Hunde aus Nachbar's Garten - Josef Egl - E-Book

Hunde aus Nachbar's Garten E-Book

Josef Egl

0,0

Beschreibung

Der Autor Josef Egl setzt sich in diesem Buch auf humorvolle Weise mit den Tücken des Alltags auseinander. Was tut man mit einem Krokodil, das leicht seekrank wird? Wie verhält man sich, wenn der Hund des Nachbarn zu aufdringlich wird? Soll man sich aufregen, wenn die Handwerkerrechnung wieder einmal höher ausgefallen ist, als erwartet? Es gibt für alles eine Patentlösung: Man muss den Alltagsproblemen mit Humor entgegenschreiten. In 34 satirischen Kurzgeschichten kämpft der Autor mit den täglichen Herausforderungen des Lebens.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 286

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Der Autor setzt sich in diesem Buch auf humorvolle Weise mit den Tücken des Alltags auseinander.

Ob es um die unfreiwillige Betreuung von Pflegehunden, um Wunderkinder, die uns vor Neid erblassen lassen, oder um ganz alltägliche Situationen des Alltags, die jeder von uns schon einmal durchlebt hat, geht. Stets gelingt es dem Autor die humorvollen Seiten hervorzuheben, und den Leser ein paar Stunden zum Schmunzeln zu bringen.

Mit Ausnahme der Geschichten „Der König ist tot, es lebe der Clown“ und „Der komische Doktor“ sind alle Geschichten frei erfunden Etwaige Namensgleichheiten wären rein zufällig.

„Der König ist tot, es lebe der Clown“ basiert auf eine Erzählung von Otto Witte und wurde von mir nur ausgeschmückt

„Der komische Doktor“ basiert auf einer gängigen Erzählung und wurde von mir ebenfalls nur ausgeschmückt.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Die Glocke des Quasimodo

Der komische Doktor

Der Bobpilot

Der König ist tot, es lebe der Clown

Immer schön sauber bleiben

Ein eingespieltes Team

Die Zeitmaschine

Tante Berta

Zuverlässige Mitarbeiter dringend gesucht

Das Wunderkind

Der kleine Unterschied

Der Blechkamerad

Das Beste, was es gibt auf der Welt

Ali Baba und die 70 Bluträuber

Wer zu spät kommt

Der sechste Sinn

Sicherheit geht vor

Das Ding mit dem Ding

Quasseltante und Plappermaul

Hunde aus Nachbars Garten

In Sachen Orwell

Im Gesetzesdschungel

Erinnerungen an die Kindheit

Am Gipfel der Möglichkeiten

Das geduldige Papier

Ein Kavalier der neuen Schule

Überleben im Sozialstaat

Alles Paarweise

Wer suchet, der findet

Wem die Autos hupen

Der nimmermüde Erfindergeist

Kleine Geschenke erhalten die

Apfelspalterei

Vaterstolz

Vorwort

Seit einer Stunde versuchte Mama Krokodil ihren Jüngsten ins Wasser zu locken. „Komm doch, Berti, komm!“, rief sie immer wieder und schlug dabei auffordernd mit dem Schwanz ins Wasser, dass es spritzte. Aber Berti weigerte sich hartnäckig: „Nein, ich will nicht.“ Dabei rannen ihm Tränen übers Gesicht, die später einmal in der Literatur unter der Bezeichnung ‚Krokodilstränen’ eine beliebte Redewendung werden sollten.

Mama Krokodil wurde indes immer nervöser, weil sich sämtliche Krokodile aus der Nachbarschaft um sie versammelt hatten, um den kleinen Feigling zu begaffen. Ein Krokodil, das nicht ins Wasser will, hat man so was je gehört?

„Wer weiß, mit wem die alte Schlampe es wieder getrieben hat“, ließ sich Strulli, der dicke Krokodilkoloss von der Nachbarsandbank, der schon immer vergeblich scharf auf Mama Krokodil war, vernehmen, „wahrscheinlich mit einem Leopard. Katzen sind ja bekanntlich wasserscheu.“

„Recht geschieht ihr. Das kommt davon, wenn man mit seinesgleichen nicht zufrieden ist.“

„Da will sie was besseres sein und dann bring sie ein wasserscheues Krokodil zur Welt. Ich könnt mich totlachen.“

Berti wurde von all den Gehässigkeiten immer trauriger. War er früher das lustigste Krokodil im ganzen Fluss so wurde er mit der Zeit das Traurigste, bis man ihn überhaupt nicht mehr lachen sah. Und an die Stelle seiner früheren Heiterkeit trat nun Verbitterung. Fragte man seine Mutter, wie es ihm geht so sagte sie nur: „Man hat ihn totgelacht.“

Mama Krokodil brach schließlich die Versuche, ihren Kleinen ins Wasser zu bringen ab. Das heißt aber nicht, dass sie aufgab. Nein, sie wendete sich an den berühmtesten Psychiater in Amerika, nämlich Ally Gator, der schon viele aussichtslose Fälle erfolgreich behandelt hat. Nach eingehender Untersuchung sprach er zu ihr:

„Ihr Sohn ist nicht wasserscheu. Nach eingehender Untersuchung kann ich mit absoluter Sicherheit sagen, dass Berti möglicherweise leicht seekrank wird. Es ist dabei nicht das Wasser selbst, welches ihm zu schaffen macht. Es ist die stundenlange Schaukelei, wenn er auf Beute lauert, die ihm so zusetzt. Kurz gesagt, von der Schaukelei wird ihm schlecht, dass er am liebsten kotzen würde.

