Huckleberry kehrt zurück - Julie Smith - E-Book

Huckleberry kehrt zurück E-Book

Julie Smith

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Beschreibung

Ex-Reporter und Krimiautor Paul McDonald und seine Freundin, die Malerin Sardis, haben sich ein Haus mit zwei separaten Wohnungen gekauft, damit sie nicht zusammenleben müssen. Als Einzugsgeschenk für Paul bringt sein Freund Booker, in einem Schuhkarton verpackt, einen Teil des Originalmanuskripts von Mark Twains" Huckleberry Finn" mit – Wert zwischen zweihundertfünfzigtausend und einer Million Dollar. Booker, ein Einbrecher mit hehren Idealen, hat das Manuskript einer Stewardess gestohlen, die noch am Tage seines Diebstahls ermordet worden ist. Er bittet McDonald, den rechtmäßigen Eigentümer ausfindig zu machen. Eine faszinierende kriminalistische Spurensuche in der Welt Mark Twains, seiner Fans, Sammler und Sammlerinnen beginnt – die für Pauls Freundin Sardis schließlich lebensgefährlich wird... Spannend, witzig, kultig: ein faszinierender Kriminalroman von Edgar-Allan-Poe-Preisträgerin Julie Smith!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 368

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Julie Smith

Huckleberry kehrt zurück

Kriminalroman

Ins Deutsche übertragen von  Susanne Levin

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "Huckleberry Fiend" Die Mark-Twain-Zitate wurden folgender Ausgabe entnommen: Mark Twain, Gesammelte Werke in fünf Bänden Hg.. Klaus-Jürgen Popp. Carl Hanser Verlag, München. Band I: Tom Sawyers Abenteuer. Huckleberry Finns Abenteuer. Deutsch von Lore Krüher. 3. Auflage, München 1985. Band II: Durch Dick und Dünn. Deutsch von Otto Wilck. 2. Auflage, München 1985 Edel eBooks Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2014 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © 1987 by Julie Smith

First published in Germany under the title HUCKLEBERRY KEHRT ZURÜCK by S. Fischer Verlag (1991)

Ins Deutsche übertragen von Susanne Levin Trotz intensiver Recherche war es dem Verlag nicht möglich, den Rechteinhaber der Übersetzung zu identifizieren bzw. einen Kontakt herzustellen. Wir bitten den Übersetzer bzw. seinen Nachfolger, sich ggf. beim Verlag zu melden.

Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München

Konvertierung: Datagrafix

1

Warum nur haben sie ausgerechnet ihr Gesicht zerstört? Ihr hübsches Gesicht mit den Sommersprossen. Es war so hübsch und natürlich, daß ich es mir jeden Abend hätte ansehen mögen, und meistens hatte ich das auch getan. Sie hatte zwei Einschüsse in der rechten Wange und einen in der Stirn, außerdem zwei in der Brust und einen am Hals, als ob der Killer durchgedreht wäre.

Seit sechs Monaten erst war sie auf dem Bildschirm zu sehen gewesen, und alle waren von ihr begeistert – es gab niemanden, der Rebecca Thaxton nicht mochte. Aber sie hatte jemandem ihre Tür geöffnet, den sie gekannt haben mußte, jemandem, der ihr offenbar ruhig ins Wohnzimmer gefolgt war, als ob er auf eine Tasse Tee vorbeigekommen wäre, und sie dann wegpustete.

Der Schreck war Sardis offensichtlich in die Glieder gefahren. Sie schaltete die Nachrichten ab und machte noch eine Dose Bier auf. »Es muß ganz plötzlich passiert sein.«

»Vielleicht hat sie etwas Falsches gesagt. Wie zum Beispiel: ›Ich habe einen anderen kennengelernt.‹«

»Was Besseres fällt dir nicht ein, oder?«

»Wie wär’s damit: ›Ich liebe Ihren Ehemann.‹«

Sie rümpfte die Nase. »Spar dir das für deine unglaublich lukrativen Bücher.«

»Laß bitte meine Finanzen aus dem Spiel.«

»Rebecca war nicht der Typ dafür.«

»Woher willst du das wissen?« Wir wußten eigentlich nur, daß sie Fernsehreporterin war, vital und intelligent, und dazu so freundlich und erfrischend, daß die Einschaltquoten in die Höhe gingen. Deshalb weigerte sich Sardis, schlecht über sie zu denken. Aber mich schnauzte sie an, weil sie immer gemein wurde, wenn sie hungrig war. Seit Stunden hatten wir pausenlos Kisten ausgepackt, und langsam wurde es Zeit fürs Abendessen.

Glücklicherweise hätten wir uns keine bessere Gegend für das obligatorische Umzugsessen aussuchen können. »Holen wir uns eine Pizza«, sagte ich. »Von Oliveto, Guglielmo, Zachary oder Buttercup?«

»Wo ist der Unterschied?«

Ich hatte mich bei einem Nachbarn informiert. »Zachary backt Pizzen wie in Chicago, die von Guglielmo sind nichts Besonderes, und Buttercup hat einen Steinofen mit Holzfeuer – das ist hinter der Bahnlinie nach Berkeley. Aber Olivetos Pizza ist angeblich am besten.«

»Dann also Oliveto.«

Ich gab unsere Bestellung mit meinem brandneuen Telefon auf, während Sardis in ihre Wohnung hinaufging, um schnell zu duschen. Wir hatten uns dazu durchgerungen, zusammen ein Haus zu kaufen, waren aber nicht zusammengezogen. Der Schritt zur direkten Nachbarschaft war für uns groß genug. Wir hatten ein Zweifamilienhaus gekauft.

Wir würden einen Teil unserer Unabhängigkeit verlieren, aber wenigstens blieben uns Probleme mit der Abwaschordnung erspart. Und anderer Kleinkram, den ein gemeinsamer Haushalt mit sich bringt.

Ehrlich gesagt hätte ich einen Versuch gewagt, aber Sardis glaubte nicht, daß ich mit einer solchen Situation umgehen könnte. Sie glaubte nicht, daß ich damit umgehen könnte! Ich tobte eine halbe Stunde lang, zog mich dann für eine Woche schmollend zurück, und sie hatte die Frechheit zu sagen, daß der Fall für sie erledigt sei. Oh, diese Arroganz!

Dann war da noch die Sache mit unserer Arbeit. Ich schrieb meine nicht so lukrativen Bücher, wenn ich es mir leisten konnte, meinen Lebensunterhalt verdiente ich mit Auftragsarbeiten. Sardis malte, wenn sie es sich leisten konnte, arbeitete aber auch als freie Graphik-Designerin. Mal abgesehen von den emotionalen Erwägungen waren wir wirklich nicht sicher, ob wir das alles in einem Haus hinkriegen würden.

Trotzdem war es wesentlich günstiger, gemeinsam ein Haus zu kaufen. Sardis hatte jahrelange gespart, und ich bekam Geld von der Versicherung. Ich hatte es schon einmal geschafft, ein Miniaturhaus zu erwerben – in der Zeit, als ich für meine Arbeit als Reporter beim ›San Francisco Chronicle‹ nach Tarif bezahlt wurde –, aber es war abgebrannt. Jetzt besaß ich wieder genug für ein ähnliches Haus, aber meine Katze war es leid, ständig über meine Füße zu stolpern.

