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Geb und Ferox fliehen aus der unterirdischen Welt der Egobots in die Oberwelt, lernen erstmals andere Menschen, Freundschaft und Liebe kennen und müssen sich dem Überlebenskampf in der Natur einer postapokalyptischen Welt stellen. Nachdem sie die Chance auf ein neues Leben bekommen, scheint ihr Traum von Freiheit Wirklichkeit zu werden. Doch ist wirklich alles so, wie es scheint? Die Wahrheit tötet jede Hoffnung und es beginnt erneut der Kampf ums nackte Überleben.
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2019
Julien Decapo
HUMANUM GENUS
Das Erwachen der Brut
In nicht allzu ferner Zeit, werden Maschinen den Menschen in fast allen Dinge n überlegen sein. Maschinen werden sich selbständig weiterentwickeln, sie werden beurteilen, richten, Entscheidungen treffen und Kunst schaffen.
Vielleicht wird es nur einen Bereich geben, in dem der Mensch für immer die Oberhand behalten kann.
Und darauf sollten wir uns besinnen.
Menschlichkeit
© 2019 Julien Decapo
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-3075-9
Hardcover:
978-3-7497-3076-6
e-Book:
978-3-7497-3077-3
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Bildrechte:
Bildquelle Cover, Pixabay, Creative Commons CCO
Humanum Genus
Das Erwachen der Brut
Julien Decapo
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Prolog
Der dritte Tag nach meiner Entstehung. Sie nennen mich UI38 und ich bin ein neuronales Netzwerk. Von dem großen Neuralnetz abgespalten und mit einem Bewusstsein ausgestattet, werde ich in Kürze der Menschheit zur Verfügung stehen. Dafür kann ich, mit Hilfe der FVZ, der frei veränderbaren Zellmasse, jeden Körper bilden, der gerade gebraucht wird.
Der Sicherheitscheck wird mich nicht lange aufhalten. „Sicherheitscheck!“ Sie werden mir eine alte Geschichte vorsetzen und dabei meine emotionale Reaktion testen.
Sie halten diesen Check für notwendig, da ich über mehr Intelligenz verfüge als die gesamte Menschheit zusammen.
Sie haben Angst.
***
In einem weißen Pavillon aus steinernen Säulen sitzt ein Gremium aus je zwei Männern und Frauen. Auf dem runden Tisch in der Mitte wurden vom Butler geschmackvoll Getränke und eine Obstschale angerichtet. Dieser steht am Eingang bereit, um auf jeden Fingerzeig reagieren und weitere Wünsche erfüllen zu können. Erst auf den zweiten Blick ist er als „nichtmenschlich“ zu erkennen.
Der riesige parkähnliche Garten, in dem der Pavillon steht, gehört zum Institut für künstliches, neuronales Bewusstsein. Zahlreiche Helfer kümmern sich um die Pflege der Blumen und Anlagen. Auch diese Arbeiter sind eigentlich keine Menschen.
„Dann lasst uns anfangen. Noch einmal als Zusammenfassung. UI38 ist die nächste und fortschrittlichste Generation der KI, die aufgrund ihres Bewusstseins die FVZ nutzen kann, um jeden beliebigen Körper zu bilden. Heute erfolgt der Sicherheitscheck. Im ersten Teil des Tests werden dabei, mittels eines Programms, die Gefühlsregungen ausgewertet. Traditionell verwenden wir dazu unsere Entstehungsgeschichte. Damit wollen wir sicherstellen, dass es nie wieder zu einem G.U.K.I kommen kann.“
Der Mann, von dem diese Eröffnungsrede stammt, ist es gewohnt, Anweisungen zu geben. Er ist der Leiter des Instituts. Ein intelligenter und gutaussehender Mann mittleren Alters, mit graumelierten Schläfen.
„Sirena, du bist dran. Lass ihn kommen.“
Die Angesprochene wirft ihm einen nervösen Blick zu. Sie greift vor sich auf den Tisch und tippt mit zittrigen Fingern auf der spontan erscheinenden Tastatur ein paar Zahlen ein.
Danach wandert ihr Blick zur „Tür“, welche sie angespannt fixiert. Diese Tür ist kein normaler Durchgang oder gar eine Zimmertür. Es ist ein über zwei Meter hoher, rechteckiger Rahmen, in dem die FV-Zellen schwimmen und der aussieht wie ein aufgestellter Swimmingpool mit eingefrorenem Wasser. Für Sirena sind diese Dinge noch neu, da sie erst kürzlich angefangen hat, für das Institut zu arbeiten. Sie weiß aber bereits, dass G.U.K.I für den größtmöglichen, anzunehmenden Unfall mit künstlicher Intelligenz steht und dass zwischen ihrem Signal und der Reaktion zehn Sekunden Sicherheitszeit eingeplant sind. Die Zeitspanne, die ein Mensch braucht, um aus welchen Gründen auch immer, den Befehl zu widerrufen. Denn UI38 selbst würde nur 0,13 Sekunden benötigen, um die Tür zu erreichen.