„Und was kann man dagegen machen?“ wollte Mama Krokodil wissen.

„Am besten an Land jagen!“

Mama Krokodil war fassungslos. Sie selbst liebte es, wenn sie vom Wasser leicht hin und hergewiegt wurde. Soviel sie wusste liebten das alle Kinder. Warum sonst legt man sie in eine Wiege? Sie konnte ihren Sohn nicht mehr begreifen. Im Gegensatz zu mir, ich kann Berti sehr gut verstehen. Ich werde im Meer des Lebens auch immer hin und her geschaukelt, dass mir manchmal ganz schwindlig wird dabei. Ich habe aber festgestellt, dass in solchen Situationen eines hilfreich ist. Nämlich Humor. Wenn man die Stürme des Lebens mit etwas Humor nimmt, fällt einem alles leichter. Wenn man sich im Fernsehen eine Komödie ansieht oder ein lustiges Buch liest, fallen viele, wenn auch nicht alle, Sorgen von einem ab. Vielleicht ist das der Grund, warum ich ein lustiges Buch geschrieben habe.

Berti hat kein lustiges Buch geschrieben. Er ist in die Sahara ausgewandert, weil es dort kein Wasser gibt. Dafür ist es dort sehr heiß. Zu heiß für kurze Krokodilbeine. Er hat sich deshalb ein Kamel zugelegt, auf dem er reitet. Aber auf dem wurde ihm wieder schlecht. Sie wissen schon, wegen der Schauckelei auf dem Kamelrücken. Irgendwann wollte er wieder zurück zum Fluss an dem seine Mutter lebt. Seine Krokodilsfreunde lachen zwar noch immer über ihn. Aber er weiß, dass da etwas ist, was ihm keiner mehr nehmen kann, und dann lächelt er über seine Freunde. Er war nämlich schon einmal in Amerika, während die anderen noch nie über den kleinen Flussabschnitt, an dem sie lebten, hinausgekommen sind.

Die Glocke des Quasimodo

Als Volk der Dichter und der Denker ist es unser aller Pflicht, unserem Nachwuchs so viel Wissen als möglich zu vermitteln. Nur mit einer erstklassigen Schulausbildung haben unsere Kinder die Möglichkeit, später eine Arbeit zu finden und unsere Rente zu bezahlen.

Neulich saß ich auf unserer Terrasse und las gerade in der Zeitung über das schlechte Abschneiden der deutschen Schüler bei der PISA-Studie. Teilweise war unser Nachwuchs genauso schief gewickelt wie der berühmte Turm dort steht. Verärgert über das schlechte Abschneiden unserer Kleinen zündete ich mir eine Zigarette an.

Plötzlich stand Quasimodo, der Sohn unseres Nachbarn, einem Landwirt, vor mir. Eigentlich heißt er Viktor. Aber für mich ist er Quasimodo. Nicht weil er etwa hässlich wäre oder einen Buckel wie der berühmte Glöckner von Notre-Dame hätte, sondern weil ständig eine große Rotzglocke aus seiner Nase baumelt. Er pflanzte sich vor mir auf und sprach in seinem rustikalen bayerischen Dialekt: „Gei, Du bist a Stinkstiefe?“ Ich war etwas konsterniert über seine Offenheit, besann mich aber sogleich. Ein anderer hätte ihm jetzt wahrscheinlich eine Watschn gegeben. Ich allerdings, als intelligenter Mensch, habe so etwas nicht nötig und so belehrte ich ihn: „Zuerst sagt man Guten Tag, bevor man erwachsene Menschen beleidigt.“ Sogleich zeigte meine Bemühung in punkto Erziehung erste Früchte. „Griaß Di, gei Du bist a Stinkstiefe?“ Aber so leicht reißt mir der Geduldsfaden nicht. „Wieso“, wollte ich wissen, „bin ich ein Stinkstiefel?“ „Weil …“, gab er mir zur Antwort „… der Lehrer hat gesagt, wer raucht, verpestet die Umwelt und is a Stinkstiefe.“ „Aber Dein Papi raucht auch, ist der auch ein Stinkstiefel? wollte ich wissen, worauf der Kleine ungeniert sagte: „Mama sagt scho.“ „Weil er raucht?“, wollte ich wissen. „Nein, weil er die Gummistiefel nicht auszieht, wenn er aus dem Stall kommt.“

Mir war sofort klar, dass ich dem kleinen PISA-Versager eine Lektion erteilen musste. „Dein Lehrer in der Schule soll Dir lieber etwas über Geographie beibringen.“ „Das tut er ja“, trotzte mir der Rotzglockenbesitzer entgegen. Da hatte er aber bei mir keine Chance. „Also, dann sag mir, wie die Hauptstadt von Portugal heißt?“. „Mei“, antwortete er, „die heißt Lissabon!“

Da kam er bei mir aber schön an und ich klärte ihn auf. „Da haben wir ´s, Du kleiner Dummkopf, die Hauptstadt von Portugal heißt nämlich Porto. Sie ist auf Grund ihrer Größe die Hauptstadt, weil sie sich von Portugal bis nach Italien durchzieht. Das italienische Wort ‚fino’ bedeutet auf Deutsch Ende. Darum heißt die Stadt dann in Italien ‚Portofino’, also Ende von Porto. Nur damit Du weißt, wie groß diese Stadt überhaupt ist“.

„Hehe, und was ist mit Monaco, he? Dann müsste die Stadt ja durch Monaco gehen.“, erdreistete sich der kleine Besserwisser zu bemerken. Ich konnte es kaum fassen, der Kerl wagte es doch tatsächlich mir zu widersprechen. Aber ich war fest entschlossen, ihm seinen Größenwahn auszutreiben.

