!
»Also wir haben uns ja echt lange nicht mehr gesehen«, starte ich den Smalltalk.
»Ja stimmt, seit dem Abi eigentlich nicht mehr. Du studierst noch?«, fragt er, ohne dass ich ein Stottern erkennen könnte, und schaut mich so interessiert und lieb an, dass meine Knie ganz weich werden. Bitte gib mir mehr von dem heißen Scheiß … wenn ihr das spielt, werden meine Beine weich … Huch, jetzt hab ich auch noch nen Ohrwurm.
Ich nicke bestätigend mit dem Beat in meinem Kopf, aber ehe ich ausführlich antworten kann, ruft meine Tante schrill: »Junaaaaa, machst du auch von uns ein Foto – bitte!«
»Ich muss«, seufze ich, und schneller als ich gucken kann, zieht mich meine Tante zu sich. Egal, das Gespräch lässt sich ja bestimmt später fortsetzen, der Tag und die Nacht sind ja noch jung!
Nach der Trauung geht es weiter ins Restaurant, wo die Feier stattfinden soll. Ich scanne unentwegt den Raum – aber Mr Sphinx ist weit und breit nicht zu sehen. Und so dünn wie früher, dass man ihn glatt übersehen könnte, ist er nun auch nicht mehr.
Je näher der Abend rückt, desto eher wird mir klar, dass er einer der Gäste sein muss, die nur zur Trauung »vorgesehen« waren. Na toll, danke Conn! Da hast du einen einzigen tollen Singlefreund, und der ist nicht auf eurer Party dabei. Super gemacht, Bruderherz!