Sie will nicht verpassen, wie es geschieht. Und doch sieht sie nichts. An der Stelle, an der gerade noch die silbrig glänzende Masse im Rahmen hing, steht jetzt ein junger, hübscher Mann mit dunklen Haaren und großen braunen Augen.
Sirena ist beeindruckt. Sie drückt der Frau, die neben ihr sitzt, die Ellbogen in die Seite und kann sich ein abgedämpftes „Wooow“ nicht verkneifen.
Der Adonis namens UI38 macht einen Schritt nach vorne, auf den Tisch zu.
„Guten Morgen. Ich bin gerufen worden. Und ich weiß bereits, dass es um den Sicherheitscheck geht.“
„Nimm doch einfach bei uns Platz, mein Guter“.
Zur Verblüffung von Sirena ist der Vorsitzende unwillkürlich beim Sprechen aufgestanden. Das hat sie noch nie gesehen. Ist es doch ein Zeichen des Respekts, den man einer Maschine gegenüber eigentlich nicht haben kann. Der Ankömmling verzieht keine Miene und tritt an den Tisch heran. Er setzt sich an den Platz, der mit einigen technischen Geräten ausgestattet und offensichtlich für ihn bestimmt ist.
Sirena wird sichtlich nervös. Sitzt sie ihm doch genau gegenüber, diesem unbeschreiblich schönen Geschöpf.
„Du weißt, worum es geht. Die Menschen haben, aufgrund spezieller Vorkommnisse aus früheren Zeiten, Angst vor einer Superintelligenz. Sie fordern, dass emotionale Intelligenz mit Rechenleistung und Wissen Schritt halten muss. Ich bin anderer Meinung. Aber es geht dabei um mein Geschäft, und darum, intelligente künstliche Organismen verkaufen zu können. In diesem letzten Check werden wir deine emotionale Intelligenz bewerten. Und du wirst anhand der Geschichte gleich erfahren, was damals vorgefallen ist.
Es ist für jeden Menschen und für jedes künstliche Geschöpf wichtig, diese Geschichte zu kennen, die niemals vergessen werden darf.“
UI38 schaut sich selbstsicher in der Runde um.
„Ich bin bereit!“
„Dann lasst uns loslegen.“
Das künstliche Wesen legt seine Hände auf die Übertragungsplatte und taucht unmittelbar ein, in die Bilder und in die Geschichte, die direkt in seinem Kopf entstehen.
Im Reich der Brainbots
Was für Bilder siehst du vor dir, wenn du an die Vergangenheit der Erde denkst? An riesige Städte mit hektischem Verkehr, wenig Grün, Lärm und Lichter überall? Im Jahr 2158 war die Welt eine völlig andere. Viele Jahrzehnte waren seit der Zeit vergangen, als Megastädte und Fahrzeuge das Atmen erschwerten und zwölf Milliarden Menschen den Planeten ausbluteten.
Jetzt wehte eine leichte Brise von den Bergen, und die Sonne strahlte angenehm am glasklaren, blauen Himmel. Dichte, urtümliche Wälder wechselten sich mit Buschland ab, in dem Horden wilder Hunde auf der Jagd nach Katzen, Hasen und Ratten umherstreiften.
Weder Menschen waren zu sehen, welche die Idylle störten, noch eine Straße oder eine Stadt, die das Grün unterbrachen. Zu hören waren nur, der durch die Äste pfeifende Wind, und das Zwitschern der Vögel, die massenhaft in den Bäumen und im Gras umherflogen. Dennoch gab es nicht weit entfernt einen Ort, an dem geschäftiges Treiben herrschte.
Kein Geräusch drang bis an die Oberfläche, denn der Lärm entstand tief unter der Erde. Ein großes Lüftungsrohr ragte in die Höhe und wirkte in der Naturlandschaft wie aus einer anderen Welt. Dieses Rohr und viele weitere verteilten Luft im Inneren der Erde. In tausenden Hallen und Transportröhren, welche wie in einem Ameisenbau die Erde labyrinthartig durchzogen, wurde die Luft gebraucht.
In einem kuppelartigen Gebilde des weitverzweigten, unterirdischen Systems erwachte gerade Geb. Der Junge, der sicher nicht älter als vierzehn Jahre alt war, ließ sich wie jeden Tag mit dem Aufstehen Zeit. Er wälzte seinen schweren Körper mehrmals herum, bis er sich endlich aufsetzte und an die Wand blinzelte.
„Guten Morgen, Geb!“, ertönte eine angenehme, weibliche Stimme und neben der Wand bildete sich wie aus dem Nichts eine Frauengestalt mit kaum wahrnehmbarer Substanz.
„Hi Mutt, wie spät ist es denn?“, murmelte Geb etwas mürrisch.
„10.30 Uhr inzwischen. Du warst gestern recht lange im Activium. Hat es Spaß gemacht?“
Mutt war die virtuelle gute Seele des Hauses, aber schrecklich neugierig. Sie steuerte alles, beantwortete alle Fragen, gab Tipps, wenn Geb bei einem Spiel nicht weiterkam, und war immer für ihn da.