„Monaco, das solltest du eigentlich wissen, ist eine Enklave. Eine Enklave ist eine Stadt, die von einer anderen Stadt oder einem anderen Land umgeben ist. Es würde mich wirklich interessieren, was ihr in der Schule überhaupt lernt.“

„Und Barcelona, was ist damit? Da müsste sich ja Porto über die ganze spanische Küste hinziehen. Wie soll das gehen?“, wandte er abermals ein, wenn auch schon arg verunsichert.

„Hab ich gesagt, dass sich Porto an der Küste entlang zieht? Porto geht mitten durchs Land.“

„Dann ist ja Porto auch eine Enklave“

„Siehst du“, gab ich zur Antwort, „jetzt hast du es verstanden.“

Das schien ihn dann doch zu beeindrucken und er zog beschämt von dannen. Wie schön zu wissen, dass man den Kindern durch sein Wissen überlegen ist und nicht durch Anwendung physischer Gewalt.

Am nächsten Tag, als ich ihm dann wieder begegnete, kam er gleich auf mich zu und schrie: „Du bist doch a Stinkstiefe, und zwar ohne Griaß Di!“ Da platzte mir doch der Kragen und ich fuhr ihn an: „ Warum bin ich schon wieder a Stinkstiefe, ich hab heute noch gar nicht geraucht!“ Und mit weinerlicher Stimme presste er heraus: „Du bist a Stinkstiefe, weil die Hauptstadt von Portugal doch Lissabon heißt und weil mir der Lehrer wegen Dir a Watschn gegeben hat.“

Meiner Meinung nach hat er die Watschn auch verdient. Zu Erwachsenen sagt man eben nicht ‚Stinkstiefe’, und wie schon gesagt: Ich für meinen Teil komme ohne körperliche Züchtigung aus.

Der komische Doktor

Der Poindecker Alois war schon ein gestandenes Mannsbild. Es gab nicht leicht was, wovor er sich gefürchtet hätte. Keiner Rauferei war er aus dem Weg gegangen. In seiner Jugend freilich. Jetzt ist er zu alt dafür. Sein Kreuz spielt halt nicht mehr mit. Aber früher war er schon ein wüster Geselle. Gerade darum kann keiner verstehen, warum der Alois so eine panische Angst vor dem Doktor hat. Eine Spritze fürchtet er wie der Teufel das Weihwasser. Lieber hätte er sich einen Maßkrug auf dem Schädel zerschlagen lassen.

Krankheiten, so ist es nun einmal, nehmen aber überhaupt keine Rücksicht darauf, ob einer den Doktor fürchtet. Es ist ihnen wurscht. So war es auch beim Loisl. Eigentlich mit einer robusten Natur ausgerüstet, suchte ihn im letzten Winter eine Grippe heim, sodass er gleich 10 heilige auf einmal um Hilfe anrief. Leider vergeblich. Nicht einer war bereit oder imstande ihm zu helfen. Da die Grippe ihn bereits so geschwächt hatte, dass er das Bett kaum noch verlassen konnte, blieb ihm nichts anderes übrig, als einen Doktor aufzusuchen.

Seine Frau, die Lisbeth und seine Tochter Annerl mussten ihn dabei begleiten. Gerade die Anwesenheit seiner Tochter Annerl war eine große psychologische Hilfe die Angst vor dem Doktor zu überwinden. So hoffte er jedenfalls.

Jetzt saßen sie im Wartezimmer des Arztes, die Frau und das Mädchen etwas gelangweilt, der Loisl eher gereizt, weil seine beiden Begleiterinnen so einen gelangweilten Eindruck machten. Endlich wurde er aufgefordert, sich ins Sprechzimmer zu begeben. Langsam stand er auf und sah seine Frau mit einem flehenden Blick an. „Wos is? Kimmst net mit?“ fragte er sie. „Na einigeh muaßt scho alloa.“ „Owei wenn ma’s braucht, hots koa Zeit“, brummelte er vor sich hin und schlurfte betont langsam ins Sprechzimmer.

Die Untersuchung selbst war keine große Sache. Die Grippe grassierte im Ort und in der Umgebung, sodass der Doktor schon bei seinem Anblick merkte, was dem Alois fehlte. Also verschrieb er ihm Tabletten und Zäpfchen. „Jetzt pass auf Poindecker“, erklärte er ihm, „ die Tabletten nimmst dreimal am Tag. Immer nach einer Mahlzeit schluckst eine runter. De Zapferl nimmst einmal in der Früh nach dem Aufstehen. Host des verstanden?“ Der Alois war überglücklich, dass er keine Spritze kriegte und antwortete: „Freilich hob i verstanden. Nach jeder Mahlzeit eine Tablette und in der Früh nach dem Aufstehen schluck i so a Zapferl.“

„Nein, nein“, korrigierte ihn der Medikus. „Die Tabletten musst Du schlucken. Das Zäpfchen musst Du rektal einführen.“

„Ach so, dann is ja alles klar.“ Damit verließ der Lois das Sprechzimmer. Draußen empfing ihn seine Frau: „Und woaßt jetzt, was’d macha muaßt?“

„Nach dem Essen muaß i Tabletten schlucken, und in da Fruah muaß i a Zapferl nehmen.“ Dabei zeigte er seiner Frau die Zäpfchen, die ihm der Doktor mitgegeben hatte.

