2,99 €
In Une Cour à SOI veröffentlichen Hennen und Hähne Artikel zu Themen, die die Welt der EGU (Europäische Geflügel-Union) bewegen. Dies betrifft Entdeckungen im Misthaufen der Geschichte ebenso wie aktuelle Themen wie zum Beispiel die Abschaffung der Schnabeltücher, das "Verdummungsverbot" oder die Proteste der Chicken Wings unter dem Motto "Saturday NIght Feather".
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 85
Veröffentlichungsjahr: 2020
Nur selber denken macht schlau.
(Gudrun Trut)
Christine Trops
Hühnerkram
Zeitungsberichte aus der Welt der Hühner
2020 Christine Trops
Umschlaggestaltung unter Verwendung einer Zeichnung von Lily Hötling
Verlag: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN: 978-3-347-16652-3 (Hardcover)
ISBN: 978-3-347-16651-6 (Paperback)
ISBN: 978-3-347-16653-0 (e-Book)
Printed in Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der DeutschenNationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhalt
Vorbemerkung
Aus einem Bericht von einer der ersten Sitzungen der EGU
Sensationsfund im Misthaufen
Die Hochkultur der früheren Hühner
PICKA-Test 2019
Aus für Schnabeltücher
Silberfederchen - Release des neuen Modells 7.0 kommt!
Angst, Schutz und Mut
Reale Gefahr oder Verschwörungstheorien?
Das Hennenbild im Spiegel der Werbung
„War of the Floxx“
Convenience-Futter und Mangelernährung
Gegen das Schweigen der Hühner
"Saturday Night Feather"
Vorbemerkung
Da ich seit vielen Jahren als menschliche Beobachterin bei der EGU (Europäische Geflügel-Union) akkreditiert bin, hatte ich die Gelegenheit, die nachfolgenden Berichte und Artikel für dieses Buchprojekt sammeln zu können.
Alle Artikel wurden zunächst in Une Cour à SOI veröffentlicht, einer vor allem von Hennen mit bildungsbürgerlichem Hintergrund, aber auch von nicht wenigen Hähnen gern gelesenen Zeitschrift. Ihr Name ist dem gleichnamigen Essay von Virginia Broody entlehnt, einem der meistrezipierten Texte der Hennenbewegung.
Ich bedanke mich bei den Hühnern für die freundliche Genehmigung zum Nachdruck in voller Länge.
Ähnlichkeiten zu Personen oder Geschehnissen in der Welt der Menschen sind rein zufällig und somit unbedingt ins Reich der Fabel zu verweisen.
Christine Trops
Europäische Union, im Oktober 2020
Da nicht alle Leserinnen und Leser gleichermaßen mit der EGU (Europäische Geflügel-Union) vertraut sind, hier zur Einführung ein Bericht von einer ihrer ersten Konferenzen.
Montag, 02. September 2002
(…) Am vergangenen Wochenende veranstaltete die Europäische Geflügel-Union eine Konferenz zur Verbesserung der Lage der Hühner aller Länder. Zur Vorsitzenden wurde Rose Rooster berufen, die gemäß Tagesordnung sogleich Aufgaben an die Arbeitsgruppen verteilen wollte.
Sylvie Poulet lackierte sich gelangweilt die Krallen, während Karl Hahn im Plenum ausschweifend über die Notwendigkeit zu sprechen begann, die Eierproduktion zu steigern, um die Unabhängigkeit auf finanziell sicheren Grund zu stellen. Daraufhin stellte Emma Huhn sofort einen Antrag auf eine Sonderresolution der hennenbewegten Hühnergruppe. Sie verlangte Kükenkrippen, um die Hühner zum Wohle der Allgemeinheit von der Nestarbeit zu entlasten. Marco Pollo stimmte ihr mit verklärtem Blick zu: „Ah si, für die Bambini muss man etwas tun!“ Höfliches Gähnen von José Gallo zu diesem Thema. Er fand, das sei allein Hennensache. Wichtig sei die Revolution an sich, alles andere jedoch nur Hühnerkram. Emma Huhn funkelte ihn wütend an.
Marco Pollo weigerte sich, zusammen mit Anna Nikolaevna Kuriza in der Arbeitsgruppe zu arbeiten, die einen Vorschlag zur angestrebten politischen Organisationsform der Vereinten Hühner machen sollte. Er verlangte, dass Mika Kananpoika diese Aufgabe übernehmen sollte, weil der schließlich in der Gewerkschaft sei. Stattdessen schlug er vor, einen Streik zu veranstalten, und er würde dessen Organisation übernehmen. José Gallo beanspruchte diese Aufgabe jedoch für sich und beschuldigte Marco Pollo, sich auf Kosten der Allgemeinheit profilieren zu wollen.
