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Nachdem Vincent betrunken seinen besten Freund küsst, zieht er zu seiner Schwester nach Kiel. Dort trifft er den mysteriösen Alex, der sich als bekannter Influencer entpuppt. Die beiden nähern sich an. Wie wird Alex reagieren, wenn er erfährt, dass Vincent schwul ist — und Gefühle für ihn hat? Marisa Hart erzählt in ihrem ersten queeren New Adult-Roman von einer emotionalen Achterbahnfahrt und der Angst vor unerwiderter Liebe.
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Seitenzahl: 708
Veröffentlichungsjahr: 2025
Content Note: Liebe Leser*innen, dieses Buch enthält Darstellungen von homophoben Äußerungen, die gegebenenfalls belastend sein können.
How you influenced me
1. Auflage
© 2025 Community Editions GmbH
Weyerstraße 88-90, 50676 Köln
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk, Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger aller Art, auszugsweisen Nachdruck oder Einspeicherung und Rückgewinnung in Datenverarbeitungsanlagen aller Art, sind vorbehalten. Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.
Die Inhalte dieses Buches sind von Autoren und Verlag sorgfältig erwogen und geprüft, dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Eine Haftung von Autoren und Verlag für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen. Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an: [email protected]
Text: Marisa Hart
Layout und Design: BUCH & DESIGN Vanessa Weuffel
Umschlagillustrationen: Alexander Dietrich
Satz: Joachim Buhmann
Projektleitung: Klara Scherholz
Lektorat: Waltraud Grill
Foto: Verena Schick
Gesetzt aus der Adobe Garamond Pro, der Bliss Pro und der Northern Soul Caps
Gesamtherstellung: Community Editions GmbH
eISBN 978-3-96096-550-3
www.community-editions.de
Für Charlotte, die Alex und Vincent vom ersten Moment an in ihr Herz geschlossen hat.
Und für Micha, der mich mit all meinen regenbogenbunten Facetten liebt.
Playlist
Kodaline – All I Want
Sleeping at Last – Saturn
Sleeping at Last – Mercury
SUPER-HI und NEEKA – Following The Sun
Wolf Larssen – If I Be Wrong
Flora Cash – You’re Somebody Else
Lord Huron – The Night We Met
Eddie Vedder – Society
Vance Joy – We’re Going Home
White Apple Tree – Snowflakes
OneRepublic – Apologize
Samuel Jack – Feels Like Summer
The Strumbellas – Spirits
Bruno Mars – Count on Me
Seafret – Oceans
M83 – Wait
SYML – Where’s My Love
Inland Sky – Little Hands
Coldplay – The Scientist
SYML – Apollo
SYML – The Dark
Vorwort
von Kostas Kind
Leute, ich liebe queere Storys! (Und ich finde, es kann nie genug von ihnen geben.)
Das Coole an Geschichten ist, dass sie uns die Möglichkeit geben, in die Gedanken der Charaktere einzutauchen und zu verstehen, was in ihnen vorgeht. Ja, ich weiß, das ist jetzt keine Neuigkeit! Aber ich finde, wenn man darüber nachdenkt, was das bedeutet und wie selten das ist, wird das zu etwas Besonderem. Denn erstens: In welchem anderen Medium ist das sonst so? Am ehesten vielleicht im Musical. Auch wenn kritische Stimmen (fälschlicherweise) behaupten: »Mann, Alter – warum müssen die immer random anfangen zu singen?«, ist das genau NICHT random. Sondern der Moment, in dem die Emotionen überlaufen und die Charaktere nicht mehr anders können, als zu singen, und uns damit einen Einblick in ihr Innerstes gewähren. In ihre Wünsche (den sogenannten »I want«-Song), in ihr absolutes Hoch und in ihr tiefstes Tief. Das ist schon intim!
In Musicals geht das, und eben in Büchern.
Und zweitens: Was wird dadurch möglich? Klar, dass wir mit den Figuren fühlen, sie verstehen und ihre Handlungen nachvollziehen können. Gerade bei queeren Geschichten spielt das meines Erachtens eine besonders wichtige Rolle. Denn obwohl wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten große Fortschritte gemacht haben, gibt es viele, die in ihrem Alltag und somit in ihren Gedanken wenige Kontaktpunkte mit der LGBTQ+-Community haben. Viele, weil sie an Orten und in Umfeldern leben, wo wenig darüber gesprochen wird und die allgemeine Akzeptanz noch niedriger ist. Und viele, die sich dadurch allein fühlen.
Aber das kann sich durch solche Geschichten verändern.
Ich denke mir das oft, wenn ich selbst queere Storys konsumiere. Wie unfair die Ängste sind, die die Charaktere mit sich rumtragen müssen, nur weil sie zum Beispiel auf jemanden des gleichen Geschlechts stehen. Wie sehr sie dagegen ankämpfen, wie schwer der Weg zur eigenen Akzeptanz und wie groß die Sorge vor der Reaktion des Umfelds sein kann. Wenn der Held der Geschichte aufgelöst vor seinem besten Freund steht, die Augen glasig, das Herz kurz vor der Explosion und er zittrig sagt: »Jo, also … ich mag Jungs.«
Auch wenn das Ganze bei mir schon gefühlt ’ne Ewigkeit her ist, kriegt mich das jedes Mal. Weil ich mir denke: Wie bescheuert. Wie bescheuert, dass so eine Sache dazu führen kann, dass der Gegenüber sagt: »Ne, ey. Zieh ab.« Obwohl es dabei wohlgemerkt um eine Sache geht, auf die niemand Einfluss hat, die niemandem wehtut und die in ihrem Wert auf derselben Stufe stehen sollte wie jede andere Liebe. Jup, und dann denke ich mir: Diese Geschichte soll jede*r sehen, der im echten Leben mit »Ne, ey. Zieh ab« reagieren würde.
Weil – wenn das hier so klar dargestellt wird und man sieht, wie unfair das ist, vielleicht ist man dann auch ein bisschen weniger dagegen. Wenn man die echte Sehnsucht, die echte Zuneigung und die echte Angst sieht, vielleicht wünscht man dem Charakter auch ein bisschen, dass alles gut wird. Und wenn man sieht, dass man ja selbst auch möchte, dass die eigene Liebe akzeptiert wird, vielleicht nimmt man das ein bisschen mit ins echte Leben.
Das ist die Power von Geschichten. Eine Brücke zu bauen, die uns das Leben anderer nicht nur offenbart, sondern im besten Fall auch nachfühlen lässt. Selbst wenn es um etwas geht, das uns nicht direkt betrifft, ist das Gefühl, das dem zugrunde liegt, oft eines, das wir alle kennen. Die Angst vor Ablehnung zum Beispiel, die Sorge vor den Erwartungen anderer oder vielleicht der Wunsch, so sein zu können, wie man ist. Auch wenn wir alle individuell sind, sind wir doch nicht so unterschiedlich, haha.
So, aber das Coole ist, dass das natürlich nicht nur über Mitgefühl funktioniert, weil der Charakter eine schwere Zeit durchmacht, sondern vor allem über die leichten, lustigen und unterhaltsamen Szenen. Wenn ihr Maris Buch lest, könnt ihr euch in erster Linie auf eine gute Zeit mit Vincent und Alex freuen! Eine, die euch zum Lachen bringt, die euch inspiriert und – so war’s zumindest bei mir – vermutlich das ein oder andere Kopfschütteln provoziert, haha.
Was mich besonders mit der Geschichte verbindet, ist, dass ich ja tatsächlich auch ein queerer Influencer aus der Nähe von Kiel bin. Die Orte, die in diesem Buch erwähnt werden, das Meer und der Struggle, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von Hamburg nach Hause zu kommen – all das hat neben der Hauptstory zwischen Vincent und Alex auf jeden Fall ’ne ordentliche Portion Nostalgie in mir freigesetzt.
Ich wünsche euch ganz viel Spaß mit den Boys und ihrer Welt und ein großes Danke an dich, Mari – ich fühl mich sehr geehrt, dass ich ein Vorwort für deine Story verfassen durfte!
Kostas Kind
Instagram: @koschtaa
YouTube: @KostasKind
1
Vincent ließ seine Reisetasche auf den weißen Läufer fallen und drückte die Tür hinter sich zu. Seine Schwester hatte ihn über den Türsummer in die Wohnung gelassen, war nun aber nirgends zu sehen. Dafür stieg ihm beißend chemischer Geruch in die Nase.
»Lia?«
Keine Antwort.
Er befreite sich aus seinen Sneakers und schob sie unter die Garderobe.
»Bin in der Küche«, kam schließlich die Antwort, auf die er gewartet hatte. »Komm einfach durch! Probiere gerade ein paar neue Nagellacke aus.«
Das erklärte den seltsamen Geruch. Vincent durchquerte den schmalen Flur. Die Holzdielen knarrten unter seinen Füßen. Er warf einen flüchtigen Blick auf die gerahmten Fotos über der alten weißen Kommode. Auf einigen entdeckte er Lia mit ihren Freundinnen, auf anderen sich selbst an ihrer Seite. Lia und er hatten sich schon immer gut verstanden. Das Verhältnis zwischen ihnen glich eher einer besten Freundschaft als einer klassischen Geschwisterbeziehung. Sie konnten über alles reden und in anderen Momenten wie kleine Kinder herumalbern. Seit Lia vor drei Jahren von zu Hause ausgezogen war, war es dort ruhig geworden. Vincent vermisste sie und stellte fest, dass er sie viel zu selten besucht hatte. Zu beschäftigt war er mit seinem Studium und seiner Selbstfindung gewesen. Gerade Letztere hatte ihm zunehmend zu schaffen gemacht. Es war eine Kombination aus schlechten Erfahrungen, Zurückweisungen und daraus resultierenden Unsicherheiten und Verlustängsten. Das Ganze hatte dazu geführt, dass er außerhalb seines Elternhauses versucht hatte, möglichst nicht aufzufallen. Doch Lia schien nicht nachtragend zu sein.
