Hundert Tage im Frühling - Eric Bergkraut - E-Book

Hundert Tage im Frühling E-Book

Eric Bergkraut

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Beschreibung

Eine Frau ist krank, sie wird sterben. Ihr Ehemann begleitet sie. Die Reise geht über hundert Tage, sie führt in drei Kliniken, zu zahlreichen Ärztinnen und Ärzten und schliesslich nach Hause. Die Frau ist Ruth Schweikert, sie hat vor Jahren über ihre Krebserkrankung ein Buch geschrieben, «Tage wie Hunde». Eric Bergkraut schreibt das Buch fort, es wird zur Hommage auf seine Partnerin. Direkt und behutsam zugleich beschreibt er den gemeinsamen Weg. Er blendet zurück auf ein gemeinsames Leben mit Höhen und Tiefen, die erste Begegnung steht neben den letzten Gesten. «Hundert Tage im Frühling» ist das berührende Dokument eines Abschieds. Und wird zugleich zu einem Lebensbuch, das Mut spendet. Vielleicht nicht auf ein anderes Leben nach dem Tod. Aber auf das Leben bis dahin.

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Seitenzahl: 189

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Eine Frau ist krank, sie wird sterben. Ihr Ehemann begleitet sie. Die Reise geht über hundert Tage, sie führt in drei Kliniken, zu zahlreichen Ärztinnen und Ärzten und schließlich nach Hause.

Die Frau ist Ruth Schweikert, sie hat vor Jahren über ihre Krebserkrankung ein Buch geschrieben, «Tage wie Hunde». Eric Bergkraut schreibt das Buch fort, es wird zur Hommage auf seine Partnerin. Direkt und behutsam zugleich beschreibt er den gemeinsamen Weg. Er blendet zurück auf ein gemeinsames Leben mit Höhen und Tiefen, die erste Begegnung steht neben den letzten Gesten.

«Hundert Tage im Frühling» ist das berührende Dokument eines Abschieds. Und wird zugleich zu einem Lebensbuch, das Mut spendet. Vielleicht nicht auf ein anderes Leben nach dem Tod. Aber auf das Leben bis dahin.

Foto Ayşe Yavaş

Eric Bergkraut, geboren 1957 in St-Maur bei Paris, ab 1961 aufgewachsen in Aarau. Zunächst Engagements als Schauspieler am Theater sowie für Film und Fernsehen. Später Autor von Reportagen, seit 1991 Filme als Regisseur und Produzent, u. a. mit Anna Politkowskaja, Ágota Kristóf, Peter Bichsel und Michail Chodorkowski. Sein Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, etwa mit dem Václav Havel Award für «Letter to Anna». Im Limmat Verlag ist «Paradies möcht ich nicht. Roman einer Familie» lieferbar.

Eric Bergkraut

HUNDERTTAGEIMFRÜHLING

GESCHICHTE EINES ABSCHIEDS

Limmat VerlagZürich

Die Zitate in GROSSBUCHSTABEN stammen von Ruth Schweikert. Sie hatte diese überwiegend im Januar / Februar 2023 als Auftragsarbeit für eine Ausstellung verfasst. Ein paar Zitate stammen aus nachgelassenen, über Jahrzehnte gehenden Notizbüchern. Sie sind nicht datierbar.

Es ist, als hätte sich etwas offenbart,

ein Geheimnis, das endlich zutage tritt.

Tage wie Hunde, 2019

Für unsere Söhne

Du, Ruth Schweikert, hast beschlossen, nie mehr über die Krankheit zu schreiben, die Dich 2015 erstmals getroffen hat. Dabei ist es geblieben.

Ich bin hier sowohl Beteiligter wie auch beobachtender Begleiter. Du warst eine Poetin, ich bin kein Poet. Ich bin es gewohnt, Menschen zu begegnen, Zusammenhänge zu suchen und daraus Texte oder Filme zu machen.

Meine Aufzeichnungen handeln zunächst von Deinem Willen zum Leben, ich werde nicht einmal die Bezeichnung der Krankheit benutzen, die Dich getroffen hat. Die Aufrichtigkeit rufe ich auf als Begleiterin meiner Reise. Es kann nicht anders sein, als dass ich dabei an Grenzen gehe. Genau wie Du es getan hast.