Wenn wir unser Geld zusammenwarfen, konnten Sardis und ich uns ein richtiges Haus für Erwachsene leisten, anstelle von zwei Puppenhäusern oder, schlimmer, zwei Apartments mit Blümchentapete. Vor allem, wenn wir ein Haus außerhalb von San Francisco kauften. Als wir also endlich auf die Lösung mit dem Zweifamilienhaus gekommen waren, sahen wir uns mit dem Problem konfrontiert, aus der Stadt wegziehen zu müssen.

Die Vororte kamen nicht in Frage – entweder zu teuer, wie Marin County, oder zu mittelamerikanisch, wie Contra Costa. Damit blieb Oakland, das Juwel der geheimnisvollen East Bay. Und für uns eine bittere Pille. Dachten wir jedenfalls.

Wenn man gemütlich die Hauptstraße hinunterfährt, fühlt man sich wie in der tiefsten Provinz, von ein paar Pornopalästen abgesehen. Und das war ungefähr alles, was Sardis und ich von Oakland wußten. Wir waren angenehm überrascht, als wir schöne alte Wohnviertel vorfanden, zwei alternden Künstlern angemessen.

Und natürlich lag das gute alte Berkeley, das sich in knappen zwanzig Jahren vom Zentrum der Revolution zur Brutstätte sozialen Friedens entwickelt hatte, direkt um die Ecke und beherbergte jetzt genügend Steinöfen mit Holzfeuer, um ganz Sizilien und halb Kalabrien mit Pizza zu versorgen. Das heißt, falls die Italiener für Gourmetmahlzeiten zum Mitnehmen zu haben wären. In Berkeley jedenfalls gehörte das zum derzeitigen Lebensstil. Ich hatte die ersten vier Jahre dort studiert und erkannte den Ort kaum wieder. Es würde Spaß machen, ihn neu zu entdecken.

Seltsamerweise war ich in all den Jahren in Berkeley nur gelegentlich nach Oakland gefahren, zum Beispiel um mir bei Capwell ein Hemd zu kaufen oder einen Film im Grand Lake zu sehen. Und jetzt wohnte ich gleich nebenan in Rockridge, und alles kam mir seltsam vertraut und zugleich fremd vor. Vertraut war die College Avenue, die direkt zum Campus führte; fremd war die Langeweile, die ruhige Häuslichkeit mit den sechzig Jahre alten, zweistöckigen Einfamilienbehausungen und den hübschen, gepflegten Gärten. Nichts war hier so wie in San Francisco und an der East Bay, die ich kannte. Sicher ein hervorragender Ort zum Schreiben, falls ich mich an die Ruhe gewöhnen konnte.

Jedenfalls eine hervorragende Gegend für einen Abendspaziergang zur nächsten Pizzeria. Auf dem Weg holten wir bei Eddies Spirituosenladen noch eine Flasche kalifornischen Rotwein, der ebenso gut wie billig war, und einen Film von Arnold Schwarzenegger beim Videoverleih. Die Zukunft sah vielversprechend aus: Wir würden essen, trinken, mit Arnold verblöden, uns lieben und den Schlaf der Gerechten schlafen. In unserem eigenen Haus, in dem wir nicht einmal zusammenleben mußten.

»O nein. Keine Pizza!« Die Stimme kam von unserer brandneuen Veranda, wo niemand das Recht hatte, über unsere Dinnerentscheidung zu urteilen. Und nicht einmal das Recht, sich dort aufzuhalten. Das konnte nur ein Einbrecher sein.

Ich hatte Booker Kessler kennengelernt, als ich noch für den ›Chronicle‹ arbeitete – bei einer Story über jemanden, der vom Pfad der Tugend abgekommen war und zum Einbrecher wurde. Booker war in therapeutischer Behandlung, um herauszufinden, warum er tat, was er tat, aber er war sich ziemlich sicher, daß es etwas mit seiner Mutter zu tun hatte, die seinen Vater wegen einer Frau verlassen hatte, als er in der Junior High School war. Booker und ich, wir hatten einige Gemeinsamkeiten: Er hatte wie ich an der California State University Englische Literaturwissenschaften studiert und gehörte zu den wenigen Leuten, die sich mit mir auf stundenlange Gespräche über Bücher einließen. Aber das fand ich erst heraus, nachdem ich ihn schon eine Zeitlang kannte. Ich glaube, wir waren Freunde geworden, weil ich von seiner Berufswahl fasziniert war und dies offen zum Ausdruck brachte; er fühlte sich geschmeichelt. Außerdem gehörte ich zu den wenigen Leuten, bei denen er sich nicht verstellen mußte. Den meisten erzählte er, er sei im Immobiliengeschäft, und sie nahmen dann natürlich automatisch an, er würde mit Drogen dealen.

»Warum so förmlich?« fragte ich. »Du hättest doch einfach das Türschloß knacken können.«

»Das würde ich nie tun.« Er machte ein gekränktes Gesicht. »Ich habe Geschenke mitgebracht, zum Einzug.«

»Dann trink ein Glas Wein mit uns – Pizza ist ja nicht gut genug für dich.«

»Darum geht es nicht. Ich wollte bloß keine Pizzaflecken auf dem, was ich mitgebracht habe.«

»Auf deinen Geschenken?«

»Nein, die meine ich nicht. Ich zeig’s dir nach dem Essen.«

Wir erklärten uns einverstanden, aber nur, weil wir am Verhungern waren. Bookers Körper war ständig in Bewegung. Er wiegte sich hin und her, trommelte mit dem Fuß und wackelte mit dem Kopf, als ob er total zugekokst wäre. Irgend etwas hatte ihn in Erregung versetzt, und unsere neue Behausung war es bestimmt nicht.

Er holte seine Geschenke aus dem Wagen, während Sadis und ich den Tisch deckten. Ich packte Teller aus und deckte meinen runden Eichentisch – das einzige Möbelstück, das ich seit dem Brand gekauft hatte. Sardis klebte mit Wachs Kerzen auf Unterteller.

»Vielleicht überlegst du dir das noch einmal«, sagte Booker, der gerade zurückkam. Er redete mit Sardis, aber mir überreichte er ein Päckchen. Ich packte zwei antike Zinnleuchter aus, die perfekt auf meinen Tisch paßten. Für einen Einbrecher ein erstaunlich einfühlsames Geschenk an einen Kriminalschriftsteller. Er hatte einen Blick für so was, dieser Booker, zweifellos ein Ergebnis seiner Arbeit und der vielen hübschen Wohnungen, die er dabei kennenlernte. »Für ein romantisches Dinner mit Sardis«, sagte er. »Übrigens habe ich sie richtig gekauft.«

Sardis beugte sich vor, um ihm für sein Feingefühl einen Kuß zu geben, aber er winkte ab. »Nach dem Essen. Wenn du dein Geschenk bekommst.«

Wie ein Abrißunternehmen fielen wir über die Pizza her. Nach einigen Gläsern Wein begannen sich die Umzugsverspannungen in meinem Rücken und in den Beinen zu lösen. Wenn es mir anfangs widerstrebt hatte, daß Booker an diesem Abend bei uns eingedrungen war, so traf das jetzt nicht mehr zu. Jetzt war mir fast alles recht.