Als Vincent in die Küche trat, kauerte Lia in akrobatischer Haltung auf dem weißen Holzstuhl am mickrigen Küchentisch, den linken Fuß gegen die Tischkante gestemmt, den rechten auf dem Tisch platziert. In einer Hand hielt sie ein Fläschchen neongrünen Nagellack, in der anderen den dazugehörigen Pinsel. Weitere Nagellacke reihten sich auf dem Tisch aneinander.
»Sorry, bin gleich fertig«, entschuldigte sie sich, während sie die grüne Farbe auf ihre Zehennägel tupfte. Sie sah kurz zu ihm auf, musterte ihn und lächelte.
»Gut siehst du aus. Sicher, dass es dir schlecht geht?«
Vincent schmunzelte. Er lehnte sich gegen den Küchentresen und beobachtete Lia dabei, wie sie die Nagellackfarbe wechselte und nun mit ihren Fingernägeln weitermachte. Sie sah hoch konzentriert aus. Er ignorierte ihre rhetorische Frage.
»Danke, dass ich herkommen durfte«, sagte er stattdessen. »Ich hatte das schon viel länger vor. Aber spätestens jetzt brauchte ich echt dringend Abstand.«
Lia wandte sich erneut zu ihm. Ihre langen gewellten Haare verdeckten den Großteil der Stuhllehne.
»Ich kann es mir immer noch nicht so ganz vorstellen. Felix ist doch sonst nicht so.«
Vincent zuckte mit den Schultern. Es war mehr ein Reflex als eine bewusste Reaktion.
»Sonst ist er auch noch nie von einem Kerl geküsst worden«, erwiderte er.
Lia stand auf und trat auf ihn zu. Dabei hielt sie ihre Finger ziemlich unnatürlich, um die frisch lackierten Nägel nicht zu ruinieren. »Ich hab ihn echt gern, aber seine Reaktion ist echt drüber.«
Vincent nickte, bevor er ihrem Blick auswich. Er wollte nicht, dass alles wieder hochkam. Lia blickte ihm mitten ins Herz.
»Und überhaupt …«, fuhr sie fort. »Hallo erst mal!« Und mit diesen Worten beugte sie sich vor und schloss ihn in ihre Arme ‒ darauf bedacht, dass ihre lackierten Nägel nichts berührten.
Vincent legte ein Seufzen in die Umarmung. Lia schenkte ihm ein Gefühl von Geborgenheit und Fürsorge. Das war etwas, das er bei Felix vermisst hatte, nachdem er das offene Geheimnis zwischen ihnen durch den unüberlegten Kuss gelüftet und ihm nach all den Jahren gebeichtet hatte, dass er auf Männer stand. Ausschließlich auf Männer. Dass er dieses Thema nie zuvor angesprochen hatte, hatte mehrere Gründe. Zum einen war Felix jedes Mal ausgewichen, wenn er nur versucht hatte, eines ihrer Gespräche in diese Richtung zu lenken. Zum anderen war Felix niemand, der Geheimnisse besonders gut hüten konnte. In der Vergangenheit hatten sie sich deshalb schon einige Male gestritten. Vincent hatte befürchtet, dass Felix die Sache herumposaunen könnte ‒ wenn auch nicht in böser Absicht. Das hätte jedoch dazu geführt, dass Vincent noch mehr schikaniert worden wäre als sowieso schon. So wie es seine ganze Schulzeit über gewesen war – ganz egal, was er getan oder nicht getan hatte. An einigen Tagen hatten sich seine Mitschüler darüber lustig gemacht, dass er lieber zeichnete, statt Fußball zu spielen, an anderen über seine Locken und Sommersprossen und hin und wieder auch darüber, dass er seine Freizeit fast ausschließlich mit Felix verbrachte, was zu der Spekulation geführt hatte, dass etwas zwischen ihnen lief. Da dem nie so gewesen war, hatten Vincent und Felix diese Behauptungen zu Recht abgestritten und sich gemeinsam darüber lustig gemacht. Hätten die anderen in dieser Phase seines Lebens erfahren, dass er schwul war, hätte er das Thema nur angeheizt. Und darauf hatte er lieber verzichtet.
Lia rückte ein wenig von ihm ab und betrachtete ihn mit ihren grünen Augen.
»Da denkt man, so was gibt es nur in Filmen, und dann steckt man plötzlich selbst mittendrin im Drama, was?« Sie versuchte ein aufmunterndes Lächeln.
Vincent nickte. »Ich hätte einfach nie gedacht, dass er so reagiert.«
Lia betrachtete ihn mitfühlend. »Willst du noch mal drüber reden?«
Vincent schüttelte den Kopf. »Nein, um ehrlich zu sein, habe ich das Ganze schon viel zu oft in meinem Kopf durchgespielt.«
»Hat er sich in der Zwischenzeit denn endlich mal gemeldet?«, hakte Lia vorsichtig nach.
Vincent schloss kurz die Augen, um sich zu sammeln.
Felix war nicht bloß irgendein Kumpel. Er war sein bester Freund. Und irgendwie auch so ziemlich sein einziger Freund ‒ mit Ausnahme einiger Kommilitonen, mit denen er sich gut verstand. Vermutlich war genau diese Tatsache daran schuld, dass er sich in irgendwelche dämlichen Gefühle für ihn verrannt hatte, die sich nun – mit etwas Abstand – völlig surreal anfühlten. Felix war sein Kumpel, aber nicht mehr. Und dennoch hatte er die Kontrolle über sich verloren, als sie eines Abends zu viel getrunken hatten und er daraufhin seine Lippen auf die von Felix gepresst hatte. Die Erinnerung an diesen Moment war so schwammig, dass sie sich fremdartig anfühlte. Die Berührung hatte kaum eine Sekunde lang angehalten, da hatte Felix ihn schon von sich weggeschubst, war von der Couch aufgesprungen und hatte ihn abschätzig gemustert. Dabei hatte er sich mehrfach mit der flachen Hand über die Lippen gewischt. Und dann war er abgehauen. Ohne ein Wort. Später hatte Vincent ihm eine WhatsApp-Nachricht geschickt und ihm gesagt, dass er schwul war. Die Sache mit dem Kuss hatte er auf den Alkohol geschoben und sich dafür entschuldigt. Doch von Felix kam keine Reaktion. Bis heute nicht.
»Nein«, antwortete Vincent schließlich.
»Was für ein Blödmann«, erwiderte Lia. »Klingt, als wäre er ein beschissener Freund.«
Sie betrachtete ihre Fingernägel und tastete sie vorsichtig ab. »Getrocknet«, stellte sie fest.
»Gewagte Farbkombi«, gab Vincent seine ungefragte Meinung dazu.
»Gewagte Kritik«, konterte Lia. »Ich kann dich jederzeit hier rauswerfen. Das weißt du hoffentlich?«
Vincent lachte. »Ich bin ja noch nicht mal richtig eingezogen.«
»Aber das ändern wir jetzt«, erwiderte Lia. »Komm, ich zeig dir dein Zimmer!«
Mit diesen Worten verließ sie die Küche. Vincent ging ihr nach. Im Flur griff er nach seiner Tasche, bevor er Lia in den Raum am Ende des Flurs folgte.
Lia öffnete die Tür und streckte ihren Arm aus. »Et voilà! Da wären wir.«
Vincent ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Es war nicht sonderlich groß, aber gemütlich. Mittig stand ein großes Bett auf einem beigefarbenen Hochflorteppich. Die hellen Vorhänge vor den bodentiefen Fenstern waren zugezogen. Vermutlich, um die heiße Sommersonne abzuschirmen. In der Wohnung war es jetzt schon wärmer als draußen. Gegenüber vom Bett befand sich ein Schreibtisch. In der hinteren Ecke stand ein mit dunkelgrünem Samt bezogener Stuhl, der aussah, als käme er aus einem Antiquariat. Neben der Tür entdeckte er den Kleiderschrank.
Vincent stellte seine Tasche auf das Bett und drehte sich wieder zu Lia, die noch immer in der Tür stand. Sie lächelte.
»Zum Glück habe ich mich damals für eine Dreizimmerwohnung entschieden, was?« Sie zwinkerte. »Als ob ich geahnt hätte, dass du eines Tages hier aufschlagen würdest.«
Lia hatte nach dem Abitur eine Ausbildung zur Grafikdesignerin absolviert. Sie hatte sich trotz ihres Einserabis gegen ein Studium entschieden. Sie wollte keine Zeit vergeuden, sondern Geld verdienen und arbeiten. Damit war sie das Gegenteil von Vincent. Er hatte nach seinem Schulabschluss nichts mit sich anzufangen gewusst und sich deshalb an der Kunsthochschule eingeschrieben. Nun studierte er Freie Kunst und hatte sich damit bewusst noch nicht festgelegt. Er konnte gut zeichnen und wünschte sich, eines Tages Bücher illustrieren zu dürfen. Doch er wusste, dass er nicht der Einzige mit diesem Traum war und sich deshalb keinesfalls sicher sein konnte, irgendwann auf diese Weise Geld zu verdienen.
