3,99 €
Es gibt kein Gebiet der Medizin im weitesten Sinne, der Psychotherapie im engeren Sinne, welches mit so vielen Vorurteilen behaftet ist, wie die Hypnotherapie. Und jeder Mensch ist bekanntlich geneigt, ein Vorurteil im Gegensatz zu einem fundierten Urteil wider besseres Wissen nicht aufzugeben! - Ein geradezu schmerzliches Ergebnis der Forschung der Sozialpsychologie! Trotzdem ein Büchlein über Hypnotherapie? - Ein Kampf gegen Windmühlenflügel? - Hoffentlich nicht! Ich möchte kein wissenschaftliches Werk über Hypnose bzw. Hypnotherapie schreiben. Aber ich wäre froh, wenn es mir gelänge, ein kleines Fünkchen von meiner eigenen Begeisterung über die Praxis der Hypnotherapie auf die drei potenziellen Leser dieses Büchleins überspringen zu lassen. Ich möchte Sie ausdrücklich ermuntern: Lassen Sie sich, wenn Sie eine psychische Störung haben, von einem guten Hypnotherapeuten behandeln, der nach dem amerikanischen Psychiater Milton H. Erickson therapiert, anstatt sich mit Psychopharmaka zudröhnen zu lassen oder sich in eine endlose Psychoanalyse zu begeben. Übernehmen Sie wieder die volle Verantwortung für Ihr Leben und lassen Sie nicht den Therapeuten, sondern Ihr eigenes Unbewusstes in der Therapie die Regie führen! Otto Bürckner
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 243
Veröffentlichungsjahr: 2015
Über den Autor
Otto Bürckner wurde am 10.05.1939 in Hannover geboren. Er absolvierte das Studium für das Lehramt am Gymnasium mit den Fächern Mathematik und Sport an der Technischen Hochschule Hannover. Von 1965 bis 1996 war er im niedersächsischen Schuldienst tätig, und zwar als Gymnasiallehrer, u. a. vier Jahre an der Deutschen Evangelischen Oberschule in Kairo (Ägypten), als Ausbilder für Mathematik an einem Studienseminar für Gymnasiallehrer und als Leiter eines Gymnasiums.
Von 1997 bis 2011 arbeitet er als Heilpraktiker und Hypnotherapeut in eigener Praxis.
Otto Bürckner
Hypnose
Eine faszinierende Welt zwischen Realität und Fiktion
Eine Sammlung unglaublicher, aber wahrer Heilungsgeschichten
© 2015 Otto Bürckner
ISBN:
978-3-7323-6244-8 (Paperback)
978-3-7323-6245-5 (e-Book)
Verlag:
tredition GmbH
Bildnachweis:
© Fotolia 45078133 | Urheber: Friedberg (Titel)
© Wolfgang G. Schneider, Warstein (Innen)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhalt
Einstimmung
Der Mohr von Wales
Der Junge, der seine Angst vierzig Jahre mit sich trägt
Der Wolf zwischen zwei Welten
Der Mann in der Kirche
Der Mann, der seinen Vater sucht
Das aggressive Eichhörnchen und der Fuchs ohne Fell
Der „Frosch“, der eine Phobie auslöst
Der Hund, der seinen Job tut
Der Junge, der seine Geschwister nicht kennt
Das Mädchen mit der Federnphobie
Die Akne, die keine echte Akne ist
„Vaterliebe“
Der Versuch eines kurzen Schlussworts
Einstimmung
Es gibt kein Gebiet der Medizin im weitesten Sinne, der Psychotherapie im engeren Sinne, welches mit so vielen Vorurteilen behaftet ist, wie die Hypnotherapie. Und jeder Mensch ist bekanntlich geneigt, ein Vorurteil im Gegensatz zu einem fundierten Urteil wider besseres Wissen nicht aufzugeben! - Ein geradezu schmerzliches Ergebnis der Forschung der Sozialpsychologie!
Trotzdem ein Büchlein über Hypnotherapie? – Ein Kampf gegen Windmühlenflügel? – Hoffentlich nicht!
Ich möchte kein wissenschaftliches Werk über Hypnose bzw. Hypnotherapie schreiben. Aber ich wäre froh, wenn es mir gelänge, ein kleines Fünkchen von meiner eigenen Begeisterung über die Praxis der Hypnotherapie auf die zwei oder drei potenziellen Leser dieses Büchleins überspringen zu lassen. Ich möchte Sie ausdrücklich ermuntern: Lassen Sie sich, wenn Sie eine psychische Störung haben, von einem guten Hypnotherapeuten behandeln, der nach dem amerikanischen Psychiater Milton H. Erickson therapiert, anstatt sich mit Psychopharmaka zudröhnen zu lassen oder sich in eine endlose Psychoanalyse zu begeben. Übernehmen Sie wieder die volle Verantwortung für Ihr Leben und lassen Sie nicht den Therapeuten, sondern Ihr eigenes Unbewusstes in der Therapie die Regie führen!
