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Das Tierheim Le Chat, das auch Lösch genannt wird, ist Ginnys Zuhause geworden. Seit mehreren Jahren kümmert sie sich zusammen mit dem kauzigen, verwitweten Betreiber Sebrov, dem "Hundeflüsterer", und seinem Sohn Mirko um die heimatlosen Katzen und Hunde. Eines Tages taucht eine neue Praktikantin, Aka, im Lösch auf. Die Routine gerät aus den Fugen. Ginny wird mit ihrer Herkunftslosigkeit konfrontiert. In wachsender Verwirrung und Verunsicherung beschäftigt sie sich mit ihrer Vergangenheit. Ginny will ihre Geschichte neu erfinden. Einen Besucher des Tierheims erklärt sie zu ihrem Vater und verschafft sich Zutritt zu dessen Haus. Der Konflikt zwischen alter und imaginierter Herkunft eskaliert. Das Verwischen von Spuren wird im Lösch, wo Hoffnung und Verzweiflung, Liebe und Hass, Ankunft und Abschied einander bedingen, zu einer Frage von Leben und Tod.
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2025
Louisa Merten
Hundesöhne
Roman
Lenos Verlag
Der Verlag dankt der Sophie und Karl Binding Stiftung für die Unterstützung.
Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig.
E-Book-Ausgabe 2025
Copyright © 2025 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Cover: Lenos Verlag, Basel
eISBN 978 3 03925 726 3
www.lenos.ch
Für Johannes
Es war mein einundzwanzigster Geburtstag. Nicht dass jemand darauf Rücksicht genommen hätte. Mirko hatte mich zu den Katzen geschickt, obwohl er wusste, dass ich es hasste, bei den Katzen zu putzen. Er wollte mir eine Lektion erteilen. Ein warmer Wind wehte durch die Ritzen der Holzwände und trug Erde, trockene Blätter und Insekten herein. Ich fegte sie mit dem Handrücken hinaus. Was da draussen an Natur war, hatte drinnen bei den Katzen nichts verloren. Ich zog die Leintücher von den Katzenbetten ab und schüttelte sie aus. Spielsachen fielen auf den Boden und eine Decke nach der anderen; die Polyesterdecke mit dem Pfotenmuster, die Strickdecken vom Frauenverein und der Fusselteppich. Ich bückte mich, und mein Rücken bog sich in der von Katzenhaar prickelnden Luft so langsam, wie wenn man einen Kaffeelöffel krümmte. Für Mirko konnte es nicht genug Decken und Spielsachen geben. Er karrte kistenweise Krempel an, den er im Laden zu Tiefpreisen ergatterte, und hatte bei jeder Rückkehr die Taschen voller Gummibälle, die aus einem Automaten stammten, den er nach dem Einkauf mit dem Rückgeld fütterte. Er wusste ja selbst nicht mehr, wohin mit dem Zeug. Vielleicht putzte er auch deswegen nicht mehr bei den Katzen. Er war immer bei den Hunden. Ich bürstete die Katzenbäume. Keine Katze wartete darauf, von hier abgeholt zu werden. Die Katzen warteten nicht, sie residierten.
Mausgrosse Fellbäusche schwebten durchs Zimmer, vorbei an hundert Plüschtieren, die ihre netten Gesichter vom Staub auffressen liessen. Eine Pfote schob sich aus dem Bett über mir, ein Gummiball rollte vom Regal, sprang im Zimmer auf und ab und verfing sich zwischen zwei verrutschten Teppichen in der Ecke. Ich ging in die Hocke und griff danach. Da verkrampften sich meine Oberschenkel, und ich fiel knievoran nach vorn in die feine Spur grauen Katzensands, die der Ball hinterlassen hatte. Als ich mich aufrichtete, stiess ich erst mit dem Kopf, dann mit der Schulter gegen das Regal. Ein dumpfes Pochen breitete sich unter meiner Schädeldecke aus. Katzen sind nie da, wo man sie riecht. Sie sind wie eine Form von Vergangenheit, eine schlechte Erinnerung. Ich rieb die Beule und drückte den Schmerz ins Gehirn. Nachdem ich eine Runde mit dem Staubsauger gedreht hatte, rückte ich die Teppiche zurecht und räumte die Spielsachen von der Ablage. Dann sammelte ich die Lappen ein, hängte sie über den Eimer und nahm ihn mit. Draussen zogen graue Wolken auf. Links und rechts von mir warfen sich die Hunde bellend gegen die engmaschigen grauen Zäune. Die Dackel mit den begradigten Beinen, der Golden Retriever mit dem neuen Hüftgelenk und die Französische Bulldogge mit den auseinandergezogenen Nasenlöchern. Nach innen zur Futterküche hin wurden sie kränker.