Vincent ließ sich aufs Bett fallen. Lia beobachtete ihn. In ihrem Blick schwang Besorgnis mit, die jedoch durchbrochen wurde, als ihr Handy vibrierte. Sie zog es aus ihrer Jeanstasche und warf einen Blick auf das Display.
»Ah, wie geil ist das denn?«, stieß sie daraufhin aus. Ein breites Grinsen zierte ihr Gesicht.
»Hm?« Vincent wusste, dass Lia viel Zeit über ihrem Smartphone verbrachte und sich über die Jahre zwei mittelmäßig erfolgreiche Accounts auf TikTok und Instagram aufgebaut hatte. Sie erhielt sogar hin und wieder kleinere Kooperationsanfragen, woraufhin sie mal Kleidung, mal Make-up, mal irgendwelche Wohnaccessoires in die Kamera hielt. Er selbst besaß lediglich ein Instagram-Profil, das eher einem privaten Fotoalbum glich, das er mit seiner Familie, Felix und einigen Kommilitonen teilte. Er pflegte und füllte es nur sporadisch.
»So ein Kerl auf TikTok hat mein letztes Reel geteilt. Nun geht es viral. Der hat zwei Millionen Follower. Ich dreh durch! Das ist mega!«
Sie steuerte auf Vincent zu und setzte sich neben ihn auf das Bett – ohne dabei auch nur eine Sekunde vom Display aufzusehen.
»Und das heißt was?«, hakte Vincent nach.
»Dass ich sicher einige Hundert oder Tausend neue Follower bekommen werde«, freute sich Lia.
»Was für ein Video von dir hat er denn geteilt?« Vincent hatte kein großes Interesse an Social Media, wollte aber nicht unhöflich sein und tat deshalb wenigstens so, als ob er mehr darüber wissen wollte.
»Ach, nur so ein Damals vs. heute«, antwortete Lia. »Aber es hat ihm offensichtlich gefallen.«
Vincent betrachtete sie von der Seite und lächelte. Sie war fast fünf Jahre älter und obwohl sie ziemlich ausgeflippt war, war sie doch die Bodenständigere und Vernünftigere von ihnen beiden. Doch in diesem Moment glich sie einem kleinen aufgeregten Mädchen und erinnerte Vincent an eine Lia vor fünfzehn Jahren. Er beobachtete, wie sie durch die Kommentare scrollte, flüchtig auf einige antwortete, andere herzte. Es fiel Vincent schwer, sie nun wieder in ein Gespräch zu verwickeln. Er hatte schon immer das Gefühl, dass Menschen sich veränderten, sobald sie die virtuelle Realität betraten, als würde das Hier und Jetzt von einer auf die andere Sekunde nicht mehr existieren. Er seufzte, stand auf und zog den Reißverschluss seiner Reisetasche auf. In diesem Moment schaute Lia wieder zu ihm auf und legte ihr Handy zur Seite.
»Entschuldige«, sagte sie dazu. »Soll ich dir helfen?«
Vincent schüttelte den Kopf. »Ich glaube, ich würde jetzt gern etwas allein sein, mich in Ruhe einrichten und so.«
Lia nickte und stand vom Bett auf. Vincent spürte, wie sie ihn anschaute, während er seine Kleidung in kleinen Stapeln auf dem Bett drapierte. Dann trat sie auf ihn zu und schloss ihn erneut in ihre Arme. »Das wird schon wieder«, flüsterte sie ihm ins Ohr.
Sie löste sich von ihm, strubbelte ihm durch die braunen Haare und brachte seine ohnehin schwer zu bändigenden Locken durcheinander.
»Ich hab dich echt vermisst, weißt du das?« Sie lächelte.
»Ich dich auch«, erwiderte Vincent. »Zu Hause ist es echt lahm ohne dich.«
»Ein Grund mehr, dass du jetzt hier bist. So können wir die letzten Jahre ein wenig nachholen.«
Vincent betrachtete sie, gerührt und nachdenklich.
»Danke«, brachte er dann hervor. »Für alles.«
»Immer, kleiner Bruder.« Sie stopfte ihr Handy zurück in die Hosentasche und deutete auf die Tür. »Ich muss noch was am Laptop erledigen. Später koch ich uns was Leckeres, ja?«
Vincent nickte, während er seine Tasche weiter ausräumte. Lia blieb noch einmal in der Tür stehen. »Und vergiss nicht, dich bei Jannik wegen des Jobs im Beans & Boats zu melden! Er hat gefragt, ob du morgen oder erst nächste Woche anfangen willst.«
»Mache ich, versprochen«, erwiderte Vincent. »Danke.«
Lia warf ihm noch ein letztes Lächeln zu, bevor sie das Zimmer verließ und die Tür hinter sich zuzog. Kaum dass er allein war, schob er seine Tasche zur Seite und ließ sich erneut aufs Bett fallen. Seufzend vergrub er sein Gesicht hinter seinen Händen. Er wünschte sich Ruhe, um sich zu sortieren, doch gleichzeitig war das mit der Stille so eine Sache. Sie sorgte dafür, dass die Stimmen in seinem Kopf lauter und die Erinnerungen klarer und schmerzhafter wurden. Der abschätzige Blick von Felix und die verletzenden Worte seiner damaligen Mitschüler vermischten sich zu einem Strudel aus negativen Gefühlen, dem er kaum Herr wurde. Zum Glück waren Semesterferien. Er hätte nicht gewusst, wie er sich in diesem Zustand auf sein Studium konzentrieren sollte.
Den Aushilfsjob im Beans & Boats hatte er beinahe vergessen. Er würde sich später bei Jannik melden. Lia hatte das Ganze für ihn eingefädelt, damit er zwischendurch rauskam und sich in den Ferien etwas dazuverdienen konnte. Vermutlich waren ihre Gedanken dazu nicht ganz uneigennützig, denn auf diese Weise würde Vincent auch etwas zur Miete und zu den Einkäufen beisteuern können. Lia kannte Jannik über drei Ecken. Er war der Geschäftsführer des kleinen Cafés am Bootshafen. Und nicht zum ersten Mal hatte Vincent das Gefühl, dass Lia halb Kiel kannte.
Er nahm seine Hände aus dem Gesicht und blickte sich um. Er brauchte nicht mehr zu tun, als seine Tasche auszuräumen und sich einzurichten, doch in diesem Moment glich das einer Mammutaufgabe. Er war müde und fühlte sich ausgelaugt. Dabei war er sonst ganz anders. Normalerweise ließ er sich von nichts und niemandem die Laune verderben und war sich die meiste Zeit selbst genug. Er war ohnehin recht introvertiert und verbrachte seine Freizeit lieber mit dem Zeichnen oder Lesen als unter Leuten. Doch die jetzige Situation war anders. Es ging nicht um irgendwelche Leute, sondern um seinen besten Freund. Felix’ angewiderter Gesichtsausdruck, nachdem er ihn geküsst hatte, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Im Grunde hatte er gar nicht vorgehabt, sich vor ihm zu outen. Zumindest noch nicht. Aber dann war eines zum anderen gekommen: der Alkohol, der Kuss, sein Geständnis ... Seither herrschte Funkstille zwischen ihnen. Er war unsicher, wie er das Schweigen von Felix deuten sollte. Hatte Felix ein Problem damit, dass er schwul war? Oder weil Vincent ihn geküsst hatte? Dafür hatte er sich jedoch bereits entschuldigt. Er konnte nicht nachvollziehen, warum Felix sich bis jetzt nicht bei ihm gemeldet hatte. Der Felix, den er zu kennen geglaubt hatte, hätte auf seine WhatsApp-Nachricht wahrscheinlich einfach mit einem »Sorry, aber du bist nicht mein Typ« geantwortet, und damit wäre die Sache erledigt gewesen. Dass es nicht so war, ließ Vincent deutlich erkennen, dass er sich wohl gehörig in Felix getäuscht hatte. Und so hatte er sich schließlich dafür entschieden, nicht nur virtuellen, sondern auch räumlichen Abstand zwischen sie zu bringen – in der Hoffnung, dass irgendwann Gras über die Sache wachsen würde. Heulend hatte er Lia angerufen und sie gefragt, ob er bei ihr unterkommen könnte. Er hatte ohnehin schon länger vorgehabt, von zu Hause auszuziehen, um endlich selbstständiger zu werden. Wäre die Situation nicht so mies gewesen, hätte er vermutlich darüber gelacht, wie gelegen ihm der Vorfall kam. Im Grunde war es wie ein schmerzhafter Arschtritt. Wenigstens hatte der dazu geführt, dass seine Eltern ihn ohne Gegenargumente und Nachfragen hatten gehen lassen. Allerdings hatten sie vorausgesetzt, dass er erst mal zu Lia zog.