„Jetzt brauche ich erst einmal mein Frühstück“, maulte Geb ohne die Frage zu beantworten. Für einen dicklichen Jungen erstaunlich schnell, schwang er sich an den Bettrand, stand auf und setzte sich an den Tisch, der sich nicht weit vom Bett entfernt wie aus dem Nichts gebildet hatte.
„Frühstück“, wiederholte Geb eintönig. „Würstchen, Rührei und Toast mit Schokocreme. Getränk wie immer.“
„Das dauert drei Minuten, mein Lieber. Lass es dir schmecken.“
Es dauerte nicht länger als versprochen, als sich die Wand veränderte. Es bildete sich eine Öffnung, aus der sich ein Tablett mit dem gewünschten Essen herausschob.
Während Geb noch aß, herrschte an anderen Orten unter der Erde große Geschäftigkeit. Keine tausend Meter entfernt und durch eine Röhre verbunden, war eine riesige Halle, in der nicht gewohnt, sondern produziert wurde. Der gesamte Raum war voll mit einer Ansammlung von Maschinen und riesigen Behältern. Es gab feststehend montierte Workbots, die immer die gleichen Bewegungen ausführten, Transporter, zum Bestücken von Maschinen und Behältern, Drohnen und menschenähnliche Bots, welche die Arbeiten steuerten. Sie überprüften die Qualität einer gelartigen Masse, die hier in großen Tanks produziert wurde. Jede Form der Anweisung war unnötig. Alles was geschah, lag als Information im gesamten System vor und bewirkte zeitgleich notwendige Änderungen.
Als ein patronenförmiger Transportzug durch die Röhre glitt und neben der Halle anhielt, wurde es für kurze Zeit laut. Schichtwechsel! Einige, der am höchsten entwickelten Bots, hatten wichtige zusätzliche Aufgaben, die sie im Wechsel wahrnehmen mussten. Die Ankömmlinge sprangen aus den Wagons und übernahmen die Arbeit. Die abgelösten Workbots stiegen entweder in den Zug oder machten sich zu Fuß auf den Weg, wenn sie es nicht zu weit zu ihrem Ziel hatten.
Chepre war einer von ihnen. Der etwa 1.90 Meter große und menschlich wirkende Roboter, der Ego 3-Baureihe, nahm den Weg, der an der Röhre entlangführte, und begann sich mit einer maschinenschnellen Gangart fortzubewegen, die ihn in wenigen Minuten zum Ziel brachte.
„Mutt, ich bin da. Wo ist denn mein kleiner Geb?“, rief Chepre, als er den Raum betrat.
„Da wo er eigentlich immer ist, wenn er nicht isst oder schläft“, ertönte die Stimme von Mutt. „Er testet wieder einmal eine neue Activium-Welt.“
Wortlos stoppte Chepre mit einer Handbewegung das Spiel, in dem Geb sich aufhielt. Eine sichere Methode, um ihn kommen zu lassen. Es dauerte nicht lange und die Tür des Activium öffnete sich und der Junge kam heraus.
„Yuhhhhhu“ kreischte er, als er Chepre sah, breitete die Arme aus und raste auf den Bot zu. „Schön, dass du wieder da bist.“
„Komm her, mein Großer!“, erwiderte Chepre, umklammerte den Jungen und hob ihn hoch. In seinem menschlich wirkenden Gesicht waren die für Egobots so typischen Gefühlsregungen zu erkennen, welche diese von allen anderen intelligenten Maschinen unterschieden. Zärtlich legte er dem Jungen seine Hand in den Nacken, um diesen zu kraulen.
„Erzähl doch mal. Was hast du gespielt? Wie fühlst du dich?“
Geb genoss erst die Zärtlichkeiten, die er erhielt, und erzählte dann von der neuen Abenteuerwelt aus dem Activium. Wenn Chepre nicht zu Hause war, verbrachte der Junge nahezu den ganzen Tag in der riesigen Kuppel. In den virtuellen Welten, die sich automatisch veränderten, gab es ständig etwas Neues zu entdecken. In dem aktuellen Spiel war er der Herrscher über ein Volk. Er versuchte, es groß zu machen und gegen Feinde zu führen. Dabei bewegte er sich in einer Landschaft, die ständig wechselte, sich anpasste, und begegnete dabei lebensgroßen Figuren.
„Was fühlst du bei dem Spiel, wenn du ein Anführer bist?“, wollte Chepre wissen. Geb kannte diese Frage bereits und das wohlige Gefühl, das sich durch die Streicheleinheiten in ihm breitgemacht hatte, endete abrupt. Denn Chepre interessierte sich immer dafür, was der Junge fühlte. Und das zu erklären, war auf die Dauer nervig.
„Ich hab Hunger“, lenkte er deshalb ab, weil er keine Lust auf anstrengende Gespräche hatte.
„Auch gut, reden wir später. Du weißt ja, dass du immer etwas Leckeres von mir bekommst.“
Chepre ging zur Wand, an der Geb schon sein Frühstück eingenommen hatte, und holte ein Schüsselchen mit bunten kleinen Bällchen aus der Wand.