Noch einmal: Ich möchte kein wissenschaftliches Werk über Hypnose oder Hypnotherapie schreiben. Aber ich möchte Sie ermuntern: Lassen Sie sich, wenn Sie psychische Probleme, eine psychische Störung, haben, von einem guten Hypnotherapeuten behandeln, der nach dem amerikanischen Psychiater Milton H. Erickson therapiert, anstatt Sie mit Psychopharmaka zuzudröhnen oder Sie jahrelang bei einer endlosen Psychoanalyse frei assoziieren zu lassen. Übernehmen Sie selbst die volle Verantwortung für Ihr Leben und lassen Sie nicht den Therapeuten, sondern Ihr eigenes Unbewusstes in der Therapie die Regie führen!
‘Wem das Herz voll ist, dem fließt der Mund über’! So oder so ähnlich heißt ein altes Sprichwort. – Und es stimmt!
Schon lange gehe ich mit dem Gedanken schwanger, meinen Mund überfließen zu lassen. Aber die Zeit musste erst reif sein. – Jetzt ist sie reif!
Jetzt, nachdem ich mit Interesse das sehr lesenswerte Buch ‘Die zahlreichen Leben der Seele’ von Bian L. Weiss gelesen habe, nachdem ich seinen Kampf Brian L. Weiss gegen Brian L. Weiss nachvollzogen habe, nachdem mir seine Zweifel hinsichtlich der tatsächlichen Existenz und der wissenschaftlichen Nachweisbarkeit von Ereignissen aus früheren Leben aus der Seele gesprochen haben, ist die Zeit für mich reif. Aber auch die für mich immer wieder faszinierende Tatsache, dass es für das Unbewusste eines Patienten keinen Unterschied darstellt, ob es Ereignisse aus einem früheren Leben oder aus diesem Leben preisgibt, wenn sie denn für eine akute Störung verantwortlich sind, bestärkt mich in meinem Vorhaben, von meiner Erfahrung und meiner Begeisterung bezüglich der Hypnotherapie als nebenwirkungsfreie und erfolgversprechende Psychotherapie Zeugnis abzulegen.
Hypnose! – Von jeher ein Zauberwort für mich!
Als kleiner Junge hat mir meine Großmutter erzählt, sie habe in einem Varieté einmal einen Hypnotiseur erlebt, der eine Frau aus dem Publikum hypnotisiert habe.
Meine Großmutter, eine sehr einfach strukturierte Frau, hatte natürlich keine Ahnung, was das eigentlich war, Hypnotisieren oder Hypnose. Aber sie hat die Geschichte erzählt, wie sie sie erlebt hat, und es war für mich eine faszinierende Geschichte.
Was genau hat mich daran so fasziniert? Ich wusste es nicht. Aber ich nötigte meine Großmutter mehrfach dazu, diese Geschichte noch einmal zu erzählen. Und jedes Mal war ich wieder gleichermaßen fasziniert.
Ähnlich erging es mir ein paar Jahre früher mit dem Märchen von Schneeweißchen und Rosenrot. Obwohl ich jedes Wort auswendig kannte, musste meine Großmutter es immer und immer wieder erzählen. Und jedes Mal musste ich wieder weinen. Wie beim ersten Mal!
Und irgendwann – ich war schon ungefähr 45 Jahre alt – saß ich beim Zahnarzt und blätterte mehr oder weniger gelangweilt in einer Zeitschrift. Plötzlich klebte mein Blick wie elektrisiert an einer Anzeige:
HYPNOSE
Lassen Sie sich ausbilden
zum
HYPNOTISEUR
Wie in Trance ging ich zur Rezeption der Praxis, lieh mir einen Kugelschreiber aus und notierte mir die Telefonnummer. Drei Monate später war ich Hypnotiseur!
An dieser Stelle muss ich dringend etwas klarstellen: Der Mann, der das Seminar anbot, hatte irgendwo einmal das Hypnotisieren gelernt. Und den „Trick“, wie man jemanden „just for fun“ in Trance versetzt, gab er in einem Wochenendseminar weiter, ohne ihn selbst richtig verstanden zu haben.
Das hatte natürlich absolut nichts mit Hypno-Therapie zu tun.
Unnötig zu erklären, dass mich der hautnahe Kontakt mit der Hypnose natürlich faszinierte, dass ich mich toll fühlte, einen Menschen hypnotisieren zu können, dass mich aber diese ‘Ausbildung’ überhaupt nicht befriedigte.
Was machte man damals in grauer ‘Vor-Internet-Zeit’, also vor gut 30 Jahren, als mindestens mittelmäßig gebildeter Mitteleuropäer, wenn man über ein Phänomen etwas wissen wollte? – Ja, ich weiß, heute würde man als erstes googeln. Aber damals? Ich rede über die ‘Vor-Google-Zeit’!