Booker sagte: »Zeit für Vorführung und Bericht. Los, wir räumen ab und stellen den Wein weg.«

Damit hatte er so ziemlich die beiden einzigen Dinge getroffen, die mir nicht recht waren. »Sonst hast du keine Sorgen?«

»Schon gut, schon gut. Wir müssen nicht abräumen. Lassen wir die Gläser hier und gehen kurz ins Wohnzimmer.«

»Was in aller Welt ist so empfindlich, daß es keinen Wein im Zimmer verträgt?«

»Verlaß dich nur auf mich.«

Er holte zwei gewöhnliche Schuhkartons aus einer Papiertüte und hob mit großer Geste den Deckel von der oberen Schachtel. Ich rechnete damit, daß uns eine Spielzeugschlange oder ein lebendiger Frosch entgegenspringen würde. Aber nichts dergleichen geschah. In der Schachtel lag nur ein Stapel Papier, der nach alten Briefen aussah. Die Blätter waren halb so groß wie normale Bögen, bedeckt mit einer klaren, großzügigen Schrift, einer schönen Handschrift. Sardis sah mir über die Schulter und las die ersten Zeilen: »Ihr wißt noch nichts von mir, wenn ihr nicht ein Buch gelesen habt, das sich ›Tom Sawyers Abenteuer‹ nennt, aber das macht nichts. Das Buch hat Mr. Mark Twain geschrieben, und im großen und ganzen hat er dadrin die Wahrheit gesagt ...«

Ich bekam auf der Stelle eine Gänsehaut. Mir fiel auf, daß die Blätter für Briefe alle ungewöhnlich gleich aussahen und es viel zu viele waren; außerdem gab es keine Anrede. Und dazu kam, daß es verdammt komisch war, einen Brief mit den ersten Zeilen von ›Huckleberry Finn‹ anzufangen. Eigentlich fiel mir nur eine Stelle ein, wo sie hingehörten. Und Booker war ein absoluter Mark-Twain-Fan und obendrein ein Einbrecher. Bei der Vorstellung, was er getan haben könnte, packte mich blankes Entsetzen. »Was zum Teufel ist das?« Ich platzte in einem Ton heraus, der Anklage, Verhandlung und Schuldspruch enthielt.

»Moment mal«, sagte er, »ich habe es nicht gestohlen. Das heißt, eigentlich doch, aber mehr aus Versehen. Ich weiß nicht, was es ist. Wonach sieht es deiner Meinung nach aus?«

Vorsichtig sagte ich: »Nach einer alten handschriftlichen Kopie von ›Huckleberry Finn‹.«

»Es ist nicht das ganze Buch – weniger als die Hälfte, um genau zu sein. Aber wie kommst du darauf, daß es eine Kopie ist?«

»Das Original kann es doch nicht sein, oder?« Die Worte kamen irgendwie krächzend heraus. War es möglich, daß ich Mark Twains Originalmanuskript in meinem Haus hatte?

»Wenn ich es nur wüßte.« Es klang niedergeschlagen. »Ich war die halbe Nacht wach und habe es angestarrt – nur die erste Seite. Ich habe nicht gewagt, das Ding anzufassen.« Aus seiner Stimme klang Ehrerbietung, dann Bedauern: »Obwohl ich es gern getan hätte. Schließlich bist du mir eingefallen.«

Ich hatte keine Ahnung, was er damit meinte, aber immer schön der Reihe nach. »Wo hast du das Ding her?«

»Ihr wißt doch, daß ich eine Therapie mache.«

Wir nickten.

»Ich gebe mir wirklich Mühe, aber ein paar kindische Sachen kann ich immer noch nicht lassen.«

Da keiner von uns sagte, was uns auf der Zunge lag, fuhr er fort: »Nachdem Mom uns verlassen hatte, trauerte Dad ihr ein paar Jahre nach. Dann, als ich im College war, lebte er eine Zeitlang mit einer netten Frau zusammen. Aber in letzter Zeit hat er es auf junge Dinger abgesehen. Frauen in meinem Alter. Manchmal sind sie sogar jünger. Kannst du dir vorstellen, wie ich mich dabei fühle?«

»Ich finde, du solltest dich mit ihm freuen.«

»Es gibt vielleicht Leute, die so etwas können. Aber ihr dürft nicht vergessen, wie verkorkst ich bin.«

Sardis startete einen Versuch: »Du fühlst dich wahrscheinlich übergangen. Und traurig.«

Ich hatte eine bessere Idee: »Und bereit für den nächsten Einbruch, stimmt’s?«

Er machte ein unschuldiges Gesicht. »In letzter Zeit ist er mit einer japanischen Stewardeß zusammen, sie heißt ...«

»Sukiyaki?«

»... eine Stewardeß japanischer Abstammung – Isami Nakamura. Nettes Mädchen, etwa dreiundzwanzig, hat vielleicht zwei Jahre College hinter sich, ohne intellektuelle Ansprüche. Aber nett, wie gesagt.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich weiß auch nicht, es ist einfach irgendwie über mich gekommen. Gestern habe ich zugeschlagen.«

»Du meinst, du bist bei ihr eingebrochen – und hast das hier gefunden?«

»Ja. Aber ich glaube nicht, daß es ihr gehört. Es war im Schrank ihrer Mitbewohnerin – sie ist auch Stewardeß und heißt Beverley Alexander.«

Sardis sagte: »Fliegen ist ein guter Job für Schmuggel. Wie heißt die Fluglinie?«

»Trans-Amerika. Eine von den neuen Billiglinien, die nur New York anfliegen.«

»Aha.«

Ich konnte es nicht fassen. Das Original von Huckleberry Finn im Schrank einer Stewardeß? Ich sagte: »Es ist bestimmt eine Fälschung. Oder vielleicht einfach eine Abschrift.«

»Wer sollte so was abschreiben? Nein. Es könnte natürlich eine Fälschung sein ... aber wißt ihr was? Ich kriege von dem Ding eine Gänsehaut.«

Ich wußte, was er meinte.

»Mal angenommen, es ist echt – was hatte Beverly Alexander dann damit vor? Eins kann ich euch sagen: mit Sicherheit etwas Kriminelles. Vielleicht hat sie es einem Sammler gestohlen, jemandem, dem es wirklich viel bedeutet. Oder vielleicht gehört es einer Universität. Vielleicht sogar der California State University. Die haben eine riesige Mark-Twain-Sammlung.«

»Aber wenn ein so wertvolles Manuskript gestohlen worden wäre, hätte man doch von dem Diebstahl gehört.«

»Möglicherweise nicht. Wenn die Diebe ein Lösegeld fordern, zahlt die Versicherung oft stillschweigend – eine niedrigere Summe als beim tatsächlichen Verlust –, ohne daß die Polizei etwas davon erfährt.«

»Moment mal, Booker – denkst du vielleicht selbst daran, Lösegeld zu kassieren? Oder es zu verkaufen?«

»Wie kannst du so etwas sagen!«

»Wie kann ich was sagen?«

»Daß du mich so wenig kennst, um an so etwas überhaupt nur zu denken! Wenn ich ein Mark-Twain-Originalmanuskript besäße – irgendeines, es muß gar nicht ›Huckleberry Finn‹ sein, der bestimmt Hunderttausende wert ist –, dann würde ich es nie im Leben verkaufen. Nie, nie, nie. Ich würde es behalten und wie meinen Augapfel hüten ...«

»Bis daß der Tod euch scheidet.«

»Ach, hör auf, McDonald. Du weißt doch, wie ich an meinen Bildern hänge? Ich würde sie alle für dieses Manuskript hergeben. Wenn es echt ist.«

Booker hatte eine beachtliche Gemäldesammlung. Vielleicht war sie keine Hunderttausende wert, aber er hing an den Bildern.