Inhalt

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Mein Dank Geht

I

Ich weiß nicht, ob das Bild vom Soldaten (beziehungsweise der Soldatin) stimmt. Allein schon, weil ich selber nie einer gewesen bin. Jedenfalls bist Du aufrecht, diszipliniert und ohne je zu wanken oder zu zweifeln durch fünf Monate einer anforderungsreichen Therapie gegangen. Zu Deinen Nächsten warst Du sanft und zugewandt. Wir beide hatten eine friedliche Zeit, wir hatten eine gute Zeit. Vier-, fünfmal pro Woche querten wir die Wälder von Zürich, unser Schritt war forsch, wir waren bei Kräften. Oft habe ich Dich begleitet ans andere Ende der Stadt zur integrativen Therapie und Dich dort wieder abgeholt, manchmal taten dies Freundinnen oder Freunde. Ein paar Stunden warst Du jeweils dort, meist am Dienstag, auf einer modernen Station im neuen Teil von Zürich, nahe der Limmat. Deine Therapie richtete sich gegen eine neue Erkrankung, die nichts anderes war als die Wiederkehr der alten.

Alles schien zu klappen. Die Chemie wirkte. Dein Fasten hatte geholfen. Die Wärmebehandlung auch. Das zeigten die Bilder. Aber dann kam es anders.

Ich könnte irgendwann beginnen, beinahe. Und irgendwo. Es bleibt immer ein Ausschnitt, das Fragment eines Ganzen. Bis hin zum Ende.

Ein Nachmittag im März 2023:

Du bist über mehrere Wochen in einem anderen Zürcher Spital gelegen, heute wurdest Du in die Klinik am Hang überführt. Es ist ein altes Gebäude am Zürichberg, an bester Lage, eigentlich eine große Villa, etwas aus der Zeit gefallen, nicht ganz zweckmäßig, ein bourgeoiser Charme haftet ihr an, die Gänge scheinen zu verwinkelt für einen Ort, welcher der Rehabilitation dient, aber auch unheilbar kranken Menschen eine Zeit lang Aufenthalt gewährt.

– Ich han gar nöd wele sterbe. Jetz –

22. März

Ich sitze am Bett und singe merci merci zur Melodie eines Ohrwurms mit dem auch schon schlichten Originaltext elle court, elle court, la maladie d’amour …: Ein französisches Chanson, das eigentlich ein Schlager ist.

Ein paar Tränen laufen über Deine Wange. Obwohl Kitsch nicht Dein Fach ist. Ich hingegen habe gerne ein wenig Kitsch, ab und zu.

Später sagst Du:

– Bliib bi mir.

23. März

Ich verteile kleine Küsschen auf Deinen Lippen und sage: Je me promène sur tes lèvres, und Du antwortest:

– Vas-y!

Zum Abschied schürzt Du Deine Lippen nach vorn, bis sie auf die meinen treffen. Das war wochenlang nicht mehr so gewesen. Weil Dir gar keine Bewegung der Lippen möglich war.

Ich denke an eine Liedzeile von Edith Piaf, die für uns jetzt passt: Wir haben 29 Jahre gemeinsam verbracht, wir lieben uns, wir haben uns temperamentvoll gestritten und wieder versöhnt, sind über Berg und Tal gegangen, kennen Kummer und Glück, wir haben zusammen drei Kinder, zwei dazu, deren Vater ich nicht bin, es sind alles Männer:

Ce n’était parmi tant d’autres

Qu’un pauvre baiser d’adieu …

Ein Kuss zum Abschied, ein halbwegs flüchtiger. Und doch ist er nicht armselig, er ist besonders: Es gibt eine Verbesserung Deines Zustandes. Wer hätte das noch erwartet …

Ich setze mich ins Auto und mache mich auf den Heimweg, vorbei am See, quer durch Zürich, es warten zwei Söhne, denen werde ich das erzählen.

Manchmal sagte ich zu Dir: Schau mich um die Ecke herum an. Du hast dann gelächelt, Deine Pupillen um neunzig Grad gedreht, ohne den Kopf zu bewegen, und unsere Blicke trafen sich.

Dazu bräuchten Deine grünen Augen nicht so schön zu sein, wie sie es sind. Es reichte, dass sie so groß sind, wie sie es sind.

