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Es ist eine traumhaft schöne Inselwelt in subtropischem Klima, in die Robert Finnly in seiner Lebensmitte zurückkehrt. In der Heimat seiner glücklichen Kindheit versucht er sein Leben neu zu ordnen. Das ist schwierig; denn bisher haben andere sein Leben bestimmt. Mit etlichen neuen (Traum-)Zielen entwickelt er hektische Betriebsamkeit, die ihn jedoch über die eigenen Füße stolpern lässt. Sogar bei einer Band sucht und findet Finnly seinen Platz, beruflich orientiert er sich erfolgreich um und die Damenwelt ist ebenso höchst interessiert an ihm. Erst eine besondere, ihn fesselnde Frau sieht in ihm einen großartigen Menschen, für den es sich lohnt, ihn mit Liebe an die Hand zu nehmen und ihn auf einen entschleunigten Weg zuführen. Wird Robert diese Hand annehmen und sich führen lassen?
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Seitenzahl: 421
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhalt
Impressum 3
Hull Storys 4
1. 5
2. 10
3. 14
4. 18
5. 20
6. 28
7. 36
8. 41
9. 49
10. 53
11. 61
12. 66
13. 69
14. 77
15. 80
16. 86
17. 97
18. 102
19. 105
20. 109
21. 111
22. 115
23. 120
24. 125
25. 130
26. 137
27. 143
28. 146
29. 150
30. 158
31. 162
32. 168
33. 172
34. 177
35. 180
36. 183
37. 187
38. 191
39. 197
40. 205
41. 211
42. 217
43. 222
44. 226
45. 230
46. 237
47. 246
48. 250
49. 255
50. 260
51. 269
52. 274
53. 280
54. 284
55. 291
56. 295
57. 301
58. 306
59. 308
60. 314
Hull-Storys, Beschreibung des Ortes 317
Hull-Storys: Die beteiligten Personen 321
Hull-Storys 325
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-019-8
ISBN e-book: 978-3-99131-020-4
Lektorat: Mag. Angelika Mählich
Umschlagfoto: Smilla, Aktywnyplan | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Hull Storys
Zum Gebrauch des Buches:
Die Personen, die Handlung, die Handlungsorte, Namen und Dialoge der „Hull Storys“ sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen, Namen, Orten und Begebenheiten wären zufällig und sind nicht beabsichtigt.
Eine Beschreibung der Orte finden Sie in „Hull Storys“ ab Seite 319.
Eine Auflistung der beteiligten Personen in „Hull Storys“ finden Sie ab Seite 323. Die Personenauflistung, gegliedert nach Familienzugehörigkeit, oder nach Ortszugehörigkeit oder nach Branchenzugehörigkeit kann helfen, die vielseitigen Personenbeziehungen der Geschichte schneller zu verstehen.
Die Erklärungen einiger im Buch verwendeter Begriffe, insbesondere der Anglizismen, finden Sie in „Hull Storys“ ab Seite 327.
Die Verwendung der Anglizismen ist der Annahme geschuldet, dass in der fiktiven Landschaft der Geschichte die deutsche Sprache nicht existent sein kann.
1.
Er betrat das in der Sonne glitzernde Direktionsgebäude der „Bellman-Cargo-Shipping“ (BCS), nahm den Fahrstuhl in das achte Obergeschoß. Lisa Bonelli, Assistentin der Direktion, lächelte, als er den Vorraum betrat. Er schaute sie entspannt an, nahm seine Kapitänsmütze vom Kopf, klemmte sie unter den linken Ellenbogen und meldete sich als Robert Finnly, Kapitän zur See.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte Bonelli.
„Herr Direktor Bellmann hat mich um 15.00 Uhr zu einem Gespräch in sein Arbeitszimmer gebeten!“
Bonelli schaute demonstrativ auf eine Uhr, es war Punkt 15 Uhr. Sie zog skeptisch die Augenbrauen hoch, nahm den Telefonhörer und fragte: „Darf Mr. Finnly eintreten?“
Zu Robert gewandt sagte sie: „Bitte sehr, die Doppeltüre links!“ Dabei bewegte sie lässig ihre rechte Hand in Richtung der Doppeltüre.
Robert dachte: „Hübsches Mädchen, aber für diesen Job zu jung, zu unerfahren.“ Er öffnete ohne anzuklopfen die Türe des Direktorzimmers und trat gemessenen Schrittes ein.
Leonhard Bellmann, 72 Jahre, hinter einem gewaltigen Mahagonischreibtisch sitzend, nahm eine kapitale Zigarre aus dem Mund, legte sie in eine Aschenschale und schaute den für seine Reederei arbeitenden Kapitän an. Nach einer gedehnten Schweigepause sagte er: „Bitte nehmen Sie Platz, Kapitän!“
An der rechten Seite des Schreibtisches saß Sean Blocker, Arbeitsdirektor der BCS.
Bellman eröffnete das Gespräch: „Sie wollen uns verlassen – darf ich fragen, welche Bewegründe Sie dazu veranlassen?“
„Eigentlich nein, Mr. Bellman, aber wir arbeiten seit einigen Jahren erfolgreich zusammen und ich will Ihnen meine Gründe nicht vorenthalten. Fünfzehn Jahre Kapitän auf einem Trampfrachter sind für mich genug. Die Arbeit ist gleichförmig geworden und ich will mein Leben verändern!“
„Donnerwetter, Finnly, Sie sind unser erfolgreichster „Tramper“! Was wollen Sie: Wollen Sie eine andere Aufgabe in unserer Reederei? Sind Sie mit unserer Reederei nicht zufrieden?“
„Ich bin 45, in vielen Stunden alleine auf der Brücke ist mir klar geworden, dass ich nur ein Leben habe. Ich beende die große Seefahrt, um etwas Neues zu beginnen! Meine Heimat ist Hull und hier versuche ich ein abwechslungsreicheres Leben für mich zu gestalten!“
„Haha, hört, hört, der junge Herr macht auf Privatier? Also, ist das Ihr letztes Wort?“
„Absolut, Mr. Bellman!“
Bellman spürte, dass der Entschluss seines Kapitäns nicht umkehrbar war. Er wusste auch, dass Finnly viel Geld verdient hatte und sich diesen Ausbruch aus der jetzigen Berufssituation wahrscheinlich leisten konnte.
„Haben Sie einen Vorschlag, wie wir mit Ihrem Schiff weiter verfahren können, Mr. Finnly?“
„Ja, natürlich habe ich mir Gedanken gemacht, Mr. Bellman!“
Sean Blocker meldete sich: „Meine Herren, es geht um die personelle Neubesetzung der „BCS-Beluga 3“. Als Vertreter der Belegschaft habe ich Vorschläge zu machen!“
„Sachte, sachte, Mr. Blocker. Wir wollen uns Finnlys Gedanken anhören“, warf Bellman ein.
Robert argumentierte: „George Bennon, unser Erster Offizier auf der Beluga 3, fährt bereits fünf Jahre unter meinem Kommando. Jeder in diesem Raum kennt seine Qualitäten und deshalb ist er erster Anwärter auf den Kapitänsposten!“
Blocker schaute Robert hasserfüllt an. In seinem Gefolge als Gewerkschaftsboss befanden sich Kapitäne, die von der Linie auf den Tramp wechseln wollten. Die musste er positionieren, wenn er nicht an Achtung verlieren wollte. Blocker suchte nach Totschlagargumenten: „Bennon ist zweifellos ein Top-Seemann – aber als Frachtmanager?“
Bellman schaute Robert fragend an.
„Das Frachtmanagement hat Bennon in den letzten zwei Jahren unter meiner Betreuung weitgehend selbstständig gemacht. Schauen Sie sich die Frachtraten und die Margen dieser Zeit an und Sie müssen anerkennen, dass Sie in Bennon einen Mann haben, dem kein anderer das Wasser reichen kann!“, argumentierte Robert.