Und nun saß er hier, in dem fremden Zimmer in Lias Wohnung, und fühlte sich erbärmlich. Er wollte sich nicht wie ein Teenager verhalten, der vor seinen Problemen weglief, doch er brauchte diese Distanz. Das Verhalten seines besten Freundes war schmerzhaft gewesen. Doch noch viel mehr beschäftigte es ihn, dass er ein so großes Problem mit sich selbst hatte. Er hatte schon immer gemerkt, dass er anders war, war sich aber erst auf der weiterführenden Schule darüber bewusst geworden, dass er Jungs mochte. Seitdem hatte er das Geheimnis mit sich herumgeschleppt, es lediglich nach einiger Zeit mit seinen Eltern und Lia geteilt. Mittlerweile war er neunzehn Jahre alt und noch in keiner festen Beziehung gewesen – mal, weil seine Gefühle nicht erwidert worden waren, und mal, weil er sich aus Angst vor Zurückweisung und den Reaktionen seiner Mitmenschen nicht dazu bereit gefühlt hatte, sich auf etwas Festes einzulassen. Zu sehr fürchtete er sich davor, einfach er selbst zu sein. Dass er nun vor Felix geoutet war und sein Verhalten darauf beschissen gewesen war, bestätigte seine Befürchtungen. Im Grunde wusste er, dass er nicht nur wegen Felix von zu Hause fortgewollt hatte, sondern auch, weil er Abstand zu seinem bisherigen Alltag brauchte. Er wollte sich endlich selbst finden, sich weniger verstecken, weniger lügen und versuchen, nicht länger jemand zu sein, der er nicht war. Er wollte Jungs kennenlernen, sich verlieben, einen festen Freund finden und endlich offen zu sich stehen. Doch er wusste, dass dieser Weg schwierig werden würde.
Sein Blick schweifte über die Klamotten, die er auf dem Bett verteilt hatte. Dazwischen lag sein Handy. Er fischte es zwischen einem Stapel T-Shirts und Jeans heraus, entsperrte es und öffnete Instagram. Einen kurzen Moment zögerte er, doch dann ging er auf Felix’ Account, tippte auf sein Profilbild und ließ dessen Story laufen. Nur einen Moment später bereute er seine Neugierde. Er sah, wie Felix völlig unbefangen auf einer Party abhing, wenige Sequenzen später folgten Selfies und Knutschbilder von ihm und einem blonden Mädchen.
Tat er das mit Absicht? Wollte er Vincent auf diese Weise klarmachen, dass er auf Frauen stand? Wollte er es sich selbst beweisen?
Vincent wurde übel. Wie hatte er nur so dumm sein können, Felix zu küssen? Ja, er mochte ihn, und ja, er sah gut aus, aber er war – verdammt noch mal – sein bester Freund. Oder sein ehemaliger bester Freund? Waren sie überhaupt noch Freunde? Oder hatte er mit dem dämlichen Kuss nicht nur das offene Geheimnis zwischen ihnen gelüftet, sondern auch Felix in eine Situation gebracht, die diesen völlig überforderte?
Vincent überflog die restliche Story, bevor er die App schloss und das Handy zurück zwischen die Klamotten warf. Er seufzte schwer. Die Semesterferien hätten wohl kaum katastrophaler beginnen können.
2
Vincent hatte sich dafür entschieden, bereits am nächsten Tag im Beans & Boats anzufangen. Er wusste, die Ablenkung würde ihm guttun. Dennoch war er nervös, als er sich zu Fuß auf den Weg zum Café machte.
Es war kurz vor acht Uhr, als er die Glastür des Beans & Boats aufschob und daraufhin in den Duft nach Kaffee und Gebäck gehüllt würde.
Vincent sah sich um. Das Café war gemütlich. Es gab verschiedene Sitzmöglichkeiten – von schlichten Stühlen bis hin zu Sesseln und einem türkisfarbenen Sofa, auf dem ein paar bunte Kissen drapiert waren. Daneben befand sich ein Bücherregal. Moderne Lampen hingen von der Decke und sorgten für warmes Licht inmitten des größtenteils dunklen Mobiliars. Zwei Wände waren verklinkert, eine Wand schwarz, die letzte bordeauxrot gestrichen. Sein visueller Rundgang endete am Verkaufstresen, der genauso türkis war wie das Sofa in der hinteren Ecke und auf dem sich eine breite Glasvitrine befand, dahinter belegte Brötchen und Bagels, Baguettes, Sandwiches, Cookies und Kuchen. Ein Mädchen, nicht viel älter als er, mit engen schwarzen Korkenzieherlocken stand an der Kasse und bediente gerade eine Frau und einen kleinen Jungen. Im Hintergrund werkelte ein Kerl mit kurzen Haaren und Brille. Unter der schwarzen Schürze trug er ein blaues T-Shirt. Das musste Jannik sein.
Die Nervosität in Vincent wurde größer. Er war nicht für Situationen wie diese gemacht und hasste es, irgendwo neu dazuzukommen und sich verpflichtet zu fühlen, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen. Bevor er darüber nachdenken konnte, wie er das Gespräch mit Jannik beginnen sollte, hatte ihn dieser schon entdeckt.
»Hey!«, rief er ihm zu. »Vincent, richtig?«
Vincent hatte keine Ahnung, woran Jannik ihn erkannt hatte. Vielleicht hatte Lia ihm ein Bild geschickt oder ihm seinen Instagram-Account gezeigt? Wie auch immer, er konnte sich nicht länger drücken, lächelte höflich und schritt Richtung Tresen. Jannik kam ihm entgegen und streckte zur Begrüßung eine Hand nach ihm aus.
»Jannik«, stellte er sich vor. »Super, dass du schon heute hier anfängst. Wir haben Hochsaison und können eine Menge Hilfe gebrauchen. Die ganzen Urlauber und Kreuzfahrttouristen … Du weißt schon.«
Vincent nickte, während er den Handschlag annahm, der sich merkwürdigerweise recht unbeholfen anfühlte. Irgendwie verunsichert, obwohl Jannik derjenige war, der den Laden führte. Außerdem hatte Vincent das Gefühl, dass Jannik seinem Blick nicht lange standhalten konnte.
»Na, dann hoffe ich mal, dass ich mich gut machen werde«, erwiderte Vincent und versuchte ein Lächeln. »Ich hab noch nie in einem Café gearbeitet.«
Das Mädchen hinter der Kasse blickte immer wieder in ihre Richtung. Nachdem sie einen älteren Herrn bedient hatte, kam sie dazu und stellte sich ebenfalls vor.
»Hey, ich bin Lisha.« Sie lächelte und sah ziemlich hübsch dabei aus. »Schön, dass du da bist. Gibt es irgendetwas Besonderes, das wir über dich wissen sollten?«
Vincent blinzelte irritiert.
»Wie meinst du das?«, fragte er.
»Na, hast du irgendwelche Vorkenntnisse? Hast du schon mal einen Barista-Kurs gemacht? Trinkst du überhaupt Kaffee? Gibt es irgendwelche Allergien oder Unverträglichkeiten, von denen wir wissen sollten? Standest du bei anderen Jobs schon mal hinter der Kasse?«
Die Fragen sprudelten nur so aus ihr heraus. Vincent wusste nicht, worauf er zuerst antworten sollte. Und so kam es, dass er im Zuge der Überforderung seines Verstands wie von selbst etwas völlig anderes sagte als gewollt. Die Worte rutschten förmlich aus ihm heraus, bevor er genauer darüber nachgedacht hatte.
»Ich bin schwul.«
Lisha betrachtete ihn amüsiert. Jannik sah irritiert zu ihm auf, während er seine Brille zurechtrückte.
Es herrschte eine kurze unangenehme Stille, und Vincent spürte, wie seine Wangen sich rot färbten. Ja, er wollte künftig etwas offener leben und sich weniger vor anderen verschließen, was natürlich auch Jannik und Lisha inkludierte, wenn er künftig fünf Tage die Woche mit ihnen zusammenarbeiten sollte. Doch wieso hatte er nicht wie ein normaler Mensch auf Lishas Fragen geantwortet? Was war da gerade passiert?
Verlegen räusperte er sich und wollte gerade zu einer Rechtfertigung ansetzen, als Jannik ihm zuvorkam.
»Alles klar«, erwiderte er. »Ich bin Autist.«
Vincent hätte mit allem, aber nicht mit dieser Reaktion gerechnet.
Jannik fuhr fort: »Ich kann Menschen nicht lange in die Augen sehen, hasse Berührungen und brauche feste Abläufe und Pläne. Wundere dich also nicht, wenn hier alles ziemlich strukturiert abläuft.«
Vincent gelang gerade mal ein Nicken, da übernahm schon Lisha das Wort: »Und ich komme gebürtig aus Ghana, lebe aber schon seit über zehn Jahren in Deutschland.« Sie lächelte. »Klingt, als wären wir eine bunte Truppe.«
»Und damit haben wir uns nun alle einander vorgestellt und sollten uns wieder an die Arbeit machen«, sagte Jannik. Er deutete auf zwei Kunden, die hinter dem Tresen standen und darauf warteten, bedient zu werden.
»Lisha, übernimmst du bitte, damit ich Vincent alles zeigen und ihm das Wichtigste erklären kann?«
Vincent folgte Jannik durch eine hölzerne Schwenktür, die den Bereich hinter dem Tresen vom Rest des Cafés trennte. Jannik deutete erst nach rechts. »Da hinten sind die Toiletten. Die müssen einmal stündlich kontrolliert und gereinigt werden.« Dann zeigte er nach links. »Das da drüben ist unser Lager, eine Tür weiter befindet sich der Kühlraum. Am Ende des Gangs findest du mein Büro, die Tür davor führt zum Mitarbeiterraum. Da kannst du dich umziehen und deine Sachen in einem Spind verstauen.«
Vincent hörte aufmerksam zu und nickte, wann immer Jannik ihn von der Seite betrachtete.