Als ich mit dem Ellenbogen ein grünes Tarnnetz streifte, sprang ein Schatten auf mich zu. Die Nachfolgerin von Merlot. Mirko hatte eine Bissnarbe, die sich von seinem Bauchnabel bis zum Ansatz seiner Rippen zog. Ich trat einen Napf beiseite, der umgedreht im Dreck lag. Mit so einem Napf auf dem Kopf und mit einer Tube Salbe soll Mirko sich als kleiner Junge unter dem Zaun hindurchgezwängt haben, um die Wunden auf Merlots Rücken zu verarzten. Merlot hatte Mirko zu Boden gerissen, ihn am Bauch gepackt und geschüttelt. Irgendwie hatte Mirko Merlots Ohr zu fassen bekommen und hineingebissen. Merlot hatte ihn losgelassen, und Mirko war dem Tod um Haaresbreite entkommen. Sein Vater, Sebrov, hatte den Hund einschläfern lassen. Eine Entscheidung, die Mirko ihm nicht verzieh.
Wir nannten die Futterküche auch den Küchenschlauch. Das zweistöckige Haupthaus hatte die Form eines Kreuzes – ein Tempel, um den sich ein gutes Dutzend Hütten kreisförmig anordneten. Der Küchenschlauch bestand aus einem schmalen Gang, der in einen Quergang mündete, an dessen Ende es eine Futterkammer und einen Materialraum gab. Dem Quergang entlang reihten sich Türen aus Sperrholz, die mit Drehknäufen und Eisenketten verschlossen waren. Dahinter öffneten sich Buchten, in denen die Insassen das Leben ausschieden. Geburtsnischen und Sterbekammern.
Ich kippte das Putzwasser in den Ausguss, wusch den Kessel und holte die Wäsche aus der Waschmaschine, die Sebrov neben die Spüle gestellt hatte. Auf den Wäscheleinen, an der Decke des Küchenschlauchs, hingen Mirkos Laken. Ich nahm sie herunter und schmiss sie auf die hölzerne Treppe, die hoch in Sebrovs Wohnung führte. Dann betrat ich mit dem vollen Wäschekorb das Chez Eme – eine Bucht für die Sterbenden. Die Katzen, die dort ihren Lebensabend verbrachten, würden kein Zuhause mehr finden. Sie verschliefen vier Fünftel des Tages. Ich stupste sie an, um zu sehen, ob sie noch lebten. Mo, der auf seinem Katzenbaum sass, schlug mit dem Schwanz. Als er mich sah, balancierte er kopfvoran auf den nächstunteren Teller und schmiegte sich an mich; ein Akt der Liebe und gleichzeitig eine Drohung. Keiner ausser mir konnte ihn anfassen. Ich hatte ihn vor fünf Jahren gefunden, und er wäre damals fast gestorben. Er war jung, doch er kränkelte immer wieder. Wir standen es gemeinsam durch.
Die Tür ging auf, und Mirko trat ein.
»Was ist mit der Wäsche?«, schnauzte er.
Ich nahm den Wäschekorb mit in den Küchenschlauch. Der frische Geruch des Waschmittels mischte sich beim Hinausgehen mit dem Katzendunst.
»Das stinkt ja immer noch!«, rief er mir nach. »Ist das von der Katze? Das geht gar nicht! Heute kommen doch die Leute von der Stiftung!«
Ich ging zurück zu den Buchten und öffnete das Sichtfenster in der Tür nebenan. Die Katze, eine weisse Angorakatze mit buschigem Fell, kauerte auf einem Teller, der nach unten aussackte wie eine Hängematte. Die Badezimmerteppiche rund um ihren Katzenbaum waren mit Kot verklebt. Schon wieder.
»Sie muss zum Tierarzt, Mirko«, murmelte ich.