Ich jedenfalls ging in eine Bibliothek. Und so las ich nach und nach vieles über Hypnose. Richtiges und weniger Richtiges, Interessantes und weniger Interessantes. Und je mehr ich darüber las, desto mehr Hochachtung vor der Therapiemethode Hypnose bekam ich, und desto besser konnte ich beurteilen, dass meine oben erwähnte ‘Ausbildung’ absolut untauglich als Ausbildung zum Hypno-Therapeuten war!
Durch mein Studium der einschlägigen und weniger einschlägigen Literatur wusste ich, dass es neben weniger seriösen auch seriöse Ausbildungsinstitute für Hypnotherapie gibt. Und in einem solchen Institut, dem Milton-Erickson-Institut (MEG), habe ich dann nach langem Bemühen einen Ausbildungsplatz bekommen.
Wieso ‘nach langem Bemühen’? Nun, dieses Institut bildete damals nach eigenen Aussagen nur Psychologen und Ärzte aus. ‘Und eine Ausnahme für einen interessierten Laien gibt es nicht’! sagte man mir auf meine Anfrage. Durch einen Zufall (Ich bin überzeugt: Zufälle gibt es nicht!) erfuhr ich, dass das Institut auch Zahnärzte ausbildete. Allerdings sei die Zeit eines Zahnarztes im Rahmen einer Zahnbehandlung zu kostbar, um jeweils einige Minuten lang eine Trance zu induzieren. Deshalb nähmen nicht die Zahnärzte selbst, sondern ihre Zahnarzthelferinnen an einer solchen Ausbildung teil. So versetzte dann eine Helferin den Patienten B in eine zur Behandlung geeignete Trance, während der Herr Doktor noch schnell den Patienten A behandelte. Nach einigen nicht immer einfachen Diskussionen gelang es mir dann, als ‘Hypnoseassistent in einer psychologischen Praxis’ beim Milton-Erickson-Institut einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Auch hier hatte die Lebensweisheit des alten Herrn Goethe gegriffen: ‘Wer immer strebend sich bemüht, ...’
Seit dieser Zeit war ich fünfzehn Jahre in eigener Praxis als Heilpraktiker und Hynotherapeut tätig. Während dieser Tätigkeit ist meine Faszination der Hypnose gegenüber täglich gewachsen, genau genommen der Hypnotherapie nach Milton H. Erickson gegenüber.
Das große Verdienst von Milton H. Erickson – sehr knapp erklärt – liegt meines Erachtens darin, dass er den Therapeuten nicht als Allwissenden auftreten lässt und ihn ein für die aktuelle Störung verantwortliches Trauma quasi als Nadel im Heuhaufen finden lässt, sondern ihn lediglich als fach- und sachkundige Hilfestellung betrachtet, während er den Patienten selbst turnen lässt. Das heißt: Er geht davon aus, dass nur der Patient, und zwar sein Unbewusstes, selbst weiß, was genau für ihn ein Trauma darstellt und wann und wo es sich ereignet hat. Also gilt es, das Unbewusste des Patienten davon zu überzeugen, das Trauma preiszugeben. Das wird das Unbewusste aber erst dann tun, wenn es davon überzeugt ist, der Patient also so weit vorbereitet ist, dass die Aufdeckung seines Traumas keine erneute Traumatisierung bedeutet.
Das Unbewusste des Patienten als dessen Freund führt die Regie in der Therapie!
Und davon gibt dieses Büchlein Zeugnis an ausgewählten Beispielen.
Ein letztes Mal: Dies ist kein wissenschaftliches Werk über Hypnotherapie. Weit gefehlt! Mein ‘Streit’ mit mir selbst hinsichtlich der wissenschaftlichen Begründbarkeit des Explorierens von Traumata mittels Hypnose hat stattgefunden, bevor ich dieses Büchlein geschrieben habe. – Bei jedem verantwortungsbewussten Hypnotherapeuten gibt der Patient nicht die Verantwortung und vielleicht sogar die Würde mit dem Krankenkassenkärtchen an der Rezeption ab, sondern der folgende Satz von Milton H. Erickson ist ehernes Gesetz: „Das Unbewusste des Patienten führt die Regie!“
Dieses Büchlein soll Appetit machen und ihn nicht verderben. Es ist keine theoretische Abhandlung, sondern es erzählt wahre Geschichten, schildert Episoden und regt mit Metaphern zum Nachdenken an. – Nicht mehr und nicht weniger!
Der Mohr von Wales
Elisabeth Rauche wacht in Schweiß gebadet auf. Zunächst findet sie sich überhaupt nicht zurecht. Sie schaut sich mehrfach im Zimmer um, ehe sie begreift, dass sie sich in ihrem eigenen Schlafzimmer befindet. Der Wecker auf ihrem Nachttischchen zeigt 7:45 Uhr. Mit einem Satz springt sie aus dem Bett. Taumelnd steht sie davor und hält sich am Bettpfosten fest, um nicht zu stürzen.