»Ich werde dir nach und nach alles zeigen. Das Wichtigste ist, dass du Fragen stellst, wenn du etwas nicht verstanden hast, und dich anfangs erst mal an Lisha hältst. Schau ihr am besten ein wenig über die Schulter.«
Wieder nickte Vincent.
Jannik deutete erneut auf die Tür zum Mitarbeiterraum: »Auf dem Tisch darin liegt eine Schürze für dich. Zieh sie bitte an und komm dann wieder nach vorn, ja?«
Und Vincent nickte ein drittes Mal.
Jannik lächelte, bevor er um die Ecke bog und aus seinem Sichtfeld verschwand.
Vincent wollte nicht trödeln, öffnete die Tür zum Mitarbeiterraum und hielt Ausschau nach der Schürze. Er hielt sie ausgestreckt vor sich in die Luft und betrachtete sie. Vorn befand sich eine kleine Tasche und auf Brusthöhe das Logo vom Beans & Boats. Er hatte keine Ahnung, wie er darin aussehen würde. Er schlüpfte durch die Halsschlaufe, griff nach den Hüftbändern und zurrte sie auf seinem Rücken fest. Danach trat er vor den Spiegel neben den Spinden und betrachtete sich von allen Seiten. Beim Anblick des ungewohnten Looks musste er schmunzeln. Zumindest sah er nicht ganz so dämlich aus, wie er es sich vorab vorgestellt hatte. Er strich sich die braunen Locken von der Stirn und atmete noch einmal tief durch, bevor er sich auf den Weg zurück zum Tresen machte. Als er sah, dass sich das Café zunehmend füllte, wurde er umso angespannter. Er hoffte, dass Jannik und Lisha an seinem ersten Arbeitstag nicht zu viel von ihm verlangen und er sich nicht blöd anstellen würde. Er sah, wie Jannik verschiedene Kaffees zubereitete, während Lisha Bestellungen entgegennahm, abkassierte, Kuchenstücke, Sandwiches und Baguettes entweder in Papiertüten verpackte oder auf Tellern drapierte. Sie tat das alles mit einer derartigen Leichtigkeit und einem stetigen Lächeln auf den Lippen, dass es überhaupt nicht nach Arbeit, sondern beinahe nach Spaß aussah.
Vincent trat durch die Schwenktür und stellte sich neben Lisha, um ihr vorerst bei verschiedenen Tätigkeiten zuzusehen ‒ so wie Jannik es ihm aufgetragen hatte. Doch als die Schlange immer länger wurde, war es mit der entspannten Einarbeitung vorbei.
»Machst du bitte zwei Tomate-Mozzarella-Baguettes warm?«, bat Lisha ihn und deutete auf den speziellen Sandwichtoaster neben der Kaffeemaschine. »Einfach auf den Startknopf drücken, die brauchen etwa drei Minuten.«
Vincent nickte und gehorchte. Doch kaum, dass er Lisha die Teller mit den Baguettes reichte, kam schon die nächste Anweisung.
»Zwei Carrot Cakes und ein Buttercroissant«, wies Lisha ihn an. »Die Kuchen auf je einem Teller, das Croissant zum Mitnehmen. Die Tüten liegen da unten.« Sie zeigte auf mehrere Stapel Papiertüten in unterschiedlichen Größen unter dem Tresen.
Und es folgten weitere Aufforderungen. Eine nach der nächsten. Vincent fühlte sich ins kalte Wasser geworfen. Er geriet ins Schwitzen und hatte kaum Zeit, Lisha oder Jannik etwas zu fragen. Er bemühte sich, schnell und zuverlässig zu arbeiten, bekam jedoch Zweifel, ob er dieser Hektik lange standhalten konnte. Vielleicht war er nicht für einen Job hinter dem Tresen gemacht. Es waren so viele unterschiedliche Eindrücke, die auf ihn einprasselten, dass er in dem Moment, in dem sie die Kundenschlange vorerst abgearbeitet hatten, einmal tief durchatmen musste.
»Wow«, stöhnte er. »Ist hier immer so viel los?«
Lisha lachte. »Phasenweise«, antwortete sie. »Aber du hast dich super gemacht. Entschuldige bitte, dass ich dich so rumkommandiert habe.«
Vincent sah ihr Lächeln, das bis zu ihren dunklen Augen reichte und sie glitzern ließ. Er war ihr nicht böse. Der Kundenandrang war heftig gewesen.
»Kein Problem«, erwiderte er. »Aber wie zum Teufel schaffst du so einen Ansturm allein?«
Sie zuckte mit den Schultern und deutete zu Jannik.
»Ich bin ja nicht allein«, erwiderte sie. »Außerdem ist es mir lieber, kaum hinterherzukommen, als nur rumzustehen. Ich mag meine Arbeit.«
Vincent dachte darüber nach, wie er diesen Job nach nicht einmal einer Stunde infrage gestellt hatte. Mit etwas Abstand kam er sich dämlich vor.
»Komm mal her!«, riss Lisha ihn aus den Gedanken. »Ich erklär dir ein wenig die Kasse.«
Vincent stellte sich neben sie und betrachtete das Display der Kasse, auf dem es unzählige Auswahlmöglichkeiten zum Antippen gab. Lisha wollte gerade loslegen, da trat ein weiterer Kunde ins Café. Ein Typ in einem dünnen, grauen Hoodie, die Kapuze über den Kopf gezogen. Einige hellblonde Haare lugten darunter hervor und klebten verschwitzt an seiner Stirn.
»Oh, schon zehn Uhr?« Lisha drehte sich um und warf einen Blick auf die Wanduhr über dem Regal mit den Kaffeebechern.
Vincent verstand nicht und warf ihr einen fragenden Blick zu. Daraufhin beugte sich Lisha etwas zu ihm und flüsterte: »Er ist einer unserer Stammkunden, taucht hier jeden Tag um zehn Uhr auf. Seit Wochen. Und er bestellt immer das Gleiche. Erst ein Sandwich, ein Glas Wasser und einen Smoothie. Und wenn er geht, noch einen Coffee to go.«
Der blonde Kerl blickte in ihre Richtung, woraufhin Lisha wieder ein wenig von Vincent abrückte und lächelte. Dann stupste sie ihn in die Seite, was beinahe einer freundschaftlichen Geste glich, als ob sie sich schon jahrelang kennen würden. »Willst du’s mal probieren?«, fragte sie.
Vincent starrte abwechselnd auf den Kerl mit den blauen Augen, der nicht viel älter sein konnte als er selbst, und auf die Kasse vor sich.
»Ähm …ich …«
»Na los, ist gar nicht so schwer!«, versuchte Lisha ihn zu motivieren. Dann wandte sie sich an den Kunden und fragte: »Wie immer?«
Der nickte bloß, während er seine Kapuze zurechtrückte und sie noch weiter vor sein Gesicht schob.
Vincent konnte nicht umhin, ihn anzustarren. Abgesehen davon, dass er seinen Blick kaum von dem makellosen Gesicht abwenden konnte, fragte er sich, warum der Kerl bei diesen hochsommerlichen Temperaturen einen Kapuzenpullover trug, obwohl ihm offensichtlich ziemlich heiß war.
»Hast du mir überhaupt zugehört?«
Das war Lishas Stimme. Vincent hatte gar nicht mitbekommen, wie sie mit ihm gesprochen hatte. Verlegen räusperte er sich, woraufhin er sah, wie die perfekt geformten Lippen des fremden Kerls von einem flüchtigen Lächeln umspielt wurden. Er wandte sich ab und versuchte, sich wieder auf Lishas Fingerzeig auf dem Kassendisplay zu konzentrieren.
»Hier kannst du die kalten Getränke auswählen«, erklärte sie und tippte auf einen mittelgroßen Smoothie und ein großes Wasser, »und hier findest du die Baguettes und Sandwiches.« Sie wählte ein Käse-Schinken-Sandwich aus. »Danach gehst du zurück zum Startbildschirm und …«
Vincent versuchte, ihr zu folgen und zuzuhören, aber es gelang ihm nicht. Sein Kopf hob sich wie von selbst und wieder traf sein Blick auf ein leichtes Lächeln unter blauen Augen. Ein heißkalter Schauer jagte über seinen Rücken. Er wusste nicht, was mit ihm los war. Noch nie hatte ihn jemand innerhalb von Sekunden so aus der Fassung gebracht.
»Hast du alles verstanden?«
Lisha sah ihn fragend an, woraufhin Vincent etwas tat, das einer Mischung aus Nicken und Kopfschütteln glich.
»Alles klar, dann darfst du jetzt abkassieren. Ich kümmere mich um die Bestellung.« Und mit diesen Worten ließ sie Vincent allein hinter der Kasse stehen.
Vincent starrte auf den Bildschirm.
»Ähm, … das macht dann … fünfzehn Euro neunzig.«
Der Kerl hob sein Handy und hielt es vor das Kartenlesegerät. Nur einen Augenblick später war der Bezahlvorgang abgeschlossen und Vincent stellte zeitgleich fest, dass der Kerl kein einziges Wort gesagt hatte. Er beobachtete, wie Lisha ihm den Smoothie reichte und ihm sagte, dass das Sandwich in ein paar Minuten an seinen Platz gebracht werden würde.
