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Weihnachten in London – festlich, romantisch … und mörderisch. Im traditionsreichen Londoner Kaufhaus Bradleys endet die große Weihnachtsfeier mit einem Skandal. Doch damit nicht genug: Am nächsten Morgen wird Tom Carter, der charmante Kaufhaus-Weihnachtsmann, tot in der festlich geschmückten Spielwarenabteilung aufgefunden – in einer Szenerie, die eher an ein Märchen als an ein Verbrechen erinnert. Bei den Ermittlungen gerät Hunter gemeinsam mit seinem Partner David Cloverfield mitten in ein Geflecht aus Affären, verletzten Eitelkeiten, alten Schulden und einem Geheimnis, das besser nie ans Licht gekommen wäre. Jeder im Kaufhaus scheint etwas zu verbergen – und mindestens einer war bereit, dafür zu töten. Zwischen Lichterglanz, britischem Humor und einer Prise Romantik entfaltet sich ein weihnachtlicher Cosycrime voller Charme, Spannung und überraschender Wendungen – perfekt für alle, die gern miträtseln und sich in stimmungsvolle Winterkrimis entführen lassen wollen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Hunter B. Holmes - Mord unter dem Weihnachtsbaum
von
Wolf September
Impressum
Wolf September
c/o WirFinden.Es
Naß und Hellie GbR
Kirchgasse 19
65817 Eppstein
www.wolfseptember.de
Instagram: wolf_september_info
Facebook: autorwolfseptember
Lektorat & Korrektorat
Matti Laaksonen - www.mattilaaksonen.de
Coverdesign: Lilly Schwarz
Bildrechte: © [email protected] /© marinobocelli.gmail.com / © Shlapak - de.depositphotos.com
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Nachdruck, Vervielfältigung oder anderweitige Veröffentlichung sind nicht gestattet und bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung des Autoren (Ausnahme: kurze Zitate für Rezensionen). Sämtliche Handlungen und Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten, wie die Namen der Protagonisten, mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Orte, Markennamen, Künstler und Lieder werden in einem fiktiven Zusammenhang verwendet. Örtliche Begebenheiten wurden teilweise oder ganz für den Storyverlauf angepasst. Alle Markennamen und Warenzeichen, die in diesem Roman verwendet werden, sind Eigentum der jeweiligen Inhaber.
Vielen lieben Dank an meine Testleser
Björn, Sandra, Susan, Antonia, Tina, Stefan und Lisa
die mich mit Tipps, Hinweisen und
sehr umfangreichem Feedback unterstützt haben.
Schön, dass es Euch gibt
Ein besonderer Dank geht an Nony:Der Straßennamen von Stevens neuem Zuhause ist ganz ihr Einfall – und ich hätte mir keinen besserenausdenken können.
Kapitel 1 – Weihnachtsshopping
Der Weihnachtsbaum des Kaufhauses Bradleys war für Hunter, wie auch in den Jahren zuvor, der schönste, den er kannte. Weder so luxuriös wie der von Harrods noch so modern wie der bei Selfridges, sondern einfach wunderbar nostalgisch. Wann immer er in der Nähe von Bradleys war, blieb er vor dem Baum stehen und betrachtete ihn. Obwohl er jedes Jahr anders geschmückt wurde, schafften es die Dekorateure, einen für ihn alljährlich vertrauten Anblick zu erzeugen, der ihn auf magische Weise in seine Kindheit zurückversetzte.
So auch heute. Neben ihm stand Steven, der seinen Blick fast schon ehrfürchtig über den Baum wandern ließ. Er hatte die Augen zusammengekniffen, als versuchte er, jedes Detail einzufangen, was schon aufgrund der Größe des Schmuckstücks ein Ding der Unmöglichkeit war.
„Dieser Baum ist ein Traum“, murmelte Steven und deutete auf ein filigran geschnitztes Schaukelpferd, das sich drehte und im Schein der Lichterkette nahezu lebendig wirkte. „Meinst du, sie verkaufen die Ornamente, die hier hängen? Ich brauche unbedingt ein paar davon … und die Kugeln dort oben – sie sehen aus, als wären sie direkt aus einem alten Weihnachtsfilm gestohlen worden.“ Er machte einen Schritt vor. „Außerdem brauchen wir noch Lichterketten, Lametta, vielleicht sogar diese glitzernden Sterne …“
Hunter grinste und lehnte sich gegen eine Säule, die mit Tannenzweigen und goldenen Bändern dekoriert war. „Du bist ja schlimmer als ich“, sagte er amüsiert mit einem freudigen Kribbeln in der Brust. Die Begeisterung, die Steven ausstrahlte, war ansteckend.
Er beobachtete ihn vor dem Weihnachtsbaum. Seine Augen funkelten fast so hell wie die Lichterketten, die sich durch die Äste zogen. Und er erinnerte sich noch gut an den Moment, als er ihn zum ersten Mal gesehen hatte – damals, während der Ermittlungen zu einem Mordfall an der Universität, an der Steven arbeitete. Steven war als Sekretär mitten im Chaos aufgetaucht mit einem fürsorglichen Blick in seinen braunen Augen, der Hunter sofort fasziniert hatte. Auch damals hatten sie so gefunkelt. Als er ihn nach der Aufklärung des Falls um ein Date gebeten hatte, hätte er nicht zu hoffen gewagt, dass sie es bis hierher schaffen würden.
Und jetzt war ein halbes Jahr vergangen und sie waren gemeinsam hier – vor einem Baum, der größer und schöner war, als Hunter es sich je hätte vorstellen können. Ihr erstes gemeinsames Weihnachten.
Vor seinem inneren Auge sah er, wie Steven in der kleinen Villa genau diese Ornamente sorgsam an einen Baum hängte – einen zimmerhohen Baum, direkt neben dem Kamin.
Die Villa hatte er überraschend von der Schwester seiner Mutter geerbt – einer Tante, mit der er nie Kontakt gehabt hatte, weil sich die Schwestern vor Jahrzehnten zerstritten hatten. Steven hatte das Haus eigentlich verkaufen wollen. Bis er es zum ersten Mal betreten hatte. Liebe auf den ersten Blick ... bei ihm, wie bei Hunter.