„Du“, sagte seine Frau, „ de Zapferl sand aber gscheid groß. Glaubst, dass de schlucken kannst?“

„De muaß ma net schlucka, de muaß ma rektal einführen.“

„Was isn nacha des?“

„Des woas i a net.“

„Dann geh nomoi nei zum Dokta. Der solls gscheit erklärn.“

Der Alois ging also noch mal ins Sprechzimmer. Er klopfte nicht an, der Arzt hatte bereits einen neuen Patienten und war etwas ungehalten. „Was ist denn jetzt noch?“

„Mei Herr Dokta, rektal einführen. Was moanans denn damit?“

„Ja, damit meine ich, dass du sie anal einführen musst.“

„Aha“, sagt der Alois und ging wieder. Draußen wartete seine Frau: „Und? Woast jetzt was’d macha muaßt?“

„Freili, de muaß ma anal einführen.“

„Ah so. Ja und wos hoast jetzt des?“

„Mei des hot er net gsagt. Wahrscheinlich moant er, dass ma s´die Annerl einführen muss.“

Annerl, seine Tochter fing zu weinen an: „I mog aber nix einführen.

Und scho gar nit bei Dir.“

„Wieso net?“

„Erst letzte Woch hast gsagt, wann du daherin neie Sittn eiführn willst, dann fangst a paar. Na, na i führ nix mehr ei.“

„Hor jetzt zum plärren auf und geh mit mir noch mal nei und lass Dir erklären wia du des macha muaßt.“

Er packte Annerl unterm Arm und schleppte sie ins Sprechzimmer, wo eine Patientin gerade beginnen wollte sich zu entkleiden.

„Herr Dokta, entschuldigen’s, aber Sie müssn meim Annerl erklären, wie sie die Zapferl einführen soll.“

„Himmel, Herrgott, Sakrament. Nicht das Annerl soll sie einführen.

Du sollst sie anal einführen.“

„Bittschön Herr Dokta, i vasteh net.“

„Poindecker steck sie Dir einfach in den Arsch.“

Der Alois verließ fluchtartig das Sprechzimmer. Seine Frau erwartete ihn draußen. „Und hat er’s Dir erklärt?“

„Na. Ausigschmissn hat der mi, der Lackl.“

„Des is vielleicht a komischer Dokta!“

Der Bobpilot

Einer meiner augenscheinlichsten Fehler ist wohl der, dass ich immer die falschen Fragen zur falschen Zeit stelle. Immer wenn ich glaube, dass ich eine Frage aus Diskretionsgründen nicht stellen sollte, wird mir mangelnde Anteilnahme unterstellt. Mein Nachbar Martin behauptet das, weil ich ihn neulich nicht gefragt habe, wie es ihm geht. Weil ich diesen Fauxpas wieder gutmachen wollte, fragte ich den nächstbesten Menschen: „Wie geht es Ihnen?“ Der berühmte Schauspieler empfand das aber als aufdringlich und ließ mich von der Bühne werfen. Dabei ist uns diese Art von Taktgefühl in die Wiege gelegt. Selbst Kinder haben ein Gespür dafür.

Es gibt nichts Gesünderes als einen Spaziergang. So wird es jedenfalls behauptet. Natürlich muss man seinen inneren Schweinehund überwinden und das bequeme Sofa, auf dem man sich eben noch genüsslich geräkelt hat, verlassen. Meinen inneren Schweinehund überwindet in der Regel unser Hund. Er besteht auf seinem täglichen Spaziergang und das mehrere Male am Tag und immer zur selben Zeit. Damit die Zeiten auch genau eingehalten werden, hat ihn die Natur mit einer inneren Uhr ausgestattet.

Gerade wenn es auf der Couch am gemütlichsten ist, stimmt er sein Wolfsgeheul an, um mich an meine Pflichten als verantwortungsvoller Hundehalter zu erinnern. Seine Wolfssonate ist zweistimmig und das schafft er ganz alleine. Da steht man gerne auf und tut etwas für seine Gesundheit.

Als ich neulich wieder unterwegs war, sah ich in der Nachbarschaft den Michi und den Basti eine Schneeburg bauen. Beim Näherkommen bemerkte ich, dass Basti schrecklich lädiert war. Sein ganzes Gesicht war eine einzige Schramme. Er sah aus zum Gott erbarmen.

Gerade als ich fragen wollte, ‚Mensch, Basti was ist denn Dir passiert?’ hörte ich, wie er zum Michi sagte: „Wetten, der fragt mich auch gleich wieder ‚Basti, was ist denn Dir passiert?’. Seinem Tonfall war deutlich anzumerken, wie sehr ihn die Frage, die ihm sicher schon oft gestellt wurde, nervte. Geistesgegenwärtig dachte ich: `Du kleiner Lauser. Dich frage ich jetzt extra nicht`. Irgendwie fühlte ich mich in meinem Stolz getroffen. Andererseits konnte ich ihn verstehen, ich mag es ja selbst nicht, wenn die Leute allzu neugierig sind.

Außerdem erinnerte ich mich an einen ähnlichen Fall. Damals hatte ein kleiner Bub, Pepi glaube ich hieß er, auch einen Unfall, der ihm deutlich anzusehen war. Wohl tausend Mal wurde er gefragt: „Mensch Pepi, was ist denn Dir passiert?“ Das führte schließlich zu einem Trauma, von dem ihn selbst die besten Psychiater nicht mehr befreien konnten. Schließlich wollte Pepi überhaupt keine Fragen mehr beantworten, was seine Lehrer in der Schule schier zur Verzweiflung trieb. Heute ist Pepi Regierungssprecher einer politischen Partei, wo ihm sein noch immer anhaltendes Trauma wertvolle Dienste leistet.

