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Eine global tätige Megabank baut ein neues, supermodernes Rechenzentrum. Kostensparend, professionell und extrem sicher - glaubt man wenigstens. Bis sich ein dummer Softwarefehler einschleicht und die Existenz der Bank bedroht. Techniker und Manager wehren sich gegen den Untergang, doch eine Kette unglücklicher Umstände, gegenseitige Animositäten, Schuldzuweisungen und eine überbordende Bürokratie erschweren den Kampf. Ein obskurer Hedge Fund Manager mischt sich ein und führt ungewollt zur Entscheidung. Ob direkt beteiligt oder nur danebenstehend: Das Leben zahlreicher Protagonisten nimmt eine drastische Wende.
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Seitenzahl: 526
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Daniel Philipona
HYBRIS
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Inhaltsverzeichnis
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Impressum neobooks
Ich danke meinem Vater Hugo, meinem Sohn Frederik und insbesondere Isabel Flynn dafür, dass sie mein Manuskript mit viel Engagement durchgelesen haben. Sie haben mir geholfen, ein besseres Buch zu schreiben.
Die Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig.
Version 1.01
Für Esther
Jenny: Das Mädchen mit einer Tasche voller Geld
Anna: Jennys überlegene Freundin
Oliver Schwab: Herr über alle Computer der Bank
Peter Hoyle: Cheftechniker und Olivers Stellvertreter, Vorgesetzter von Fred Larson
Fred Larson: Leiter der Kommandozentrale
Raj: Leiter einer Eingreiftruppe gegen Cyberkriminalität
Johannes Pragel: Technischer Experte
Moses Finkelstein: Technischer Experte, von Oliver kaltgestellt
Helen Grivas: Public Relations-Chefin der Bank
Der Professor: General Counsel, Chef der Rechtsabteilung
Der Coo: Chief Operating Officer der Bank, Olivers Vorgesetzter
Der Boss: Chief Executive Officer der Bank, Vorgesetzter des Coo
Trevor Graham: Finanzchef der Bank
David Gross: Manager eines obskuren Hedgefonds
Uwe Weibel: IORA Account Manager, verantwortlich für die Bank
Leo Guidoboni: Uwes Stellvertreter
Henri de Guise: Grossgrundbesitzer mit Herzogtitel
Dazu: Call Center Mitarbeiter in Bangalore, Indien; IORA Mitarbeiter in Europa und Amerika; eine Regierungschefin, ein Minister und ein Zentralbanker; Gefolge des Herzogs.
„Hey, bist du verliebt?“ Schon als der Zug mit Getöse in den Vorortsbahnhof eingefahren kam, hatte Anna die geröteten Wangen ihrer Freundin Jenny hinter der Glasscheibe leuchten sehen. Kaum zugestiegen, wollte sie natürlich wissen, was lief. „Wie heisst er? Kenn ich ihn? Komm, sag schon!“
Jenny lachte verlegen. „Gib mir zuerst einen Kuss.“
Anna umarmte ihre Freundin kurz, aber Jenny weigerte sich immer noch, ihr Geheimnis preis zu geben.
Anna insistierte: „Na los“, und mit zusammengefalteten Händen, „bitte, bitte, bitte!“
Aber Jenny war noch nicht soweit. Sie wandte sich ab und schaute entschlossen zum Fenster hinaus. „Sieh, das Laub beginnt schon zu fallen.“
Anna verzog das Gesicht. Seit wann interessierte sich Jenny für fallende Blätter? Ausserdem lag das ganze Laub schon längst am Boden. Da sie aber wusste, dass man am besten schwieg, wenn man Jenny zum Sprechen bringen wollte, hielt sie den Mund.
Der Zug brachte Station für Station hinter sich. Und immer lief das gleiche Spiel: Der Lokführer bremste zu spät, dafür umso heftiger. Die Leute, die bereits aufgestanden waren, verloren das Gleichgewicht, griffen überrascht nach Haltern oder Stangen oder fielen gleich in ihre Nachbarn. Leise fluchend stiegen sie aus und eine neue Welle Passagiere schwappte herein. Je näher die Stadt kam, desto öfter stiegen mehr Leute ein als aus, und der Zug füllte sich rasch. Anna hielt sich demonstrativ die Nase zu, als sich eine ältere Frau so hinstellte, dass ihr üppiger Hintern kaum eine Handbreit neben Annas Gesicht zu stehen kam. Üblicherweise hätte Jenny jetzt gelacht, aber diesmal wandte sie den Blick nicht vom Fenster ab.
Erst als man schon die Türme der Kathedrale sehen konnte, stupste Jenny Anna an und zeigte auf ihre Handtasche, die sie unter den Arm geklemmt hatte. Anna verdrehte die Augen. Die Tasche war nach allen ästhetischen Massstäben eines der grässlichsten Exemplare, das je angefertigt worden war. Ohne erkennbare Form – dafür mit verdrehten Henkeln. Und auf das bereits abgeschossene schwarze Kunstleder war auf so ungeschickte Weise eine Blume gestickt, dass man nicht erkennen konnte, was sie hätte darstellen sollen. Eine Rose vielleicht?
„Nein, deine Tasche gefällt mir immer noch nicht“, sagte Anna und versuchte dabei nicht unhöflich zu sein. Doch Jenny ging’s nicht um die Tasche. Sie öffnete den Verschluss eine Handbreit und liess Anna hinein linsen.
„Halt mal still! Ich seh‘ ja nichts.“ Der Zug fuhr über Weichen und schwankte. Dann sah sie ein Bündel Papier. „Ah! Wusste ich’s doch. Liebesbriefe!“
„Bist du blöd? Schau doch richtig hin!“
Anna versuchte in die Tasche zu greifen, aber Jenny klappte sie blitzartig zu.
„Au! Sag mal, spinnst du?“
Jenny öffnete die Tasche erneut, griff diesmal aber selber hinein. Zwischen ihren Fingern liess sie Anna ein Stück bedrucktes Papier sehen. Es dauerte eine Ewigkeit bis Anna endlich begriff. „Was ist denn das? Ein Hunderter?!“
„Psst! Sei still. Das muss ja nicht gleich jeder hören!“ Jenny sah sich um. Aber zum Glück war der Zug mittlerweile so vollgestopft, dass sich niemand für ihre kleine Einlage interessierte. Anna hatte mit grossen Augen endlich begriffen, dass das Bündel Papier in der Tasche keineswegs ein Stapel pikanter Briefe war, sondern ein Haufen Geld. Ein verdammter Riesenhaufen sogar. Mehr als sie je gesehen hatte. Mehr als sie sich vorstellen konnte. Denn wie alle ihre Freundinnen litt sie an chronischer Geldnot. Wenn der Monat langsam zu Ende ging musste sie sich regelmässig Geld für den Döner am Mittag zusammenbetteln. Und warum? Nicht etwa, weil sie keine Taschengeld erhielte, nein, sondern weil sie jedes Mal, wenn das Geld eintraf, die Billigläden stürmte und für fast nichts T-Shirts, Tops, Hotpants, Sandalen, Strings und Panties in Mengen kaufte. Und diesen Monat besonders schlimm: ein Designerröckchen, im Ausverkauf. Und schon in dem Moment, als die hochnäsige Verkäuferin beim Einpacken abschätzig auf ihre Beine herunterschaute, wusste sie, dass sie’s nie anziehen würde. Sie biss sich auf die Lippen. Dazu noch Lippenstift, Mascara, Puder und diesen fantastischen Eyeliner, den man diese Saison einfach haben musste! Sie wusste, ihr Verhalten war dumm – aber machten es nicht alle ihre Freundinnen so?
Unter diesen Zwängen und Realitäten war der Anblick eines Stapels Banknoten natürlich etwas ganz und gar Aussergewöhnliches. „Wieviel ist das? Bestimmt Tausend, oder? Oahh, sooo viel Geld!“
Jenny schwieg. Ihr wurde ganz heiss, ob der Ungeheuerlichkeit des Ganzen. Der Zug hatte das Ziel erreicht. Die Leute drängelten bereits zu den Ausgängen, als Jenny sich zu Anna hinüberbeugte. „Fünfundzwanzigtausend“, flüsterte sie ihr ins Ohr.
Ein paar Stunden später liessen sie sich erschöpft in zwei Fauteuils fallen. Sie sassen im Adamovic, der teuersten Bar der Stadt, unten am Quai, umringt von Einkaufstaschen, auf denen all die wichtigen Labels prangten. Auch Anna hatte zugreifen dürfen. Jenny hatte sich grosszügig gezeigt und eigentlich hätten sie beide glücklich sein müssen, denn schliesslich lebten sie heute Abend wie die Reichen in den Realityshows, die sie manchmal zusammen schauten. Aber Anna spürte keine Freude. Statt eines ausgelassenen Vergnügens war die Shoppingtour eine einzige Demütigung gewesen. Sie besass feine Antennen für den zwischenmenschlichen Umgang. Und jede der mageren blondierten Ziegen, die Verkäuferin spielten, liess sie spüren, dass die beiden jungen Frauen in ihren Augen nichts als verirrter Abschaum waren. Eine eklige Anomalie, die in der distinguierten Welt des High-End-Shoppings nichts zu suchen hatte. Eine der blonden Vogelscheuchen hatte die ganze Zeit die Augen nach oben verdreht, so als bete sie ständig zu Gott, er möge ja verhindern, dass ausgerechnet jetzt eine ihrer guten Kundinnen den Laden beträte. Bei einer anderen hatte sie das sichere Gefühl, sie würde sich zum Händewaschen ins Badezimmer stürzen, noch bevor die Tür hinter den beiden Freundinnen ins Schloss gefallen war. Und bei der letzten, einer Schwarzhaarigen, waren sie mehr oder weniger geflüchtet, weil sie befürchten mussten, diese würde die Polizei rufen. Denn Jenny hatte sie ungeschickterweise ein Bündel Scheine sehen lassen, und der Gesichtsausdruck der Verkäuferin zeigte klar, dass sie die beiden jungen Frauen für Diebinnen hielt, die wahrscheinlich eine alte Frau überfallen hatten, um an das Geld zu kommen. Also ab durch die Mitte!