»Es ist einfach nicht okay, verstehst du das nicht? Meinst du, als Einbrecher habe ich kein moralisches Empfinden? Wenn es das echte Mark-Twain-Manuskript ist, dann gehört es in eine Universitätsbibliothek, wo es jeder sehen kann. Wenn es aber aus einer Privatsammlung stammt, wird der Besitzer es vermissen. Und ich will, daß es zurückgegeben wird.«

»Du willst, daß es zurückgegeben wird.« Es dauerte eine Weile, bis ich begriffen hatte, aber schließlich kann man die persönlichen Moralbegriffe anderer Menschen nicht vorhersehen. Ich konnte ja zum Beispiel auch nicht verstehen, warum Sam Spade seinen Partner rächen mußte, obwohl er lustig mit dessen Frau vögelte. Da war Bookers Einstellung sehr viel logischer, ich hatte das bloß nicht erwartet.

»Jawohl«, sagte Booker. »Und du sollst das für mich tun. Ich werde dich dafür bezahlen.«

»Warum erledigst du das nicht selbst?«

»Ich will mit der Sache nicht in Verbindung gebracht werden – bei meinem Beruf.«

»Was soll ich tun, wenn das Manuskript echt und Beverly die rechtmäßige Eigentümerin ist?«

»Dann gibst du es ihr zurück. Was weiß denn ich, ob sie nicht vielleicht eine Mark-Twain-Expertin ist, die sich das Manuskript mit ihrer Arbeit als Küchenmamsell hoch in den Lüften zusammengespart hat? Ich will ihr nichts wegnehmen.«

»Und warum nicht?«

»Du weißt doch, warum. Du bist, Reporter und stellst Nachforschungen an – jedenfalls manchmal, wenn du deinen Arsch hochkriegst. Und du hast Zeit. Und brauchst das Geld.«

»Wieviel?«

»Was verlangst du, wenn du als freier Mitarbeiter eine Reportage machst?«

»Fünfundvierzig Dollar die Stunde.«

»Ich gebe dir fünfundfünfzig, fünfhundert Minimum. Das heißt, wenn du in einer halben Stunde rauskriegst, daß das Ding wertlos ist, dann schickst du es an Beverly. Und bekommst immer noch die fünfhundert. Aber wenn du einen Monat brauchst, ist das auch okay.«

»Abgemacht.«

Sardis sagte: »So. Und wo ist jetzt mein Geschenk?«

»Schon an seinem Platz«, erklärte Booker. »Aber keine Angst, dein Türschloß ist noch ganz.« Er hielt eine Handvoll Schlüssel und Dietriche hoch.

2

Wenn Booker jemals sein illegales Handwerk aufgeben würde, könnte er als Raumausstatter Karriere machen. Sein Geschenk für Sardis war ein kleiner Baum (›Ficus Benjamini‹ laut Auskunft der stolzen Besitzerin), der ihrem Wohnzimmer den letzten Schliff verlieh.

Nachdem wir die Treppe erklommen hatten, um ihn zu besichtigen, fehlte uns die Kraft für den Schwarzenegger-Film. Wir schafften es gerade noch bis ins Schlafzimmer, wo wir zu einem kläglichen Haufen auf dem Bett zusammensanken. Ich träumte selig vom Leben auf dem Mississippi und stellte fest, daß man sich auf einem Floß mächtig frei und leicht und zufrieden fühlt. Ich rauchte meine Maiskolbenpfeife, ließ die Füße ins Wasser baumeln und mich von der Sonne wärmen, bis sich die Idylle plötzlich in einen Alptraum verwandelte. Eine gräßliche Harpyie schoß plötzlich vom Himmel herab und riß mir meine Pfeife aus dem Mund. Während sie sich wieder in die Lüfte emporschwang, breitete sie ihre Klauen aus, so daß jede einzelne Kralle im Sonnenlicht glitzerte, und ließ die Pfeife mit einer Geste äußerster Verachtung fallen. Dann stürzte sie erneut auf mich zu, schlug mich mit ihren Flügeln und schwang sich empor, um mich zu beobachten. Mit dem Gelächter der West-Hexe und der schrillen Stimme von Margaret Hamilton schrie sie: »Ich werde dich zivilisieren, junger Mann!« Und da war ich doch mächtig überrascht – wie Huck sagen würde –, als ich sah, wer sie war. Mal gar nicht davon zu reden, wer sie nicht war: weder die Hexe noch die Witwe Douglas, und auch nicht Tante Sally oder Tante Polly, oder Miss Watson. Es war Sardis.

Hellwach starrte ich an die Decke und fragte mich, was in aller Welt ich wohl geträumt hätte, wenn wir doch zusammengezogen wären. Etwas sagte mir, daß Sardis recht gehabt hatte, als sie nichts übestürzen wollte. Ich verdrückte mich.

Ich verdrückte mich in meine eigenen vier Wände, nach unten. Aber natürlich nicht wegen dieses absolut dummen und kindischen Traumes. Ich habe keine Ahnung, was mein Unterbewußtsein dachte, und weise hier nachdrücklich darauf hin, daß es in keiner Weise die Ansichten der Direktion wiedergab.

Ich ging, weil ich nicht mehr einschlafen konnte und Sardis nicht wecken wollte, wenn ich mich im Bett hin und her wälzte. Ich machte mir eine heiße Schokolade und zog mich damit in mein Wohn-und-sonstwas-Zimmer zurück. Und da auf meinem häßlichen Couchtisch lag es vor mir, in gewöhnliche Schuhkartons gebettet, das geheimnisvolle Manuskript.

Booker hatte bei seiner sehnsüchtigen Betrachtung eine endlose Nacht lang die Selbstbeherrschung aufgebracht, es nicht anzufassen. Außerdem hatte er verboten, es in der Nähe von Weingläsern anzusehen. Nur ein Vandale und Philister würde mit einer Tasse Schokolade in der Hand daran herumfingern. Aber mir ging es wie einem Teenager mit Hormonschüben, der sich nicht beherrschen kann.

Was für eine wunderschöne Handschrift. Im wahrsten Sinne des Wortes »fließend«. Sie schien eine Eigendynamik zu entwickeln, als ob der Autor im gleichen zügigen Tempo dachte, wie er schrieb. Beim Durchblättern sah ich nur wenige Korrekturen. Hier und da ein durchgestrichenes Wort, ein durchgestrichener Absatz, das war alles. Konnte irgend jemand beim ersten Entwurf schon so gut schreiben? Immerhin war Mark Twain Journalist gewesen. Aus eigener Erfahrung wußte ich, daß man als Journalist immer nur eine Chance hatte. Vielleicht war ihm das zur Gewohnheit geworden.

Ich ließ mich mit dem ersten Karton nieder. Ich hatte eine Entscheidung gefällt und bedauerte lediglich, daß sie nicht ganz so respektvoll war wie die von Booker. Wenn auch nur eine winzige Chance bestand, daß ich hier Amerikas größten Roman in der Hand hielt, eigenhändig geschrieben von Amerikas größtem Romanschriftsteller, Humoristen und wahrscheinlich auch Journalisten (falls man keinen allzu großen Wert auf Fakten legte), dann wollte ich ihn jetzt auch lesen. Vielleicht würde ein bißchen von seiner Genialität auf mich abfärben.