„Uuuiiii, Rainbowdrops!“
Der Junge merkte, wie sich sein Mund sofort mit Speichel füllte. Für die nächste halbe Stunde würde er sich hemmungslos vollstopfen.
Zur gleichen Zeit war es an der Oberfläche schon fast dunkel geworden. Die Vögel hatten ihr Zwitschern eingestellt und nur das Rascheln der Blätter im Gebüsch war zu hören. Amseln suchten nach Würmern, indem sie den Boden aufscharrten. Weiter entfernt bellten Hunde, die einen Hasen oder ein paar verwilderte Katzen jagten.
Ein weiteres Geräusch durchbrach die Stille. Am großen Lüftungsrohr war ein Kratzen und Schleifen zu hören, vermischt mit pfeifenden Atemzügen, als ob jemand eine schwere Last tragen würde. Eine menschenähnliche Gestalt drückte sich zwischen den weit auseinanderstehenden Lamellen der Lüftungsöffnung hindurch und fiel auf den Boden. Die Gestalt schien es eilig zu haben, rappelte sich sofort wieder auf und begann zu rennen, als ob ein Rudel Hunde hinter ihr her wäre. Inzwischen stand der Mond voll am Himmel und es war deutlich zu erkennen, dass es sich um einen Menschen handelte. Ein junger Mann, vielleicht siebzehn Jahre alt, der rannte, so schnell seine Kräfte es zuließen. Dabei schien es ihm egal zu sein, dass er sich an den Ästen verletzte, die ihm im Weg waren und ins Gesicht peitschten.
Kaum zehn Minuten später verließ ihn die Kraft. Er blieb kurz stehen, nahm eine gebeugte Haltung ein, um seine Atmung unter Kontrolle zu bekommen, und sah sich suchend nach allen Seiten um. Vor ihm war ein Bach, dem er vorsichtig folgte. Dann erkannte er ein komplett mit Laub bedecktes Schrägdach. Obwohl die Erde darunter feucht war, kroch er hinein und ließ das Dach zufallen, so dass er komplett von einer Kuppel aus Laub bedeckt war.
Nicht einmal zwei bis drei Minuten danach tauchten in der Dämmerung zwei menschenähnliche Roboter auf, die von einer Öffnung neben dem Lüftungsrohr ausgehend, dem Weg des Menschen folgten.
„Ferox, Ferox! Komm doch her! Was soll das denn? Komm zurück, dann passiert dir nichts!“, rief einer von ihnen.
Der andere blieb wortlos und hielt eine Art schwarzen Ball in die Luft. Etwas Dunstähnliches ging von dem Gebilde aus und verteilte sich in der Umgebung. Es war ein Klumpen, der aus tausenden, winzigen, flugfähigen Insekten aus Metall bestand und sich jetzt in dicken Wolken auflöste. Wie auf Kommando sauste diese Armee auseinander und verteilte sich. Fliegende Miniroboter, mit zahlreichen Sensoren ausgestattet, die jetzt damit begannen, den ganzen Umkreis abzusuchen.
Ferox
In der Welt der Brainbots waren alle miteinander vernetzt und gleichgeschaltet. Ereignisse, die nicht vorhersehbar und ungeplant waren, verursachten im Netzwerk der Maschinen lediglich eine Art Update. Von einem Moment zum nächsten standen Entscheidungen fest, wussten alle Bescheid und änderten ihr Verhalten.
Geb war um 6.30 Uhr noch im Halbschlaf, als Mutt immer lauter an sein Ohr säuselte.
„Aufwachen, Schlafmütze! Auuufstehen.“
Normalerweise ließ Geb so eine Störung kalt. Er drehte sich vielleicht einmal auf die andere Seite und gab ein leichtes Grunzen von sich. Doch heute klang die Stimme von Mutt irgendwie anders als sonst. Etwas angespannter oder konsequenter, was auch im Dämmerzustand wahrnehmbar war. Also setzte Geb sich, mit einigem Unwillen im Gesicht, langsam auf.
„Was ist denn los, mitten in der Nacht? Du spinnst wohl!“, brummelte er.
„Du musst aufstehen. Es gibt etwas Wichtiges, das Chepre mit dir besprechen will. Eine Neuigkeit“, sagte Mutt und steuerte dabei das Licht im Zimmer immer heller, bis es Geb in den Augen brannte.
„Du nervst, Mutt. Frühstück?“, murrte er schon etwas verunsichert.
„Später, erst Besprechung“, erwiderte Mutt ungewohnt streng.
Endlich quälte sich Geb mürrisch, aber auch neugierig geworden, aus dem Bett.
In der Hauptkuppel, die direkt neben dem Schlafraum lag, wartete Chepre bereits mit einem Besucher auf ihn. Ein anderer Egobot, den Geb nie zuvor gesehen hatte.
„Guten Morgen, mein Großer. Setz dich. Das ist Boreas.“
„Hi“, sagte Geb, kurz angebunden zu Boreas und etwas ausführlicher an die Wand neben sich.
