Hüterin der Schriften - Christian Dolle - E-Book

Hüterin der Schriften E-Book

Christian, Dölle

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Beschreibung

Nita und Meera leben in Gandhara, der Hauptstadt des Landes Mithila. Als eines Tages eine bisher unbekannte Bedrohung über Mithila und seine Bewohner hereinbricht, muss Meera als Wächterin Gandharas in den Kampf ziehen. Nita wird als Hüterin der Schriften beauftragt, die Kultur und Geschichte, die Aufzeichnungen aller Menschen, die jemals lebten, in Sicherheit zu bringen. Kann es ihr gelingen? In allen Welten ist Kreativität das, was uns ausmacht

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Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für Ari

In welcher Welt auch immer du sein magst.

„Durch alle äußeren Welten musst du wandern, bis du zuletzt im Heiligsten der Seele angelangst.“

(Rabindranath Tagore)

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Epilog

Nitas Traum

Nachwort

Prolog

In Mithila lebte einst ein Bauer. Tag für Tag bestellte er seine Felder, von deren Ernte er seine Familie ernährte. Es ging ihm gut, er hatte alles, was er zum Leben brauchte und sein Besitz war so groß, dass er einen ganzen Tag lang reiten musste, um die Grenze zu erreichen. Alleine schaffte er es nicht, alle Felder zu bestellen und so halfen ihm seine drei Söhne bei der Feldarbeit, während seine Tochter und seine Frau das Haus in Ordnung hielten.

So ging das schon viele Jahre, der Bauer war stets glücklich gewesen und hatte sich nie beklagt. Natürlich gab es auch Unwetter oder Dürrezeiten, die die Ernte eines gesamten Jahres vernichten konnten, doch der Boden war so ertragreich, dass er sich immer einen Vorrat anlegen konnte und nie hungern musste.

Doch obwohl es ihm so gut ging, seine Frau ihn liebte und seine Kinder höchst anständig waren, gab es etwas, was den Bauern oft nachdenklich machte. Immer öfter ritt er hinaus zu den entlegensten Feldern seines Besitzes, die dort von einer sehr großen, hohen Mauer begrenzt waren. Diese Mauer hatte der Hohe Rat einst um einen großen, finsteren Wald mitten in seinem Reich ziehen lassen. Dort lauerten Gefahren, denen niemand gewachsen war, hieß es, der Hohe Rat hatte sie einst errichten lassen, um die Menschen Mithilas zu schützen. Doch die Mauer war alt, war schon errichtet worden, als der Vater des Bauern noch ein Kind gewesen war oder noch früher, und seitdem hatte wohl niemand mehr nachgesehen, was sich denn hinter der Mauer verbarg oder was dort verborgen werden sollte.

Oft fragte sich der Bauer, wie es wohl hinter dieser Mauer aussehen mochte, aber sie war zu hoch, selbst wenn man mit einer Leiter darauf klettern wollte. Auch wusste der Bauer nicht, gegen was genau sie ihn eigentlich schützen sollte, schließlich war sie vor vielen, vielen Jahren errichtet worden, wer sollte denn heute noch wissen, ob man die Mauer überhaupt noch brauchte. Im Herbst nach der Ernte ritt der Bauer oft hierher und hoffte, er würde Antworten auf seine Fragen erhalten, aber die konnte ihm natürlich niemand geben. Er hatte sich gefragt, was wohl passieren würde, wenn man die Mauer einreißen könnte, doch das ging leider nicht, denn etwas, das im Namen des Hohen Rates errichtet worden war, durfte ein Bauer nicht zerstören.

Doch die Frage, was sich hinter der Mauer verbarg, ließ ihm keine Ruhe, und so erzählte er eines Tages auch seiner Frau von seinen Fragen. Auch sie wusste nicht, was hinter der Mauer war, sagte ihm aber, er solle seine Gedanken schnell wieder vergessen, denn sie hätten schließlich alles, was sie zum Leben brauchten, und wenn der Hohe Rat die Mauer hatte bauen lassen, würde es auch einen Grund dafür geben. Daraufhin schwieg der Bauer und erwähnte seine Gedanken seiner Frau gegenüber nicht mehr.

Einige Wochen später, der Winter war längst hereingebrochen und Schnee, der wie vom Himmel gefallene Wolken aussah, bedeckte die Felder, ritt der Bauer mit seinen drei Söhnen aus, um Feuerholz zu schlagen. Dabei kamen sie auch zu der Mauer, und als der Vater sie gedankenverloren ansah, stellte sich plötzlich der jüngste seiner Söhne zu ihm und sprach: „Vater, wir haben vor einigen Tagen dein Gespräch mit der Mutter mit angehört.“

Zuerst wurde der Bauer wütend, weil seine Söhne die Eltern belauscht hatten, doch dann hörte er, was seine Söhne zu sagen hatten.

„Auch wir würden gerne wissen, was hinter der Mauer ist“, sprach der älteste, „Wem würde es schon auffallen, wenn wir ein Loch in die Mauer schlagen und nachsehen, was sich dahinter verbirgt?“

Der Bauer dachte lange darüber nach, doch schließlich gaben die Söhne zu bedenken, dass niemand vom Hohen Rat oder überhaupt jemand aus der Hauptstadt Gandhara sich hier so lange sie lebten hatte blicken lassen und dass man das Loch auch wieder schließen könnte, wenn sich dahinter nur der tiefe Wald verbarg. So willigte der Bauer ein, ließ sich aber das Versprechen geben, der Mutter nichts von ihrem Vorhaben zu sagen.

Nur wenige Tage später war das Feuerholz verbraucht und der Bauer gab vor, mit seinen Söhnen neues zu schlagen. Sie packten sich also Hacken und Spaten ein und ritten damit zur Steinmauer, die sich noch immer in den Himmel erhob. Zuerst wies der Vater die Söhne an, etwas Holz zu hacken, damit die Mutter nicht misstrauisch wurde, dann besahen sie sich die schweren Steine der Mauer und suchten eine Stelle, die aussah, als könne man hier einen Durchbruch wagen.

Zuerst versuchten sie sich unter der Mauer hindurchzugraben, mussten aber feststellen, dass sie bis in die Erde reichte und ihre Spaten überall nur auf Steine stießen. So machten sie sich mit den Spitzhacken daran, ein Loch zu schlagen, brachen über Stunden Stein für Stein heraus und als die Sonne schon unter und der Mond aufging, gab das alte Bauwerk endlich nach und fiel in sich zusammen. Leider war es schon zu dunkel, um zu sehen, was sich auf der anderen Seite befand, aber der erste Schritt war getan. Sie ritten also zurück, erzählten der Mutter, Holz sei dieses Jahr schwer zu finden und deshalb würden sie sich am nächsten Morgen erneut auf die Suche machen.

Am Morgen darauf weckten die Söhne den Vater schon sehr früh, denn sie konnten es kaum erwarten, zum ersten Mal in ihrem Leben in den verbotenen Bereich zu blicken. Der Bauer selbst hatte schlecht geschlafen, sein Gewissen hatte ihn in der Nacht geplagt, weil er seine Frau belogen hatte, doch jetzt war die Neugierde stärker als alle Zweifel und so brachen sie zügig auf.

Die Sonne stand noch nicht hoch am Himmel, als sie zu der Stelle kamen, an der sie die Mauer durchbrochen hatten. Hastig schritt der Bauer durch das Loch, seine Söhne dicht hinter ihm, zuerst guckten sie sich noch vorsichtig um, doch es dauerte nicht lange, bis sie erkannt hatten, dass hier keine Gefahr lauerte. Vor ihnen lag keine Schneelandschaft wie außerhalb der Mauer, sondern eine große Wiese, die sich weit erstreckte und auf der alle Arten von Pflanzen blühten, die man sich denken konnte. Weiter hinten sahen sie den großen Wald mit mächtigen Bäumen, die wunderbares Feuerholz geben würden und darum herum plätscherte ein kleiner Bach mit Wasser so klar und rein wie der Himmel.

Während sich die Söhne sofort die Schuhe auszogen, um im Wasser zu baden, besah sich der Bauer die Pflanzen, die überall wuchsen. Voller Bewunderung stand er vor einem riesigen Apfelbaum, dessen Äpfel größer waren als alle, die er bisher gesehen hatte. Wenn er damit in die Stadt fuhr, würde er sie verkaufen können, er wäre der Einzige, der mitten im Winter Äpfel erntete, so dass er damit auf dem Markt so viel Geld verdienen könnte und nie wieder ernten müsste. Und dann würde er sich ein größeres Haus bauen können, eines aus Marmor, das schöner war als die Holzhäuser der anderen Bauern.

Während der Bauer vor sich hin träumte und seine Söhne diese herrliche unerforschte Welt genossen, wurde es viel schneller dunkel, als sie erwartet hatten und somit Zeit, zurückzureiten. Auf dem Heimweg überlegte der Bauer, wie er seiner Frau die Neuigkeit am besten überbringen sollte, doch dann beschloss er, damit noch ein paar Tage zu warten und ihr erst einmal einige der Äpfel mitzubringen, die sie einfach lieben würde.

In den nächsten Tagen und Wochen, ritt der Bauer oft mit seinen Söhnen und manchmal auch allein in den Wald hinter der Mauer, und immer brachte er seiner Frau die herrlichsten Früchte mit, so dass diese ihn allmählich fragte, woher er mitten im Winter Äpfel bekam, doch er traute sich noch immer nicht, ihr die Wahrheit zu sagen. Er war sich sicher, das Paradies entdeckt zu haben und vermutete, der Hohe Rat hatte die Mauer einst nur bauen lassen, um den Mitgliedern als einzigen im Winter frische Äpfel zu bescheren. Solche Gedanken würde seine Frau niemals zulassen, denn wie alle Menschen in Mithila hielt sie den Rat für gerecht und nahezu unfehlbar. So sagte er immer noch nichts, ließ sich des Nachts von seinem Gewissen plagen und sagte sich, es würde der Tag noch kommen, an dem er ihr von seiner Entdeckung berichten konnte.

Eines Tages, der Schnee auf seinen Feldern war hoch und im Haus war es bitterkalt, ritt der Bauer wieder hinaus und wollte Feuerholz holen, denn das Holz der Bäume des Waldes brannte viel besser als das der schneebedeckten auf seinen Feldern. Und als er gerade seine Axt in den Stamm einer mächtigen Eiche schlug, vernahm er plötzlich ein Geräusch, das aus der Tiefe der Erde zu kommen schien. Er hielt in seiner Arbeit inne und lauschte.

Der Boden fing auf einmal an zu beben, es knirschte und krachte, das Geräusch schwoll zu einem wahren Getöse an und auf einer Lichtung wuchsen überall kleine Triebe aus der Erde, die rasch größer wurden. Sie wanden sich, verformten sich und der Bauer traute seinen Augen nicht, da er noch keine Pflanzenart je so schnell hatte wachsen sehen. Immer weiter wucherte ein dichtes Geäst und nahm nun seltsame Formen an.

Die Zweige wuchsen nicht wie Bäume oder Sträucher nach oben, sondern schlangen sich fest ineinander und nahmen immer mehr die Umrisse von Tieren an. Bald waren sie so groß und kräftig wie Büffel mit einem Geweih aus spitzen Zweigen, wurden so dicht, dass sie von einer Rinde wie einer Haut überzogen waren, scharfe Zähne wie die eines Tigers bildeten sich heraus und scharfe Krallen eines Geiers.

Plötzlich rissen die Kreaturen sich von ihren Wurzeln los und galoppierten wie Pferde los, so dass der Bauer sich gerade noch hinter einem dicken Baumstamm verstecken konnte. Er hörte ihr Schnauben und sah ihre wilden, blutunterlaufenen Augen, konnte allerdings kaum begreifen, was er beobachtete.

Schnell rasten sie durch den Wald, trampelten alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte, und bleckten immer wieder das furchteinflößende Gebiss. Die Herde dieser Untiere stürmte aus dem Wald heraus auf die Wiese, und der Bauer traute sich nicht einmal zu atmen. Draußen auf der Wiese fielen zwei der Monster sofort über das Pferd des Bauern her und zerfleischten es innerhalb weniger Minuten, so dass nur noch einige blutverschmierte Knochen davon übrig blieben.

Der Bauer verstand jetzt, wieso der Hohe Rat einst die dicke, unüberwindbare Steinmauer hatte bauen lassen, doch da war es auch schon zu spät. Die Tiere oder was immer sie waren hatten den Durchbruch entdeckt und stürzten wild hindurch und ins offene Land. Dem Bauern blieb fast das Herz stehen, doch er konnte nichts gegen diese Bestien tun, außer zu hoffen, dass sie sein Haus, seine Frau, seine Tochter und seine Söhne nicht entdeckten, sondern weiter nach Mithila eindrangen und irgendwann von den Armeen zur Strecke gebracht wurden.

Erst viel später traute der Bauer sich aus seinem Versteck und machte sich auf den Heimweg. Überall war der Schnee von den Klauen der Bestien niedergetrampelt worden, und von den Herden auf den Feldern hatten sie nichts außer Blut und Knochen übriggelassen.

In Panik rannte der Bauer zu seinem Hof, rief dabei immer wieder die Namen seiner Frau und seiner Kinder und wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Doch es half nichts, er erhielt keine Antwort auf sein Rufen, und als er sein Haus schließlich erreichte, überkam ihn eine schreckliche Vorahnung.

Als erstes fand er seine Söhne, sie mussten hinter dem Haus Holz gehackt haben, doch jetzt waren nur noch ihre abgenagten Skelette übrig, eine riesige Blutlache hatte den Schnee rot gefärbt und ein Schmerz bohrte sich mitten ins Herz des Bauern. Tränenüberströmt und in der Gewissheit, dass er die Jungen durch sein Handeln auf dem Gewissen hatte, hetzte er ins Haus und rief nach seiner Frau und seiner Tochter.

Dort entdeckte er als erstes Ranken, die in der Zwischenzeit über den Boden, die Wände und sogar die Decke gewachsen sein mussten, kurz darauf die leblosen Körper seiner Frau und seiner Tochter, die einen ebenso schrecklichen Anblick boten wie seine Söhne. Diese Monster hatten keinen von ihnen verschont, würden nun weiter durchs Land ziehen und alles töten, was sich ihnen in den Weg stellte.

Während er noch zitternd und fassungslos auf das Massaker blickte, regten sich allmählich die Ranken an der Wand, krochen auf ihn zu, griffen nach ihm. Sie umschlangen seine Füße, wanden sich die Beine hinauf und von den Wänden her nach seinen Armen. Der Bauer hatte keine Kraft mehr, um sich dagegen zu wehren, hätte sowieso keine Chance gehabt und so starb er wenig später mit einem erstickten Schrei aus Schuld und Trauer.

Kapitel 1

Die Sonne stand hoch am Himmel und warf ihre goldenen Strahlen auf Nita und Meera herab. Seit einer Stunde hatten sie das große Badebecken im Innenhof des Tempels ganz für sich allein und genossen die Zweisamkeit. Immer wieder schwammen sie ihre Bahnen, um sich dann am Rand auf den von der Sonne erwärmten großen Steinen niederzulassen und einander nahe zu sein.

Es war seit langem der erste gemeinsame freie Tag, an dem sie Zeit dazu hatten, denn es waren hektische Zeiten geworden. Umso wichtiger war die Zeit des Innehaltens, das wusste auch der hohe Rat und gab immer wieder die Empfehlung aus, wenigstens alle sieben Tage zu ruhen und wieder zu Kräften zu kommen. Die brauchten sie auch, vor allem Meera, die als Wächterin für das Leben vieler in Gandhara verantwortlich war.

Nita sah ihr jetzt zu, wie sie mit einigen kräftigen Stößen durch das Becken tauchte, ließ ihren Blick dann in die Wipfel der Bäume schweifen und damit auch ihre Gedanken. So bekam sie viel zu spät mit, wie ihre Freundin vor ihr auftauchte und sie mit einem Schwall klaren Wassers erneut nassspritzte.

Mochte Meera als Wächterin auch gut trainiert sein, zeigte Nita nun, dass sie ebenfalls schnell sein konnte, glitt umgehend von den Steinen hoch und mit einer fast fließenden Bewegung schnell ins Becken, wo sie ihrer Freundin hinterher schwamm. Es folgte eine ausgelassene Wasserschlacht, bei der keine der beiden nachgeben wollte, zumindest nicht bis sie sich schließlich lachend in den Armen lagen und die Schlacht in einen innigen Kuss überging.

Trotz der Bedrohung, die Mithila fest im Griff hatte und unweigerlich auch immer näher auf die Stadt Gandhara zukam, war Nita glücklich, dachte sie, glücklich mit Meera und allem, was sie hatte. Letztlich war sie auch zuversichtlich, dass die Menschen mit dem Geflecht da draußen irgendwann fertig werden würden. Die Ranken mochten gefährlich sein, tödlich gefährlich, doch Nita war sich sicher, dass der Hohe Rat und alle Einwohner Mithilas einen Weg finden würden, um ihnen in ihrer Zerstörungswut und ihrem Blutdurst Einhalt zu gebieten.

„Nie wieder will ich ohne dich sein“, flüsterte sie Meera ins Ohr, die sie daraufhin eng an sich zog und ihre nasse Haut überall mit warmen Küssen überzog. Ein wohliges Kribbeln breitete sich in Nita aus, sie schloss die Augen, lächelte selig und hoffte, dieser Moment würde nie vorübergehen.

„Und wenn wir einmal getrennt sein sollten“, hörte sie nun ihre Freundin flüstern, „wird es immer ein unsichtbares Band geben, das uns wieder zueinander führt, selbst wenn es bis in andere Welten reichen muss.“

Damit zog sie Nita wieder auf die warmen Steine, sie legten sich eng umschlungen nebeneinander und küssten einander jeden einzelnen der wie Edelsteine glitzernden Wassertropfen von der in der Sonne wie Kakao schimmernden Haut. Die wohlige Wärme, die Nita empfand, kam nicht nur von der Sonne und breitete sich ganz tief in ihr aus. So fühlt sich Glück an, dachte sie, blickte in die Wolken und war überrascht, wie hoch ein Herz schweben kann.

Bevor sie Meera kannte, hatte sie auch solche Gefühle nicht gekannt. Viel zu sehr waren ihre Gedanken auf dem Boden der Tatsachen geblieben, viel zu ernst war ihr das Leben erschienen, viel zu stark hatte der Alltag sie im Griff. Sie sehe Hindernisse, wo keine sind, sagte Meera ihr oft, mache sich Sorgen, bevor überhaupt Probleme entstehen.

Im Grunde stimmte es. Es gab in Mithila keine Kriege, jeder Mensch konnte frei leben und satt werden und bevor das Geflecht aufgetaucht war, gab es kaum etwas, das diese Idylle störte. Dennoch konnte Nita ihre Vorsicht nie ganz abschütteln, eine Stimme in ihrem Kopf flüsterte ihr immer wieder ein, wie zerbrechlich das Leben war, wie schnell sich alles von einem auf den anderen Tag ändern konnte.

Dafür gab es keine Anzeichen, beharrte Meera immer, wenn sie es zur Sprache brachte, sie solle sich die Sorgen erst dann machen, wenn es an der Zeit dafür war. Jetzt jedenfalls war die Zeit der Zweisamkeit und zum Glück hatte sie inzwischen gelernt, auch die zu genießen und vollkommen auszukosten.

Sie fühlte sich Meera nah wie nie zuvor einem Menschen, genoss den Duft ihres langen Haars, ihre weiche Haut und vor allem ihre Berührungen überall auf ihrem Körper. Es gelang ihr, den Strom ihrer Gedanken zum Schweigen zu bringen und einfach nur diesen einen Augenblick zu fühlen, vollkommen eins zu sein mit dem Tempel, dem Bad, dem Wasser, der Sonne und mit Meera.

„Siehst du den Pfau?“, fragte Meera nach einer Weile und deutete in den Himmel. Nita sah nur Wolken. Wie so oft sah Nita erst einmal nur Wolken. Dann jedoch veränderte sich ihr Blick und sie konnte den Pfau erkennen, wie er majestätisch sein Rad schlug.

„Und er sitzt auf dem Rücken eines Elefanten“, antwortete sie, was Meera zum Lächeln brachte. Dieses unverkennbare strahlende und wissende Lächeln, das sie von Anfang an an ihr fasziniert hatte.

„Er zielt mit seinem Rüssel genau auf die Sonne“, sagte sie schließlich, „wahrscheinlich will der Pfau uns Schatten spenden und wenn es nicht ausreicht, wird der kleine Elefant es zum Regnenbringen, bevor wir noch einen Sonnenstich bekommen.“ Sie beide mussten kichern und schon wieder lagen sie sich voller Glückseligkeit in den Armen.

Dann plötzlich wurde ihre Zweisamkeit jedoch gestört, weil ein Tempeldiener hereintrat, sich wortreich entschuldigte, aber beteuerte, es sei dringend. Meera werde als Wächterin gebraucht, das bedeutet nichts Gutes, schoss es Nita zunächst durch den Kopf. Doch der Tempeldiener hatte keine Nachricht für Meera, sondern für sie.

Alle Hüterinnen wurden aufgefordert, sich umgehend in die Bibliothek zu begeben. Mehr konnte er ihr nicht sagen, er sollte nur zur Eile drängen. Nita sah Meera fragend an, dann erhob sie sich, zog sich an, gab der Freundin noch einen schnellen Kuss und kam ihren Pflichten nach.

Schnellen Schrittes eilte sie durch die Straßen der Stadt. Um sie herum herrschte das normale Treiben, Menschen handelten auf dem Markt, gingen ihrem Tagwerk nach oder taten, worauf sie eben Lust hatten. Alles war völlig normal, doch in Nitas Kopf flüsterte die sorgenvolle Stimme, dass das ja nicht sein konnte. Sonst wären sie nicht gerufen worden.

Sie eilte durch den Sand in den engen Gassen, vorbei an den mit üppigen Reliefs verzierten hohen Steinwänden, durch blütenbewachsene Tore und über die die kleinen Kanäle überspannenden Brücken bis ins Zentrum der Stadt. Die Bibliothek lag in der Mitte Gandharas, ein hoch aufragendes Gebäude, höher und prunkvoller als die Tempel jeglicher Gottheiten und größer als der Parlamentspalast des Hohen Rates.

In der Bibliothek gab es Abschriften eines jeden Buches, das je in Mithila geschrieben wurde, hier wurde jede Erfindung, jede Idee, jede Fantasie gesmmelt, die je ein Mensch hatte oder noch haben würde. Man war der festen Überzeugung, dass es die Gedanken, das kreative Schaffen war, was die Menschen ausmachte und ihnen auf eine Weise Unsterblichkeit verlieh.

Seit Nita als Kind die Bibliothek erstmals mit ihren Eltern besucht hatte, war sie davon fasziniert, geradezu gefesselt, später wollte sie dann unbedingt eine der Hüterinnen der Schriften werden. Für sie war es, als könne sie dadurch die gesamte Menschheit beschützen, zumindest ihr Vermächtnis und damit das Wesen der Welt.

Bis heute war es für sie immer wieder ein erhabener Moment, das große Portal zu durchschreiten, den Duft der Bücher und Schriftrollen einzuatmen, der hier seit Jahrhunderten in der Luft lag. Noch erhabener war nur der Anblick der deckenhohen mit unzähligen Büchern gefüllten Regale, die in endlos scheinenden Reihen in den großen holzverkleideten Hallen standen und so viel mehr Wissen beinhalteten als alle Menschen in Mithila je erlernen könnten.

Unweigerlich ließ sie ihren Blick in alle Richtungen und auch nach oben schweifen, als sie diese Hallen jetzt durchschritt, fast als begrüße sie die Bücher wie alte Freunde. Dabei hatten ihre Eltern sie anfangs noch belächelt, als sie ihnen verkündet hatte, sie wolle Hüterin werden, sie sagten, das sei nur etwas für die Kinder der gebildeten ehrwürdigen Familien Gandharas. Doch Nita hatte sich nie davon abbringen lassen, es war ihr Traum und sie hatte immer gefühlt, auch ihre Bestimmung.

Noch erinnerte sie sich gut daran, wie aufgeregt sie war als sie sich dem Hohen Rat vorgestellt hatte, denn über die Berufung der Hüter entschieden die Mitglieder des Hohen Rates seit Jahrhunderten höchstpersönlich. Von ihnen hatte niemand über sie gelacht, niemand hatte ihr das Gefühl gegeben, dieser Aufgabe nicht würdig zu sein. Sie hatten sie lediglich gefragt, warum sie diesen Weg gehen wollte, was sie über die Schriften und die Arbeit der Hüter wusste. Nita hatte alle Fragen wahrheitsgemäß und sehr ernsthaft beantwortet, bevor ihr schließlich mitgeteilt wurde, dass man sie mit Freuden zur Hüterin ausbilden wollte, denn sie bringe alles mit, was es dafür brauche.

Als sie jetzt wieder daran dachte, bekam sie eine Gänsehaut. Die Ausbildung war nicht leicht gewesen, sie hatte viel lernen müssen, über die Schriften, über ihre Aufbewahrung in der Bibliothek und auch, wie sie für die Ewigkeit zu schützen waren. Für die Ewigkeit. Dieser Gedanke an eine ferne Zukunft, in der es immer noch Menschen gab, die sich von den Schriften inspirieren ließen, das war es, was in ihr eine Flamme entzündete und sie spüren ließ, wie wichtig war, was sie tat.

Unter das Gefühl, das sie immer verspürte, wenn sie hier war, mischte sich nun jedoch auch die bange Frage, weshalb man sie zusammengerufen hatte. Außer ihr waren nämlich noch viele andere Hüter und Hüterinnen hier und niemand schien auch nur eine Ahnung zu haben, aus welchem Grund.

Sie alle versammelten sich nun um den großen Tisch im zentralen Besprechungsraum, einige tuschelten miteinander, fragten, was los sei, andere waren ganz still und warteten ab. Nita begrüßte einige der anderen, die sie schon lange nicht mehr gesehen hatte, denn meist gingen sie jeder für sich ihrer Arbeit nach, nur äußerst selten gab es solch große Zusammenkünfte.

„Bestimmt hat es mit dem Geflecht zu tun“, mutmaßte jemand. Andere konnten es nicht glauben. „Aber was sollte das Geflecht mit der Bibliothek zu tun haben? Es ist da draußen und nicht hier in Gandhara.“ Nita hörte sich alles an, sagte jedoch nichts dazu. Das lag auch daran, dass sie keine Idee hatte, was der Hohe Rat von ihnen wollte. Im Grunde wusste sie ja auch nichts über das Geflecht. Sicher, sie hatte viel gehört, weil jeder in Angst war und viele, die draußen im Land den Kreaturen begegnet waren, die das Geflecht hervorbrachte, voller Schrecken berichtete, wie gnadenlos und unbesiegbar sie waren, dass ein Mensch ihnen nur mit sehr viel Glück entkommen konnte und niemand ihnen etwas anhaben konnte.

Selbst gesehen hatte sie weder die Ranken, noch die Kreaturen, auch Meera hatte sie noch nicht mit eigenen Augen erblickt. Allerdings hatte sie von anderen Wächtern erzählt, die zu mehreren hinausgeritten waren, um die Bauern und die Bevölkerung im Land zu schützen. Kaum einer von ihnen kehrte zurück, viele waren den Kreaturen zum Opfer gefallen, selbst vor den Reitelefanten machten sie keinen Halt und die Tiere fielen ihnen chancenlos zum Opfer.

Plötzlich öffnete sich eine der großen Flügeltüren und zwei Mitglieder des Hohen Rates traten ein. Sofort herrschte absolute Ruhe, jeder von ihnen verharrte und war gespannt, was die beiden ihnen zu sagen hatten. Anders als sonst hielten sie sich nicht lange mit Formalitäten auf, sie nahmen nicht einmal Platz, sondern stellten sich einfach in ihre Mitte und begannen zu sprechen. „Gut, dass ihr alle erschienen seid. Was wir zu sagen haben, ist von höchster Wichtigkeit. Es mag euch wundern und seltsam erscheinen, doch der Hohe Rat hat lange getagt und ist sich sicher, dass die Entscheidung, die getroffen wurde, die einzig richtige und dringend notwendig ist.“