Bedächtig zündete Bellman erneut seine Zigarre an. „Wir machen es so Mr. Blocker, Bennan wird Kapitän und aus Ihrer Riege rückt jemand auf einen Offiziersposten. Vielen Dank meine Herren!“
Robert erhob sich: „Eine Frage: Heute ist der 29. April, morgen will ich mit Beginn der dritten Tageswache das Kommando an Bennon übergeben, ist das o. k.?“
Bellman nickte: „O. k!“
Robert verließ das Direktorbüro. Auf der gegenüberliegenden Seite des Vorraumes schaute er durch eine riesige Glaswand nach Westen auf die Stadt Hull. Das Hafengelände, der East-Channel, St. Andrew Cathedral, der Rundbau des Story-Ville, die weiße Abbruchkante des „Hull Karstplateau“: Alles erstrahlte im von Südwesten einfallenden Sonnenlicht. Robert empfand ein heftiges Glücksgefühl: „Meine Stadt!“ An Bonelli gewandt fragte er nach der Personalabteilung. Bonelli beobachtete ihn aufmerksam. Sie wollte aus seinen Gesichtszügen lesen, wie das Gespräch im Direktionszimmer verlaufen sein mochte. Robert hatte jedoch sein Pokerface aufgesetzt: ruhiger Blick, alle Gesichtsmuskeln entspannt. Enttäuscht flötete Bonelli: „drittes Obergeschoß.“
Bei BCS wussten alle, dass Finnly geschmissen hatte. Niemand konnte das verstehen, da Finnly in allen Jahren der Top-Tramper gewesen war. Außerdem, war er mit 45 Jahren nicht zu jung, eine solche Karriere einfach zu beenden?
Im dritten Obergeschoß traf er nach einigem Herumfragen die Personalchefin Liz Looberg und bat sie, die Auflösung seines Dienstleistungsvertrages mit BCS und die Tantiemenabrechnung an die Adresse:
„Hull-Island, Westchapel, Boganson-Cottage“
zu senden.
Looberg nickte bestätigend, lächelte und wünschte ihm Glück und Gesundheit. Dankbar nahm Robert zur Kenntnis, dass die Wünsche der erfahrenen Kollegin ehrlich gemeint wirkten.
Die Beluga 3 lag an Pier 6, ca. fünfhundert Meter von der Bellman-Reederei entfernt. Robert entschloss sich, durch die Hafenanlagen zu Fuß zu seinem Schiff zurückzugehen. Gegen 16.30 Uhr traf er George Bennon in der Schiffsmesse. Er bat George in seine Kapitänsunterkunft und berichtete vom Verlauf des Gesprächs mit Bellman und Blocker. George wirkte erleichtert und bedankte sich knapp, aber herzlich, bei seinem Kapitän.
Robert ließ die anwesende Mannschaft in die Messe beordern. Er teilte die neueste Entwicklung mit, bedankte sich bei allen und kündigte an, dass morgen, am 30. April, mit Beginn der dritten Tagwache, das Kommando an den neuen Kapitän, George Bennon, übergeben werde, und er dann das Schiff verlasse.
Der Maat (Vorarbeiter der Mannschaft) bedankte sich im Namen der Mannschaft. Er fand einige kernige Worte der Anerkennung für Kapitän Finnly und stellte unter fröhlichem Gejohle der Kameraden die Frage: „Kapitän Finnly, ist eine Abschiedsparty vorgesehen?“
Robert antwortete: „Männer, feiert nicht den Abschied von mir, sondern den Neuanfang mit Käpten Bennon. Ich übertrage euch hiermit das Kommando über die Gestaltung der Feierlichkeiten des Kommandowechsels und sponsere das mit 600 Dollar!“ Anerkennendes Gegröle! Jetzt war es 18.00 Uhr. Es entstand heftige Betriebsamkeit und zwei Stunden später glänzte die Beluga 3 festlich erleuchtet und geschmückt. Die Entwicklung dieser Festlichkeit machte schnell die Runde und nahm noch nie in Hull gesehene Dimensionen an. Die Seeleute der umliegenden Schiffe strömten in Richtung Liegeplatz der Beluga 3, brachten Getränke und Speisen mit, ein riesiger Grill wurde auf der Pier angefeuert, auf dem wie aus dem Nichts zwei Lämmer bräunten. In Windeseile sprach sich das Ereignis auch in der Stadt herum und gegen 22.00 Uhr erschienen etliche Liebesdienerinnen aus der Stadt auf dem Festgelände. Bereits um 19.00 Uhr telefonierte Robert mit der Polizei in Hull und kündigte ein Spektakel an, das nicht mehr abzuwenden sei. Er bat die Verantwortlichen, das Ereignis wohlwollend zu beobachten und zu beschützen.
Gegen 23.00 Uhr brüllte der Beluga-Maat durch ein Mikro, dass jetzt die Bordband der Beluga-Musik zum Tanz spiele, da inzwischen die schönsten Frauen der Stadt anwesend seien.
Die B3 lag mit der Steuerbordseite an der Pier. Hinter dem niedrigen Schanzkleid, etwa in der Mitte des Schiffes, hatten die B3-Männer Musikverstärker aufgebaut und Instrumente platziert.
Der Maat drängte Robert, seine Bassgitarre einzustöpseln und mitzuspielen.
Darauf hin bat Robert George Bennon, das Ganze im Auge zu behalten, und nahm in der zusammengestoppelten Musikformation Platz mit seiner Bassgitarre. Mit Drums, Bass, Gitarre, Banjo, Akkordeon präsentierten die Männer das, was sie in etlichen Freiwachen auf See einstudiert hatten. Die Stimmung stieg, die Getränke gingen zur Neige. George Bennon sprach den Polizeisergeant an und bat um Hilfe. Die Polizei solle bitte Getränke in der Stadt holen und cash bezahlen. Er drückte dem Sergeant 200 Dollar und eine Bestellliste in die Hand.
Der Sergeant wusste nicht, wie ihm geschah: „Wieso wir, die Polizei?“
Bennon argumentierte: „Meine Leute haben keine Fahrzeuge und dürften auch nicht mehr fahren. Ihr wisst, wo man Getränke kaufen kann. Euch überlassen die Händler gegen Cash auch um diese Zeit noch Getränke, weil ihr es als,notwendig‘ erklärt!“ Der Sergeant nickte, ergriff Dollars und Warenzettel, gab Befehle und fünfunddreißig Minuten später war der Nachschub unter riesigem Beifall an der B3.
Robert fand die Idee genial, bei seinen Hobbymusikern mitzuspielen, er wurde nicht weiter zum Alkoholgenuss genötigt und es bestand für ihn die Aussicht, seinen ersten Tag in „Freiheit“ mit einem klaren Kopf zu beginnen. Gegen 4.00 Uhr kroch er weitgehend nüchtern in seine Koje.
2.
Um 9.00 Uhr am folgenden Tag, dem 30.04, tätigte Robert mit seinem Smartphone einige Telefonate:
Mit Barnie O’Brian, dem Hafenmeister in Westchapel-Harbour, klärte er seine Abholung per Boot gegen 13.00 Uhr.
Conchita Hernandez erreichte er nach etlichen Versuchen zu Hause bei ihrer Tochter Mercedes in Westchapel. Die alte Dame war lange Jahre Haushälterin im Boganson Cottage und seine Ersatzmutter gewesen und jetzt fragte Robert, ob sie das Haus heute noch provisorisch bewohnbar machen könne? Sie fiel aus allen Wolken angesichts dieser Entwicklung, freute sich gleichzeitig über das Wunder der „Rückkehr eines verlorenen Sohnes“!
Ja, sie werde das gemeinsam mit ihrer Tochter hinbekommen!
Seiner Cousine Susan van Daelen, Geschäftsführerin der „DF Shipyard, Hull“(van Daelen&Finnly Werft, Hull), verkündete er die Rückkehr und das Ende seiner großen Seefahrt. Susan war so überrascht, dass sie zunächst nichts sagen konnte. Die Stimmung zwischen den beiden Finnlys war nie die beste gewesen.
Schließlich sagte Susan in anklagendem Ton: „Du weißt, dass Grandpa und Grandma nicht mehr da sind!“
Ja, Robert wusste es. An den Beerdigungstagen war er mit der B3 auf hoher See gewesen und hatte nicht anwesend sein können, hatte das seinen Verwandten aber nicht mitgeteilt.
Susan weiter: „Am 10. Mai findet in unserem Kontor die Testamentseröffnung statt. Da du in Hull bist, wirst du eine schriftliche Einladung erhalten. Wo wirst du wohnen?“
„Im Boganson-Cottage!“, erklärte Robert.
Susan merkte an: „es wäre sinnvoll, wenn wir uns vorher sehen und uns abstimmen könnten!“
„Ja, das sollten wir machen. Ich werde mich in den nächsten Tagen melden!“, versprach Robert.
13.20 Uhr erschien Big Boulder, Fischer aus Westchapel mit einem Hafen-Dinghy. Während Big Roberts persönliche Sachen, die schon auf der Pier standen, in das Dinghy lud, verabschiedete Robert sich von jedem Crewmitglied per Handschlag. Er schaute in müde, traurige Augen, es wurde nichts mehr gesprochen. Dann fuhr Big das Dinghy aus dem Hafen hinein in den St. Andrew Golf, bog ab nach Westen, Richtung Westchapel.