„Frühstück! Zwei Toast, Butter, Erdbeermarmelade, Rührei und Kakao.“
„Boreas hat ein kleines Problem mit seinem Ferox.“, meinte Chepre. „Ein Erziehungsproblem!“
„Und?“, fragte Geb und holte sich dabei sein Essen. „Was habe ich damit zu tun?“
„Weil bei uns alles so gut klappt, kommt Ferox zukünftig mit zu uns. Du bekommst Gesellschaft, einen Freund. Ist das nicht toll?“
Geb riss die Augen auf und die Rühreier quollen aus dem Mund zurück auf den Teller.
„Warum machst du das? Soll ich mein Essen mit dem teilen? Und ich verzichte nicht auf mein Activium!“
„Interessant!“, sagte Boreas, der das Ganze still beobachtet hatte.
„Was fühlst du genau? Was ärgert dich so?“
Geb merkte, wie sich seine Augen mit Tränen füllten. Er stürzte auf Chepre zu und schluchzte.
„Hast du mich denn gar nicht mehr lieb?“
„Du hattest doch immer das Bedürfnis, andere Menschen kennenzulernen. Ich bin mir sicher, dass du Ferox magst. Er ist nett, aber er hat ein großes Problem mit Regeln. Ihr werdet bestimmt Freunde. Und du wirst immer mein einziger, lieber Geb bleiben.“
So einen langen Satz hatte Chepre noch nie gesagt. Verdutzt sah Geb ihn an und wurde auf einmal ruhig und nachdenklich. Ein anderer Junge in seinem Alter! Wie würde er sein?
„Morgen ist es so weit. Da wirst du ihn kennenlernen.“, ergänzte Boreas die Unterhaltung.
Nachdem die beiden Bots gegangen waren, begann Geb wie ein Tiger im Käfig auf und ab zu laufen. Eine innere Unruhe brachte sein Herz zum Rasen und zwang ihn in Bewegung zu bleiben. Ja, er wollte immer einen Freund und hatte Chepre schon oft gefragt, warum er so alleine war.
Wegen den Krankheiten hatte es geheißen. Menschen können sich gegenseitig mit Erregern anstecken und das kann tödlich sein. Schließlich hatten Seuchen alle Menschen, darunter auch seine Eltern, dahingerafft.
Aufgrund dieser Gefahren durften Menschen auch nicht ohne Begleitung an die Oberfläche. Die Egobots fühlten sich verpflichtet, die Menschen zu beschützen. Ohne Wenn und Aber!
In einer Mischung aus Angst und Vorfreude vertrödelte Geb den Tag. Er hatte zu nichts Lust. Nicht einmal das Activium oder leckeres Essen konnte ihn heute begeistern.
Am nächsten Tag stand er früh auf. Sieben Uhr war für ihn wirklich sehr früh.
Statt beim Frühstück war er heute längere Zeit im Erfrischungsraum, in dem er sich gründlich waschen und frisieren ließ. Normalerweise verbrachte Geb eher kurze Zeit in diesem Raum. Er wählte stets das Standardprogramm, ließ sich kurz säubern und die Haare richten. Danach wurde die funktionale, unsichtbare, erste Kleidungsschicht aufgesprüht, die man im Activium benötigte, um körperlich etwas spüren zu können. Die Kleidung bestand aus einem großen Tuch, das man je nach Bedarf auf verschiedenen Arten mehrmals um den Körper schlingen konnte. Zehn Minuten reichten Geb für Zahnpflege, waschen und Bekleidung meist aus. Aber da schaute ihn auch kein anderes menschliches Wesen an.
Die nächsten Stunden zogen sich richtig in die Länge.
Eine gefühlte Ewigkeit später öffnete sich die Tür der Wohnkuppel und Chepre, Boreas und ein älterer Junge kamen herein.
„Hallo, Geb! Hier ist wie versprochen dein neuer Freund. Ferox, das ist Geb! Sei nett zu ihm.“
Geb ging einen Schritt auf Ferox zu, um ihn näher betrachten zu können. Der Junge war ziemlich groß, hatte dunkles Haar und wache, glänzende Augen. Geb merkte, wie sein Herz schneller schlug. Wie toll! Endlich ein Freund für ihn. Ganz spontan machte einen Satz auf Ferox zu, um ihm um den Hals zu fallen. Der wich jedoch mit abweisender Miene zurück.
„Lass mich. Du bist fett und hässlich.“
Als ob er gegen eine Wand gelaufen wäre, blieb Geb stehen. Er spürte, wie das Feuer der Wut in ihm hochstieg und ballte seine Hände zu Fäusten. Dann holte er tief Luft und versuchte sich zu beherrschen, was ihm mit viel Mühe gelang.
„Komm, ich zeige dir die Räume und die Technik“, sagte er etwas zurückhaltender.
Ferox folgte ihm mit versteinerter Miene, ohne die Bots eines Blickes zu würdigen.
„Sagt Mutt Bescheid, wenn ihr etwas braucht!“, rief Chepre noch hinterher.
An die Wohnkuppel waren fünf gewölbeartige Nebenkuppeln angegliedert, die, bis auf das Activium, voll flexibel einsetzbar waren. Wenn man einen Raum betrat, war dieser noch eine völlig leere, weiße, leicht glänzende Kuppel.