„Verdammt! Ich habe verschlafen!“
Es schießt ihr durch den Kopf, dass sie längst ihre Tochter Betty zur Schule gebracht haben müsste und auf dem Weg zur Arbeit hätte sein müssen. Ihr ist schwindelig. Das ist ihr immer, wenn sie zu schnell aufsteht. Aber das gibt sich, wenn sie einen Moment wartet. Sie ist sowieso zu spät dran. Da kommt es auf diesen Moment auch nicht mehr an.
Ganz allmählich merkt sie, dass ihr Gehirn im Begriff ist, zur Normalleistung überzugehen. Dann schießt es ihr durch den Kopf:
„Verflucht! – Heute ist ja Sonntag! Keine Arbeit! Keine Schule! – Wieso stehe ich dann schon so früh auf?“
Mit immer noch leicht wackeligen Knien geht sie in die Küche. Sie nimmt sich eine Saftflasche aus dem Kühlschrank, gießt sich ein bisschen in ein Glas und trinkt. Sie stellt das Glas ab und bleibt unschlüssig stehen.
„Was ist bloß los mit mir?“ denkt sie. „Langsam glaube ich, ich werde verrückt. Das kann doch so nicht weitergehen!“
Elisabeth Rauche schaut kurz in das Zimmer ihrer zehnjährigen Tochter Betty. Diese liegt schlafend in ihrem Bett. Elisabeth geht wieder ins Schlafzimmer und legt sich wieder hin. Sie schaut an die Maserung der Holzdecke und lässt ihren Gedanken freien Lauf.
Vor einem Jahr hat sie sich von Harald, ihrem Mann, getrennt. Sie hat die vielen Liebschaften, die er neben ihr gehabt hat, nicht mehr ertragen können. Seit der Scheidung hat er sich rührend um Betty gekümmert.
Jedes zweite Wochenende hat Betty bei ihm und seiner Freundin verbracht. Seine Freundin ist eine nette, resolute Frau, die seine kleine Tochter auch mag. Elisabeth hat immer ein gutes Gefühl, wenn sie ihre Tochter am Freitagabend bei ihrem Exmann abgibt. Sie hat sie sogar vor einem knappen halben Jahr in die Obhut ihres Exmannes geben können, als sie zwei Wochen Urlaub gemacht hat. Und dass es Betty gefallen hat, hat sie daran gemerkt, dass sie ihr, als sie wieder zu Hause war, alle Erlebnisse mit leuchtenden Augen haarklein geschildert hat. Ein paar Gedanken hat sie sich schon gemacht, bevor sie in Urlaub gefahren ist. Aber im Nachhinein haben sich diese als unnötig herausgestellt. Darüber ist sie sehr froh.
Elisabeth hat ihren Urlaub sehr genossen. Sie ist mit ihrem kleinen Auto nach Calais gefahren, hat sich durch den Tunnel schleusen lassen und ist dann einfach durch die wunderschöne Landschaft von Devon und Cornwall gefahren. Abends hat sie sich immer bed and breakfast genommen, in einem Restaurant eine Kleinigkeit gegessen, und dann ist sie früh schlafen gegangen. Dadurch ist sie am nächsten Tag topfit gewesen. In der zweiten Woche ist sie dann nach Wales gefahren und hat sich einige alte Burgen angesehen. Sie liebt es, sich mit der Geschichte dieser alten Gemäuer zu beschäftigen. Und wenn sie dann über die Zinnen einer so alten Burg geblickt hat, dann sind in ihr Bilder von dem möglichen Leben und Treiben in dieser Burg hoch gekommen, und zwar so lebendig, als seien sie real.
Insgesamt ist es ein sehr erholsamer Urlaub gewesen. Eigentlich hat sie ja noch kurz vorher alles stornieren wollen. Sie hatte Angst, dass das alles viel zu teuer würde. Schließlich hat sie sich ja einer Umschulungsmaßnahme unterziehen wollen. Und da braucht sie sicher jeden Pfennig. Aber dann hat sie sich doch entschlossen, den Urlaub anzutreten, denn den hat sie dringend gebraucht. Sie hat einfach mal raus müssen! Im Nachhinein hat sie es nicht bereut.
Wenn da nur nicht immer dieser Albtraum wäre! – Plötzlich kommen ihr wieder die Bilder in den Kopf, die sie in der Nacht im Traum überfallen haben. Das ist schrecklich gewesen! Immer wieder sind die gleichen Bilder in ihr hoch gekommen. Sie ist dann in der Nacht aufgestanden und hat eine Tablette genommen, um sich etwas zu beruhigen. Aber kaum hat sie wieder im Bett gelegen, sind die gleichen Bilder wieder in ihr aufgestiegen:
Sie sieht einen weißen Leuchtturm. Während sie darauf zugeht, wächst in ihr eine Unruhe, die, je näher sie dem Leuchtturm kommt, immer mehr zur Angst wird. In den Leuchtturm führt eine schwarze Tür hinein. Trotz ihrer Angst geht sie hinein. Obwohl der Leuchtturm aus Glas ist, ist es im Innern stockfinster. Ihre Angst wächst. Sie geht die Wendeltreppe hoch. Dabei bemerkt sie plötzlich, dass sie sich gar nicht mehr im Leuchtturm befindet. Sie liegt auf einem Pferdewagen, der in stockdunkler Nacht über das Kopfsteinpflaster eines Hofes und dann aus dem Tor hinaus fährt. Rechts und links hört sie trotz des Rumpelns des Wagens Menschenstimmen.