Die Fahrt dauerte eine gute Stunde. Big, knapp zwei Meter groß und 110 Kilogramm schwer, war ein Freund aus Roberts Jugendzeit.
Er schaute Robert an, grinste wie ein Honigkuchenpferd, fragte: „Hast du Scheiße gebaut?“
„Nein, ich habe keinen Bock mehr auf dicke Hochseeschiffe und das langweilige Herumfahren zwischen immer denselben Häfen!“, erklärte Robert.
„Aha, und was machst du jetzt?“
„Weiß noch nicht.“
„Bleibst du in Chapel?“
„Vorerst ja.“
Sie bogen nach Süden in die Bucht von Westchapel und passierten die Hafeneinfahrt. Robert genoss das Bild seiner Heimat aus Kindertagen:
Die fast halbrunde Pier, belegt mit Fischerkuttern und einigen Dinghys.
Voraus, die „Chapel“ stand etwas erhöht, mit fünf aufwärts gehenden Treppenstufen.
Rechts davon, das historische Rathaus von Westchapel.
Links davon, das „Chapel-Inn“, der einzige Pub in Westchapel.
Auf der rechten, westlichen Seite der Hafenbucht der Fähranleger, dahinter der Store von Raffaela Conte, weiter rechts die kleine Reparaturwerft, ein Genossenschaftsbetrieb der Fischer, oben auf dem Inselkopf, 185 Meter über dem Meeresspiegel, der Leuchtturm „Hull West Fire“.
Auf der linken, östlichen Seite der Hafenbucht: das erste Haus, direkt am St. Andrew Golf, das „Boganson-Cottage“.
Weiter im Halbrund Richtung Pub, Cottages mit Bootsliegeplätzen vor den Häusern.
Zwischen dem Bogen der Pier und den Häuserlinien ein geräumiger Platz, gepflastert mit Natursteinen, darauf zwei Reihen mit mächtigen Platanen.
Das Dinghy schwenkte nach links zum Anleger vor Boganson-Cottage. Der Bootsschuppen rechts neben dem Haus stand offen. Robert nahm dort den Schiebekarren heraus und darauf luden sie sein Gepäck. Robert verabschiedete Big, bedankte sich und schob den Karren zum Haus.
Conchita kam Robert entgegen, als er zum Hauseingang ging. Sie umarmte, umklammerte ihn unterhalb seiner Arme, legte ihr Gesicht an seine Schulter und weinte. Robert bekam weiche Knie. Seit er sich erinnern konnte war Conchita seine Ersatzmutter gewesen, bis zu seinem zwölften Lebensjahr.
Seine Mutter, Liv Boganson, und sein Vater, Harald Finnly, bereisten mit einer einfachen Segeljacht die Welt, waren selten und dann nur für kurze Zeit zu Hause und als ihr Sohn Robert fünf Jahre alt war, kehrten sie nicht mehr zurück, galten seitdem als vermisst.
Seine Grandma, Hella Boganson, starb früh an Krebs, bevor Robert geboren war.
Sein Grandpa, Knuth Boganson, arbeitete selbstständig als Warentransporteur für Anlieferungen zu den Empfängerdressen in Hull-City und Hull-County mit Boot und auch mit Lieferwagen. Er war wenig zu Hause. Conchita Hernandez, eine Nachbarin mit drei eigenen Kindern, führte als Boganson-Haushälterin und Ersatzmutter für Robert den Haushalt.
Mercedes, Conchitas verheiratete Tochter, trat im Hausflur den beiden entgegen und bedeutete Robert mit Gesten, er möge Nachsicht mit ihrer Mutter haben. Die beiden lächelten, verstanden sich. Robert und Mercedes führten Conchita zurück ins Haus und beruhigten sie.
Mercedes erklärte: „Wir haben in den Räumen die Staubschutztücher entfernt, dein Bett ist frisch bezogen. Die Badezimmer unten und oben sind vorbereitet, Wasser, Strom und Gas sind eingeschaltet. Den Kühlschrank in der Küche haben wir nach deinem Anruf eingeschaltet und bestückt. Jetzt lassen wir dich alleine, damit du in Ruhe ankommen kannst. Wenn du etwas benötigst, gib uns Bescheid!“
„Und noch etwas, morgen, am Feiertag, laden wir dich zu uns zum Mittagessen ein, so gegen 13.00 Uhr. Ist das o. k.?“
Robert bedankte sich herzlich, küsste beide Frauen auf die Wangen: „Ja, ich werde gerne zu euch kommen!“
Inzwischen war es früher Abend. Robert empfand eine schwere Müdigkeit. Er besichtigte alle Räume des Boganson-Hauses. Ein Gefühl tiefer Dankbarkeit empfand er beim Anblick des gepflegten Zustandes. In den langen Jahren seiner Abwesenheit hatte die Familie Hernandez ohne seinen konkreten Auftrag das Anwesen betreut. Es beschlich ihn ein Schamgefühl.
Auf der Beluga 3 hatte Robert morgens im Kreise seiner Offiziere gefrühstückt und seit dem nichts gegessen. Dennoch empfand er keinen Hunger und beschloss zu schlafen.
Durch die Lamellen der geschlossenen Fensterläden im Obergeschoß, in seinem Schlafzimmer, drang diffuses Tageslicht. Auf dem Bett lag ein frischer, gefalteter Schlafanzug. Robert legte seine Kleider sorgfältig ab und betrat das Badezimmer. Er ließ kaltes Wasser aus dem Hahn in das Becken laufen und trank ein paar Schlucke davon aus der Hand. Dann legte er sich in sein Bett und schlief augenblicklich ein.
3.
Ein Geräusch weckte ihn im Zustand der Orientierungslosigkeit. Als er sich dessen bewusst war, dass er nicht auf einem Schiff schlief, schaute er auf die Uhr. Es war 0.15 Uhr am Morgen des 1. Mai.
Er öffnete einen Fensterladen und hielt Ausschau in die mondhelle Nacht. Aus dem Pub, dem Chapel-Inn, erklang Musik …, ja, es war die Feiernacht zum 1. Mai mit Musik und Tanz in den Pubs.
Robert vernahm moderne Popmusik! Traditionell spielte man in Hull-County zu solchen Festen folkloristische Musik mit Gitarre, Fiddel, Flöten und Bodhrán (Armtrommel). Robert schloss den Fensterladen und setzte seinen Schlaf fort.
Erfrischt erwachte er im frühen Morgen, pflegte sich und schaute in den Kühlschrank. Es gab einen gemischten Calamarisalat, Brot, Oliven, Ziegenkäse, Butter und einige Flaschen Bier, nämlich das „Luna“ aus der City-Brauerei. Der Calamarisalat mochte wohl für den Abend gedacht sein, aber Robert aß ihn genüsslich mit Brot und schwarzem Tee zum Frühstück.
In den frühen Morgenstunden hatte Nieselregen eingesetzt. Der 1. Mai begann trübe, mit Temperaturen um 20 °C. Robert checkte E-Mails, es gab nichts Neues.
Er freute sich auf den Besuch der Familie Hernandez. Sicher gab es aktuelle Informationen zu Westchapel und zum Hull-County. Aus dem Bootsschuppen, in dem er zu seiner Überraschung den alten Citroën HY Lieferwagen (das berühmte Wellblechauto aus den 60er- und 70er-Jahren)seines Grandpa fand, holte er seine von der Beluga mitgebrachte Ausrüstung, brachte sie ins Haus und ordnete alles sorgfältig ein. Als Kleidung für den heutigen Tag wählte er einen dunkelgrauen Leinenanzug, ein hellblaues Hemd und leichte, braune Lederhalbschuhe. Äußerlich wollte Robert nicht weiterhin eine Kapitänsfigur abgeben.
Um die Mittagszeit ging er hinüber zum Cottage der Familie Hernandez. Wahrscheinlich erwarteten sie ihn schon in gespannter Neugier. Kaum hatte Robert den Türklopfer betätigt, öffnete sich spontan die Haustüre. Ein etwa zehn Jahre alter Junge lächelte ihn an und sagte: „Hi, ich bin Jaime! Bist du der Kapitän Finnly?“
Robert nickte und sagte: „Hi Jaime, ja, ich bin Robert Finnly. Du bist wohl ein Sohn von Mercedes?“
„Ja, und von meinem Vater Jorge! Wir heißen „Martinez“!“
Mercedes trat in die Diele, begrüßte Robert und bat ihn in den Wohnraum. Die gesamte Familie war versammelt: Grandma Conchita, Jorge Martinez, Vater von Jaime und Maria, der jüngeren Schwester von Jaime und Mutter Mercedes. Robert setzte sich zu ihnen an den Tisch und nahm den angebotenen Kaffee.