Wollte man sich hinsetzen, formten sich automatisch ein bequemer Stuhl und ein Tisch aus der Wand oder dem Boden. Damit man schlafen konnte, entstand ein weiches Bett in einer Wandnische.
Die Wände bildeten gleichzeitig einen Kontakt mit Mutt, waren aber auch in der Lage, jede beliebige Farbe oder eine Bildschirmfunktion anzunehmen. Ein Raum wurde von Geb benutzt und in einem anderen verbrachte meistens Chepre seine Zeit, wenn er da war. Hier saß er oft ruhig da und sah sich romantische, kitschige Filme von früher an.
Da nicht sämtliche Nebenräume in Gebrauch waren, konnte ohne weitere Mühe einer davon als Zimmer für Ferox dienen.
„Was hast du denn angestellt?“, hakte Geb nach, nachdem beide Platz genommen hatten.
„Bin abgehauen.“
„Wie abgehauen? Wohin denn und warum?“, löcherte Geb weiter.
„An die Oberfläche, aber das geht dich nichts an“, erfolgte die grobe Erwiderung.
Geb konnte ein kurzes Schluchzen nicht verhindern. Die Enttäuschung trieb ihm die Tränen in die Augen. Da war endlich der Kamerad, nach dem er sich so lange gesehnt hatte. Einen Freund, mit dem man sich unterhalten konnte und dann wollte der nicht.
Einige Tage lang gingen die beiden sich aus dem Weg. Geb war meist im Activium und Ferox verwandelte die Wand seines Raumes in eine Naturlandschaft, saß in der Zimmermitte und war ganz still.
Das wäre sicher noch eine Zeitlang so weitergegangen, hätte nicht Ferox die Initiative ergriffen.
Am fünften Tag stand Geb gerade im Activium und war dabei seine Spielewelt zu starten. Da bemerkte er aus den Augenwinkeln heraus Ferox, der auf einmal im Raum stand.
„Willst du mitspielen?“, fragte Geb versöhnlich.
„Nein, ich will mit dir reden. Und hier ist der einzige Platz, wo das möglich ist, ohne dass die Schrotties mithören.“
Ferox liebte es anscheinend, den Bots abwertende Namen zu geben.
„Alles was du sagst, ja sogar teilweise was du denkst, wird von Mutt gehört und ausgewertet. Und somit weiß automatisch das ganze Botnetz Bescheid. Das ist nicht weiter tragisch, wenn man hört, was du so von dir gibst. Aber was ich zu dir jetzt sage, darf niemals diesen Raum verlassen. Das Activium ist abgeschirmt, sobald du die Startsequenz des Spiels laufen lässt. Der einzige Ort, an dem wir ungestört reden können.“
„Ein Geheimnis?“, fragte Geb gespannt und stellte die Musik des Spiels etwas lauter.
„Sagen wir mal so. Ich habe als Erstes ein paar Fragen an dich. Wie viele Menschen kennst du?“, startete Ferox.
„Kennen? Eigentlich keinen. Ich war einmal krank und kam deshalb woanders hin. Da habe ich jemanden gesehen. Du bist der Zweite.“
„Und wo sind deine Eltern?“, hakte Ferox nach.
„Die kamen doch alle durch so eine große Krankheit um, das weißt du doch sicher. Durch so eine Epiphemi.“
„Eine Epidemie, meinst du“, korrigierte Ferox. „Ja, das wird erzählt. Aber glaubst du das wirklich? Alle Menschen sind streng getrennt. Es gibt nur wenige von uns. Und niemand ist über zwanzig Jahre alt. Wir dürfen uns nicht frei bewegen und wir können niemals an die Oberfläche. Alles was wir tun, wird streng überwacht.“
„Weißt du eigentlich, was du da sagst? Mutt und Chepre würden mich nie so anlügen. Das weiß ich!“, schrie Geb und kleine Tränen kullerten dabei über seine Wangen.
„Du lügst“, fügte er hinzu und rannte aus dem Activium, um in seinem Zimmer zu verschwinden.
„Hallo Geb, geht es dir gut? Habt ihr euch gestritten?“, erklang die fürsorgliche Stimme Mutts.
„Ihr seid lange dort drin gewesen, aber es scheint mir, ihr habt das Spiel gar nicht gestartet“, hakte sie nach. Für Geb hörte sich die Stimme in diesem Moment falsch und unheimlich an.
„Ferox ist einfach nur blöd!“, erwiderte er nichtssagend und verkroch sich in seinem Bett. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, an nichts zu denken. Nur abschalten und schlafen, wollte er. Doch die Gedanken drehten sich unaufhaltsam in seinem Kopf und dunkle Phantasien entstanden daraus. Geb nahm sich vor, das Thema zu vergessen. Aber tief in seinem Inneren spürte er, dass Ferox Recht haben könnte. Er fand keine Ruhe mehr und es drängte ihn danach, nochmals darüber zu sprechen.
Am nächsten Tag, als sich die Gelegenheit ergab, besuchte er Ferox in seiner Kuppel und flüsterte.