Dann schiebt sich von links eine Art Netz über das Bild, und sie sieht schließlich überhaupt nichts mehr, nur ein einziges tiefes Schwarz. Sie hat Todesangst.
Ja, genau so hat sie es heute Nacht erlebt. Und nicht nur heute Nacht! In letzter Zeit hat sie diesen Traum immer häufiger. Es ist immer dasselbe, was sie träumt. Und immer dann, wenn sie auf diesem rumpelnden Pferdewagen liegt, kommt das tiefe Schwarz, und ihre Todesangst ist auf dem Höhepunkt. Und dann wacht sie auf. Dann ist sie immer wie in Schweiß gebadet und zunächst einmal völlig desorientiert.
Was mag das wohl bedeuten? Das kann doch nicht so weiter gehen! Vielleicht sollte sie sich professionelle Hilfe holen!
Ihre Gedanken werden unterbrochen, weil Betty in ihr Zimmer kommt. Sie kommt in ihr Bett und kuschelt sich an.
„Hast Du gut geschlafen, mein Schatz?“ fragt sie ihre Tochter.
Diese antwortet nicht, sondern kuschelt sich noch mehr und noch fester an ihre Mutter.
„Hast Du geträumt?“
Betty antworte mit einem eher kläglichen „Ja!“.
„Etwas Schönes?“
„Nein!“
„Das tut mir leid! Magst Du es mir erzählen?“
„Nein!“
„Dann stehen wir jetzt auf, holen Brötchen, und frühstücken dann ganz gemütlich, ja?“
Betty macht ein etwas unglückliches Gesicht, ist dann aber einverstanden.
***
Es klingelt an der Praxistür. Ich öffne die Tür.
„Guten Tag! – Frau Rauche, vermute ich.“
„Guten Tag! Ja, Elisabeth Rauche. Ich habe einen Termin bei Ihnen. Ich bin wohl ein bisschen zu früh?“
„Das macht überhaupt nichts, Frau Rauche. Kommen Sie herein. – Bitte nehmen Sie Platz! Was kann ich für Sie tun?“
Elisabeth Rauche erzählt von ihren nächtlichen Albträumen und endet mit dem verzweifelt klingenden Satz:
„Ich glaube, ich werde verrückt!“
„Na, na! So schnell geht das nicht mit dem Verrücktwerden!“ sage ich.
„Ich denke, da werden wir beide mit aller Macht versuchen, einen Riegel vorzuschieben.“
Dann stelle ich ein paar gezielte Fragen und mache mir Notizen. Ich erfahre die Lebensgeschichte von Elisabeth bis hin zur Scheidung und ihrem letzten Urlaub.
Nachdem die Anamnese, die notwendigen Fragen der Abrechnung und die Frage, welche Therapieform hier sinnvoll ist, geklärt sind, versetze ich Elisabeth Rauche in Trance. Es dauert nur höchstens fünf Minuten, da befindet sie sich mitten in dem Geschehen ihres Traumes.
Da ist wieder der gläserne Leuchtturm, in dessen Innern es stockfinster ist, die Wendeltreppe, die Elisabeth aber nicht zu Ende geht. Dann befindet sie sich wieder auf einem rumpelnden Gefährt. Und wieder nimmt sie Stimmen wahr, die vom Straßenrand her kommen. Sie schreit laut. Sie zeigt alle Symptome größter Angst.
Ich suggeriere ihr, sie solle doch in der Zeit ein wenig zurück gehen, und zwar in die Zeit hinein, die vor diesem schrecklichen Ereignis liege, und davon solle sie erzählen.
Elisabeth wird sichtlich ruhiger. Allmählich beruhigt sich auch ihre Atmung. Ihre Gesichtszüge entspannen sich, und sie beginnt zu erzählen: „Ich sehe eine prachtvolle Burg.“
„Wo befindet sich diese Burg?“
„Die Burg liegt auf einem Felsen. Von dort aus kann man weit über das Land und auch über das Meer blicken.“
„Dann liegt die Burg also auch am Meer, weil der Felsen am Meer liegt?“
„Ja, am Fuße des Felsens ist das Meer. Um den Hafen herum liegt ein kleines Städtchen.“
„Und in welchem Land liegt das kleine Städtchen?“
„Das weiß ich nicht.“
„Das ist nicht schlimm! Mögen Sie mal zu der Burg hinauf gehen?“
„Da bin ich doch schon. Ich stehe ganz oben auf dem Turm, wo die Zinnen sind und schaue hinunter. Und da sehe ich das Städtchen und den Hafen.“
„Da geht es Ihnen ja anscheinend richtig gut, da auf der Burg, nicht wahr?“
„Nein! Mir geht es nicht gut.“
„Was ist denn los?“
„Ich weiß es auch nicht. Aber mir geht es nicht gut. Ich habe Angst.“
„Wovor?“
„Ich weiß es nicht.“
Ich frage mehrere Male nach, aber erfolglos. Dann bitte ich die Patientin, sich an einen Ort zu begeben, an dem es ihr richtig gut geht, an dem sie sich sehr wohl fühlt und an dem sie Kraft tanken kann.
Elisabeth Rauche beschreibt eine Wiese, auf der sie liege, auf der es viele bunte Blumen gebe. Dort fühle sie sich sehr wohl. Dort spiele sie mit ihrer Tochter.
Die erste Therapiestunde ist zu Ende.
***
Wieder wälzt sich Elisabeth in Albträumen. Jeder Traum hat denselben Inhalt: Die Fahrt mit dem rumpelnden Gefährt. Zusätzlich taucht als Motiv die Situation auf, die sie in der Trance gesehen hat: Der Turm mit den Zinnen, zu dessen Fuß das Städtchen am Hafen liegt. Zwar hat sie auch im Traum ein wenig Angst, als sie oben auf dem Turm steht, aber dieses Angstgefühl ist lange nicht so intensiv wie das auf dem rumpelnden Gefährt.
Das geht so fast jede Nacht. Am Morgen steht sie dann wie gerädert auf.
– Die Zeit bis zur nächsten Therapiestunde geht viel zu langsam vorbei!
***
„Beim letzten Mal standen Sie auf den Zinnen einer Burg und fühlten sich nicht besonders wohl“, sage ich, nachdem ich Elisabeth Rauche in eine gute Arbeitstrance versetzt habe. „Gehen Sie doch noch einmal auf diesen Turm! – Wie fühlen Sie sich jetzt?“
„Ich habe Angst. Es geht mir gar nicht gut.“
„Dieses Angstgefühl hat ja irgendwann einmal angefangen. Gehen Sie doch einmal zurück in die Zeit oder kurz davor, als das Angstgefühl angefangen hat!“
Elisabeths Gesicht entspannt sich. Sie atmet tief durch. Dann sagt sie:
„Ich bin mit dem Burgherrn verheiratet.“
Dann gibt es eine lange Pause. Das Gesicht von Elisabeth verrät, dass es in ihrem Kopf arbeitet. Ihr Gesicht verfinstert sich wieder, als sie sagt: „Aber wir haben keine Kinder.“
„Das ist doch nicht schlimm! Wie alt sind Sie denn?“
„Ich bin schon fast dreißig. Wir bekommen keine Kinder. Wahrscheinlich nie!“
„Woher wissen Sie das?“
„Ich weiß es. Das ist so! Wir bekommen keine Kinder!“
„Ist es das, was Ihnen Angst macht, wenn Sie auf dem Dach des Turms stehen und hinunter schauen?“
„Nein!“
„Okay! Sie befinden sich in der Zeit, unmittelbar bevor Ihr Angstgefühl begonnen hat. Wie geht es Ihnen jetzt?“
„Mir geht es gut. Ich bin mit einem Burgfräulein im Hafen. Da hat ein Schiff angelegt. Da sind viele Menschen, die etwas kaufen wollen, und viele Seeleute, die etwas verkaufen.“
„Was gibt es denn da zu kaufen?“
„Ach, viele Sachen, besonders aber Gewürze. Die riechen interessant.“
„Wie sieht denn das Schiff aus?“
„Das ist ein großes stolzes Schiff mit drei Masten. Ganz vorn ist eine riesengroße Figur. Die ragt über den Bug hinaus.“
„Mögen Sie zurück zur Burg gehen und mir ein bisschen davon erzählen, was da so los ist?“
„Nein! Ich mag nicht zurückgehen!“
„Warum nicht?“
„Hier ist es viel schöner. Hier gibt es auch eine Menge Tücher in bunten Farben. Die kann ich mir alle ansehen. Hier ist es viel schöner als auf der Burg.“
„Sehen Sie einmal hoch zur Burg! Vielleicht können Sie ja jemanden dort oben erkennen?“
„Oh, Gott!“ Elisabeth greift sich an den Mund, als sei sie entsetzt. „Oh, Gott!“
„Was erschreckt Sie?“
„Oh, Gott! Diese Burg kenne ich. Die habe ich im Urlaub besichtigt.“
Elisabeth öffnet die Augen. Sie erweckt den Eindruck, als sei sie nicht mehr in Trance. Sie erzählt, und dabei sprudelt es aus ihr heraus:
„Diese Burg habe ich besichtigt. Sie liegt in Wales. Ich komme im Moment nicht drauf, wie das kleine Städtchen heißt. Aber ich erinnere mich genau: Dort gab es einen Turm mit Zinnen und einen Burghof mit grobem Kopfsteinpflaster und ein Burgtor, das aber nicht mehr erhalten war.