Zu Robert gewandt fragte Jaime: „Hier sagen sie, dass du ein Trampkapitän bist. Was ist ein Trampkapitän?“
„Das will ich dir gerne erklären, Jaime, aber seit heute bin ich nicht mehr Kapitän, und ich bitte euch, mich Robert zu nennen!“
„Also Jaime, es gibt etwas vereinfacht gesagt, zwei Typen von Frachtschiffen, z. B. solche, die immer dieselbe Route fahren, die fast immer spezialisiert sind für den Transport einer Ware, z. B. nur Container oder nur Autos oder nur Erdöl oder nur Getreide … Diese Schiffe haben keine eigenen Ladevorrichtungen. Sie werden von der Pier aus be- und entladen. Diesen Schiffstyp, zu dem auch Fähren gehören, nennt man Linienschiffe.
Dann gibt es Schiffe, die von Hafen zu Hafen fahren und dort Ladung verschiedenster Art aufnehmen und auch abladen. Sie haben eigene Ladevorrichtungen an Bord, meist Turmdrehkräne auf der Backbordseite. Die Schiffe werden als Trampschiffe bezeichnet. Eine Besonderheit ist es, wenn der Kapitän gemeinsam mit seinem Lademeister von See aus klärt, wo welche Ladung für welchen Hafen aufgenommen werden soll oder kann. Der Kapitän klärt das direkt mit den Hafenspeditionen. Durch diese Methode kann eine bestmögliche Laderaumauslastung erreicht werden. Auch gibt es bessere Preise für das Transportieren kleiner Frachtgutmengen. Solche Kapitäne sind richtige Trampkapitäne. Sie heißen offiziell nicht so, aber die Bezeichnung Trampkapitän hat sich eingebürgert!“
Jaime rief: „Oh Dad, so ein Kapitän möchte ich auch werden!“
Jorge erwiderte grinsend: „Mein lieber Sohn, dann musst du in der Schule mehr Gas geben!“
In der Zwischenzeit wurde das Essen aufgetragen. Es gab gedünstetes Lammfleisch in einer Knoblauchsauce, grüne Bohnen und Süßkartoffeln, ein Festessen, das anlässlich des Feiertages mittags eingenommen wurde. Als Dessert gab es hauchdünne Tortillas, darin eingewickelt selbst gemachtes Vanilleeis, mit einem Klecks süßer Schlagsahne. Jaime berichtete stolz, dass seine Grandma diese Süßspeise mache.
Draußen nieselte es aus dichtem Nebel, drinnen bei Martinez war es richtig gemütlich. Der Kaminofen, mit Holz befeuert, gab eine wohlige Strahlungswärme ab. Zum Abschluss gab es Espresso und für die Erwachsenen dazu einen Tequila.
Robert erkundigte sich nach den beruflichen Tätigkeiten der Martinez-Eltern.
Jorge arbeitete im Hafen von Hull-City auf einem Portalkran. Um dort hinzugelangen, fuhr er täglich mit der Fähre „Hull-West“ von Westchapel nach Westcorner und von dort mit einem Wasserbus in den Hafen zu seinem Arbeitsplatz. So machten es einige Frauen und Männer aus Westchapel.
Mercedes arbeitete als Verkaufsleiterin im Store als rechte Hand der Eigentümerin Raffaela Conte.
In Westchapel gab es zwar eine Kindertagesstätte, aber keine Schule. Die Kinder benutzten deshalb, wie früher auch Robert, die Fähre auf dem Weg zu den Schulen in Hull-City.
Robert berichtete von seinem Leben als Schiffskonstrukteur in der „van Daelen & Finnly Schiffswerft“ und als Kapitän. Dabei vermied er es, die Umstände dieser Entwicklungen zu berichten. Die Frage nach seinen Zukunftsplänen konnte er nicht schlüssig beantworten und darüber wunderte sich die Hernandez/Martinez-Familie. Er versprach, die Familie über seinen weiteren Werdegang zu informieren.
Conchita fragte er: „Bist du bereit, und auch in der körperlichen Verfassung, mir den Haushalt zu führen? Das betrifft die Reinigung der von mir benutzten Räume und meine Wäsche, jedoch keinen Einkauf und keine Zubereitung von Essen.“
Conchita blitzte ihn erfreut an: „Ja, Robert, das mache ich gerne. Ich freue mich!“
Zu Jorge gewandt sagte Robert: „Ich will eurer Mutter 400 Dollar im Monat zahlen. Ist das o. k.?“
Jorge wusste, dass seine Schwiegermutter dies ablehnen würde. Er war aber der Meinung, dass Roberts Vorschlag richtig war.
Ohne Zögern sagte er: „Ja, Robert, das ist o. k.!“
Robert bedankte sich für den schönen Tag bei der Familie und verabschiedete sich.
4.
Durch den Nieselregen ging Robert schnell zurück in sein Cottage. Er musste sich mit seiner Zukunft beschäftigen, er benötigte ein Konzept. Zu kommenden Ereignissen musste er Positionen beziehen und Entscheidungen treffen können.
Robert setzte sich an den Wohnraumtisch. Zunächst hielt er fest, was er in Zukunft vermeiden wollte:
keine Tätigkeit als fest angestellter Mitarbeiterkeine Dauertätigkeiten in geschlossenen Räumenkeine große Seefahrtkeine Bindung an eine Frau durch HeiratDann notierte er Optionen für seine Zukunft:
auf Honorarbasis als Bassist in Pubs und Varietés arbeitenals Hafenkapitän in Hull-City und Hull-County in Gelegenheits- oder Teilzeitform arbeitenDie Beziehung zu einer bürgerlichen Frau suchenRobert war sich darüber im Klaren, dass die Erbfrage in der Finnly-Familie einen Einfluss auf ihn haben würde. Seinen verstorbenen Grandpa Jonathan Finnly schätzte er so ein, dass der in seinem Testament Roberts Erbe an dem beträchtlichen Familienvermögen mit Auflagen verband. Zum Beispiel: „Mitarbeit in der DF-Werft“.Das würde wahrscheinlich bedeuten:
Feste Mitarbeit in der DF-WerftTätigkeit in Büros und KonstruktionsräumenRepräsentationstätigkeit in der FirmenleitungDagegen sprach, dass er 18 Jahre nicht mehr konstruiert hatte und sich aufwändig einarbeiten müsste. Seine Cousine Susan und deren Mann Dick würden nicht begeistert sein, denn die Positionen, die Robert einnehmen könnte, z. B. in der Konstruktion, waren mit Sicherheit hochwertig besetzt.
Nein, er wollte ein einfaches, bescheidenes Leben führen. An einer Vermögensanhäufung war er nicht interessiert. In den Jahren als Trampkapitän hatte er viel Geld gemacht und wenig Gelegenheit gehabt, Geld auszugeben. Eine knappe Million Dollar waren angelegt in Schiffs- und Hafenbeteiligungen. Die Rendite, so der Stand gegenwärtig, reichte für einen einfachen Lebensstil.
Das Boganson-Cottage gehörte ihm und war nicht belastet. Es lag allerdings auf einer Insel, isoliert von städtischem Leben. Gut, wenn er ein eigenes Dinghy besäße, ließe sich damit das Problem der Isolierung mindern. Boganson-Cottage mit seiner traumhaft schönen Lage konnte ein liebenswerter Platz zum Leben sein. Zu den mit ihm etwa gleichaltrigen Menschen in Westchapel bestanden noch Kontakte, die sich vielleicht wieder beleben ließen. Robert zog in Erwägung, das Finnly-Erbe einfach abzulehnen. Das würde allerdings bedeuten, dass er niemals den Inhalt des Testamentes seines Grandpa erfahren würde. War das von Bedeutung?
5.
Der folgende Tag begann mit strahlend sonnigem Wetter. Von Südosten fiel das Sonnenlicht flach auf den St. Andrew Sund und Lichtreflexe blitzten auf den Wasseroberflächen.