Die alte viktorianische Villa mit ihrem roten Ziegeldach, der weiß-gelben Fassade und einer alten, knorrigen Kastanie, deren Äste über das Schlafzimmerfenster ragten, war für Hunter ein Ort, der ebenso viel Zauber ausstrahlte wie dieser Weihnachtsbaum. Das Haus war zwar schon in die Jahre gekommen, doch gerade das verlieh ihm einen gewissen Charme.
In den letzten Wochen hatten Steven, sein bester Freund Mark und dessen Mann Ben mit Farbeimern, Werkzeug und jeder Menge Herzblut aus dem alten Gemäuer ein Zuhause geschaffen. Jetzt fehlte nur noch ein Hauch weihnachtlicher Magie. Und Bradleys, dachte Hunter, war genau der richtige Ort, um sie zu finden.
„Schlimmer als du?“ Steven drehte sich mit gespielter Entrüstung zu ihm um, die Augenbrauen leicht hochgezogen. „Du und Dekorationen? Du hast doch zwei linke Hände, sobald es darum geht, etwas hübsch zu arrangieren.“
Hunter lachte leise, legte den Arm um Stevens Schultern und drückte ihm einen zärtlichen Kuss auf die Wange. „Schuldig im Sinne der Anklage. Aber nur weil ich keine Ahnung habe, was zusammenpasst, heißt das nicht, dass ich den Zauber von Weihnachten nicht zu schätzen weiß, ganz im Gegenteil.“ Sein Blick wanderte zurück zu dem majestätischen Baum, dessen Ornamente im warmen Licht der Lichterketten funkelten. „Außerdem habe ich mit Godric den Meister im Dekorieren bei mir.“
Steven schüttelte den Kopf und grinste. „Ja, ich weiß. Einen Butler müsste man haben.“ Seine Stimme triefte vor ironischem Bedauern und ein amüsiertes Glitzern tanzte in seinen Augen.
„Ich könnte ihn ja mal fragen“, erwiderte Hunter mit einem unschuldigen Schulterzucken. „Er wäre bestimmt höchst erfreut, dir bei der Deko zu helfen.“
„Oh, nein! Das wirst du schön bleiben lassen.“ Steven hob einen Finger und wies damit in gespieltem Ernst in Hunters Richtung. „Mein Haus, meine Deko, meine Aufgabe. Godric darf am Weihnachtsabend kochen – das muss reichen.“
Gerührt betrachtete Hunter ihn. „Danke, dass er mit uns feiern darf. Auch wenn er es nie zugeben würde, hätte es ihn getroffen, an Weihnachten allein zu sein.“
Steven legte den Kopf schief und lächelte. „Also bitte. Godric gehört doch längst zur Familie. Außerdem kommen Mark und Ben auch und da hattest du ja auch nichts gegen.“
„Weil ich die beiden mag“, erwiderte Hunter. „Sie sind echte Freunde. Und bei der Renovierung haben sie dich wie die besten Handwerker der Stadt unterstützt.“ Er nickte in Richtung Rolltreppe, die von funkelnden Girlanden gesäumt war. „Wollen wir mal rauf? In der vierten Etage wartet die Weihnachtsabteilung.“
„Genau deshalb sind wir hier, nicht wahr?“, entgegnete Steven und ergriff Hunters Hand. Gemeinsam schlenderten sie zur Treppe, während die Klänge von Bing Crosbys White Christmas durch die Kaufhausgänge schwebten.
Schon von der Rolltreppe aus strahlte ihnen der Eingang des Christmas Wonderland entgegen – ein funkelnder, breiter Torbogen aus Lichtern und Tannengrün, der die vorbeigehenden Besucher wie magisch anzog.
Die vierte Etage von Bradleys war kaum mehr wiederzuerkennen: Wo sonst Regale voller Spielzeug standen, erstreckte sich nun eine glitzernde Winterlandschaft. Ein auf den Boden gemalter Steinweg führte durch einen verschneiten Weihnachtswald zu Santas Werkstatt, in der Kinder mit leuchtenden Augen dem Kaufhausweihnachtsmann ihre Wünsche zuflüsterten.
Eine kleine Eislaufbahn lag in der Mitte des Geschehens, umgeben von Ständen mit Christbaumschmuck, zuckersüßen Leckereien und festlicher Außendekoration. Ein wahres Paradies für Weihnachtsfans.
Hunter und Steven traten durch das Tor, begleitet von den sanften Klängen von Silent Night, das aus gut versteckten Lautsprechern ertönte. Hunter war wie in eine andere Welt versetzt – eine Welt, in der Magie und Weihnachtszauber mit jedem Atemzug spürbar wurden. Das Kaminzimmer von Rosemoor Hall blitzte in seinem Kopf auf. Ein üppiger Weihnachtsbaum und seine Familie davor, er und sein Bruder packten Geschenke aus und seine Mutter las aus einem Buch mit Wintermärchen vor.
„O mein Gott. Sieh dir das an!“, flüsterte Steven und holte ihn zurück ins Hier und Jetzt. Seine Stimme war zwar gedämpft, doch er hörte überdeutlich die Aufregung heraus, seine Augen glänzten begeistert.
Noch bevor Hunter etwas sagen konnte, schnappte sich Steven einen der bereitstehenden Einkaufskörbe und steuerte zielstrebig auf das erste Regal zu, in dem kunstvoll bemalte Weihnachtskugeln und zierliche Engel in unterschiedlichen Farben aufgereiht waren. Er nahm eine Kugel in die Hand, drehte sie prüfend im Licht und sein Lächeln wurde noch breiter, bevor ein halbes Dutzend davon in seinen Korb wanderten.
Hunter blieb stehen und ließ die Szenerie auf sich wirken. Der Duft von gerösteten Mandeln, Zuckerwatte und frisch gebackenem Pfefferkuchen umhüllte ihn wie eine warme Decke. Die Atmosphäre war so einnehmend, dass er fast vergaß, wo er sich befand. Es hätte genauso gut der Weihnachtsmarkt in seiner Heimat Meadowfield Hills sein können.
Als er sich umsah, blieb er an einer Traube Menschen hängen. Hinter einem langen Tresen stand ein Mann, der aus glänzenden Strängen in den buntesten Farben Bonbons formte. Immer wieder knetete er die Masse und zwirbelte sie umeinander. Gerade die Kinder schauten ihm staunend und mit offenstehenden Mündern zu.