Derweil kritisierte Frédéric LeCoq die Verpflegung während der Konferenz. Frisches Brot und ein Napf Rotwein seien durchaus Mindeststandard, fand er. Astrid Höna wies ihn streng zurecht. Die afrikanischen Hühner hätten kaum ein Korn zu picken, und es sei daher höchst unangemessen, Rotwein zu verlangen. Karl Hahn widersprach ebenfalls energisch und versuchte stattdessen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Hygienestandards in den Legebatterien zu lenken. Rose Rooster gackerte empört und beantragte, Legebatterien insgesamt zu ächten. Hier fand sie die Unterstützung von Emma Huhn und Sylvie Poulet, wenn diese auch aus völlig unterschiedlichen Motiven ausnahmsweise einer Meinung waren. Anna Nikolaevna Kuriza murmelte vor sich hin, eine moderne Legebatterie mit einem Nest pro Huhn sei immerhin besser als die so genannten Kommunalnester, die in ihrer Heimat bis vor einigen Jahren gang und gäbe gewesen seien und wo sich mehrere Familien ein Nest hatten teilen müssen. Astrid Höna wies auf den Nestbausatz „Hänna“ hin, der von einem halbwegs geschickten Bastler in wenigen Minuten montiert sei.
Währenddessen hatten sich die Hähne in lockerer Runde zusammengefunden und diskutierten über die Möglichkeit der Steuerbefreiung für geistige Getränke. Hier tat sich vor allem Mika Kananpoika sehr hervor. Frédéric LeCoq konnte ihm, so schmerzlich es ihm war, nicht ganz zustimmen, denn seiner Meinung nach verlangten die diversen Nationalgetränke doch eine unterschiedliche Behandlung. Danach verlagerte sich das Gespräch mehr und mehr auf Hahnenkämpfe, die insbesondere José Gallo heftig verteidigte und als edlen Sport lobte. „Sehen Sie mal, diese Narbe hier, die habe ich vor vier Jahren bei einem Kampf gegen Rocky Gallinho davongetragen.“ Anerkennendes Gemurmel: „Rocky Gallinho!“ Nur Karl Hahn, der sich dieser Runde als Letzter auch noch angeschlossen hatte, runzelte die Stirn und verglich verstohlen die Schenkelmuskeln der anderen Hähne mit den seinen. Als sich jedoch herausstellte, dass die Mehrheit der Anwesenden „De Bello Gallico“ für ein Fitness-Magazin hielt, lächelte er wieder ebenso amüsiert wie beruhigt.
So verging noch manche Stunde, und nach Beendigung der Konferenz verfasste der Journalist Franz Xaver Hendl einen Artikel, in dem es hieß, die Konferenz sei ein voller Erfolg gewesen und habe der Weltöffentlichkeit wichtige Themen zu Bewusstsein gebracht. Im Pressebericht von Laszlo Tyùk war ergänzend zu lesen, man habe aufgrund der Kürze der Zeit nicht alle Themen erschöpfend behandeln können, so dass sie nun in Arbeitsgruppen weiter vertieft werden müssten. Michail Sergejewitsch Pjetuch schrieb, wer die Bedeutung dieser Konferenz zu spät erkenne, den bestrafe das Leben.
Unbestätigten Berichten zufolge soll eine der neutralen Beobachterinnen der Konferenz, Heidi Hühneli, diese Presseberichte mit den Worten kommentiert haben, da lachten ja die Hühner, was der Botschafter ihres Landes, Urs Chähnli, allerdings noch am selben Tage mit Entschiedenheit dementierte.
Une Cour à SOI
Sonntag, 01. April 2018
Sensationsfund im Misthaufen
Großer Fortschritt bei der Erforschung des rätselhaften Untergangs der frühen Hühner-Hochkultur
Seit langem haben die Wissenschaftler vieler Länder gerätselt, warum die frühe Hochkultur der Hühner vor Hunderten von Jahren offenbar ganz plötzlich ausgestorben ist. Nun bringen neue - und man darf sagen, sensationelle - Funde Licht ins Dunkel. Ein Bericht unserer Korrespondentin Heidi Hühneli, die exklusiv mit der Henne Nina Suppenhuhn sprechen konnte, die den sensationellen Fund im Misthaufen gemacht hat und auf Aufzeichnungen ihrer Urahnin Kassandra Suppenhuhn gestoßen ist.
Nina Suppenhuhn lebt auf einem idyllischen kleinen Hühnerhof unweit der Metropole Krähfurt, gar nicht weit von der Kreuzung zweier der größten Hühnerwanderwege. Dennoch winkt eine erstaunlich ländlich anmutende Idylle. Die blühenden Wiesen ringsum sind gesäumt von knorrigen Obstbäumen, überall summen Insekten und ringeln sich appetitlich aussehende Würmer. Über den blauen Himmel ziehen Kraniche, Albatrosse und sogar Störche. Es ist ein schöner, frühlingshafter Tag, und wir treffen uns am Rande eines klaren Bächleins namens Diebach. Nina Suppenhuhn erklärt uns, was es an neuen Erkenntnissen gibt.