Von der Terrasse an der westlichen Giebelseite des Boganson-Cottage sah man links den 500-Seelen-Ort Westchapel, darüber auf dem Inselkopf den Leuchtturm. Über dem Ort, weiter links. wurde die Sicht nach Süden durch einen sanft geschwungenen Hügelrücken, mit der Bezeichnung „Windegde“ (Windkante), begrenzt. Im Westen leuchtete im Morgenlicht durch den sich auflösenden Dunst das weiße Juragestein der etwa acht Kilometer entfernten Westhighlands, davor die Westbay. Rechter Hand nördlich lag der Sund, hier an seiner engsten Stelle mit einer Breite von etwa 1000 m, an der die Fähre zwischen Westchapel und Westcorner in Hull-City verkehrte. Die Stadt am gegenüberliegenden Sundufer bildete im Dunst schemenhaft eine Linie.
Heute beabsichtigte Robert einige Einrichtungen und ihm noch bekannte Personen zu besuchen. Als Erstes den Store, in dem sich auch ein Büro der „Hull-City & Hull-County-Bank“ (HCB) und ein Postoffice befanden. Auf dem Weg zum Store erreichte Robert das Bürogebäude des Hafenmeisters, Barny O’Brian, das auch den Land-Stützpunkt der Fähre beherbergte.
Robert wollte Barny danken für seine Abholung am Pier 6 in Hull-Harbour. Im Büro traf er Barny und den Kapitän der Fähre, Donald McCancie. Die beiden saßen gemütlich bei einem Plausch.
Robert begrüßte sie: „Hi Barny, hi Don!“
Grinsend stellte er die Frage in den Raum: „Du hier, Don? Geht die Fähre alleine, ohne Kapitän?“
Barny und Don grinsten: „Seit vorigem Jahr haben wir einen zweiten Kapitän. Es ist Lena Malinowski, die kennst du nicht. Vor etwa acht Jahren ist sie hier bei uns „angeschwemmt“ worden!“, sagte Don lachend.
„Hm, gratuliere, dann hast du es jetzt ja ganz gut mit einer Vertretung, Don. Und was gibt es sonst Neues?“
„Unsere Fähre hat eine neue Maschine und eine Ruderanlage mit Stick-Steuerung bekommen!“, berichtete Don stolz.
„Wow, woher habt ihr denn die Kohle, um das zu finanzieren?“
Barny holte genüsslich aus: „Das ist eine Superstory, Rob! Hull-City wollte die Fähre nicht weiterfinanzieren. Hull-County ist, wie du vielleicht weißt, ewig klamm. Raffaela Conte, die Store-Chefin, sitzt seit vier Jahren im County Council. Da hat sie einen cleveren Deal eingefädelt. Es wurde ein Fährverein gegründet, der beide Fähren, Hull-West und Hull-East, für je einen Dollar kaufte. Das Fährpersonal ging über in den Fährverein und wird vom Verein bezahlt. Dann drückte Raff in beiden Councils durch, die Fähren zur zollfreien Zone zu erklären, und jetzt konnten während der Fahrt steuerfrei Tabak und Spirituosen verkauft werden. Seitdem ist der Fährverein ein gesundes Unternehmen. Mit dem steuerfreien Verkauf auf den Fähren begann auch ein leichter Tourismus nach Hull-Island.“
Robert staunte: „Raffaela scheint eine Kanone zu sein! Ich gehe jetzt rüber zu ihr, um sie persönlich kennen zu lernen.“
Die beiden nickten.
Robert betrat den Store. Die Verkaufsleiterin, Mercedes Martinez, begrüßte ihn freundlich so, als sei er ein Familienmitglied.
„Ist die Chefin im Hause und kann ich sie sprechen?“, fragte Robert.
„Ja, sie ist oben im Büro. Ich melde dich bei ihr an!“
Robert war Raffaela Conte ab und zu begegnet in der Zeit, als er in der Werft seines Grandpa Jonathan arbeitete und seinen Grandpa Knuth Boganson in Westchapel besuchte. Jetzt. Nach so langer Zeit, hatte er kein Bild mehr von ihr.
Er betrat ihr Büro im Obergeschoß. Raffaela Conte, etwa Mitte fünfzig, ging ihm entgegen und reichte ihm lächelnd die Hand. Sie wirkte enorm präsent: kastanienbraunes, halblanges, dichtes Haar, große tiefbraune, weit auseinanderstehende Augen, energische Mundpartie, natürlicher dunkler Teint. Sie trug ein figurbetontes Jackenkostüm aus Tweed in sanften Erdtonfarben.
Raffaela begrüßte Robert mit angenehm klingender Altstimme. Er war von ihr beeindruckt.
Er stellte sich ihr vor als Robert Finnly, Enkelsohn des Knuth Boganson.
„Nach langer Abwesenheit bin ich zurück in Westchapel. Ich möchte mich Ihnen vorstellen zum gegenseitigen Kennenlernen!“, sagte Robert.
Raffaela lächelte erfreut und bat ihn, an einer kleinen Sitzgruppe Platz zu nehmen.
Sie setzte sich dazu: „Kaffee oder Tee?“, fragte sie und erwähnte, dass sie schon einiges über ihn erfahren habe.
„Erzählen Sie etwas über sich!“, bat sie. „Was haben Sie vor in Zukunft, können wir Sie in irgendeiner Form unterstützen?“
Robert lehnte dankend Getränke ab und sagte: „Mein Grandpa Jonathan Finnly ist vor einigen Monaten verstorben. In Kürze findet die Testamentseröffnung statt, bei der die Erbfolge des Finnly-Vermögens geregelt wird. Ich muss schauen, welche Konsequenzen das für mich hat!“
Raffaela Conte nickte verstehend.
Robert fuhr fort: „Ich besuche Sie auch, Madam, um etwas über die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung im County zu erfahren. Von Barny und Don hörte ich soeben einige spannende Neuigkeiten.“
Raffaela Conte lächelte: „Ja, in den letzten Jahren hat sich einiges getan. Wie Sie vielleicht schon gehört haben, arbeite ich im County Council als Abgeordnete und hier in Westchapel gibt es einen soliden Schulterschluss mit Joshua O’Bready, dem Bürgermeister und Reverend!“
„Wissen Sie, das gleichzeitig Angenehme, aber auch Problematische an der hiesigen Situation ist die isolierte Lage von City und County. Der Fischfang und die Fischverarbeitung sind hier aufgrund der globalisierten Wirtschaftsentwicklung nicht mehr bedeutend. Es liegt aber auch daran, dass City und County das südliche Küstengebiet von Hull-Island mit der Breite von zwölf Seemeilen zu einem Naturschutzgebiet erklärt haben, in dem das Fischen streng verboten ist. Ein reduzierter regionaler Fischfang ist aber für unsere eigene Fischversorgung nach wie vor unverzichtbar. Die noch aktiven Fischer in City und County konnten wir in einer Fischereigenossenschaft zusammenfassen mit dem erklärten Ziel der regionalen Fischversorgung!“
„Das trockene, warme Klima und der geringe Teil an landwirtschaftlich nutzbarer Fläche machen uns von Nahrungsmittelimporten abhängig. Das ist für uns gefährlich, wenn die Weltwirtschaft einmal ins Stottern gerät!“
„Das Positive an unserer geografischen Lage sind das milde Klima und die fantastische Inselwelt in einer weitgehend ursprünglichen Natur. Das bietet die Entwicklungsmöglichkeit eines sanften Tourismus. Die Menschen hier stehen dem allerdings noch mit Skepsis gegenüber!“
„Bei uns auf Hull-Island, so mein Eindruck, sind die Menschen weder arm noch reich, aber überwiegend zufrieden!“ „Seit Jahren versuche ich den Anteil an regional produzierten Nahrungsmitteln zu erhöhen. Das Ziel ist eine autarke Versorgung. Hull-Island hat das im County beste Klima zur Nahrungsmittelproduktion und es sind noch bedeutende Flächen frei zur landwirtschaftlichen Nutzung. Wir haben schon beachtliche Fortschritte gemacht. Es gibt hier einige Agrarbetriebe, die wir in einer Agrargenossenschaft vereinen konnten. Die in der Genossenschaft erzeugten Nahrungsmittel vertreiben wir in angeschlossenen Stores in City und County. Einen Lieferservice, der abgelegene Siedlungen und ältere Menschen versorgt, konnten wir mit ehrenamtlich tätigen Mitarbeitern ins Leben rufen!“
„Diese Art des Wirtschaftens bietet den Menschen Sicherheit, beschert ihnen jedoch keine Reichtümer. Trotzdem scheint das System hier im County eine gute Akzeptanz zu haben!“
Beeindruckt meinte Robert: „Diese Entwicklungen vermitteln mir ein gutes Gefühl, Mrs. Conte, ich danke Ihnen für die Informationen!“
Sie verabschiedeten sich.