Nein, das durfte Basti nicht passieren. Ich tat ganz einfach so, als würde ich die Blessuren in seinem Gesicht gar nicht bemerken und begann ein harmloses Gespräch mit Michi über die Schule und überhaupt, wie es ihm geht. Basti stand daneben, trat von einem Fuß auf den anderen und sah mich verlangend an, als wollte er sagen ‚Mensch, warum fragst Du mich nicht, was mir passiert ist?’ Doch ich unterdrückte meine Neugier eisern.

Plötzlich öffnete der Michi den Mund und sagte: „Schau mal, ich habe einen Zahn verloren.“ „Denk Dir nichts“, tröstete ich ihn „der wächst bald wieder nach.“ Da hielt es der Basti nicht mehr länger aus. Auch er öffnete seinen Mund: „Schau mal, ich habe auch einen Zahn verloren und damit Du erst nicht zu fragen brauchst, was mir passiert ist, sage ich es Dir lieber gleich. Es war beim Bob fahren. Ich bin abgerutscht, kam dann quer zum liegen und bin mit dem Gesicht über den gefrorenen Schnee gerutscht. Bist Du jetzt zufrieden?“ Um seine Schilderung zu verdeutlichen, begab er sich auf alle Viere und robbte auf seinen Knien und Ellbogen, das Hinterteil möglichst hoch und das Gesicht im Schnee über den Boden. Und damit Du es genau weißt“, fuhr er fort, „gehen mir die ständigen Fragen auf die Nerven. Einem jeden muss ich es erklären. Mir tun ja allmählich schon die Knie weh.“

„Tja lieber Basti“, sagte ich „tut mir leid, dass ich so neugierig war.“

Der König ist tot, es lebe der Clown

Über eines sollte man sich klar sein. Otto Witte war ein notorischer Lügner. Aber er legte immer äußersten Wert darauf, dass nachfolgende Geschichte der Wahrheit entspricht. Er legte unglaublichen Wert darauf, dass sein Grabstein eine besondere Inschrift enthält. Dieser Wunsch ging in Erfüllung. Otto Witte liegt begraben in Hamburg und jeder kann es lesen.

„Mensch, det darf doch nicht wahr sein. Du bist och aus Berlin? Darf ick ma vorstellen: Otto Witte ist der Name. Otto für dich; unter diesen Umständen ist das „Du“ wohl Ehrensache. Komme och aus Berlin, jenauer jesagt aus Pankow.“ Otto Witte war die Überraschung förmlich ins Gesicht geschrieben. Der von ihm Angesprochene, erhob sich artig von seinem Stuhl und stellte sich ebenfalls vor: „Gestatten, Max Schlepsig, Max sozusajen, jeboren und aufjewachsen in Berlin, Kreuzberg. Is mir eine Ehre dich unter diesen Umständen kennen lernen zu dürfen! Darf ick mir die Fraje erloben, wie es dich hierher verschlagen hat?“

„Habe mir erlobt, einen Herrn zu einem sajenhaften Geschäft zu überreden. Konnte nicht ahnen, dass der Kerl so humorlos ist und mir gleich anzeigt. Und du, werter Max, wat machst du an diesem ungastlichen Ort?“

„Habe einem Torero die Hand jedrückt!“

„Is det strafbar?“

„Ick hab sie ihm mitten in die Fresse jedrückt. Wußte nicht, dass der hier so was wie eine Berühmtheit ist. Den Widerling haben se glatt lofen lassen und nur mir einjesperrt.“

„Darf man vielleicht erfahren, wat der Auslöser dieser janzen

Jeschichte war?“

„Es ging um Chantal, einer süßen kleinen Französin; ich wollte dem Herrn lediglich erklären, dat ick det Mädel zuerst jesehen habe. Leider war er begriffsstutzig, so dat ick jezwungen war, meiner Erklärung Nachdruck zu verleihen.“

„Und Chantal?“

„Die Schlampe hat sich, während ick am Erklären war, mit einem Engländer aus dem Staub jemacht.“

Diese Unterhaltung fand im Sommer 1910 in einer Gefängniszelle in Barcelona statt. An dem beschwingten Ton meiner Erzählung kann man sicher erkennen, dass beide ihren Gefängnisaufenthalt nicht besonders ernst nahmen. Und der Erfolg gab ihnen Recht. Es bedurfte einer nicht einmal allzu kostspieligen Bestechung eines Wärters und die beiden waren wieder auf freiem Fuß, wo sie sich einem Zirkus anschlossen. Otto als Clown, Max als Schwertschlucker. Die beiden wurden Freunde und tingelten mit dem Zirkus durch ganz Europa. Was sie zum Leben brauchten, verdienten sie im Zirkus, den Luxus verdienten sie sich durch Gaunereien. Das Ganze ging bis zum Jahre 1913.