Ich erinnere mich genau, schon bei der Besichtigung war ich froh, als ich wieder draußen war. Ich hatte die ganze Zeit ein so komisches Gefühl. Meinen Sie, dass das etwas miteinander zu tun hat, meine Albträume und diese Burg?“
„Was meinen Sie?“
„Ich weiß es nicht! – Ich weiß überhaupt nichts mehr!“
Ich bitte die Patientin, sich von diesen Bildern zu lösen und sich auf ihre Wiese zu begeben, auf der sie sich wohl fühlt.
Dann ist die Therapiestunde beendet.
***
Elisabeth Rauche kann von Nacht zu Nacht immer schlechter schlafen. Jede Nacht dieser Traum! Er lässt sie nicht zur Ruhe kommen. Inzwischen ertappt sie sich dabei, dass sie auch tagsüber in eine Art Tagtraum verfällt und den Albtraum durchlebt. Die ganzen Tage wandelt sie umher, wie wenn sie in einer anderen Welt lebt. Immer deutlicher artikulieren sich in ihrem Kopf die Fragen:
„Was ist passiert? – Was habe ich mit der Burg zu tun?“
Inzwischen gelingt es ihr – wenigstens am Tage –, sich von dem eigentlichen Albtraum und von dem Gefühl der Todesangst frei zu machen und sich in ihrer Fantasie zu dem Schiff im Hafen zu bewegen. Dort fühlt sie sich wohl. Sie nimmt sich fest vor, es auch in der Nacht zu versuchen, aus dieser schrecklichen Angstsituation heraus zu kommen. Diese furchtbare Situation, in der sie auf dem Pferdewagen liegend aus dem Burghof gefahren wird! Wenn es ihr gelänge, sich auch in der Nacht im Traum in den Hafen oder auf ihre Wiese zu begeben, dann würde sie vermutlich nicht mehr in Schweiß gebadet aufwachen. Dann würde sie sich vermutlich auch nicht mehr wie gerädert fühlen! Als sie eines Abends ins Bett geht, nimmt sie sich das fest vor.
Kaum ist Elisabeth Rauche eingeschlafen, drängt sich ihr wieder das Bild von dem gläsernen Leuchtturm auf. Sie weiß genau, wenn sie dort hinein geht, dann laufen die Bilder wie ein Uhrwerk ab, dann wird sie unweigerlich wieder auf dem Pferdewagen liegen und Todesangst haben. Mit aller Macht wehrt sie sich, in den Leuchtturm hinein zu gehen. Aber ehe sie es sich versieht, ist sie bereits in dem stockfinsteren Innern des Leuchtturms.
„Jetzt auf keinen Fall die Stufen hoch gehen!“ Mit aller Macht stemmt sie sich dagegen, aber eine unsichtbare Kraft schiebt sie hoch. Die erste Stufe, die zweite Stufe! Sie wehrt sich noch stärker. Plötzlich wird es hell. – Einen Augenblick ist sie geblendet. Dann hört sie viele Stimmen, fröhlich feilschende Stimmen. Sie hat es geschafft: Sie ist am Hafen.
Viele Menschen schauen sich die bunten Tücher an und feilschen mit den Händlern um einen fairen Preis. Manche schnuppern an den exotischen Gewürzen und kosten ein wenig hiervon oder davon. Elisabeth fühlt sich wohl.
Die meisten der Händler haben eine dunkle Hautfarbe, einige sind gar pechschwarz. Elisabeth schaut sich die pechschwarzen Menschen besonders intensiv an. Sie sehen putzig aus, wenn zwischen ihren wulstigen Lippen eine Reihe schneeweißer Zähne aufblitzt, wenn sie lachen.
Ein besonders schöner junger Mann mit tiefschwarzer Haut und besonders weißen Zähnen schenkt ihr ein buntes seidenes Halstuch. Zunächst will sie das nicht annehmen, aber vergeblich! Er macht ihr klar, dass er tieftraurig sei, nähme sie es nicht an. Also nimmt sie es an. Sie bleibt im Hafen, bis sie eine schrille Glocke klingeln hört. Es kommt ihr vor, als vergingen Minuten, bis sie realisiert, es ist ihr Wecker, der klingelt. – Ja, es ist Zeit zum Aufstehen. Betty muss in die Schule. Mit einem Satz springt sie aus dem Bett. Als sie im Badezimmer in den Spiegel schaut, stellt sie fest, sie ist ausgeschlafen, ein Zustand, den sie schon fast aus ihrer Erinnerung gestrichen hat! Ja, es ist ihr gelungen, sich selbst aus dem Albtraum zu befreien und sich in den Hafen zu den Händlern zu begeben. Ihr fällt ein, dass der eine Händler ihr ein buntes Tüchlein geschenkt hat. Ein hübscher junger Mann! Wie alt mag der wohl sein? Fünfundzwanzig? Vielleicht!
Sie merkt plötzlich, dass sie vor ihrem Bett steht und nachschaut, ob sie das bunte Tüchlein findet.
„Elisabeth! – Reiß Dich zusammen!“ schimpft sie mit sich. „Das ist ein Traum! – Komm in die Realität zurück!“
***
Ich lasse mir von Elisabeth erzählen, dass sie zwar immer noch jede Nacht die gleiche Geschichte träumt, dass es ihr aber gelingt, die Szene, in der sie Todesangst bekommt, zu vermeiden. Sie erzählt mir, dass sie den Traum so realistisch erlebt habe, dass sie sogar nach dem Tuch gesucht habe, welches sie von dem einen Händler im Hafen geschenkt bekommen habe. Da habe sie sich allerdings selbst erschrocken und sich zur Ordnung gerufen.
Ich verabrede mit ihr, sie solle in der Trance dasselbe versuchen. Sie ist einverstanden.
Nach der Tranceinduktion begibt sich Elisabeth in den Leuchtturm. Kaum hat sie die ersten drei Stufen überwunden, konzentriert sie sich intensiv darauf, in den Hafen zu gelangen. Ich beobachte sie genau. Ihrem Gesicht sehe ich an, dass sie Schwerstarbeit leistet. Dann glätten sich allmählich die Falten auf ihrer Stirn. Ein Anflug eines Lächelns huscht über ihr Gesicht. Ich stelle die Frage:
„Was ist jetzt?“
„Jetzt ist es wie im Traum: Ich habe mich sehr konzentriert. Ich wollte auf keinen Fall auf dem Pferdekarren über das holprige Pflaster gefahren werden und Todesangst verspüren. Ich habe mir ganz stark gewünscht, dass ich Bilder vom Hafen bekomme. Und jetzt bin ich im Hafen. Alles ist so wie im Traum: Die Händler bieten ihre Waren an. Ich rieche ein wenig an den Gewürzen, hier und da probiere ich auch mal etwas. Es schmeckt exotisch. Und dann komme ich zu den Tüchern. Lauter bunte Tücher. – Da ist er wieder!“
„Wer?“
„Na, der Junge, der mir das bunte Tüchlein geschenkt hat! – Jetzt bin ich nicht mehr dort, nicht mehr am Hafen. Der junge Schwarze, der mir das Tuch geschenkt hat, ist auch weg. Es ist dunkel. Ich habe Angst.“
Elisabeth Rauche befindet sich in einem dunklen, engen Raum. Sie hat furchtbare Angst, aber sie weiß nicht genau, warum. Es ist so dunkel, dass es ihr nicht einmal gelingt, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen und dann doch wenigstens Umrisse zu sehen. Deshalb muss sie sich ganz auf ihre anderen Sinne konzentrieren. Es riecht eigenartig. Im Augenblick kann sie den Geruch noch nicht einordnen. Es ist eine Mischung aus mehreren Einzelgerüchen. Sie konzentriert sich: Moder! Ja, es riecht ein wenig modrig. Aber da ist noch mehr an Gerüchen. Elisabeth legt den Modergeruch beiseite und konzentriert sich auf weitere Gerüche. Meer! Ja, es riecht nach Meer, ein Gemisch aus Salzwasser und Fisch. Ja, so ist es. – Ja, sie muss sich in der Nähe des Hafens aufhalten. Vielleicht ist sie ja auf der Burg, vielleicht in einem Verließ? Im Kerker? – Ja! Im Kerker!
Ihre Angst wird durch die Erkenntnis, im Kerker zu sein, nicht kleiner! Wie kommt sie in den Kerker? Ihr Mann ist doch der Burgherr! Sollte er sie selbst in den Kerker geworfen haben? Aber wieso? Was hat sie verbrochen? Elisabeth fröstelt. Ihr ist kalt.
Plötzlich hat sie das Gefühl, es befindet sich eine Wesenheit mit ihr zusammen im Raum. Sie sieht sie nicht, aber sie spürt ihre Anwesenheit. Wer mag sie sein? Sie horcht in sich hinein: Wird ihre Angst größer? – Nein! Fast kommt so etwas wie Freude in ihr auf: Ihre Angst scheint kleiner zu werden. Sie fragt sich, ob es sich bei dieser Wesenheit um ihren Schutzengel handelt. Nein! Kein Schutzengel, da ist sie jetzt ganz sicher. Elisabeth ist ein bisschen enttäuscht: Nicht ihr Schutzengel! Dann ist ihr, als empfinge sie die Botschaft:
„Ich will Dir helfen!“
Wie kann ihr geholfen werden? Sie weiß es nicht. Sie fühlt sich schlecht. Es ist eng und stickig.