Robert ging in das Büro der HCB und meldete offiziell seine Anwesenheit in Westchapel an. Seine Frage nach offenen Verbindlichkeiten gegenüber der Bank beantwortete der Bankangestellte: „Nach dem Tod Ihres Großvaters, Mister Boganson, haben Sie unsere Bank ermächtigt, alle die Boganson-Liegenschaft betreffenden Kosten von Ihrem Konto zu begleichen!“
Ah, Robert erinnerte sich nicht mehr an diese Vorgänge, bedankte sich, verließ das Bankoffice und betrat das in Nachbarschaft liegende Postoffice. Auch hier gab er seine offizielle Postadresse bekannt und bat darum, seine Post nicht weiterhin an die Postadresse der Finnly-Familie zu senden.
Es war Lunchzeit und Robert überlegte, im Chapel-Inn, bei Dora und Frank Conelly, etwas zu essen. Im Pub wurde er mit großem Hallo begrüßt. Robert schien es, als habe man auf ihn gewartet. Er wurde eingeladen, am Familientisch der Conellys Platz zu nehmen. Dora servierte ihm ein Fischgericht. Dora, das spürte Robert, platzte vor Neugier, etwas von ihm zu erfahren. In verkürzter Form berichtete er seine Geschichte vom Anfang und dem Ende seiner Laufbahn als Trampkapitän und Dora fragte: „Bist du verheiratet, hast du Familie?“
Lächelnd winkte er ab: „Nein, ich hatte keine Gelegenheit, eine Familie zu gründen, und auch jetzt kann ich mir nicht vorstellen, mich durch Heirat an eine Frau zu binden!“
Mit Schalk in den Augen meinte Dora: „Dann bist du ja Freiwild! Du must wissen, dass Männer wie du zu einer gefährdeten Art gehören!“
Alle brachen in Gelächter aus und Robert fragte zurück: „Gibt es denn hier in Chapel Frauen, vor denen ich mich in Acht nehmen sollte?“
„Soweit ich das überschaue, gibt es zurzeit hier keine Gefahr!“, antwortete Dora amüsiert.
Robert erinnerte sich daran, dass er in der Nacht zum 1. Mai im Chapel-Inn ungewöhnlich moderne Musik gehört hatte. Er sprach das Thema an.
Frank zog die Stirn kraus: „Inzwischen ist es kaum noch möglich, traditionelle Musiker zu finden. Unsere Jugend ist infiziert von dem allgegenwärtigen Weltpop!“
Dora wusste: „Ja, die Tochter von Raffaela, Claudia Conte, ist befreundet mit der Farmerstochter Jennifer O’Toole aus Eastchurch. Jenny ist Drummerin mit ziemlich viel Power, sie ist, so scheint es, der Chef einiger Jungs und Mädels, die mit ihr Musik machen!“
Robert fragte nach: „Und die Gruppe habe ich in der Mainacht gehört?“
Frank: „Ja, die haben gespielt und sind überraschend gut bei den Chapelern angekommen.“
Robert fragte weiter: „Wie sind sie denn besetzt? Ich würde sie gerne einmal live hören und sehen!“
„Wie gesagt, mit einer Drummerin, zwei E-Gitarren von Jungs gespielt. Ein schwarzes Mädel spielt Blasinstrumente und singt. Ein Keyboarder ist dabei, der etwas älter ist!“, erklärte Frank.
Dora merkte an: „Soweit ich weiß, spielen sie morgen am Samstag bei Beccy Balmore am Westcorner!“
Robert dachte: „Oh, das ist günstig! Ich kann mit der Fähre hin- und zurückfahren und ich treffe Beccy, mit der ich auf der Highschool war.“
Big Boulder und der Philosoph, Phil genannt, betraten den Pub. Phil mit einer Körpergröße von etwa eineinhalb Meter und einem Körpergewicht unter fünfzig Kilogramm wirkte auf groteske Art gnomenhaft neben dem Riesen.
Big dröhnte: „Wir haben unsere Schicht fertig und müssen auftanken, hahaha!“
Bei Frank bestellte er ein Pint Luna (etwas mehr als ein halber Liter) für sich und ein Halfpint für Phil. Big setzte das Pint an, trank es in einem Zug leer, rülpste und schielte auf Phils halbes Pint. Wie ein Vögelchen hatte Phil drei kleine Schlucke genommen und reichte sein halbes Pint an Big weiter. Der nahm es grinsend und goss es auch in einem Zug hinunter.
Jetzt, so fand Dora, war es Zeit, die beiden ein wenig anzuheizen!
„Phil“, sagte sie, „du hängst seit Monaten mit Big herum! Was machst du da eigentlich?“
Phil: „Ich lerne!“
Dora: „Wow, was lernst du denn?“
Phil mit ernstem Gesichtsausdruck: „Wie man falsch lebt!“
Big überrascht: „Hä?“
Phil: „Big, zum Beispiel, hat von allem zu viel. Das ist ein Problem für ihn!“
Big: „Zum Beispiel?“
Phil: „Big, du hast mindestens zwanzig Kilogramm Übergewicht. Das schleppst du die ganze Zeit mit dir rum. Das musst du ständig warmhalten und pflegen!“
Big: „Du redest Scheiße. Wenn ich mal eine ganze Zeit nichts zwischen die Kiemen kriege, habe ich Reserven, hahaha! Dabei knallte er beide Handflächen auf seinen gewölbten Bauch. Wenn du mal einen Tag, nur einen Tag, nichts zu futtern kriegst, Phil, geht dein Lichtlein aus wie eine vom Wind ausgeblasene Kerze!“
Phil hielt dagegen: „Ich bekomme jeden Tag etwas zu essen. Ich brauche keine Reserven. Mir reicht zum Beispiel ein Stück Fisch in Daumengröße zum Leben!“
Big: „Und, wie stellst du das an, jeden Tag, du Däumling, hahaha?“
Phil: „Ein Stückchen Fisch erhalte ich an jeder Haustüre!“
Big: „Und, wie lange soll das funktionieren?“
Phil: „Das funktioniert immer, denn ich gebe den Menschen etwas zurück!“
Big: „Das wäre?“
Phil: „Das Gefühl, dass ich ihnen dankbar bin, dass ich ehrlich bin, dass ich sie achte. Ich bin ein reicher Mensch im „Sein“. Im „Haben“ bin ich dafür ein armer Mensch!“
Big dröhnte: „Zum Donnerwetter, jetzt höre sich einer dieses Gefasel an. Das ist typisch der Philosoph, den versteht kein Schwein!“
Phil: „Eben!“
Diese letzte feine Spitze hatte Big nicht verstanden.
Big: „Was soll der ganze Scheiß? Komm, Phil, wir hauen uns ein Stündchen hin!“
Beide verabschiedeten sich.
Robert schaute Frank fragend an. Dora bog sich vor Lachen.
Frank informierte: „Big ist hier der einzige Fischer, der nicht der Genossenschaft beigetreten ist. Er wollte frei bleiben, wie er sagte. Phil fand das gut und schloss sich als zweiter Mann auf dem Kutter an!“
Robert meinte: „Aber Phil kann doch kaum mehr als zwanzig Kilogramm in jeder Hand heben?“
Frank: „Ja, das stimmt, aber Phil ist ein Fuchs im Aufspüren von Edelfischen, die die beiden übrigens an Langleinen fangen!“
Robert: „Und was machen die mit ihrem Fang?“
„Sie verkaufen den Fang täglich hier im Ort vom Kutter aus, immer so gegen elf Uhr!“
„Was sagt der Bürgermeister dazu?“, fragte Robert.
„Josh und Raff schauen freundlich weg!“, meinte Frank.
Robert bedankte sich bei Dora und Frank und ging nach Hause in sein Boganson-Cottage.
6.
Später, gegen Abend, rief er wie versprochen seine Cousine Susan an.
Susan, kurz angebunden: „Die Testamentseröffnung findet nächste Woche, am 10. Mai, in unserem Kontor statt! Ich rate dir dringend vorab zu einem Abstimmungsgespräch!“
„Ja, Susan, ich sagte dir doch bereits, dass ich ein Vorabgespräch richtig finde. Bitte mach einen Terminvorschlag!“
Susan: „Am kommenden Montag, den 5. Mai, 15.00 Uhr, bei uns!“
Robert: „O. k., ich werde da sein!“
Der Tag endete mit angenehmer Temperatur. Rötlich leuchtendes Abendlicht erzeugte eine feierliche Atmosphäre auf dem Sund.