»Scheiß auf die Langfinger!« murmelte ich und goß Brandy in meine Schokolade. Bis Sonnenaufgang hatte ich den Inhalt beider Schuhkartons durch, ungefähr vierhundert halbe Seiten, und war ganz benebelt vor Glück. Schläfrig und satt. Und ich dachte: Mein Gott, diese letzte Szene war toll!

Es war die Stelle, wo Huck in die Stadt geht und die Handzettel für den König und den Grafen verteilt, und der alte Boggs kommt angeritten, »besoffen und schwankend in seinem Sattel«, brüllend und fluchend. »Ich wollte, der alte Boggs würde mir mal drohen«, sagt einer von den Tagedieben, »dann wüßt’ ich, daß ich noch tausend Jahre leben würd.« Old Boggs, o weh, überlebt die nächste Stunde nicht, weil er für seine Beschimpfungen vom eingebildeten Colonel Sherburn erschossen wird.

Dann die traurige Szene, wie sich seine sechzehnjährige Tochter über ihren toten Vater wirft. Und die komische, wenn die Leute drängeln, um einen Blick auf die Leiche zu werfen: »Das ist nicht recht und nicht anständig, daß ihr die ganze Zeit dableibt und keinen anderen ranlaßt; andere haben auch ’n Recht drauf, genau wie ihr!«

Ich war wunschlos glücklich.

Und genauso glücklich verliefen die zwei Stunden Schlaf, die ich mir gönnte. Dann war es Zeit, in die Universitätsbibliothek zu gehen und ein paar Fragen zu stellen. Beim Kaffee dachte ich nach. Ich mußte mir etwas einfallen lassen, und es mußte plausibel klingen. Ich könnte erzählen, daß ich an meiner Dissertation schrieb, aber man würde mich in sieben Sekunden als Mark-Twain-Ignoranten entlarven. Oder hieß es Clemens-Ignorant? Ich wußte noch nicht einmal, wie die Fachleute den großen Mann nannten. Aber dann kam mir die Idee – es gab eine Sorte Forscher, bei denen Unwissenheit zum Berufsbild gehörte. Ich suchte nach meinem alten Presseausweis.

Gegen zehn war ich in der Bibliothek und folgte dem Schild im vierten Stock zur Mark-Twain-Sammlung. Ich wußte, was dort zu finden war: Notizen, Briefe und andere Schätze im Wert von zweiundzwanzig Millionen Dollar, das meiste hatte Clemens’ Tochter der Universität überlassen, mit der Auflage, alles zu veröffentlichen. Ich war froh, als ich vor einer Tür stand, die selbst von der Barrow-Bande nicht zu knacken gewesen wäre – Wissenschaftler konnten so achtlos sein.

Die Dame dahinter öffnete nicht jedem. Sie schmetterte (wie Huck sagen würde): »Wer ist da? Sind Sie angemeldet?«

»Paul McDonald vom ›Chronicle‹. Ich würde gerne mit jemandem sprechen.«

»Tut mir leid. Der Cheflektor ist im Urlaub.«

»Ich bin nicht anspruchsvoll. Gibt es sonst jemanden, der sich auskennt?«

»Darf ich fragen, in welcher Angelegenheit?«

»Ich brülle ungern durch die Tür. Wie wäre es, wenn ich die Treppe wieder runtergehe und Sie von der Telefonzelle aus anrufe?«

»Oh, das ist nicht nötig.« Sie öffnete die Tür und kam heraus. »Ich bin Linda McCormick. Kann ich Ihren Presseausweis sehen?«

Ich zeigte ihn ihr. »Sind Sie das?«

»Wie bitte?«

»Die Person, die sich auskennt.«

Sie lachte verlegen, als sei sie sich nicht sicher, ob das ein Witz sein sollte. »Jedenfalls bin ich die einzige, die Ihnen zur Verfügung steht. Was kann ich für Sie tun?«

»Ich arbeite an einer Story über Manuskriptsammlungen.«

»Dann sind Sie hier richtig.« Sie trat zur Seite und ließ mich hinein. Ich folgte ihr einen Flur hinunter, an dessen Wänden zu beiden Seiten Bilder von Mark beziehungsweise Sam hingen. Ehrlich gesagt sah ich mir lieber meine Begleiterin an.

Obwohl sie ein ziemlich formloses Kleid mit einem locker gebundenen Gürtel trug, sah ich Bewegung darunter. Ihr Gesicht gefiel mir sogar noch besser. Sie war vielleicht fünfunddreißig, hatte dunkles, lockiges Haar und sah etwas verschlafen aus. Frauen mit einem verschlafenen Blick inspirieren mich immer dazu, sie mir auf einem Kissen vorzustellen. Ich stellte mir Linda vor, und das beeindruckte mich so, daß ich davon geradezu überwältigt war.

Als ich mich ihr gegenübersetzte, sah ich, daß das Make-up ihrer hübschen haselnußbraunen Augen ziemlich verschmiert war. Vermutlich verursachte das den Schlafzimmer-Effekt. Es gehört zu den reizvollen Eigenschaften akademisch gebildeter Frauen, daß sie anscheinend nie richtig lernen, mit Make-up zurechtzukommen.

»Ich entnehme Ihrer Antwort, daß eine Menge Leute Twain sammeln. Oder sollte ich von ›Clemens‹ sprechen?«

»Anthony Burgess hat gesagt: ›T. S. ist der einzige Eliot, und George Eliot ist wie Mark Twain ein Pseudonym, das sich nicht abkürzen läßt.‹ Damit teilt er mehr oder weniger die Auffassung der älteren Generation. Hier bei uns sagen wir meistens Clemens, aber wir haben nichts gegen ›Twain‹. Das gilt nicht mehr, so wie früher, als ein schrecklicher Fehlgriff. Tatsache ist, daß er selbst einige Briefe mit ›Mark‹ unterzeichnet hat.«

»Wenn man dem Autor selbst nicht einmal mehr glauben kann ...«

»Aber dann ließ er’s wieder bleiben. Vielleicht waren die Empfänger nicht damit einverstanden.« Ich hätte schwören können, daß sie ein winziges bißchen flirtete, als sie mich ansah. Sie wurde sogar rot, aber möglicherweise ärgerte sie sich, weil sie den Faden verloren hatte. »Entschuldigen Sie bitte«, sagte sie, »Sie fragten nach Sammlern. Das ist ein ziemlich heißes Eisen. Die Briefe werden für tausend Dollar pro Seite gehandelt. Und das ist vielleicht sogar noch zu niedrig geschätzt.«

»Und die Manuskripte?«

Sie schenkte mir einen vielsagenden Blick. »Megadollar.«

»Wie steht’s mit dem Glanzwerk?«

»Huck?«

Ich nickte.