Ich holte einen Waschlappen und füllte lauwarmes Wasser in einen Eimer. Die Katze sprang rumpelnd zu Boden und lauerte an der Tür. Vorsichtig öffnete ich und schob sie mit dem Fuss zurück. Das Wasser schwappte an den Eimerrand. Sie zuckte mit den Ohren, bereit, sich zu verteidigen. Ich stellte den Eimer ab, schloss die Tür und packte sie blitzschnell am Nacken. Ihre Krallen bohrten sich in meine Arme. Sie stank nach Jauche. Ich löste ihre Pfoten von mir und setzte mich auf den Boden, nahm sie auf den Schoss und weichte mit dem lauwarmen Wasser das verkrustete Fell an ihrem Schwanz ein. Eine braune Sauce rann über ihre samtweissen Innenschenkel. Die Kratzer auf meinen Armen fingen an zu bluten. Ich dachte an Josys Arme, die von den Handgelenken bis zu den Schultern mit Narben gestreift waren und an das Fellmuster einer getigerten Katze erinnerten. Josy war die Einzige hier, die lieber bei den Katzen arbeitete. Zu den Hunden scheuchen konntest du sie nur mit Menschen. Ich liess die Katze los. Sie strampelte, ohne ihre wiedergewonnene Freiheit zu bemerken, sprang plötzlich auf und flüchtete in ihre Höhle. Ich zog die Tür zu, holte ein Pflaster und besprühte die Kratzer mit Desinfektionsmittel. Dann stopfte ich die Badezimmerteppiche in die Maschine und suchte hinten im Lager frische aus. Ich entschied mich für einen grünen und für einen blauen. Mirko wollte, dass die Farben zusammenpassten, wegen der Besucher.
Später, am Mittag, war er mit seinem Pitbull Ben draussen auf der Wiese. Er wollte ihn zum Schutzhund ausbilden. Als ob hier irgendjemand einen Schutzhund brauchte. Ben drückte sich mit den breiten Schultern in die Riemen seines Geschirrs, beschnüffelte einen Grashalm und leckte ihn ab. Dann hob er sein Bein und liess ein paar Tropfen fallen. Er war das prominenteste Tier im Lösch. Anstelle der schleimigen Hautlappen thronten fleischige Kiefermuskeln auf seinen Wangen, so gross wie halbierte Honigmelonen.
»Ich mach Pause«, sagte ich zu Mirko.
»Am Nachmittag hilfst du mir mit den Hunden.«
»Gut.«
»Gut wäre, wenn du die Wäsche aufgehängt hättest.«
»Gut.«
Ich suchte meine Kopfhörer in der Hosentasche und fand zwischen Hundecrackern und einem leeren Nassfutterbeutel ein zusammengedrücktes Kabelnest; es glänzte vom Fett der Tierhaare. Den Schlüssel hatte ich in der anderen Hosentasche. Sebrov hatte ihn mir nach meinem ersten Lehrjahr anvertraut. Nicht jeder kam hier einfach so rein. Ich schloss das Tor hinter mir und entwirrte die Knoten des Kabels, während ich die steile Einfahrt zur Strasse hinaufstieg, wo ein Holzschild angebracht war, dessen abblätternde grüne Farbe in die Ritzen des morschen Holzes bröselte. Das Einzige, was von der Strasse aus auf die Existenz des Tierheims schliessen liess, war dieses handbemalte Schild.
»Tierheim Le Chat.«
Das Lösch.
Sebrov wäre es nicht im Traum eingefallen, das Schild zu erneuern. Seine verstorbene Frau Eme hatte es gemalt. Es war ihre Idee gewesen, das Tierheim Le Chat zu taufen; als Journalistin hatte sie ein Händchen für Worte gehabt. Le Chat bestand aus denselben Buchstaben wie Chalet. Sie hatte die Hütten Chalets nennen wollen, aber die Realität hatte sich im Uhrzeigersinn gedreht und war mit Emes Logik kollidiert. Es waren Bungalows und keine Chalets: Sie hatten kein Fundament.
Man konnte das Tierheim von der Bushaltestelle aus nur sehen, wenn man sich an den Rand des rissigen Asphalts stellte und in den Abgrund schaute, denn das Lösch lag in einer Senke am tiefsten Punkt zwischen vier Hügeln in den Voralpen. Eine geteerte Einfahrt teilte sich in zwei kiesbestreute Pfade, die die wellblechbedeckten Hütten und ihre Umzäunungen umrandeten. Die Lage schirmte das Dorf am Fusse des nordwestlichen Hügels und den Ammacherhof am nordöstlichen Hang vom Lärm der bellenden Hunde ab.
Der Bus kroch vom Dorf die lange, gerade Strasse hinauf und kam unweit des Holzschilds zum Stehen. Endstation. Eine Gruppe mit Wanderstöcken stieg aus. Der Bus wendete auf dem Hügelsattel, wo sich der Berg, ein beliebtes Ausflugsziel, vom Westhügel trennte. Es gab vier Möglichkeiten, das Lösch zu verlassen: Im Osten den Hügel hinauf am Hof der Ammachers vorbei, auf den Berg, in die entgegengesetzte Richtung über den Westhügel dem entfernten Gebirge zu, die Strasse runter ins Dorf zu den Städten, und als letzte Möglichkeit führte eine Abzweigung kurz vor dem Dorf wieder um den Berg auf dessen andere Seite, wo ein paar mir unbekannte Ortschaften lagen. Die zwei Hügel im Süden waren mit Wald bedeckt und kaum zugänglich. Während meiner freien Tage streifte ich manchmal dort umher, baute Hütten und wartete auf die Tiere. Früher hatte ich Remi dort getroffen. Er hatte mir den Wald gezeigt, die Waldhütte, wo wir quatschten und uns liebten – aber das war nun auch vorbei.