Robert dachte: „Ich möchte einmal im Sund schwimmen, wie in meiner Kindheit. Das würde sich wie ein wenig „Nach-Hause-Kommen“ anfühlen!“
In Badeshorts und mit Badetuch ging er in den verwilderten Garten an der Ostseite des Hauses zu der Badestelle, an der sein Grandpa Knuth ihm das Schwimmen beibrachte. Er war vier oder fünf Jahre alt gewesen. Es befand sich dort noch ein Fleckchen Gras. Er legte das Badetuch aus, setzte sich und schaute. Gegenüber sah er die Sund-Promenade von Hull-City. Einzelheiten konnte er wegen der Entfernung von etwa tausend Metern ohne Fernglas nicht ausmachen. Die Abbruchkante des Karstplateaus über der Stadt leuchtete in rosa Farbtönen. Küstenschiffe fuhren in der stadtnahen Fahrrinne von West nach Ost und umgekehrt. Bei schwachem Südwestwind vernahm Robert das leise Wummern der Schiffsmotoren. Möwen gab es zur Abendstunde keine am Sund. Die Fischer hatten ihr Tagewerk beendet.
Vorsichtig ließ er sich in das Wasser gleiten. Es roch frisch, schmeckte salzig und war wärmer als vermutet. Er schwamm etwas in den Sund hinaus, eine Strömung war kaum spürbar. Ein Glücksgefühl ließ Robert genüsslich erschauern.
Am folgenden Tag, Samstag, erschien gegen 10.00 Uhr Conchita und begann mit der Hausarbeit im Boganson-Cottage. Robert fühlte, dass er hier jetzt nicht richtig am Platz war und ging hinüber zum Bürgermeisterhaus.
Josh O’Bready telefonierte in seinem Büro. Mit freundlicher Miene winkte er Robert einzutreten.
Josh, Mitte sechzig, war ein alter Bekannter. Er war von stämmiger Statur, trug dichtes schwarzes, etwas grausträhniges Haar. Er war verheiratet, hatte mit seiner Frau drei jetzt erwachsene Kinder, wahrscheinlich auch Enkelkinder.
Mit sonorer Stimme begrüßte er Robert: „Hi, du alter Tramper! Haben wir dich endlich wieder zu Hause?“
Robert grinste: „Vorläufig ja!“
„Wieso vorläufig?“
„Nächste Woche ist bei Finnlys Testamentseröffnung, ich muss sehen, was sich ergibt!“
„Hast du noch keinen Plan?“
„Weißt du, Josh, meine Wurzeln habe ich hier in Chapel. Ich gehöre hier hin, ich will hierhin zurückkommen! Mein Gefühl sagt: „Wenn ich das Finnly-Erbe annehme, werde ich wahrscheinlich wieder in die unternehmerische Mühle der Finnlys geraten. Die Finnly-Werft ist ein Segen für unser County, zweifellos! Aber ich muss etwas anderes machen. Zurzeit weiß ich nicht, was, also lasse ich die Dinge auf mich zukommen! Ich überlege ernsthaft, das Erbe nicht anzunehmen. Am kommenden Montag spreche ich mit meiner Cousine vorab darüber!“
Josh nickte verstehend: „Wir kennen uns schon lange Robert. Ja, ich glaube, dass es für dich so richtig ist!“
Robert nickte mit dankbarer Geste.
Er fragte: „Warum hast du die Doppelfunktion Reverend und Bürgermeister, Josh?“
„Du weißt, ich bin gelernter Geistlicher. Aber hier in unserer kleinen Kommune konnten sie weder einen Reverend noch einen Bürgermeister bezahlen. Raffaela, die vor, ich glaube, 17 oder 18 Jahren zu uns kam, machte auf einer öffentlichen Gemeindeversammlung den Vorschlag, beide Ämter in die Hand einer Person zu geben. Den Vorschlag, die Ämter mir zu geben, brauchte sie nicht zu machen, der kam spontan aus der Versammlung!“
Robert meinte: „Raffaela Conte scheint eine dominante Person zu sein. Weißt du, woher sie kam und warum?“
„Sie kam mit zwei Kindern, ohne Mann. Offenbar verfügte sie über ein gut gefülltes Konto! Ich würde sie nicht dominant, sondern engagiert beschreiben. Jedenfalls genießt sie das volle Vertrauen der Bevölkerung. Den Store und das Wohnhaus hat sie von den alten Bloombergs auf Rentenbasis gekauft und den Warenwert des Stores bar bezahlt. Sie scheint keine Ambitionen zu haben, sich an einen Mann zu binden. Ihr Sohn Emilio studiert Nautik in Hull und ihre Tochter Claudia besucht die Highschool!“
Robert erinnerte sich: „Dora erwähnte, dass Claudia mit einer Farmerstochter aus Eastchurch befreundet ist, die Drums spielt.“
„Ja, die beiden Mädels kennen sich von der Highschool!“
Robert verabschiedete sich von Josh und ging nach Hause. Conchita hatte ihre Arbeiten erledigt und ging zufrieden zurück zu ihrer Familie.
Robert überlegte, was er zum Pub-Abend im Westcorner anziehen sollte. Er wählte eine Jeans, Turnschuhe, ein helles T-Shirt und eine schwarze Lederweste, dazu eine helle Hull-Cap.
Nachdem er etwas Brot und Käse gegessen hatte, ging er gegen 19 Uhr hinüber zum Fähranleger. Donald McCancie grüßte ihn aus dem Steuerhaus, er hatte Fährdienst bis Mitternacht. Dann würde Lena Malinowski übernehmen bis 4 Uhr am Sonntag. Die Fähre war gut besetzt mit Chapel-Einwohnern, die wahrscheinlich auch die Musikveranstaltung im Westcorner-Inn besuchen wollten und Touristen, die von Ausflügen auf Hull-Island in die Stadt zurückkehrten. Am Verkaufspunkt der Fähre herrschte Gedränge von Kunden für Tabak, Spirituosen und Süßigkeiten, alles steuerfrei. Die Überfahrt dauerte mit Ab- und Anlegemanöver vierzig Minuten.
Gegen 20 Uhr betrat Robert das Westcorner-Inn. Das Publikum des jetzt schon gefüllten Pubs bestand überwiegend aus jungen Menschen. Robert registrierte mit Genugtuung die bunte Mischung von fröhlichen Menschen verschiedenster Ethnien.
An der linken Raumseite verlief ein langer Tresen in die Tiefe des Raumes. Der Kassenplatz am Tresen war im Augenblick seines Eintretens nicht besetzt. Robert hatte gehofft, Beccy Balmore, die Chefin, anzutreffen. In der hinteren rechten Raumecke war ein Podium als Bühne aufgebaut. Robert eroberte einen Stehplatz am Tresen in der Nähe des Podiums.
Die Band mit dem Namen „Hull-City-Rollers“ brachte Verstärker und Boxen in Position und begann die Instrumente einzustöpseln und zu stimmen. Auf einer höheren zweiten Stufe des Podiums stand ein sehr komplettes Drumset. Auf der Ebene darunter befanden sich links ein Keyboard, rechts daneben ein E-Gitarren-Set, mittig ein Mikrofon-Set und rechts ein weiteres Gitarren-Set.
Das enthusiastische Gemurmel im Publikum verstummte augenblicklich, als eine junge rotblonde Frau das Podium betrat und sich an das Drumset setzte.
Das muss Jennifer O’Toole sein, dachte Robert. Sie sah überirdisch gut aus.
Sie rückte das Mikro in Position, nahm Schlagstöcke und begann einen schnellen, dezent geschlagenen Rhythmus. Sofort begannen die Pubgäste sich rhythmisch im Takt zu bewegen. Nach etwa 10 Sekunden sprach sie in ihren Schlagrhythmus: „Hi Leute, schön dass Ihr hier seid. Wollt Ihr heute mit uns die Sau rauslassen?“
Die Menge brüllte: „Wir wollen!“ Dann erschien ein Gitarrist, den die Drummerin als Cliff Hutchinson vorstellte. Es folgte der zweite Gitarrist, Ossy Carpenter, und weiter die schwarze Kim Harvester. Ein großer, schlaksiger Keyboarder wurde als Frank Colomba vorgestellt. Die Menge tobte. Jennifer ließ die Drums sehr laut werden, Frank ließ aus dem Keyboard ein Bass-Riff einfließen. Die E-Gitarren mischten sich dazu und Kim Harvester begann einen Song, den „Hull Dream Song“. Im Publikum schienen sie den Song zu kennen, denn sofort sangen alle mit. Der Vocal Part wechselte zu Cliff Hutchinson, damit Kim mit einem fetzigen Saxofon-Solo einsetzen konnte. Die Euphorie der Menschen im Saal schien sich zu überschlagen, so empfand es Robert. Es war klar, die Band hatte bereits ein Standing in Hull. Sie elektrisierten das Publikum mit einer unglaublichen Power. Kleine Unsauberkeiten in der Musik nahm das Publikum nicht wahr. Von der ersten Minute an wurde gefeiert. Junge männliche und weibliche Bediener flitzten artistisch durch die Menge und baggerten Getränke heran. An der Kasse vorne am Tresenkopf entdeckte Robert Beccy Balmore.