Jenny schien das alles egal gewesen zu sein, aber Anna war empört. „Was für ein verlogener Haufen! So widerlich!“
Das sagte sie als die beiden in dem teuren Lokal Platz genommen hatten. Anna schaute sich um. Gelbgoldenes Licht funkelte in den Kronleuchtern, am Piano sass ein trauriger Kerl, der mit flinken Fingern Songs spielte, die die Mädchen nicht kannten. Ab und zu hörte man über all dem Gebrabbel ein lautes Lachen. Man war bereits vom Kaffee zu Schärferem übergegangen und der Alkohol begann Wirkung zu zeigen. Die Leute bestellten Cocktails mit Namen, die entweder peinlich waren oder von denen man nicht wusste, wie man sie aussprechen sollte.
Jenny las sich mit grossen Augen durch die Karte. Der Name des Lokals war in goldenen Lettern in dickes Papier eingeprägt und die Seiten des Büchleins wurden von einer Kordel in derselben Farbe zusammengehalten. Anna sah ihrer Freundin beim Lesen zu. Ihr wurde schmerzlich bewusst, dass sie beide keine Ahnung hatten, was man an einem solchen Ort bestellen sollte. Aber als der Ober kam, um zu fragen, was die beiden jungen Damen wünschten, plapperte Jenny munter drauf los und es störte sie nicht im Geringsten, dass weder Anna noch der Ober verstanden, was sie soeben bestellt hatte. Da zeigte Jenny mit dem Finger auf eine Zeile. „Das hier wollen wir haben“, sagte sie fröhlich.
„Sie haben den Preis gesehen?“ erkundigte sich der Ober vorsichtig, aber höflich.
„Ja klar. Wir haben was zu feiern!“
Sie griff nach ihrer Tasche und wollte sie schon öffnen, als sich der Ober mit einem „sehr wohl“ entfernte.
Anna war das alles so peinlich, dass sie vor Scham am Liebsten im Fauteuil versunken wäre. Sie hatte eh keine Ahnung wie sie auf dem viel zu weichen und tiefen Sessel anständig sitzen sollte. Sie bemerkte nur, dass sie und ihre Freundin auffielen. Alles an ihnen war irgendwie falsch. Die dilettantisch geschnittenen Haare mit der scheckigen Färbung, der zu grelle Lippenstift, die abgelatschten Schuhe, die Jacken, die zwar unter ihresgleichen bewundert wurden, aber hier einfach nur schäbig aussahen.
Anna riss sich zusammen. Sie wollte jetzt endlich wissen, woher das Geld kam. Denn eigentlich war sie sich sicher, dass es gestohlen sein musste.
„Ich hab’s gefunden“, lüftete Jenny das Geheimnis.
„Gefunden? Wo? Auf der Strasse?“
„Bist du blöd? So ein Bündel, auf der Strasse?“
„Ja wo denn dann? Los, verdammt, sag schon!“
„Auf meinem Bankkonto.“
„Auf deinem Bankkonto? Willst du mich verarschen?“
„Nein. Wirklich! Auf meinem Bankkonto!“ Sie lachte laut auf. „Ich hab mir am Automaten bei der Filiale einen Hunderter fürs Wochenende rausgelassen. Sonst schau ich ja nie auf den Zettel. Aber diesmal hab ich’s getan und als ich dann mein Guthaben gesehen habe, bin ich fast umgekippt. Wie sechs Richtige im Lotto! Da bin ich zur Filiale zurückgerannt, an den Schalter gestanden und hab mir einen schönen Stapel auszahlen lassen.“
„Aber …. Aber das ist sicher ein Fehler. Woher solltest du plötzlich so viel Geld haben?“
„Natürlich ist’s ein Fehler. Ich bin ja nicht dumm. Aber es ist nicht mein Fehler. Und bevor die was merken, hab ich’s schon verputzt. Ich bin ein süsses, unschuldiges Mädchen und ich werde Krawall schlagen, wenn sie sich’s zurückholen wollen. Und sowieso: Für die sind das doch nur Peanuts. Und die wollen sicher nicht, dass jemand erfährt, dass ihre Konten nicht stimmen!“
Anna verschlug’s ab so viel Naivität die Sprache. Viele, viele Dinge gingen ihr gleichzeitig durch den Kopf. Sie hatte eine Vision von Jennys Mutter, die sich vor einem mitleidslosen Pfändungsbeamten auf die Knie warf und bitterlich weinte: „Bitte, bitte, sie ist doch noch ein Kind! Sie wusste doch nicht was sie tat!“ Eine gute Frau, Jennys Mutter, die immer ein nettes Wort für Anna hatte, wenn sie auf einen Besuch vorbei ging. Sie ahnte nichts von der Katastrophe, die ihr unbekümmertes Töchterchen gerade anrichtete. Es würde sie umso härter treffen und ihr lautes Wehklagen würde endlos zwischen den Wänden der engen Wohnblocks hin und her hallen.
Anna hatte plötzlich das Gefühl, sie hätte in ihrem Leben alles falsch gemacht. Zum ersten Mal bereute sie, dass sie sich in der Schule nicht mehr angestrengt hatte. Sie würde eine ewige Gefangene in dieser tristen Verliererwelt bleiben. Das alles machte sie so niedergeschlagen und traurig. Sie fühlte sich von Jenny und ihrer sorglosen Dummheit in einen Abgrund gerissen, aus dem es kein Zurück mehr gab.
Der Knall des Korken schreckte sie aus ihren Träumen auf. Es schäumte aus der schweren Flasche und der Kellner goss den teuren Saft mit einer eleganten Geste in zwei Kelche. Jenny gönnte sich einen kleinen Freudenschrei. Die umstehende Meute in Anzügen und Business-Kostümen schaute amüsiert oder indigniert zu, wie sich die beiden verirrten jungen Frauen zuprosteten. Beide tranken einen Schluck und verzogen das Gesicht ab dem bittersauren Getränk.
„Wusste gar nicht, dass reich sein so anstrengend ist“, sagte Jenny. Sie blickte prüfend auf ihre abgekauten Nägel von denen der Lack abblätterte. „Aber Morgen gehen wir in den Spa und lassen uns so richtig aufpolieren!“
Ein paar Flugstunden weiter westlich, auf der anderen Seite des Atlantiks, stand Oliver Schwab in der Sicherheitsschleuse und liess seinen biometrischen Ausweis vom Sicherheitsbeamten kontrollieren. Der Beamte trug eine paramilitärische Uniform mit Fantasieabzeichen, die ihn so aussehen liessen, als sei er soeben aus einem Kampfeinsatz im Irak zurückgekehrt. Er beherrschte diesen speziellen Blick: eine Mischung aus Langeweile, Aufmerksamkeit und Ungeduld. Zu alledem sass er einen Meter erhöht auf einem Podest, so dass er auf die Besucher hinunterschauen konnte. Oliver hasste das. Er hasste auch, dass sich der Beamte die Zeit nahm, die Sicherheitsprozedur Schritt für Schritt durchzuarbeiten, obschon sie sich schon seit Jahren kannten und obschon Oliver hier der oberste Chef war. Aber so war das nun mal. Der Beamte hatte sich in den Kopf gesetzt, Oliver immer wieder zu beweisen, dass er sich nicht von Rang und Namen beeindrucken liess. Die Vorschriften waren strikte einzuhalten. Schliesslich war das hier eines der grössten und wichtigsten Rechenzentren der Welt. Wenn hier die falschen Leute durchkämen, dann würde das für die ganze Welt böse Folgen haben. Peinlich berührt glaubte Oliver sich zu erinnern, dass er selbst exakt diese pompösen Worte benutzt hatte, als er am Tag der Eröffnung zum Sicherheitsteam gesprochen hatte. Die Botschaft war bei diesem Beamten wohl besser angekommen als erhofft.
Plötzlich lächelte der Wachmann und drückte den Knopf, der die Schiebetür öffnete. Unter dem Schnauben des pneumatischen Mechanismus wünschten sie sich ein schönes Wochenende. Oliver schritt durch den endlos langen Gang, den der holländische Architekt in einem hypermodernen Stil angelegt hatte. Die silbrige Farbe an den Wänden und der Decke glänzten dermassen, dass der Eindruck entstand, man ginge durch ein verspiegeltes Rohr. Die optische Täuschung liess den Raum ins Unendliche wachsen. Man sollte spüren, wie gross die Anlage war, obschon man vom Gang aus die Rechner gar nicht sehen konnte. Nur an einer einzigen Stelle erlaubte ein Band getönter Glasscheiben den Blick auf eine riesige Halle in der Hunderte von Grossrechnern aufgereiht waren. Mit ihren schwarz-glänzenden Gehäusen sahen sie für Oliver aus wie lange Barren eines geheimnisvollen Edelmetalls, das Ausserirdische hier hatten liegen lassen. Die geniale Optik der Anlage war nötig, denn ausser den Experten, die hier arbeiteten, hatte niemand auch nur einen Schimmer davon, was hinter diesen Mauern eigentlich ablief. Da der Betrieb aber jedes Jahr Hunderte Millionen verschlang, mussten die Gäste aus der obersten Etage der Bank gebührend beeindruckt sein, wenn sie von Oliver hier durchgeführt wurden. Die gelungene Architektur erfüllte diesen Zweck ganz ausgezeichnet.
Oliver war enorm stolz auf das, was sie hier erreicht hatten. Dadurch, dass es ihm und seinem Team gelungen war, die gesamte Rechenleistung der Bank an einem Ort zu zentralisieren, lief der Betrieb jetzt viel professioneller, sicherer und zuverlässiger ab als vorher. Zudem sparte die Bank jedes Jahr gegen achtzig Millionen an Ausgaben für Rechner und Personal. Vorher waren die Rechenzentren um den ganzen Globus verstreut gewesen: eines in London, eines in Luxemburg, eines nahe Genf. In Singapur und sogar in Sydney hatten sie eines gehabt, weit draussen, versteckt in einem Lagerhaus am Rande einer heruntergekommenen Hafenanlage, die von Immobilienspekulanten noch nicht entdeckt worden war. Die Folge dieser Nicht-Strategie – wie Oliver das nannte – waren unkoordinierte Investitionen und Doppelspurigkeiten zu Hauf. Singapur setzte auf Technologie A, London auf Technologie B. Drei Jahre später war‘s umgekehrt. Alles wurde ständig fortgeworfen und neu gebaut. Dann entwickelte Sydney ein System für den Handel von Währungsoptionen. Nur dumm, dass New York zur gleichen Zeit für viele Millionen ein Programm kaufte, das genau das Gleiche tat. Natürlich war diese Lösung viel besser als jene – oder war es umgekehrt? Je nachdem wem man zuhörte… Diese Streitereien hatten Oliver halb wahnsinnig gemacht. Kein Plan erkennbar! Kein Konzept! Man hätte das Geld auch gleich zum Fenster rauswerfen können!
Und ständig mangelte es an Fachleuten. Von denen, die man hatte, wusste die Hälfte nicht, was sie tat. An den meisten Orten, wo sich die grossen Banken niedergelassen hatten, gab es so etwas wie IT-Nomaden – eine Gruppe von Pseudoexperten aus aller Herren Länder, die im Jahresrhythmus von einer Bank zur nächsten zogen. Immer schön nachdem sie den Bonus für das abgelaufene Jahr kassiert hatten. Die Banken heuerten sie wider besseren Wissens an, denn das Management in den Zentralen hatte Ziele vorgegeben, die es zu erreichen galt. Zwanzig neue Leute hier, fünfzehn zusätzliche da. Schliesslich wollten die Banken wachsen! Man stand im globalen Wettbewerb. Sollte das Feld etwa kampflos den anderen überlassen werden? Den Amerikanern, den Schweizern, den Briten oder – Gott behüte – gar den Chinesen?
Wenn man so vorging, funktionierte natürlich nichts. Laufend gab es Pannen. Wenn man zu wenig gute Leute findet und die Technologie ständig wechselt, muss man sich nicht wundern, wenn’s immer mal wieder knallt. Oliver hatte schon lange genug davon. Und dann, vor ein paar Jahren, kam Oliver diese geniale Idee, wie er diese ständigen Ausfälle für seine Pläne nutzbar machen konnte: nämlich durch Visualisierung. Auf der internen Homepage der Bank liess er rechts oben eine kleine Weltkarte anbringen. Auf dieser Karte blinkte jeweils ein roter Punkt an dem Ort, wo gerade eines der lokalen IT-Systeme ausgefallen war. So konnte jeder einzelne Mitarbeiter der Bank jeden Tag live mitverfolgen, was in der IT gerade schief ging. Und bei einer solch komplexen Infrastruktur mit Tausenden von Systemen ging natürlich immer etwas daneben. Die allermeisten Störungen waren zwar unbedeutend und wurden rasch behoben. Aber durch die Visualisierung auf der Homepage entstand ein ganz anderer Eindruck: Die IT war ein verdammter Saftladen, der dringend aufgeräumt werden musste!
Rückblickend betrachtet war diese einfache Massnahme entscheidend dafür, dass man Oliver endlich ernst nahm. Denn er hatte die Missstände schon lange angeprangert und vergeblich eine neue Strategie propagiert. Er hatte beim höheren Management bei jeder Gelegenheit dafür lobbyiert, die IT endlich zu zentralisieren. Konzentration der Kräfte. Vermeidung von Redundanzen. Synergien. Kurze Entscheidungswege. Klare Verantwortlichkeiten. Kosten senken. Er deponierte diese Schlagworte bei jedem, der in der Bank etwas zu sagen hatte. Aber lange passierte nichts. „Interessant“ und „ich werde darüber nachdenken“ war alles, was er zu hören bekam. Die meisten Banker verstanden nichts von IT und beschäftigten sich höchst ungern mit der Materie. Doch die rot leuchtenden Pannenmeldungen liessen sich nicht mehr so einfach ignorieren. Sie waren schlecht fürs Image – und endlich kam Bewegung in die Sache.
Nicht ohne Widerstände und Kämpfe natürlich. Als Oliver seine Ideen lancierte, war er nur einer von vielen regionalen IT-Managern. Mit der Zeit bekamen seine Kollegen Wind von seinen Plänen, und die meisten von ihnen verstanden sofort, was das bedeutete: das Ende ihrer Karriere! Sie begannen sich lautstark zu wehren. Heftige Diskussionen folgten, die allerdings ganz anders wirkten, als erwünscht. Dass so intensiv gestritten wurde, bewies der obersten Führung, dass an der Sache definitiv was dran war. Nach einer Reihe peinlicher Auftritte regionaler IT-Manager, die sich nicht gewohnt waren, auf den oberen Hierarchiestufen zu argumentieren, setzte sich die Erkenntnis durch, dass man hier tatsächlich ein Problem hatte: nämlich mit Leuten, die ihrer Aufgabe offensichtlich nicht gewachsen waren. Als dann Olivers Kollege in London umschwenkte und verkündete, die Idee sei im Prinzip ausgezeichnet, aber sie müsse selbstverständlich nicht unter Olivers Führung, sondern unter seiner eigenen umgesetzt werden, waren die Würfel gefallen. Jeder hatte nun verstanden, dass etwas geschehen musste. Olivers Konkurrent, ein magerer Glatzkopf, dessen Stimme gerne ins Weinerliche fiel, wenn er nicht sofort bekam, was er wollte, hatte zwar geholfen, die Bank zu einem Entscheid zu zwingen – den Job, auf den er aspirierte, bekam er allerdings nicht. Viel zu spät war er auf den Zug aufgesprungen. Niemand verband seinen Namen mit dem Projekt. Zwei Wochen später, an einem sonnigen Herbstmorgen, standen plötzlich zwei Sicherheitsbeamte in seinem Glasbüro und baten ihn freundlich aber bestimmt, ihnen zu folgen. Noch während sie ihn hinunter auf die Strasse begleiteten, sprach Oliver oben bereits zu seinen Leuten.
Schliesslich hatte die Gegenwehr nachgelassen. Die Manager, die Techniker, die Systemprogrammierer, die Datenbankadministratoren – sie alle verliessen die Bank mit einem hübschen Package unter dem Arm. Die, die etwas konnten, fanden rasch wieder einen Job. Unter dem Strich eine win-win Situation für die Meisten. Zwar gab es Unbelehrbare. Aber Oliver liess sich von ihnen nicht aufhalten. Er hatte noch nie verstehen können, wieso es Menschen gab, die sich mit Zähnen und Klauen gegen etwas wehrten, dass sie sowieso nicht verhindern konnten und von dem sie in vielen Fällen sogar profitierten! Oliver setzte sich mitleidlos durch, und nun war EVEREST – so hatten sie das Projekt passenderweise getauft – fertig gebaut. Zwei Jahre harte, herausfordernde Arbeit, die in einem triumphalen Erfolg resultierten!
Im Aufzug blickte Oliver in den Spiegel und betrachtete sich unter dem fahlen Licht zweier Leuchtstoffröhren: ein Mann, dem man den Erfolg und die Macht ansah! Sauber geschnittenes, grau-meliertes Haar, blaue Augen, die keine Brille benötigten und ein fast perfekter Mund – wenn da nur nicht die leicht hängenden Mundwinkel gewesen wären, die ihn unzufriedener aussehen liessen, als er hätte sein sollen. Sein Blick fuhr weiter nach unten, registrierte zufrieden das kräftige Kinn, übersprang den nicht mehr ganz so straffen Hals, und ruhte dann auf der handgenähten neapolitanischen Krawatte, die er sorgsam zurecht rückte. Auch sein grauer Massanzug sass perfekt. Die Ärmel hatten genau die richtige Länge, so dass am Ende zwei Zentimeter weisse Manschetten hervorschauten. Die Manschettenköpfe waren dezente Exemplare aus Silber, aber nichtsdestotrotz auffällig, da er weit und breit der Einzige war, der solche benutzte. Oliver sammelte Uhren und heute trug er ein besonders schönes Exemplar aus einer Schweizerischen Manufaktur. Weissgold, zwei Zeitzonen, dickes schwarzes Armband aus Echsenleder mit weissgoldener Schnalle. Die Manschette des linken Ärmels war absichtlich zwei Zentimeter weiter geschneidert, damit der Klotz darunter Platz hatte. Halb fünf zeigte die Uhr. Früh für ihn, aber schliesslich hatte er es sich verdient. Er liess die Uhr unter der Manschette verschwinden, während er sich peinlich berührt an eine Begegnung mit seinem Chef, dem Chief Operating Officer der Bank, erinnerte. Anlässlich eines grässlich langweiligen Dinners hatte Oliver ihm nämlich die Uhr und die extra weit geschneiderte Manschette vorgeführt. Er hätte es eigentlich besser wissen müssen, denn sein Vorgesetzter war ein gänzlich unprätentiöser Mann, der wenig Verständnis für solche Eitelkeiten zeigte. Aber Oliver hatte dem Drang nicht widerstehen können. Und so kam es zu dieser Peinlichkeit, die ihm noch immer schwer zu schaffen machte. Nach seiner stolzer Erklärung nämlich, blickte ihn sein Vorgesetzter lange an und sagte dann in einem Anflug tiefer Einsicht: „Jeder muss selber einen Weg finden, um mit seiner Midlife Crisis fertig zu werden. Aber sind Sie sicher, dass Sie noch die richtigen Ziele im Leben haben? Ich mein’s nicht böse. Aber sie haben die letzten zwei Jahre sehr, sehr viel gearbeitet. Vielleicht ist es Zeit, ein wenig Abstand zu gewinnen. Zeit für eine Pause. Gehen Sie in sich, und finden Sie heraus, was Sie im Leben wirklich wollen. Warten Sie damit nicht zu lange!“
Oliver war wie geschlagen. Solche Rede war bei harmlosen Geschäftsessen nicht vorgesehen. Ausserdem: Woher wusste er es? Er fühlte sich durchschaut, denn trotz des riesigen Erfolgs seines Projekts, spürte er tatsächlich so etwas wie eine persönliche Krise und eine Niedergeschlagenheit, die er längst überwunden zu haben glaubte. Oliver hatte so etwas nicht mehr gespürt, seit er als hochbegabter, aber einsamer Teenager, an depressiven Verstimmungen gelitten hatte.
Diesmal hatte es ihn nach einer Sitzung des EVEREST-Steuerungsausschusses erwischt. Zwei Jahre zuvor, als sie das Projekt gestartet hatten, war ihnen das Vorhaben gewaltig komplex und riskant erschienen. Entgegen dem, was sie nach aussen beteuerten, waren sie im Team keineswegs sicher, dass sie erfolgreich sein würden. Zeitweise sahen sie nur noch Probleme und unüberwindbare Schwierigkeiten. Aber am letzten Meeting des Steuerungsausschusses, nach über zwanzig Monaten Arbeit, wurde klar, dass sie alle ernsthaften Schwierigkeiten gemeistert hatten. Sie waren auf die Zielgerade eingebogen, wie sie das in ihrem Slang nannten. Man diskutierte zwar noch dieses und jenes Problem, aber plötzlich war allen Teilnehmern bewusst, dass sie nun nichts mehr würde aufhalten können. Sie würden das Ziel erreichen. Sie würden siegen! Für alle wesentlichen Probleme waren Lösungen gefunden. Gegen Ende der Sitzung begannen sich die Manager und Techniker zu entspannen, machten Witze und lachten leise. Man schüttelte Hände und Oliver hörte mehrmals das Wort „Gratulation.“
Nachdem sich die Versammlung spätabends aufgelöst hatte, schlich sich Oliver in eine verlassene Pausenzone, wo er sich am Automaten einen Kaffee rauslassen wollte. Doch er stand nur da und vergass sogar, die Münze einzuwerfen. Stattdessen starrte er durch ein grosses Fenster nach draussen in die Dunkelheit. Ein müdes Gesicht spiegelte sich im Glas. Er vergass die Zeit und wusste schliesslich nicht mehr, wie lange er dort gestanden hatte. Aus dem Nichts hatte ihn ein Gefühl tiefer Schwermut erfasst. Er versuchte das Gefühl zu verscheuchen, aber es verging viel Zeit bis er wieder klar denken konnte und bis er verstand, was die Ursache seines Anfalls war. Dabei war die Sache klar: Er hatte von jetzt an kein Ziel mehr. Keinen Grund mehr, jeden Morgen mit Energie aufzustehen und zwölf, vierzehn oder sechzehn Stunden hart zu arbeiten. Die Sache war gelaufen. Es brauchte ihn nicht mehr. Dieser Gedanke, den er bis jetzt immer verdrängt hatte, stieg diesmal unbezähmbar in ihm hoch. Er war auf dem Gipfel angekommen. Oder genauer: Er sah den Gipfel vor sich, das Wetter war gut, der Weg klar und nichts konnte ihn daran hindern oben anzukommen. Aber was kam danach? Er sah keinen Weg, der ihn noch weiter nach oben führen würde. Von nun an ginge es nur noch hinunter. Der Sinkflug seiner Karriere würde bald beginnen. Dafür war er jedoch in keiner Weise bereit! Er fühlte sich stark und voller Energie – sein Aufstieg konnte und durfte noch nicht zu Ende sein! Er versuchte an etwas anderes zu denken, aber es misslang. Oliver fluchte über sich selber. Er glaubte, der einzige Mensch auf der Erde zu sein, der in der Lage war, an einer Art antizipierter postkoitaler Depression zu leiden. Er hätte damit wenigstens warten können, bis das Ziel tatsächlich erreicht war und EVEREST den Betrieb aufgenommen hatte. Und das Allerschlimmste war, dass sein Chef seine Gefühlswallungen offenbar mitbekommen hatte. Es gab wenig, das er mehr hasste, als wenn andere Menschen seine Schwächen durchschauten!
Endlich war der Aufzug oben angekommen. Mit raschen Schritten durchquerte Oliver die grosse Eingangshalle.
Draussen blinzelte er in das grelle Licht der Abendsonne und ignorierte die eisige Kälte, die den kommenden Winter ankündigte. Als er zu seinem Auto lief, blickte er kurz zurück und sah wie sich die letzten Strahlen der Sonne in der spektakulären Glasfassade des Rechenzentrums reflektierten. Das Gebäude sah aus wie ein gewaltig grosser Bergkristall, den ein gigantischer Gletscher vor einer Million Jahren hier abgelegt hatte. Auch das ein Meisterstück des Architekten, das Sicherheit und Beständigkeit suggerierte. Wieder fühlte er sich stolz wie ein kleiner Junge – doch als er sich von der grossartigen Kulisse abwandte, kippte seine Stimmung zurück ins Negative. Auf der anderen Seite, am entfernten Ende des Parkfeldes, sah er ein schändlich verwahrlostes Auto stehen, dass sein Besitzer bestimmt nur zum Zweck dahin gestellt hatte, ihn zu ärgern. Die rostbraune Klapperkiste gehörte Moses Finkelstein. Ausgerechnet Moses, dachte Oliver. Vor dem Wochenende! Das Bild eines zornigen alten Mannes stieg vor ihm auf, eines Mannes, der aussah wie Gott Vater auf einem spanischen Barockgemälde. Silbrig-graue Löwenmähne, weisser Bart, kräftige Schultern und eine aufrechte Haltung, die sein Alter leugnete. Der Name Moses beschrieb ihn ziemlich treffend. In der Bank war er eine Legende, ein Mann, der ein Jahrzehnt lang die Gesetze der IT diktiert hatte. Er war der Architekt der Kernsysteme, auf denen die wichtigsten Geschäfte der Bank abgewickelt wurden. Moses hatte festgelegt, auf welchen Maschinen welche Programme liefen, wo die Schnittstellen lagen, welche Datenbanken zu verwenden waren und wie die Systeme miteinander zu kommunizieren hatten. Er wachte darüber, dass die Programmierer keine Abkürzungen wählten, die zwar schnell realisierbar waren, dafür aber später zu Problemen in der Wartung führen würden. Er wurde bewundert und gefürchtet. Seine Urteile waren von schneidender Präzision, und er fällte sie ohne Rücksicht auf die Befindlichkeit einzelner, wo auch immer diese auf der Hierarchieleiter stehen mochten. Doch Moses‘ beste Zeiten lagen weit hinter ihm. Als die Bank beschloss zu expandieren und damit begann, auf der ganzen Welt andere Banken aufzukaufen, verlor er immer mehr an Einfluss. Die IT-Systeme der gekauften Banken mussten übernommen werden – typischerweise unter grösstem Zeitdruck. Ob dabei alles bis ins letzte Detail durchdacht wurde, war dabei nebensächlich. Aber Moses wollte die geforderten Kompromisse nicht eingehen. Man machte es entweder richtig oder gar nicht. Er warnte, er verhinderte und er verzögerte. Man schätzte zwar die Qualität seiner Arbeit, aber wenn Moses das Sagen hatte, schien alles plötzlich in einem Morast von Details festzustecken. Nichts ging vorwärts. Und plötzlich hiess es überall: „Der Mann hat keine Visionen! Es fehlt die Perspektive!“
Damit war er erledigt. Die Bank war ehrgeizig und wollte wachsen. Dabei waren Leute mit der falschen Perspektive nicht zu gebrauchen. Moses kam aufs Abstellgleis. Andere wurden befördert, zuerst auf die gleiche Stufe, dann überholten sie ihn. Moses hielt sich zurück, schaute nach seinem eigenen kleinen Reich und liess die anderen machen. Das Kämpfen lag ihm nicht besonders, obschon seine Löwenmähne und sein gelegentlich zorniger Blick etwas anderes suggerierten.
Erst als Oliver damit begann, dafür zu werben, die ganze IT zu zentralisieren, stand Moses – für alle überraschend – plötzlich auf und protestierte. Er liess es nicht an Klarheit fehlen. Er sprach von Wahn und von einem Monster, das man hier bauen würde. Alles schön und gut, solange die Dinge liefen wie geplant, aber wehe, es ginge mal etwas schief! Kein Mensch würde mehr verstehen, was hier eigentlich ablief. Hunderttausende Programme würden sich die Hardware teilen und die Programme hätten Zehntausende von Abhängigkeiten untereinander. Wo sollte man eingreifen, falls es ein Problem gäbe? Man würde hier an einer Schraube drehen und drüben würde es krachen. Niemand würde das Gesamte verstehen, niemand würde die Bestie noch zähmen können.
In zahllosen Sitzungen versuchte Oliver Moses geduldig zu bearbeiten und seinen Widerstand sanft zu brechen. Für ihn war Moses schlicht ein Ungläubiger, den es mit positiven Botschaften zu bekehren galt. Er hatte nur das Licht noch nicht gesehen! Denn Oliver sah nicht nur das finanzielle Potential und den Schub für die eigene Karriere, nein, er glaubte wirklich daran, dass das neue zentrale Rechenzentrum sicherer, besser und zuverlässiger sein würde, als alles was sie vorher hatten.
„Moses, hör zu! Da wird nichts passieren! Alles ist doppelt und dreifach ausgelegt. Die neuste und beste Technologie. Die besten Leute. Genug Geld. Da kannst du eine Bombe drauf werfen und das Ding wird fröhlich weiter drehen!“
Doch Moses blieb unbeeindruckt. Oliver begann zornig zu werden. Manchmal hatte er das Gefühl, Moses ginge es gar nicht mehr um die Sache. Der grosse, überlegene Moses bewies sich, indem er der Mode nicht folgte. Er wollte der ganzen Welt zeigen, dass er resistent gegen den Trend war. Und mit der Zeit setzte sich diese Sicht auf Moses Wesen durch. Kollegen in seinem direkten Umfeld rieten ihm, es auch einmal gut sein zu lassen. „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Aber es nützte nichts. Also befahl man ihm die Klappe zu halten. Moses jedoch weigerte sich und mobilisierte seine Beziehungen aus den Tagen, als die Bank noch viel kleiner war und beinahe jeder jeden kannte. Seine Freunde versuchten zu vermitteln, einen Kompromiss zu finden. Aber den konnte es natürlich nicht geben. Entweder dezentral oder zentral. Eine Mischung war das schlechteste aus beiden Welten, da war man sich bald einig. Die Diskussionen zogen sich hin, doch dann ging alles ganz schnell. Es kam zu einem unerfreulichen Showdown vor der versammelten Führung. Oliver fuhr eine Armee von Beratern und Experten auf, Moses war alleine. Er wurde zwar angehört, aber natürlich ging er unter. Und zwar ohne die sprichwörtlichen fliegenden Fahnen. Still und leise. Die Meinungen waren gemacht. Kein Mensch mochte auf die gesparten Millionen verzichten. Schliesslich war jeder gesparte Dollar ein Dollar mehr Gewinn. Diejenigen, die die Zeichen der Zeit nicht erkannt und Moses die Stange gehalten hatten, wurden zu einem spontanen Treffen mit einem höheren Personalverantwortlichen eingeladen, an dem ihnen dieser strahlend mitteilte, dass man dem dringenden Wunsch des Mitarbeiters, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, nun endlich nachkommen könne.
Auch Olivers direkter Vorgesetzter zu dieser Zeit, der immer darauf gepocht hatte, dass man einen Kompromiss finden müsse, kam in den Genuss eines solchen Gesprächs. Oliver wurde noch am selben Tag zu seinem Nachfolger ernannt.
„Wissen Sie was Ihr Problem ist, Oliver?“ fragte sein Vorgänger, als er ihm das Büro übergab. Oliver sah ihn höflich an. „Sie sind in ihrem Leben nie auf die Schnauze gefallen – passen Sie nur auf, dass Sie’s jetzt nicht tun!“
Bei diesen Worten war er unangenehm nah an Oliver herangetreten. Nach einem Moment aggressiven Schweigens drückte er Oliver schliesslich die Schlüssel zum Büro in die Hand und verliess die Bank für immer.
Moses hingegen, der nicht gewillt war, die grosszügige Entschädigung anzunehmen, die man ihm anbot, wurde in einer ruhigen Ecke kalt gestellt. Er korrespondierte mit Universitäten, er entwarf Systeme, die nie gebaut wurden, und er produzierte tiefschürfende Papiere, die niemand las. Und jeden Freitag parkte er seine verdammte Dreckskarre so, dass sie Oliver sehen musste, bevor er ins Wochenende fuhr.
Oliver schüttelte sich. Als er endlich vor seinem Audi stand, atmete er tief durch. Solche Projekte sind wie Krieg. Da durfte man nicht zimperlich sein. Er würde lernen müssen, seine Wunden mit Stolz zu tragen. Dann stieg er ins Auto. Seine Stimmung hellte sich auf. Seine schöne junge Freundin hatte bestimmt Pläne. Wahrscheinlich würden sie in die Stadt fahren, ins Kino oder Museum gehen oder irgendwelchen Unsinn machen, so wie vor einer Woche, als sie zu einem einsamen Strand gefahren waren, wo sie sich auszogen und sich in den eisigen Atlantik stürzten. Sie lachten und schrien wie kleine Kinder. Dann rannten sie den Strand entlang und spielten Fangen. Schliesslich stiegen sie erschöpft in den Wagen, die Kleider notdürftig um sich geschlungen und fuhren schlotternd nach Hause. Dort verbrachten sie den Rest des Tages im Bett, wo sie mit allerlei Methoden versuchten, sich wieder aufzuwärmen.
Er startete den Motor, lauschte einen Augenblick dem Blubbern der acht Zylinder und brauste dann den Hügel hinunter in einen entspannten Abend.
Zur selben Zeit, drei Stockwerke unter der Erdoberfläche, begann Peter Hoyle seine Sachen zusammenzupacken. Peter war Oliver Schwabs Stellvertreter und engster Mitarbeiter. Sie hatten die letzten zwei Jahre praktisch Tag und Nacht zusammen gearbeitet und das EVEREST-Projekt zum Erfolg geführt. Oliver war gerade noch hier gewesen, um Peter schöne Ferien zu wünschen, denn Peter würde für drei Wochen in die Karibik fliegen und versuchen ein wenig herunterzukommen vom Wahnsinn der letzten Monate. Lange hätte er diese Belastung nicht mehr durchgehalten.
Peter schätzte Olivers Geste, denn sein Chef residierte im oberirdischen Teil des Rechenzentrums – im Kristall, wie sie sagten – und stieg nicht gerne in die Tiefen der Anlage hinunter, dahin, wo sich Peter eingerichtet hatte. Wie bei einem Eisberg war der Kristall nur die Spitze des Gebäudes. Der Rest dieses Wunderwerks war fünf Stockwerke tief in die Erde gebaut: lange Hallen abgeschirmt durch dicke Betonwände. Doppelböden, unter denen Millionen Meter Kabel verlegt waren. Modernste Klima- und Brandschutzanlagen. Eine unterbruchfreie Stromversorgung. Löschgase der neusten Generation. Aufzüge, die tonnenschwere Lasten bewegen konnten.
In den Hallen standen lange Reihen Metallschränke in denen Zehntausende Prozessoren und Festplatten arbeiteten. Sogar Bänder wurden noch verwendet, obgleich man schon vor zwanzig Jahren geglaubt hatte, dass sie bald verschwinden würden. Aber die Datenmengen waren explodiert. Milliarden von Gigabytes mussten über Jahre und Jahrzehnte aufbewahrt werden. Milliarden von Dokumenten wurden gescannt und archiviert. Kontoauszüge, zahllose Verträge mit Privatkunden, Firmen, anderen Banken, unabhängigen Tradern und Vermögensverwaltern, Hedgefonds; dazu Börsenabrechnungen. Hundertausende oder gar Millionen jeden Tag.
Um den exorbitanten Datenmengen Herr zu werden, fütterten hier Dutzende Roboterarme die Laufwerksschlitze wie ewig hungrige Mäuler. Eine Bandkassette nach der anderen wurde hineingestopft. Waren die Bänder beschrieben, griff der Arm wieder nach der Kassette und verstaute sie in einer schier endlos langen Zeile von Regalen. Man konnte nur hoffen, dass der Computer, der die Roboter bediente, nie vergass, was er wohin gestellt hatte. Sonst würde hier nie mehr etwas zu finden sein.
Peter wollte sein Büro hier unten im Herzen des Rechenzentrums haben statt oben im Kristall. Die gekühlten und klinisch sauberen Hallen waren meistens menschenleer, und wenn er Zeit hatte, schritt Peter gerne die Maschinen ab. Wie bei einer Parade von Elitesoldaten, dachte er, nur dass hier heiss laufende Prozessoren statt Soldaten die Objekte seiner Inspektion waren. Peter hatte eine intensive Beziehung zu den Maschinen, denn im Gegensatz zu den meisten Menschen konnte er fühlen, was hinter den Schranktüren los war: die Billionen von Rechenoperationen, die jede Sekunde abliefen. Die Milliarden von Bits, die in Form von Strom- und Lichtimpulsen von den Disks über Glasfasern oder dicke elektrische Kabel zu den Rechnern verschoben wurden. Dort wurden sie gelesen, interpretiert, aufdatiert und wieder zurückgeschoben. Er konnte spüren wie die Elektronen durch die unwahrscheinlich dicht zusammengepferchten Transistoren gepresst wurden und dabei so viel Hitze produzierten, dass das Metall der Prozessoren zu schmelzen begänne, wenn die überschüssige Energie nicht ständig durch dicke Wasserleitungen abtransportiert würde. Das Rechenzentrum versorgte ein Dreitausendseelendorf mit warmem Wasser. Die Bank legte viel Wert auf ihr ökologisches Image.
Überhaupt fehlte es hier an nichts. Oliver Schwab, sein Chef, war ein Genie, wenn es darum ging, Mittel zu beschaffen. Als sie mit dem Projekt begonnen hatten, erklärte Oliver: „Wir werden uns die Arbeit aufteilen. Du übernimmst die Technik. Du wirst das grossartigste Rechenzentrum bauen, dass die Welt je gesehen hat. Ich übernehme das Politische. Ich werde das Geld besorgen, und ich werde dafür sorgen, dass die regionalen IT-Organisationen geordnet aufgelöst werden.“
Sie hatten sich zwei Jahre gegeben, um den Plan umzusetzen. In zwei grossen Schritten wollten sie zum Ziel kommen. Der erste Schritt trug den Codename EIGER. Peter hatte die Aufgabe, in ihrem alten Rechenzentrum genügend Kapazität aufzubauen, damit Programme und Daten aus den regionalen Rechenzentren so rasch wie möglich übernommen werden konnten. Dann konnten die regionalen Zentren geschlossen werden. Die Übernahme lief naturgemäss ziemlich chaotisch ab, da all die Regionen unterschiedliche Programme, Betriebssysteme und Maschinen benutzten. EIGER war im höchsten Mass provisorisch. Das bedeutete viel Handarbeit, wenig Automation, hohe Risiken und hohe Kosten. Peter musste eine Armee teurer Berater anstellen, damit sie das Arbeitsvolumen bewältigen konnten. Die Arbeitstage waren lang, die Diskussionen hitzig. Nichts für zarte Gemüter. Trotzdem musste man es so realisieren, denn es wäre noch viel riskanter, die Verarbeitung länger als nötig in den Regionen zu belassen, wo die Mitarbeiter wussten, dass sie am Ende des Tages ihren Job verlieren würden.
Es war schliesslich schon schwierig genug, sie so lange bei der Stange zu halten, bis EIGER bereit war. Oliver jettete mehr als ein Jahr um den Globus. Vierhunderttausend Meilen hatte er abgeflogen. Sein Job war dreckig: Hier entliess er ein Dutzend Leute, dort beschwatzte er eine andere Gruppe zu bleiben, bis alles ordentlich abgeschlossen war. Wenn der Appell an die Loyalität der betroffenen Mitarbeiter nichts nützte, zog er das Scheckheft und verteilte grosszügige Halteprämien. Die Sache war natürlich ungerecht. Die Glücklichen, die über Wissen verfügten, das bis zum letzten Tag benötigt wurde, konnten sich eine goldene Nase verdienen, wenn sie in den Verhandlungen nur frech genug waren. Andere, wie diejenigen, die bisher die regionale Zukunft planten, hatten Pech. Mehr als ein in trockenen Worten verfasstes Kündigungsschreiben blieb ihnen nicht.
Mit einer ganzen Streitmacht von Anwälten und Beratern im Schlepptau löste Oliver Verträge, verkaufte Gebäude und Maschinen. Er verhandelte mit gierigen Softwarefirmen, die sich mit Händen und Füssen dagegen wehrten, dass ihre Produkte bei der Bank rausflogen. Diejenigen dieser Firmen, die selber Kunde bei der Bank waren, drohten damit, ihre Geschäftsbeziehung zu beenden. Aufgeschreckte Kundenberater schalteten sich ein. Und auch hier gab es hitzige Diskussionen und endlose Telefonkonferenzen, bis klar war, wer der Stärkere war. Und das war Oliver, der sich mit ungezügelter Energie und der Rückendeckung seiner Chefs überall durchsetzte. Nach etwas mehr als zehn Monaten waren alle wichtigen regionalen Rechenzentren geschlossen, und die Verarbeitung der Daten war an EIGER übergeben worden.
Bezahlt hat Oliver für diesen Erfolg mit einem Haufen grauer Haare und einer verlorenen Ehefrau.
Peter war froh, dass er mit diesem Teil des Projekts nichts zu tun hatte. Er wäre dieser Aufgabe niemals gewachsen gewesen. Dafür kümmerte er sich um die Technik. Parallel zum Projekt EIGER startete die Bank die Realisierung des zweiten Schritts: ein komplett neues Rechenzentrum mit dem Codenamen EVEREST. Das war die Zielumgebung, wie sie das nannten. Ausser dem neuen Gebäude, das in rekordverdächtiger Zeit gebaut wurde, weil Oliver ein fixfertiges Konzept in seinem Kopf hatte, bestand EVEREST aus der modernsten Hardware, den modernsten Betriebssystemen und Datenbanken, die man für Geld kaufen konnte. Hier wurden keine Kompromisse gemacht. Die modernsten Konzepte, für einen hochzuverlässigen, hochautomatisierten Betrieb wurden angewendet. Die ganze Arbeitslast wurde automatisch auf zahllose Einzelkomponenten verteilt. Man konnte Komponenten zuschalten oder ersetzen, alles bei laufendem Betrieb. Fiel eine Komponente aus, merkte kein Benutzer etwas davon. Die Last wurde automatisch einer anderen Komponente zugeteilt. Die Kommandozentrale erhielt eine Nachricht, und der Techniker ersetzte das beschädigte Teil, während die Maschinen weiterbrummten.
Zu alledem existierte ein identisches Rechenzentrum zwei Flugstunden entfernt im Landesinneren. Das war zwar keine architektonische Perle, wie dasjenige hier, aber die Maschinen in den Hallen waren exakt die Gleichen. Alle Daten wurden an beiden Orten gleichzeitig geführt. Sollte die Hauptanlage in die Luft fliegen, würde auf die Ausweichstation umgeschaltet, und nach spätestens zwei Stunden könnte jeder in der Bank wieder so arbeiten, als wäre nichts passiert. Hier konnte und würde nichts schief gehen, da war sich Peter absolut sicher. Mochte das der bärtige Moses auch anders sehen. Aber Peter war kein geld- und machtgieriger Manager, sondern ein verantwortungsvoller Ingenieur. Und er stand mit ganzer Überzeugung hinter dem Projekt.
Und jetzt, nach zwei Jahren, war alles fertig. EVEREST hatte den Betrieb vor acht Wochen aufgenommen. Die alte EIGER-Anlage lief zur Sicherheit noch mit. Parallelbetrieb nannten sie das, und es bedeutete, dass alle Transaktionen während dieser Zeit doppelt gebucht wurden. Einerseits auf den neuen EVEREST-Systemen und andererseits als Schattenbuchung auf den alten EIGER-Rechnern. Falls mit EVEREST irgendetwas schief gehen sollte – was eigentlich gar nicht möglich war – würden sie in vierundzwanzig Stunden auf die alten EIGER-Systeme zurückschalten können. Dieser Parallelbetrieb würde genau nach Plan am Montagmorgen stoppen, und EIGER würde abgebaut werden. Die Rechner würden verkauft, oder sie würden den Entwicklungsabteilungen zugewiesen. Ab Montag würde EVEREST ohne Netz und doppelten Boden laufen. Das gewaltigste Projekt, das die Bank je unternommen hatte, wäre damit abgeschlossen.
Peter hatte seinen Schreibtisch fertig aufgeräumt. Er entschied sich bewusst, seinen Notebook-Computer hierzulassen und schloss ihn im Aktenschrank ein. Er griff nach seinem Mantel und wollte eben sein Büro verlassen, als das Telefon läutete.
Es war ein Projektleiter aus dem Aktienhandel, ein grossmäuliges Schlachtross, das seit ewigen Zeiten in diesem testosterongetriebenen Bereich IT-Projekte durchführte. Peter fluchte still. Ein Anruf am Freitagabend konnte nichts Gutes bedeuten.
Sie bräuchten übers Wochenende zusätzliche Test-Rechner, blaffte der Projektleiter. Die Sache sei oberdringend. „Die Tests müssen dieses Wochenende über die Bühne. Am Montag müssen die neuen Programme live gehen, sonst kriegen wir Ärger mit der Börsenaufsicht: zwölf Millionen beträgt die Busse dieses Mal! Die gleiche Summe noch einmal eine Woche später. Haben Sie verstanden, Peter?! Hier geht’s ums Geschäft, nicht um Technik!“
„Ich hab’s verstanden. Es ist aber nicht meine Schuld, wenn Sie schlecht geplant haben. Wie stellen Sie sich das vor? Soll ich einfach ein paar Rechner aus dem Hut zaubern? Immer müssen wir für euren Mist gerade stehen! Wie wär’s, wenn Ihr mal ein bisschen vorausdenken würdet?“
Peter war verärgert darüber, sich kurz vor den Ferien mit so einem Problem herumschlagen zu müssen. Zudem wusste er genau, dass sich der Kerl nicht so leicht geschlagen geben würde. Und richtig, der Projektleiter liess sich nicht abwimmeln. Peter mache mit seiner störrischen Art eine Menge Leute unglücklich, insistierte er. Es solle nur einmal an all die Boni denken, die er durch seine Weigerung riskiere!
„Unsere Jungs haben während Monaten Tag und Nacht gearbeitet. Wenn jetzt auf der Ziellinie alles vor die Hunde geht, werden sehr viele Leute äusserst ungehalten sein. Wichtige Leute, Peter! Seien Sie flexibel. Es soll Ihr Schaden nicht sein!“
Ausserdem, sprach der Projektleiter verschwörerisch ins Telefon, hätte er von seinen Kontakten gehört, dass die EIGER-Systeme sowieso abgeschaltet würden und man sie ihm deswegen ohne viel Aufheben geben könne. „Das Zeugs dreht ja nur noch im Leerlauf mit – oder etwa nicht? EVEREST läuft ohne Probleme und EIGER kann abgebaut werden. Technisch ist’s doch überhaupt kein Problem, wenn sie mir gleich jetzt ein paar von diesen Rechnern zuweisen. Eine paar Befehle in die Konsole gehackt, und los geht’s. Peter, machen Sie mich glücklich!“
Peter, der selbst auch keine technischen Probleme sah, berief sich trotzdem auf den Plan und hielt dagegen: „Ich kann nicht einfach Rechenkapazität rumschieben, grad so wie es mir passt. Es gibt einen Plan. Es gibt Abmachungen. Man muss sich darauf verlassen können, dass sie eingehalten werden!“
„Schade, schade, Peter! Sie tun der Bank und sich selber damit nichts Gutes. Das können Sie mir glauben. Bleiben Sie in Ihrem Büro! Sie werden gleich noch einen Anruf bekommen.“
Er hatte auf Befehlston umgestellt, und Peter hatte eine Ahnung, was nun kommen würde. Er lag damit richtig: Weniger als fünf Minuten später klingelte das Telefon. Der Handelschef, ein berüchtigter Choleriker, brüllte gleich los. Er nannte Peter einen Geschäftsverhinderer und Bürokraten und fragte, ob er eigentlich wisse, wer hier das Geld hereinbringe, mit dem Peters Salär gezahlt wurde.
„Wenn Sie weiterhin auf dem Schlauch stehen, werde ich persönlich dafür sorgen, dass ihr Bonus gestrichen wird. Ich werde Ihnen den Geldhahn zudrehen! Keine Budgets mehr nächstes Jahr! Dann können Sie sehen, wie Sie sich durchschlagen. Sie und ihre ganze armselige Crew von Technokraten werden in dieser Bank im Leben nie mehr befördert werden! Das garantiere ich Ihnen!“
Das mit dem Bonus und dem Budget waren leere Drohungen. Der Kerl hatte dazu nichts zu sagen. Aber das mit den Beförderungen war nicht ohne Biss. Denn die Bank hatte in bester Absicht ein System eingeführt, bei dem jeder höhere Beförderungskandidat von einem breiten Kreis von Managern aus verschiedensten Einheiten beurteilt wird. Leider verstanden ein paar machtbewusste Direktoren sehr rasch, dass dieses System als Druckmittel eingesetzt werden konnte. Eine gezielt gesetzte Bemerkung über unkooperatives Verhalten genügte, und ein Kandidat war erledigt.
Peter fühlte sich plötzlich sehr, sehr müde und wollte nur noch weg. Dass der Kerl Peters Untergebene in seine Drohung einbezog, war ein neuer Tiefpunkt. Und als der Handelschef dann versicherte, dass er, falls Peter ihm entgegenkäme, ebenfalls persönlich dafür sorgen würde, dass das Gegenteil von dem passieren würde, was er angedroht hatte, gab Peter nach. Nicht für sich selber, aber zum Wohle seiner Leute. Es war Freitag vor den Ferien, und er hatte einfach keine Kraft mehr, weiter zu streiten. Und er wusste ja, technisch gesehen konnte gar nichts passieren. Ob er die EIGER-Systeme heute frei gab oder ob das jemand anderes am Montagmorgen tun würde, war egal.
„Peter, Sie sind der Grösste! Meine Sekretärin wird Sie anrufen. Kommen Sie in die Stadt, ich schicke Ihnen eine Limousine, ich lad Sie zum Dinner ein, und dann lassen wir es so richtig krachen! Ich kenne da so ein paar Lokale … Sie werden schon sehen!“
Peter legte auf. Was für ein aufgeblasener Affe! Er atmete tief durch, setzte sich persönlich an eine Konsole und hämmerte die nötigen Befehle in die Tastatur – nicht ohne Stolz darüber, dass er immer noch wusste, wie das ging. Für einen Chef über ein paar hundert Mitarbeiter war das schliesslich nicht selbstverständlich.
Mit den Befehlen, die er eingegeben hatte, zweigte er fünf Rechner aus dem EIGER-Verbund ab. Die Maschinen waren ab sofort den Aktienhändlern und ihren Ingenieuren für Tests zugewiesen. Er schrieb seinem Stellvertreter, der am Montag aus den Ferien zurück erwartet wurde, eine Nachricht. Sonst sagte er niemandem etwas davon – schliesslich wollte er seinen Mitarbeitern kein schlechtes Beispiel geben.
Wenig später stand er endlich draussen vor dem Rechenzentrum und versuchte, seinen Ärger abzuschütteln. Natürlich hätte er sich nicht einschüchtern lassen dürfen. Aber man musste auch einmal eine Fünf gerade sein lassen. Am Montag wäre alles wieder im geplanten Zustand. Er hatte einfach ein paar Dinge vorgezogen. Am Wochenende passierte IT-technisch gesehen sowieso nichts. Freitagabend war so gesehen praktisch das gleiche wie Montagmorgen. Es konnte ja nicht sein, dass er sich dadurch die Ferien verderben liesse.
Er blickte hinüber zum Meer, wo er über dem Horizont ein paar einsame Wolken ziehen sah, die sich noch schwach vor dem dunkelblauen Hintergrund abzeichneten. Peter seufzte. Morgen ging‘s in aller Herrgottsfrühe auf den Flieger. Vier Stunden Richtung Süden. Dann mit fünf Kumpels auf einer schnellen Segelyacht die Karibik durchpflügen. Von Insel zu Insel hüpfen. Die Ruhe geniessen. Bier trinken und selbst gefangene Fische essen. Ausserhalb der Reichweite von Mobilantennen. Nicht erreichbar sein. Tief, tief entspannen …
Neelam Patel stellte die Rückenlehne ihres Bürosessels aufrecht, drückte den Einschaltknopf an ihrem Computer undsetzte ihr Headset auf. Noch ein paar Minuten bis alle Programme gestartet waren, dann ginge es los. Zum Glück war heute Samstag. Obschon Neelam, wie alle ihre Kollegen, erst seit kurzem hier arbeitete, wusste sie, dass Samstag eine entspannte Schicht bedeutete. Die Firmenkunden der Bank arbeiteten heute nicht – ausser den paar Verrückten, die es auch übers Wochenende nicht sein lassen konnten. Ab und zu rief ein Kunde aus den Golfstaaten an, wo der Freitag oft frei war und am Samstag wieder gearbeitet wurde. Aber dieses Business war erst am Entstehen. Anrufe kamen selten, und alle komplizierteren Fälle aus dieser Region durften sie gleich an die Teams vor Ort durchstellen.
Das Kunden-Callcenter war als Teil des EVEREST-Projekts gebaut worden. Sie waren die Ersten, die Büros in dem achtstöckigen Gebäude bezogen, das die Bank in einer Campus-Anlage ausserhalb Bangalores errichtet hatte. Aber schon in ein paar Wochen würden sich hier weitere Gruppen einquartieren. Eine IT-Überwachung und ein IT-Helpdesk waren geplant. Dazu kämen Abteilungen, die kompliziertere Wertschriftentransaktionen abwickelten und eine, die die Buchhaltung für Private Equity Geschäfte führte. Wenn alles fertig war, würden hier fast zweitausend Mitarbeiter ihren Arbeitstag verbringen.
Heute jedoch war von dieser Zukunft noch nichts zu spüren. Das Kunden-Callcenter war spärlich besetzt. Von ihrem Platz aus konnte sie nur zwei Leute sehen. Das war einmal ihr behäbiger Chef, Mukesh Khurana, der in seinem Glaskasten sass und von dort aus die Samstagsschicht leitete. Es war bekannt, dass er die Samstage mochte, weil an diesem Tag nicht viel lief. So hatte er Zeit, seine administrativen Aufgaben zu erledigen. Böse Zungen hätten vielleicht behauptet, dass es Mukesh ganz grundsätzlich ein wenig ruhiger mochte. An Tagen an denen es hektisch zu werden drohte, überliess er die Aufsicht gerne einem seiner jungen Möchtegernnachfolger. „Die Jungen einem Stresstest unterwerfen“, nannte er das. Und danach hielt er ihnen ihre wirklichen und eingebildeten Verfehlungen vor, damit sie wussten, wie unendlich weit sie noch vom ersehnten Ziel entfernt waren, ihn zu beerben.
Neelam interessierte sich nicht für solche Spielchen. Sie kümmerte sich lieber um ihre eigenen Angelegenheiten. Und um die zweite, viel wichtigere Person, die noch im Raum war. Weiter drüben – sie konnte ihn diagonal über eine Reihe von Sitzlehnen sehen, wenn sie sich ein wenig vorbeugte – sass Sanjeev Jariwala, der bestaussehende und netteste Mitarbeiter, den es je in einem Callcenter gegeben hatte. Dieser Sanjeev interessierte sie tausendmal mehr als ihr eingebildeter Chef, dem sie sowieso nicht mehr als zwölf weitere Monate gab.
Neelam seufzte und zwang sich, auf ihren Bildschirm zu sehen. Im Moment warteten keine Anrufe in der Schlange. Üblicherweise nutzte sie die tote Zeit, um Dokumentationen zu studieren, damit sie den Anrufern schneller und besser antworten konnte. Damit holte sie mehr Punkte, wenn die Kundenzufriedenheit gemessen wurde. Am Ende des Jahres bekam sie für ihre Anstrengungen einen kleinen Bonus. Damit würde sie ihrer Mutter etwas Schönes kaufen, vielleicht ein paar Meter Seidenstoff aus dem neuen Laden in der Stadt, einem Ort, wo ihre Familie in hundert Jahren nie hinkäme.
Handbücher studieren hatte noch einen anderen Vorteil. Wenn sie konzentriert in ihren Dokumenten las, dann schaute sie nicht hinüber zu Sanjeev. Sie schmachtete ihn nicht an und träumte auch nicht von einer Hochzeit, die nach allen Regeln der Kunst abliefe, über drei Tage und mit dreihundert Gästen. Sie schüttelte verärgert den Kopf und rief sich in Erinnerung, dass eine solche Hochzeit selbst unter glücklichsten Umständen nie stattfinden würde. Ihre Familien stammten aus Regionen, die zwei Tagesreisen voneinander entfernt lagen. Die Dörfer gehörten verschiedenen Universen an. Die beiden Familien hätten nicht ein einziges Wort miteinander wechseln können. Ihre Sprachen hatten etwa so viel miteinander zu tun wie baskisch und koreanisch. Weder Neelams Vater, noch ihre Mutter sprachen Hindi oder gar Englisch und seine Eltern natürlich auch nicht. Beide Familien hatten ihre Kinder zwar ziehen lassen und sperrten sich nicht kategorisch gegen alles Moderne – aber sie lebten doch in einer sehr isolierten Welt. Neelams Grossmutter war in ihrem ganzen Leben ein einziges Mal in der Stadt gewesen. Und die lag weniger als zwanzig Kilometer vom Dorf entfernt.
Neelam öffnete ein Dokument mit dem Titel NTFMS – New Trade Finance Management System. Sie begann zu lesen, aber von Handelsfinanzierung verstand sie kein Wort. Was um Himmels Willen war denn ein Letter of Credit? Sie schaute im Glossar nach, verlor den Faden aber gleich wieder. Das war definitiv nicht ihr Gebiet – und überhaupt: Das alles brauchte sie gar nicht zu wissen. All die abstrakten Begriffe … Um wieviel handfester war doch da ihre geheime Liebe zu Sanjeev. Sie sah sich zusammen mit Sanjeev beim Einkaufen, und sie sah sich, wie sie glücklich ihren gemeinsamen Sohn in den Armen hielt. Weiter und weiter phantasierte sie, bis Bilder in ihrem Kopf aufstiegen, die so angenehm wie unanständig waren und die ihre Wangen erglühen liessen. Sie musste sich dringend zusammenreissen. Wenn jetzt jemand anrief, dann könnte sie nur dumm vor sich hinstammeln, und wenn Mukesh per Zufall ihre Leitung überwachte, dann wäre sie geliefert. Sie würde den Job verlieren und in Schande in ihr Dorf zurückkehren müssen. Dort würde man sie mit einem Dorfjockel verheiraten und das wär‘s dann gewesen. Sie würde nicht aufhören können von Sanjeev zu träumen, während sie der Jockel rumkommandierte, und ihr bliebe nichts anderes übrig, als alleine in die Berge zu laufen, um da im Schnee zu erfrieren. Dann doch lieber Handbücher studieren …
Plötzlich nahm sie etwas wahr, was nicht stimmte! Ihr sanfter Sanjeev, der liebenswürdigste Mensch, den sie kannte, der Sanjeev, der ihr schon zweimal in der Pausenzone beim Tee gute Tipps gegeben hatte, war ausser sich. Er schien einen sehr schwierigen Kunden am Apparat zu haben, denn er war beim Telefonieren aufgestanden und hob die Hände abwehrend vor die Brust, so als erwarte er gleich geschlagen zu werden. Neelam wollte ihm zu Hilfe eilen, doch sie sah, dass auch Mukesh in seinem Glaskasten aufgestanden war und bereits zornig zu Sanjeev hinüberblickte. Mukesh drückte einen Knopf, um in das Gespräch hineinzuhören. Das schien jedoch eine Sekunde später bereits zu Ende zu sein, denn Sanjeev setzte sich zitternd, während Mukesh wütend aus seinem Büro gestürmt kam und Sanjeev zu sich winkte.
In diesem Moment erklang das Anrufsignal. Neelam meldete sich und fragte, wie sie helfen könne. Auf dem Bildschirm erschienen die Daten des Kunden. Wenn das Callcenter-System die eingehende Telefonnummer erkennen konnte, versuchte es, den Kunden zu identifizieren und den Mitarbeitern die wichtigsten Informationen einzublenden. Das gab dem ganzen einen persönlichen Touch. „Der Kunde steht bei uns im Zentrum“, war schliesslich einer der zwanzig goldenen Leitsätze der Bank. Das System hatte offensichtlich einen Treffer gefunden. Eine Handelsgesellschaft in Singapur mit mehreren Namen von Personen, die handlungsbevollmächtigt waren. Chinesen oder Malaien vielleicht – sie kannte sich da nicht so gut aus. Drei Kontokorrentkonten, Britische Pfund, Singapur- und US-Dollar. Kontostände zwischen dreissig- und hunderttausend. Sie war erleichtert. Manchmal riefen am Wochenende auch wirklich reiche Kunden an, wenn sie ihre Berater nicht direkt erreichen konnten. Manche von denen hatten völlig überzogene Vorstellungen davon, was die Agenten im Callcenter überhaupt für sie tun durften. Diese Kunden konnten sehr unangenehm werden, wenn man ihre Probleme nicht auf der Stelle lösen konnte. Ihr Anrufer schien jedoch höflich und sprach ein gewähltes Englisch. Ausbildung in England, vermutete Neelam. Glück gehabt.
„Entschuldigen Sie, dass ich an einem Samstag anrufe. Ich konnte meinen Kundenberater leider nicht erreichen.“
„Keine Ursache, Sir, wir sind gerne für Sie da.“
„Wir haben da ein kleines Problem. Der Saldo auf unserem US-Dollarkonto stimmt nicht.“
Wieder einmal so einer, dachte Neelam. Sie ging die Szenarien durch: Jemand anderes hatte Geld transferiert, ohne den Anrufer zu informieren; oder ein Transfer war automatisch durch ein Computerprogramm ausgelöst worden. Bei Firmen gab es dafür ein Dutzend Möglichkeiten. Oder der Anrufer zählte falsch zusammen. Man würde es nicht glauben, aber das kam häufiger vor, als man meinte. Oder – und das waren die schlimmsten Fälle – der Anrufer konnte der Wahrheit nicht ins Auge sehen. Der Wahrheit nämlich, dass da einfach nicht so viel auf dem Konto lag, wie man vielleicht gerade dringend benötigt hätte. In ihrer Verzweiflung riefen manche die Bank an, und behaupteten etwas Unsinniges, nur um Dampf abzulassen oder einfach, um jemand anderem die Schuld zu geben. Am Schluss brüllten oder weinten sie hysterisch, je nach Temperament. Aber zum Glück kam solches nur selten vor. Wahrscheinlich war alles nur ein Missverständnis. Also immer ruhig und höflich bleiben. „Einen Moment bitte, Sir, ich muss sie zuerst identifizieren.“
Sie musste sich nochmals nach seinem Namen erkundigen, da sie nicht richtig hingehört hatte, als er ihn zum ersten Mal genannt hatte. Die Namen der Bevollmächtigten, die auf dem Bildschirm geschrieben standen, tönten für ihre Ohren zu ähnlich, als dass sie sich hätte sicher sein können. Anfängerfehler. Sanjeevs romantischer Einfluss. Reiss dich zusammen!
Der Anrufer wiederholte seinen Namen, immer noch mit britischem Akzent, aber schon mit einer Spur weniger Freundlichkeit im Ton. Sie fand den Namen in der Liste und klickte ihn an. Eine Uhr erschien auf dem Bildschirm. Sie zeigte an, dass das System etwas gefunden hatte, dass es aber eine Weile dauern würde, bis die Daten angezeigt werden konnten.
Der Anrufer mochte nicht so lange warten: „Hören Sie, ich habe keine Zeit hier lange mit Ihnen rumzutrödeln. Ich will nur, dass Sie den Fehler korrigieren und zwar rasch!“
Auf dem Bildschirm erschienen die verschwommene Kopie eines Passfotos und eine ganze Reihe von Daten, die Neelam zuerst überblicken musste. Der Anrufer war nicht nur Firmen- sondern auch Privatkunde der Bank.
„Sir, darf ich sie bitten, mir zu sagen, wie viele Kinder Sie haben? Und wieviel Geld Sie in Aktienfonds angelegt haben?“
„Bitte?“ fragte der Anrufer indigniert. „Das geht Sie gar nichts an! Meine privaten Daten haben Sie nicht zu interessieren. Warum sehen Sie die überhaupt? Ich erwarte von meiner Bank höchste Diskretion. Ich werde mich beschweren!“
„Reine Routine, Sir“, versuchte Neelam zu beschwichtigen. „Ich will nur sicherstellen, dass Sie auch der sind, als den Sie sich ausgeben.“
Fehler! Um Himmels Willen, dachte sie, lief denn heute alles schief? Sie hätte sagen müssen, dass sie sicherstellen wollte, dass niemand anders unter seinem Namen anrief. Inhaltlich war das das gleiche, aber die Kunden reagierten ganz anders auf diese Formulierung.
„Drei Kinder! Das ist alles, was Sie von mir erfahren.“ In dem Moment, als er antwortete, sah sie auf dem Bildschirm den Betrag, den er als Privatperson in verschiedene Aktienfonds investiert hatte. Sie schluckte. Sie verstand nun, wieso der Anrufer darauf bestand, ohne dumme Fragen erkannt zu werden. Sie knickte ein und verzichtete auf weitere Prüfungen.
„Danke für ihre Geduld, Sir. Der Kontostand ist 43‘969 Dollar und 55 Cent.“
„Danke, das habe ich selber sehen können. Aber der Kontostand stimmt nicht. Haben sie mich denn nicht verstanden?“