Der Kerl setzte sich in die hinterste Ecke des Cafés ‒ mit dem Gesicht zur Wand, die Kapuze behielt er auf. Er trank einen Schluck vom Smoothie und drapierte sein Handy vor sich auf dem Tisch, drückte sich Ohrstöpsel in die Ohren und begann zu tippen und zu scrollen. Vincents Blick schweifte zu dem Bücherregal neben dem Sofa und einen Moment lang ärgerte es ihn, dass die Leute lieber über ihren Smartphones hingen, als sich eines der Bücher zu schnappen und zu lesen. Oder einfach nur dazusitzen und die Welt auf sich wirken zu lassen.
»Das Sandwich ist fertig«, rief Lisha und drückte ihm den Teller in die Hände. »Bringst du den an den Tisch? Ich muss zurück zur Kasse.« Vincent sah, dass sich eine neue Schlange gebildet hatte.
»Ach, und bringst du ihm das Glas Wasser mit? Hab total vergessen, es ihm zu geben.«
Vincent seufzte. Nun ging das Herumkommandieren wieder los. Er griff nach dem Wasser, trat zur Schwenktür und machte sich mit dem Teller und dem Glas in der Hand auf den Weg zum besagten Tisch.
»Dein Sandwich«, sagte er, doch der Kerl im Kapuzenpulli nahm ihn nicht wahr. Vermutlich hatte er immer noch Stöpsel im Ohr und hörte ihn gar nicht. Vincent räusperte sich und stellte den Teller auf den Tisch. In diesem Moment sah der Kerl zu ihm auf, fummelte sich einen der kabellosen Kopfhörer aus dem Ohr und schenkte ihm ein dankbares Lächeln.
Vincent deutete auf das Glas Wasser in seiner Hand.
»Das ist auch noch für dich«, sagte er und wollte es ihm gerade reichen, als er von hinten angerempelt wurde. Er stolperte nach vorn und fühlte sich wie in einem schlechten Film, als er sah, wie sich der Inhalt des Glases auf dem Pullover des Kerls verteilte. Vincent wurde rot.
»Sorry, ich …« Er hatte keine Ahnung, was er zu seiner Verteidigung sagen sollte. Die Schuld auf die Person zu schieben, die für das Missgeschick verantwortlich war, erschien ihm unpassend.
»Du bist neu hier, oder?«, wurde er von dem blonden Kerl unterbrochen, bevor er seinen Gedanken ganz zu Ende geführt hatte. Der Kerl griff nach einer Serviette und tupfte damit über die nassen Stellen auf seinem Pullover.
»Ja, ich …«
»Mach dir keinen Stress. Ist ja nur Wasser und niemand hat was mitbekommen.«
Das war alles? Kein dummer Spruch? Keine Beschwerde? Nichts? Stattdessen wieder dieses Lächeln und wieder diese blauen Augen, die Vincents Herz schneller schlagen ließen. Beinahe verfluchte er den Kerl dafür, dass er auch noch so nett und verständnisvoll war. Und noch mehr verfluchte er die Tatsache, dass ihm kein Sticker auf der Stirn klebte, von dem er eine Information über seine Sexualität ablesen konnte. Warum war es so verdammt kompliziert, schwul zu sein?
»Alles klar bei dir?« Das war wieder diese ruhige Stimme.
Erst in diesem Moment realisierte Vincent, dass er den Kerl viel zu lange angestarrt hatte.
»Ja, ich … entschuldige …«
Verdammt, warum bekam er keinen vollständigen Satz heraus?
Der Kerl beugte sich ein Stück zu ihm vor.
»Hör zu«, flüsterte er. »Mach bitte kein großes Ding daraus, ja?«
Vincent verstand nicht ganz. Woraus sollte er kein großes Ding machen? Daraus, dass er einen Stammkunden mit Wasser begossen hatte, oder daraus, wie er sich gerade zum Affen machte?
»Ich möchte hier einfach in Ruhe sitzen und was essen«, fügte der Kerl noch hinzu.
Nun begann Vincent zu verstehen. Offensichtlich fühlte sich der Typ belästigt. Erst die Sache mit dem Wasser, dann Vincents Starren und Stottern. Er spürte, wie ihm noch mehr Farbe ins Gesicht stieg.
»Tut mir leid«, brachte er schließlich hervor. »Ich war in Gedanken. Ich bring dir sofort ein neues Wasser.«
»Nein, lass mal«, erwiderte der andere. »Sonst kriegt dein Chef noch mit, was passiert ist. Und wie gesagt, ich möchte keine unnötige Aufmerksamkeit erregen. Verstehst du?«
Vincent verstand nicht und trotzdem nickte er. Er stellte das leere Glas auf den Tisch und deutete Richtung Tresen. »Ich muss dann auch wieder. Guten Appetit!«
Der Kerl nickte noch einmal, bevor er sich den Ohrstöpsel zurück ins Ohr drückte und sich von ihm abwandte. Vincent machte sich auf den Weg zurück zu Lisha und spürte den Wunsch in sich aufkommen, im Erdboden zu versinken. Zumindest so lange, bis der Kerl aus dem Café verschwunden sein würde.
Lisha nahm ihn an der Kasse in Empfang. »Alles in Ordnung?«, fragte sie. »Du siehst seltsam aus.«
Vincent rieb sich mit der Hand über die Stirn. »Ich bin ein Trottel«, sagte er dazu.
»Warum? Was ist passiert?«, hakte Lisha nach.
»Ich hab das Wasser verschüttet«, gab Vincent zu. »Und zwar über euren Stammkunden.« Er deutete in die hintere Ecke des Cafés.
»Was?« Lisha lachte. Erst laut, dann etwas leiser. »Oh Mann, und wie hat er reagiert?«
»Ehrlich gesagt, ziemlich verständnisvoll, aber es war trotzdem ultrapeinlich.« Vincent stöhnte verzweifelt. »Kommt der wirklich jeden Tag hierher?«
Lisha grinste und nickte. »Ich schätze, da musst du jetzt durch.«
»Ich glaube, ich bin nicht für diesen Job gemacht«, seufzte er.
»Ach was, das kann doch jedem mal passieren«, versuchte Lisha ihn aufzubauen. »Mach dir nichts draus. Ich finde, für deinen ersten Tag schlägst du dich wacker.« Ihr Blick glitt einmal von oben bis unten an ihm entlang. »Und du passt gut hier rein. Du siehst gut aus und die Schürze steht dir.«
Vincent lachte. »Alles klar, so oberflächlich seid ihr hier also?«
»Nein, natürlich nicht.« Lisha lachte erneut. »Aber ich mag dich. Und ich will, dass du bleibst. Du hast keine Ahnung, was für Aushilfen wir hier schon hatten. Ich sag dir, das verschüttete Wasser ist nichts dagegen.«
Vincent lächelte. Er mochte Lisha auch. Die Chemie zwischen ihnen stimmte und nicht zum ersten Mal an diesem Vormittag kam es ihm so vor, als ob sie sich schon viel länger kennen würden.
»Na, schauen wir mal, was der restliche Tag noch so mit sich bringt«, gab Vincent zurück.
Und dann machten sie sich wieder daran, Kunden zu bedienen, Getränke zu mixen, Kaffee zu kochen, die Vitrine mit frischem Gebäck und Baguettes aufzufüllen und zwischendurch die Tische abzuräumen. Es gab so viel zu tun, dass die nächsten zwei Stunden wie im Flug vergingen. Als es endlich etwas leerer im Café wurde, erklärte Lisha Vincent das Kassensystem noch einmal in Ruhe. Dieses Mal konnte Vincent sich besser konzentrieren und schaffte es sogar, sich die wesentlichen Dinge einzuprägen. Und tatsächlich begann ihm die Arbeit mit Lisha Spaß zu machen. Auch mit Jannik verstand er sich gut. Er schien ein entspannter Chef zu sein, auch wenn er akribisch auf einige Details und Abläufe achtete.
Vincent tippte sich durch das Menü der Kasse und kontrollierte noch einmal, ob er sich alles richtig gemerkt hatte. »Ich glaube, ich hab’s jetzt verstanden«, stellte er schließlich fest und kehrte zum Startbildschirm zurück.
»Super!«, erwiderte Lisha. »Dann kannst du ja die nächste Bestellung annehmen.«
In ihrer Stimme schwang ein seltsam amüsierter Unterton mit, der Vincent sofort aufblicken ließ. Als er daraufhin in das Gesicht des Kerls blickte, den er mit Wasser übergossen hatte, rutschte ihm beinahe sein Herz in die Hose. Er spürte, wie Lisha neben ihm grinste.
»Einen großen Kaffee, bitte«, bestellte der Blonde. »Zum Mitnehmen.«
Und Vincent kam nicht umhin, seinen Blick noch einmal an ihm entlangschweifen zu lassen, um zu sehen, ob der graue Hoodie in der Zwischenzeit getrocknet war. Tatsächlich war der Wasserfleck verschwunden. Das beruhigte ihn ein wenig.
Er gab die Bestellung ein und kassierte ab. Fast zeitgleich streckte Lisha dem Kerl den fertigen Kaffee in einem weißen Pappbecher mit Deckel entgegen. Es folgte ein schlichtes »Danke«. Der Kerl wandte sich ab, ging ein paar Schritte, blieb dann aber noch mal stehen, drehte sich um und blickte in Vincents Richtung.
»Arbeitest du jetzt jeden Tag hier?«, fragte er.
Das kam so unerwartet, dass Vincent befürchtete, wieder ins Stottern zu geraten. Wollte der Typ das etwa wissen, um ihm künftig aus dem Weg zu gehen? Hatte Vincent ihn so in Verlegenheit gebracht?
»Ich … ich weiß nicht«, stammelte er. Was für eine dumme Antwort.
Der Kerl hob eine Augenbraue und grinste. »Du weißt es nicht?«
»Nur von montags bis freitags, warum?«, mischte sich nun Jannik von hinten ein und bestätigte damit, dass Vincent den Job bekommen hatte. Das fühlte sich gut, aber gewissermaßen auch seltsam an. Er war stolz, Jannik und Lisha von sich überzeugt zu haben, aber auch unsicher, ob er wirklich für einen festen Job gemacht war. Bislang hatte er sich immer vor derartigen Verpflichtungen gedrückt.
»Na, dann herzlichen Glückwunsch«, gratulierte ihm der Fremde und hob seinen Kaffeebecher an, als wollte er damit anstoßen. Sein Blick hing fest an dem von Vincent, bevor er noch einmal näher kam, sich ein Stück vorbeugte und flüsterte: »Eine Sache noch …«
Vincent spürte, dass er schon wieder rot wurde. Was kam jetzt? Eine Anspielung auf das verschüttete Wasser mit der Bitte, sich künftig besser im Griff zu haben?
»Kannst du für dich behalten, dass ich vormittags hierherkomme?«
Nun kapierte Vincent gar nichts mehr.
»Was?«, war deshalb das Einzige, was er herausbekam.
»Ich denke, du hast mich schon verstanden.« Das klang nun schon forscher. Für einen Moment verschwand das Lächeln auf den fremden Lippen, bevor es wie auf Knopfdruck zurückkehrte, nachdem der Kerl wieder auf Abstand gegangen war. »Also dann, bis morgen!«
Vincent blickte ihm noch so lange hinterher, bis er aus dem Café verschwunden war.
»Was wollte er von dir?«, bohrte Lisha sofort nach.
Vincent zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Er meinte, ich solle niemandem erzählen, dass er vormittags hierherkommt.«
»Wieso sagt er so was?« Lishas Augenbrauen zogen sich zusammen.
Jannik schien das Gespräch mitverfolgt zu haben. Er gesellte sich dazu und zuckte ungerührt mit den Schultern. »Also ich erkenn in dem Typen keine Prominenz.«
Lisha schüttelte den Kopf. »Ich auch nicht.«
»Aber ehrlich gesagt interessieren mich andere Menschen auch nicht besonders«, fügte Jannik hinzu.
»Vielleicht ist er ja irgendein Möchtegern-Internetstar«, warf nun Lisha wieder ein. »Die gibt es doch wie Sand am Meer.«
Vincent blickte zwischen den beiden hin und her.
»Das würde erklären, warum er ständig über seinem Handy hängt«, ergänzte Jannik. »Der hat bestimmt ein paar Tausend Follower und hält sich jetzt für was Besseres.«
»Oder nur ein paar Hundert«, meinte Lisha lachend. »Glaub mir, du kannst dir kaum vorstellen, wie schnell Menschen im Internet den Boden unter den Füßen verlieren, sobald sie von ein paar Leuten angehimmelt werden.«
»Meine Schwester ist auch recht erfolgreich auf TikTok und Instagram«, warf Vincent ein und zog im gleichen Moment sein Handy aus der Tasche. »Und sie ist überhaupt nicht abgehoben.«
»Sorry, so war das nicht gemeint«, entschuldigte Lisha sich sofort. »Man sollte nicht alle über einen Kamm scheren. Aber der Typ eben … der scheint sich ja schon für wichtig zu halten, sonst hätte er so was doch nicht gesagt.«
Vincent zuckte mit den Schultern und begann damit, ziellos durch Instagram zu scrollen – in der utopischen Hoffnung, zufällig über das Gesicht zu stolpern, das ihm heute mehrfach den Boden unter den Füßen weggerissen hatte.
»Ernsthaft, Vincent?«, fragte Lisha. »Das ist wie eine Nadel im Heuhaufen. Wie willst du ihn bitte finden? Wir wissen doch nichts über ihn.« Sie pausierte kurz.
Daraufhin mischte sich Jannik wieder ein. »In Deutschland nutzen über zwanzig Millionen Menschen TikTok, davon etwa vierzig Prozent Männer, und knapp dreißig Millionen Instagram, ebenfalls mit einem männlichen Anteil von ungefähr vierzig Prozent. Das heißt, er könnte einer von acht Millionen Nutzern auf TikTok oder einer von zwölf Millionen Nutzern auf Instagram sein.«
Vincent betrachtete ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen. Wieso hatte Jannik solche Zahlen im Kopf?
»Da hast du’s!«, sagte Lisha und machte eine entsprechende Geste dazu. »Abgesehen davon ist es nur eine Vermutung von uns, dass er irgendein Influencer sein könnte.« Sie seufzte. »Vielleicht ist er ja auch irgendein Politikeranhängsel oder nur der Sohn von irgendeinem Prominenten und hält sich dadurch für was Besonderes.«
Vincent musste den beiden recht geben. Er ließ sein Handy sinken und schob es zurück in seine Hosentasche. Wer auch immer der Kerl war, er hatte etwas an sich, das Vincent reizte. Und er sah gut aus. Zumindest soweit er das durch die Kapuze beurteilen konnte.
»Du hast jetzt auch Feierabend.« Jannik brachte ihn in die Realität zurück.
Vincent warf einen Blick auf die Uhr. Er konnte kaum fassen, wie schnell der Vormittag vergangen war. »Möchtest du morgen wiederkommen?«, setzte Jannik hinterher.
»Das heißt, ich habe den Job?«, hakte Vincent sicherheitshalber nach.
»Würde ich dich sonst fragen, ob du morgen wiederkommst?«, gab Jannik zurück.
»Okay, ja, dann … dann komme ich morgen wieder. Danke schön!«, erwiderte Vincent.
Lisha quiekte vor Freude: »Das ist so cool! Nun komme ich noch lieber zur Arbeit.«
Vincent fühlte sich geschmeichelt. Und gut aufgehoben. Er war froh, den Tag erfolgreich gemeistert zu haben. Lia würde stolz auf ihn sein. Und es war ein erster Schritt in Richtung Selbstständigkeit. Ein verpflichtender Job, geregelte Arbeitszeiten und neue Menschen in seinem Leben, die von Anfang an wussten, wer er war, und ihn genauso akzeptierten. So mies die Semesterferien auch begonnen hatten, umso erfreulicher war diese Wendung. Zum ersten Mal seit dem Desaster mit Felix fühlte er sich besser und wieder mehr wie er selbst. Und dann war da noch dieser blonde Kerl mit den blauen Augen. Ein Grund mehr, sich auf den nächsten Arbeitstag zu freuen. Er würde schon noch herausfinden, wer der Typ war. Da war er sich sicher.
3
Die Tage vergingen schneller, als Vincent es gewohnt war. Normalerweise ließ er sich mehr künstlerischen Freiraum, nahm die Kurstermine seines Studiums deshalb auch nie so genau und verbrachte manche Tage ausschließlich in seinem Zimmer über dem Zeichenblock.
Normalerweise.
Doch aktuell waren Ferien und statt in den Tag hineinzuleben, stand er morgens um 6:30 Uhr auf, duschte, frühstückte und machte sich anschließend auf den Weg ins Beans & Boats. Täglich mit mehr Schmetterlingen im Bauch. Der blonde Kerl mit den blauen Augen kam jeden Morgen um zehn Uhr ins Café. Lisha hatte nicht zu viel versprochen. Und er bestellte tatsächlich immer das Gleiche, trug immer denselben dünnen Kapuzenpulli, setzte sich immer in dieselbe Ecke und verbrachte dort zwei Stunden über seinem Smartphone. Lisha hatte ziemlich schnell gemerkt, dass Vincent den Typen auffallend oft und interessiert anstarrte und es seither jedes Mal geschafft, sich zu verkrümeln, wenn er zum Tresen kam, um etwas zu bestellen. So stand Vincent dem mysteriösen Stammkunden zweimal täglich gegenüber. Vormittags für die erste Bestellung, mittags für den Kaffee zum Mitnehmen. Und jedes Mal wurde er nervöser, versuchte, dieses Hormonchaos jedoch hinter professioneller Höflichkeit zu verbergen. Meist bekam er dafür ein Lächeln, das die Schmetterlinge in seinem Bauch nur umso mehr aufwirbelte. Wer der Typ war, wusste er immer noch nicht. Er hätte Lia auf ihn ansprechen können, immerhin kannte sie sich in der Influencer-Szene aus, doch letztendlich wusste er ja nicht einmal, ob der Kerl überhaupt ein Teil davon war. Davon abgesehen hatte er lieber auf eine Moralpredigt seiner Schwester verzichtet, die ihm sicher einiges vorwerfen würde, wenn er ihr erzählte, dass sein Neuanfang mit einer neuen Gefühlsduselei begann. Entweder hätte sie ihn ausgelacht oder ihn für verrückt erklärt. Schließlich hing immer noch die Sache mit Felix im Raum – ungeklärt und schmerzhaft. Abgesehen von der Tatsache, dass sie ihm den Job besorgt hatte und sicher nicht begeistert davon wäre, dass Vincent diesen durch einen Überschuss an Testosteron aufs Spiel setzte. Und so behielt er das kribbelnde Gefühl in seinem Magen erst mal für sich und versuchte, ihm nicht zu viel Beachtung zu schenken, als er am Freitagmorgen sein Fahrrad neben dem Beans & Boats anschloss.