Die Band spielte eine Reihe Songs aus eigener Entwicklung und auch gecoverte Songs, etwa eineinhalb Stunden. Dann legten sie eine Pause ein.
Robert arbeitete sich nach vorne durch zu Beccy Balmore und begrüßte sie: „Hi Beccy, ich bin wieder im Lande!“
Sie sah ihn überrascht an, benötigte eine Sekunde des Erkennens: „Hi Robert, du hier? Du siehst so freizeitmäßig aus! Was ist los mit dir?“
Robert lächelte: „Ist eine lange Geschichte, Beccy! Ich erzähle sie dir später, wenn du etwas Zeit hast!“
Beccy nickte mit erfreutem Lächeln. Der Geräuschpegel ließ eine weitere Unterhaltung nicht zu.
Robert arbeitete sich wieder zum Podium durch. Er sprach den Keyboarder an: „Hi Frank, ich bin begeistert von eurer Power. Warum habt ihr keinen Bass in eurer Gruppe?“
„Wir konnten noch keinen Bassisten finden, der unseren Soundvorstellungen entspricht!“, erklärte Frank.
„Könnt ihr euch vorstellen, einen älteren Mann wie mich am Bass zu haben?“
„Bist du ein Bass-Mann?“
„Ja, ich könnte direkt bei euch einsteigen, nachdem ich einiges gehört habe!“
„Ich rede mit meinen Freunden darüber!“
Die Band beendete ihre Pause und besetzte wieder die Sets.
Jennifer O’Toole suchte Blickkontakt mit Robert und winkte ihm, auf das Podium zu kommen.
Cliff und Jennifer sprachen ihn an: „Wie lange willst du heute hierbleiben? Die letzte Nummer spielen wir um 0.45, dann noch ein paar Zugaben. Wenn du bleibst, können wir danach noch eine kurze Probejam spielen, eine Bassgitarre ist hier!“
„Klar, ich bleibe gerne hier, vielen Dank!“
Gegen ein Uhr, so schien es, waren alle Fans noch im Pub. Jennifer verständigte sich mit Beccy, dass die Polizeistunde eine viertel Stunde überzogen wurde.
Robert hatte keinen Alkohol getrunken. Im Anschluss an die letzte Nummer kündigte Jennifer einen Gastbassisten an: Robert Finnly.
Die gestöpselte Bassgitarre stimmte Robert mit dem Keyboarder, dann ging es los.
Die Band begann mit einem gecoverten Stück, das Robert kannte. Es fiel ihm leicht, den Bass einzusetzen. Dann drummte Jennifer den Hull-Dream-Song an und Robert ließ das Bass-Riff einfließen.
Die Fans tobten. Beccy erhob sich erstaunt von ihrem Sitz, als sie Robert am Bass sah. Die Fans forderten ohne Ende Wiederholungsschleifen, damit sie den Refrain mitsingen konnten. Robert hatte inzwischen den Text des Hull-Dream-Song verstanden:
Hallo, St. Andrew Cathedral
du bist die größte in Hull
du bewachst uns Tag und Nacht
du bist der Anker unserer Stadt
nach Westen schaust du auf das alte Hull
nach Osten auf das junge Hull
du siehst den Sund im Süden
weiße Steine und Schafe im Norden
Tag für Tag rufen deine Glocken
Hi, aufwachen, der Tag beginnt
Hi, Pause machen mit Kollegen
Hi, chillen im Pub, wo deine Freunde sind
(Refrain)
Hallo, St. Andrew Cathedral
du bist die größte in Hull
du bewachst uns Tag und Nacht
du bist der Anker unserer Stadt
Durchgefeiert die halbe Nacht,
angedröhnt am Central-Place;
hi, St. Andrew, bist du auch noch wach?
Wir grinsen dich an und heben das leere Glas
Langsam schleichen wir nach Hause,
Mutter wartet mit Sorge im Gesicht
Mutter, mach dir keine Sorge,
St. Andrew beschützt uns, das ist gewiss
Hallo, St. Andrew Cathedral
du bist die größte in Hull
du bewachst uns Tag und Nacht
du bist der Anker unserer Stadt
Vor deinem Altar geben wir uns das Jawort.
Christen, Juden, Muslime und Buddhisten
stehen vereint mit uns an diesem geheiligten Ort
sie alle jubeln uns zu; es staunen die Chronisten
Ja, vor St. Andrew sind wir alle gleich
alle Ethnien, alle Geschlechter, alle Klassen
gemeinsam machen wir unser Leben reich
Ja, auf St. Andrew wollen wir uns verlassen.
Beccy zog schließlich der Band den Stecker, nahm ihr Kassenmikro, und rief: „Hi Leute, wir haben die Polizeistunde überschritten, wir müssen Schluss machen. Das Westcorner-Inn und die Rollers, wir bedanken uns bei euch. Ihr wart ein super Publikum! Gute Nacht und gute Heimfahrt! Bis zum nächsten Mal!“
Es gab mehrere Minuten Ovations.
Die Rollers schauten Robert überrascht und interessiert an.
Frank sagte: „Hi Robert, du bist doch Profi, oder?“
„Nein, aber ich freue mich, dass ihr mich so einschätzt!“
„Hast du kein Engagement?“
„Nein!“
„Willst du bei uns einsteigen?“, fragte Cliff.
„Bin ich nicht zu alt für euch?“
Jennifer meinte: „Bei uns steht Qualität vor allem anderen!“
„Wie oft spielt ihr und wo?“
„Einige von uns sind Schüler. Deshalb spielen wir öffentlich nur an Wochenenden, zurzeit etwa jede zweite Woche!“, erklärte Cliff.
„O. k., da könnte ich mich einklinken!“
„Wir üben jeden Mittwoch von 14 bis 20 Uhr im Übungssaal der Musikfakultät an der UNI in Middle-East-Channel!“, bot Frank an.
„Ja, da kann ich mitmachen!“
Jennifer erfreut: „Fein Robert, dann am Mittwoch nächste Woche, am 8. Mai an der UNI!“
Robert verabschiedete sich von den Rollers und von Beccy, die ihm zuraunte: „Mann, Finnly, du bist vielleicht ein verrückter Kerl!“
Sie lächelten einander zu, dann ging Robert hinüber zum Fähranleger. Lina Malinowski stand im Ruderhaus.
Die Fähre war besetzt mit Rollers-Fans die nach Westchapel zurückfuhren. Es wurden Spirituosen gekauft, reichlich Spirituosen! Lina gab über die Bordlautsprecher bekannt, dass der Genuss von Alkohol an Bord verboten sei. Entrüstetes Gemurmel der Fährgäste, offensichtlich wollten sie die im Westcorner-Inn angeheizte Musikdröhnung etwas nachbrennen lassen.
7.
Der Fähranleger in Chapel lag in hellem Mondlicht. Die Wasseroberfläche im Hafen beruhigte sich schnell, nachdem die Fähre wieder abgelegt hatte, leer. Denn zu dieser Nachtzeit schien niemand mehr in die City fahren zu wollen. Robert schlenderte an der gebogenen Pier entlang Richtung Boganson-Cottage. Der Pub, rechter Hand, lag in tiefem Nachtschlaf. Auch der Wind war eingeschlafen, in den Platanen raschelte kein Blatt. Robert betrat sein Cottage, das er nie verschloss, pflegte sich und ging zu Bett.
Durch die Fensterläden fielen Streifen Tageslicht, als er aufwachte. Es war Sonntag, gegen 11 Uhr.
Robert duschte, kleidete sich mit Jacket und Hose, darunter ein Hemd, das nicht in den Hosenbund gesteckt wurde. Dazu wählte er einen passenden Hut.