"Es scheint, dass sich die frühen Hühner plötzlich nicht mehr von ihren Nestern bewegt haben", sagt Nina Suppenhuhn und streicht sich eine Feder aus der Stirn. "Der Grund dafür war wohl die Angst vor Füchsen."
Aber wie konnte es dazu kommen, dass sich die Hühner zu einer Zeit, in der die Füchse noch lange nicht ausgestorben waren, so plötzlich davon beunruhigen ließen? Immerhin wurden damals jedes Jahr noch Tausende von Hühnern durch Füchse gerissen und verloren so ihre Gesundheit und nicht selten gar das Leben?
Dazu zeigt Nina Suppenhuhn mir die Aufzeichnungen, die sie im Misthaufen gefunden hat und die von ihrer Urahnin Kassandra Suppenhuhn stammen. Diese war eine Chronistin ihrer Zeit und scheint für ihren scharfen Schnabel gefürchtet gewesen zu sein. "Das haben wir jedenfalls gemeinsam", lacht Nina Suppenhuhn. "Außerdem war sie eine Hühnerheilkundige, genau wie ich, ausgebildet nach dem Hähnlichkeits-Prinzip."
Dann erklärt sie: "Ja, Füchse waren allgegenwärtig, und die Hühner hatten gelernt, mit dieser Bedrohung zu leben. Auch wenn die Opfer groß waren." Nina Suppenhuhn wischt sich eine Träne aus dem Auge. "Aber dann kam eine Füchsin namens Rosi. Sie hatte zahlreiche Junge, und diese Fuchssippe verbreitete sich mit ungeahnter Geschwindigkeit über die gesamte Welt. Rosis Sippe wurde den Hühnern aus zwei Gründen viel gefährlicher als die gewöhnlichen Füchse. Erstens waren sie so klein, dass die Hühner sie oft nicht rechtzeitig erkennen konnten. Vor allem ältere Hühner konnten so nicht mehr rechtzeitig fliehen. Und - schwupps, bissen die Füchse zu, und das kostete Tausende von Hühnern innerhalb kürzester Zeit das Leben. Zweitens erschien diese Fuchssippe auch jüngeren Hühnern gefährlicher als die gewöhnlichen Füchse, denn die normalen Füchse waren anders als Rosi namenlos…"
Ich frage weiter. Denn wenn auch viele Hühner von Rosis Sippe gerissen wurden - wie kam es dazu, dass die seit Jahrhunderten bestehende Hochkultur der Hühner, deren historische Spuren vor allem in Europa so zahlreich sind, offenbar binnen einer sehr kurzen Zeitspanne ausgerottet wurde?
Nina Suppenhuhn seufzt. Die im Misthaufen gefundenen Aufzeichnungen ihrer Urahnin seien naturgemäß zum Teil in nicht sehr gutem Zustand und daher sehr schwer zu entziffern gewesen, erläutert sie mir. "Doch es geht daraus hervor, dass die Hühner auf ihren Nestern zwar nicht verhungert sind. Aber sie gingen anscheinend nicht mehr ihrem Tagewerk nach. Sie gaben ihre Weisheit nicht mehr an ihre Küken weiter. Sie tauschten sich nicht mehr mit anderen Hühnern aus. Sie bewegten sich nicht mehr an der frischen Luft. Sie fraßen nur noch ein Futter aus abgelagertem Mehl mit Hefe. Sie unterdrückten die traditionelle Hühnerheilkunde. Sie banden sich sogar die Schnäbel zu in der Hoffnung, dass die Füchse sie so nicht würden hören können."
Mir bleibt vor Erstaunen der Schnabel offen stehen.
"Wir wissen doch alle", sagt Nina Suppenhuhn, "dass Hühner, die nicht an die frische Luft gehen, sich nicht bewegen und die kein abwechslungsreiches, gesundes Futter bekommen, anfällig für Krankheiten aller Art werden. Die letzten Hühner der damaligen Hochkultur sind am Ende nicht den Füchsen der Rosi-Sippe anheimgefallen, sondern sie sind an einer Vielzahl von Krankheiten erkrankt und am Ende an Schwäche und Degeneration ihrer Rasse gestorben. Es haben nur sehr, sehr wenige überlebt, und diese konnten das immense Wissen ihrer früheren Kultur natürlich nicht mehr lückenlos weitergeben."
Ich lasse mir die Aufzeichnungen Kassandra Suppenhuhns genauer zeigen. Ehrfürchtig berühre ich die Kratzspuren ihrer Krallen auf dem fleckigen Papier.