Ich blinzelte in die gleissenden Striche an der Scheibe. Die Jeans spannte über den Oberschenkeln. Daran zupfend, versuchte ich, den Stoff von meiner Haut zu lösen, und stellte fest, dass mein T-Shirt müffelte. Die Schweissperlen auf der Stirn schafften es nicht aus den Poren am Haaransatz und überhitzten meine Ohren und Wangen. Sie waren teigig, aufgedunsen und taub. Schläfrig von der Hitze, steckte ich mir die Kopfhörer in die Ohren, wo Billie Joe gerade ein Lied von einsamen Strassen sang. Ich sank nach vorne, ins Nichts, das sich auf lautlosen Pfoten angeschlichen hatte. My shadow is the only one who walks beside me, knisterte der Kopfhörer. Ein flauer Gedanke nistete sich in meinem Kopf ein und blieb warm und schwer da liegen, wie eine Katze in ihrem Korb. Remi hatte meinen Geburtstag vergessen.
Nach einem kurzen Hin und Her rief ich ihn an.
Während ein Freizeichen nach dem anderen ertönte, näherte sich der Bus der Post. Ich wollte schon auflegen, da hörte ich ein Klicken in der Leitung und seine Stimme:
»Ja?«
Der Bus bremste. Ich stolperte hinaus in die Mittagshitze.
»Ginny?«
»Remi! Du fehlst mir.«
»Ich bin bald wieder da.«
»Bald?«
»Ich komme bald.«
»Kommst du dieses Jahr früher?«
»Das geht nicht.«
»Aber du kommst an Weihnachten?«
»Ich komme immer an Weihnachten.«
»Da freue ich mich.«
»Ja.«
»Mach’s gut.«
Ich legte auf. Remi hatte meinen Geburtstag vergessen, er hatte ihn tatsächlich vergessen, schon zum zweiten Mal.
Das Brötchen, das ich im Laden kaufte, mit Fleischkäse, Mayonnaise und einer sauren Gurke, roch nach Hundefutter. Ich kaute lange darauf herum. Ich hatte keine Lust, zu schlucken.
Später nahm ich den Bus zurück ins Lösch. Die dunkelgrauen Wolken brauten sich immer dichter über der Kuppe des Berges zusammen. Ein paar vorlaute Pekinesen klebten an den Zäunen und bellten mich mit weit aufgerissenen Augen an. Junkies. Sie waren süchtig nach Narkosemitteln, hatten ihr halbes Leben betäubt auf Frisiertischen verbracht. Auf der Suche nach Mirko umrundete ich die Bungalows, die besser gesicherten Ausläufe im Inneren des Areals. Ein Wüterich wie Merlot hätte die niedrigen Zäune im Eingangsbereich mit Leichtigkeit überwunden. Auf den Zaunspitzen seines alten Auslaufs thronte Stacheldraht und hüllte den Bungalow in ein brüchiges Netz. Mirko stand davor und kratzte sich den Kopf. Es juckte ihn, wenn zu viel drin war.
»Lass uns gehen, bevor es regnet«, sagte ich.
»Wir könnten die Border mitnehmen …«, sagte er.
»Aber die vertragen sich nur mit Yoko und Eli.«
»Die Tibeter müssen mit, die mit den Tibetern bezahlt extra.«
»Hast du mir zugehört, Mirko?«
»Die Border. Ja. Nehmen wir mit.«
»Die Border vertragen sich nur mit Yoko und Eli.«
Er schlug mir auf die Schulter, da, wo ich mich am Regal gestossen hatte.
»Jetzt mach! Hol die Leinen, es fängt gleich an zu regnen!«
Ich stapfte in den Küchenschlauch, wo ich die Leinen von den Haken riss. Auf dem Weg zurück zu Mirko schleifte ich sie hinter mir her. Das machte die Knipsdinger kaputt, aber das war mir egal. Musste er eben neue kaufen, der Hundesohn. Meine Schulter pochte, da, wo er mich getroffen hatte. Mirko würde nie so mit den Hunden umgehen können wie Sebrov – der erhob nie die Hand, auch nicht zum Spass, und gerade jene Hunde, die von ihren Besitzern geschlagen worden waren, dankten ihm das mit ihrem Vertrauen. Sebrov konnte ohne Probleme mit allen zusammen auf den Berg laufen, fünfzig Hunde an seiner Seite, und hatte dabei keinen einzigen an der Leine. Seine Autorität genügte. Die Leinen weckten falsche Hoffnungen in den Hunden, die dablieben. Jeder glaubte, er könne raus. Mirko nahm für gewöhnlich nicht viele mit, fünf oder zehn, höchstens fünfzehn, die anderen sprangen wild an den Zäunen hoch, die Vorderläufe gegen die Gittermaschen gedrückt, wo ihnen der schwingende Draht in die Pfoten schnitt.
Ich schmiss Mirko die Leinen vor die Füsse. Er beachtete meine Wut nicht, sondern schloss nachdenklich Merlots alten Zwinger. Dort lebte jetzt Nelly. Sie tobte wie eine durchgedrehte Sau, wenn sie einen anderen Hund sah. Seit sie ein Kind in den Kopf gebissen hatte, lebte sie im Lösch. Sebrov arbeitete schon lange mit ihr – aber ihr war nicht zu helfen.
Ich machte mich daran, Hunde für den Spaziergang auszusuchen, und liess einen Schäferhund frei. Er war neu und entwischte mir auch gleich zwischen den Beinen hindurch. Ich befürchtete, er würde mir davonrennen, doch er blieb geduckt auf dem Kiesweg stehen, wo Mirko ihn packte. Die gebündelte Haut, wo er ihn festhielt, verzerrte die Augen des Hundes zu Schlitzen. Die Faust in die dicke Nackenhaut gekrallt, schleifte er das Tier zu Nellys Zwinger und legte ihm eine Leine um.
»Gehen wir?«, knurrte er.
»Nehmen wir nur den mit?«, fragte ich.
»Hast du die anderen nicht bereitgemacht?«
»Warum ich?«
Er drückte mir die Leine in die Hand, an der der Schäferhund zerrte, und verschwand um die Ecke.
Ich wartete lange auf ihn. Fast wäre ich allein losgezogen, da kam er mit vier Hunden zurück. Das lange schwarze Fell der beiden Border Collies schien vom nahenden Gewitter bereits aufgeladen. Mirko ging voraus. Er machte immer nur die kleine Tour auf den Westhügel, nie auf den Berg. Er hatte Angst vor dem Ammacher – und vor den Wanderern. Er meinte, es gebe Ärger, wenn die Hunde sich wie Hunde benähmen. Eine Weile folgten wir der unbeschilderten Strasse, die in die Berge führte, bis zu einer unübersichtlichen Kurve, wo der Weg auf den Westhügel abzweigte. Einmal hatten hier ein Autofahrer und eine Fussgängerin nicht miteinander gerechnet. Nur eine rote Kerze und ein verwitterter Stoffhund markierten den Ort der Kollision. Mirko schaute nicht hin. Stattdessen konzentrierte er sich auf die Hunde, die sich balgten und gegenseitig in die Ohren bissen. In Mirkos Beisein wurden sie unruhig. Die Leute durften nicht bemerken, dass er unsicher war, sonst würden sie ihre Hunde bald nicht mehr ins Lösch bringen. Dann bekämen wir keine Decken mehr gespendet, kein Futter und keine Spielsachen – und kein Geld. Die Hunde würden verhungern, die Zäune rosten und auseinanderfallen. Mirko riss an den Leinen. Sebrov hätte ihm letztes Jahr fast den Betrieb überschrieben und hatte es dann doch nicht getan. Eher mir als ihm, hatte er sogar einmal gesagt.
Die Sonne zwängte ihre Strahlen durch zwei dunkelgraue Wolken und beschien den bröckelnden Asphalt, der in einen sandigen Feldweg überging. Mirko bog vom Weg ab und betrat die Wiese, obwohl das Gras schon kniehoch stand. Ein frischer Wind kam auf. Er liess seine Hunde von der Leine, warf sich am Hang zwischen die Halme und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Die Hunde rannten zu Mirko und hüllten ihn in eine Kugel aus Pelz.
»Mirko, das Gras ist zu hoch«, sagte ich.
»Wen kümmert’s?«
»Den Ammacher kümmert’s. Und mich. Die Hunde sind nachher voller Zecken.«
»Du hast recht.«
»Komm! Steh auf.«
»Denk nachher daran, den Hunden die Zecken zu ziehen.«