Oft habe ich mich geärgert, wenn Du jemanden nach dem Weg gefragt oder eine Szene erklärt hast und dabei haarscharf am Kopf dieser Person vorbeigeschaut hast. Oder auch im Neunziggradwinkel an ihr vorbei in die Ferne. Ich fand beides unhöflich. Aber vielleicht schautest Du nur weg, um besser zuhören zu können. Vielleicht ging es darum, dass Du alles ganz tun willst: Ganz zuhören, ganz hinschauen, ganz sprechen.

Mischformen magst Du nicht.

In Deinem Blick lag immer schon alles. Mal ist er scheu bis zur Unschuld, fast schläfrig. Dann von kompromissloser Direktheit. Dieses Zusammenspiel hat mir weiche Knie beschert.

Dein Blick, so wie ich ihn in den letzten Wochen kennengelernt habe, ist anders: Freundlich, offen und ohne jede Arg schaust Du in die Gesichter, die sich um Dein Bett zeigen.

24. März

Ich lege meine Hand auf Deinen Bauch und lasse sie mit Deinem Atem steigen und wieder sinken. Ich lege sie auf Deinen warmen Handrücken. Ich lege sie quer auf Deine glatte Stirn. Ich streiche über Deine Brust, wenig haben Messer, Strahlen und Chemie Deiner Haut anhaben können, dazu mache ich Dir ein Kompliment.

– Das isch nöd luschtig,

sagst Du.

Was ich dahinter höre: Das ist gut und schön, aber nicht mehr ganz von meiner Welt.

Selten berichtest Du über Schmerzen, heute schon:

– Es tuet wee.

– Wo?

– Überal.

Am Nachmittag schieben wir Dich im großen schwarzen Stuhl in den Aufzug, fahren ins Erdgeschoss und gelangen über einen schmalen Weg auf ein Wiesenstück, das Richtung Stadt liegt, am Rande des Grundstücks. Kurz lichten sich die Wolken, die Sonne spielt auf Deinem Gesicht, Du lachst unter Deiner Mütze aus dicker, mehrfarbiger Wolle. Die hast Du selber gestrickt, es ist nicht lange her.

An der Löwenstraße, ein paar Wochen zuvor. Du steigst aus dem Auto, beschwerlich nur, Dein Gang ist langsam, schwankend. Ich habe natürlich versucht, Dich zu Hause zu behalten. Nein, Du willst nach Biel fahren, auch die Fortbildung am Nachmittag noch mitmachen, das Literaturinstitut liegt Dir am Herzen, vielen Studentinnen und Studenten hast Du auf den Weg geholfen. Den ganzen Tag über erwarte ich den Anruf, der Deinen Zusammenbruch meldet, er kommt nicht.

Kurze Zeit später. Du bist bereits krankgeschrieben, aber Du willst – wie geplant – Deine Stelle kündigen. Du bist sicher, bald wirst Du wieder arbeiten und auf dem freien Markt Dein Leben verdienen, eine schon in den Raum gestellte Kündigung, nein, sie wird nicht zurückgezogen, nur wegen einer Krankheit, die bestimmt vorübergehend ist und die vielleicht ja gar keine ist.

IN DEN BERGEN DER HOFFNUNG WOHNE ICH UND MÖCHTE DORT WOHNEN BLEIBEN

Später wird einer Deiner Söhne Dir sagen: Alles ist gut, ich stelle mich auf alles ein. Aber warum hast Du uns nicht früher gezeigt, gesagt, was Du in Dir doch gespürt hast?

Es stimmt, ich ließ Dich ziehen, bis fast zuletzt. Es war anders nicht möglich, Du wolltest es so. Es war Dein Ruth-Schweikert-Weg.

Die Chemo war abgeschlossen gewesen, auf den Bildern von Anfang Januar war nichts mehr zu sehen von dem Bösen, gar nichts, das Blutbild war gemäß Deinem SMS, «tiptop ;-))». Also waren Deine Langsamkeit und die Behinderung im Arm die Nebenwirkungen der Therapie, die im Nachhinein doch noch aufkamen. Wir beide wollten jetzt befreit leben, uns nicht dauernd sorgen … nach vorne schauen … wir könnten zusammen wegfahren und etwas feiern … aber eng verbunden, wie wir Wochen lang durch die Zeit gingen: Jeder sollte jetzt auch für sich sein, ein wenig.

Also bist Du in den Berner Bergen, nicht weit von dort, wo einst Dein Lebensfreund gewohnt hat. Ich bin in Paris, wo wir zuletzt zusammen vor sechs Wochen waren. Das viele Telefonieren, sich der gegenseitigen Verbindung versichern, das wolltest Du nie, Du fandest es überflüssig, man weiß doch, was man aneinander hat.

Diesmal rief ich aus der Ferne öfter an als sonst. Du warst zurück in Zürich. Eine Weile lang erreichte ich Dich nicht: Du hattest Dein Handy verlegt, aber ein neues besorgt (welcher Kraftakt, denke ich später). Ich war erleichtert, Dich am Draht zu haben. Du erzähltest etwas unzusammenhängend von einem Traum. Er handelte von Deinem eigenen Sterben, Du warst Beteiligte und Betrachterin zugleich. Deine Nächsten waren um Dich versammelt, der Lebensfreund, ich …

– War das ein Wachtraum oder einer im Schlaf?

– Das weiß ich nicht mehr, hast Du gesagt und wiederholt:

– Ich weiß es wirklich nicht.

Ich nahm den Zug nach Zürich.

Wir teilten zwei Tage in unserer Wohnung. Lange geplant war Deine neue Reise in Dir bekannte andere Berge, ins Wallis. Dort haben vertraute Menschen gewartet, Söhne, eine Enkelin, ein Enkel, es ist eine kleine Tradition.

– Bist du sicher, dass du fahren willst?

– Ja.

Die Nachwirkungen der erfolgreichen Therapie waren stark, ja, aber Deine Söhne, ihre Kinder, das würde Dir guttun. Ich fuhr derweil in den Süden, dort waren wir zusammen vor drei Wochen zuletzt, auch wäre ich schnell zurück, wenn nötig. Also war ich im Val del Sole und hörte bald: Du wirst zurückgebracht nach Zürich, notfallmäßig. Ich fuhr am nächsten Morgen los, wir würden uns am Bahnhof in Zürich treffen und in die Arztpraxis gehen, die Du gut kennst, die integrative Behandlungsstelle für Deine Erkrankung.

Während meiner Fahrt fragte ich mich, weshalb ich nicht deutlicher reagiert habe auf erste Zeichen dafür, dass Du Deine Bewegungen schlechter kontrolliertest. Als Dir am Tisch schon mal etwas aus der Hand fiel. Als Du, sonst immer pünktlich zur Stelle, plötzlich diejenige warst, auf die ich vor dem geparkten Auto warten musste, vielleicht, weil Dir das Anziehen schwerer fiel, als Du uns zeigen mochtest, und es mehr Zeit in Anspruch nahm als bisher.

Ich insistierte nicht, etwas später, als ich feststellte, dass Geld und Schlüssel lose in Deiner Handtasche lagen, ohne Portemonnaie, und Du mir erklärtest, ein solches bräuchtest du nicht mehr, so wolltest Du es haben. Und ich hatte Wochen vorher – nach einem ersten gemeinsamen Termin – akzeptiert, dass ich nicht dabei sein sollte bei den Zwischengesprächen mit dem Arzt. Heute glaube ich, dass Du gefürchtet hast, ich könnte kleine Schwächen ausplaudern, obwohl solche mir damals nicht aufgefallen waren.

Dann waren wir in dieser Praxis und Dein Arzt war nicht da. Die Bildgebung, sagte die stellvertretende Ärztin, sie wird bloß gemacht, um das Schlimmste auszuschließen.

Das hätten wir ihr gerne geglaubt.

Zu diesem MRI, angefertigt in einer Röhre ein Stockwerk höher, musste der Ehering weg. Ich hielt ihn so lange in meiner Hand und gab ihn Dir zurück, als Du aus der Kabine tratst.

Es blieben wenige Augenblicke, bis wir die Ergebnisse erfahren würden, als Du Dir den Ring über den Finger streiftest und mich dabei angeschaut hast:

– Ich habe dich zum zweiten Mal geheiratet.

Wahrscheinlich wusstest Du bereits alles, was jetzt kommen würde. Es war der Auftakt zu einem intensiven Abschnitt unserer Geschichte. Symmetrisch zum Anfang, der Verliebtheit. Ohne deren Übermut, aber identisch im Maß der Verbundenheit. Ein bisschen so, als wäre alles dazwischen – meine mögliche Unreife, Deine Szenen, unsere Purzelbäume – nichts gewesen als ein jahrzehntelanges Intermezzo.

Den Wein trinken sie vorweg, Maurice fortwährend in kleinen Schlucken, Anna in langsamen großzügigen … sein, ja doch: jüdisches Gesicht, wie sie sich so ein jüdisches Gesicht damals vorstellt: die breitgebogene Nase und der langgezogene Mund vor allem im ständig bewegten Gesicht, das sie so auswendig kennt und liebt wie niemals ihr eigenes im Spiegel … Anna ist an jenem Abend schon jenseits der dreißig und an Sonntagen gerne unbeaufsichtigt. Ihr Gesicht verbirgt sich den ganzen langen Tag hinter einer schläfrigen Anteilnahme am Tun und Lassen ihrer zwei Kinder, mit denen sie in die Kleine Stadt zurückgekehrt ist, und im unvermuteten Angeblicktwerden bricht es auseinander wie die Eisenbahnschienen im schmalen Kinderzimmer, wenn jemand die Türe zu schnell zu weit öffnet.

Labour of love heißt diese Kurzgeschichte aus dem Jahr 1995, die Du im Untertitel Keine Short Story genannt hast (womit Du recht behalten wirst), unschwer lassen sich hinter Anna und Maurice wir beide erkennen, aber es ist Fiction, natürlich, selbstverständlich, es ist ein Text aus dem Übermut der jungen Liebe, es ist eine Spiegelung unserer Begegnung.

Aus dem gleichen Jahr stammt ein Fax, das Du nach Australien in ein Hotel geschickt hast, diesmal in real Reallife. Ich tat so etwas wie einmal um die Erde fliegen und dem Publikum von «10 vor 10» in einer Serie zeigen, wie verheerend und arrogant die nahenden französischen Atomtests im Südpazifik (Mururoa) für die ganze Gegend waren. Das liegt für mich heute weit weg, aber es fiel mir leicht und war womöglich sinnvoll: Kleine Filme, dazu Gespräche live ins Wohnzimmer, auch zu Dir, dem Ereignis für einmal voraus, nicht hinterherreisend:

Liebster, ich hoffe Du/Ihr bist/seid halbwegs gut gereist … langsam wird es Abend und ich habe noch Zeit bis Freitagmorgen für «du», bis Montagmorgen für Supplément/NZZ, freue mich, Dich am TV zu sehen, esse Salat mit Olivenöl und frage mich, ob in Australien Olivenbäume wachsen … in einem amerikanischen Film schriebe ich jetzt Ich liebe Dich, weil das am Ende jedes Briefs oder Filmes kommt, aber da ich in ZH Wollishofen bin, schicke ich Dir mein Zeichen so, Deine Ruth

Das Bild aus der Röhre in Zürich West zeigte das Schlimmste. In seiner schlimmsten Form. Ein Kugelblitz, der eingeschlagen hat. Aber es gab einen sehr schmalen Steg der Hoffnung. Der Strahlenarzt in der Privatklinik, die spezialisiert ist, empfing uns sofort, ohne jede Wartefrist, ein freundlicher, kompetent erscheinender Mann mittleren Alters. Als er mich drei Wochen später am Telefon haben, aber erst verwechseln sollte, eröffnete er der vermeintlichen Drittperson exakt dasselbe wie damals uns: Die schlechte Nachricht ist, ja, Sie haben Ableger, die gute Nachricht aber ist, ja, wir können etwas tun dagegen, für ein paar Monate zumindest … Nach einem halben Jahr, sagte er, kehre die Krankheit zurück. Jedoch: Es kann dann neue Mittel geben dagegen.

Genau diesen Satz also sagte er zu Dir und zu mir, als wir ihm damals am offenen Pult am Ende eines großen Vorraums gegenübersaßen. Du warst aufnahme- und entscheidungsfähig. Natürlich wolltest Du die Strahlen haben, sofort. Der Herr stellte in Aussicht, dass schon mit dem unmittelbar und geballt verabreichten Cortison innert 48 Stunden die Symptome verschwinden würden. Abgesichert später durch die Wirkung der Strahlen, das sei quasi garantiert.