Die nächste Stunde verbrachten sie damit, durch die Weihnachtswelt zu bummeln. Steven war in seinem Element, inspizierte Ornamente, verglich Lichterketten und sammelte Inspirationen für die Dekoration ihres Hauses. In Hunters Brust breitete sich dabei ein warmes Gefühl aus. Es war nicht nur der Weihnachtszauber um sie herum, es war vor allem Steven, der mit jedem Lächeln und jedem freudigen Ausruf diesen Zauber verstärkte und in Hunter die Vorfreude auf den gemeinsamen Weihnachtsabend wachsen ließ. Ihr erstes gemeinsames Weihnachtsfest.
Während er die festliche Atmosphäre genoss, blieb sein Blick an dem überdimensionierten Ledersessel hängen, auf dem der Weihnachtsmann saß und mit den Kindern sprach. Ein Kind nach dem anderen wurde von zwei in Elfenkostümen steckenden Männern auf seinen Schoß gehoben, und jedes Mal erzählten ihm die Kleinen mit großen Augen von ihren Wünschen. Der Weihnachtsmann lauschte geduldig, lächelte und nickte den Kleinen verstehend zu, sein weißer Rauschebart wackelte dabei und funkelte im Schein der Lichterketten.
Ein kleiner rothaariger Junge war an der Reihe, seine Sommersprossen leuchteten wie winzige Sterne auf seiner Nase. „Na, du“, begann der Weihnachtsmann mit seiner warmen, tiefen Stimme. „Warst du dieses Jahr auch brav?“
Der Junge nickte erst heftig, hielt dann inne und warf dem Weihnachtsmann einen unsicheren Blick zu. „Meistens“, fiepste er schließlich, seine Hände nervös ineinander verschlungen.
Hunter bemerkte, wie der Mann unter seinem üppigen Bart ein Lächeln zu unterdrücken versuchte. „Meistens, so, so. Also hast du etwas angestellt?“ Seine Stimme war spielerisch streng, mit einem Hauch von Belustigung.
Der Junge schaute über seine Schulter zu seiner Mutter, die ein paar Yards von den beiden entfernt stand und sich gedankenverloren Christbaumkugeln ansah. Schließlich senkte er den Kopf und gestand leise: „Ich habe Glitzer in Ms Plummers Putzwasser gekippt.“
Das Grinsen unter dem Bart wurde breiter und der Weihnachtsmann, der Hunter bemerkt hatte, warf ihm einen verschwörerischen Blick zu. Hunter erwiderte ihn mit einem Schmunzeln.
„Und wer ist Ms Plummer?“, fragte der Weihnachtsmann.
„Unsere Vermieterin“, kam es kleinlaut zurück.
„Warum hast du das getan?“
Der Junge sah zu Boden, dann richtete er sich mit neuer Entschlossenheit auf. „Ich wollte, dass unser Treppenhaus glitzert. Es ist doch Weihnachten, und Mum hat gesagt, je mehr es überall glitzert, desto eher bekommt man Geschenke.“
Für einen Moment schien der Mann hinter seinem Bart mit sich zu ringen, bevor er sich räusperte. „Nun … ich denke, das können wir ausnahmsweise durchgehen lassen.“ Seine Stimme war voller Güte und er klopfte dem Jungen sanft auf die Schulter.
Hunter sah sich um, Steven war verschwunden. Er suchte die Regalreihen ab, bis er ihn schließlich vor einer beleuchteten Vitrine entdeckte. Er stand reglos da, die Hände leicht auf das Glas gelegt, und schien völlig in etwas versunken.
Als er näher zu ihm trat, erkannte er, was Stevens Aufmerksamkeit gefesselt hatte: eine große, kunstvoll gestaltete Schneekugel. In ihrem Inneren saß ein Santa Claus auf einem ledernen Ohrensessel, genau wie der hier im Kaufhaus. Neben ihm funkelte ein festlich geschmückter Baum, während ihm ein Geschenkesack, aus dem ein plüschiger Teddybär hervorlugte, Gesellschaft leistete. Auf seinem Knie saß ein Kind, die kleine Hand ehrfürchtig ausgestreckt. Der Sockel der Kugel war ein detailreich gestalteter Kamin, an dem winzige Socken hingen. Um den Kamin herum drängten sich ein Schaukelpferd, weitere Teddys, Geschenke und Bücher, jedes Detail sorgsam arrangiert.
„Ist sie nicht bezaubernd?“, flüsterte Steven, ohne den Blick von der Kugel abzuwenden. Sein Atem hinterließ einen feinen Nebelschleier auf dem Glas.
Hunter stellte sich neben ihn. „So was gefällt dir?“, fragte er, den Kopf geneigt. Die Schneekugel war niedlich, das musste er zugeben, doch die Begeisterung, die sie bei Steven auslöste, war für ihn faszinierender als die Kugel selbst.
„Irgendwie erinnert sie mich an meine Kindheit“, sagte Steven leise, seine Augen ruhten weiter auf der Szenerie in der Kugel. Es war, als wollte er jedes Detail einfangen, jede Nuance für immer bewahren. „Diese Szene ist wie die Essenz von allem, was Weihnachten für mich ausmacht – der Kamin, das Schaukelpferd, der Ohrensessel vorm Baum.“ Seine Stimme wurde weicher und ein Hauch von träumerischer Nostalgie schwang darin mit.
Hunter dachte nach. Ein Weihnachtsgeschenk für Steven fehlte ihm noch und diese Kugel schien perfekt. Doch kaum hatte er die Idee gefasst, kam ein Verkäufer, öffnete die Vitrine und holte die Schneekugel vorsichtig heraus.
„Was machen Sie da?“, fragte Steven überrascht, seine Stirn kräuselte sich.
„Was meinen Sie? Die Kugel wurde gerade verkauft“, erklärte der Verkäufer und deutete auf einen älteren Mann, der an der Kasse stand und mit einem zufriedenen Lächeln das Preisschild betrachtete.
„Haben Sie noch mehr davon?“, fragte Steven, seine Stimme klang hoffnungsvoll.
Der Verkäufer schüttelte bedauernd den Kopf. „Leider nicht. Das war die letzte. Es ist eine Sonderedition, die jedes Jahr speziell für unser Kaufhaus hergestellt wird.“ Er lächelte entschuldigend, bevor er mit der Kugel zu seinem Kunden zurückging.