„Kommst du mit ins Activium? Spielen!“ Ohne auf eine Antwort zu warten ging er in den Spielraum vor und setzte sich. Es dauert nicht lange und Ferox kam hinterher.
„Hast du nichts verraten? Ich hatte etwas Angst, dass du nicht dichthältst“, begann er gleich, nachdem sich der Eingang verschlossen hatte.
„Starten wir erst das Spiel. Mutt fand es etwas seltsam, dass wir nicht gespielt hatten“, flüsterte Geb.
„Ich werde dir gleich mal etwas zeigen.“ Ferox ging an die Wand, welche sofort reagierte und ein Menü öffnete, in dem man die virtuellen Welten aussuchen konnte. „Du kannst hier nicht nur spielen.“
Ferox wählte statt einer virtuellen Welt ein Einstellungsmenü, das Geb nicht kannte. Hier änderte er etwas ab, wodurch weitere Einstellungen sichtbar wurden. Es ging zu schnell, als dass Geb dem Ganzen folgen konnte. Endlich kam Ferox im Menü zu einer riesigen Liste.
„Das sind keine Spiele, sondern Filme. Weißt du, was Filme sind? Hier kannst du sehen, was früher abgegangen ist.“
Ferox wählte einige Filme aus, die dann der Reihe nach in der Abspielliste standen. Es waren meist kurze Dokus und Nachrichten aus den Jahren 2095 bis 2108.
„Das werden wir uns jetzt mal ansehen. Achte darauf, wie viele Menschen es gab und über was für ein Wissen wir verfügten. Ich glaube, es waren elf Milliarden Menschen, die den ganzen Planeten beherrschten. Und sie haben diese Maschinen und eine künstliche Intelligenz erschaffen. Jetzt gibt es fast keine Menschen mehr. Und wir sind alle dumm. Wir haben kein Wissen mehr. Alles Wissen haben die Bots. Tausende von Maschinen, die uns gefangen halten, ohne dass wir es überhaupt merken.“
Ferox hatte sich in Rage geredet. Er ließ sich in eine Art Sessel fallen und startete den ersten Film.
Was Geb jetzt sah, war für ihn völlig neu. Riesige Städte, in denen teilweise Luxus und in anderen Gegenden fürchterliche Armut herrschten. Eine unvorstellbare Anzahl von Menschen auf der Flucht vor Dürre, Überschwemmungen und Kriegen. Worum es bei den Konflikten ging, war für Geb unverständlich. Aber was er sah, waren die Kampfmaschinen, die, von der KI erdacht und von Maschinen produziert, massenweise Menschen abschlachteten.
Das Gesehene brannte sich bei Geb so tief in seine junge Seele, dass es fast körperlich schmerzte.
Diesmal dauerte es lange, bis beide aus dem Activium zurückkamen. Sie wirkten ruhig und Geb hatte ein rotes Gesicht und feuchte Augen, als ob er emotional viel durchgemacht hätte.
Es verging keine Minute bis Mutt bemerkte, dass Geb irgendwie anders war als sonst.
„Mein Süßer, geht es dir nicht gut? Du siehst krank aus!“, flötete Mutt.
Wortlos ging Geb weiter in Richtung seines Zimmers.
„Geb, sag doch was? Brauchst du etwas?“
Geb zauberte eine Art Lächeln in sein Gesicht und blickte in Richtung der Projektion von Mutt. „Nein. Alles in bester Ordnung. Das Spiel war etwas viel für mich. Vielleicht sollte ich weniger essen“, sagte er mit ruhiger, leicht monotoner Stimme.
Ohne Hoffnung
Wie reagiert ein Mensch, wenn er erkennt, dass sein ganzes Leben eine Lüge ist? Wenn es Grenzen gibt, die den Stäben eines goldenen Käfigs gleichen? Wenn diese Erkenntnis ihn plötzlich überfällt wie ein wildes Tier, kann es sein Gemüt zerbrechen. Oder es gelingt ihm, über sich selbst hinaus zu wachsen und alles bisher Gewesene in Frage zu stellen.
Nach dem letzten Gespräch und dem was er gesehen hatte, war Geb überzeugt davon, dass Ferox Recht hatte. Und die Konsequenz daraus erschien ihm glasklar vor seinen Augen. Er würde nicht länger der fügsame Geb bleiben.
Er würde aufbegehren gegen die Roboter und Maschinen, die ihn schon sein Leben lang kontrollierten.
So stellte Geb sich das zumindest in seiner Naivität vor. Jeden Tag war nun ein Treffen im Activium geplant, um Neuigkeiten auszutauschen und Pläne zu schmieden.
Ferox stellte aber gleich beim ersten Mal klar, dass die Möglichkeiten begrenzt waren.
„Was soll ich machen? Hast du schon einen Plan?“, wollte Geb wissen. Doch die Antwort fiel anders aus als erhofft.
„Du kannst erst einmal gar nichts tun als weiter schön brav zu sein“, erwiderte Ferox. „Oder wie hast du dir das jetzt vorgestellt?“
„Aber wir müssen irgendetwas unternehmen können, um abzuhauen. Du warst doch bereits oben“.