Du nahmst sofort das Cortison. Auch die Bestrahlung begann. Aber nichts passierte. Weder am nächsten Tag noch an den folgenden.

Zu den ersten Strahlen fuhr ich Dich von zu Hause. Die Menschen dort waren freundlich und zugewandt, wie sie Dich auf der Liege festmachten und unter die Maschine schoben. Auch der Dekor im Wartezimmer war irgendwie passend, hatte Stil: ein riesengroßes Aquarium.

Zu Hause erging es Dir nicht gut. Waren wir während der gesamten Zeit Deiner Chemotherapie drei-, vier-, fünfmal pro Woche durch die Wälder der Umgebung gestreift, so blieb es jetzt beim kurzen Gang an der Sihl. Waren es zunächst einzelne Gegenstände, die Dir schon mal aus der Hand rutschten – «Nebenwirkungen» –, so verlorst Du jetzt die Körperkontrolle, verrichtetest sinnlose Handlungen, benutztest die Gabel wie ein Telefon.

Deine Sprachkompetenz schwand. Ich stellte mir vor, das sei etwas vom Schlimmsten, was Dir widerfahren konnte. Es konnte sein, dass Du es nicht gänzlich wahrnahmst.

Wir saßen lange Stunden zusammen am Tisch, wir teilten jetzt jede Minute, ich rief Freunde dazu, damit ich mich für die nötigsten Verrichtungen kurz entfernen konnte.

Wir waren in Not, ich stand unter Schock. Und tat dennoch meist, was sinnvoll war, es waren die einfachen Dinge, für Dich kochen, Dich nicht allein lassen, plaudern. Ich versuchte vorsichtig, Dich aufzuheitern. Wir saßen am langen Küchentisch, die Füße bloß. Einer Nachbarin erzählten wir von Deinem erneuten Eheschluss mit mir nach dem MRI. Danach klopften wir die Flächen unserer Ringe gegeneinander, Weißgold und Rotgold, Rotgold und Weißgold, zweigeteilt sind die Ringe wie der Tisch aus Nussholz und Glaskeramik, das generiert einen drolligen, leicht hohlen Klang, wir lachen, auch Du.

Aber nichts wurde besser. Es konnte noch kommen, Strahlen brauchten ihre Zeit.

Nach zwei Tagen ging es nicht mehr. Ich fuhr Dich in die Notfallaufnahme und ließ Dich in die Klinik einweisen, die Strahlenbehandlung ging stationär weiter.

In der zweiten Nacht hattest Du eine Attacke, einen epileptischen Anfall, ich verbrachte jetzt die meisten Nächte im Nachbarbett und wachte über Dich. Die Behandlung mit den Strahlen ging weiter, aber es ging Dir nicht besser. Das könne noch kommen, der schmale Steg der Hoffnung stand. Du warst sehr müde, empfingst aber Besuch und erfreutest Dich daran. Es gab keine neue Attacke, aber auch keine neue Perspektive. Nach zwei Wochen wurde die Bestrahlung eingestellt, es ging Dir nicht besser.

Es begann die Zeit, da ich Dich in der Klinik im Rollstuhl ausfuhr. Manchmal fanden wir im Innenhof ein Plätzchen, das ein Sonnenstrahl traf. Neben dem Haupteingang gab es eine kleine Zone, die morgens oft sonnenbestrahlt war, es gab auch eine Cafeteria. Wir fanden unsere kleinen Freuden.

Die Klinik wollte Dich loswerden, nachdem eine neue Bildgebung keine guten Nachrichten gebracht hatte. Die Krankheit schlief nicht, sie breitete sich weiter aus. Nicht nur der Herd vom letzten Sommer war betroffen, auch andere Bereiche, das ganze Bild war schwer auszuhalten. Wie auch die Geschwindigkeit der Ausbreitung. Es war die Explosion der Explosion.