Im Sommer 1913 saßen sie auf der Terrasse eines Cafes in Durazzo, Albanien. Otto sah sich mit verschleiertem Blick die Adria an, Max blätterte in einer hiesigen Tageszeitung. Genau genommen sah er sich die Bilder an. Max verstand nicht ein Wort Albanisch. Plötzlich sprang er wie von der Tarantel gestochen auf: „Mensch, Otto, det musst de dir ankieken. Det darf doch nicht wahr sein.“

Zu der Zeit saßen in London gerade die Diplomaten der europäischen Großmächte an einem Tisch und verhandelten darüber, wer der neue König von Albanien werden sollte. Ein Jahr zuvor hatte sich Albanien von der lästigen Besatzungsmacht Türkei getrennt und seine Unabhängigkeit erklärt. Gesucht wurde ein neuer Regent für das Land. Die Engländer bestanden darauf, dass es ein Engländer sein muss, da sie die meiste Erfahrung besaßen, wie man ein Kolonialreich regiert. Die Deutschen meinten, dass einem wenig organisierten Land wie Albanien, gerade die deutsche Gründlichkeit am meisten weiterhelfen könnte. Die Franzosen hingegen waren davon überzeugt, dass nur sie die Probleme eines mediterranen Landes begreifen können, da sie selber ein mediterranes Land sind. Kurz und gut, die Großmächte konnten sich nicht einigen. Auf die Idee, man könnte die Albaner fragen, was die denn wollten, kamen sie aus unerfindlichen Gründen nicht.

Die Albaner hatten nämlich eine eigene Vorstellung, wie dieses Problem zu lösen sei. Sie wollten sich ihren neuen König selbst aussuchen. Ehrlich gesagt, sie hatten ihre Wahl bereits getroffen. Ihre Wahl war auf Prinz Halim Eddine, einen Neffen des Sultans von Istanbul gefallen. Er war sogar Moslem, wie die Menschen in Albanien auch. Natürlich gab es da ein kleines Problem. Wie sagt man einem Mann, dass man ihn zum König haben will, wenn man auf der anderen Seite seinem Volk gerade den Laufpass gegeben hatte. Die Situation war so verzwickt, dass in Albanien sogar die Presse darüber berichtete und ein Portrait des Prinzen in der Zeitung darbot.

Nun, genau diese Ausgabe hielt Max Schlepsig in seinen Händen an jenem Tag. „Kiek dir det an Otto, der sieht ja jenau so aus wie du. Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt.“ Damit schob er seinem Freund die Zeitung hinüber. Lange Zeit betrachtete Otto das Foto von Halim Eddine. Der verschleierte Blick war von ihm gewichen. Er war zurückgekehrt in die Realität. Plötzlich huschte ein Lächeln über seine Lippen. Und Max, der Otto gut kannte, konnte nicht umhin, mitzulächeln.

Man mag von Otto halten was man will, aber es gelang ihm in sage und schreibe 6 Wochen Albanisch so gut zu erlernen, dass er sich an seichten Unterhaltungen beteiligen konnte. Damit hatte er Punkt eins seines Plans bereits erfüllt. Punkt zwei war es, sich aus der Staatsoper in Wien zwei orientalische Uniformen schicken zu lassen. Eine Phantasieuniform für ihn und eine Generalsuniform für Max. Vom Zirkus, in dem sie bisher auftraten und von dem sie wussten, dass er nach Istanbul weiterreisen würde, trennten sie sich. Dann gaben sie einem Ex-Kollegen ein Telegram mit, das er in Istanbul an die albanische Regierung schicken sollte. Der Inhalt des Telegrams war: Halim Eddine fühlt sich sehr geehrt, von dem albanischen Volk für eine derart edle Aufgabe auserkoren zu sein. Er bedankte sich in dem Telegram für das Vertrauen, das die Bevölkerung von Albanien in ihn setzte und dass er alles daran setzen würde, sich dieses Vertrauens als würdig zu erweisen. Gleichzeitig ließ er das albanische Volk wissen, wann er in diesem Land, welches ihm so viel Liebe zukommen lassen würde, die er natürlich zu erwidern gedachte, eintreffen würde.

Anschließend begaben sich die beiden Komplizen auf die Reise nach Griechenland, genauer gesagt auf die Insel Saloniki, wo die Fähre aus Istanbul nach Venedig ebenso Zwischenstop machte wie auch in Durazzo. Besagte Fähre bestiegen die beiden und kamen fahrplanmäßig in der albanischen Hafenstadt an.

Der Empfang war überwältigend. Das ganze Land schien sich am Hafen versammelt zu haben. Aus tausenden von Armen wehten ihnen Miniflaggen, sowohl türkische als auch albanische, entgegen.

Empfangen wurden sie von Essad Pascha dem Kommandeur der albanischen Armee und provisorischen Machthaber. Mehr als unterwürfig und mit schlechtem Gewissen schritt er dem Prinzen entgegen. Er war es doch schließlich, der die Abspaltung von der Türkei mit aller Macht vorangetrieben hatte. Seine Tage, davon war er überzeugt, waren gezählt.

Da kam der zukünftige Regent auch schon auf ihn zu. Hoch gewachsen und in ein prächtiges Gewand gehüllt, einen roten Fez auf dem Kopf und einem gewaltigen Schnurrbart, der das ganze Gesicht dominierte. Hinter ihm, ein General, unauffällig zwar, aber jede Bewegung des zukünftigen Herrschers mit den Augen akribisch verfolgend. Als aber Essad Pascha die Orden, die an der Brust des künftigen Herrschers hingen, sah, waren selbst die leisesten Hoffnungen auf ein Weiterleben in diesem Land dahin geschmolzen wie die Eiswürfel in der albanischen Julisonne.

Aber konnte es möglich sein? Durfte er seinen Ohren Glauben schenken? Der Prinz kam auf ihn zu, legte ihm beide Hände auf die Schultern und sprach: „Werter General, ich habe schon viel von Ihnen gehört, darf ich auch weiterhin hoffen, dass Sie Ihrem Land so treu dienen, wie Sie es in der Vergangenheit taten?“ Mein Gott, schoss es Essad Pascha durch den Kopf, kann es möglich sein, dass es Menschen von solcher Größe gibt. Menschen, die dann verzeihen konnten, wenn das Vaterland diese Verzeihung am dringendsten brauchte?