Steven blickte ihm nach, dann ließ er den Kopf ein wenig sinken. „Schade“, murmelte er, bevor er sich zu Hunter umdrehte, dann winkte er ab. „Wer weiß, wofür es gut war. Und der Preis war wahrscheinlich sowieso astronomisch.“ Er streckte die Hand aus. „Komm, genug geshoppt, lass uns nach Hause gehen. Ich koche uns etwas Schönes.“ Mit einem Blick auf den überquellenden Einkaufskorb fügte er hinzu: „Und dann überlegen wir, wo wir das alles unterbringen.“
Doch während sie zur Kasse gingen, bemerkte Hunter, wie Steven noch zweimal über die Schulter zurückblickte, seine Augen noch immer sehnsuchtsvoll auf die nun leere Vitrine gerichtet.
Kapitel 2 – Winterwunderland
Hunter öffnete verschlafen die Augen. Er streckte sich genüsslich mit einem zufriedenen Grunzen und ließ seine Hand über die leere Seite der Matratze gleiten. Der Stoff fühlte sich kühl an, Steven war wohl schon vor einer Weile aufgestanden.
Von unten drang leises Klappern zu ihm, begleitet von dem zarten Duft von frisch gebrühtem Kaffee, der sich wie eine köstliche Einladung in der Luft ausbreitete.
Ein Lächeln schob sich auf seine Lippen, als er sich auf die Ellbogen stützte und zum Fenster schaute. Es hatte aufgehört zu schneien. Der Himmel schimmerte in einem weichen Blau, das durch die kahlen Äste der alten Kastanie drang, während die Sonne das Zimmer in sanftes Morgenlicht tauchte und die Eiskristalle an der Fensterscheibe funkeln ließ.
Hunter atmete tief durch. Der Anblick der Äste vor dem Fenster sorgte dafür, dass er sich wie in seinem alten Baumhaus, das er als Kind gebaut hatte, vorkam. Seine Vergangenheit und die Gegenwart verbanden sich hier in diesem Haus und gewährten einen verheißungsvollen Blick in die Zukunft.
Noch nie hatte er sich irgendwo so sehr zuhause gefühlt wie hier in dieser Villa – zusammen mit Steven. Für einen Moment ließ er dieses Gefühl des vollkommenen Glücks in sich nachklingen, bevor er aus dem Bett sprang. Er grinste in sich hinein, warf einen Blick in den Spiegel und fuhr sich mit der Hand durch die verstrubbelten Haare. War das wirklich er gewesen, der früher ohne Kaffee nicht ansprechbar gewesen war und vor zehn Uhr niemanden hatte sehen wollen? Seit Steven an seiner Seite war, hatte sich auch das verändert. Der Morgen war nicht mehr nur der unvermeidliche Anfang eines Tages, sondern der Beginn eines weiteren Abenteuers. Ein neuer Tag gemeinsam mit Steven. Diese Gedanken begleiteten ihn noch beim Anziehen und als er die Treppe hinunterging.
In der Küche fand er vor, was er erwartet hatte: Steven, der vor dem Herd stand und mit geübten Bewegungen eine Pfanne darauf stellte. Der Frühstückstisch selbst war ein kleines Kunstwerk. Festliches Weihnachtsgeschirr, Tassen mit Rentiermotiven und ein weihnachtliches Arrangement aus Tannenzweigen, Kugeln und Kerzen schufen eine heimelige Atmosphäre. Auf einer Platte lagen ein paar Donuts mit dickem Zuckerguss, deren süßer Duft sich mit dem des Kaffees in der Luft vermischte. Im Radio verkündete der Sprecher gerade, dass in den nächsten Tagen weitere Schneefälle über London erwartet wurden, was für eine Stadt, in der es so gut wie nie schneite, einem kleinen Wunder gleichkam.
„Drei Gedecke?“, fragte Hunter, sein Blick auf die liebevoll eingedeckte Tafel gerichtet.
„Guten Morgen, Schlafmütze“, meinte Steven und schlug das erste Ei in eine Schüssel. „Godric kommt gleich. Ich habe ihn eingeladen, nachdem wir in den letzten Tagen so oft hier bei mir waren.“
Hunter ging zu ihm und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Das ist wirklich lieb von dir.“
„Ach Quatsch“, wehrte Steven ab, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. „Er tut mir einfach ein bisschen leid, wenn er da so allein in deinem Loft sitzt.“
Hunter lachte leise. „So wie ich ihn kenne, liest er von früh bis spät seinen Inspector Flatterly.“
„Eine äußerst sinnvolle Beschäftigung, wie ich finde“, konterte Steven mit einem vergnügten Grinsen, während er das nächste Ei in die Schüssel schlug und nach dem Schneebesen griff. „Könntest du die Zeitung holen? Das habe ich vorhin vergessen.“ Sein Blick glitt kurz zur Wanduhr, bevor er sich wieder den Eiern widmete. „Wann musst du los?“
„Ich habe noch eine Stunde“, erwiderte Hunter und machte sich auf den Weg zur Haustür.
Draußen herrschten kühle Temperaturen, weswegen er noch einmal zurückging und sich das Sakko überstreifte. Dann tauschte er die Hausschuhe gegen die Sneaker, bevor er erneut hinaustrat.
Vor dem Haus erstreckte sich ein wahres Winterwunderland. Die Straße wirkte wie aus einem amerikanischen Weihnachtsfilm, gesäumt von einladenden Häusern mit gepflegten Vorgärten, in denen sich kein einziges ohne festliche Dekoration fand. Makelloser Schnee bedeckte alles und glitzerte im Licht des klaren Morgenhimmels. Er schluckte die Geräusche des Tages und verlieh der Welt damit eine märchenhafte Ruhe. Selbst Rudolph, die kleine Figur am Vorgartenzaun, war komplett eingeschneit, abgesehen von seiner leuchtend roten Nase, die trotzig durch das Weiß schimmerte.
Hunter stapfte mit im Schnee knirschenden Schritten den Weg entlang zum Zaun, um die Zeitung aus der Rolle unter dem Briefkasten zu fischen. Als er sich wieder aufrichtete, fiel sein Blick auf eine ältere Frau, die vor dem Nachbarhaus stand. Sie lehnte sich auf ihren Schneeschieber, ihre Haltung war von einer Mischung aus Skepsis und Überlegung geprägt, während sie zu ihm herüberschaute.
„Guten Morgen!“, rief Hunter freundlich und hob leicht die Hand.