Unsere erste Begegnung fand in einem Treppenhaus statt. Ich stand acht, neun Stufen unterhalb von Dir, Du in Deiner Wohnungstür im obersten Stockwerk eines Aarauer Altbaus. Ich sah Dich, und eine innere Stimme rief mir laut und deutlich zu: Diese Frau nicht! Die Stimme war Ausdruck sinnlosen Widerstandes, ihre Vehemenz zeigte mir das exakte Gegenteil an, dass ich mit Dir zusammen sein wollte, egal, was unsere jeweiligen Lebensumstände waren, ich sah Dich, wirklich nur Dich. So ist das in diesen Momenten, die uns pro Leben höchstens ein paarmal treffen und die man egoistisch nennen kann, weil daneben alles andere verblasst und andere Menschen in diesen Bildern nicht vorkommen. Es gibt nur das Ich und das Du.

Die nächste Sequenz spielt ein paar Tage später, am 28. Mai 1994, es ist ein Samstag, im gleichen Haus, wenige Meter entfernt von Deiner Tür, aber im Innern der Wohnung, in der Küche. Du stehst vor der Kochzeile, rechts ist ein abgeschrägtes Fenster, ich bin zwei Meter vor Dir. Wir haben uns, über einen Händedruck hinaus, noch nie berührt. Wir schauen einander in die Augen, und wie in Zeitlupe hebst Du Deine rechte Hand, schiebst sie unter Deine Stoffbluse, ohne den Blick von mir zu lösen, greifst Deine linke Brust und ziehst sie aus dem Stoff an die Luft, immer noch im unverwandten Blick auf mich.

Es ist jene Brust, die sich Deine Krankheit Jahrzehnte später als erstes Feld in Deinem Körper aussuchen wird, soweit eine Krankheit sich Körperteile auszusuchen vermag.

Ich umfasse Deine Brust, wir umarmen uns, aber wir lieben uns noch nicht, so schnell muss es nicht gehen.

Es ist der Auftakt zu einer Zeit, in der wir beide drei Meter über dem Boden über den Planeten schreiten.

Wie zwei Kinder halten wir uns an der Hand und spazieren durch den Paradiesgarten, sagte ich zu Dir, Du schriebst es auf.

25. März

Die Begrüßung heißt:

– Endlich bist du hier.

Dann schiebst Du nach:

– Du bisch en Luschtige.

26. März

Du:

– Komm morgen schon um neun.

– Geht nicht, Besuchszeit ist erst ab zehn. Kann ich nicht ändern, gebe mein Bestes, schäkere auch rum, wenn es dir denn nützt.

– Du bist wirklich … (Pause) eine Saftwurzel.

– Deshalb habe ich ja so energisch um dich geworben, damit ich meinerseits eine Saftwurzel kriege.

– Jetzt verstehe ich das endlich …

Solange wir gemeinsam lachen, ist Polen nicht verloren.

27. März

Ruth ruft mich in die Klinik:

– Ich sterbe. Es ist misslungen.

Unser Jüngster, heute mein Begleiter, wird genannt Dr. Brausefrosch nach dem rettenden Arzt aus dem Kinderbuch.

Die Pflegende sagt uns zum Abschied: Es ist immer gleich, ich bringe sie ins Bett, sie legt sich hin und ist ganz ruhig, innerlich. Solches habe ich selten erlebt.

Schön siehst Du aus, da in Deinem Bett. Noch wach, schon schlafend.

Wie viele Nächte haben wir beieinander gelegen? Tausend. Oder doch zehntausend?

Keine einzige kann ich zurückholen. Auch nicht die achtlos verbrachten.

28. März

Dein Wille zum Leben ist ausgeprägt. Ich finde Dich darin elegant. Du liebst das Leben.

Arztvisite:

– Wie fühlen Sie sich?

– Hoffnungsvoll.

– Wie sind die Pflegenden hier?

– Diese Frauen sind ein Phänomen.

Und sie wirken, die Strahlen! Zeitversetzt. Du sprichst ganze Sätze im Zusammenhang. Lange war es nur Ja oder Nein gewesen. Mehr noch: Erstmals seit Langem vermagst Du mit Deiner rechten Hand die meine zu drücken. Und diese dann bis an Deine Nasenspitze zu führen.

Als ich Dich, meinerseits am Rande zum Übermut, auffordere, es zu wiederholen:

– Ich mag keine Prüfungen.

Als ein Sohn aus der Ferne anruft, sagst Du zu den Freunden auf Besuch:

– Er betritt die literarische Bühne von hinten.

Da lacht es vom anderen Ende der Leitung, und ja, stimmt, er schreibt, und Du kennst seine Texte.