„Gebieten Sie, Erlauchtester, und Sie werden sehen, dass ich ihre Erwartungen nicht enttäuschen werde“, er hauchte es mehr, als er es sagte. Nie im Leben hätte er geglaubt, dass diese Demonstranz überirdischer Noblesse noch gesteigert werden konnte. Sofort wurde er eines besseren belehrt. Denn der zukünftige Herrscher trat jetzt vor ihn ans Mikrofon und sprach: „ Bürger von Albanien, Freunde, denn als solche betrachte ich euch und nicht als Untertanen. Es ist an der Zeit, euch über die drei vordringlichen politischen Entscheidungen zu informieren. Zum ersten haben wir beschlossen, die Staatskasse an uns zu nehmen, um jeden treuen Diener dieses Landes nach Gebühr entlohnen zu können. Zweitens ist es uns ein Anliegen, den Harem nicht aus den Kreisen der Adligen auszuwählen, sondern Mädchen zwischen 18 und 25 Jahren aus dem einfachen Volk zu berufen und somit dem einfachen Volk unsere uneingeschränkte Solidarität zu bekunden. Drittens, meine Freunde, erkläre ich hiermit dem Volk von Montenegro den Krieg.“

Die Albaner waren außer sich. Der erste Punkt war logisch. Natürlich mussten die Staatsdiener bezahlt werden, und ohne Staatskasse war das ja schlecht möglich. Dass er sich aber Mädchen aus dem einfachen Volk holte, war zuviel für die meisten. Nicht einer von ihnen hätte geglaubt, dass es in den gehobenen Kreisen Menschen von solch erhabenem Charakter geben könnte. Völlig aus dem Häuschen waren sie aber, als er Montenegro den Krieg erklärte. Endlich, endlich, endlich konnte man es diesem verhassten Nachbarstaat zeigen. Jahrhundertelange Demütigungen konnte man endlich vergelten. Bislang war an so etwas ja nicht einmal zu denken, weil Montenegro zahlenmäßig zu stark war, aber jetzt mit der Türkei im Rücken… die sollen sich auf etwas gefasst machen.

Die Straßen hallten wider von Jubelrufen. Einer versuchte den anderen zu übertrumpfen. Dieser neue Herrscher, da waren sich alle einig, den hatte ihnen Allah in all seiner Weisheit persönlich geschickt.

Nach dem offiziellen Empfang wurden dem neuen König seine Gemächer zugewiesen, am Abend gab es ein Banquet, bei dem die Spitzenköche des Landes danach trachteten, sich gegenseitig zu übertrumpfen. Nur eines war auffällig. Der neue Regent und sein Adjutant verschlangen zwar Unmengen an kulinarischen Leckerbissen, zogen sich aber danach ungewöhnlich schnell in ihre Gemächer zurück. Der Grund war denkbar einfach. Als Muslime, die sie zu sein hatten, war es ihnen nicht gestattet, Alkohol zu trinken. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit. In ihre Privatgemächer hatten sie jedoch ausreichend davon eingeschmuggelt. Daran taten sich die beiden nun gütlich. Außerdem trafen bereits die ersten Anwärterinnen auf die Haremsgemeinschaft ein. Diesem Problem galt an diesem Abend und auch an den nächsten beiden Tagen ihre volle Aufmerksamkeit. Max Schlepsig hatte die Vorauswahl zu treffen. Otto Witte war es vorenthalten, die endgültige Entscheidung zu treffen, wem die Ehre zuteil wurde, in den Harem aufgenommen zu werden.

Die Leibgarde, die ihnen zugeteilt worden war, tat ihr möglichstes, dass der neue König in diesem Punkte nicht gestört wurde. Und der „König“ wusste sich zu revanchieren. Viele Goldstücke aus der Staatskasse flossen in die Taschen der treuen Leibgarde. Charakterlich gestärkt durch diese royale Hinwendung erkannte so mancher Gardist seinen inneren Kern wahrer Menschlichkeit.

Aber wie es nun einmal ist im Leben. Nichts währt ewig. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der wahre Halim Eddine eine Botschaft an das albanische Volk richtete und wissen wollte, was das Aufsehen um seine Person zu bedeuten habe. Er fühle sich zwar sehr geehrt durch die Symphatiebekundungen von Seiten Albaniens, allerdings habe er nur eine sehr blasse, eigentlich überhaupt keine Erinnerung an irgendeinen Besuch in besagtem Land. Kurzum, die Frage ist: „Ich war noch nie bei Euch. Was wollt Ihr eigentlich von mir? Habt ihr sie nicht mehr alle?“

Essad Pascha sah sich mit einer unangenehmen Pflicht konfrontiert. Aber an der Echtheit der Botschaft war kein Zweifel. Kurzerhand schickte er sich an, die wahre Identität der augenblicklichen Regenten gründlicher zu untersuchen. Seine Situation war natürlich eine heikle. Also beschloss er, das Problem mit der Wucht seiner Autorität zu lösen. Ganz allein machte er sich auf in die königlichen Gemächer. Lediglich die drei Leibgardisten, die den König von Anfang an schützten, waren anwesend. Kurzerhand rekrutierte er sie.

Otto und auch Max waren noch immer damit beschäftigt, die richtigen Haremsdamen auszuwählen, als plötzlich ohne anzuklopfen die Leibgarde, angeführt von Essad Pascha, in ihren Gemächern erschien.

„Nehmt die Betrüger fest!“, befahl Essad Pascha.

Otto Witte hatte aber schon damit gerechnet, dass sich diese Komödie nicht ewig aufrechterhalten lassen würde und konterte: „Meine getreuen Gardisten, nehmt diesen Verräter fest. Er ist ein Agent der Montenegriner und will den Krieg hintertreiben.“

Daraufhin stürzten sich die drei Leibgardisten auf den armen Essad Pascha und verprügelten ihn fürchterlich. Hätte Otto Witte nicht eingegriffen, hätten sie ihn womöglich totgeschlagen.

„Hört auf“, schrie Otto „und bringt ihn ins Verlies, die Gerichte sollen ihm seine wohlverdiente Strafe zuweisen.“

Welch eine peinliche Situation für Essad Pascha, dass gerade der, den er verhaften wollte, sich als sein Lebensretter entpuppte. Noch während man Essad Pascha ins Verlies schleppte, verließen Otto und Max die königlichen Gemächer. Selbst die Schönheiten, die ihren voller Ungeduld entgegenfieberten, interessierten sie plötzlich nicht mehr. Lediglich mit der Staatskasse bewaffnet eilten sie in den albanischen Hafen auf der Suche nach einem Fährmann, der sie nach Italien übersetzte. Und wieder hatten sie Glück. Aber schon etwas verwöhnt vom Glück, führten sie einen aufwendigen Lebensstil. Die albanische Staatskasse, üppig wie sie war, reichte nicht ewig.

Letztlich landeten sie wieder beim Zirkus. Der eine als Clown, der andere als Schwertschlucker.

Viel, viel später ging Otto Witte´s Wunsch in Erfüllung. Auf seinem Grabstein steht noch heute: „Otto I. König von Albanien“!

Immer schön sauber bleiben

Vor kurzem erschien in unserem Gemeindebrief, das ist ein Rundschreiben der Gemeinde an alle Bürger, eine Beschwerde über herumliegenden Hundekot. Bei unserem letzten Spaziergang im Dorf habe ich allerdings eine Entdeckung gemacht, die mich an der Dringlichkeit dieses Problems zweifeln ließ. Gewiss liegt hier und da Hundedreck herum. Bestimmt sogar zuviel. Aber der Dreck ist nach einer Woche Dünger, während der Plastikmüll bis zu seiner Auflösung 200 Jahre braucht. Deshalb glaube ich nicht, dass Hunde das Hauptproblem sind.

Über zwanzig Jahre ist es jetzt schon her, dass ich von der Stadt aufs Land gezogen bin und ich muss sagen, dass ich die Entscheidung nie bereut habe. Während die Leute in der Stadt an ihrer Anonymität ersticken, gehen die Menschen hier noch aufeinander zu. Wenn die Menschen in der Stadt miteinander ein Problemchen haben, laufen sie zum Rechtsanwalt oder zur Polizei, um den anderen, der ihnen übel mitgespielt hat, für immer hinter Gitter zu bringen. Bei uns ist das anders. Bei uns laufen die Menschen zuerst zum Bürgermeister und der sorgt dann für klare Verhältnisse. Das ist auch wesentlich demokratischer. Wenn nämlich über ein bestimmtes Problem besonders viele Beschwerden eingehen, wird das Thema im Gemeindebrief veröffentlicht, selbstverständlich gespickt mit Verhaltensregeln und unter Berücksichtigung der aktuellen Gesetzeslage. Ein jeder weiß so immer ganz genau, wie er sich zu verhalten hat, um ein akzeptables Mitglied der Gemeinschaft zu sein.

Diesen Gemeindebrief erhalten wir dann einmal im Monat. Der letzte Brief behandelte den Hundedreck. Ein Problem, welches auch mich als Hundehalter betraf, wenn auch nur am Rande, denn ich wohne zum Glück ein paar Kilometer außerhalb. Viele Bürger beschwerten sich über den Hundedreck auf und neben den Straßen. Man findet so viele Häufchen, dass man schon gar nicht mehr nach draußen gehen möchte, klagten sie, nur weil ein paar unverantwortliche Hundebesitzer ihren Kötern gestatteten, überall ihr Geschäft zu verrichten.

Meine Frau und ich wollten natürlich wissen, ob die Verschmutzung unserer Straßen durch die Hunde tatsächlich derartige Ausmaße angenommen hatte und beschlossen, unseren sonntäglichen Spaziergang im Markt zu genießen, sofern nach den Schilderungen im Gemeindebrief von Genießen überhaupt noch die Rede sein konnte. Wir achteten peinlich genau darauf, dass unser Hund seine Geschäfte noch vorher in unserem Garten erledigte. Und zwar alle Geschäfte, das große und die kleinen. Dann machten wir uns auf den Weg.

Parallel zur Zufahrtstraße in den Ort verläuft ein Wanderweg, auf dem man gefahrlos wandern kann. Aber so sehr wir unsere Augen auch anstrengten, wir konnten nirgendwo einen Hundehaufen entdecken.

„Also, ich sehe nichts“, sagte meine Frau zu mir.

„Na ja“, erwiderte ich, „wir sind ja noch nicht in der Ortsmitte. Dort wird es dann wohl schlimmer sein. Wenn die schreiben, dass zu viel Hundedreck herumliegt, dann wird das schon stimmen.“

„Vielleicht können wir den Dreck bloß nicht sehen, weil er unter einer der Plastiktüten verborgen ist.“