Sie musterte ihn mit scharfen Augen, die hinter ihrer randlosen Brille blitzten. „Sie sind nicht Mr Flechter“, stellte sie mit Nachdruck fest, den Schneeschieber wie ein Zepter vor sich gestützt.
Hunter lächelte und ging ein paar Schritte auf sie zu. „Nein, das bin ich nicht“, erwiderte er mit einer Spur Amüsement in der Stimme. „Ich bin sein Lebensgefährte.“ Er reichte ihr die Hand, die sie kritisch betrachtete, bevor sie sie schließlich ergriff. „Hunter Holmes. Und Sie wohnen hier?“ Er deutete auf das Haus hinter ihr.
„Lebensgefährte. Aha“, wiederholte sie, kostete das Wort regelrecht aus. Ein kleines Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, als hätte sie gerade eine überraschende Neuigkeit erfahren. „Das ist ja mal was ganz Neues hier in der Straße.“ Ihr Blick wanderte von seiner Hand über sein Sakko und blieb an seinen Schuhen hängen. „Sind Sie Versicherungsvertreter oder so was in der Art?“
Hunter zog die Augenbrauen hoch und folgte ihrem Blick. „Sehe ich so aus?“
„Allerdings! Aber lassen Sie mich gleich eines klarstellen: Bei mir beißen Sie sich die Zähne aus. Ich habe alles abgesichert, was geht, und ich werde in meinem Alter bestimmt keine Lebensversicherung mehr abschließen.“
Hunter unterdrückte ein Lachen. „So alt sind Sie doch noch gar nicht“, entgegnete er mit einem Schmunzeln. „Aber keine Sorge, ich möchte Ihnen nichts verkaufen.“
„Dann haben wir uns ja verstanden.“ Zum ersten Mal verzog sich ihre misstrauische Miene zu einem echten Lächeln. „Margaret Whitmore. Sagen Sie Mr Fletcher, dass ich Cookies gebacken habe und ihm später welche vorbeibringe.“ Es klang mehr wie ein Befehl als eine Bitte.
„Das richte ich ihm aus“, versprach Hunter, während ein kalter Wind ihm die Haare ins Gesicht wehte. „Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag, Ms Whitmore.“
„Den wünsche ich Ihnen auch, Mr Holmes“, erwiderte sie, bevor sie sich umdrehte und mit ruhigen Bewegungen den Schnee vom Gehsteig schippte.
Hunter sprang mit großen Schritten ins Haus zurück. Er schlüpfte aus seinen Schuhen, die Schneereste auf die Fußmatte rieseln ließen, und rieb sich die Hände, um sie wieder aufzuwärmen.
„Wo warst du so lange?“, rief ihm Steven von der Küche aus zu.
„Ich habe gerade deine Nachbarin kennengelernt“, antwortete Hunter mit einem breiten Grinsen. „Sie scheint ein bisschen … speziell … zu sein, aber irgendwie nett.“
Steven lachte leise, ohne vom Herd aufzusehen. „Ach, Ms Whitmore.“ Er grinste hörbar. „Das Erste, was sie mich gefragt hat, als sie mich das erste Mal in die Finger bekommen hat, war, ob ich vorhabe, hier wilde Partys zu feiern. Als ich das verneint habe, hat sie mich wohl in ihr Herz geschlossen.“
„Bei mir hatte sie Sorge, dass ich ein Versicherungsvertreter bin und ihr eine Lebensversicherung andrehen möchte.“ Hunter zog eine theatralische Grimasse und schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. „Oh, bevor ich es vergesse: Du bekommst später Cookies, soll ich dir von ihr ausrichten.“
„Weihnachten ist gerettet.“ Steven schüttelte amüsiert den Kopf, während er den Speck aus dem Kühlschrank holte. „Und jetzt setz dich, Godric müsste gleich kommen und du musst zur Arbeit.“
„Du sollst dich beim Chef melden“, begrüßte David Hunter, als er ins Büro kam. „Gerade habe ich aufgelegt.“
„Guten Morgen erst mal, Partner.“ Hunter schob seine Tasche in die Nische zwischen Schreibtisch und Wand. „Was will er denn so früh am Morgen?“ Er drückte die Schnellwahltaste von DCI Banks.
„Hat er nicht gesagt“, antwortete David in einem flötenden Tonfall, der so gar nicht zu seiner akkuraten Erscheinung passen wollte: das makellos gebügelte Hemd, die perfekt sitzende Frisur, die ihn immer ein wenig wie aus einem Werbespot für ein Elitecollege entsprungen wirken ließ. „Holmes soll mich anrufen, es ist wichtig“, äffte er ihren Vorgesetzten mit tiefer Stimme nach.
Hunter grinste, da wurde auf der anderen Leitung bereits abgehoben. „Hey Cody, hier ist Hunter. Was gibt es?“
„Wir haben einen Mordfall in einem Kaufhaus in Westminster, der ein bisschen diffizil ist.“
Hunter schob sich in eine aufrechtere Position. „Was genau meinst du mit diffizil, Cody?“
„George Baines, der Besitzer, ist ein guter Freund von mir und ich habe ihm versprochen, dass es nicht an die große Glocke gehängt wird. Es ist Vorweihnachtszeit und ein Toter in der Spielwarenabteilung ist nicht gerade förderlich fürs Geschäft … du verstehst?“
„Um welches Kaufhaus handelt es sich?“, fragte Hunter, konnte sich die Antwort allerdings schon denken.
„Bradleys. Der Angestellte, der den Weihnachtsmann spielt, wurde heute Morgen tot aufgefunden. Sie haben die Spielwarenabteilung geschlossen und es weiß nur eine Handvoll Mitarbeiter Bescheid.“
„Ich kenne das Kaufhaus. Aber du weißt genauso gut wie ich, dass ein Mord an einem solchen Ort schnell die Runde machen wird.“
Cody schnaubte. „Ja, das weiß ich. Und je länger die Ermittlungen dauern, desto schlimmer wird es. Deswegen habe ich George versprochen, meinen besten Mann zu schicken. Und das bist nun einmal du. Ich verlasse mich auf dich. Die Spurensicherung ist auch schon auf dem Weg.“
„Alles klar. Wir fahren hin.“ Hunter legte auf und fuhr sich hastig mit den Händen über das Gesicht, bevor er aufstand. „Wir haben einen neuen Fall. Eine Leiche in der Spielwarenabteilung von Bradleys. Der Kaufhausweihnachtsmann.“
„Bradleys? Wolltest du gestern nicht mit Steven dorthin?“ David stand auf und musterte Hunters Frisur. „Sag mal, hast du Glitter im Haar?“ Mit spitzen Fingern zupfte er etwas Glänzendes von Hunters Kopf.
„Danke. Steven hat gestern im Haus die Weihnachtsbombe explodieren lassen. Schicke Krawatte, übrigens.“ Er deutete grinsend auf Davids Binder, auf der kleine lachende Rentiere gedruckt waren. „Wenn du mich fragst, ich würde sie abnehmen … auch wenn das mutmaßliche Opfer ein Weihnachtsmann ist.“
David hob mit der Hand das Ende der Krawatte an, um sie zu betrachten. „Vielleicht hast du recht. Ein Geschenk von Roberta.“
„Worüber ich die ganze Zeit nachdenke …“, raunte Hunter, als sie aus der Tiefgarage fuhren, mit einem angedeuteten Griff an den Hals, wie um einen nicht vorhandenen Binder zurechtzurücken. „Dass Roberta auf so was Kitschiges steht.“
„Kitschig? Die Krawatte ist doch nicht kitschig“, erwiderte David mit einer Spur Entrüstung in der Stimme. „Ich finde sie sehr geschmackvoll.“
„Hey bleib ruhig, Partner.“ Hunter hob schmunzelnd einen Finger. „Ich habe nicht gesagt, dass kitschig negativ ist. Ich für meinen Teil liebe es kitschig. Du müsstest mal die Weihnachtsdeko sehen, die ich gestern zusammen mit Steven gekauft habe.“
David rutschte tiefer in seinen Sitz und fuhr sich mit der Hand durch sein dunkelblondes Haar. „Ich kann es förmlich vor meinem geistigen Auge sehen.“ Er schüttelte leise lachend den Kopf. „Mit Weihnachten konnte ich noch nie so viel anfangen. Roberta zum Glück auch nicht.“ Er schaute zu Hunter. „Ich freue mich auf unseren Urlaub in Dubai. Während hier alle in übervollen Geschäften herumhetzen und in dieser Eislandschaft bibbern, liegen wir entspannt am Pool und schlürfen Cocktails.“
„Dubai?“ Hunter verdrehte die Augen. „Bitte bringe mir keine Schokolade mit. Weihnachten am Pool … Ich weiß ja nicht.“ Kopfschüttelnd deutete er auf den Weihnachtsbaum am Trafalgar Square, den sie in diesem Moment passierten. „Das ist Weihnachten. Du feierst in einem wunderschön geschmückten Zuhause mit deinen Liebsten, Freunden oder der Familie. Im Kamin brennt ein Feuer, die Lichter am Baum leuchten, im Radio läuft Last Christmas und alles ist gut.“
„Last Christmas“, wiederholte David abfällig. „Weißt du, Hunter, irgendwie bist du ein ganz schönes Weichei geworden, seit du mit Steven zusammen bist.“ David grinste ihn herausfordernd an.
„Denkst du das?“, fragte Hunter und schmunzelte in sich hinein. Zum einen, weil er daran denken musste, wie schüchtern David noch vor ein paar Monaten gewesen war und wie er sich angestellt hatte, Roberta um ein Date zu bitten. Zum anderen, weil ihm gerade einfiel, dass Roberta Weihnachten über alles liebte, wie sie ihm bei mehr als nur einer Gelegenheit gestanden hatte. Und wenn sie jetzt mit David gerade zu dieser Zeit ins Warme flog, tat sie es nur aus Liebe zu ihm, dessen war er sich sicher.
„Weihnachten“, brummte David. „Weihnachten hat ausgedient, wenn jetzt noch nicht einmal mehr die Weihnachtsmänner sicher sind.“
„Also Steven hat Freunde, die schwören bei allem, was ihnen heilig ist, dass sie vom echten Weihnachtsmann verkuppelt wurden“, entgegnete Hunter und versuchte dabei, einen seriösen Gesichtsausdruck aufzusetzen. Er hörte die Geschichte, die Mark und Ben über ihr Kennenlernen erzählten, immer wieder gern, auch wenn er ihnen kein Wort davon abnahm.
David blickte ihn skeptisch an. „Das glaubst du doch hoffentlich nicht.“
„Natürlich nicht. Aber wäre es nicht eine romantische Vorstellung?“
„Ja, ja, wir sind da“, beendete David ihr Gespräch und deutete auf die Einfahrt zum Parkhaus von Bradleys.
Kapitel 3 – Süßer Tod
Das grelle Licht des Parkhauses blendete Hunter. Auf einem der Parkplätze in der Nähe des Lifts entdeckte er Lee, der an seinem Wagen lehnte und auf seinem Mobiltelefon herumtippte, sein Forensikkoffer stand neben ihm. Sein pechschwarzes Haar war leicht zerzaust, als wäre er gerade erst aus dem Bett gekrochen.
„Guten Morgen, Dolittle“, rief ihm Hunter zu.
Lee sah auf, kniff die Augen zusammen und ließ seinen Blick über die Wagenreihe wandern, von der aus David und Hunter auf ihn zugingen.
„Sherlock? Bist du das?“, fragte er.
„Warst du schon oben?“ Hunter betrachtete seine Frisur. Er war kurz versucht, einen Kommentar darüber abzugeben, entschied sich jedoch dagegen.
Lee verzog den Mund. „Was denkst du denn? Natürlich nicht. Der Gerichtsmediziner bekommt ja, wie immer, als letzter Bescheid. Der Gerichtsmediziner ist ja auch nicht weiter wichtig. Die Leiche ist ja schon tot.“
Hunter rieb sich am Kinn. „Sag mal, könnte es sein, dass du heute Morgen ein klein wenig übellaunig bist, mein lieber Dolittle? Schlecht geschlafen oder zu kurz?“
„Nenn mich noch einmal so und du erlebst, wie es ist, wenn ich schlechte Laune habe, Sherlock.“ Er schob sein Handy in die Hosentasche und drehte sich zum Lift. „Zumindest gibt es dieses Mal einen Fahrstuhl.“
Der vierte Stock, in dem die komplette Weihnachtsabteilung untergebracht war, war abgesperrt. Die Rolltreppe stand still, die Glasfronten waren mit bedruckten Platten verhängt worden, sodass man vom unteren Stockwerk aus keinen Blick mehr hineinwerfen konnte.
Von der festlichen Magie des Vortags war nicht mehr viel übrig. Wo gestern noch Kinderlachen, weihnachtliche Klänge und der Duft von gebrannten Mandeln durch die Luft wehten, herrschte jetzt grelles Scheinwerferlicht. Die Kugeln blitzten unnatürlich in der Beleuchtung der Spurensicherung, die Rentiere wirkten eher grotesk als niedlich, und die Engel mit ihren Goldkronen erinnerten Hunter heute an Clowns aus einem verstörenden Zirkus.
„Sieh dir das an!“ Stevens Stimme hallte in seinem Kopf nach. Begeistert. Staunend. Mit Glitzerschmuck in der Hand hatte er vor ihm gestanden. Wie lange war das her? Wirklich nur einen Tag? Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Und es zeigte, wie schnell sich Dinge ändern konnten, vor allem aber, wie fragil diese Art von Glück war.
„Guten Morgen, Buttercup“, hörte Hunter David neben sich.
Am Eingang zum Christmas Wonderland wartete Roberta, die Arme locker vor der Brust verschränkt. Ihr dunkles Haar fiel glatt über die Schultern, die dunkle Brille saß perfekt auf der Nase und ihre braunen Augen wirkten wach und konzentriert. Neben ihr trippelte ein älterer Mann in einem maßgeschneiderten Designeranzug von einem Fuß auf den anderen. Er war kaum größer als ein Weihnachtswichtel, untersetzt, mit streng zurückgekämmtem Haar und einer Miene, als wollte er gleich jemanden verklagen. Ein Wachmann in Uniform stand mit gesenktem Kopf daneben.
„Guten Morgen, ihr beiden“, grüßte sie. „Das hier ist der Inhaber des Kaufhauses, George Baines“, stellte sie den Mann vor. „Mr Baines, die leitenden Ermittler, DI Hunter B. Holmes und sein Partner David Cloverfield.“ Dann deutete sie zum Wachmann. „Und das hier ist Patrick Green, er hat den Toten gefunden.“
„Mr Baines, Mr Green.“ Hunter reichte den beiden Männern nacheinander die Hand. „Was genau ist passiert?“
„Eine Katastrophe. Unser Wachmann, Patrick …“, Mr Baines klopfte seinem Nebenmann auf die Schulter, „hat heute Morgen Tom Carter, unseren Weihnachtsmann, tot auf seinem Sessel vorgefunden“, plapperte Baines, ohne Luft zu holen, dann stockte er und wischte sich über die Stirn. „Also, zumindest müsste es Tom sein, bei dem, was man erkennen kann.“
„Was man erkennen kann?“, hakte David nach.
„Ich habe ihn nur von Weitem gesehen“, erwiderte Baines und zeichnete Kreise um seinen Kopf. „Er hat irgendetwas auf dem Kopf.“
„Er ist es“, fügte Patrick mit leiser Stimme hinzu. „Und wenn ich mich nicht täusche, dann hat er … ein riesiges Bonbon über dem Kopf.“
„Ein Bonbon?“ Hunter lehnte sich vor, um zwischen den beiden hindurch einen Blick auf den Toten werfen zu können, doch Lee stand genau so, dass er die Leiche verdeckte. Er wandte sich wieder Baines und Green zu, der ihm zunickte. „Alles klar, wir melden uns später bei Ihnen. Bitte halten Sie sich bereit.“
„Ja, sicher. Ich bin in meinem Büro und werde Ihnen schon einmal Toms Daten heraussuchen“, erwiderte Baines. „Ich gehe davon aus, dass Sie die brauchen. Patrick bleibt hier bei Ihnen.“ Er blickte Hunter mit einer Mischung aus Sorge und Misstrauen an. Die Lichter der Scheinwerfer spiegelten sich in seinem akkurat gegelten Haar und ließen es immer wieder aufblitzen, wenn er den Kopf bewegte, als hätte er Glitzer darin – ein absurder Kontrast zu seinem gehetzten Gesichtsausdruck. „Sie glauben doch nicht allen Ernstes, dass ich das Haus verlasse. Es ist, wie ich schon sagte, eine Katastrophe.“ Baines deutete fahrig in Richtung des Toten. „Wie lange werden Sie brauchen? Also … wann können wir wieder öffnen?“ Dann sah er wieder zu Hunter, ein tiefes Seufzen drang aus seiner Kehle. „Ich habe die Schließung der Abteilung mit einem Wasserschaden erklärt.“
Hunter warf einen schnellen Blick zu David und Roberta.
„Wir sollten bis spätestens morgen mit der Spurensicherung fertig sein“, antwortete sie.
„Okay, okay, ich verstehe. Wissen Sie, es ist Weihnachten. Wir können es uns nicht leisten, dass ausgerechnet die Spielwarenabteilung geschlossen bleibt.“ Er schob eine Hand in seine Hosentasche und senkte nachdenklich den Kopf. „Ich bin dann in meinem Büro und lasse Sie hier Ihre Arbeit machen. Es ist in der fünften Etage.“ Mit der anderen Hand deutete er nach oben, dann wandte er sich um, ging zwei Schritte und drehte sich erneut zu ihnen um. „Ach, bevor ich es vergesse. Ich habe auch in der Abteilung mit der Herrenbekleidung einen größeren Teil absperren lassen.“
Hunter schob die Augenbrauen zusammen. „In der Herrenabteilung? Warum das?“
Baines kam wieder auf ihn zu, seine dunklen Augen funkelten skeptisch unter den buschigen Brauen hervor. „Was glauben Sie, wie viele Mütter mit ihren Kindern in einer Spielwarenabteilung einkaufen werden, wenn herauskommt, dass dort jemand umgebracht wurde? In der Herrenabteilung ist so etwas viel weniger furchtbar. Dort könnte es sogar …“ Er winkte ab. „Also … Männer lieben so was … also, falls etwas durchsickert … Abenteuer, Gefahr … Sie wissen, was ich meine.“ Er musterte Hunter und David und schien nach einer weiteren Erklärung zu suchen. Dann verzog er sichtlich überfordert das Gesicht. „Nichts für ungut. Bis später.“
„Das glaube ich jetzt nicht“, raunte David, als der Manager gegangen war. „Möchte er diesen Mord tatsächlich für Marketingzwecke ausschlachten? Surviving Bradleys?“
Hunter schüttelte den Kopf, während Baines’ letzte Worte noch in seinem Kopf nachhallten. „Sagen wir, er versucht, Schadensbegrenzung zu betreiben.“ Er deutete zu Lee. „Aber sehen wir uns erst einmal an, was der Tote über dem Kopf hat – dieses ... Bonbon.“
Auf dem Weg zum Fundort der Leiche zog Hunter seine Handschuhe über. Er ging denselben Weg durch den Winterwald, den er schon am Vortag mit Steven gegangen war, nur heute interessierten ihn weder die Kugeln noch die Sterne.
Wie von Baines beschrieben, saß der Tote auf dem schweren Ledersessel. Er trug das Weihnachtsmannkostüm inklusive der Stiefel, nur auf dem Kopf hatte er keine Mütze. Vielmehr war der Kopf in ein halbdurchsichtiges, rotes Etwas gehüllt, das auf Höhe des Gesichts kaputt geschlagen war. Hunter erinnerte der Anblick an ein in Bernstein eingeschlossenes Insekt, nur dass das hier kein Bernstein war, sondern eher an ein aus der Form geratenes Herz erinnerte, das nun rötlich im Licht der Scheinwerfer schimmerte.
„Ist das nicht eine süße Leiche?“, kommentierte Lee trocken die Szenerie.
„Was ist das?“ Hunter ging näher an den Toten und klopfte zaghaft mit dem Knöchel gegen das Gebilde, das er über dem Kopf hatte. Es klang hohl, fast wie Glas.
Lee neigte sich vor. „Ich würde sagen, sein Kopf ist in ein Bonbon gehüllt.“ Er deutete auf die Bonbonmanufaktur, die sich nicht weit von ihnen befand, dann schaute er Hunter an und zog die Augenbrauen in die Höhe, als sei das die selbstverständlichste Erklärung der Welt.
„Wirklich, Bonbonmasse?“, fragte Hunter, beugte sich zur Leiche und betrachtete das bizarre Objekt auf dem Kopf des Toten genauer.
Lee zuckte mit den Schultern. „Was sonst? Aber wenn du jetzt erwartest, dass ich daran lecke, um es zu beweisen, vergiss es, Sherlock.“ Er richtete sich auf und klappte seinen Koffer zu. Die Schlösser klickten leise. „Ich lasse Santa jetzt abtransportieren. Meinen Bericht erhältst du dann in ein paar Tagen.“ Er zögerte, sah noch einmal auf den reglos dasitzenden Mann im roten Kostüm, dann huschte ein Grinsen über sein Gesicht. Mit dem Ellbogen stieß er Hunter an. „Wusstest du, dass einer der Sanitäter, die ihn gleich holen, Rudi heißt?“
Hunter sah ihn fragend an, erwiderte jedoch nichts.
„Rudi?“, wiederholte Lee drängend. „Rudolph? Das Rentier?“
Hunter hob eine Braue und sah ihn weiter schweigend an.
„Humor ist hier wohl kein gern gesehener Gast, was, Sherlock? Vergiss es.“
„Wir haben einen Toten, Dolittle“, raunte er schließlich. „Schlechter Zeitpunkt für Scherze.“
„Wer macht denn so was?“, fragte David, der noch immer fassungslos auf den toten Weihnachtsmann starrte. „Und aus welchem Grund trägt er sein Kostüm noch?“
„Fragst du mich das? Vielleicht hatte er einen Fetisch“, antwortete Lee trocken und lachte kurz auf. „Zumindest habt ihr dieses Mal einen interessanten Fall, wirklich sehr kreativer Mord. Vielleicht gibt es ja einen Grinch in diesem Kaufhaus. Euer Job, es herauszufinden.“ Er nahm seinen Koffer und deutete in Richtung Ausgang. „Ich will euch in euren geistigen Ergüssen nicht stören und warte da vorne.“ Schon war er zwischen den Tannenbäumen verschwunden.
Kapitel 4 – Eine schöne Bescherung
Hunter schaute zum Eingang, wo Patrick Green, der Wachmann, noch immer stand. Seine Arme hatte er verschränkt, doch er trommelte mit den Fingern unruhig auf der Ellenbeuge. Immer wieder warf er kurze, unsichere Blicke in ihre Richtung.
„Bleibst du hier?“, fragte Hunter über die Schulter David. „Ich werde mal sehen, was uns der Wachmann zu erzählen hat.“
„Ja, geh nur.“ David nickte knapp, seinen Blick weiterhin auf die Leiche gerichtet.
Green straffte sich, als Hunter näher kam, seine Hände wanderten nervös zu seinem Gürtel.
„Mr Green, können wir uns kurz unterhalten?“ Hunter versuchte, ruhig zu klingen, um dem Mann seine sichtliche Nervosität zu nehmen, und deutete auf eine Stelle in der Spielwarenabteilung, in der es weniger hektisch zuging als am Tatort.
„Natürlich, Sir.“ Er setzte sich in Bewegung und folgte Hunter in den ruhigeren Bereich der Abteilung.
„Sie haben den Toten also gefunden?“ Greens Gesicht war eingefallen, die Augen gerötet, als hätte er die Nacht durchgearbeitet – ein harter Bruch zu dem insgesamt penibel gepflegten Erscheinungsbild. „Können Sie mir erzählen, was genau passiert ist?“
Green nickte heftig. „Ich bin heute Morgen zu meiner Schicht gekommen.“
„Wann beginnt Ihre Schicht?“, hakte Hunter nach.
„Um sieben, Sir. Es war alles ganz normal. Ich gehe immer von oben nach unten, um zu sehen, ob alles okay ist … also von der obersten Etage bis zum Erdgeschoss. Als ich in die Weihnachtsabteilung kam …“ Er stockte und schluckte, dann deutete er hinüber zur Leiche. „Da habe ich ihn sitzen sehen … also Tom. Er saß da … mit diesem Ding auf dem Kopf und …“ Seine Stimme brach und er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Und war tot.“
„Haben Sie angenommen, dass er tot war, oder woher wussten Sie es?“ Hunter hielt ihn fest im Blick.
„Ich bin zu ihm hin, hab ihn angesprochen. Keine Reaktion. Dann hab ich ihn an der Schulter gerüttelt – kräftig. Nichts. Also hab ich nach dem Puls gefühlt.“ Green atmete tief durch. „Kein Puls. Und er war … kalt. Eiskalt.“
„Sie haben die Leiche also berührt?“