Er schob die gläserne Tür auf und ließ den Rucksack von seiner Schulter rutschen. Er winkte Lisha und Jannik zur Begrüßung zu, bevor er sich auf den Weg in den Mitarbeiterraum machte. Nachdem er seinen Rucksack im Spind verstaut und die Schürze angezogen hatte, fiel sein Blick auf den Tisch an der hinteren Wand und ihn durchfuhr ein ungutes Gefühl. Alle Coffee-to-go-Becher, die er in seinen Mittagspausen bemalt hatte, waren verschwunden. Hatte Jannik sie entsorgt? War er sauer, weil Vincent ungefragt auf ihnen herumgekritzelt hatte? Mittlerweile wusste er, was Jannik damit gemeint hatte, dass er feste Regeln und Abläufe brauchte. Im Grunde bezog sich das mehr auf Details als aufs große Ganze. Es musste, wenn möglich, immer die gleiche Anzahl an Gebäck, Sandwiches und Baguettes in der Glasvitrine hinter dem Tresen liegen, was oft dazu führte, dass Vincent kaum mit dem Auffüllen hinterherkam. Jede Schranktür und Schublade gehörte vernünftig geschlossen und alle Kaffeebecher in dem Regal hinter dem Tresen mussten akkurat mit dem Beans & Boats-Logo nach vorn stehen, bestenfalls sogar im gleichen Abstand zueinander. Davon abgesehen verstand Jannik weder Ironie noch Sarkasmus, was zur Folge hatte, dass sich Witze anfühlten, als wäre man in ein Fettnäpfchen getreten. Andererseits mochte er Jannik. Er war zuvorkommend, fair und gut organisiert. Er behandelte Vincent und Lisha freundschaftlich und ließ ihnen abseits seiner besonderen Ansprüche während der Arbeit viel Freiraum.
Vincent verließ das Hinterzimmer und machte sich auf dem Weg zum Tresen auf eine Standpauke von Jannik gefasst. Dessen Perfektionismus nach zu urteilen, konnte er es sicher nicht gutheißen, dass Vincent die schlichten weißen Kaffeebecher, auf denen sich lediglich das Logo des Beans & Boats sowie der Warnhinweis Achtung, heiß! befanden, mit seiner eigenen Note versehen hatte. Mal hatte er Filmcharaktere gezeichnet, mal Tiere, mal gehandletterte Sprüche, mal etwas Florales, mal kleine Cartoons.
»Hey!«, begrüßte Lisha ihn und strahlte. »Hast du’s schon gesehen?«
Vincent verstand nicht und schüttelte den Kopf. »Was gesehen?«
Lisha deutete auf das Regal über der Kaffeemaschine und Vincent traute seinen Augen nicht. Jannik hatte die Porzellanbecher näher zusammengeschoben, um Platz für die bemalten Pappbecher zu schaffen. Diese standen nun, mit den Motiven nach vorn, auf Augenhöhe aller Gäste auf dem untersten Regalbrett. Allerdings entdeckte Vincent nur noch sechs Becher. Wo waren die anderen? Er brauchte die Frage jedoch nicht zu formulieren, Lisha las sie aus seinem Gesicht.
»Die Leute lieben sie! Einige haben sie sogar auf Insta gepostet.« Im gleichen Moment zog sie ihr Handy aus der Tasche und öffnete die App. »Sie haben das Beans & Boats verlinkt«, erklärte sie. »Schau mal!« Und dann hielt sie Vincent einen Instagram-Post unter die Nase, auf dem ein junges blondes Mädchen mit Sonnenbrille zu sehen war. Sie hielt jenen Becher in die Kamera, auf den er Charlie und Nick aus der Heartstopper-Buchreihe gekritzelt hatte. Sie standen Arm in Arm vor dem Pariser Eiffelturm, zwischen ihnen drei Herzchen in der Luft. Das Bild hatte mehrere Hundert Likes.
»Das ist echt gut«, freute sich Lisha. »Und eine Megawerbung. Du hast Talent!«
Vincent wusste nicht, was er sagen sollte, also lenkte er mit einer Frage von seiner Verlegenheit ab.
»War das Janniks Idee?«
Lisha schüttelte den Kopf. »Nee, meine. Er hat mir eine Stunde gegeben. War eher so eine kleine Wette. Ich war der festen Überzeugung, dass uns die Becher aus den Händen gerissen werden. Er war der Meinung, dass die Leute bloß ihren Kaffee trinken wollen, ohne jeglichen Schnickschnack.«
»Und all die anderen Becher sind schon weg?«, fragte Vincent.
»Wahnsinn, oder?« Lisha grinste. »Ich schätze, du musst für Nachschub sorgen.«
»Mal sehen«, erwiderte Vincent. Die Becher aus Spaß und zum Zeitvertreib zu bekritzeln, war eine Sache. Sie bemalen zu müssen, eine ganz andere.
Jannik schien die letzten Worte aufgeschnappt zu haben und kam dazu. Er schob seine Brille mit dem Zeigefinger nach oben. »Du bekommst fünfzig Cent pro Becher«, sagte er. Wie immer blickte er an ihm vorbei, während er sprach.
»Fünfzig Cent?«, hakte Vincent nach. Gewissermaßen klang das nach viel, wenn er bedachte, dass das Café sicher nicht allzu viel Gewinn mit einem verkauften Coffee to go machte, andererseits klang es nach wenig, wenn er dafür seine Kunst verkaufte und für Werbung sorgte.
»Einen Euro?«, war Janniks zweiter Vorschlag.
Vincent setzte sein Pokerface auf. Vermutlich hätte er die Becher auch umsonst bemalt, doch die Aussicht auf einen zusätzlichen Verdienst reizte ihn.
»Zwei Euro«, entgegnete er und verlieh seinen Worten dabei einen Klang, der keinen weiteren Verhandlungsspielraum erlaubte. »Und die Becher sind limitiert«, sagte er dazu. »Ich kann keine hundert Stück bemalen.«
Jannik nickte zufrieden. »Das ist der Sinn der Sache. Wenn sich das Ganze erst mal rumgesprochen hat, werden viele Leute versuchen, einen der besonderen Becher zu ergattern.«
Besonderen Becher. Vincent schmunzelte. Er fühlte sich geehrt, konnte aber nicht viel damit anfangen, im Mittelpunkt einer Konversation zu stehen, und wusste auch nicht gut mit Lob umzugehen. Das war schon immer eine seiner größten Schwächen gewesen. Lia hatte mal gesagt, dass es nur zwei Möglichkeiten gab, wie er auf Komplimente reagierte: Entweder lächelte er verlegen und lief dabei rot an oder er lenkte mit einem Gegenkompliment von sich ab.
»Und nun solltest du Lisha unter die Arme greifen«, beendete Jannik schließlich das Gespräch. »Freitags ist immer viel los.«
Mittlerweile war Vincent eingearbeitet, fand sich gut zurecht und kannte die Abläufe. Mal half er an der Kasse, mal kümmerte er sich um Bestellungen, mal räumte er Tische ab oder kontrollierte die Toiletten. Wie jeden Tag ging der halbe Vormittag schnell vorbei und Vincent brauchte nicht auf die Uhr zu schauen, als der Kerl im grauen Hoodie durch die Tür kam. Vincent biss sich auf die Unterlippe – im Versuch, sein sehnsüchtiges Lächeln zu kaschieren.
Der Kerl trat auf ihn zu, bestellte einen Smoothie, ein Wasser und ein Sandwich und beobachtete ihn anschließend dabei, wie er alles zubereitete. Vincent versuchte lässig zu wirken, doch er wusste, dass er eine Niete darin war, seine Gefühle zu verstecken. Möglichst unauffällig wischte er seine schwitzigen Hände an seiner Schürze ab, bevor er das Sandwich mit einer Zange aus der Vitrine fischte und es anschließend im Toaster platzierte.
Dann kassierte er ab. Es waren wie immer fünfzehn Euro neunzig. Er brauchte den Betrag nicht mehr zu nennen, tat es aber trotzdem. Und wie immer hielt der andere sein Handy vor das Kartenlesegerät. Vincent reichte ihm den Smoothie und das Wasser.
»Danke«, sagte der daraufhin. Dann lachte er kurz und nickte auf die Getränke. »Nicht dafür, meine ich«, setzte er hinterher. »Danke, dass du nicht rumerzählt hast, dass ich gern hierherkomme.«
Vincent war kurz davor zu fragen, wieso er überhaupt davon ausging, dass er das Ganze rumerzählen würde, und ob er ihn irgendwo her kennen sollte. Doch da sprach der Kerl schon weiter.
»Ziemlich cool«, sagte er und deutete auf die bemalten Pappbecher im Regal hinter Vincent. »Hab’s auf Insta gesehen«, fügte er hinzu. »Eine neue Marketingstrategie?«
»Also, eigentlich … ich … das …« Vincent schlug sich gedanklich mit der flachen Hand gegen den Kopf. Warum verabschiedete sich sein Sprachzentrum immer dann, wenn er es am dringendsten brauchte?
Der Kerl betrachtete ihn mit erhobener Augenbraue. So wie er es schon oft getan hatte, wenn Vincent ins Straucheln geraten war.