»Das ist eine traurige Geschichte. Ein Teil des Manuskripts ist verlorengegangen. Den Rest hat die öffentliche Bibliothek von Buffalo.«

»Welchen Rest?«

»Ungefähr die letzten drei Fünftel und einen Teil vom Anfang des Buches. Die ersten zwei Fünftel sind größtenteils 1876 entstanden – bis zur Mitte von Kapitel zwölf, und außerdem schrieb er den überwiegenden Teil der Kapitel fünfzehn und sechzehn. In Buffalo liegt die zweite Hälfte von Kapitel zwölf bis Kapitel vierzehn und von Kapitel zweiundzwanzig alles bis zum Schluß.«

»Er hat später noch etwas am Anfang eingefügt?«

Sie nickte. »Die Geschichte über die Walter-Scott- und die König-Salomon-Debatte.«

Daran konnte ich mich nicht erinnern, mit Sicherheit hatte ich auch in der letzten Nacht nichts davon gelesen. Wieder diese Gänsehaut. »Hat er eine Kurzschrift verwendet?«

»Nein, er schrieb in ganz normaler Langschrift. Aber da er sehr fortschrittlich war, ließ er seine Bücher für den Drucker mit der Maschine abschreiben. Das Typoskript fehlt ebenfalls.«

»Also haben sie in Buffalo die Handschrift.«

»Ja. Übrigens gibt es davon ein Faksimile.« Ich gab mir Mühe, nicht vom Stuhl aufzuspringen.

»Haben Sie das zufällig da?«

»Kann man Warzen mit Wasser vom faulem Holz heilen?«

Ich muß ziemlich verblüfft ausgesehen haben, denn sie wurde wieder rot. »Ein kleiner Scherz. Aus ›Tom Sawyer‹.«

»Jetzt erinnere ich mich. Ich ziehe die Methode mit der toten Katze vor.«

»Ich kann Ihnen das Faksimile in den Lesesaal schicken, wenn Sie es sich ansehen wollen.«

»Das wäre nett. Ich glaube, ich habe einen Aufhänger für meine Story.«

»Ja?«

»Ich werde eine Geschichte über den verlorenen Teil des Huckleberry-Finn-Manuskriptes schreiben, und was passieren würde, wenn man es wiederfände.«

»Aha.« Allmählich verstand ich sie besser. Sie sagte kaum etwas, wenn es nicht um Mark Twain ging, wenn sie aber bei diesem Thema war, wurde sie richtig gesprächig.

»Und was glauben Sie, was passieren würde?«

»Man würde sich darum reißen.«

»Wieviel wäre es wert?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Wenn man es nach dem derzeitigen Preis der Briefe berechnet, könnte man als vorsichtige Schätzung bei tausend Dollar pro Seite anfangen.«

»Es wären wahrscheinlich rund vierhundert Seiten. Kann das stimmen?«

»Eher fünfhundert.« (Ich wußte es natürlich besser.)

»Also vielleicht eine halbe Million Dollar?«

»Das läßt sich schwer sagen. Ein Teilmanuskript ist wesentlich weniger wert als ein vollständiges. Wenn die Bibliothek in Buffalo nicht verkaufen will – was sehr wahrscheinlich ist –, gibt es keine Möglichkeit, es zu vervollständigen. Also würde man letzten Endes vielleicht nicht mehr als zweihundertfünfzigtausend bekommen.«

»Ziemlich wenig.«

Sie nickte. »Völlig richtig. Schließlich reden wir von ›Huckleberry Finn‹.«

»›Die ganze moderne amerikanische Literatur‹«, zitierte ich, »›stammt von einem Buch von Mark Twain ab, das ›Huckleberry Finn‹ heißt ... Vorher gab’s nichts. Seitdem hat es nichts Vergleichbares gegeben.‹«

Sie nickte wieder, um mir zu zeigen, daß sie das Zitat kannte. »Hemingway war nicht der einzige, der so dachte. Ich könnte Ihnen Leute zeigen, die vor nichts zurückschrecken würden, um so ein Manuskript zu besitzen.«

»Die Getreuen der Huckleberry-Finn-Gemeinde.«

»Sie haben von uns gehört?«

»Wie bitte?«

Erneut stieg ihr diese anziehende Röte ins Gesicht. »Ach nichts. Ich war nur überrascht, daß Sie den Ausdruck ›Gemeinde‹ verwendet haben. Sie können sich gar nicht vorstellen, welches Ausmaß von Verehrung und Heldenanbetung der Kult um Mark Twain im Lauf der Zeit angenommen hat. Ich könnte Ihnen Menschen zeigen, die zehn Jahre ihres Lebens für einen Abend mit ihm geben würden.«

»Aber was würden sie für die verloren geglaubte Huckleberry-Finn-Handschrift zahlen?«

»Wer weiß? Aber zweihundertfünfzigtausend halte ich für sehr vorsichtig geschätzt. Vielleicht bis zu einer Million.«

»Wie würde man seine Echtheit überprüfen lassen?«

»Wer klug ist, kommt damit zu uns – seriöse Händler tun das auch. Aber viele Leute würden sich gar nicht darum kümmern.«

»Was? Warum denn nicht?«

Mit einem Ausdruck von Enttäuschung und Ratlosigkeit drehte sie ihre Handflächen nach oben. »Ich nehme an, sie wollen es gar nicht wissen. Ein Händler hat mir einmal erklärt: ›Miss McCormick, nehmen Sie an, Sie hätten ein Nugget, das fast eine Tonne wiegt. Würden Sie dann wissen wollen, ob es Katzengold ist?«

»Wahrscheinlich hatte er ›Durch Dick und Dünn‹ gelesen.«

»Da geht es hauptsächlich um Silber«, sagte sie mechanisch, ihre Gedanken waren nicht beim Thema. Mir fiel auf, wie sehr das Problem mit der Echtheit ihr zu schaffen machte.

Sie schob mir zwei Kopien von Briefen Mark Twains hin – gleichen Inhalts, aber unterschiedlich datiert. Der eine war auf Briefpapier des Bohemian-Clubs von San Francisco geschrieben. »Achten Sie auf das Datum«, sagte Linda.

»Achtzehnhundertdreiundachtzig.«

»Er verließ San Francisco 1866, kehrte ’68 kurz zurück und kam danach nie mehr wieder.«

»Vielleicht hatte er das Briefpapier aufgehoben.«

Sie schüttelte den Kopf. »Sehen Sie sich die blauen Linien an.«

Zwei Diagonalen waren vom linken zum rechten Rand gezogen. »Vergleichen Sie die beiden Dokumente«, sagte sie, »und beachten Sie, daß die Linien in den Briefen jeweils die gleichen Worte beim gleichen Buchstaben kreuzen. Der Brief von 1875 ist echt. Es wäre möglich, daß Clemens ihn später auf Bohemian-Club-Papier abgeschrieben hat, aber nicht so, daß jeder Buchstabe identisch ist. Das ist zu präzise, um echt zu sein. Dieser Brief ist eine Fälschung. Aber das ist einer von den wenigen Fällen, wo ein Sammler sich die Mühe gemacht hat, nachzufragen. Unglücklicherweise ist es ihm zu spät eingefallen.«

»Da hat er Pech gehabt.«

»Nicht unbedingt. Wenn er wollte, könnte er den Brief wahrscheinlich für das gleiche Geld oder mehr wieder loswerden.«

»Das passiert häufiger?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Die Menschen sind dumm.«

»Was für Papier hat Mark Twain benutzt?«

»Normalerweise halbe Bögen. Soll ich Ihnen auch eine Originalhandschrift mit dem Faksimile schicken? Ich weiß schon – ›1002‹.«

»Was ist das?«

Sie lächelte wissend und verschwörerisch. »Wahrscheinlich die schlechteste Erzählung, die Clemens je geschrieben hat. Aber er beendete sie ungefähr zur gleichen Zeit wie Huck, also müßten Schrift und Papier ähnlich sein.«

Ich trennte mich nur ungern von Linda, aber das ließ sich nicht vermeiden. Die Bancroft Library war eine Präsenzbibliothek, in der man nichts ausleihen konnte. Dokumente wie die Mark-Twain-Schriften darf man sich nur im Lesesaal ansehen, und bevor man ihn betritt, muß man seine Sachen in einem Schließfach deponieren. Man darf nur einen Bleistift oder eine Schreibmaschine mitnehmen. Tinte ist streng verboten. Ich fand das gut – man hatte das Gefühl, daß die Sammlung sorgfältig gehütet wurde. Außerdem gefiel es mir, daß jeder über achtzehn die Bibliothek benutzen durfte, nicht nur Studenten der Universität und Akademiker. Jedermann konnte sich hier ein seltenes, wichtiges Manuskript ansehen. Aber natürlich hatte fast niemand Interesse daran.

Ich schon. Ich war überrascht, wie sehr ich mich darauf freute, die Papiere in der Hand zu halten, von denen ich diesmal ohne jeden Zweifel wußte, daß sie Mark Twain eigenhändig beschrieben hatte.

Als das Faksimile und die Erzählung endlich ankamen, war ich so aufgeregt, daß ich mich nicht entscheiden konnte, was ich zuerst ansehen sollte. Ich nahm mir schließlich die Erzählung vor und fiel beinahe um, als ich sie sah. Das gelbliche Papier hatte die gleiche Stärke, das gleiche Format und die gleiche Farbe wie das Manuskript bei mir zu Hause. Die klare, großzügige Schrift war unverwechselbar.

Nur um ganz sicher zu gehen, zog ich die eine Fotokopie heraus, die ich mitgebracht hatte. Bookers Manuskript mußte ganz einfach echt sein. Es gab gar keine andere Möglichkeit. Ich verstand sofort, warum sich die Sammler nicht die Mühe machten, ihre Dokumente prüfen zu lassen. Man wußte es einfach.

Ich wandte mich dem Faksimile zu und legte meine Kopie über die erste Seite – genau das gleiche Format! Ich begann zu lesen: »Na, weil’s schon spät nachts war und gewitterte und das Ganze so geheimnisvoll aussah ...« Das klang merkwürdig. Es sollte an die Stelle anschließen, wo Colonel Sherburn den alten Boggs erschossen hatte. Dies hier war anscheinend das Kapitel, wo sie den leckgeschlagenen Dampfer fanden. Aber dann kehrte ganz schwach aus einer verstaubten Ecke meines Gedächtnisses der Name des Dampfers in die Erinnerung zurück – Walter Scott. Es war die Einfügung. Clemens hatte die Seite mit »81 A–1« numeriert. Ich nahm an, daß das »A« genau das gleiche bedeutete wie heute »Addendum« oder »Anfang«. Über sechzig der kleinen Seiten umfaßte das Addendum, die folgende Seite trug die Seitenzahl 160. Der erste Satz begann so: »Sie strömten die Straße rauf, auf Sherburns Haus zu ...«

Bevor ich nach Hause ging, versuchte ich, die Erzählung zu lesen, aber offen gestanden war ich zu aufgeregt dafür. Der vollständige Titel lautete: ›1002. Eine orientalische Geschichte‹, und war anscheinend Scheherazades Version von einem verschwundenen Manuskript. Eine gute Idee, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich mit Linda übereinstimme, daß es sich um das schlechteste Werk des großen Mannes handelt. Ich fragte mich, ob neue Lektoren in der Mark-Twain-Forschung wohl Monate brauchten, um sich an den Umgang mit solchen Dingen zu gewöhnen. In meinem Wohnzimmer war das etwas anderes gewesen, weil ich nicht genau wußte, was ich vor mir hatte. Hier konnte ich mich überhaupt nicht beruhigen.

Ich brachte es fertig, immerhin soviel zu lesen, um mir einen Eindruck zu verschaffen. Und ich warf einen Blick auf das Faksimile. Wie auf den Seiten bei mir zu Hause hatte der Autor hier sehr wenig korrigiert. Im Typoskript der ›Orientalischen Geschichte‹, das mir Linda ebenfalls geschickt hatte, gab es wesentlich mehr Korrekturen.

Nachdem ich das Material wieder abgegeben hatte, rief ich Linda an.

»Paul!« Ihre Stimme klang erfreut, daran war nicht zu zweifeln. »Das Gespräch mit Ihnen hat mir Spaß gemacht.«

»Mir auch. Vielen Dank, daß Sie sich soviel Zeit genommen haben.«

»Unsinn. Es tat mir leid, daß ich mich nicht länger mit Ihnen unterhalten konnte. Vielleicht können wir unser Gespräch später einmal fortsetzen.«

Überrascht stellte ich fest, daß sie plötzlich mit vollen Segeln flirtete. Warum auch nicht? Für einen bärtigen Bär mit Brille sah ich nicht schlecht aus. Und vermutlich hatte ich sie ziemlich interessiert angesehen. »Das würde mich freuen«, sagte ich. »Vielleicht könnten wir irgendwann zusammen Kaffee trinken. Inzwischen habe ich aber noch eine Frage. Hat Twain im Typoskript viel korrigiert?«

»Ganz bestimmt. Deshalb sind die Typoskripte für die Forschung so wichtig.«

»Also würde sich die hypothetische Huck-Finn-Handschrift in einigen Details von dem Buch unterscheiden, das wir heute kennen?«

»Unbedingt.«

Ich mußte sie also nur vergleichen. Aber mein altes Exemplar war mit meinem Haus verbrannt. »Sagen Sie, Linda«, fuhr ich fort, »ich brauche einen neuen Huck. Welche Ausgabe soll ich kaufen?«

»Unsere natürlich.«

»Sie meinen die neue. Aber es gibt doch bestimmt mehrere Studienausgaben?«

»Es gibt keine andere Ausgabe«, sagte sie nachdrücklich.

»Was ist mit der Ausgabe zum hundertsten Geburtstag?« Das war eine sehr populäre Ausgabe, die mit großem Trara vom Stapel gelaufen war.

Zur Antwort bekam ich ein verächtliches Schnauben. »Nur wenige wissen davon, aber dort wurde die letzte Zeile weggelassen.«

Auf meinem Weg in die Buchhandlung kam mir der Gedanke, daß ich im Moment von lauter Dingen erfuhr, von denen nur wenige wußten. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wie ein Universitätsverlag dazu kam, die letzte Zeile eines Buchs wegzulassen. Trotzdem war es so. In der Ausgabe der Mark-Twain-Library (»unsere«, hatte Linda gesagt) war er drin, in der anderen nicht: »Mit besten Grüßen Euer Huck Finn. Ende.« Gekauft.

Als ich Buch und Manuskript verglich, wurde ich schon auf der ersten Seite belohnt, wo Huck einen Teil von ›Tom Sawyer‹ erzählt und sagt: »Nun, das Buch endet folgendermaßen: Tom und ich fanden das Geld, das die Räuber in der Höhle versteckt hatten, und wir wurden dadurch reich.«

Im Manuskript lautet der Satz: »Das Buch geht folgendermaßen aus: Tom und ich fanden das Gold, das die Räuber in der Höhle versteckt hatten, und wir wurden dadurch reich.« Der Autor hatte »nun« hinzugefügt und »geht aus« durch »endet« und »Gold« durch »Geld« ersetzt.

Ich las weiter. Und fand noch viele Unterschiede. Wenn das nicht echt war, wollte ich in dem Stück von Hucks aristokratischen Freunden des Königs Giraffe sein.

3

Langsam begann ich zu verstehen, was die Sammler so faszinierte. Wie erregend es war, diese Blätter in meinem Haus zu haben, zu wissen, daß die Gedanken des großen Mannes aus seinem Kopf in seinen Arm und aus seiner Feder darauf geflossen waren!

Plötzlich wünschte ich mir ebenso sehnsüchtig wie Booker, daß dieses Ding wieder dahin zurückgebracht wurde, wo es hingehörte. Zu meinem Pech fiel mir nur eine Person ein, die wissen konnte, wo das war – Beverly Alexander. Aber vielleicht war das doch nicht so ein Pech – warum sollte ich eigentlich nicht mit ihr reden? Ich konnte vielleicht behaupten, ich käme von der Bancroft Library und hätte gehört, daß sie das Manuskript hatte; wenn es auf legale Weise in ihren Besitz gelangt war, würde sie mir daraufhin unter Tränen von ihrem Kummer erzählen. Falls nicht, würde ich das an ihrer Reaktion erkennen.

Der Plan gefiel mir. Da sie keine Ahnung hatte, wer ich wirklich war, ging ich kein Risiko ein und konnte sie nach Herzenslust ausfragen.

Ein persönlicher Besuch bei ihr erschien mir plötzlich unbedingt notwendig – vielleicht würde sie mir ihre kummervolle Geschichte bereits am Telefon erzählen, aber ich würde mir niemals ein Bild von ihr machen können, wenn ich ihr nicht gegenüberstand. Und ich muß gestehen, daß mich die Neugier übermannte, die Stewardeß kennenzulernen, die ein Manuskript von so unschätzbarem Wert in ihrem Kleiderschrank aufbewahrte. Also kämmte ich mir die Haare glatt und stopfte ein Kissen unter mein Jackett. Um die Tarnung perfekt zu machen, wollte ich nur noch Polster in die Backen schieben, konnte mich dann aber doch nicht dazu überwinden.

Wie Sardis und ich bewohnten auch Isami und Beverly ein Zweifamilienhaus – allerdings teilten sie es sich noch mit den Bewohnern im Obergeschoß. Es war ein quadratischer Klotz im Noe Valley mit dem deprimierenden, faden Anstrich unter dem Dreck von mindestens zehn Jahren. Ich nahm meine Brille ab, als ich die Treppe hinaufstieg, und verwandelte mich in Langhorne Langdon von der Mark-Twain-Forschung der Bancroft Library. (Wenn Bev sich mit Mark Twain auskannte, würde mich der Name verraten, aber das war ein Teil meines meisterhaften Planes – sie würde nervöser werden und sich damit verraten, weil sie durchschaut hatte, daß ich Clemens’ zweiten Namen mit dem Mädchennamen seiner Frau kombiniert hatte.)

Eine Frauenstimme antwortete auf mein Klopfen: »Wer ist da?«

»Ich möchte Beverly Alexander sprechen.«

Die Tür öffnete sich sofort. Dahinter erschien eine bildhübsche Japanerin, die sehr verängstigt aussah. Und hinter ihr stand jemand, den ich zuallerletzt erwartet hätte oder sehen wollte. »Paul McDonald. Kommen Sie doch herein«, sagte Inspector Howard Blick vom San Francisco Police Department. »Haben Sie da ein Kissen unter ihrem Jackett?«

Dieser verdammte Blick! Das Ärgerlichste an ihm war, daß ich seine Unverschämtheiten nie verstand. Wollte er mir vorwerfen, ich sei zu fett geworden, oder machte er mich darauf aufmerksam, daß ich eigentlich kein Meister der Tarnung war? Ersteres, dachte ich und war kurz davor, mein Jackett aufzureißen und ihm das Kissen spaßeshalber auf die Füße fallen zu lassen. Aber Blick gehörte zum Morddezernat; seine Anwesenheit deutete daraufhin, daß Heiterkeit im Moment nicht angebracht war. Ich sagte: »Howard? Was für eine Überraschung.«

»Sehen Sie zu, daß Sie Ihren Wanst hier reinschieben!«

Das war noch so etwas, worüber man sich bei ihm ärgerte: sein Befehlston, den er auch dann anschlug, wenn es völlig unangebracht war. Aber das Schlimmste an ihm war – und das ging über ein bloßes Ärgernis weit hinaus –, daß sein Hirn auf der Spitze eines Feinmechanikerhammers bequem Platz gefunden hätte. Ich kannte ihn seit meiner Zeit als Polizeireporter, wo er Wutanfälle wie ein Orang-Utan bekam, wenn ich in meinen Berichten ein paar Worte benutzte, die er nicht kannte.

Ich hatte nicht vor, die Wogen zu glätten, aber ich wußte, daß ein Fluchtversuch zwecklos war, also schob ich mich in den Flur. »Ein Freund von Beverly?«

»Ein Freund eines Freundes.«

»Immer noch mit dieser tollen Kincannon-Tante zusammen?«

Kincannon-Tante? Ich hätte ihn am liebsten verprügelt, was vermutlich eine gute Idee gewesen wäre. Seit einer unglücklichen Begebenheit vor ein paar Monaten kannte er Sardis, und er wußte genau, daß man eine Frau wie Sardis nicht als »Tante« bezeichnete, schon gar nicht mir gegenüber. Aber ich zuckte nur gleichgültig mit den Schultern und war stolz auf mich, daß ich ihm nicht auf den Leim gegangen war. »Ich meine«, sagte Blick, »Sie tauchen hier bei Beverly auf und so.« Er drehte sich schnell zu der Japanerin um. »Kennen Sie ihn, Miss Nakamura?«

Seine Stimme war so scharf, daß sie zusammenzuckte. Mehr als ein Kopfschütteln brachte sie nicht zustande. Er wandte sich wieder an mich. »Beverly ist tot, Dildo. Jemand hat sie letzte Nacht ausgepustet.«

»Nennen Sie mich nicht Dildo, Sie Dreckskerl.«

»Ich sagte, sie ist tot, Arschloch.«

»Kein Grund zu fluchen, Hosenscheißer.« Das hier war eine Gratwanderung. Wenn ich ihm noch ein Schimpfwort an den Kopf warf, würde Blick mich wahrscheinlich auf meine Rechte hinweisen, aber ich nahm an, daß ich diesen letzten Treffer noch landen konnte. »So benimmt man sich nicht vor einer Dame.«

»McDonald, verdammte Scheiße, was tun Sie hier?«

Ich sagte: »Miss Nakamura, Sie müssen nachsichtig mit ihm sein. Er steht unter Streß.« Sie sprang zur Seite, als ob ich sie von hinten erschreckt hätte.

»Sie kennen sie? McDonald, woher kennen Sie diese beiden Damen?«