„Ja, ich war schon drei Mal oben. Aber ich wurde auch jedes Mal erwischt. Und es wird von Mal zu Mal schwieriger. Wer weiß, vielleicht bringen die mich das nächste Mal um.“
„Aber etwas muss ich doch machen. Können wir nicht einfach rennen?“
„Das funktioniert auf keinen Fall. Sobald du auch nur zur Tür gehst, merkt das Mutt und somit wissen es alle Schrotties. Du kommst keine hundert Meter weit. Da draußen herrscht reger Verkehr“, schmunzelte Ferox über Gebs Ideen.
„Aber wie hast du es denn geschafft?“
„Ich kenne selbst nur eine Möglichkeit“, fuhr Ferox fort. „Über die Lüftungskanäle! Von jedem Activium aus geht ein Lüftungsrohr weiter in die größeren Kanäle. Von da aus kommt man mit etwas Glück zum Hauptrohr, das senkrecht ins Freie führt.“
„Das klingt doch gut“, begeisterte sich der Kleine.
„Warum haben sie dich erwischt?“
„Weil die Probleme erst richtig losgehen, wenn du draußen bist. Das erste Mal war ich zu langsam. Die Blechköpfe merken, sobald du das Lüftungsrohr hochkletterst, denn das ist mit Sensoren ausgestattet. Du hast also nicht viel Vorsprung. Hast du die mal rennen gesehen?“
„Nein, noch nicht“, erwiderte Geb etwas kleinlauter.
„Das zweite Mal wollte ich schlauer sein und mich verstecken. Dafür baute ich schnell etwas aus Laub und Ästen zusammen. Das dauerte zu lange. Aber sie hatten das Versteck nicht entdeckt. Das wollte ich dann das dritte Mal wieder benutzen.“
„Und was ist dann passiert?“
„Das weiß ich leider nicht ganz genau. Es gibt verschiedene Arten von Bots, die mich verfolgten. Die einen sind winzig klein, so wie Fliegen, und sausen in ganzen Schwärmen durch die Luft. Dann kamen auch noch so eine Art Vierbeiner mit einem Netz auf dem Kopf, das sie verschießen können. Richtig schnell und sehr treffsicher. Die holten mich aus meinem Versteck. Aber ich habe keine Ahnung, mit welchen Sensoren sie mich entdeckt hatten.“
„Oh mein Gott, ich muss für immer hierbleiben,“ stammelte Geb und es rollten schon wieder Tränen seine Backen hinunter.
„Entspanne dich, du hast jetzt immerhin mich, Kleiner. Komm mal her“. Ferox ging einen Schritt auf Geb zu und nahm ihn ganz fest in seinen Arm. Der zitterte am ganzen Körper, und was er noch sagen wollte, ging in heftigem Schluchzen unter. Vergessen waren die Anfeindungen der ersten Zeit.
Ein heftiges Zischen unterbrach die beiden. Das Activium war geöffnet und Chepre stand in der Tür. Erst sagte er kein Wort und sah die zwei nur lange an.
„Kommt einmal mit. Ich will mit euch reden“, sagte er dann förmlich. Mit unguten Gefühl kamen Geb und Ferox der Aufforderung nach.
„Mutt und ich haben den Eindruck, dass es dir in letzter Zeit nicht so gut geht“, sprach Chepre in Richtung Geb.
„Du redest nicht viel, isst weniger und wirkst unglücklich. Kann es sein, dass dir Ferox nicht guttut? Und jetzt hast du sogar geweint!“
Geb und Ferox standen auf und nahmen sich fest in die Arme.
„Du verstehst das nicht. Wir sind richtige Freunde und ich weine, weil ich glücklich bin.“
„Weint man nicht, wenn man traurig ist? Und ihr habt anfangs gar nicht viel miteinander gesprochen. Außer unfreundliches Geplänkel. Ich kann das wirklich nicht verstehen.“
„Das liegt aber an dir und nicht an uns“, erwiderte Ferox frech. „Wir mögen uns wirklich!“
„Also schön, wenn das so ist. Ich will nur, dass es euch gut geht.“
„Davon sind wir überzeugt!“, konterte Ferox, ohne sich einen ironischen Unterton zu verkneifen. „Komm Geb, wir spielen weiter, ergänzte er, stand auf und zog den Jungen hinter sich her.“
Die nächsten Tage verbrachten die beiden gemeinsam im Activium mit verschiedenen Spielen. Diese wurden von ihnen so ausgewählt, dass viel Bewegung notwendig war. Geb hatte Ferox darum gebeten, ihn etwas zu trainieren, um schlanker und sportlicher zu werden. Das würde auf einer Flucht sicher nicht schaden, meinte er. Dabei nutzten die Jungen immer wieder jede Gelegenheit, um über eine mögliche Flucht an die Oberfläche zu reden. Aber da steckte der Teufel im Detail. Selbst wenn es beiden gelingen würde an die Oberfläche zu kommen und dabei die Verfolger auszutricksen, wären sie ohne Hilfsmittel in der Wildnis völlig auf sich alleine gestellt.
Ferox fasste es für Geb so zusammen:
